Ms-119
FCr[1]
XV.
1[1]
24.09.1937 Was wir liefern sind eigentlich Bemerkungen zur Naturgeschichte des Menschen; aber nicht kuriose Beiträge, sondern solche Feststellungen, an denen niemand gezweifelt hat, & die dem Bemerktwerden nur entgehen, weil sie ständig vor unsern Augen sind.
1[2] &
2[1]
Wenn man sagt: “ich fürchte mich, weil er so finster dreinschaut” – so wird hier scheinbar eine Ursache, unmittelbar erkannt, ohne wiederholtes Experiment. Russell sagte, man müsse, ehe man etwas als Ursache durch wiederholte Erfahrung erkenne, etwas durch Intuition als Ursache erkennen. Ist das nicht ähnlich, als sagte man: Man muß, ehe man etwas als 2 m durch Messung anerkennt, etwas durch Intuition als 1 m erkennen?
2[2] &
3[1]
Wie nämlich, wenn jener Intuition durch wiederholte Experimente widersprochen wird? Wer hat dann recht? Und was ist es, was uns die Intuition über die Erfahrung sagt, die wir ‘als Ursache erkennen’? Handelt sich’s da um etwas andres, als eine Reaktion unserseits gegen den Gegenstand: die Ursache?
3[2] &
4[1]
Aber erkennen wir nicht unmittelbar, daß der Schmerz von dem Schlag herrührt, den wir erhalten? Ist er nicht die Ursache & kann ein Zweifel sein, daß er es ist? – Aber läßt es sich nicht ganz gut denken, daß wir in gewissen Fällen hierüber getäuscht werden? Und später die Täuschung erkennen. Es scheint uns etwas zu schlagen & zugleich wird ein Schmerz in uns hervorgerufen. (Man glaubt manchmal einen Lärm durch eine gewisse Bewegung hervorzurufen & kommt dann drauf, daß er unabhängig von uns entstanden ist.) Und freilich, es ist hier eine echte Erfahrung, die man ja ‘Erfahrung der Ursache’ nennen kann. Aber nicht, weil sie uns unfehlbar die Ursache zeigt, sondern weil hier, im Ausschauen nach einer Ursache, eine Wurzel des Ursache-Wirkung Schemas liegt.
4[2]
Wir reagieren auf die Ursache. Etwas “Ursache” nennen, ist ähnlich, wie, zeigen & sagen: “Der ist schuld!”
4[3]
Wir stellen intuitiv die Ursache ab, wenn die Wirkung uns zuwider ist. Wir schauen instinktiv vom Gestoßenen auf das Stoßende. (Ich nehme an, wir tun es.)
5[1]
Wie nun, wenn ich sagte, wir vergleichen, wenn wir von Ursache & Wirkung reden alles dem Fall des Stoßes; der ist das Urbild der Ursache einer Wirkung? Hätten wir da den Stoß als Ursache erkannt? Denk eine Sprache, in der statt ‘Ursache’ immer ‘Anstoß’ gesagt wird!
5[2]
Was zeigt uns der, der 4 Kugeln in 2 + 2 trennt, (sie) wieder zusammenschiebt, wieder trennt etc.? Er prägt uns ein Gesicht ein & eine typische Veränderung dieses Gesichts.
5[3] &
6[1]
Warum soll man statt des Sätzchens ‘3 + 2 = 5” nicht lernen, den Befehl auszuführen: Gib ∣∣∣ & ∣∣ zusammen!
6[2]
Die Zerlegungen der 100 numerierten Kugeln sind also nur typische Verziehungen eines bestimmten Gesichts. Aber sie sind doch dadurch charakterisiert, daß keine Kugel dazu, & keine wegkommt.
6[3]
25.09.1937 Bin sehr ungeduldig!
6[4] &
7[1] &
8[1]
Denke an die Bewegungen einer Gliederpuppe. Oder denk, Du hättest eine Kette
mit, sagen wir, 10 Gliedern & Du zeigst, was für charakteristische (d.h. einprägsame) Figuren man mit ihr legen kann. Die Glieder seien numeriert; dadurch werden sie zu einer leicht einprägbaren Struktur, auch wenn sie in einer geraden Reihe liegen. Ich präge Dir also charakteristische Lagen & Bewegungen der Kette ein. Wenn ich nun sage: “Sieh’, man kann auch das aus ihr machen” (& es zeige), zeige ich Dir ein Experiment? – In gewissem Sinne ja; ich zeige z.B., daß man sie so in diese Form bringen kann; aber das hast Du nicht bezweifelt. Und was Dich interessiert, ist nicht etwas, was diese individuelle Kette betrifft. – Aber ist, was ich vorführe, nicht doch eine Eigenschaft dieser Kette? Gewiß; aber ich führe nur solche Bewegungen, solche Umformungen vor, die einprägsamer Art sind; & Dich interessiert, diese Umformungen zu lernen. Sie interessieren Dich aber darum, weil es so leicht ist, sie immer wieder, an verschiedenen Gegenständen, vorzunehmen.
8[2] &
9[1]
Die Worte “Sieh’, was ich aus ihr machen kann –” sind allerdings dieselben die ich auch verwenden würde, wenn ich Dir zeigte, was ich alles aus einem Klumpen Ton formen kann. Hier würde Dich nicht so sehr interessieren, daß sich solche Dinge aus diesem Klumpen formen lassen, als daß ich etwa geschickt genug bin, es zu tun. In einem andern Fall etwa: daß dies Material sich so behandeln läßt. Hier würde man kaum sagen: ich ‘mache Dich darauf aufmerksam’, daß ich dies machen kann, oder daß das Material dies aushält, während man im Fall der Kette sagen würde, ich mache Dich darauf aufmerksam, daß sich dies mit ihr machen läßt. – Denn Du hättest es Dir auch vorstellen können. Aber Du kannst natürlich keine Eigenschaft der Kette durch Vorstellen finden. Das Experimenthafte verschwindet, indem man den Vorgang bloß als einprägsames Bild ansieht.
9[2] &
10[1]
Inwiefern entfaltet nun die Rechnung die Eigenschaft einer Ziffer etwa der Ziffer “625”, wenn wir Quadratwurzel ziehen & finden “625” entstehe durch die Operation 25 × 25? (Du siehst, ich kann hier von Ziffern statt von Zahlen reden.) Wenn ich nun die Multiplikation “
” gleichsam an “625” heranbringe um sie an dieser Ziffer zu messen; was soll ich da heranbringen: die ganze Multiplikation mit dem Resultat? Oder soll ich nur das Resultat auslassen?
10[2] &
11[1] &
12[1]
Inwiefern ist es eine Eigenschaft des Zeichens 725, daß es durch die Addition von
entsteht? Nur sofern damit gemeint ist, daß es für gewöhnlich so erzeugt wird; nicht wenn gemeint ist, daß es das Resultat dieser Addition, die Summe dieser Zahlen, ist. Denn man kann es z.B. als Eigenschaft des Zeichens “5” betrachten, daß wir es (normalerweise) als Resultat der Addition 3 + 2 schreiben; aber nicht, daß … Sofern es eine Eigenschaft des Zeichens “625” ist, liegt sie in dem Funktionieren unseres Verstandes, in Tatsachen unsrer Naturgeschichte, daß wir so rechnen. Das rein Mathematische ist keine Eigenschaft von “625” weil die Addition erst dann komplett ist, wenn das Resultat schon dasteht; & man kann dann nicht sagen, es ist eine Eigenschaft von “625”, daß die Rechnung sie ergibt, weil “ergibt” mathematisch gesprochen heißt, daß diese Zahl am Schluß der Rechnung steht.
12[2] &
13[1]
Man kann daher sagen: Wir entfalten die Rolle, die “625” in unserm Rechensystem spielt. Inwiefern kann man denn sagen, die Rechnung analysiert das Zeichen “625”, sie setzt ihm ja etwas hinzu.
(Ich schrieb einmal: “In der Mathematik sind Prozeß & Resultat einander äquivalent.”)
13[2] &
14[1] &
15[1]
Und doch fühlt man, daß es eine Eigenschaft von “625” ist, daß es so erzeugt wird, oder werden kann. Aber wie kann es denn eine Eigenschaft der Struktur “625” sein, daß sie so erzeugt wird, wenn sie z.B. gar nicht so erzeugt würde? Wenn niemand so multiplizierte? Doch nur wenn man sagen könnte, es ist eine Eigenschaft dieses Zeichens Gegenstand dieser Regel zu sein. Es ist Eigenschaft der “5”, Gegenstand der Regel “3 + 2 = 5” zu sein. Denn nur als Gegenstand der Regel ist die Zahl das Resultat der Addition der andern Zahlen. Wenn ich aber nun sage: es ist Eigenschaft der Zahl … das Resultat der Addition von … nach der Regel … zu sein? Es ist also eine Eigenschaft der Zahl daß sie bei der Anwendung dieser Regel auf diese Zahlen entsteht. Die Frage ist: würden wir es “Anwendung der Regel” nennen, wenn diese Zahl nicht das Resultat wäre? Und das ist dieselbe Frage wie: “Was verstehst Du unter der ‘Anwendung dieser Regel’: das, was Du etwa mit ihr machst (& Du magst sie einmal so, einmal so anwenden), oder ist ‘ihre Anwendung’ anders definiert.”
15[2]
“Es ist eine Eigenschaft dieser Zahl, daß dieser Prozeß zu ihr führt.” – Aber in der Mathematik führt kein Prozeß zu ihr, sondern sie ist das Ende eines Prozesses (gehört noch zum Prozeß).
15[3] &
16[1]
Ich entfalte die Rolle von “625” im Spiel. (Und es ist mir ganz gleichgültig, ob ich die Ziffer “625” betrachte oder, z.B., 625 Striche.)
16[2]
Ich entfalte die Eigenschaften von 100 Kugeln, ich zeige, was man aus ihnen machen kann. Sage: ist es eine Eigenschaft einer Kugel, daß sie mit einer andern zusammen zwei Kugeln gibt? Entfalte ich ihre Eigenschaften indem ich eine andere Kugel zu ihr lege? Ja; insofern es sich dann z.B. zeigt, daß sie ganz ruhig liegen bleibt & nicht mit der andern zusammenfließt, u. dergl..
16[3] &
17[1]
“Zugegeben, ich interessierte mich nicht für die Eigenschaften: daß keine der Kugeln verschwindet, daß man sie verschieben kann, etc. – die nehme ich alle als selbstverständlich hin – aber ist es nicht dennoch eine Eigenschaft der Reihe, daß wir sie so zerlegen & zu diesen Formen umgruppieren können – gegeben, daß die Kugeln jene andern Eigenschaften haben?! Denn ich könnte doch sehr wohl überrascht sein, zu sehen, daß die 100 Kugeln ein solches Viereck bilden, etc..” – Wohl; aber wenn ich Dir diese Umformung einmal gezeigt hätte, wärst Du da ein zweites Mal wieder überrascht, daß man sie machen kann?
17[2] &
18[1]
Das ist doch nicht die Eigenschaft dieser Reihe, der Anfang dieser Umformung zu sein.
Habe ich nun die Eigenschaften der oberen Reihe entfaltet?
18[2]
Wenn Du jene Eigenschaften als selbstverständlich hinnimmst, hast Du (auch) keine Eigenschaften der Reihe demonstriert.
18[3] &
19[1]
“Diese Reihe gibt durch derlei Umformung diese Formation.” Liegt hier das Gewicht darauf, daß sie nicht eine andere Formation ergibt? – So muß es doch sein. Aber konstituiert dies nicht eben die Eigenschaft, daß nichts weg & nichts dazukommt?
19[2]
Aber warum fühle ich, es werde eine Eigenschaft der Reihe entfaltet, gezeigt? – Weil ich abwechselnd, was gezeigt wird, als der Reihe wesentlich, & nicht wesentlich ansehe. Oder: weil ich an diese Eigenschaften abwechselnd als externe & interne denke.
19[3]
Es ist eine Eigenschaft der Reihe, sich so zu bewegen.
19[4] &
20[1]
Weil ich abwechselnd etwas als selbstverständlich hinnehme & es bemerkenswert finde.
20[2] &
21[1]
“Du entfaltest doch die Eigenschaften der hundert, indem Du zeigst, was aus ihnen gemacht werden kann.” – Wie gemacht werden kann? Denn, daß das aus ihnen gemacht werden kann, daran hat ja niemand gezweifelt, es muß also an der Art und Weise liegen, wie dies aus ihnen hervorgebracht wird. Aber sieh diese an! ob sie nicht etwa das Resultat schon voraussetzt? 26.09.1937 Denn denke Dir, es entsteht auf diese Weise einmal dies, einmal ein anderes Resultat; würdest Du das nun hinnehmen? Würdest Du nicht sagen: “Ich muß mich geirrt haben: auf diese Art & Weise mußte immer das Gleiche entstehen.” Das zeigt, daß Du das Resultat mit zum Prozeß der Umformung rechnest.
21[2] &
22[1] &
23[1] &
24[1]
Denke Dir zwei verschiedene Pflanzenarten A & B, man erhält von beiden Samen; & die Samen der beiden Arten sehen ganz gleich aus & die genaueste Untersuchung kann keinen Unterschied zwischen ihnen zeigen. Aber aus dem Samen einer A-Pflanze kommen wieder APflanzen, aus den Samen einer B-Pflanze, B-Pflanzen. Du kannst nur dann voraussagen, was für eine Pflanze aus einem solchen Samenkorn entstehen wird, wenn Du weißt, von welcher Pflanze es gekommen ist. – Sollen wir uns nun damit zufrieden geben; oder sollen wir sagen: “Es muß ein Unterschied in den Samen selber sein, oder sie könnten nicht verschiedene Pflanzen erzeugen; ihre Geschichte allein kann nicht die Ursache ihrer weiteren Entwicklung sein, wenn die Vorgeschichte nicht Spuren im Samen (selbst) zurückgelassen hat.” Wenn wir nun aber keinen Unterschied in den Körnern finden! Und es ist nun Tatsache: Wir sagen die Entwickelung nicht aus den Eigentümlichkeiten des Samens voraus, sondern, , aus seiner Vorgeschichte. – Wenn ich sage: diese könne nicht Ursache der Entwicklung sein, so heißt das also nicht, ich könne aus der Vorgeschichte nicht die Entwicklung vorhersagen, das tue ich ja, wohl aber heißt es, daß wir das nicht ‘Ursache’ nennen, daß wir eben hier nicht aus der Ursache die Wirkung vorhersagen. Und die Versicherung: “Es muß ein Unterschied in den Samen sein, auch wenn wir ihn nicht finden” ändert an den Tatsachen nichts, drückt aber aus, wie mächtig in uns der Drang ist, alles durch das Ursache & Wirkung Schema zu sehen. Wenn von Graphologie, Physiognomik u. dergl. die Rede ist, hört man immer wieder den Satz: “… es muß natürlich der Charakter sich irgendwie in der Schrift ausdrücken ….” ‘Es muß’, d.h.: dieses Bild wollen wir unter allen Umständen anwenden.
24[2]
(Es wäre nicht ganz unsinnig zu sagen, die Philosophie sei die Grammatik der Wörter “müssen” & “können”; denn damit zeigt sie, was a priori & a posteriori ist.)
25[1]
Und so kannst Du Dir vorstellen, daß der Same einer Pflanze A eine Pflanze B & der Same dieser (Pflanze), der ganz gleich ist dem Samen von A, wieder eine A-Pflanze u.s.f. abwechselnd – obwohl wir nicht wissen, ‘warum’. Etc..
25[2] &
26[1]
Und nimm nun an, im vorigen Beispiel wäre es Einem endlich gelungen, einen Unterschied zwischen den Samen einer A- & einer B-Pflanze zu finden: der würde doch gewiß sagen: “Nun sehen wir, daß es eben doch nicht möglich ist, daß ein Same die & jene Pflanze hervorbringt” – Wenn ich nun entgegnete: “Woher weißt Du, daß das Merkmal, das Du entdeckt hast, nicht rein zufällig ist? Woher weißt Du, daß das etwas damit zu tun hat, daß einmal die einmal jene Pflanze aus dem Samen wird?” –
26[2] &
27[1]
Die Härte des logischen Muß. Wie, wenn man sagte: das Muß der Kinematik ist viel härter, als das kausale Muß das einen Maschinenteil zwingt sich so zu bewegen, wenn der andre sich so bewegt? – Denk’ Dir, wir würden die Bewegungsweise des ‘vollkommen starren’ Mechanismus durch ein kinematographisches Bild, einen Zeichenfilm, darstellen. Wie, wenn man sagen würde, dies Bild sei vollkommen hart, & damit meinte, wir hätten dieses Bild als Darstellungsweise genommen, – was immer die Tatsachen seien, wie immer sich die Teile des wirklichen Mechanismus biegen, oder dehnen mögen. – Das wäre ähnlich, als dächte man sich die Länge des Meters unendlich hart: weil sie gleichbleibe, wie immer auch sich die Längen aller Dinge änderten, weil sie von den Kräften, die die Dinge ausdehnen & zusammendrücken unbeeinflußt sei.
28[1] &
29[1] &
30[1] &
31[1]
Die Maschine (ihr Bau) als Symbol für ihre Wirkungsweise: Die Maschine – könnte ich zuerst sagen – ‘scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben’. Was heißt das? Indem wir die Maschine kennen scheint alles Übrige, nämlich die Bewegungen, die sie machen wird, schon ganz bestimmt zu sein. “Wir reden so, als könnten sich diese Teile nur so bewegen, als könnten sie nichts andres tun.” Wie ist es –: vergessen wir also die Möglichkeit, daß sie sich biegen, abbrechen, schmelzen können, etc.? Ja; wir denken in vielen Fällen gar nicht daran. Wir gebrauchen eine Maschine, oder ein Bild einer Maschine, als Symbol für eine bestimmte Wirkungsweise. Wir teilen z.B. Einem dieses Bild mit & setzen voraus, daß er die Erscheinungen der Bewegung der Teile aus ihm ableitet. (So wie wir jemand eine Zahl mitteilen können, indem wir sagen, sie sei die 25te der Reihe: 1, 4, 9, 16 …) “Die Maschine scheint ihre Wirkungsweise schon in sich zu haben” heißt: Du bist geneigt die künftigen Bewegungen der Maschine in ihrer Bestimmtheit Dingen zu vergleichen die alle schon in einer Lade liegen & von uns nun nach & nach herausgeholt werden. So aber reden wir nicht, wenn es sich darum handelt, das wirkliche Verhalten einer Maschine vorauszusagen; da vergessen wir, im Allgemeinen, nicht die Möglichkeiten der Deformation der Teile etc. etc.. Wohl aber, wenn wir uns darüber wundern, wie wir denn die Maschine als Symbol einer Bewegungsweise verwenden können – da sie sich doch auch ganz anders bewegen könne. Nun, wir könnten sagen, die Maschine, oder ihr Bild, stehe hier für uns als Anfang einer Bilderreihe, die wir aus diesem Bild abzuleiten gelernt haben. Wenn wir aber bedenken, daß sich die Maschine auch anders hätte bewegen können, so erscheint es uns leicht, als müßte in der Maschine als Symbol ihre Bewegungsart noch viel bestimmter enthalten sein, als in der wirklichen Maschine. Es genüge da nicht, daß dies die erfahrungsmäßig vorausbestimmten Bewegungen seien, sondern sie müßten sogar – in einem mysteriösen Sinne – bereits gegenwärtig sein. Und es ist ja wahr: die Bewegung des Maschinensymbols ist in anderer Weise vorausbestimmt, als die einer gegebenen wirklichen Maschine.
32[1] &
33[1] &
34[1]
Wer nun sagt: “Denk’ doch nicht, die Maschine habe ihre Bewegungen schon in irgendeiner mysteriösen Weise in sich!” – der macht nicht auf einen Fehler aufmerksam, den der Ingenieur macht, der eine Maschine betrachtet, sondern er will sagen: laß Dich durch die Verwendung des ruhenden Bildes als Symbol der Bewegung nicht irren & durch Ausdrücke unsrer Sprache, wie: “ich kenne” (Gegenwart), oder “verstehe” die Wirkungsweise der Maschine, & nicht dazu verleiten, zu denken, es müsse da ein unerhörter Fall einer Gegenwärtigkeit des nicht Gegenwärtigen vorliegen, da jetzt schon in unveränderlicher Weise bestimmt sei, was geschehen wird. (Das eine ist die Bestimmtheit einer Erfahrungstatsache, das andre die Bestimmtheit einer Abmachung.) Unser Satz “Denk doch nicht etc.” sagt doch, der Andere sei in einer Einbildung. Aber in welcher Einbildung ist er? Nicht in einer, eine Maschine betreffend. Ja, es ist eigentlich überhaupt keine Einbildung, obwohl es sich etwa in die Sprache einer Einbildung kleidet. Statt “Denk doch nicht etc.” könnte man beinahe besser sagen: “Tu doch nicht etc.”. Laß Dich durch das Schillern der Ausdrucksweise unsrer Sprache nicht daran irren die Dinge zu sehen, wie sie sind. Durch einen Vergleich wirst Du dazu geführt, zu sagen: die weitere Verwendung des Symbols sei unerbittlich bestimmt, unerbittlich nämlich im Vergleich mit jeder erfahrungsmäßigen Bestimmtheit. Und dies ist ja keine Einbildung, denn Du kennst ja gar keine solche Über-Unerbittlichkeit; aber Du wirst dazu getrieben diesen Ausdruck zu verwenden.
35[1]
“Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlag erfassen” – Wie was z.B.? – Kann man sie nicht – in gewissem Sinne – mit einem Schlag erfassen? & in welchem Sinne kannst Du diese nicht mit einem Schlag erfassen? Es ist eben als könnten wir sie in einem noch viel direkteren Sinne mit einem Schlag erfassen. Aber hast Du dafür ein Vorbild? Nein. Es wird uns nur dieser Ausdruck nahe gelegt. Als das Resultat sich kreuzender Bilder.
35[2] &
36[1]
Wie leicht kann sich die Idee niederschlagen: “das Metermaß ist unveränderlich, wie immer auch die Längen der Dinge sich verändern”. Von der Unveränderlichkeit kommt man zur Härte & Widerstandsfähigkeit. (Sehr komisch Haldane über die Ewige Wahrheit eines arithmetischen Satzes. ganz ähnlich: die Seelen der Menschen die unsichtbar, also durchsichtig sind (Grabbe))
36[2]
Du hast kein Vorbild dieser übermäßigen Tatsache, aber Du wirst dazu verführt, einen Über-Ausdruck zu brauchen.
36[3] &
37[1] &
38[1] &
39[1] &
40[1]
27.09.1937 Wann denkt man denn: die Maschine habe ihre möglichen Bewegungen schon in irgend einer mysteriösen Weise in sich? – Nun, wenn man philosophiert. Und was verleitet uns, das zu denken? Die Art & Weise, wie wir von der Maschine reden. Wir sagen z.B. die Maschine habe diese Bewegungsmöglichkeiten, wir sprechen von der ideal starren Maschine, die sich nur so & so bewegen könne. – Die Bewegungsmöglichkeit, was ist sie? Sie ist nicht die Bewegung; aber sie scheint auch nicht die bloße physikalische Bedingung der Bewegung zu sein, etwa, daß zwischen Lager & Zapfen ein gewisser Abstand ist, der Zapfen nicht zu streng ins Lager paßt. Denn dies ist zwar erfahrungsmäßig die Bedingung der Bewegung, aber man könnte sich die Sache auch anders vorstellen. Die Bewegungsmöglichkeit soll mehr wie ein Schatten der Bewegung selber sein. Aber kennst Du so einen Schatten?! Und unter Schatten verstehe ich nicht irgend ein Bild der Bewegung; denn dies Bild müßte ja nicht das Bild gerade dieser Bewegung sein. Aber die Möglichkeit dieser Bewegung muß die Möglichkeit gerade dieser Bewegung sein. (Sieh’, wie hoch die Wellen der Sprache hier gehen.)
Die Wellen legen sich sofort, wenn wir (uns) fragen: wie gebrauchen wir denn, wenn wir von einer Maschine reden, das Wort “Möglichkeit der Bewegung”? – Woher kamen aber dann diese seltsamen Ideen? Nun, ich zeige Dir die Möglichkeit der Bewegung etwa durch ein Bild der Bewegung: ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit Ähnliches’. Wir sagen: “es bewegt sich noch nicht, aber es hat schon die Möglichkeit sich zu bewegen”, ‘also ist die Möglichkeit etwas der Wirklichkeit selbst sehr nahes’. Wir mögen zwar bezweifeln ob die & die physikalische Bedingung, diese Bewegung möglich macht, aber wir diskutieren nie, ob dies die Möglichkeit dieser oder jener Bewegung sei: ‘also steht die Möglichkeit der Bewegung zur Bewegung selbst in einer einzigartig engen Relation, enger als die des Bildes zum Gegenstand’, denn es kann bezweifelt werden ob dies das Bild dieses oder jenes Gegenstandes ist. Wir sagen: “die Erfahrung wird lehren, ob dies dem Zapfen diese Bewegungsmöglichkeit gibt” aber wir sagen nicht: “die Erfahrung wird lehren, ob dies die Möglichkeit dieser Bewegung ist”: ‘also ist es nicht Erfahrungstatsache, daß diese Möglichkeit die Möglichkeit gerade dieser Bewegung ist.’ Wir achten auf unsere eigene Ausdrucksweise diese Dinge betreffend, verstehen sie aber nicht, sondern mißdeuten sie. Wir sind, wenn wir philosophieren, wie wilde, primitive Menschen, die die Ausdrucksweise zivilisierter Menschen hören, sie mißdeuten & nun die seltsamsten Schlüsse aus dieser Deutung ziehen.
41[1]
Denke Dir, Einer verstünde unsre Vergangenheitsform nicht: “er ist hier gewesen”. Er sagt: “er ist”, das ist die Gegenwart, also sagt jener Satz, daß die Vergangenheit in einem gewissen Sinne gegenwärtig ist.
41[2] &
42[1]
“Aber ich meine nicht, daß, was ich jetzt (beim ‘Erfassen’) tue, die künftige Verwendung kausal & erfahrungsgemäß bestimmt, sonderndaß – in einer seltsamen Weise – diese Verwendung selbst, in irgend einem Sinne, gegenwärtig ist.” – Aber ‘in irgend einem Sinne’ ist sie es ja! (Wir sagen ja auch: “die Ereignisse der vergangenen Jahre sind mir gegenwärtig”). Eigentlich ist an dem, was Du sagst, falsch nur der Ausdruck: “in seltsamer Weise”. Das übrige ist richtig; & seltsam erscheint der Satz nur, wenn Du Dir ein anderes Sprachspiel zu ihm vorstellst, als das, in welchem wir ihn tatsächlich gebrauchen. (Jemand sagte mir, er habe sich als Kind darüber gewundert, wie denn der Schneider ein Kleid nähe; er dachte, dies heißt, es werde durch bloßes Nähen ein Kleid erzeugt indem man etwa Faden an Faden legt & aneinander näht.)
42[2] &
43[1]
Die unverstandene Verwendung des Wortes wird als Ausdruck eines seltsamen Vorgangs gedeutet. (Wie man sich die Zeit als seltsames Medium, die Seele als seltsames Wesen denkt.)
43[2]
Die Schwierigkeit aber entsteht hier überall durch die Verwechslung von “ist” & “heißt”.
43[3] &
44[1]
Die Verbindung, die keine kausale, erfahrungsmäßige, sondern eine viel strengere & härtere sein soll, ja, die so fest sein soll, daß das eine in gewissem Sinne das andre ist ist immer eine Verbindung in der Sprache.
44[2]
Woher weiß ich, daß dies Bild meine Vorstellung von der Sonne ist? – Ich nenne es (die) Vorstellung von der Sonne. Ich verwende es als Bild der Sonne.
44[3]
Es ist nicht als ob, sondern wir reden, als ob es wäre.
44[4] &
45[1] &
46[1]
28.09.1937 “Es ist, als könnten wir die ganze Verwendung des Wortes mit einem Schlag erfassen.” – Wir sagen ja, daß wir es tun. D.h., wir beschreiben ja, manchmal, was wir tun, mit diesen Worten. Aber es ist an dem, was geschieht, nichts Erstaunliches, nichts seltsames. Seltsam wird es, wenn wir dazu geführt werden, zu denken, daß die künftige Entwickelung auf irgend eine Weise schon im Akt des Erfassens gegenwärtig sein muß & doch nicht gegenwärtig ist. – Denn wir sagen, es sei kein Zweifel, daß wir das Wort … verstehen & anderseits liegt seine Bedeutung in seiner Verwendung. Es ist kein Zweifel, daß ich jetzt Schach spielen will; aber das Schachspiel ist dies Spiel durch alle seine Regeln (u.s.f.). Weiß ich also nicht, was ich spielen wollte, ehe ich gespielt habe? Oder aber, sind alle Regeln in meinem Akt der Intention enthalten? Ist es nur Erfahrung, die mich lehrt, daß auf diesen Akt der Intention für gewöhnlich diese Art des Spielens folgt? Kann ich also doch nicht sicher sein, was ich zu tun beabsichtigte? Und wenn dies Unsinn ist, welcherlei über-starre Verbindung besteht zwischen dem Akt der Absicht & dem Beabsichtigten? ‒ ‒Wo ist die Verbindung gemacht zwischen dem Sinn der Worte “Spielen wir eine Partie Schach!” & allen Regeln des Spiels? – Im Regelverzeichnis des Spiels, im Schach-Unterricht, in der täglichen Praxis des Spielens.
50[2]-relocated
Es ist sehr schwer Gedankenbahnen zu geben, wo schon viel Fahrgeleise sind, ob Deine eigenen, oder Andern, & nicht in eins der ausgefahrenen Gleise zu kommen. Es ist schwer, nur wenig von einem alten Gedankengleise abzuweichen.
46[2] &
47[1]
Aber ist nicht gleich: gleich. Für die Gleichheit scheinen wir ein unfehlbares Paradigma zu haben in der Gleichheit eines Dinges mit sich selbst. Ich will sagen: “Hier kann es doch nicht verschiedene Deutungen geben. Wenn er etwas vor sich sieht, so sieht er auch Gleichheit.” Also sind zwei Dinge gleich, wenn sie so sind wie ein Ding? Und wie soll ich nun das, was mir das eine Ding zeigt, auf den Fall der zwei anwenden?
47[2] &
48[1] &
49[1]
“Ein Ding ist mit sich selbst identisch” – Es gibt kein schöneres Beispiel eines nutzlosen Satzes, der aber dabei mit einem Spiel der Vorstellung verbunden ist. Es ist als legten wir das Ding, in der Vorstellung, in seine eigene Form hinein & sähen, daß es paßt. Wir könnten auch sagen:“Jedes Ding paßt in sich selbst.” – Oder anders: “Jedes Ding paßt in seine eigene Form hinein.” – Man schaut dabei ein Ding an & stellt sich vor, daß der Raum dafür ausgespart war & es nun genau hineinpaßt. ‘Paßt’ dieser Fleck in seine
weiße Umgebung? – Aber genau so würde es aussehen, wenn statt seiner erst ein Loch gewesen wäre & er nur genau hineinpaßte. Mit dem Ausdruck “er paßt” wird eben nicht einfach ein solches Bild beschrieben; vergäße man dies aber, so könnte man leicht diesen Satz aufstellen: “Jeder Farbfleck paßt genau in seine Umgebung.”
49[2] &
50[1] &
51[1]
Wann sagen wir denn: der Vollzylinder paßt in den Hohlzylinder? Da gibt es viele verschiedene Fälle; aber ein wichtiger ist der: wir stecken sie zusammen, probieren, ob sie passen. Passen sie dann, so sagen wir, sie passen; d.h., auch dann
wenn sie wieder getrennt sind – nämlich unter bestimmten Bedingungen. Probieren wir nun wieder, & sie passen nicht, – wann, sollen wir sagen, haben sie zu passen aufgehört. Diese Frage wird manchmal so beantwortet: der Zeitpunkt der Änderung ist der einer anderen Änderung (als wir den Zylinder erhitzten, da hat er aufgehört, zu passen). Wenn wir aber kein solches Kriterium für diesen Zeitpunkt haben; wenn wir – so zu sagen – gar nicht wissen, was in dem Intervall zwischen den Proben mit den Dingen geschieht? Passen sie nun, oder passen sie nicht.
51[2] &
52[1] &
53[1] &
54[1]
Man sagt: “Es ist schwer zu wissen, ob diese Medizin wirklich hilft oder nicht, weil man nicht weiß, ob der Schnupfen länger gedauert hätte oder ärger gewesen wäre, wenn man sie nicht genommen hätte.” Wenn man dafür wirklich keinen Anhaltspunkt hat, ist es dann bloß schwer zu wissen? Ich hätte eine Medizin erfunden; ich sage: diese Medizin einige Monate hindurch genommen verlängert das Leben jedes Menschen um einen Monat. Hätte er sie nicht genommen, so wäre er einen Monat früher gestorben. “Man kann nicht wissen, ob es wirklich die Medizin war; ob er nicht ohne sie ebenso lang gelebt hätte.” – Ist diese Ausdrucksweise nicht irreführend? Sollte es nicht besser heißen: “Es heißt nichts, von dieser Medizin zu sagen, sie verlängere das Leben; wenn eine Prüfung des Satzes in dieser Weise ausgeschlossen ist.” Nämlich: wir haben hier zwar einen richtigen deutschen Satz nach Analogie oft gebrauchter Sätze gebildet, aber Du bist Dir nicht klar über den grundlegenden Unterschied in den Verwendungen dieser Sätze. Diese zu übersehen, ist nicht leicht. Der Satz liegt Dir vor Augen, aber nicht eine übersichtliche Darstellung der Verwendung. Mit “Es heißt nichts …” will ich also sagen: dies sind Worte, die Dich (etwa) irreführen, sie spiegeln einen Gebrauch vor, den sie nicht haben. Sie rufen wohl auch eine Vorstellung hervor, (der Verlängerung des Lebens, etc.) aber das Spiel mit dem Satz ist so eingerichtet, daß es die wesentliche Pointe nicht hat, die dem Spiel mit ähnlich gebauten Sätzen seinen Nutzen gibt (wie der ‘Wettlauf zwischen dem Hasen & dem Igel’ zwar aussieht wie ein Wettlauf, aber keiner ist).
54[2]
Du mußt Dich fragen: was nimmt man als Kriterien dafür, daß eine Medizin geholfen hat? Es gibt verschiedene Fälle. In welchen Fällen sagt man: “Es ist schwer zu sagen, ob sie geholfen hat”. In welchen Fällen ist die Redeweise als sinnlos zu verwerfen: “Man kann natürlich nie sicher sein, ob es die Medizin war, die geholfen hat”.
54[3] &
55[1] &
56[1]
Wann nennen wir zwei Körper gleich schwer? Wenn wir sie gewogen haben, oder nur während wir sie wägen? Wenn wägen das einzige Kriterium für das Gewicht ist, wann hat nun ein Körper sein Gewicht geändert, wenn er jetzt mehr wiegt, als früher? Der Sprachgebrauch könnte so sein: der Körper hat das & das Gewicht, bis er beim Wägen ein anderes zeigt; Auf die Frage: “wann hat er sein Gewicht geändert?” gibt man den Zeitpunkt dieser Wägung an. – Oder: man sagt: “Man kann nicht wissen, wann er sein Gewicht ändert, wir wissen nur: bei der ersten Wägung hatte er dieses, bei der zweiten jenes Gewicht.” – Oder: “Es ist sinnlos zu fragen, wann er sein Gewicht geändert hat, man kann nur fragen, wann sich die Gewichtsänderung gezeigt hat”.
56[2] &
57[1] &
58[1] &
59[1]
29.09.1937 “Aber der Körper hatte doch zu jeder Zeit irgend ein Gewicht, also war doch die Antwort die richtige: wir wüßten nicht wann er es geändert habe.” – Und wie, wenn wir sagten, ein Körper habe gar kein Gewicht, außer dann wenn es sich irgendwie zeigt, oder, er habe kein bestimmtes Gewicht, außer wenn es gemessen wird? Könnten wir nicht auch dieses Spiel spielen? Denke, wir verkaufen ein Material ‘nach seinem Gewicht’ & das Herkommen ist so: Wir wägen das Material alle fünf Minuten & berechnen dann den Preis nach dem Resultat der letzten Wägung. Oder ein anderes Herkommen: Wir berechnen den Preis auf diese Weise nur wenn das Gewicht bei der Wägung nach dem Kauf das gleiche ist, hat es sich dann geändert, so berechnen wir den Preis nach dem arithmetischen Mittel der beiden Gewichte. Welche Art der Preisbestimmung ist die richtigere? – (Wenn sich der Preis einer Ware von gestern auf heute geändert hat, wann hat er sich geändert? Wie hoch stand er um 12 Uhr Mitternacht, als niemand kaufte?) Resultat: Die Verbindung der Ausdrücke: “der Körper hat jetzt das Gewicht …”, “der Körper wiegt jetzt ungefähr …”, “ich weiß nicht, wieviel er jetzt wiegt”, mit dem Ergebnis einer Wägung ist keine ganz einfache, hängt von verschiedenen Umständen ab, wir können mit der Wägung, & also mit diesen Sätzen, uns leicht verschiedene Spiele gespielt denken. Und das Gleiche gilt von der Rolle des Wortes “passen” in unsern Sprachspielen.
59[2] &
60[1] &
61[1]
01.10.1937 Russell tat im Laufe unserer Gespräche oft den Ausspruch: “Logic ’s hell!” – Und dies drückt ganz aus, was wir beim Nachdenken über die logischen Probleme empfanden; nämlich ihre ungeheure Schwierigkeit. Ihre Härte – ihre Härte & Glätte. Der Hauptgrund dieser Empfindung war, glaube ich, das Faktum: daß jede neue Erscheinung der Sprache, an die man nachträglich denken mochte die frühere Erklärung als unbrauchbar erweisen konnte. Das aber ist die Schwierigkeit in die Sokrates verwickelt wird, wenn er versucht, Begriffe zu definieren. Immer wieder taucht eine Anwendung des Wortes auf, die mit dem Begriff nicht vereinbar erscheint, zu dem uns andere Anwendungen geleitet haben. Man sagt: es ist doch nicht so! – aber es ist doch so! – & kann nichts tun als sich diese Gegensätze beständig zu wiederholen.
61[2]
Francis nach Bergen gefahren. Die letzten 5 Tage waren schön: er hatte sich in das Leben hier hineingefunden & tat alles mit Liebe & Güte, & ich war, Gott sei Dank, nicht ungeduldig, und hatte auch wahrhaftig keinen Grund, außer meine eigene böse Natur: Begleitete ihn gestern bis Sogndal; heute in meine Hütte zurück. Etwas bedrückt, auch müde. Wie wird es weiter gehen? Möge es gut gehen.
61[3] &
62[1] &
63[1]
Was geht da vor, wenn Einer versucht, eine Figur mit ihrem Spiegelbild durch Verschieben in der Ebene zur Deckung zu bringen & es ihm nicht gelingt? Er legt sie in verschiedener Weise aufeinander; blickt auf die Teile, die sich nicht decken, ist unbefriedigt, sagt etwa: “es muß doch gehen”, & legt die Figuren wieder anders zusammen. Was geht vor, wenn Einer versucht ein Gewicht aufzuheben & es ihm nicht gelingt, weil das Gewicht zu schwer ist? Er nimmt die & die Stellung ein, faßt das Gewicht an & spannt die & die Muskeln an, dann läßt er das Gewicht los & gibt etwa Zeichen der Unbefriedigung. Worin zeigt sich die geometrische logische, Unmöglichkeit der ersten Aufgabe? “Nun er hätte doch an einem Bild oder in andrer Weise zeigen können wie das aussieht was er im zweiten Versuch anstrebt.” Aber er behauptet das auch im ersten Fall zu können, indem er zwei gleiche kongruente Figuren mit einander zur Deckung bringt. – Was sollen wir nun sagen? Daß diese beiden Fälle eben verschieden sind? Aber so sind ja auch Bild & Wirklichkeit im zweiten Fall.
63[2] &
64[1]
02.10.1937 Es wird mir sehr schwer fallen, mich mit dem Auslassen der Arbeitskraft, d.h. der Phantasie, abzufinden. Was soll ich tun, wenn sie ausläßt? Die Arbeit aufgeben? Oder wie soll ich dann weitermachen, daß sie etwas anständig bleibt?
64[2]
03.10.1937 Verschiedene Aspekte der Definition: – Man sagt: “Du bleibst 6 Wochen fort – das ist anderthalb Monate, das ist eine lange Zeit!”, “Die Fahrt kostet 9 Schillinge – das ist beinahe ein halbes Pfund; das ist viel!” Es ist gewiß nur eine Änderung des Ausdrucks, statt “6 Wochen” “1½ Monate” zu sagen & statt “9s”, “beinahe ein halbes Pfund”.
64[3]
Dieses Buch könnte man ein Lehrbuch nennen. Ein Lehrbuch aber nicht dadurch, daß es Wissen vermittelt, sondern, dadurch, daß es zum Denken anregt.
65[1]
Meine Schwierigkeit ist es jetzt, zu wissen, welche Auswahl oder Menge meiner Bemerkungen noch genießbar ist. Denn was ungenießbar ist ist auch nicht nützlich. Mein Urteil aber schwankt & ich weiß nicht, wo die Grenze zu ziehen ist.
65[2]
04.10.1937 In der Philosophie kann man eine Frage durch hundert andere beantworten.
65[3] &
66[1]
Man kann 13 × 13 = 369 auf Grund des Beweises als Regel annehmen. “Man kann nicht glauben die Rechnung liefere 369, weil das Resultat zur Rechnung gehört.” Das kommt also drauf an welchen Begriff von der Rechnung ich habe. Oder: was nenne ich “die Multiplikation von 13 mit 13”? Nur das richtige Multiplikationsbild an dessen unterem Ende “369” steht? oder auch etwas, was man normalerweise eine falsche Multiplikation nennt? Ich könnte ja sagen: Er glaubt, daß dies Schriftbild, & an dessen Ende 369 steht, die Multiplikation 13 × 13 ist.
66[2] &
67[1] &
68[1]
Wie ist festgelegt, welches Bild die Multiplikation 13 × 13 ist? Ist es nicht durch die Multiplikationsregeln bestimmt? Aber wie wenn Dir mit Hilfe dieser Regeln heute etwas anderes herauskommt als was in allen Rechenbüchern steht? Ist das nicht möglich? – “Nicht, wenn Du die Regeln anwendest wie sie!” – Freilich nicht! Aber das ist ja selbstverständlich. Und wo steht, wie sie anzuwenden sind – & wenn es irgendwo steht, wo steht, wie dies anzuwenden ist? – Was ist also die Multiplikation 13 × 13 – oder, wonach soll ich mich beim Multiplizieren richten: nach den Regeln oder nach der Multiplikation die in den Rechenbüchern steht – wenn diese beiden nämlich nicht überein stimmen? – Ich weiß sie stimmen immer überein & sollte einmal jemand hartnäckig etwas anderes herausbringen so würden wir ihn für verrückt erklären. Und das heißt nicht nur: in welchem Buch steht es, sondern auch, in welchem Kopf?
68[2] &
69[1]
Mir geht in den letzten Wochen immer wieder ein Thema im Kopf herum & ich brumme oder pfeife es: es ist der Schluß der Ouvertüre zu den ‘Lustigen Weibern‘, manchmal auch ein andres Stück der Ouvertüre. Es entspricht dies gar nicht besonders meiner Stimmung, noch habe ich das Stück so besonders gern & doch drängt es sich mir immer wieder auf. Ich möchte wissen warum. Als ich diese Zeilen schrieb & das Wort “Lustige Weiber”, dachte ich: sollte da der Schlüssel liegen? Aber ich wüßte nicht, wieso. Ich glaube das Thema fiel mir damals ein als ich noch bei Anna Rebni wohnte & da konnte das damit zusammenhängen, daß dort in der Küche ein paar lustige Weiber waren, aber die machten mir keinen großen Eindruck.
69[2] &
70[1]
“Ich glaube … × … gibt … – ich muß nachrechnen.” So sagt man. Man könnte natürlich auch sagen: ich glaube die Multiplikation 13 × 13 endet so …. Wie man auch sagt: ich glaube, das Thema welches so anfängt: …, hat diesen Schluß: …. – Aber ist das dann ein ‘mathematischer’ Glaube? Warum soll man es nicht so nennen? Aber in der Mathematik d.h. dem Gebäude aus Beweisen & Sätzen kommt allerdings kein Glaube vor.
70[2]
Welche Regel machte ich ([→ S. 75])? Ich will nicht sagen: “ich glaube daß n × m = r ist.” aber etwa: “ich glaube, daß ‘r’ das Resultat der Multiplikation ‘n × m’ ist.”
70[3] &
71[1]
Ich bin viel zu wenig dankbar für die Gabe der Arbeit! (Wie auch für alle anderen Gaben.) –
71[2] &
72[1]
Die Quelle, die in den Evangelien ruhig & klar fließt, scheint in den Briefen des Paulus zu schäumen. Oder, so scheint es mir. Vielleicht ist es eben bloß meine eigene Unreinheit, die hier die Trübung hineinsieht; denn warum sollte diese Unreinheit nicht das klare verunreinigen können? Aber mir ist es, als sähe ich hier menschliche Leidenschaft, etwas wie Stolz oder Zorn, was sich nicht mit der Demut der Evangelien reimt. Als wäre hier doch ein Betonen der eigenen Person, & zwar als religiöser Akt, was dem Evangelium fremd ist. Ich möchte fragen – & möge dies keine Blasphemie sein – : “Was hätte wohl Christus zu Paulus gesagt?” Aber man könnte mit Recht darauf antworten: Was geht Dich das an? Schau, daß Du anständiger wirst! Wie Du bist, kannst Du überhaupt nicht verstehen, was hier die Wahrheit sein mag.
72[2] &
73[1]
In den Evangelien – so scheint mir – ist alles schlichter, demütiger, einfacher. Dort sind Hütten, – bei Paulus eine Kirche. Dort sind alle Menschen gleich & Gott selbst ein Mensch; bei Paulus gibt es schon etwas wie eine Hierarchie; Würden, & Ämter. – So sagt quasi mein Geruchssinn.
73[2] &
74[1] &
75[1]
05.10.1937 [→ S. 75]
(Ich möchte sagen:) “Wenn ich glaube, daß 13 × 13 = 169 ist – & es kommt ja vor, daß ich so etwas glaube – sage, daß ich es glaube – so glaube ich nicht den mathematischen Satz, denn der steht am Ende eines Beweises, ist das Ende eines Beweises, sondern ich glaube, daß dies die Formel ist, die dort & dort steht, die ich so & so erhalten werde, u. dergl.” Und das klingt ja, als dränge ich in den Vorgang des Glaubens eines solchen Satzes ein. Während ich nur – in ungeschickter Weise – auf den fundamentalen Unterschied weise zwischen der Rolle eines arithmetischen Satzes & der eines Erfahrungssatzes. Denn ich sage eben unter gewissen Umständen: “ich glaube daß … × … = … ist”. Was meine ich damit? – Was ich sage! – Wohl aber ist die Frage interessant unter welchen Umständen sage ich dies & wie sind sie charakterisiert zum Unterschied von den Umständen unter denen ich sage: “ich glaube es wird regnen”. Denn was Dich beschäftigt ist ja dieser Unterschied. Wir verlangen danach, ein Bild zu erhalten, vor der Verwendung der mathematischen Sätze “einschließlich der Sätze: “ich glaube, daß p” wenn p ein mathematischer Satz ist.
75[2]
[→ S. 76.]
“Wenn Du sagst ‘ich glaube daß das Rochieren so & so vor sich geht’ so glaubst Du nicht die Schachregel, sondern Du glaubst etwa, daß dies eine Regel des Schaches ist”. Das heißt doch: “Der Satz: ‘das Rochieren geht so & so vor sich’, ist doch eine Regel – & was heißt es denn eine Regel (zu) glauben?” –
75[3] &
76[1]
– – – Nun, es kommt tatsächlich nie vor, daß der, welcher rechnen gelernt hat, bei dieser Multiplikation hartnäckig etwas anderes heraus bringt, als was in den Rechenbüchern steht. Sollte es aber geschehen, so würden wir ihn für abnorm erklären, & von seiner Rechnung weiter keine Notiz nehmen.
76[2] &
77[1]
“Mit diesen Stücken kannst Du die Figur legen.” Das ist doch eine Art Vorhersage! Und die beruht doch darauf daß, wenn er nur weiß, wie die Stücke sich wirklich zu dieser Figur zusammenschieben lassen.
77[2]
Lese im Evangelium, aber ohne Verständnis.
77[3]
06.10.1937 – – – Kannst Du mir zeigen, wie es ist, wenn sie sich ‘in einem Punkt berühren’?
77[4]
[→ S. 88.]
In einer Demonstration einigen wir uns mit jemand. Einigen wir uns in ihr nicht, so trennen sich unsere Wege, ehe es zur Sprache kommt.
77[5] &
78[1]
[→ S. 89.]
Es ist ja nicht wesentlich daß der Eine die Demonstration dem Anderen vorführt. Es können ja beide sie sehen & anerkennen.
78[2]
Meine Bemerkungen müßten eigentlich eine Wunderwelt eröffnen; wenn sie dazu nicht zu flau wären.
78[3]
“Wenn die Gestalt der Gruppe dieselbe ist, so muß sie sich so teilen lassen.”
78[4]
07.10.1937 [→ S. 94]
Ich hätte auch sagen können: Wesentlich ist nie die Eigenschaft des Gegenstandes, sondern das Merkmal des Begriffes.
78[5] &
79[1]
‘Wenn die Gestalt der Gruppe dieselbe ist, so muß sie sich so teilen lassen. Denn das gehört zur Gestalt.’
79[2] &
80[1]
Wir sind immer zu sehr geneigt von okkulten Vorgängen zu reden, statt bloß von alltäglichen, allbekannten. Ein gewisser ‘behaviourism’ ist darum unschätzbar, weil er (uns) lehrt, an das zu denken, was wir kennen, womit wir vertraut sind, statt an Fiktionen unsrer Sprache, die Schemata unsrer Ausdrucksform. (Ähnlich: Zeit & Uhr.) Wir werden aber durch unsere Spekulationen gegen unsern Willen zum Ausgefallenen, Seltsamen geführt & es bedarf immer wieder eines Entschlusses & einer Anstrengung, zum Wohlbekannten zurückzukehren.
80[2]
“Das ist mir nie aufgefallen”, obwohl ich es hundertmal gesehen habe. Der Zweck eines Experiments ist es nicht, Dich aufmerksam zu machen auf das, was Du schon längst wußtest.
80[3]
[→ S. 95.]
Warum sind die philosophischen Fragen so beunruhigend, aufregend? Oder soll ich sagen: Die Philosophischen Fragen entspringen einer gewissen Aufregung, denn der Krampf des Denkens ist eben von Aufregung begleitet. (Ähnlichkeit mit dem Nägelbeißen.)
81[1]
Man kann sagen: Der Philosophierende, muß immer wieder erst trachten, zur Ruhe zu kommen.
81[2]
[→ S. 95]
‘War die Gestalt dieselbe, so muß sie dieselben Aspekte, Möglichkeiten der Teilung, haben. Hat sie andere (Aspekte), so ist es nicht die gleiche Gestalt; sie hat Dir dann vielleicht irgendwie den gleichen Eindruck gemacht; aber dieselbe Gestalt ist sie nur, wenn Du sie auf gleiche Weise zerteilen kannst.
81[3]
Ich denke immer noch zu wenig klar & zu wenig tief.
81[4] &
82[1] &
83[1]
[→ S. 95.]
Es ist doch, als würde dies das Wesen der Gestalt aussprechen. – Aber es ist als sagte ich: Wer über das Wesen spricht, – konstatiert bloß eine Übereinkunft. Und da möchte man etwa sagen: es gibt doch nichts verschiedeneres, als ein Satz über die Tiefe des Wesens & einer – über das Oberflächliche einer Übereinkunft. Wie aber, wenn ich antworte: der Tiefe des Wesens entspricht die Tiefe des Bedürfnisses nach jener Übereinkunft. Wenn ich (also) sage: “es ist als spräche dieser Satz das Wesen der Gestalt aus”, so meine ich damit: es ist doch, als sagte dieser Satz eine Eigenschaft des Wesens Gestalt aus! – Und man kann sagen: Das Wesen, von dem er eine Eigenschaft aussagt & das ich hier das Wesen ‘Gestalt’ nenne, ist das Bild, das ich nicht umhin kann, mir beim Wort “Gestalt” zu machen.
83[2]
Laß uns menschlich sein. –
83[3] &
84[1]
Nahm soeben Äpfel aus einem Papiersack, wo sie lang gelegen hatten; viele mußte ich zur Hälfte wegschneiden & wegwerfen. Als ich dann einen Satz von mir abschrieb, dessen letzte Hälfte schlecht war, sah ich ihn gleich als zur Hälfte faulen Apfel. Und so geht es mir überhaupt. Alles was mir in den Weg kommt wird mir zum Bild dessen, worüber ich nachdenke. (Ist dies eine gewisse Weiblichkeit der Einstellung?)
84[2]
08.10.1937 Fühle mich beim kompilieren meiner Bemerkungen nicht ganz wohl.
84[3] &
85[1]
‘Auch lügen muß gelernt werden.’ (Ich habe gehört, es gibt einen Volksstamm, der zu primitiv ist, um zu lügen.) Das scheint paradox, & mit Recht, denn man stellt sich nun vor: das, was man die “lügnerische Absicht” nennen könnte, sei ein Sprachspiel; & jener Volksstamm sei jetzt gut & unschuldig & würde durch das Lernen einer Sprach-Technik böse. Aber wenn ich sage: man lerne das besondere Sprachspiel des Lügens, so meine ich nicht, man lerne damit erst die Verstellung. Jene Leute, die die Sprachlüge nicht kennen, können sich wohl dennoch verstellen, sie können falsch & hinterlistig sein. Und so kann sich das Kind verstellen, ehe es lügen lernt. Wie es zornig sein kann, ehe es einen Stein schleudern lernt.
85[2] &
86[1]
“Aber wie, wenn bei der Bezeichnung seines Zustandes (etwa durch das Wort “Schmerz”) ein Mißverständnis waltet, also das Falsche so bezeichnet wird?” Hier gibt es noch kein Mißverständnis. (Es wird erst der Grund zu ‘Mißverständnissen’ gelegt.)
86[2] &
87[1]
Denke Dir folgenden Brauch: Bei einem Volksstamm wird jedem Mann ein ‘Maßstab’ gegeben nach welchem er bei verschiedenen Gelegenheiten Längen zu beurteilen hat. Und zwar haben sie ein Bündel von Stäben ganz verschiedener Längen & jedem Knaben, wenn er 14 Jahre erreicht, fällt ein solcher Stab durch Auslosen zu. – Wie können sie aber mit so verschiedenen Stäben messen? – Nun, sie werden so abgerichtet, daß sie in der Praxis, wie wir sagen würden, alle die gleiche Länge als 1 Fuß, als 2 Fuß etc. etc. bezeichnen. Werden sie nämlich gefragt: “wie lang ist dieser Tisch?” so messen sie ihn durch anlegen ihres Stabes & obwohl ihre Stäbe verschieden sind, sagen sie dann alle die gleiche Zahl (z.B. 5 Fuß). Fragt man aber: “was nennt man ‘ Fuß’?” so zeigt jeder seinen Stab.
87[2] &
88[1] &
89[1] &
90[1] &
91[1]
Denke Dir jeder Mensch besäße von Geburt an eine Tafel auf der in Reihen Farbmuster angebracht sind. Lernt er nun im Lauf seiner Kindheit die Namen der Farben– indem die Erwachsenen auf ein Ding zeigen & einen Farbnamen dazu sagen – so schreibt es sich diesen Namen zu einer der Farben seiner Tafel. Ich will annehmen, niemand sähe, zu welchem der Muster er jenen Namen schreibt. – Er wird dann dazu gebracht die Farbnamen im Verkehr auf die verschiedensten Weisen zu verwenden & ich nehme an er ist ein ‘normaler Mensch’, niemand sagt je, er sei farbenblind, er kenne die Farben nicht, er verwechsle sie, etc. etc. Der Verkehr mit diesen Worten geht reibungslos vor sich. Er sagt, wie jeder Andere, die Blätter seien im Sommer grün, & würden später gelb & rot– etc., etc.. Ich will nun annehmen, wenn er eine Farbe zu beurteilen hat, so sieht er immer abwechselnd auf den Gegenstand & auf seine Tafel – als vergliche er die Farben – & ferner: wenn man ihn zur Prüfung seines Farbsinnes fragt: “Welche Farbe heißt ‘rot’?” so zeigt er erstens für sich auf ein Muster seiner Tafel (das wir aber nicht sehen) & dann für den Fragenden auf einen roten Gegenstand. Ebenso wenn man ihn fragt: “Wie heißt diese Farbe?” (indem man auf irgend ein Ding zeigt) schaut er erst auf seiner Tafel nach, dann sagt er den richtigen Namen. Und nun denk Dir wir fänden irgendwie heraus, er habe auf jener Tafel zu einem grünen Muster das Wort “rot” geschrieben, zu einem roten, “blau”, u.s.w.! “Da war also alles ein Mißverständnis!” – Wieso denn? – “Nun, er meinte doch die ganze Zeit grün, wenn er “rot sagte”!” – Aber warum sagst Du denn das? Ist denn das das Kriterium dafür, was er mit einem Wort “meint”? Mußt Du das als Kriterium dafür nehmen? Hast Du es in der Praxis der Sprache als das Kriterium seines Meinens genommen? Warum sollst Du nicht ebensogut sagen: es ist ganz irrelevant für das, was er ‘meint’, worauf er auf seiner Tafel zeigt? Oder Du könntest sagen: “Es gibt zwei verschiedene Verwendungen des Ausdrucks ‘die Farbe, die er meint’”; aber von Mißverständnis kann keine Rede sein. Erinnere Dich doch, was Du ein “Mißverständnis” nanntest!
91[2]
Das wäre ja als sagtest Du von einem Menschen: “sein Kopf ist voll großer & schöner Gedanken”; dann stirbt er & sein Kopf wird geöffnet & Du siehst in ihm eine weiche, graue Masse & sagst: “Also war alles trug!”
91[3] &
92[1]
Stellen wir uns vor, gebrauchen wir das Bild, jeder Mensch besäße eine private Farbentafel mit privatem Gebrauch, dann müssen wir dieses Bild nun dem tatsächlichen Gebrauch der Worte “rot”, “blau”, “grün”, “Mißverständnis”, “meinen”, etc., etc., so einfügen, daß er, der uns gegeben ist, nicht angetastet wird. Wir müssen uns also z.B. hüten den normalen Gebrauch jener Worte auf die private Farbentafel auszudehnen, als wäre sie nicht die private. Wir müssen uns hüten die Rolle, die sie nun im Sprachspiel mit jenen Worten spielt, mit der einer gewöhnlichen Farbentafel zu vermengen.
92[2] &
93[1] &
94[1]
Es ist ja klar, daß ich ein Experiment mache, wenn ich Dir sage: “rechne 5937 × 7935!” Oder, daß die Rechnung, die Du mir machst von mir als Experiment aufgefaßt werden kann. Und ebenso könnte ich mit mir experimentieren, indem ich mir diese Rechenaufgabe stelle. Wenn ich Einem sage: “Geh von hier dort hin, & steck den besten Weg ab, den man finden kann!”, so mache ich ja auch ein Experiment, das zeigen wird, wie er geht, welchen Weg er absteckt. Aber ich behandle den Vorgang nicht als ein Experiment. Ich werde etwa prüfen, ob dies wirklich der günstigste Weg ist – & ihn dann gehen. Erfahrung lehrt mich freilich, wie die Rechnung ausgeht; aber damit erkenne ich sie noch nicht an.
94[2] &
95[1]
09.10.1937 Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß das diesmal herausgekommen ist, daß es für gewöhnlich herauskommt; aber sagt das der Satz der Mathematik? Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich diesen Weg gegangen bin. Aber ist das die mathematische Aussage? – Was sagt er aber? In welchem Verhältnis steht er zu diesen Erfahrungssätzen? Der mathematische Satz hat die Würde einer Regel. Das ist wahr daran, daß Mathematik Logik ist. Sie bewegt sich in den Regeln unsrer Sprache. Und das gibt ihr ihre besondere Festigkeit & abgesonderte, unangreifbare Stellung.
95[2]
Aber wie –, dreht sie diese Regeln hin & her? – Sie schafft immer neue & neue Regeln: baut immer neue Straßen des Verkehrs; indem sie die alten verlängert.
95[3]
Was ist Mathematik? – Nun, was in den Mathematikbüchern steht.
95[4] &
96[1]
Aber bedarf sie denn dazu nicht einer Sanktion? Kann sie das Netz denn beliebig weiterführen? Nun, ich könnte ja sagen: der Mathematiker erfindet immer neue Darstellungsformen. Die einen, angeregt durch praktische Bedürfnisse, andere aus ästhetischen, Bedürfnissen, & noch mancherlei anderen. Und denke Dir hier einen Gartenarchitekten, der Wege für eine Gartenanlage entwirft; daß er sie bloß wie ornamentale Linien auf dem Reißbrett zieht & gar nicht daran denkt, daß jemand je auf ihnen gehn wird.
96[2] &
97[1]
Erfahrung lehrt, daß beim Auszählen, wenn wir die Finger einer Hand brauchen, oder irgend eine Gruppe von Dingen, die so
∣ ∣ ∣ ∣
∣
ausschaut, & an ihnen abzählen: Ich, Du, Ich Du, etc., das letzte Wort das gleiche ist, wie das erste. “Aber muß es denn nicht so sein?” – Ist es denn so unvorstellbar daß Einer die Gruppe,
∣ ∣ ∣ ∣
∣
(z.B.) als Gruppe ∣ ∣ ∣∣ ∣ ∣ sieht in der die beiden Mittelstriche verschmolzen sind & dementsprechend den Mittelstrich zweimal zählt. (Ja, das Gewöhnliche ist es nicht. –)
97[2] &
98[1]
Wie aber ist es, wenn ich Einen erst drauf aufmerksam mache, daß das Ergebnis des Auszählens durch den Anfang vorausbestimmt ist, & er es nun versteht & sagt: “Ja freilich, – es muß ja so sein!” Was ist das für eine Erkenntnis? – Er hat sich etwa das Schema aufgezeichnet:
Und sein Raisonnement wäre etwa: “Es ist doch so wenn ich auszähle: Also muß …“
98[2] &
99[1]
10.10.1937 Hermann Hänsel bei mir. Er macht einen guten Eindruck. Ich habe keine sehr enge Beziehung zu ihm, weil er grobkörnig ist & ich zu grobkörnigen Menschen nicht ganz passe. Aber das ist gutes Holz, oder ich müßte mich sehr irren. Die Wahrheit liebend –.
99[2]
11.10.1937 Ich bin ein schäbiger Mensch. Wie ungern ich Dinge herleihe, wie besorgt ich bin, daß mir etwas verdorben wird; wie ärgerlich wenn das Geringste verdorben ist; wie besorgt für den nächsten Tag, d.h. wie sehr jeder Sorglosigkeit entbehrend. Das hat mir der Besuch H.H. gezeigt der viel anständiger ist, als ich.
99[3]
12.10.1937 H.H. heute abgefahren. Möge ihm der Aufenthalt zum Nutzen & nicht zum Schaden gewesen sein. Mir hat er etwas genützt.
99[4] &
100[1]
‘Die Grundform des Spiels kann den Zweifel nicht enthalten.’ Wir stellen uns da vor allem eine Grundform vor; eine Möglichkeit, & zwar eine sehr wichtige Möglichkeit. (Die wichtige Möglichkeit verwechseln wir ja sehr oft mit geschichtlicher Wahrheit.)
100[2]
Ein Klang scheint mir von dort her zu kommen, auch ehe ich untersucht habe wo (physikalisch) seine Quelle ist. Im Kino scheint der Laut des Sprechens vom Mund der Figur auf der Leinwand zu kommen. Worin besteht diese Erfahrung? Etwa darin, daß wir (unwillkürlich) den Blick auf eine bestimmte Stelle – die scheinbare Quelle des Lauts – richten, wenn wir einen Laut hören. Und niemand sieht im Kino, wo das Mikrophon angebracht ist.
101[1]
Die Grundform unseres Spiels muß eine sein, in der der Zweifel nicht vorkommt. – Woher diese Sicherheit? Es kann doch nicht eine historische sein.
101[2] &
102[1] &
103[1] &
104[1]
13.10.1937 “Der Zweifel – könnte ich sagen – muß ein Ende haben. Irgendwo müssen wir – ohne zu zweifeln – sagen: das geschieht aus dieser Ursache.”
Ähnlich: Wenn ein Kind sich so & so benimmt, so sagen wir, es hat Zahnschmerzen – können wir uns irren? Können wir uns bei diesen Anzeichen irren? – Was wären denn hier die Kriterien des Irrtums? Hier gibt es keine. – Heißt das aber, wir wissen intuitiv das Kind habe Zahnschmerzen? – Der Irrtum & seine Entdeckung ist eine (spätere) Erweiterung des Spiels. Das Spiel sei dies: Wenn ein Kind schreit & sich die Wange hält, wird ihm ein Zahn gerissen. Ist hier ein Irrtum möglich? – “Es wird ja aber auch nichts behauptet!” – Doch; wir gehen zum Zahnarzt mit ihm & sagen ihm: “Das Kind hat Zahnschmerzen”, worauf er ihm einen Zahn reißt. Ähnlich: Wir sagen: “Nimm diesen Sessel!” & es kommt uns nie in den Sinn, daß wir uns irren könnten, daß es vielleicht eigentlich kein Sessel ist, daß spätere Erfahrung uns etwas anderes lehrt. Ein Spiel wird hier gespielt ohne die Möglichkeit des Irrtums, & ein anderes komplizierteres mit dieser Möglichkeit. Ist es nicht dies: Es ist dem Spiel, welches wir spielen sehr wesentlich, daß wir gewisse Worte aussprechen & regelmäßig nach ihnen handeln. Der Zweifel ist ein ritardierendes Moment & ist wesentlich eine Ausnahme von der Regel. Man könnte sagen: Es ist dem Verkehr auf unsern Straßen wesentlich, daß die allermeisten Wagen & Fußgänger jeder in gleichbleibender Richtung einem Ziele zu gehen, & nicht gehen, wie Einer, der sich jede Minute anders entscheidet, erst in der Richtung von A nach B geht, dann umkehrt & einige Schritte zurück macht, dann wieder umkehrt, u.s.w.– Und, “es sei ein wesentlicher Zug des Verkehrs auf unsern Straßen”, heißt: es sei ein wichtiger & charakteristischer Zug; wäre dies anders, so würde sich ungeheuer viel ändern.
104[2] &
105[1]
Was heißt es nun, wenn man sagt: das Spiel müsse erst einmal ohne Zweifel anfangen? der Zweifel könne nur nachträglich hinzutreten?– Ja warum soll man nicht von vornherein zweifeln? Aber halt – wie sieht der Zweifel dann aus? – Ja, wie immer nun seine gegenwärtige Erscheinung (z.B. seine Äußerung) ist, er hat nun eine ganz andere Umgebung, als die, welche wir kennen. (Denn als Ausnahme hat der Zweifel die Regelmäßigkeit zur Umgebung.) (Haben (die) Augen einen Ausdruck, wenn sie nicht in einem Gesicht stehen?) Die Gründe des Zweifels sind jetzt Gründe, ein eingefahrenes Geleise zu verlassen.
105[2] &
106[1]
Bin in keinem guten Zustand. Daran ist sonderbarerweise auch eine Maus schuld, die in meine Speisekammer gekommen ist und die ich nun mit einer Falle umbringen muß, oder will. Denn ich habe keine Falle, die bloß fängt; sonst würde ich die Maus dann ins Freie lassen. Es kommen mir alle möglichen Gedanken, unangenehmen Gedanken.
106[2]
Unsere Welt erscheint ganz anders, wenn man sie mit andern Möglichkeiten umgibt.
106[3] &
107[1]
Wir lehren ein Kind: “Das ist ein Sessel”. Könnten wir es von Anfang an den Zweifel daran lehren, ob dies ein Sessel sei? Man wird sagen: “Unmöglich! es muß doch zuerst wissen, was ein Sessel ist, um daran zweifeln zu können, daß dies einer ist.” – Ist es aber nicht denkbar, daß das Kind von Anfang an lernt zu sagen: “Das schaut aus wie ein Sessel – ob es aber wirklich einer ist? –” Oder doch, daß es von Anfang an lernt in zweifelndem Ton zu sagen: “Ich glaube, hier steht ein Sessel” & nicht in behauptendem Ton: “Hier steht ein Sessel.”
107[2]
Was ist nun daran:– “man kann nicht mit dem Zweifel beginnen”? So ein “kann” ist immer verdächtig.
107[3]
14.10.1937 Man kann sagen: Der Zweifel kann keine notwendige Ergänzung des Spiels sein, als könnte ohne ihn das Spiel nicht in der Ordnung sein Denn es gibt Kriterien für die Berechtigung des Zweifels, wie dafür daß hier ein Sessel steht, z.B.
108[1]
Mir geht es bei dieser Arbeit so, wie vielen geht, wenn sie sich vergebens anstrengen (sich) einen Namen in die Erinnerung zu rufen; man sagt da: “denk an etwas anderes, dann wird es Dir einfallen” – & so mußte ich immer wieder an anderes denken, damit mir das einfallen konnte, wonach ich lange gesucht hatte.
108[2] &
109[1]
This book is a collection of wisecracks. But the point is: they are connected, they form a system. If the task were to draw the shape of an object true to nature, then a wisecrack is like drawing merely a tangent to the real curve; but a thousand wisecracks closely drawn can draw the curve.
109[2]
Man denkt leicht: der Zweifel mache es erst – naturgetreu. (Wenn man auf einer Eisenbahn für lange und kurze Fahrstrecken gleich viel zahlen müßte, wäre das eine offenbar ungerechte, unsinnige, Bestimmung?)
109[3] &
110[1]
“Man kann nicht wissen, ob Einer Schmerzen hat? – Doch, man kann es wissen!” – Das sagt doch nicht: “wir haben ein ‘intuitives Wissen’ dieser Schmerzen!” Es ist nur eine, berechtigte, Auflehnung gegen die, die sagen: “Man kann nicht wissen …”. Es behauptet aber nicht ein Naturvermögen, das jene leugnen. –
110[2]
“Das Spiel kann nicht mit dem Zweifel anfangen.” – Es sollte heißen: das Spiel fängt nicht mit dem Zweifel an. – Oder auch: das “kann” hat die selbe Berechtigung, wie in dem Satz: “der Verkehr auf Straßen kann nicht damit anfangen, daß Alle zweifeln, ob sie da – oder dorthin gehen sollen; d.h. es käme dann nie zu dem, was wir ‘Verkehr’ nennen, & das Schwanken würden wir dann wohl auch nicht ‘Zweifel’ nennen.”
110[3] &
111[1]
(Die philosophische Beteuerung,) “Wir wissen, daß dies ein Sessel ist!” beschreibt ja bloß ein Spiel. Aber es scheint zu sagen, daß, wenn ich Einen bitte: “bring mir diesen Sessel dort”, Gefühle der felsenfesten Überzeugung mich bewegen.
111[2]
Fühle mich weiterhin nicht ganz wohl. Neige zur Furcht & Angst. Ist es, daß ich keine Sonne mehr sehe?
111[3] &
112[1] &
113[1] &
114[1]115[1]
Das Spiel beginnt nicht mit dem Zweifel, ob Einer Zahnweh hat, denn das entspräche – sozusagen – nicht der biologischen Funktion, des Spiels in unserm Leben. Seine einfachste Form ist eine Reaktion auf die Klagelaute & Gebärden des Anderen, eine Reaktion des Mitleids, oder dergleichen. Wir trösten, wollen helfen. Man kann denken: weil der Zweifel eine Verfeinerung, in gewissem Sinne, Verbesserung des Spiels ist, so wäre es wohl das allerrichtigste, mit dem Zweifel gleich anzufangen. (Ähnlich wie man denkt, weil es oft gut ist, wenn ein Urteil begründet ist, so müßte zur vollkommenen Rechtfertigung eines Urteils die Kette der Gründe in’s Unendliche weitergehen.) Denken wir uns den Zweifel & die Überzeugung nicht durch eine Sprache, sondern bloß durch Handlungen, Gebärden, Mienen, ausgedrückt. So könnte es etwa bei sehr primitiven Menschen, oder bei Tieren sein. Denken wir also eine Mutter, deren Kind schreit & sich dabei die Wange hält. Eine Art der Reaktion hierauf ist (also) die, daß die Mutter das Kind zu trösten trachtet & es, auf irgend eine Art & Weise, pflegt. Hier ist nichts was dem Zweifel daran entspricht, ob das Kind wirklich Schmerzen habe. Ein anderer Fall wäre (nun) der: die Reaktion auf die Klage des Kindes ist für gewöhnlich die eben geschilderte, unter gewissen Umständen aber ist die Mutter skeptisch. Sie schüttelt dann etwa mißtrauisch den Kopf, unterbricht das Trösten & Pflegen des Kindes, ja ist sogar unwillig & teilnahmslos Nun aber denken wir uns die Mutter, die von vornherein skeptisch ist: Wenn das Kind schreit, zuckt sie die Achseln & schüttelt den Kopf; eventuell sieht sie es forschend an, untersucht es; in Ausnahmsfällen macht sie zögernde Versuche des Tröstens oder Pflegens.– Sähen wir ein solches Verhalten, so würden wir es durchaus nicht das der Skepsis nennen, es würde uns (nur) seltsam & närrisch anmuten. “Das Spiel kann nicht mit dem Zweifel anfangen” heißt: wir würden es nicht ‘Zweifel’ nennen, wenn das Spiel damit anfinge.
115[2] &
116[1]
Denk’ Dir diese Frage: “Kann ein Spiel damit anfangen, daß einer der Spieler gewinnt (oder verliert) & dann das Spiel seinen Fortgang nimmt?” Warum soll nicht ein spielähnlicher Vorgang dann mit dem anfangen, was für gewöhnlich unmittelbar bei dem Gewinnen & Verlieren in einem Spiel vorsichgeht? Es wird einem z.B. Geld ausbezahlt, er wird zu seinem Erfolg beglückwünscht, u.a.m.. Nun werden wir dies dennoch nicht “im Spiel gewinnen” nennen & vielleicht das ganze kein “Spiel”. Wenn wir so einen Gebrauch sähen, so erschiene er uns ‘unverständlich’ & wir würden gewiß nicht sagen: “diese Leute gewinnen & verlieren zu Anfang des Spiels”.
116[2]
“Kann das geschehen?” – Gewiß. Beschreib es nur bis in die Einzelheiten & Du wirst schon sehen, daß, was Du beschreibst sich zwar leicht vorstellen läßt, daß Du aber freilich die & die Ausdrücke nicht auf ihn anwenden wirst.
116[3]
“Könnte der Reim in einem Gedicht an den Anfang statt ans Ende der Verszeilen fallen?”
116[4] &
117[1]
“Es kommt also in Deinem primitiven Spiel kein Zweifel vor – aber ist es denn sicher, daß er Zahnschmerzen hat?” – So ist das Spiel. – Und daraus kannst Du, wenn Du willst, entnehmen wie das Wort “Zahnschmerzen” gebraucht wird; also, welche Bedeutung es hat.
117[2]
“Wie, wenn er betrügt?” – Aber er kann gar nicht betrügen, wenn, was er tut, in dem Spiel nicht Betrügen ist.
117[3] &
118[1]
Einerseits möchte ich nicht lange mehr hier bleiben; noch ein Monat erscheint mir als eine lange Zeit; anderseits kommt es mir vor, als ginge ich dann, wenn ich kaum gekommen bin. Einerseits ist es mir, als wäre es richtig dieses Leben durch Jahre hindurch fortzusetzen, Tag aus Tag ein in gleicher Weise; anderseits halte ich’s aber kaum ein paar Monate aus. Es hat dieses Leben eine merkwürdige & vielleicht in irgend einer Weise gefährliche Faszination für mich. – – –
118[2]
15.10.1937 “Ist es denn sicher, daß ein Sessel hier steht?” – ja kann ich nicht beides tun: sicher sein, & zweifeln? Hängt es nicht davon ab, ob ich etwas als Kriterium der Zweifelhaftigkeit gelten lasse?
118[3] &
119[1]
Wir sagen: wenn das & das nicht eintrifft, so haben wir uns geirrt, eine falsche Annahme gemacht. Der Irrtum ist ein Fehler; wir werden seinetwegen getadelt, tadeln uns selbst. Vergleiche (damit) folgendes: Wir bestimmen die Mitte zwischen zwei Stellen (im Raum) A & B durch mehrmalige Schätzung auf die Weise: wir sagen
“Ich nehme an, sie liegt bei C” & machen, mehr oder weniger nahe der Mitte, einen Punkt. – Tragen wir dann von B aus auf & erhalten C’. Nun wiederholen wir den Vorgang gegen die Mitte von hin. – War die erste Annahme ein Irrtum? Du kannst sie so nennen – aber dieser ‘Irrtum’ wird hier nicht als Fehler behandelt.
119[2] &
120[1]
Wenn wir nicht zweifeln, so betrachten wir das als einen Fehler, eine Dummheit – der Zweifel ist – so scheint es uns – die tiefere Einsicht in die Natur. Die perspektivische Darstellung der Menschen (etc.) erscheint uns als die richtigere im Vergleich mit der ägyptischen Art. Selbstverständlich; so schauen doch die Menschen nicht wirklich aus! – Aber muß das ein Argument sein? Wer sagt, daß ich auf dem Papier den Menschen so sehen will, wie er wirklich ausschaut?
120[2] &
121[1]
“Wer nicht zweifelt, übersieht doch einfach die Möglichkeit, daß es sich anders verhalten kann!” Durchaus nicht, – wenn es diese Möglichkeit in seiner Sprache gar nicht gibt. (Wie der nichts übersehen muß, der für lange & kurze Arbeitszeit den gleichen Lohn gibt, oder fordert.) “Aber der bezahlt dann eben nicht die Arbeitsleistung!” – So ist es. –
121[2]
Die Philosophie entspringt daher: wir fühlen das Bedürfnis, uns in unsrer Sprache – ihren Regeln – auszukennen. Und kein Wunder, wenn wir (hier) in Schwierigkeiten kommen, da der Gebrauch unsrer Wörter & Ausdrücke ein so ungemein komplizierter ist!
121[3] &
122[1]
Warum nennt man das, was man unmittelbar erkennt ebenso, wie das, was uns wiederholte Erfahrung der Koinzidenz lehrt? Inwiefern ist es denn dasselbe? (Aus einer andern Erkenntnisquelle fließt eine andre Erkenntnis.)
122[2] &
123[1]
“Man kann die Existenz eines Mechanismus auf zwei Arten erkennen: erstens dadurch, daß wir ihn sehen, zweitens dadurch, daß wir seine Wirkung erkennen.” Könnte man nicht sagen: Man gebraucht die Aussage, es existiere hier ein Mechanismus der & der Art auf zweifache Weise: a) wenn ein solcher Mechanismus gesehen werden kann – b) wenn man Wirkungen erkennt, wie ein solcher Mechanismus sie hervorruft.
123[2]
Es gibt eine Reaktion, die man “Reaktion auf die Ursache” nennen kann. – Man redet auch davon, daß man der Ursache ‘nachgeht’; im einfachsten Fall geht man etwa einer Schnur nach, um zu sehen, wer an ihr zieht. Wenn ich ihn nun finde – wie weiß ich, daß er, sein Ziehen, die Ursache davon ist, daß sich die Schnur bewegt? Stelle ich das durch eine Reihe von Experimenten fest?
123[3] &
124[1]
16.10.1937 Habe seit ca. 12 Tagen nicht von Francis gehört & bin etwas besorgt, weil er von England noch nicht geschrieben hat. Gott, wieviel Elend & Jammer gibt es auf dieser Welt.
124[2] &
125[1] &
126[1]
Wer nun der Schnur nachgegangen ist & den findet, der an ihr zieht, macht der noch einen weiteren Schritt indem er schließt: also was das die Ursache, – oder ist nicht alles, was er finden wollte, daß jemand, & wer an ihr zieht. Stellen wir uns eben wieder ein einfacheres Sprachspiel vor, als das, was mit dem Wort “Ursache” gespielt wird. Denken wir uns zwei Vorgänge: der eine besteht darin, daß ein Mensch, wenn er den Zug an einer Schnur fühlt, oder eine Erfahrung ähnlicher Art hat, der Schnur – dem Mechanismus– nachgeht, in diesem Sinne die Ursache findet, & etwa beseitigt. Er möge auch fragen: “warum bewegt sich diese Schnur?” oder dergl. –. Der andre Fall sei der: Er hat bemerkt, daß seine Ziegen, seit sie das Futter von dort & dort kriegen, wenig Milch geben. Er schüttelt den Kopf, fragt “warum” – & macht nun Versuche. Er findet, daß das & das Futter schlecht für sie ist. “Aber sind denn diese Fälle nicht von gleicher Art: er hätte ja auch Experimente darüber machen können, ob der Mensch, der ‘an der Schnur zieht’, wirklich die Ursache der Bewegung ist, ob nicht er am Ende durch die Schnur bewegt werde& diese durch eine andre Ursache!” – Er hätte Experimente machen können, aber ich nehme an, er macht keine. Dies ist das Spiel, welches er spielt.
126[2] &
127[1] &
128[1] &
129[1]
Was ist es denn, was ich in so einem Fall immer tue? Die Vernunft – möchte ich sagen – gibt sich als (ein) Gradmesser par excellence (aus), als die ewige Skala, an der, was wir machen, sich selber mißt & beurteilt. Und ich sage: Laß Deinen Blick nicht von diesem Maßstab bannen; sieh’ ihn als einen unter anderen Maßstäben. Wir sind, sozusagen, gewöhnt diese damit ‘abzutun’, sie seien unvernünftig, entsprechen einem niedern Stande der Intelligenz, etc.. Unser Blick wird von dem Maßstab gefangen gehalten & durch ihn immer wieder von diesen Erscheinungen, gleichsam nach oben zu, abgezogen. – Wie wenn wir von einem gewissen Stil, Baustil oder Stil des Benehmens, so voreingenommen sind, daß wir unsern Blick, gleichsam, nicht voll auf einen andern richten – sondern ihn nur aus dem Augenwinkel betrachten können. (Damit verwandt, eine hübsche Betrachtung, die Eddington über die Demonstration des Trägheitsgesetzes anstellt.)
129[2] &
130[1]
In einem Fall heißt nun “Der ist die Ursache” einfach: der hat an der Schnur gezogen. Im andern Falle, etwa: das sind die Umstände, die ich ändern mußte, um diese Erscheinung abzustellen. “Aber wie ist er denn – wie konnte er überhaupt auf die Idee kommen, einen Umstand abzuändern, um die Erscheinung abzustellen? Das setzt doch voraus, daß er vor allem (einmal) einen Zusammenhang wittert! Einen Zusammenhang wittert, wo keiner zu sehen ist. Er muß also vorher schon die Idee eines solchen, ursächlichen, Zusammenhanges erhalten haben.” Ja, man kann sagen, es setzt voraus, daß er sich nach einer Ursache umschaut; daß er von der Erscheinung – auf eine andere schaut. –
130[2] &
131[1] &
132[1]
Das Leben hier ist mir einesteils furchtbar, anderseits hat es etwas schönes & auch freundliches. Ich liebe in gewissem Sinn meine Stube, mein Essen; auch habe ich eine gewisse Anhänglichkeit an die Menschen, die mit mir immer gleichmäßig nett & freundlich sind. Es ist ein gemütliches Verhältnis zwischen mir & ihnen: Ich glaube es wäre ihnen etwas leid, wenn ich reiste. Ich denke daran in einem Monat oder anderthalb zu reisen. Aber ich denke nie daran ohne Furcht: werde ich es erleben? wird etwas anderes mich früher schon zur Reise zwingen? etc.. Ich fürchte mich vor Krankheit & Tod, vor meinem & vor dem eines Freundes, oder einer Schwester, oder des Max, oder Paul. Und doch ist das alles falsch & schlecht & zum Teil sogar gemein; & doch fürchte ich mich. Es geht mir mit dem Leben beinahe, wie einer Dame, die in den “Don Carlos” ging, in der Meinung, es sei ein Lustspiel, & nach einigen Akten indigniert aufstand, mit den Worten: “Il me semble que c’est une tragédie!” Ich sehe das Leben falsch an, will das Schwere immer wieder ignorieren, statt daß ich lerne, “daß mein Leben …”. Ich bin wie ein Kind, das immer und immer nur spielen möchte!
132[2] &
133[1] &
134[1] &
135[1] &
136[1] &
137[1]
17.10.1937 Intuition. Die Ursache durch Intuition wissen. Welches Spiel spielt man mit dem Wort “Intuition”? Was für ein Kunststück wird damit gemacht? Wir haben hier die Auffassung: Das Wissen dieses Sachverhalts ist ein Zustand des Geistes; & wie dieser Zustand zustande gekommen ist, ist nebensächlich, wenn uns nur interessiert, daß Einer das & das weiß. Wie Kopfschmerzen aus mancherlei Ursache entstehen können, so auch das Wissen. Daß wir uns in der Logik überhaupt für diesen Zustand interessieren ist dann freilich merkwürdig. Was gehn uns solche Zustände an? – Erinnere Dich an die Frage: “Wann weiß Einer, daß (z.B.) jemand im Nebenzimmer ist?”‒ ‒ Während er den Gedanken denkt? Und wenn er ihn denkt: während aller Glieder (Wörter) des Gedankens? Wenn ich sage: “ich weiß daß jemand im Zimmer ist” & es stellt sich heraus, daß ich mich geirrt habe, so wußte ich’s also nicht – habe ich mich da bei der Introspektion in meinen Geisteszustand geirrt? ich sah hinein & hielt etwas für ein Wissen, was keines war!– Oder kann ich so etwas nicht eigentlich wissen? sondern solche Tatbestände wie: “Ich sehe etwas Rotes”, “Ich habe Schmerzen” u. dergl. Also nur dort sollte man das Wort “wissen” anwenden, wo es niemand anwendet; wo nämlich “ich weiß, daß p” nichts heißt wenn nicht etwa das Gleiche wie “p”, & die Form “ich weiß nicht, daß p” ein Blödsinn ist. Schau nur ja nicht auf den tatsächlichen Gebrauch der Worte “ich weiß …”! Schau nur auf die Worte & spekuliere, zu welchem Gebrauch sie passen möchten. – Wie geht denn das Sprachspiel – wann sagen wir denn, wir ‘wissen’? Wenn wir uns in einem bestimmten Zustand finden? – Nicht, wenn wir eine gewisse Evidenz haben? – Und da ist es also ohne die Evidenz kein Wissen! Was ist nun die Intuition? Ist sie eine nur aus dem gewöhnlichen Leben bekannte Art & Weise, wie wir Dinge erfahren, uns Wissen aneignen? Oder ist sie eine Schimäre, von der wir bloß in der Philosophie Gebrauch machen? – Ist die Meinung, in dem & dem Fall sei Intuition im Spiel, vergleichbar der Meinung, die & die Krankheit werde durch den Stich eines Insekts erzeugt? (Diese Meinung kann richtig & falsch sein, aber wir kennen jedenfalls Krankheiten, die so erzeugt werden.) Oder haben wir hier einen Fall, wo das Wort gilt: “denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.” (Man könnte sich einen Sprachgebrauch denken, in dem es nicht heißt “es ist unbekannt, wer das getan hat”, sondern: “ Herr Unbekannt hat es getan” – damit man nicht sagen muß, man wisse etwas nicht.)
137[2]
Brief von Francis erhalten. Bin erleichtert & erfreut! Gott möge uns helfen.
137[3] &
138[1] &
139[1]
18.10.1937 Was wissen wir denn von der Intuition? Was für eine Vorstellung machen wir uns von ihr? Sie soll (wohl) eine Art Sehen sein, ein Erkennen mit einem Blick; mehr wüßte ich nicht. – “Also weißt Du ja doch, was eine Intuition ist!” – Etwa so, wie ich weiß, was es heißt “einen Körper mit einem Blick von allen Seiten zugleich sehen”. Ich will nicht sagen, daß man diesen Ausdruck nicht auf irgend einen Vorgang, aus irgend einem guten Grund, verwenden kann – aber weiß ich darum, was seine Anwendung sein soll? – ‘Die Ursache intuitiv erkennen’, heißt: die Ursache, irgendwie, wissen (sie auf andere Weise erfahren, als die gewöhnliche). – Es weiß sie nun Einer – aber was nützt das, – wenn sich sein Wissen nicht bewährt? Nämlich, in der gewöhnlichen Weise mit der Zeit bewährt. Aber dann ist er ja in keinem andern Fall als Einer, der die Ursache (irgendwie) richtig erraten hat. Das heißt: wir haben gar keinen Begriff von diesem besondern Wissen der Ursache. Wir können uns ja vorstellen, Einer sage mit der Gebärde der Inspiration, er wisse nun die Ursache; aber das hindert nicht, daß wir nun prüfen ob er das Rechte weiß.
139[2]
Das Wissen interessiert uns nur im Spiel.
139[3]
(Es ist, wie wenn jemand behauptete, er besitze die Kenntnis der Anatomie (des Menschen) durch Intuition; & wir sagen: “Wir zweifeln nicht daran; aber wenn Du Arzt werden willst, mußt Du alle Prüfungen ablegen, wie jeder Andere.”)
139[4] &
140[1] &
141[1] &
142[1]
Der See hat seine Farbe geändert. Er war bisher, d.h. in diesem Sommer & Herbst, blau oder grünblau; nun ist er bräunlichgrün (obwohl der Himmel stellenweise blau ist). Sturm & Regen. In den Bergen hat es gestern & vorgestern geschneit, jetzt taut es oben. Der Sturm ist mir immer unangenehm; macht mir Angst, stört beim Arbeiten. Und doch ist er vielleicht gut für mich. Ich hatte die Mausfalle in der Kammer gespannt auf einer Stellage stehen; darunter stand ein Sack mit Holz. Plötzlich hörte ich ein Schreien & Quieken in der Kammer ich dachte eine Maus habe sich gefangen & ging mit dem Stock hinein in Angst, aber mit der Absicht die Maus schnell zu töten um sie nicht leiden zu lassen. Ich fürchtete mich aber sie auch nur zu sehen. Als ich in die Kammer kam stand die Falle nicht mehr auf dem Brett & ich zog den Sack vor um zu sehen, wo sie liege, da schrie es im Sack. Ich räumte nun das Holz aus dem Sack denn ich konnte in ihm nichts sehen. Und ich tat es äußerst vorsichtig weil ich mich vor der Maus fürchtete, fürchtete vielleicht gebissen zu werden. Als ich mehrere Stücke Holz entfernt hatte sah ich: eine Meise hatte sich gefangen, sie war beim Fenster hereingeflogen & hatte am Käse in der Falle gepickt. Sie lebte noch blutete aber etwas am Kopf. Ich befreite sie so schnell ich konnte & sie flog auf stieß sich am Fenster, an der Decke & flog endlich beim Fenster hinaus. Daß sie den Schlag der Falle aushalten konnte ist unbegreiflich, aber sie flog davon. Ich ging in die Stube zurück & schämte mich meiner Feigheit.
142[2] &
143[1] &
144[1] &
145[1] &
146[1]
19.10.1937 20.10.1937 Warum ‘muß der Zweifel einmal irgendwo enden’? – Weil das Spiel nie anfangen könnte, wenn es mit dem Zweifel anfinge? D.h.: die Grundform des Spieles ist eine, in die der Zweifel nicht eintritt. Oder: Wir könnten gar nicht wissen, was ‘Ursache’ ist, wenn wir nicht das eine & andre ohne einen Zweifel als Ursache einer Wirkung anerkennten. – Aber diese Ausdrucksformen sind alle unbefriedigend. – ‘Er muß einmal instinktiv zum Erkennen einer Ursache kommen.’ Er muß ein Vorbild der ‘Ursache’ haben, ehe er zweifeln kann, ob etwas die Ursache ist. Er muß einmal gradewegs etwas ‘Ursache’ nennen, sonst kommt er nie dazu, darüber nachzudenken, ob etwas die Ursache ist. – Denk’ doch es finge dann an, daß er sich den Kopf darüber zerbricht, ob dies die Ursache von dem. Wie müßte man sich dieses Kopfzerbrechen denken, diese Überlegungen? Doch in einer einfachen Weise. Es ist also etwa ein Suchen, & endlich ein Finden irgend eines Gegenstandes (der Ursache). Was ist also daran, daß das Spiel nicht mit dem Zweifel anfangen kann? Der Zweifel muß irgend ein Gesicht haben. Wenn er zweifelt, so ist die Frage: wie schaut sein Zweifel aus? Wie schaut, z.B., die Untersuchung aus, die er anstellt. – Will man nur sagen: das Spiel kann nicht damit anfangen, daß Einer sagt: “Man kann nie wissen, was die Ursache von etwas ist”? – Aber warum soll er nicht auch das sagen; wenn er dann nur einen beherzten Schritt macht. – Aber dann brauchen wir ja nicht von den Anfängen des Spiels zu reden, sondern wir können sagen: Das Spiel ‘die Ursache aufsuchen’ besteht vor allem & hauptsächlich darin, daß wir eine gewisse Praxis ausüben. Es erscheint darin auch etwas, was wir Zweifel & Unsicherheit nennen können, aber dies ist ein Zug zweiter Ordnung. Wie es zwar charakteristisch für das Funktionieren der Nähmaschine ist, daß sich ihre Teile abnützen & verbiegen, & die Achsen in den Lagern schlottern können, aber doch ein Charakteristikum zweiter Ordnung verglichen mit dem normalen Gang der Maschine.
146[2]
Denk’ Dir diese seltsame Möglichkeit: Wir hätten uns bisher immer in der Multiplikation 12 × 12 verrechnet. Ja, es ist unbegreiflich, wie das geschehen konnte, aber es ist geschehen. Also ist alles falsch, was man so ausgerechnet hat! – Aber was macht das? Es macht ja gar nichts! – Da muß also etwas falsch sein in unsrer Idee von Wahrheit & Falschheit der mathematischen Sätze.
146[3]
21.10.1937
Bin ziemlich stumpf. Kann nicht gut denken.
146[4] &
147[1]
Der Ursprung & die primitive Form des Sprachspiels ist eine Reaktion; erst auf dieser können die komplizierteren Formen wachsen. Die Sprache – will ich sagen – ist eine Verfeinerung, ‘im Anfang war die Tat’.
147[2]
Wenn Du den Vollkommenen siehst, wie willst Du ihn anders nennen, als “Gott”?! –
147[3]
Erst muß ein fester, harter Stein zum Bauen da sein, & die Blöcke werden unbehauen auf einander gelegt. Dann ist es freilich wichtig, daß er sich auch behauen läßt, (daß er) nicht vollkommen hart ist.
147[4] &
74v[1]
Die primitive Form des Sprachspiels ist die Sicherheit, nicht die Unsicherheit. Denn die Unsicherheit könnte nie zur Tat führen.
74v[2] &
75r[1]
Ich will sagen: es ist charakteristisch für unsere Sprache, daß sie auf dem Grund fester Lebensformen, regelmäßiger Handlungen, emporwächst. Ihre Funktion ist vor allem durch die Handlung, deren Begleiterin sie ist, bestimmt. Wir haben eben einen Begriff davon, was für Lebensformen primitive sind, & welche erst aus solchen entsprossen sind. Wir glauben, daß der einfachste Pflug vor dem komplizierten da war.
75r[2]
Die einfache Form (& das ist die Urform) des Ursache-Wirkung Spiels ist die der Bestimmung der Ursache, nicht des Zweifels.
75r[3]
Lenkt der Kutscher die Pferde dadurch, daß er auf dem Kutschbock zappelt, oder dadurch, daß er die Zügel ruhig & fest anzieht? Anwendung auf mich.
75r[4] &
75v[1]
[“…Irgendwo müssen wir – ohne zu zweifeln – sagen: das geschieht aus dieser Ursache.”] Im Gegensatz, etwa, wozu? Im Gegensatz dazu wohl, daß man nie den Knoten anzieht, sondern immer zweifelhaft bleibt, was die Ursache der Erscheinung wirklich sei. Als hätte es einen Sinn zu sagen: strenggenommen, könne man die Ursache nie mit Sicherheit wissen. So daß es also am meisten der Wahrheit entsprechend sei, die Frage nicht zu entscheiden. Welche Idee auf einem gänzlichen Mißverstehen der Rolle der Genauigkeit beruht & dem Zweifel zufallen.
75v[2] &
76r[1]
22.10.1937 Immer, wenn mir etwas widerfährt, geht gleichsam eine Furchtwelle über mich, Furcht vor dem Tode, vor schwerem Unglück, u.s.w.. Diese Furcht ist nicht gut; aber sie zeigt, daß ich mein Leben unrichtig auffasse.
76r[2] &
76v[1] &
77r[1] &
77v[1]
Kierkegaard schreibt: Wenn das Christentum so leicht & gemütlich wäre, wozu hätte Gott in seiner Schrift Himmel & Erde in Bewegung gesetzt, mit ewigen Strafen gedroht –. – Frage: Warum aber ist dann diese Schrift so undeutlich? Wenn man jemand vor furchtbarer Gefahr warnen will, tut man es, indem man ihm ein Rätsel zu raten gibt, dessen Lösung etwa die Warnung ist? – Aber wer sagt, daß die Schrift wirklich undeutlich ist: ist es nicht möglich, daß es hier wesentlich war, ein Rätsel aufzugeben? Daß eine direktere Warnung dennoch die falsche Wirkung hätte haben müssen? Gott läßt das Leben des Gottmenschen von vier Menschen berichten, von jedem anders, & widersprechend – aber kann man nicht sagen: Es ist wichtig, daß dieser Bericht nicht mehr als sehr gewöhnliche historische Wahrscheinlichkeit habe, damit diese nicht für das Wesentliche, Ausschlaggebende gehalten werde. Damit der Buchstabe nicht mehr Glaube fände, als ihm gebührt & der Geist sein Recht behalte. D.h.: Was Du sehen sollst läßt sich auch durch den besten, genauesten Geschichtsschreiber nicht vermitteln; darum genügt, ja ist vorzuziehen, eine mittelmäßige Darstellung. Denn was Dir mitgeteilt werden soll, kann die auch mitteilen. (Ähnlich etwa, wie eine mittelmäßige Theaterdekoration besser sein kann als eine raffinierte, gemalte Bäume besser als wirkliche, – die die Aufmerksamkeit von dem ablenken, worauf es ankommt.) Das Wesentliche, für Dein Leben Wesentliche aber legt der Geist in diese Worte. Du sollst gerade nur das deutlich sehen, was auch diese Darstellung deutlich zeigt. (Ich weiß nicht sicher, wieweit dies alles genau im Geiste Kierkegaards ist.)
77v[2]
Die Grundform des Spiels muß eine sein, in der gehandelt wird.
77v[3] &
78r[1]
Denke Dir eine Schrift, in der das R ebenso wohl auch geschrieben werden kann. Für sie ist es der gleiche Buchstabe. Sollen wir sagen, für sie sei der Buchstabe, was den beiden gemeinsam ist? Oder (gar) eine Schrift, in der jeder Buchstabe beliebig liegen kann, das ‘A’ z.B. auch so
. Sie haben etwa ihre Schriftzeichen immer schon in Stempel geschnitten & dann gedruckt, die Stempel sind viereckig, wie sie gedreht sind ist gleichgültig.
78r[2]
“Wie sollte der Begriff ‘Ursache’ auf die Beine gestellt werden, wenn immer gezweifelt würde?”
78r[3]
“Die Ursache muß ursprünglich etwa handgreifliches sein”.
78r[4]
Heißt es nicht eigentlich: mit der philosophischen Spekulation kann man nicht anfangen –?
78r[5] &
78v[1]
Wenn ich nie wüßte, was die Ursache von etwas ist, wie wäre ich dann zu diesem Begriff gekommen? – Das heißt doch: wie hätte ich mich wundern können, was von dem & dem wohl die Ursache ist, wenn ich nicht schon eine Ursache von etwas gesehen hätte? Ja nun, dieses ‘Können’ muß wohl ein logisches sein, – denn sonst könnte man sich ja alle möglichen Erklärungen denken. Das heißt aber nur: Gib bei der Beschreibung dieses ‘Wunderns’ acht, daß Du wirklich etwas beschreibst!
78v[2]
Das Wesentliche des Sprachspiels ist eine praktische Methode (eine Art des Handelns), – keine Spekulation, kein Geschwätz.
78v[3] &
79r[1]
(Das Wesentliche des Begriffes ist, daß er normalerweise mit beiden Füßen auf der Erde steht; nicht, daß er hie & da einmal einen Luftsprung macht & dann auf Augenblicke den Boden unter den Füßen verliert.)
79r[2]
23.10.1937 In der Nacht onaniert; danach Scham. – Fing an meine alte Maschinschrift anzusehen & den Weizen von der Spreu zu sondern; wenn sie nur reiner zu sondern wären! Was ist nützlich, was unnütz?! Es ist schwer zu sagen. Möge ich eine Tätigkeit, die keine Möglichkeit des Erfolges in sich hat bald als solche erkennen und bleiben lassen, & tun was nützlich ist!!
79v[1]
24.10.1937 Mir ist beim Prüfen meiner alten Bemerkungen als sollte ich den Hausrat einer Wohnung herstellen, indem ich Gegenstände aus einem Kehrrichthaufen ziehe & sie umständlich prüfe & zu säubern versuche.
79v[2]
‘Paßt’ Wasser in ein Gefäß? (Andere ‘Identität’.)
79v[3] &
80r[1]
25.10.1937 Lese meine alten Bemerkungen. Die große Mehrzahl ist mir recht gleichgültig; viele, viele sind flau. Am besten sind die, die einfach ein Problem aussprechen. Ich bin sehr neugierig was für einen Eindruck ich am Schluß von diesen Sätzen haben werde. Möge er mich nicht niederschmettern, wie immer es ist. – Vor allem aber soll es lehrreich sein. Möge ich viel lernen!!
80r[2] &
80v[1] &
81r[1]
26.10.1937 Schreibe jetzt nicht mehr, sondern lese nur den ganzen Tag meine Maschinschrift & mache Zeichen zu jedem Absatz. Es ist viel denken hinter diesen Bemerkungen. Aber brauchbar für ein Buch sind doch nur wenige ohne Umarbeitung, aus verschiedenen Gründen. Ich habe jetzt beinahe ein Viertel des Ganzen durchgesehen. Wenn es also glatt geht, könnte ich in ca. 6 Tagen damit fertig sein. Aber was dann? Nun, versuchen, das Brauchbare zu sammeln. – Freilich, das ist sehr schwer! & ich dachte heute manchmal, es werde vielleicht für mich bedeuten, von hier wegzugehen, etwa zu Drury, so Gott will. Denn ich weiß nicht ob ich diese Arbeit in dieser Einsamkeit machen kann. Aber es wird sich alles zeigen. – Ich bete öfters im Tag & doch muß ich mir sagen, daß ich gar nicht richtig beten kann. Denn ich bin zu unernst. Ich bitte um Erleuchtung; möge sie mir gegeben werden obwohl ich gar nicht richtig darum bitten kann. Eitelkeit & Gemeinheit spielen in alles, ausnahmslos, hinein was ich schreibe oder denke. Mindestens ist die Gemeinheit immer next door.
81r[2]
27.10.1937 Heute nicht weiter gelesen, sondern wieder geschrieben, da ich mich wieder dazu fähig fühlte. Es ging nicht schlecht. Lieben Brief von Fr., er schreibt über eine Sitzung des Moral Science Club & wie elend schlecht die Diskussion unter Braithwaites Vorsitz sei. Es ist scheußlich. Aber ich wüßte nicht was dagegen zu machen wäre, denn die andren Leute sind auch zu wenig ernst. Ich wäre auch zu feig, etwas Entscheidendes zu tun.
81r[3] &
81v[1]
28.10.1937 Wer Philosophie lehrt, kann immer sagen: Ich weiß nicht. – Entscheide Du. –
81v[2]
Bin wieder mit Arbeitsfähigkeit begnadet. – Und mit vielem anderen.
81v[3]
29.10.1937 Hätte viel über mich selbst, meine schlechten Gedanken, Gefühle, Ängstlichkeit & Übelwollen zu schreiben, aber ich versäume es. Auch über Religion, Lauheit, Unernst. Aber ich lebe oberflächlich dahin. Möge es anders werden! & doch wünsche ich mir nicht Leiden, Verluste, etc..
81v[4]
30.10.1937 Es gibt keine Interpretation eines Satzes außerhalb der Grammatik.
82r[1]
Eine Interpretation eines Satzes ist seine Umgebung in der Grammatik.
82r[2]
Man sagt: “Gibt es einen Körper hier?” – & die Kriterien sind eben die Sinneswahrnehmungen. Aber das ist eine neue Bildung, eine Bildung der Philosophie: “Gibt es hinter diesen Sinneswahrnehmungen – die ja die Kriterien der Existenz des Körpers waren – einen Körper?” ( “Unglückliche Geschöpfe … zu tausend Malen.”)
82r[3] &
82v[1]
“Wie konnte ich nur auf den Gedanken kommen?!” müßte doch heißen: Was kann denn überhaupt (für Substanz) in diesem Gedanken sein? Aber um das zu sehen, müssen wir sehen, wie wir ihn denn gebrauchen.
82v[2]
“Wie kann ich von einem neuen Geschmack reden, den ich noch nie gehabt habe?” “Wie kann ich von einem sechsten Sinn reden?” Nun wie rede ich denn von diesen Dingen, was sage ich denn von ihnen aus, mit welcher Begründung, mit welchen praktischen Folgen?
82v[3] &
83r[1]
Ich kann doch nicht eigentlich von einem neuen Sinn, einer neuen Art der Sinneserfahrung reden, das kann doch keinen Sinn haben. Ich kann doch nicht in Gedanken, durch Worte eine Voraussicht erschleichen, von etwas, was ich nicht kenne. (Nihil est in intellectu …) Als könnte ich in den Gedanken gleichsam von hinten herum kommen & einen Blick von etwas erhaschen was ich von vorn nicht ansehen kann.
83r[2] &
83v[1]
Aber welcherlei Aussagen über einen neuen Sinn macht er denn & was macht er denn mit ihnen? Was kann er denn mit ihnen machen? Haben sie keinen Sinn – so wird sich das doch so zeigen, daß er nichts mit ihnen machen kann. Wird denn die Frage ob ein Satz Sinn hat dadurch entschieden daß gesagt wird ob man sich etwas dabei denken kann?
83v[2]
Ich will sagen: “Du kannst doch nicht das mit dieser Aussage machen!” Aber das wird sich ja von selbst in ihrer Anwendung zeigen. Nur ist es oft schwer diese Anwendung klar darzustellen.
83v[3] &
84r[1]
››Durch das allgemeine Wort “Sinneswahrnehmung” kannst Du doch jetzt nicht über Dich hinaus kommen. Es kann ja nur die Allgemeinheit haben, die Du ihm gegeben hast; während Du so tust als hättest Du ihm eine Seele eingehaucht & jetzt sei es lebendig & schreite auf eigene Faust weiter. Als hättest Du gleichsam ein Wesen gemacht das jetzt selbständig weiter geht & Dich noch mitnimmt.‹‹ Aber das könnte auch so gesagt werden: ‘Du kommst nicht um die Anwendung herum’. Du kannst in den Worten allerlei Luftgespinste machen, aber ihr Sinn wird sich in ihrer Anwendung bewähren.
84r[2] &
84v[1]
Ich brauche nicht Zeter & Mordio zu schreien, weil sich der Sinn selbst offenbaren wird – wenn wir nur genau genug auf die Anwendung achthaben.
84v[2]
31.10.1937 Ein wenig unwohl. Weiß nicht wovon.
84v[3] &
85r[1] &
85v[1] &
86r[1]
Du redest, als könnte der Gedanke – von dem Du einen nebelhaften Begriff hast – etwas unerhörtes leisten, & das müsse man eben anerkennen, es ist ja eben der Gedanke. Hardy sagte in – – – es sei nicht der Mühe wert Leuten zu antworten die für den finitism ein Argument gebrauchen wie: “Das Endliche kann nicht das Unendliche denken”. Es ist wahr, dies ist ein ungeschickter Ausdruck. Aber was die Leute damit sagen wollen ist: “Es muß hier doch mit rechten Dingen zugehen! Woher dieser Sprung vom Endlichen zum Unendlichen?”. Und so ganz unsinnig ist jener Ausdruck auch nicht– nur ist jenes “Endliche” was das Unendliche nicht soll denken können, nicht ‘der Mensch’ oder ‘der Verstand’ sondern der Symbolismus. Und wie dieser das ‘Unendliche’ denkt, dies ist wohl einer Untersuchung wert. Und zwar heißt es in so einer Untersuchung: “Fort, zuerst, mit allen Assoziationen, Gesten etc. die mit dem Wort ‘unendlich’ verknüpft sind!” Was geschieht nun mit diesem Begriff, wenn wir ihn von diesen Dingen entblößen? In die Geschäftsbücher dieses Begriffes müssen wir sehen. Hier muß zu ersehen sein, was der Begriff jeder seiner Anwendungen, jeder seiner Assoziationen verdankt etc. “Das Endliche kann nicht das Unendliche denken” sagt: So kann es nicht zugehen wie ihr es Euch denkt & ihr scheut Euch ein helles Licht in die Transaktionen fallen zu lassen, die ihr mit dem Begriff vornehmt & was Euch reizt ist gerade das Zwielicht. Der Gedanke kann, gleichsam, fliegen, er braucht nicht zu gehen. Du verstehst, d.h. übersiehst die Transaktionen nicht & projizierst (quasi) Dein Unverständnis in ein Medium in dem das Erstaunlichste möglich ist.
86r[2]
Wie kann ich mir denn eine neue Art der Sinneserfahrung, etwa einen ‘sechsten Sinn’, denken? Ich habe ja eben keinen Zugang zu diesem Begriff. Und zu glauben, meine eigenen allgemeinen Begriffe könnten mich weiterführen, das ist als meinte man eine Lokomotive könne weiter fahren als die Gleise die man für sie gelegt hat
86v[1]
Wie können mich denn meine (eigenen) Gedanken dorthin führen, wo kein Weg für sie geht? Das wäre als vergäße man, daß ein Eisenbahnzug nur so weit fahren kann als man Geleise gelegt hat auch wenn die Lokomotive noch Brennstoff & Wasser hat. Aber laß doch den der das nicht glaubt ruhig eine Fahrt machen, es wird sich ja zeigen, daß er am Ende der Gleise umkehren muß, oder daß eine Entgleisung geschieht.
87r[1] &
87v[1]
Welchen Begriff habe ich denn von der neuen Sinneserfahrung, die ich noch nicht kenne? Habe ich denn überhaupt einen? Ist nun nicht ‘Sinneserfahrung’ so leer wie ‘Ereignis’? “Da geschah ein Ereignis” – “weißt Du jetzt etwas darüber was geschah?” Aber wenn ich keinen Begriff habe, dann werde ich ja auch nichts mit diesem Wort anfangen können. Und was ich damit anfangen kann, wird ja zeigen, welchen Begriff ich habe. Sage also nicht “mein Begriff sei leer”, sondern: “sehen wir nach, was Dein Begriff ist denn es ist ihm nicht unmittelbar anzusehen,
⟵ was an ihm ist.” Laß den Gebrauch sprechen!
87v[2] &
88r[1]
“Wie kann es denn Sinn haben, von einer mir ganz neuen Art der Sinneserfahrung zu reden, die ich vielleicht einmal haben werde. Wenn dabei nämlich wirklich die Erfahrung selbst gemeint sein soll & nicht etwa das Sinnesorgan.” Ich habe derlei oft in Diskussionen, mit Ramsey z.B., gesagt. [Man kann doch nicht ins Blaue hinein verallgemeinern!] Aber was ist zu tun, wenn die Antwort lautet: “Es ist eben doch möglich, so etwas zu denken!” Was soll man darauf sagen? – – Nun, da muß man herausfinden, was Du dabei denkst. Daß Du versicherst, Du denkest diese Phrase – was ist damit zu machen? – Darauf kommt es ja auch nicht an. Ihr Zweck ist ja nicht der, Nebel in Deiner Seele aufsteigen zu lassen. Was Du meinst – wie ist es herauszufinden? Wir müssen geduldig prüfen, wie Du diesen Satz verwendest. Wie rund um ihn alles aussieht. Da wird sich sein Sinn zeigen.
88v[1]
So als wollte man sagen: Die neuere Technik leistet eben Dinge, die Du Dir gar nicht vorstellen kannst.
88v[2]
01.11.1937 Mir ist seltsamerweise auch heute nicht gut; obwohl ich mir nicht denken kann, warum. Mein Zustand hindert mich am ruhigen Denken.
88v[3] &
89r[1]
Die seltsame Ähnlichkeit einer philosophischen Untersuchung (vielleicht besonders in der Mathematik) & einer ästhetischen, etwa, was an diesem Kleid schlecht ist, wie es gehörte etc.. Es heißt eben auch hier: “Was paßt hier noch nicht?” & auch da sagt das stumpfere Gefühl: “es ist ja schon alles in Ordnung.” Auch da darf man die falsche Erklärung darum nicht wegwerfen, denn sie ist nützlich, die richtige finden zu lehren. Die Ähnlichkeit reicht sehr weit.
89r[2] &
89v[1]
Ich möchte in solchen Fällen immer (wieder) sagen: “Ich kann doch nicht denkend mein eigenes Denken transzendieren!” – – Aber, was ich in dem Sinne ‘nicht kann’ – wozu soll ich davon reden? – Das werde ich ja auch nicht tun. – Sehen wir also nach, was wir tun, wie wir unsre Worte gebrauchen!
89v[2]
Gegen wen richte ich mich denn da? (Und was will ich denn?) – Ich sollte doch sagen: Du kennst Dich nicht aus – & gebrauchst ein falsches (irreführendes) Bild. Gebraucht aber er das Bild – Gebrauche nicht ich’s? Ja aber es ist ein krasser Ausdruck seiner Denkweise. (Die irreführende Gegenüberstellung: etwas durch Denken erkennen etwas durch die Sinneswahrnehmung erkennen. Der Verstand als eine Art Sinn für das unsinnliche.)
90r[1]
Ich könnte sagen: Du hast einen falschen Begriff; aber aufklären läßt sich die Sache nicht indem ich gegen Deine Worte wettere sondern nur dadurch daß wir untersuchen wie Du Deine Worte gebrauchst & indem ich trachte Deine Aufmerksamkeit von Assoziationen, Illustrationen weg auf den Gebrauch zu lenken.
90r[2]
Vergleiche: ein Spiel erfinden, eine Sprache erfinden, eine Maschine erfinden.
90r[3] &
90v[1]
‘Über sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus; & auch kein Argument.’
90v[2]
02.11.1937 Die Bedeutung des Wortes “vielleicht”. Was heißt es, das Wort “vielleicht” verstehen? – Verstehe ich das Wort “vielleicht”? Und wie beurteile ich, ob ich es tue?
90v[3] &
91r[1]
‘Über sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus…’– Was heißt denn das, & wer glaubt denn, daß es so ist? Ist es so: In vielen Fällen brauchen wir bei dem Weiterschreiten in der Benützung unsrer Wörter & Symbole nicht gar zu achtsam zu sein: Ihr Gebrauch dehnt sich ganz von selbst aus & wir wären zu sagen geneigt: ‘Es geschieht ja nichts Neues; diese Entwicklung lag ja schon in unserm ursprünglichen Begriff.’ Dann aber gibt es Fälle, wo der Weg zwischen Abgründen führt, wo äußerste Vorsicht nötig ist, da die schwersten Mißverständnisse rechts & links vom Weg liegen. Hier kann man nicht mehr sorglos einer Verallgemeinerung des Sprachgebrauches folgen sondern muß sich nun bei jedem Schritt fragen: Ist das noch das alte Spiel?
91r[2] &
91v[1]
In den letzten Tagen ist es mir etwas schlechter bei der Arbeit gegangen. Schlechten Stil geschrieben, d.h. unsicher, daher wackelig. Mein Körper ist in ganz gutem Zustand, ich habe aber nicht ganz guten Appetit. –
91v[2]
03.11.1937 Ziemlich viel & gut gearbeitet. –
91v[3] &
92r[1]
04.11.1937 Heißt dieses Gefühl “Schmerz”? Aber ich gebrauche das Wort doch auch zur Beschreibung des schmerzlosen Zustandes! Aber ich sage ja auch N.N. ist gestorben & doch hieß dieser Mann “N.N.”. Zu sagen, dies Gefühl heiße “Schmerz” & auch dies erkläre die Bedeutung des Worts sagt nicht daß beim Aussprechen oder Hören des Worts wenn es nicht stumpfsinnig geschehe eine Vorstellung des Schmerzes vorhanden sein muß; wie auch beim Aussprechen, Schreiben oder Hören des Wortes Kuh uns keine Vorstellung einer Kuh vorschweben muß, obwohl in gewissen Fällen der Übergang vom Wort zur Vorstellung gemacht werden muß Denke Dir den Vorgang beim Kaufen & Verkaufen von Kühen. Bei welchen Punkten des Vorgangs ist es wesentlich daß Einer sich eine Kuh vorstellt. Wenn wir dem Zahnarzt mitteilen wir hätten Schmerzen in welchen Fällen ist es nützlich daß er sich einen Schmerz vorstellt:
92v[1]
05.11.1937 Warum sagt man, ich müsse doch wissen ob ich das Wort verstehe oder nicht? Sagt man auch ich müsse wissen ob ich Schach spielen kann, ob ich weiß wie man den Bauer verwendet, wie man integriert? Muß ich wissen ob ich das Wort Integral verstehe? Kann ich mich hier nicht irren? Wie überzeuge ich mich daß ich das Wort Bauer verstehe? Wie würde sich das dennoch als Irrtum erweisen?
92v[2]
Bin sehr müde obwohl ich nicht sehr viel gearbeitet habe.
92v[3] &
93r[1]
Denke Dir ein Mensch wüßte nicht ob “gelb” die Farbe, oder jeden gelben Gegenstand bezeichne. Er würde also die hinweisende Definition richtig geben & doch die Anwendung nicht kennen. Oder, er wüßte daß dies “Rauch” heißt & glaubte aber daß jedes Aufsteigen eines grauen Schattens so heißt.
93r[2]
“Wenn Du einmal weißt was das Wort bezeichnet, verstehst Du es, kennst seine ganze Anwendung!”
93r[3] &
93v[1]
“Kannst Du das Gewicht heben?” “Ich weiß nicht – es wird sich zeigen.” Kannst Du noch Schach spielen? Ich weiß nicht es wird sich zeigen. Verstehst Du das Wort Baum? Ich weiß nicht; es wird sich zeigen. Kann man denn das sagen? – Aber wenn es sich um die Unterscheidung gewisser Pflanzen in Bäume & etwas anderes handelte, könnte ich da nicht zweifeln ob ich das Wort noch überall richtig anwenden kann? “Wie war es nur, welche Tiere galten den Juden als rein … ?” Wenn ich es nicht genau weiß, verstehe ich das Wort rein? Wer nicht sicher ist, ob er noch die Definition weiß, oder ganz weiß, kann der mit Sicherheit sagen ob er das Wort versteht?
93v[2] &
94r[1]
Jemand behauptet er könne etwas tun. Er versucht es nun & versagt. Unter was für Umständen kann er sagen: “als ich behauptete ich könne es, da konnte ich’s, nur jetzt kann ich es nicht.” & unter was für Umständen kann er das nicht sagen?
94r[2]
Wir sagen: “In diesem Augenblick verstand ich das Gesicht welches er meinte” & würden dies damit erklären: wir hätten in diesem Augenblick das Gesicht vor uns gesehen. Hier ist also das Verständnis ein Bewußtheitszustand. Ähnlich, wenn wir sagen: “Ja, als ich dieses Stück hörte, da verstand ich es.” Das Verstehen bestand im Folgen während wir es hörten.
94v[1] &
95r[1]
06.11.1937 07.11.1937 Ich habe es hier außerordentlich gut. Ich kann sagen es ist herrlich. Aber ich habe Furcht. Vor dem Tod & vor allerlei Unglück –. Wenn man der Welt absterben soll, so heißt das, man soll auf den Tod nicht stoßen sondern in ihn ohne Stoß eintreten. Bei jeder Freude könnte man sagen: aber wie werde ich von dieser Höhe herunter steigen, nicht fallen. Ich bin doch elend schlecht & fühle eben darum auch das nur theoretisch. Ich lebe nur an der Oberfläche; da spielt sich alles ab. Ich kann nie ‘nüchtern’ werden. Teils sentimental (oft äußerst billig) teils abergläubisch; ich torkle im Leben umher, sowie ich nicht sitze: Mein Arbeiten ist ein Sitzen. Dürfte ich mir wünschen nach dem Tod in einen Himmel zu kommen? Unmöglich! Das wäre so als gäbe man einem Kind eine Kostbarkeit, die es unmöglich schätzen kann.
95r[2]
08.11.1937 Von Hutt einen sehr deprimierenden Brief bekommen. Ich glaube er hat kein Herz, hat sein Herz sozusagen verspielt. Aber ich weiß nichts darüber.
95r[3]
Es ist seltsam, daß den Mathematikern, z.B. in der Mengenlehre, nicht vor ihrer Gottähnlichkeit bange wird.
95v[1]
09.11.1937 Aber, warum rede ich von Vorstellungen?! Auf den Befehl, etwas blaues zu zeigen, zeige ich auf einen Gegenstand. Wenn sich die Farbe – nach irgend einem andern Kriterium – in solchen Fällen immer als die selbe erweist, so ist es eben keine Erklärung dafür, zu sagen es schwebe mir ein Bild bei diesem Wort vor. Auch nicht wenn man annähme es schwebte mir das Bild ununterbrochen Tag & Nacht vor, denn wie weiß ich, daß es seine Farbe nicht ändert.
95v[2] &
96r[1]
Man könnte glauben, es kann ja auch eine private Sprache geben, die der Mensch etwa nur mit sich selbst spricht & in der kann er z.B. das Wort “blau” für die Farbe verwenden, die ihm bei dem Wort vorschwebt & braucht sich nicht darum zu kümmern ob Andre mit der Benutzung einverstanden sind oder nicht. Aber er wird sich fragen, was er mit dieser Sprache anfangen kann & ob wir sie dann auch noch Sprache nennen werden
96r[2] &
96v[1]
10.11.1937 Ich bin oft (täglich) wenn ich allein bin, von einer Art ausgelassenen Fröhlichkeit. Wär ich’s nicht, so würde mir mein Leben viel, viel schwerer fallen. Und doch sehe ich in dieser Lustigkeit nichts Gutes. Sie ist keine Vorbereitung auf den Tod: ich meine, wenn es zum Sterben kommt, wird sie mir fremd gegenüber stehen. Ich bin so schlecht auf den Tod bereitet, wie Einer, der im Theater sitzt & plötzlich im Stück herausgerufen wird, zu einer ernsthaften Sache. Dem wird das Stück, in dem er doch ganz gelebt hat, nun wie etwas ganz Fremdes & Gleichgültiges erscheinen, & es wird ihm keinerlei Hilfe sein bei der Sache die er nun zu besorgen hat.
96v[2] &
97r[1] &
97v[1] &
98r[1] &
98v[1] &
99r[1]
11.11.1937 Man kann sagen, eine Werkzeichnung ist das Bild des Gegenstandes, den der Arbeiter nach ihr machen soll.
Und man könnte hier “Projektionsmethode” die Art & Weise nennen, wie der Arbeiter so eine Zeichnung in die Tat umzusetzen hat. Man kann auch sagen, daß die Projektionsmethode zwischen der Zeichnung & dem Objekt vermittelt, von der Zeichnung zum Objekt reicht. Man vergleicht hier die Projektionsmethode mit Projektionsstrahlen die von einer Figur zur andern reichen. Und dies drängt den Gedanken auf daß das Bild mitsamt den Projektionsstrahlen nun nicht mehr verschiedene Anwendungen zulassen, sondern daß durch sie das Abgebildete obwohl es nicht vorhanden ist, doch in ätherischer Weise bestimmt ist, also in einem Sinne da ist. Bild in dieser Auffassung ist dann nicht die Werkzeichnung allein, sondern sie mit der Methode ihrer Verwendung. Und unter dieser Methode stellt man sich etwas vor was da sein kann auch wenn das Bild nicht wirklich verwendet wird. Wenn ich nun frage: Wie kann denn die Werkzeichnung als Darstellung verwendet werden, wenn sie nicht schon in irgend etwas mit Werkstücken dieser Art übereinstimmt; sie muß doch in irgend einem Sinne die Multiplizität des Werkstücks haben – so denkt man hier vor allem an spezielle Fälle der Darstellung, & nun vergleicht man, fälschlich, die ‘Art der Anwendung des Bildes’ Projektionsstrahlen. Die Brücke zwischen Zeichnung & Werkstück ist noch nicht geschlagen, ehe das Werkstück da ist. Wenn die Anwendungsart eine Brücke ist, dann ist sie eine die nicht geschlagen ist solange die Anwendung nicht gemacht ist. Die Projektionsstrahlen sind wohl eine Brücke aber sie sind nicht die ‘Anwendungsart’!
Frage ich nun: Wie kann denn die Werkzeichnung als Darstellung verwendet werden, wenn nicht schon eine Übereinstimmung mit dem was gemacht werden soll da ist. Aber was heißt das? Nun etwa dies: Wie könnte ich nach Noten Klavierspielen, wenn sie nicht schon irgend eine Beziehung zu Handbewegungen hätten. Und diese Beziehung besteht freilich manchmal in einer gewissen Übereinstimmung, manchmal aber nur in der Art & Weise wie wir die Zeichen anzuwenden gelernt haben. Um aber nun alle diese Fälle gleich zu machen dient die Verwechslung zwischen Projektionsstrahlen die das Bild mit dem Gegenstand verbinden & der Projektionsmethode. Man könnte nun wohl sagen die Projektionsstrahlen gehören noch zum ‘Bild’ aber nicht: die Projektionsmethode gehöre zum Bild. Man stellt sich also vor, die scheinbare gänzliche Verschiedenheit zwischen Befehl & Ausführung werde durch Projektionsstrahlen die zum Bilde gehören ausgeglichen, die keinen Raum mehr für eine Anwendungsart lassen. Es gebe vielmehr nur mehr Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit diesem Bilde.
99r[2]
“Die Möglichkeit der Übereinstimmung setzt schon eine Art der Übereinstimmung voraus.” Nicht immer.
99v[2]
“Die Möglichkeit der Übereinstimmung bedingt schon eine Übereinstimmung.” Denke, jemand sagte ‘Schachspielen können ist eine Art Schach-Spielen’.
99v[3] &
100r[1]
Man könnte sagen wollen: “Ein falscher Satz stellt die Wirklichkeit nur falsch dar, aber doch die Wirklichkeit. Eine falsche Beschreibung meines Zimmers beschreibt immerhin etwas mit meinem Zimmer vergleichbares. Das kommt darauf hinaus: Zwei verschiedene Längen haben immerhin mit einander gemein daß sie Längen sind; zwei Formen daß sie Formen sind; etc. Wenn das nicht völliger Unsinn sein soll so wäre es etwa eine grammatische Feststellung über die Ähnlichkeit der Verwendung gewisser Ausdrücke.
100r[2]
Kann heute schwer schreiben. Muß immer wieder verändern, durchstreichen. D.h., natürlich ich kann nicht ordentlich denken. Nun, möge es besser & nicht noch schlechter werden. –
100v[1]
– – – Ist kein Grund vorhanden so ist die Sache eben irrational & daher für uns nicht interessant. (Dem Gebrauch des Wortes “irrational” ähnlich der des Wortes “fallen” wenn wir sagen: “Wenn die Erde nicht irgendwie gehalten wäre, so müßte sie fallen”.)
100v[2] &
101r[1]
Mache diesen Versuch: Im Gespräch mit jemandem der Deutsch aber wie Du weißt kein Wort Englisch versteht, sagst Du plötzlich einige englische Sätze. Ihr redet etwa davon ob ihr mit einander die & die Tour machen sollt & Du sagst zu ihm plötzlich auf Englisch, wenn das Wetter schlecht ist willst Du nicht gehen. In diesem Fall würdest Du merken, wenn Dir das Englische auch vollkommen geläufig ist, daß Du den Satz nicht meinen kannst. Der einfache Satz dieser Dir wohlbekannten Sprache greift plötzlich nicht in Dich ein. Er läuft quasi in Dir leer.
101r[2]
101r[3]
“In wiefern geben diese Worte wieder was Du vor Dir siehst?”
101r[4] &
101v[1]
Schreibe außerordentlich unsicher! Es ist höchst peinlich. Ich bin beim Schreiben nervös & alle meine Gedanken kurz von Atem. Und ich fühle immer, daß ich den Ausdruck nicht ganz verteidigen kann. Daß er schlecht schmeckt.
101v[2]
12.11.1937 Was geschieht denn da, wenn man sein Gedächtnis befragt? (Denke nur nicht: das ist ein so geheimnisvoller geistiger Vorgang, daß man nur sehr Ungefähres über ihn sagen kann.) Was geschieht denn also? – Ich kneife meine Augen zusammen, sage etwa die Worte: “wie war das nur?” & lasse eine Reihe von Vorstellungen vorüberziehen. Und wenn ich sage “ich lasse” so heißt das nur ich begünstige den Vorgang durch Ruhe eine gewisse Stellung u. dergl..
101v[3] &
102r[1] &
102v[1] &
103r[1]
Was ist denn eine Mitteilung (gleichgültig ob ich mir oder ein Andrer mir etwas mitteilt)? Was wird mir mitgeteilt, was wird mir gegeben? Worte, nichts als Worte, & etwa Bilder – aber was hab’ ich von einem Bild? Aber irgendwie kommt uns vor daß wenn er mir eine, sagen wir, deutsche Mitteilung macht, er mir mehr gibt als bloße Worte, Laute. Und was denn mehr? Natürlich den Sinn. Aber was hab’ ich von einem Sinn, was immer er sein mag! er ist ja doch nur eine Beigabe der Worte. – Also ist die Mitteilung: “Es regnet” wirklich nichts als diese ganz uninteressanten Laute?! Daß sie mir eine Vorstellung vor die Seele ruft, die ist doch nicht besser als ein Landschaftsbild. Ich könnte Dir ja mit diesen Lauten auch ein Bild einer Regenlandschaft geben; aber auch das ist keine Mitteilung. Aber wodurch wird das alles zu einer Mitteilung? Nicht durch etwas was ihnen noch beigegeben wird, sondern durch einen Vorgang in dem die Worte nun in Umlauf kommen wie Münzen im Handel. (Es könnte Einer fragen: kriege ich denn wirklich nur runde Metallstücke mit Köpfen drauf, wenn ich bezahlt werde?)
103r[2] &
103v[1]
13.11.1937
Kann ich nun sagen, die Tagebuch-Notizen teilen ihm etwas mit? wenn nämlich aus ihnen seine ganze Sprache besteht. (Kann meine rechte Hand meiner linken ein Geschenk machen?) Warum soll es ihm nicht Vergnügen machen sie durchzugehen & sie gleichsam auf der Klaviatur seiner Erinnerung & Phantasie spielen zu lassen? – Oder, warum sollen sie ihm nicht etwas längst Vergessenes & Wichtiges in die Erinnerung zurückrufen, sagen wir ein Unrecht das ihm widerfahren ist & er nun rächen will. Und dann teilen ihm die Zeichen etwas mit. Aber wenn wir uns vorstellen daß sich diese Mitteilung in der Mehrzahl der Fälle als fiktiv erwiese, oder als unnütz, ist sie dann noch Mitteilung? Kann ich z.B. sagen der Traum teilt ihm etwas mit? Vielleicht: er sieht den Traum als Mitteilung an, wenn er etwa immer so handelt wie wir es täten, wenn uns eine Mitteilung gemacht wurde. Denke statt dem Tagebuch ein Bilderbuch. Kann es ihn nicht unterhalten?
104r[1] &
104v[1]
Teile ich mir etwas mit wenn ich auf dieses Papier sehend sage: “dieses Papier ist weiß”? Und was heißt es eigentlich “etwas zu sich selbst sagen”? Sagt man alles zu sich selbst was man ausspricht wenn niemand sonst zugegen ist? Aber kann man sich nicht ermahnen, sich selbst befehlen ja sich selbst fragen & antworten u.a.? Oh ja – man kann auch mit sich selbst Schach spielen, ja vielleicht sogar sich selbst Geld abgewinnen – wenn man nämlich diesen Worten einen Sinn gegeben hat. Denn das “kann man” in diesen Sätzen heißt doch: “tut man nicht das & das & nennt man es nicht so & so?” Und wenn ich in ein Haus komme wo ich erwartet habe andere Leute zu treffen, sage ich da nicht vielleicht zu mir selbst: “So bin ich also ganz allein. –” Und warum sollte ich das nicht eine Mitteilung nennen? Und wenn es mir seltsam vorkommt diese Worte so zu nennen – ist es nicht des andern Spiels wegen? weil ich sie nicht als Mitteilung verwende?
104v[2] &
105r[1]
Wenn die Mitteilung die eine Tagebuchseite ihm macht darin besteht, daß sie ihm den Verlauf eines Tages in Erinnerung ruft, wie wäre es wenn er zwar nie ein solches Tagebuch geführt hätte aber dasselbe Erlebnis beim Anblick irgendwelcher Striche – oder auch Bäume in einem Wald – hätte? Würden ihm die Bäume etwas mitteilen? Könnte man sagen, sie haben eine ähnliche Wirkung auf sein Gemüt wie eine Mitteilung?
Wenn z.B. Musik auf mich einmal diese Wirkung hätte – wäre sie eine Mitteilung?
105r[2] &
105v[1]
Will ich nicht sagen: “Mitteilung” nennt man vor allem, was man an unserer komplizierten Sprache & der Technik ihrer Verwendung so bezeichnet & in übermäßig vereinfachten Fällen ist es schwer zu sagen, was wir noch so nennen sollen & was nicht.
105v[2] &
106r[1] &
106v[1]
– – – Angenommen diese Zeichen wären seine ganze Sprache & wir hätten jene Deutung nur daraus geschlossen, daß er sie regelmäßig bei gewissen Gelegenheiten einträgt. Wozu kann er nun dieses ‘Tagebuch’ benützen? Etwa, um sich beim Lesen in der Erinnerung zu ergehen. – ich nehme an wir haben irgendwelche Kriterien dafür. Soll ich nun sagen: eine Eintragung wenn er sie wieder ansieht teile ihm etwas mit? Und worin besteht dies Mitteilen? In dem Erlebnis welches er beim Lesen hat & sagen wir in der Art & Weise wie es sich an das Zeichen knüpft, was immer das heißen mag. – – Aber wenn er dieses Erlebnis etc. beim Ansehen einer Anzahl Bäume hätte, würden sie ihm etwas mitteilen? Teilt mir Musik etwas mit, wenn … Und was ist denn ‘dieses’ Erlebnis? Warum sagst Du es sei einmal dasselbe wie ein andres Mal? Was ist das Kriterium der Identität? Haben wir denn darüber irgend etwas bestimmt? Was wir gesagt haben hängt gänzlich in der Luft, hat gar keine Anwendung. Es hat nur den falschen Anschein als hätte es eine weil wir Wörter unsrer Sprache gebrauchen, die schon eine – & zwar sehr komplizierte Verwendung besitzen. Es ist irgendwie als wollten wir von einem Hofrat bei den Eskimos reden, indem wir vergessen daß ein Hofrat dies nur in einer bestimmten komplizierten Gesellschaftsordnung ist. Und dem widerspricht es nicht daß ein Hofrat auch einmal bei den Eskimos leben könnte.
106v[2]
Angenommen selbst er zeichnete beim Anblick jedes Baumes eine Szene aus seinem Leben auf; können wir ohne weiteres sagen die Bäume teilten ihm etwas mit?
106v[3] &
107r[1] &
107v[1]
Wir sagen daß sich der & der in der Erinnerung an vergangene Tage ergeht. Er redet etwa von der alten Zeit. Redet, natürlich, in einer der existierenden Sprachen (macht gewisse Züge in einem äußerst komplizierten Spiel). Denke es fragt einer kann man nicht auch auf einem Brett rochieren daß nur eine Reihe von Feldern mit 4 Feldern hat? Ja aber kann er sich denn nicht auch auf andere Weise ‘in der Erinnerung ergehen’? Gewiß. Wir könnten ja auch einmal ein Schachproblem auf einem viertel Brett spielen. Aber wir würden was wir da tun nie so nennen, wenn es nicht zu einem großen System von … gehörte. Ja aber sind nicht das Wesentliche am Ergehen … eben gewisse innere Erlebnisse?! Gewiß! nur welche sind es? D.h.: warum & in welchen Fällen, mit welcher Rechtfertigung spricht man von diesem seelischen Erlebnis?
107v[2] &
108r[1]
Ist nicht das was die Münze zur Münze macht ein gewisser Wert? Gewiß! aber in welchen Fällen sagen wir zwei Münzen hätten “denselben Wert”, wie benützen wir – was heißen – diese Worte? Du bist in Unklarheit über die Grammatik des Ausdrucks “ein bestimmtes inneres Erlebnis” weil Du die vage Idee hast, Du könntest auf ein solches, wenn Du es hast in Dir weisen (es – mindestens für Dich – hinweisend definieren) & dann sei ja alles in Ordnung.
108r[2] &
108v[1]
Aber beurteilen wir nicht, daß etwas das gleiche innere Erlebnis ist, einfach durch die Erinnerung? Die Erinnerung ist wohl ein weiteres inneres Erlebnis –? Und was heißt es denn nach der Erinnerung ‘beurteilen’? Ist Beurteilen wieder ein inneres Erlebnis so weiß ich nicht wie ich endlich zur Benützung von Worten kommen kann. Heißt aber beurteilen bereits: etwas sagen so weiß ich nicht was es heißen soll mich mit dem was ich sage nach dem inneren Erlebnis richten, wenn die Regel fehlt nach der ich mich richte & die ja dann das innere Erlebnis dem Wort – in Form einer Tabelle etwa – zuordnen müßte.
108v[2]
Schreibe heute in außerordentlicher Hast & Nervosität. Das mag daher kommen, weil ich jetzt nicht gut schlafe. Und das vielleicht daher, weil ich so lange schon die Sonne nicht mehr gesehen habe. Vielleicht ist es auch eine kleine Verkühlung.
109r[1]
Man könnte sagen: Wir reden zweimal von demselben inneren Erlebnis, aus äußeren Gründen. Oder auch aus keinem Grunde.
109r[2]
Es heißt nichts zu sagen: ich gebrauche beidemale dasselbe Zeichen weil ich beidemale das gleiche Erlebnis hatte, außer wenn es eine Antwort auf die Frage gibt: “Welches Erlebnis?” Denn ist die Antwort auf diese Frage nur: “Das läßt sich nicht erklären” so ist auch nicht klar wie er das Wort “das gleiche” gebraucht.
109r[3] &
109v[1]
Selbst, wenn wir ein Kriterium für sein Erinnerungserlebnis haben, etwa daß er seine Erinnerungen beim Lesen des Tagebuches zeichnete würden wir noch nicht sagen, die Tagebucheintragungen teilten ihm etwas mit. Anders aber, wenn wir fänden daß er sich auf etwas besinnen will, nachschlägt, sich erinnert & etwa das nachgeschlagene nun verwendet.
109v[2] &
110r[1]
Fühle mich von meiner Arbeit heute & in den letzten Tagen unbefriedigt! Es sind noch Gedanken, aber sie sind gehetzt & ohne Ausdruck. Also ist das eigentliche Schöne an ihnen dahin. Ich möchte mich über mein Geschick beklagen! Ich will arbeiten, ich will nicht geprüft werden. Aber warum beruhigst du dich nicht? Sei nicht ehrgeizig! sondern denke langsam. Aber ich fühle mich gehetzt. Das Erste ist Beruhigung; aber es ist oft schwer sich zu beruhigen.
110r[2]
14.11.1937 Man spricht von “Lippengebet”– & was unterscheidet das Lippengebet vom echten? Doch das Fehlen der begleitenden Gefühle & Gedanken. Und hierin sind Rede & Musik gleich: man spricht von Einem der etwas gedankenlos herunterliest, ohne wirklich zu meinen was er spricht – & von Einem der ein Musikstück gedankenlos herunterspielt ohne wirklich zu meinen, was er spielt.
110v[1] &
111r[1] &
111v[1] &
112r[1] &
112v[1] &
113r[1]
– – Erst – wovon sprechen wir denn wenn wir sagen, er habe ein Erinnerungserlebnis z.B. beim Zeichen “A”? Welcher Art ist dieses Erlebnis? Was meinen wir, wenn wir sagen er habe zweimal beim Anschauen des Zeichens A das “gleiche” Erlebnis? Was ist hier Identität; wie wird dieses Wort von uns gebraucht? (Natürlich denken wir an Bilder, & den Gebrauch der Worte “das gleiche Bild”!) “Aber ich verstehe nicht: Du redest doch manchmal von der “gleichen Erinnerung” die Du bei der & jener Gelegenheit hattest!” Gewiß, nur wenn wir so reden so gibt es ja auch z.B. etwas was wir die Beschreibung der Erinnerung nennen; die Bestätigung daß unser Gedächtnis uns nicht getäuscht hat, den Austausch von Erinnerungen etc. etc. etc. Die Worte sind bei uns sozusagen nur eine Spielstellung eines sehr komplizierten Spiels. Und bedenke: zum Rochieren gehörte freilich nur eine Reihe von 6 Feldern & zwei Figuren aber heißt es Rochieren, wenn es nicht im Schachspiel geschieht? “Ja, aber ist denn nicht das Wesentliche im Fall der Erinnerung ein inneres Erlebnis?” – Gewiß, nur hast Du damit, daß Du es so nennst noch gar nichts gesagt. Oder: Du sagst damit nur daß man von ihm in irgendeinem Sinne sagen kann, der Andre wisse nichts davon. Aber das ist doch nicht genug um davon reden zu können. Nennen wir es ein inneres (privates) Erlebnis! aber die Frage ist: wie gebrauchen wir – der welcher das Erlebnis hat & der es nicht hat – die Worte “Erinnerungserlebnis”, “das gleiche Erlebnis” etc. Wie es kommt daß wir diese Worte gebrauchen können, obwohl wir, scheinbar, nicht wissen wovon der Andre redet, daß wird sich dann schon zeigen. “Aber wir kennen es doch von uns, was es heißt zweimal das gleiche Erlebnis haben!” Wir kennen was es heißt! Doch höchstens was wir jetzt (wenn das etwas heißt) so nennen! Und dann frägt es sich eben kommt es darauf an oder kommt es darauf nicht an daß wir Alle das gleiche so benennen? Und das ist es was wir, in diesem Sinne (in welchen das Erlebnis ‘privat’ sein soll) nicht wissen können, & worauf es also nicht ankommen kann. “Aber wir vermuten eben, gehen von der Hypothese aus, der Andere habe das gleiche Erlebnis wie wir.” – (‘Wie können wir es auch nur vermuten?’, möchte man hier antworten.) Aber diese ‘Vermutung’ liefe ja (– sozusagen –) leer. Eine Vermutung kann ja von etwas bestätigt, von etwas anderem entkräftet werden etc.; aber diese, der Voraussetzung nach, nicht. Wenn wir z.B. so eine Vermutung aussprechen so kann dies gar keine praktischen Konsequenzen haben. Sie wäre ein Spiel mit Worten oder Bildern gänzlich abgekapselt von unserem sonstigen Reden über eigene & fremde Erlebnisse & daher etwas was wir nie “Vermutung” oder “Hypothese” nennen würden. Es wäre etwa der Vermutung zu vergleichen daß der Geist eines Menschen in einem cm³ Platz hat.
113r[2] &
113v[1]
Die Wahrheit ist, daß Du von der – richtigen – Voraussetzung ausgehst, daß wir den Gebrauch der Ausdrücke für ‘innere Erlebnisse’, wie “Erinnerung”, etc., etc., kennen. Und nun gibst Du vor, die Grammatik dieser Ausdrücke sei eine solche, wie sie aus gewissen bildhaften Redeweisen (inneres Erlebnis etc.) zu vermuten wäre. Und Du schließt, daß diese gemutmaßte Grammatik, die aber mit der wirklichen keine Ähnlichkeit hat, ganz in der Ordnung sei, weil, wie wir ja alle wissen, diese Ausdrücke sich im Leben sehr wohl brauchen lassen.
113v[2] &
114r[1] &
114v[1]
“Aber ich kann doch vermuten daß ihm, beim Ansehen des Zeichens D, ein Bild eines Erlebnisses vor die Seele tritt.” Gewiß! Und um die Sache noch klarer zu machen, will ich sogar annehmen, daß er in den Anblick eines Zeichens versunken, ein Bild (etwa) einer bestimmten Situation mit Bleistift auf Papier zeichnet. So daß auch wir es sehen können. – Nun soll es ja aber nicht das Charakteristikum des Erinnerungsbildes als solches sein, daß es mit dem übereinstimmt was nach den Aussagen & Erinnerungen Anderer, & nach anderen Kriterien damals geschehen ist. Denken wir uns also wir hätten den Mann beobachtet, sähen was er zeichnet, & er zeichnet beim Anblick von B. jedesmal etwas anderes hin. – Oder, jedesmal das Gleiche, aber etwas was nicht mit der damaligen Situation übereinstimmt. Sollen wir jetzt noch sagen, es teile ihm etwas mit. Wie seltsam das eine Mitteilung zu nennen! Aber auch angenommen; er zeichne jedesmal das auf was nach unsrem Zeugnis damals geschehen ist – würden wie das wirklich Mitteilung nennen? Denke vielmehr was noch dazukommen müßte damit wir hier von Mitteilung sprechen würden! Es wären eine Reihe weiterer Anwendungen.
114v[2] &
115r[1] &
115v[1]
“Aber Du hast die Sache nicht richtig dargestellt. Du sagst er zeichnet Bilder – aber das ist ja nicht, was wir Erinnerungserlebnis nennen. Du mußt davon ausgehen, daß er das typische Erinnerungserlebnis hat.” Aber das heißt doch, daß, wenn ich von ihm sage, daß er es hat, ich das Wort “Erinnerungserlebnis” so gebrauchen muß wie sonst. Und da habe ich ja eben Kriterien dafür, daß Einer ein solches Erlebnis hat & woran er sich erinnert ohne alle solche Kriterien hätte ja das Wort gar keinen Gebrauch. Ich muß mir also in diesem Fall auch irgend etwas so einem Kriterium ähnliches konstruieren. “Nein! denn für Dich selbst brauchst Du ja auch kein äußeres Kriterium um sagen zu können Du habest das & das Erlebnis.” – Ich brauche kein äußeres, aber auch kein inneres Kriterium. Wenn ich ein solches ‘inneres Erlebnis ausdrücke’ so ist es eben dieser Ausdruck der im Spiel fungiert & ich muß um für den Andern etwas Analoges anzunehmen, annehmen, daß er auch einen Ausdruck gebraucht den man Ausdruck des Erinnerungserlebnisses nennt. “Aber Du kannst doch auch ein solches Erlebnis haben, ohne es auszudrücken!” Dadurch kommst Du nicht weiter. – – – –
115v[2]
Ich sage nicht “ich habe Schmerzen” ‘weil ich ein bestimmtes Erlebnis habe’ das heißt gar nichts wohl aber etwa: weil ich Zahnschmerzen habe, im Gegensatz zum Fall, wo ich es sage, um freundlich behandelt zu werden, oder weil es in einem Theaterstück vorkommt, etc. etc..
115v[3]
“Du kannst doch ein solches Erlebnis haben, ohne es auszudrücken. Wenn Du das zugibst, warum soll er nicht das gleiche Erlebnis haben?”
116r[1] &
116v[1]
15.11.1937 Ich gebe alles zu, wenn ich nur weiß, was ich zugeben soll. Was ist hier aber das ‘gleiche’ Erlebnis. Wie messen wir zwei solche Erlebnisse gegen einander: dies gehört ja doch dazu daß ich sagen kann das & das ist das gleiche Erlebnis! Wenn Einer sagt: “diese zwei Banknoten haben den gleichen Wert” so verstehe ich ihn doch nicht, wenn ich nicht weiß welcher von den vielen möglichen Kriterien des ‘gleichen Wertes’ er meint. Du hast nun hier das gewöhnliche Kriterium der Gleichheit die gewöhnliche Waage auf der wir sie mit einander vergleichen ausgeschaltet indem Du sagst er besitze keinen Ausdruck. –
116v[2]
Aber er könnte ja später einmal sagen: Ich habe damals das & das erlebt. Freilich: dies ist uns unter normalen Umständen ein Kriterium dessen was er erlebt hat. Aber auch nicht immer. “Ich erinnere mich von meiner Geburt das & das geträumt zu haben.” Wenn er es also später sagt so ist damit noch nicht gesagt, daß wir das als Zeichen eines früheren Erlebnisses nehmen.
116v[3] &
117r[1]
Du tust ganz dasselbe was Einer täte der mir sagte: Du gibst doch zu, daß es hier 5 Uhr sein kann auch wenn Du nicht gerade auf die Uhr schaust; also kann er doch auch auf dem Mars 5 Uhr sein. Du vergißt, was Einstein wie ich vermute die Welt gelehrt hat: daß die Methode der Zeitmessung zur Grammatik der Zeit-Ausdrücke gehört.
117r[2] &
117v[1]
Ja so präokkupiert sind wir mit unsern Spekulationen über die Grammatik … Wörter, daß wir die einfachsten Tatsachen des wirklichen Gebrauchs ganz vergessen. So hört man z.B.: Ein Mensch könne nur wissen daß er Schmerzen hat nicht aber daß der Andere sie habe. Während doch niemand auf der Welt sagt: ‘Ich weiß daß ich Schmerzen habe’ wohl aber “Ich weiß daß er Schmerzen hat”. Und auf die Frage “Bist Du sicher daß Du Schmerzen hast würde man (außer in ganz ausnahmsweisen Umständen) nur antworten: “Ich weiß nicht was Du meinst”.
117v[2] &
118r[1]
Wenn jemand, den wir einer Lüge für unfähig halten uns versichert er habe sich mit einem Jahr an seine Geburt erinnert & er erinnere sich jetzt an diese seine Erinnerung so würden wir zwar nicht sagen er lüge, wohl aber, daß wir nicht wissen, was wir mit dieser Mitteilung anfangen sollen. Wir würden in so einem Falle etwa sagen: Ich weiß nicht was Du jetzt für Erinnerungen hast & was das damals für Erinnerungen waren ich glaube das ganze ist irgend eine Einbildung. Nur wenn sich solche Erinnerungsaussagen als wahr erwiesen & man mit Sicherheit wüßte, daß er die Tatsachen aus keiner andern Quelle habe erfahren können, würde man hier sagen der Mensch erinnere sich an seine Geburt. Aber wie, wäre man sonst der Meinung seine Erinnerung täusche ihn? Nein. Man würde in diesem Falle sagen, er bilde sich nur ein Erinnerungen zu haben & habe etwa nur Träume oder Phantasiebilder.
118r[2] &
118v[1]
Nun angenommen, jener Mensch, der das Tagebuch führte, lerne später eine Sprache & teile uns dann mit, es seien damals, beim Lesen des Tagebuchs Erinnerungen an ihm vorbei gezogen, so wäre diese Mitteilung, wenn wir nicht noch mehr von dieser ‘Erinnerungen’ hörten, von der Art & Weise etwa, wie er sie angewandt hat, noch mit Reserve aufzunehmen. Denn wir wissen z.B., daß ein Hauptelement dessen, was wir Erinnerungen nennen, die Sprache mit ihrer ganzen Verzweigung, hier fehlte.
118v[2] &
119r[1]
Und wenn ich sagte die Mitteilung sei mit Reserve aufzunehmen, so hieß das, man könne auf diese Mitteilung allein (ich ziehe die Möglichkeit der Lüge nicht in Betracht) nicht das bauen, was man auf eine ähnliche Mitteilung unter gewöhnlichen Umständen bauen kann. Man muß hier vielmehr sagen: “Er sagt diese Worte (z.B.: ‘ich erinnere mich an …’) & er lügt nicht, aber was sie (hier) bedeuten weiß ich nicht.” D.h. ich weiß nicht was ich mit ihnen anfangen kann.
119r[2] &
119v[1] &
120r[1] &
120v[1] &
121r[1]
Mir ist in diesen Tagen etwas Trauriges geschehen: Ich hole immer meine Milch bei der Anna Rebni & ich glaube, ich kann sagen, wir waren vom ersten Augenblick gute Freunde. Mir wenigstens schien & scheint es so. Sie war immer sehr freundlich mit mir & ich in meiner Weise mit ihr. Vor ca. 2 Monaten (oder schon vorher?) merkte ich eine Veränderung ihres Benehmens gegen mich. Aber ich war gar nicht sicher, schob es auf dies & jenes, bis vor ca. 2 Wochen; da dachte ich: nein nun ist doch kein Zweifel, es ist eine Veränderung & ich muß sie fragen was der Grund ist. Ich wartete noch etwa eine Woche dann fragte ich. Ich hatte mir allerlei Vermutungen gemacht; aber hätte man mir erlaubt hundertmal zu raten so hätte ich nicht ihre Antwort erraten. Sie sagte nämlich ich habe ihr mit dem Stock gedroht. Ich trage nämlich immer einen Gehstock, und es ist meine Gewohnheit, wenn ich jemand sehr gern habe & auf gutem Fuß mit ihm stehe im Spaß, gleichsam, wie man jemand auf den Rücken klopft, mit der Faust oder dem Stock zu drohen. Es ist eine Art der Liebkosung. Das mußte sie natürlich wissen, denn es geschah ja nur, wenn wir beide lachten & freundlich waren. Dennoch könnte ich verstehen daß sie es einmal oder öfters übelnahm – aber nicht daß sie darum ihr Benehmen gegen mich änderte & lieber kalt & fremd war, als etwas zu sagen. Natürlich ist es möglich daß ich ihre Freundschaft, ich meine, ihre Zuneigung zu mir überschätzt habe. In gewissem Sinne: schrecklich, wenn es so war, wenn ich so wenig Gefühl, dafür habe, daß ich mich so irren kann! Und doch kann ich, wenigstens unmittelbar, nichts dafür. Habe ich ein falsches Gefühl, so habe ich es– Ich schrieb ihr am nächsten Tag einen Brief, in welchem ich ihr die Lage noch einmal erklärte & ihr Benehmen gegen mich tadelte. Ich erhielt keine Antwort. – Ich halte es für möglich, daß der Grund den sie mir gab nicht der eigentliche, oder nicht der einzige war obschon ich mir schwer einen anderen, d.h. überhaupt einen denken kann, der mir irgendwie plausibel klingt. –
121r[2]
Das Gebiet in dem wir uns hier befinden gilt mit Recht als eins der schwersten der Philosophie; darum nämlich weil die Oberflächengrammatik hier ungemein irreleitend ist & der Boden von den unzähligen einander kreuzenden Wagenspuren der philosophierenden Menschen so aufgewühlt ist daß es beinahe unmöglich ist hier irgendwelche Wege zu erkennen.
121r[3] &
121v[1] &
122r[1]
Wollte man von einer persönlichen Erfahrung reden in einem Sinne in welcher ihre Grammatik vom Ausdruck der Erfahrung ganz unabhängig wäre, dann wäre es ganz gleichgültig, was für eine solche Erfahrung wir hinter dem Ausdruck stehend annähmen & gleichgültig ob wir annähmen ich erkenne sie richtig oder falsch wieder. Ich mag mich in diesem Sinne immer wieder irren wenn ich sage ich habe Zahnschmerzen, weil ich jedesmal eine grundverschiedene Erfahrung habe; aber es macht gar nichts. – Was ist das aber für ein Sinn des Wortes persönliche Erfahrung der so funktioniert? Woher nehmen wir ihn; wie entsteht er?? Ist es nicht dies, daß wir das Wort “Schmerzen” z.B. als Bezeichnung, Name, eines Wesens, Gegenstands, betrachten, das hinter dem Ausdruck steht, der natürliche Ausdruck ist eine Begleiterscheinung durch die wir das Erlebnis faute de mieux indirekt erschließen und nur in uns selbst sehen wir beide nebeneinander.
122r[2] &
122v[1]
Immer wieder möchte man sagen: “Ich sage “ich habe Schmerzen” weil ich das & das Erlebnis habe welches ich wiedererkenne & dem der Name Schmerzen gegeben wurde”. Aber worin besteht das Wiedererkennen? ist es wieder ein Erlebnis, das ich wiedererkenne? & ist das Erlebnis des Wiedererkennens also mit dem Schmerz, so daß man etwa sagt: “oh das ist ja ein Schmerz!” Erkenne ich die Farbe Blau wieder, wenn ich sie sehe, als die die ich oft gesehen habe? Und wenn ich mich darin irrte? Ist nicht überall der Grundirrtum der: als könne man auf das private ‘Erlebnis’ für sich selbst zeigen. Als hätte eben die Sprache zweierlei Sinn: einen öffentlichen & einen privaten. Der private bestünde nur darin zu Erlebnissen Laute auszustoßen, einen Lärm zu machen. Denn ein Sprachspiel kann man mit der ‘privaten Sprache’ nicht spielen.
122v[2] &
123r[1]
Denn für den öffentlichen Gebrauch des Wortes Schmerz gibt es gewisse Regeln; während wir uns denken, das Wort sei an ein gewisses inneres Erlebnis gebunden.
123r[2]123v[1]
Aber Du hast doch gewiß ein inneres Erlebnis wenn Du ohne zu lügen sagst Du hast Zahnschmerzen! – Ja ich gehe noch weiter & sage ich habe das Erlebnis der Zahnschmerzen. Du mißverstehst das Sprachspiel: Es heißt überhaupt nichts zu sagen: ich nenne das private Erlebnis “Schmerzen”. Denk Dir wieder ein Tagebuch & die Aufzeichnung privater Gefühle: Das Wiedererkennen zeigt ihm ja nicht, daß dies dasselbe Gefühl ist welches er hatte, sondern es ist nun bloß ein neues inneres Erlebnis. Aber wir dürfen dafür eigentlich nicht das Wort “Wiedererkennen” gebrauchen, denn dies war für gewissen öffentlichen Gebrauch bestimmt. Also müßten wir ihm einen neuen Namen geben, mit dem aber nichts anzufangen ist. Er kann ein Zeichen in das Tagebuch eintragen & die Zeichen wieder anschauen & mehr wissen wir nicht von dem was vorgeht zu sagen. Aber ist das ein Tagebuch?
123v[2] &
124r[1]
Wenn man sagt das Wort “Zahnschmerzen” bezeichnet ein inneres Erlebnis so heißt das nicht, es sei da einem Etwas, welches vor Andern verborgen ist mir aber bekannt ist ein Name gegeben worden. Wenn man sagt es sei da ein Gefühl das den ‘Namen’ “Zahnschmerzen” habe so ist das ganz irreleitend.
124r[2] &
124v[1]
Wie kann man denn dem privaten Gegenstand einen Namen geben? Was heißt es, den privaten Gegenstand wiedererkennen? Wohl dasselbe wie ihn wieder zu erkennen glauben? “Wiedererkennen” hat eben schon gewisse öffentliche Kriterien. Und dies löscht gleichsam die Sprache ganz aus, als wäre sie abgedreht worden. Wir sind ganz im Dunkeln. Wir werden gewahr, daß das Wort “rot”, z.B., nur in unsrer öffentlichen Gebrauchsart ein Wort ist, daß, so wie wir uns ins private zurückziehen die Sprache eben aufhört; das Wort “rot” z.B. seinen Gebrauch verliert. Es ist beinahe als wollten wir die eigentliche Farbe sehen, indem wir alle Lichter ringsum auslöschten. Denn diese sagen wir uns beeinflußten ja die Farbe, ich kann also nie die eigentliche Eigenfärbung sehen solange fremdes Licht auf sie fällt. Eben ein Mißverständnis über den Gebrauch der Wörter “Farbe des Gegenstandes”.
125r[1] &
125v[1] &
126r[1] &
126v[1] &
127r[1] &
127v[1]
16.11.1937 Der Fehler sitzt am tiefsten dort, wo wir glauben, ein Erlebnis, einen Schmerz z.B. für uns selbst hinweisend Erklären, benennen, zu können. Ich habe etwa Zahnschmerzen & sage mir: das will ich … nennen. Wir vergessen daß dies absolut nichts heißt in keinem Sinne eine Namengebung ist, wenn nicht dem Wort eine Verwendung gegeben ist. Ist der Akt des Benennens in einem Falle das ankleben eines Namenszettels auf einen Körper also eines Stückes Papier auf dem etwa irgendwelche Striche gezogen sind so ist doch klar daß so was an sich uns gar nicht interessieren kann & nur Interesse gewinnt durch die Verwendung im Spiel dieser Striche. Aber ganz so ist es ja auch hier. Dem Schmerz einen Namen geben bestand also darin, irgendwelche Laute auszustoßen während wir Schmerzen hatten. Wie soll uns das interessieren. Wieder nur durch den Gebrauch dieser Laute. – Aber erstens denkt man, die Namengebung bestehe nicht in diesen äußerlichen Dingen, sondern in einem speziellen seelischen Akt des Meinens der das Ausgesprochene in eigenartiger Weise an das Gemeinte heftet. Aber selbst wenn es so etwas gäbe worin liegt das Interesse für uns dieser Verbindung eines Lauts mit etwas anderem? – Aber der Fall beim Benennen des Schmerzes liegt noch anders als der des Benennens des Körpers & das wird sich in Gebrauch der Definition zeigen müssen. Denn wenn ich z.B. dieser Feder den Namen A gebe, so ist mir die Definition ein Mittel um vom Namen A wieder auf etwas anderes, ein Muster, zurückgreifen zu können. Aber wenn ich nun dem Erlebnis einen Namen gebe, wie greife ich denn vom Namen auf seinen Träger zurück, auf das, was ich benannt habe? Die Definition sollte mich ja zurückführen aber hier ist ja nur eine Hälfte der Definition, sozusagen, erhalten geblieben. Was mich zurückführt, ist also mein Gedächtnis; aber nun nicht in dem Sinne, in welchem es noch durch andere Tatsachen kontrolliert werden kann & man von richtiger oder falscher Erinnerung reden kann, sondern, sein Ausspruch ist hier allein maßgebend. Wir müssen also hier sagen: Die Definition die ich jetzt gebe ist die gleiche die ich damals gegeben habe, wenn mein Gedächtnis es mir sagt. Aber auch das ist noch irreführend, denn so scheine ich wenigstens einen allgemein anerkannten Führer oder Gewährsmann, nämlich das Gedächtnis zu haben; aber so ist es auch nicht, da ich keinen Grund habe das Erlebnis “Gedächtnis” zu nennen, außer durch einen Prozeß der mich in eine endlose Regression führt. Mein Erlebnis konnte mir also kein Recht geben jetzt dies Wort zu gebrauchen & so hängt das Wort nun frei in der Luft & es ist weder abgeleitet worden noch wird von ihm etwas abgeleitet. Aber hast Du damit nicht den Stab über den Gebrauch aller solcher Wörter wie ‘Schmerz’ etc. gebrochen? Durchaus nicht. Ich habe nur gesagt mein Gebrauch solcher Wörter ist nicht “innerlich” begründet. Vielmehr fängt das Sprachspiel mit dem Aussprechen (etc.) dieser Wörter an. Du nahmst an die Erde ruhe auf einem Etwas & müsse dies tun um nicht herunterzufallen; ich sagte: erstens wenn Du so ein Etwas annimmst so führt Dich das nicht weiter weil dies wieder auf etwas ruhen mußte etc. Zweitens die Erde ruht zwar auf nichts aber damit ist nicht gesagt daß nun die Häuser auf ihr unsicher sind, vielmehr sind sie sicher weil sie auf der Erde ruhen. Dagegen ist bei der Erde von dieser Sicherheit oder Unsicherheit, vom Stehen oder Fallen nicht die Rede. Du sahst es falsch: Du sahst Erde & Häuser gleichsam wie ein Haus dessen Fundament durch einen Dunst verhüllt ist, & das wir nun suchen.
128r[1]
Fühle mich nicht wohl. Teils wegen der Kälte. Teils bedrückt mich die Angelegenheit mit Anna Rebni. Auch arbeite ich nicht wirklich gut. Heute Nacht onaniert; traurig aber wahr.
128r[2] &
128v[1]
Aber man möchte doch immer sagen: Es ist wesentlich, daß man beim Aussprechen von Sätzen wie: “ich habe Schmerzen” ein diesem entsprechendes Erlebnis haben soll! Und daß dieses Erlebnis die Worte bestimme. Gewiß. Unwahr ist nur, daß man auf das Erlebnis in sich selbst zeigen könne es mit “dieses Erlebnis” bezeichnen kann (außer das Zeigen hat öffentlichen Sinn). Die Verwechslung ist die zwischen dem Hinweisen auf etwas & dem Konzentrieren der Aufmerksamkeit auf etwas. Obwohl das erste mit dem zweiten verbunden ist so ist das zweite nicht das erste.
Die Worte die ich zu mir selbst spreche “ich meine mit “Zahnschmerzen” dieses Erlebnis” können eine Einübung im Gebrauch des Wortes sein, aber keine Definition. Ob die Einübung aber die rechte Wirkung hat (daß nämlich das Wort dann richtig gebraucht wird) kann die Einübung selbst nicht zeigen.
129r[1]
Ich könnte mir also wenn ich Zahnschmerzen habe das russische Wort für “Zahnschmerzen” einprägen indem ich immer vor mich hin sage das sind … Ebenso könnte ich mir das russische Wort für blau dadurch einprägen daß ich es wiederhole & mir die Farbe Blau vorstelle. Aber dadurch gebe ich mir keine Definition dieser Wörter. – So könnten sie mir ja auch nicht erklärt worden sein! Ich könnte nun auch eine hinweisende Definition von “blau” oder seinem russischen Äquivalent geben & da würde es sich zeigen ob ich mir die Wörter nicht eingeprägt hatte. Die Definition aber ist etwas öffentliches.
129v[1] &
130r[1]
Ich kann ein Wort dem Sprachgebrauch gemäß oder nicht gemäß gebrauchen. Und ohne einen Sprachgebrauch kann man sagen – gibt es keine Sprache. Der Sprachgebrauch ist eine Regelmäßigkeit. Aber – kann man fragen – gibt es nicht auch eine rein subjektive Regelmäßigkeit? Die Regelmäßigkeit der rein subjektiven Erlebnisse über die nur ich selbst Bescheid wissen kann? Wohl; aber es fragt sich wie wir nun das Wort “Regelmäßigkeit” gebrauchen, ob es auch subjektiv sein soll was ich so nennen will oder ob das objektiv festgestellt werden soll.
130r[2] &
130v[1] &
131r[1]
Was das Wort “Regelmäßigkeit” – z.B. – bedeutet erkläre ich mir so, wie ich es auch einem Andern erkläre. Soll diese Erklärung nicht mehr gelten, so liegt auch kein Grund vor, dieses Wort zu gebrauchen. Ich kann zwar mit mir allein ein Spiel spielen, aber was ich so nenne, erkläre ich mir mit der gleichen Art von Erklärung wie einem Andern. Ich kann zwar etwas subjektiv grün sehen, was ein andrer rot sieht, aber was diese Worte beschreiben, daß muß ich Dir so gut erklären können wie mir. Ja wenn meine Erlebnisse in dem Sinn privat sind, daß ich sie niemand Anders sehen lasse, dann kann ich wohl allein ein jedes Anderes unbekanntes Sprachspiel mit ihnen spielen. Aber das Wort “Sprachspiel” muß zuvor öffentlich erklärt worden sein. Aber jenes private Sprachspiel ist dann eben unerklärt (wird ganz geheim gehalten). Es ist durch nichts beschrieben, was wir sagen können, da wir weder dem Andern zeigen können, was wir meinen, noch uns selbst, da man ja Mitteilung etwas anderes nennt. Aber wie ist es möglich, daß es kein privates Analogon zum Sprachspiel geben soll? Denk Dir ein subjektives Analogon zum Lesen eines Buches. Ja man kann wohl sagen: es ist das Zuordnen von Wortvorstellungen zu Buchstabenvorstellungen. Aber hier sind “Laut” & “Buchstabe” & “Vorstellung” doch öffentliche Wörter. Wir nennen das Ausstoßen von Lauten, worüber wir sonst nichts wissen nicht “Sprache”. Und Dein ‘subjektives Sprachspiel’ wäre nur das. Denn auch der sie ausstößt ‘weiß’ nichts weiter von ihnen, – wie wir das Wort “weiß” gebrauchen.
131r[2]
Die subjektive Regelmäßigkeit ist objektiv definiert (erklärt).
131v[1]
Bin außerordentlich mißmutig. Ich möchte immer sagen: Wozu die ganze Qual? Jede Freude scheint nur eine Vorbereitung zu einer neuen Qual zu sein.
131v[2]
17.11.1937 Wir haben, in Betreff der Grammatik eines Wortes ein Vorurteil. Dieses, gestützt auf mancherlei Erscheinungen der Oberflächengrammatik, ist so mächtig, daß es der raffiniertesten Methoden bedarf davon los zu kommen. (In der Mathematik speziell wird die Oberflächengrammatik eigens daraufhin eingerichtet Mißverständnisse zu erzeugen.)
132r[1]
So ein Vorurteil nun ist (z.B.) die Idee die Vorstellung sei ein Bild (welches nur der Vorstellende selbst sieht) d.h.: das Wort “Vorstellung” habe die Grammatik des Wortes “privates Bild”. Dies ist unser Vorurteil & wir können, solange es anwesend ist, den Gebrauch des Wortes “Vorstellung“ (& verwandter Wörter) nicht verstehen.
132r[2] &
132v[1]
Wie benennt man denn (nun) eine Vorstellung? Etwa so: man hat sie gerade, konzentriert die Aufmerksamkeit auf sie & spricht dabei die Worte: “das soll ‘Zahnschmerzen’ heißen”. Ist sie nun benannt? Und wozu hilft uns dieser magische Vorgang? Wir vergessen ja ganz wozu das was wir Benennen eines Gegenstandes nennen eigentlich dient. Es ist als ernennten wir Puppen oder auch andere Gegenstände zu Leutnants, Hauptleuten & Generälen, indem wir ihnen die Distinktionen dieser Chargen anhefteten.
132v[2] &
133r[1] &
133v[1] &
134r[1]
Denken wir uns diesen Fall: Ich notiere mir für den Arzt gewisse Zustände, z.B. Schmerzen, Übligkeitsgefühle. Ich trage dazu in meinen Kalender gewisse Zeichen ein. Ich nenne ein Gefühl ‘S’ eines ‘T’ eines ‘U’. Wie benenne ich meine Gefühle so? Ich denke mir einmal, wenn ich eines von ihnen habe: das will ich immer mit ‘S’ bezeichnen; etc.. Wozu dienen mir die Zeichen? Ich zeige dem Arzt den Kalender & sage: sehen sie an den & den Tagen bei den & den Gelegenheiten habe ich diese Zustände gehabt. – Aber nun wird er mich doch fragen: “Aber was für Zustände waren es denn? Und kann ich sie für ihn beschreiben so muß ich es nun in öffentlichen Ausdrücken tun. Kann ich aber nichts darüber sagen so wird er nichts mit den Zeichen anfangen können. Aber ist das wahr? Wenn er z.B. ein Irrenarzt ist, könnte es ja von großer Bedeutung für ihn sein, daß ich ihm gerade diese Art der Mitteilung mache. Aber in welchem Falle bin denn ich? Für mich ist es doch wohl eine Mitteilung, daß ich S an diesem Tag gefühlt habe, weil ich mich daran erinnere, was ich “S” genannt habe. – Aber warum sage ich, ich ‘erinnere’ mich daran? Wie weiß ich, daß das was ich tue, das ist was man ‘erinnern’ nennt? Die Antwort kann nicht sein: “Weil ich das Erlebnis der Erinnerung daran habe daß ich das Wort früher so gebraucht habe.” Die Rechtfertigung könnte nur eine äußere sein, denn sie ist entweder eine Erklärung durch Worte oder durch Muster.
134r[2]
Man könnte es auch so sagen: Man kann die Vorstellung nicht als Muster nehmen, denn sie wäre dann wie ein Muster das zerstört würde also keinen Nutzen hat. Die Erinnerung aber kann mir nur insofern helfen, als sie als ‘Erinnerung’ beglaubigt ist.
134r[3]
Warum nennst Du es denn Sprache, was du treibst?
134r[4] &
135v[1]
Ich kann freilich eine Sprache auch in der bloßen Vorstellung sprechen & gebrauchen, z.B. im Traum, aber warum nenne ich es denn mit diesen Worten? Hat das eine Begründung, – dann besteht sie aus Worten & Zeichen. Hat es keine Begründung für einen Andern dann hat es auch keine für mich & dann ist der Anfang des Sprachspiels daß ich gewisse Wörter ausspreche. Und das ist in Ordnung.
134v[1] &
135r[1]
Zu untersuchen ist, unter welchen Umständen eine Annahme, d.h. der Ausdruck einer Annahme, Sinn hat. (Ich nehme z.B. an, daß alle Menschen die ich sehe fürchterliche Schmerzen haben, es aber nicht zeigen.) ‘Eine grundlose Annahme’. Was nennt man “etwas annehmen”? Einen Bewußtseinszustand? das Aussprechen der Annahme? eine gewisse Handlungsweise? Was heißt es eine halbe Stunde lang annehmen daß jemand Schmerzen hat? “Ich kann doch annehmen, es habe Einer Erinnerungen!” – Wie nimmt man das an; was für ein Spiel spielt man mit dem Ausdruck so einer Annahme? Sagen können wir es natürlich & auch die & die Empfindungen dabei haben. Aber ist das alles, was zum Annehmen gehört? Es fehlt doch offenbar noch etwas.
135v[2]-relocated
Unwohl. Große Kälte. Der Fjord ist weit hinaus gefroren & der See beginnt zuzufrieren & ich fürchte mich davor eingeschlossen zu werden. Habe Magenschmerzen in einer Weise, wie ich es eigentlich nicht gewohnt bin.
135r[2] &
136r[2] &
136v[1] &
137r[1] &
137v[1]
Ich könnte ja sagen: Wenn jener Mann der das Tagebuch führt beim Lesen desselben Erinnerungen hat, dann teilt ihm das Tagebuch etwas mit. – – Aber nun fragt es sich noch: Wann sagen wir, daß er ‘Erinnerungen hat’. Wenn darauf zur Antwort kommt: “Wenn er ein gewisses inneres Erlebnis hat”, so
18.11.1937 ist das natürlich noch keine Erklärung, denn nun fragte es sich: “welches innere Erlebnis”. (Diese ‘Erklärung’ läßt es fälschlich so erscheinen als könne man zur Antwort auf etwas zeigen.) Und wann sagen wir: Einer habe das & das innere Erlebnis? “Aber haben wir hier nicht eher einen Fall, wo wir zwar wissen was es heißt, er habe das & das Erlebnis, obwohl wir keine Möglichkeit haben mögen, darauf zu kommen, ob er es hat.” Du vergleichst den Fall also offenbar dem der Annahme er habe, sagen wir eine Uhr, obgleich wir keinerlei Möglichkeit besitzen festzustellen ob er eine hat. Zwei Spiele: das eine etwa Dame das andere ein Spiel welches so eingerichtet ist daß jede Partie notwendigerweise remis werden muß. Im Damespiel gibt es auch Partien die so ausgehen; würden wir aber nicht dennoch zweifeln, ob wir das andere ein ‘Spiel’ nennen sollen. Es kommt dabei eben nicht nur auf den Ausgang dieser einen gegenwärtigen Partie an. Ob nämlich jene Annahme, daß er eine Uhr hat Sinn hat, wird z.B. drauf ankommen, wie es ausgeschlossen ist, daß wir die Tatsache erfahren. Wir können auch diese Annahme so abkapseln, daß sie sinnlos wird, obwohl dabei immer bestehen bleibt, daß wir uns beim Aussprechen der Annahme ein ‘Bild’ von dem Sachverhalt machen, nur haben wir auch keine Verwendung für dieses Bild. “Aber ich kann doch annehmen, daß er das gleiche Erlebnis hat wie ich es oft gehabt habe.” – Was einen ‘Akt des Annehmens’ betrifft, mußt Du das am besten wissen. Es heißt wohl, daß Du beim Aussprechen dieser Worte eines der Erlebnisse hast, die Du beim Aussprechen von Annahmen zu haben pflegst. Warum sollte es unmöglich sein zwei beliebige Figuren auf ein Spielbrett zu stellen, die eine mit der andern ‘nehmen’, & das Erlebnis haben welches man beim Gewinnen eines Spiels hat? Aber würden wir sagen wir hätten ein Spiel gewonnen. Und wenn Einer es sagte, welche Einwendungen würden wir machen? Würden wir ihn nicht nach dem Spiel im allgemeinen fragen, um ihm zu zeigen daß hier kein solches hinter jenem Erlebnis steht? Würden wir ihn nicht fragen: “Ja wie gewinnt man denn in diesem Spiel, & wie verliert man? Und was ist die Anfangsstellung?” etc.
138r[1]
Du kannst in diesem Sinne auch annehmen, ein Blinder sehe alles & handle (& rede) nur auf die für Blinde charakteristische Weise & Du kannst auch annehmen, ein Blinder sehe alles grüne blau & umgekehrt. – Erinnere Dich, welche Vorstellung naive Menschen von der sog. “Rot-GrünBlindheit” haben; sie ‘nehmen auch etwas an’, nur kann man mit ihrer ‘Annahme’ nichts anfangen.
138r[2] &
138v[1] &
139r[1] &
139v[1]
Du nimmst an, der & der habe Erinnerungen. Aber bist Du Dir denn über den Gebrauch des Wortes “Erinnerungen” für Dich selbst klar? Was gehört dazu daß Du von Dir sagen kannst Du habest welche? Ist z.B. alles was dazu gehört ein Phantasiebild? Wann sagst Du: “Es kommt mir vor als erinnerte ich mich.” Wenn Du sagst: “ich erinnere mich deutlich…” merkst Du daß es eine Erinnerung ist am Charakter des Vorstellungsbildes? Wie hast Du den Gebrauch des Ausdrucks gelernt: Du erinnertest Dich an den & den Traum? “Aber daß Du Dich erinnerst ist doch ein bestimmtes inneres Erlebnis!” – Nehmen wir an es sei das ein Phantasiebild eines Vorgangs vor mir zu sehen & das Bild müsse einen bläulichen Schimmer haben. Dann heißt also “Er hat eine Erinnerung” er sehe so ein Bild mit diesem Schimmer vor sich. Da es sich aber hier nicht um ein gemaltes Bild handelt, so ist der Sinn nicht so klar & ich muß mich fragen: in welchen Fällen sage ich denn: …? Denn wenn ich die Annahme mache: er hat diese Vorstellung, so wird, was diese Annahme ist doch davon abhängen wie ich den Satz “Er hat die Vorstellung …” gebrauche. Die Übersetzung eines Ausdrucks in einen Anderen ist nur dann eine Erklärung der Bedeutung des ersten, wenn ich die Anwendung des zweiten verstehe. Wenn ich einen Ausdruck durch ein Bild ersetze dessen Anwendung ebenso unbestimmt ist wie die des Ausdrucks so ist die Ersetzung keine Erklärung. Man darf eben nicht vergessen, daß man auch ein Bild auf mannigfache Weise gebrauchen kann. Es fragt sich: Unter welchen Umständen & zu welchem Zweck spricht man denn (zu sich, oder Anderen) so eine Annahme aus?
139v[2] &
140r[1]
Was ist sonderbares an der Annahme, das Kind habe Träume vor seiner Geburt? Erstens, daß diese ‘Träume’ nun in einer Umgebung sind, in der wir nichts ‘Traum’ zu nennen gewöhnt sind. Zweitens daß diese Annahme ein isoliertes Bild ist ohne Anwendung & wir so etwas nicht Annahme nennen.
140r[2] &
140v[1]
Im vorigen Jahr habe ich mich, mit Gottes Hilfe aufgerafft & ein Geständnis abgelegt. Das brachte mich in ein reineres Fahrwasser in ein besseres Verhältnis zu den Menschen & zu größerem Ernst. Nun aber ist alles das gleichsam aufgezehrt & ich nicht weit von dort, wo ich war. Vor allem bin ich unendlich feig. Wenn ich nichts Rechtes tue, so werde ich wieder ganz in das alte Fahrwasser hineintreiben. Ich fürchte mich vor jeder Gefahr. Mein Leben hassen für Gott davon bin ich so weit wie möglich. Ich könnte nicht einmal meinen Freund für Ihn lassen. Möge Gott mir helfen.
140v[2] &
141r[1]
Nun will ich aber sagen, daß, wer annimmt, ein Kind habe Träume vor der Geburt, in gewissem Sinne seine Annahme nicht versteht. “Aber wieso versteht er sie nicht? Er weiß doch, was es heißt selbst Träume haben! Aber versteht er dadurch auch was es heißt, daß, sagen wir, ein Waschschaff Träume hat? Und liegt also das Wesentliche in der Organisation dem Bau des Menschen? Man möchte in so einem Fall sagen: “Das Waschschaff hat eben keinen Kopf.” Und hier sieht man worauf es bei solchen Vorstellungen ankommt. Man wird nämlich so aufmerksam, darauf was die Vorstellung ist, die uns hier als Verständnis gilt; oder wie wir vom eigenen Traum zum Traum des Andern gelangen.
141r[2] &
141v[1]
Ich habe jetzt wohl eine Erinnerung an einen Traum, aber doch keinen Traum. Könnte man also nicht sagen ich wisse nicht wie (oder, was) es ist zu träumen? Ich habe ein Erinnerungserlebnis an einen Traum, & wie sollte ich das auf eine andere Person so übertragen, daß ich weiß wie es ist, wenn er träumt?
141v[2]
Von der privaten Vorstellung der Farbe Blau könnte ich ebensogut annehmen sie bleibe gleich wie sie ändere sich von einem Augenblick zum andern & nur für mein Gedächtnis des Farbeneindrucks seien dies immer die gleichen Eindrücke. Es erinnere sich sozusagen immer falsch & was verschieden war kommt ihm gleich vor.
141v[3] &
142r[1]
Du weißt wie es ist wenn Du träumst? Nun wie ist es? Und vergiß nicht: Du kannst weder mir noch Dir selbst hinweisend antworten: “So.”.
142r[2]
Wozu dient denn die Sprache?! Dazu die Erlebnisse mit Lärm zu begleiten?
142r[3]
Ich rede davon daß jemand Schmerzen hat ich kann es meinen angeblich weil ich weiß was Schmerzen sind. Aber ich kann mir doch Schmerzen nicht immer gleich gut vorstellen – meine ich da also jedesmal etwas anderes?
142r[4] &
142v[1]
Du weißt doch was es heißt “träumen”. Du weißt, wie es ist, wenn Du träumst! Aber weiß ich es denn gerade jetzt? & immer gleich gut? Worin soll denn dies Wissen bestehen? Heißt es nämlich, ich könne das Wort “träumen” anwenden, so ist das wahr, aber gerade darum weiß ich nicht, was es heißen soll: das Kind träumt vor der Geburt. Denn die Aussagen “Ich habe … – geträumt”, “Er hat – geträumt” werden ja irgendwie verwendet. Ich erzähle einen Traum; ich vergleiche ihn mit dem was ihm vorhergegangen ist.
142v[2] &
143r[1] &
143v[1]
Man kann nicht sagen: “Ich sage: ‘ich habe geträumt’, weil ich ein gewisses Erlebnis hatte”. Denn die Frage ist, wie weiß ich daß dies Erlebnis “Träumen” heißt? Gibt es da nun einen Irrtum oder gibt es keinen. Gibt es keinen so ist eben, was ich “Traum” nenne ein Traum & es kommt dann darauf an daß ich das Wort gebrauche & auf nichts anderes. Gibt es aber einen Irrtum, so kann man auf den ja nie kommen, oder nur durch äußere Kriterien. Ebenso: Wie weiß ich daß das Erlebnis was ich jetzt habe “die Farbe Blau sehen” heißt? Sofern es keinen Irrtum gibt so fängt das Sprachspiel eben mit meinen Worten an. Einen inneren Irrtum anzunehmen der sich nie zeigen kann, hat keinen Sinn. Das ist nicht was wir Irrtum nennen. Daß mich mein Gedächtnis täuscht & ich die falsche Farbe “blau” nenne, kann sich nur in der äußeren Verwendung zeigen.
143v[2]
Der gegenwärtigen Vorstellung kann ich keinen Namen geben, weil sie mit einem Namen nicht kommensurabel ist. Kann man sagen: das Benannte muß im selben Sinne Dauer haben, wie der Name?
143v[3] &
144r[1] &
144v[1]
19.11.1937 Wie kann ich, was Regelmäßigkeit ist, beschreiben? z.B. ein regelmäßiger Wechsel der Farbe: blau, rot, blau, rot, blau, …. Ich kann natürlich statt dessen auch auf Muster zeigen. Aber nicht auch auf meine Vorstellungen? Wenn ich nun dem Andern sagte: “ich habe jetzt eine regelmäßige Folge von Farbenvorstellungen: das, das, das, das, das, u.s.w.” Da könnte er fragen: “Bist Du sicher, daß Du Dich nicht irrst? daß es wirklich eine solche regelmäßige Folge war? Hat Dich Dein Gedächtnis nicht getäuscht?” – So könnte ich antworten: “Mir scheint sie regelmäßig!” – Er: “Aber ist sie darum regelmäßig? denn wenn das ist, dann braucht ja gar nichts vorzuliegen wie z.B. diese regelmäßige Musterreihe hier. Dann haben ja wir beide, ich & Du, nur Dein Wort, ‘regelmäßig’ oder (die Tatsache) daß Du auf die & die Muster zeigst. Ich sage damit beginnt das Sprachspiel sowohl für mich als auch für Dich.
144v[2] &
145r[1] &
145v[1]
Man könnte glaube ich auch sagen: zu der Vorstellung, wie Du von ihr redest, gibt es nur Gegenwart; aber in der Sprache & im Spiel auch Vergangenheit & Zukunft. Die Vorstellung ist da gleichsam die gegenwärtige Projektion auf der Leinwand & in dieser Projektion wäre auch das Erinnerungserlebnis, Erlebnis des Wiedererkennens etc., etc.. Ist es mir nun nicht erlaubt, die Bilder die nacheinander folgen (& das alles enthalten) zu vergleichen, darf ich nicht die Bilder auf dem Filmstreifen sehen, die diesen Vergleich erlauben, – dann ist jene ‘Folge’ von gegenwärtigen Bildern nicht besser als ein einziges. Denn ich kann nun nicht sagen, ob sie von einander verschieden oder alle gleich sind. Es gibt ja (in diesem Sinne) immer nur eins. Diese Betrachtung, so wertvoll sie ist, kann aber wieder ganz mißverstanden werden. Sie muß nämlich erst noch richtig appliziert werden. Ich kann nämlich hier wieder nur ganz gewöhnlich von verschiedenen Darstellungsarten reden & nicht von verschiedenen Welten. (‘Das Unmögliche kann ich auch nicht beschreiben.’) Denn steht hier das Sehen & Hören etc. des Filmschauspiels für alles was ich erlebe, dann sitze ich eben immer vor der Projektionsleinwand & sehe nichts anderes als was dort erscheint; sehe also auch weder den Filmstreifen noch den Apparat je; & diese sind dann unnütze Teile meiner Hypothese & unnütz also überhaupt die Idee vom Film. Es muß das Bild vielmehr anders angewandt werden.
145v[2] &
146r[1]
Denke jemand hätte ein Filmschauspiel beschrieben, erzählt. Nun sage ich: “Aber diese Erzählung hätte sich ja viel einfacher geben lassen: Du hast immerfort ein gewisses Bild gesehen.” Antwort: Das ist überhaupt keine Beschreibung. ‘Beschreibung’ nennen wir den Gebrauch gewisser Worte, Gebärden, etc. bei gewissen Gelegenheiten. Wir können die Sprache, dieses Phänomen, beschreiben; während Du (gleichsam) sagst: ‘Sprache müßte eigentlich dies sein.’ Als sagtest Du ein Mensch müßte eigentlich die Gestalt einer Kugel haben. (So eine Idee wäre ganz möglich.) Und man könnte nur antworten: Was wir Mensch nennen ist keine Kugel; & wenn Du sagst es müsse eigentlich eine sein, so heißt das, daß Du von einem, von der Wirklichkeit (gleichsam einseitig) abstrahierten, Ideal verführt bist & dieses Ideal von Dir Besitz ergriffen hat.
146r[2] &
146v[1]
Er möge, statt sich an die Definition zu erinnern, sie immer in einem Buch nachschlagen. Und zwar mag sich, was dort steht, immerfort ändern – aber das soll nichts machen. Gut; dagegen ist noch nichts zu sagen– aber dies ist noch kein Spiel, das Spiel baut sich nun wohl erst auf das auf, was er so nachschlägt. Denn baut sich darauf nichts weiter auf, so ist hier auch kein Spiel. Man könnte ja auch sagen: “Nenne ‘blau’, was Du gerade so nennen willst! worin immer der Akt dieses Benennens bestehen mag.” Dagegen ist nichts zu sagen; aber das gibt noch nichts, was wir ‘Sprache’ nennen würden. Die müßte nun erst anfangen.
146v[2] &
147r[1] &
147v[1] &
148r[1]
Ist nicht der Irrtum in den wir hier fallen ein ähnlicher, als bildeten wir uns ein, das Bild eines Eisenstabes auf seine Festigkeit prüfen zu können; weil wir ein Bild der Zerreißprobe des Stabes machen können.
Was wir Sprache oder Spiel nennen ist keine Vorstellung obwohl es eine solche von der Sprache & dem Spiel gibt. D.h. natürlich nur: Die Grammatik des Wortes “Sprache”, “Wort”, “Satz”, “Definition”, ist nicht die der Ausdrücke: “Eindruck”, “es kommt mir so vor …”, “Empfindung” …. Oder: Ein Sprachspiel beschreiben; heißt Handlungen der Menschen beschreiben; also eine Beschreibung der Art geben, wie wir es öfters getan haben. Nun haben die Sätze von der Form “es kommt ihm so vor als … nicht die gleiche Grammatik wie: “er tut ….” Denn es kann ihm so vorkommen als spielte er eine Schachpartie Zug für Zug & dann ist, was ihm scheint ein Abbild einer wirklichen Partie. Dagegen kann ihm vorkommen er habe gerade eine Schachpartie verloren – & dann ist dies nicht das Abbild dessen, was wir das Verlieren einer Partie nennen. Es gibt in unserer Sprache etwas was wir Beschreibung von Handlungen, Dingen, etc., nennen, und auch etwas, was wir die Beschreibung von Vorstellungen, Eindrücken nennen. Sie haben verschiedenerlei Anwendungen. Die ‘Beschreibung eines Sprachspiels’ nun ist eine Beschreibung der ersten. Die Behauptung: “Ich sah einen blauen Vogel” wird ganz anders gebraucht (z.B. verifiziert) als die: “Es kam mir vor ich sähe einen blauen Vogel”. (Natürlich werde ich nicht den irreführenden Ausdruck gebrauchen: “Dinge & Vorstellungen sind verschiedene Arten von Gegenständen”!)