Ms-128
1[1]
Wenn ich nun sage “Ich erwarte …” – ist das die Feststellung: die Situation, meine Handlungen, Gedanken, etc. seien die des Erwartens eines bestimmten Ereignisses? Oder gehören die Worte “Ich erwarte …” selbst zu den Vorgängen des Erwartens? Unter gewissen Umständen wird “Ich erwarte …” einfach heißen ( …) “Ich glaube das & das wird geschehen.” manchmal auch “Mach Dich darauf gefaßt, daß …”. Ich sage jemandem: “Ich habe gehört er wird kommen; ich erwarte ihn schon den ganzen Tag.” Dies ist ein Bericht darüber wie ich den Tag verbringe. Ich komme in einem Gespräch zu dem Ergebnis, daß ein bestimmtes Ereignis zu erwarten sei & ziehe diesen Schluß indem ich sage: “Ich muß also jetzt seinen Besuch erwarten.” Dies kann der erste Gedanke dieser Erwartung sein Der Ausruf “Ich erwarte ihn sehnsüchtig!” ist ein Akt des Erwartens, wenn sich die Spannung der Erwartung in ihm Luft macht. Ich kann aber dieselben Worte als Resultat – – –
1[2] &
2[1]
Wie weiß ich daß ich den Satz als Mitteilung gemeint habe. War, das wenige was beim Aussprechen in dieser Richtung wies, wirklich genug, daß ich mit Sicherheit sagen kann ich hätte ihn so gemeint? Aber wenn hier von Deutung die Rede sein kann, kann ich jene Zeichen mißdeuten? (Was wäre dafür das Kriterium?) Ist es nicht so: ich gehe bei meiner Deutung in einer gewissen Richtung fort? Es ist als hätte ich den Keim, der in jenen rudimentären Handlungen lag, dann einfach wachsen lassen. Und er zeige nun wovon er der Keim war.
2[2]
Aber wie ist es, wenn ich mich daran erinnere, was ich damals gemeint habe? Wie wäre es zu beweisen, daß mich mein Gedächtnis trügt?
2[3]
Kann denn die Evidenz nicht zu spärlich sein? Ja, wenn man ihr nachgeht scheint sie außerordentlich spärlich; aber das ist vielleicht, weil man die Vorgeschichte dieser Evidenz außer acht läßt. Wenn ich im Begriffe bin meinem Lehrer mit geheucheltem Unwohlsein zu kommen, so geschah dies nicht aus blauem Himmel. Dem mußten allerlei Gedanken u.a. vorangegangen sein.
2[4]
Und wenn nun die Evidenz zu spärlich wäre – was würde ich da sagen? Daß es fast scheint als hätte ich den Satz als Mitteilung gemeint? Aber kommt denn so ein Fall vor? Und warum nicht?
2[5] &
3[1]
Sagt man je: “Wenn ich zurückdenke in welchem Ton & mit welcher Bewegung ich das gesagt habe, so scheint es ich habe gemeint …”? Nein. Und das kann nur sein, weil man hier nicht Evidenz vermutungsweise deutet. Man behandelt sie überhaupt nicht als Evidenz, aus der Schlüsse gezogen werden. Obwohl auch nicht als unwesentliche Nebenerscheinungen. Die Deutung ist einfach die Nachgeschichte dieser Handlungen.
3[2]
Aber nehmen wir selbst an ich hätte zu mir selbst, ehe ich laut den Satz aussprach “Ich fühle mich nicht wohl” gesagt: “Ich werde diesen Satz als Mitteilung meinen”. (Und mehr Evidenz kann man doch nicht verlangen!) Aber ich hätte ja auch jenen Satz sagen können ohne ihn im Ernst zu meinen. Wenn ich mich nun daran erinnere, mir selbst dies gesagt zu haben ist nicht doch auch hier jetzt eine Auffassung, Deutung meinerseits nötig? Ist es genug mich zu erinnern ich hätte mir dies gesagt? Ist nicht selbst diese Evidenz noch ungenügend?
3[3] &
4[1]
Es ist hier wieder, als erinnern wir uns jener feinen Gefühlsnuance des Meinens die erst, was immer ich tat oder sagte, zum Ausdruck des Meinens machte. Meine Bewegung, Miene, mein Tonfall wären allerdings allein keine Evidenz des Meinens gewesen, fühlt man; zum Meinen machte sie erst das Meinen. Nur sonderbar daß man sich überhaupt an diesen ‘Ausdruck’ hängt. Und noch sonderbarer: Wenn ich mir was geschah in die Erinnerung rufe finde ich nur diesen Ausdruck & allerdings fühlt er sich wie ein Ausdruck an. Wenn ich nämlich irgendeine Rolle spiele so fühlt sich ja auch ein Blick als das & das an. Und was heißt das?
4[2]
Wenn ich zitiere “Ja, ja ’s ist zu begreifen Herr Minister …” so nehme ich einen ironischen Ton an & weiß genau daß es einer ist & was mit ihm gemeint ist.
4[3]
“Gottlob noch etwas weniges hat man geflüchtet vor den Fingern der Kroaten”. Wenn ich das laut lese, kann jemand sagen es sei zu wenig Evidenz da zu sagen wie es gemeint sei.
4[4]
Und worin bestand nun: es ironisch meinen?? In dieser Situation leben & es so sagen, wie ich es in dieser Situation sagen würde.
4[5]
Wenn ich einen ironisch lächelnden Blick auf jemanden werfe, indem ich etwa denke “Der Esel!” ist da irgendein Zweifel, wie dieser Blick zu deuten ist?
4[6]
Könnte ich sagen: Ich fühle viel genauer, wie ich lächle, als es der Andere sieht?
4[7]
Könnte ich nicht, wenn ichs wollte, den Blick, den Ton des Satzes die Bewegung meines Körpers wiederholen? Und zwar ungefähr auch mit den Empfindungen, etc., die sie begleiteten? Und ist, was ich so wiederhole, nicht Evidenz genug?
5[1]
Mich an das, was ich tat, als Ausdruck des Meinens erinnern hängt doch mit meiner Fähigkeit die Situation zu reproduzieren zusammen! Und beim Reproduzieren, wie empfinde ich da die Meinung die ich ja dann gar nicht habe?!
5[2]
Man sagt manchmal: “In dieser winzigen Bewegung, diesem Schatten eines Lächelns, lag schon die ganze Bedeutung.” Und wäre nicht dennoch ein Irrtum möglich?
5[3]
Ich meine: muß ich mich nicht irren können, wenn der Andere sich irren kann, der mich beobachtet? (Zugegeben, daß er nicht alles sieht, was ich wahrnehme.)
5[4]
Aber kann er sich immer irren? Weiß ich es immer besser als er, was ich gemeint habe? Kann er nicht sagen: “Ich habe genau gesehen & gehört was Du gemeint hast; glaubst Du jetzt etwas anderes, so täuscht Du Dich.”
5[5] &
6[1]
Könnte man sagen: Mein embryonales Benehmen mag absolut charakteristisch für ein gewisses ausgewachsenes Benehmen sein; so wie etwa ein kleines Fragment eines Blattes für eine Pflanze. Oder es mag noch verschiedene Deutungen zulassen. Wenn ich es in diesem Falle dennoch mit Bestimmtheit deute so – will ich sagen – entwickle ich das Unentwickelte weiter.
6[2]
Wenn ich sage “Ich habe es so gemeint” – beurteile ich den Samen & sage das ist der Same einer solchen Pflanze; oder lasse ich ihn wachsen & zeige welche Pflanze aus ihm wird?
6[3] &
7[1]
Nehmen wir an, ich sage: “Ich wollte Dich vorhin für einen Augenblick betrügen.” Wenn es nur für einen Augenblick war, war es ein ausgewachsenes Betrügen-Wollen? (Freilich kann ich mich irren, denn mein Gedächtnis kann sich ja immer irren; aber darum geht es nicht.) Wenn ich mich an alles was damals geschah klar erinnere, habe ich ein Recht, zu sagen, es sei der Wille gewesen, zu betrügen?
7[2]
Ja, ich habe freilich nur einen Samen, & bin vielleicht kein Samenkenner; aber ich hatte ihn von einer Mohnblume genommen. (Seine Vorgeschichte gab den Ausschlag.)
7[3]
“Wie kannst Du so sicher sein, daß Du mich betrügen wolltest? Waren nicht Deine Handlungen & Gedanken viel zu rudimentär?”
7[4]
Wenn Illo sagt “Es ist das erste mal nicht Herr Minister …”, weiß er da schon, was er später sagen wird? Sollen wir sagen: “er hat einen ungefähren Begriff davon”?
7[5]
Die Meinung, möchte ich sagen, entwickelt sich.
7[6]
Wenn ich sage “Ich wollte Dich für einen Augenblick betrügen” , kann man doch fragen: Wie weit ging Deine Absicht? Es gibt doch da Einzelheiten!
7[7]
Und wenn es so ist, so muß es doch den Fall geben, in dem die Einzelheiten nicht hinreichen, um die Absicht zu bestimmen.
8[1]
Wenn mir einer sagt “Für einen Augenblick wollte ich Dich betrügen” – wie kommt es, daß ich ihn verstehe?! Wie habe ich diese Worte anwenden gelernt? – Und was denke ich, daß er meint? Nun, der Gedanke sei ihm durch den Kopf gegangen.
8[2]
“Dieser Gedanke knüpft an Gedanken an, die ich früher einmal gehabt habe.” – Wie tut er das? Durch ein Gefühl der Anknüpfung? Aber kann das Gefühl die Gedanken wirklich verknüpfen? Daß ein Zusammenhang besteht läßt sich später zeigen.
8[3]
Ist also gar nichts in meiner Idee, die deutenden Worte wüchsen aus dem Gedeuteten heraus als dessen Fortsetzung?
8[4]
Ist “Ich meinte …” immer nur ein Bericht?
8[5] &
9[1]
Jemand sagt “Ich wollte Dich für einen Moment betrügen”. Ich antworte: “Das liest Du nur in die Situation hinein”. Er: “Nein, ich erinnere mich genau – ich wollte Dich betrügen.”
9[2]
Anderseits sagt jemand: “Mit dieser Bemerkung meinte ich Dich!” Er will ihn dadurch noch einmal treffen.
9[3]
Ich schäme mich, daß ich ihn damals betrügen wollte. Daß ich diese Absicht hatte. Wessen schäme ich mich nun? Ich rufe mir den Vorfall in’s Gedächtnis – wie ich ihn anschaute etc. etc. Ich bin also ganz sicher damals etwas Böses getan zu haben.
9[4]
Fragt man nun: ‘War es wirklich so schlimm ihn so anzuschauen, etc., ja mir zu sagen “Ich will ihn betrügen”?’ so ist die Antwort “Das Schlechte war die Seele des Ganzen”.
9[5] &
10[1]
Wenn ich sage: “Ich habe ihn in diesem Augenblick gehaßt” – was geschah da. Besteht es nicht in Gedanken & Gefühlen? Und wenn ich so eine Szene mime, so mache ich ein bestimmtes Gesicht, denke an gewisse Fakten, atme in bestimmter Weise, bringe in mir gewisse Gefühle hervor. Ich könnte ein Gespräch aufschreiben, eine ganze Szene erdenken in der dieser Haß aufflammen würde. Und ich könnte diese Szene mit Gefühlen spielen, die denen in einer Szene des wirklichen Lebens sehr nahe kämen. Dabei wird mir natürlich die Tatsache helfen daß ich solche Szenen wirklich durchlebt habe.
10[2]
Wenn ich mich nun dieses Vorfalls schäme, schäme ich mich des Ganzen; des giftigen Tones, der Worte, u.s.w..
10[3]
Ich kann gewisse Worte in einem charakteristischen Ton aussprechen; sagen wir: “Das wirst Du besser wissen, als ich.” Ich spreche es in dem Tonfall aus in dem es eine Anspielung auf etwas ist, was ich nicht nenne. – Ich kann mir nun verschiedene Szenen um diese Äußerung (mit stets demselben Tonfall, & Blick) gebaut denken. Und diese Szenen werden meinen Worten, dem Tonfall etc. verschiedenen Sinn geben.
11[1]
Die Worte könnten z.B. sein: “Ich fühle mich nicht wohl.” Aber um sie in der besondern Art meinen zu können von der ich geredet habe, braucht es die Szene mit der Übersetzung. Und die Szene müßte doch eine gewisse Länge haben & bestimmte Verhältnisse muß man sich dazu denken.
11[2]
“Ich schäme mich nicht dessen was ich damals tat, sondern der Absicht die ich hatte.” – Aber lag die Absicht nicht auch in dem, was ich tat? Worin bestand das Beabsichtigen? Nur in dem was ich damals dachte, zu mir selber sagte? Wodurch ist die Absicht gegeben? Durch die ganze Geschichte –.
11[3]
Die Gegenwart ist hier zu ersetzen durch eine Geschichte.
11[4]
Die Worte “Gottlob noch etwas weniges …” mit dem richtigen Ton & Blick gesprochen scheinen allerdings schon ihre ganze Bedeutung in sich zu tragen. Aber das kommt daher, daß wir diese Worte in dieser Szene sehen. Nehmen wir uns die Mühe eine ganz andere Szene um sie herum zu bauen (der Ton der Worte etc. bleibt erhalten) so sehen wir daß es nicht die Worte mit ihrem Tonfall sind, die die Bedeutung in sich tragen.
12[1]
Laß einen Menschen zornig, hochmütig ironisch blicken; & nun verhänge sein Gesicht mit einem Tuch aber laß die Augen in denen der ganze Ausdruck vereint schien unbedeckt. Du wirst sehen, wie überraschend vieldeutig nun der Ausdruck dieser Augen ist.
12[2]
“Es liegt alles schon in …” Wie kommt es, daß der Pfeil zeigt?
→
Scheint er nicht schon etwas außerhalb seiner selbst in sich zu tragen? “Nein es sind nicht die toten Striche; nur das Psychische, die Bedeutung kann dies.” Das ist wahr & falsch. Der Pfeil zeigt nur in der Anwendung die das Lebewesen von ihm macht. Dieses Zeigen ist nicht ein hocus pocus das nur die Seele vollziehen kann.
12[3] &
13[1]
In einer Erzählung heißt es etwa “N maß ihn mit feindseligem Blick & sagte …”. Der Leser versteht es ohne einen Zweifel. Nun sagst Du: “Wohl, er denkt sich die Bedeutung hinzu, er errät sie”. Aber in dieser Erzählung ist diese Beschreibung eindeutig. Gewiß unter andern Umständen könnte, der mit feindseligem Blick etwas sagt, sich verstellt haben oder das Ganze könnte auf der Bühne geschehen. Es ist auch möglich daß der Leser wenn er diesen Satz liest noch nicht die wahre Interpretation kennt & sie erst nachher herauskommt. Aber was kommt in so einem Fall an den Tag? –
13[2]
Aber der Leser kann also in gewissen Fällen zweifelhaft sein wie diese Blicke & Worte wirklich gemeint seien & wirklich auf etwas raten, wenn das auch nicht der gewöhnliche Vorgang ist. – Aber dann rät er vor allem auf einen andern Zusammenhang. Er sagt sich etwa: die Beiden die hier so feindlich tun, sind in Wirklichkeit Freunde, etc. etc.
13[3] &
14[1]
“Ich weiß ich wollte Dich in dem Moment betrügen, & ich schäme mich dessen.” – Aber es kann sein, daß er sich über alles was er tat Vorwürfe machen wollte, jede Bewegung, jeden Blick als das Zeichen einer bösen Absicht deutete. Ja, daß er oft gleichsam den Bösewicht spielte, um sich dann Vorwürfe machen zu können. So daß man in diesem Falle sagen müßte, er habe das & das getan, um es später so deuten zu können & habe ihm dann diese Deutung gegeben.
14[2]
Aber er selbst würde doch das nicht zugeben, sondern sagen, er erinnere sich deutlich … .
14[3]
Aber wie konnte ich so eine Beschreibung (jemand spiele den Bösewicht, um sich nachher Vorwürfe machen zu können) überhaupt geben? Was für eine Erfahrung konnte mich dazu berechtigen?
14[4] &
15[1]
“Ich wollte Dich für einen Augenblick betrügen” – “D.h., ich habe ein bestimmtes Gefühl, inneres Erlebnis; & ich erinnere mich daran.” – Und nun erinnere Dich recht genau – – – da scheint das “innere Erlebnis” des Wollens wieder zu verschwinden. Statt dessen erinnert man sich an gewisse Gedanken, an Zusammenhänge mit früheren Situationen & andere mehr oder weniger für die Situation eines Betrügens charakteristische Einzelheiten. (Es ist als hätte man die Einstellung des Mikroskops verändert & was jetzt im Brennpunkt liegt lag früher außerhalb.)
15[2]
“Nun, das zeigt nur – sagst Du – daß Du dein Mikroskop falsch eingestellt hast. Du solltest eine Schicht des Präparats ansehen & siehst nun eine andre.”
15[3]
“Ich wollte Dich betrügen.” – Bist Du sicher? Legst Du das nicht jetzt in Deine Worte? – “Nein, nein; ich weiß genau wie es war. Ich hatte schon früher oft diese Absicht …” – – Oder aber:
“Nein ich irre mich nicht; ein böser Geist kam plötzlich in mich.” – Nun in diesem Falle müßten wir ihm nicht glauben.
15[4] &
16[1]
“Ich wollte Dich für einen Augenblick betrügen” ist nicht anders als “Ich wollte für einen Augenblick mich an Dich wenden” oder “Ich wollte für einen Augenblick auf ihn zeigen” etc. etc. Ich erinnere mich dabei richtig oder falsch verschiedener Tatsachen, die auch von Andern bestätigt werden können. Die Frage ist nur ob die Darstellung dieser Tatsachen als Absicht eine Deutung ist.
16[2]
Wenn nämlich der Andre, was er an mir sieht, als Absicht deutet, warum nicht ich? Kann man sagen, ich wisse das Wesentliche, was er bloß vermutet?! Oder deutet auch er nicht immer mein Benehmen als Absicht, sondern sieht die Absicht in ihm, wie ich sie sehe.
16[3]
“Nur ich kenne eben meine innersten Gedanken.” – Oder soll ich fortsetzen: “& ich auch nicht”?
16[4]
Wie lernte ich die Worte “Ich hatte die Absicht …”, “Ich war schon im Begriffe …”? Wird Einem gezeigt, wie das ist wenn man die Absicht hat? – Nun, in gewisser Beziehung, ja. –
16[5] &
17[1]
“Nur Du kannst wissen, ob Du die Absicht hattest”. Das könnte man jemandem sagen, wenn man ihm die Bedeutung des Wortes “Absicht” erklärt. Es heißt dann nämlich: so gebrauchen wir es.
17[2]
Und wenn nun jemand sagt: “Ja ich sah, Du hattest die Absicht etwas zu sagen”. Als was deutet er da was er sah? Was ist der Sinn dieser Deutung? Was sagen uns seine Worte? Was erriet er? – Er hätte, z.B., einem Andern zuflüstern können: “L.W. wird jetzt etwas sagen”.
17[3]
Was nützt es wenn ich sage “Ich hatte schon die Absicht …”, was teilt dies dem Andern mit? Ich hätte ihm auch mitteilen können – zu ungefähr dem gleichen Zweck – was ich damals dachte.
17[4]
Wir könnten uns auch den Fall denken, daß ich meine Absichten notiere. Vielleicht um später ein Zeugnis zu haben. Es lassen sich aus diesen Notizen etwa wichtige Schlüsse ziehen.
18[1]
“Ich habe die Absicht …” ist unter Umständen eine Äußerung, z.B. die Äußerung eines Entschlusses. Manchmal die Beschreibung einer Situation. “Warum packst Du?” “Ich habe die Absicht nach … zu reisen.” Ich habe vielleicht schon meine Fahrkarten genommen.
18[2]
“Ich hatte, wie Du weißt, die Absicht nach … zu reisen.” Der Andre kann dies so sicher wissen wie ich selbst. Ja sich genauer an meine Absicht erinnern als ich.
18[3]
Wenn ich mich meiner Absicht erinnere, muß ich mich eines einzigen Gemütszustandes, oder Gedankens erinnern?
18[4]
Warum soll die ausgesprochene Absicht immer unzweifelhafter sein als die durch Gesten etc. ausgedrückte?
18[5] &
19[1]
Warum soll mir die Erinnerung an die Worte, die ich damals sagte, mehr sagen, als die Erinnerung an einen Blick oder eine Bewegung. Bedenke: auch diese stehen ja in einem alten Zusammenhang.
19[2]
Ich sagte aber damals diese Worte, & jetzt sage ich andere Worte. Deute ich also nicht die früheren Worte durch die neuen?
19[3]
Ich sagte Dir z.B. damals “Ich beabsichtige …”. Jetzt sage ich: “Wie ich Dir damals schon sagte, beabsichtigte ich …”.
19[4]
“Wenn ich die Worte gesagt hätte ‘Ich will ihn jetzt betrügen’, hätte ich die Absicht nicht sicherer gehabt als so.” – Aber wenn Du jene Worte gesagt hättest, mußtest Du sie da im vollen Ernste meinen?
19[5]
I remember the whole setup.
19[6]
Ich sagte, ich deute meine rudimentären Handlungen später als Absicht. Aber warum tue ich das? Was ist der Zweck? Ist es eine Art Wahnsinn?
19[7]
Hätte ich eine von zwei Beschreibungen geben können: einerseits die Beschreibung der erinnerten Handlungen & etwa der Gedanken & Gefühle – anderseits die Beschreibung des Geschehens als Absicht?
19[8] &
20[1]
Es scheint, daß manchmal die Beschreibung der Handlungen etc. ohne Erwähnung von Absicht genügt & manchmal nicht.
20[2]
Ich sage “Ich stand auf und ging ans Fenster um die Konversation nicht hören zu müssen”.
Oder: “Ich dachte ‘ich halte dieses Geschwätz nicht länger aus’, stand auf & ging ans Fenster.”
20[3]
Das letztere ist nicht so deutlich. Warum nicht?
20[4]
Man sagt nun: “Ich wollte von ihnen weg kommen”. Aber was dachte & fühlte ich da? Die Tatsache, daß ich in eine entfernte Ecke ging, wo mich nichts anzog, daß ich ein angeekeltes Gesicht machte, daß es mich erleichterte, mich von der Gruppe zu entfernen (the whole set-up) auch ohne den Gedanken “nur fort!”, das macht die Absicht aus, mich von den Leuten zu entfernen. (Ein Schauspieler könnte diese Absicht wieder vollkommen zur Anschauung bringen.)
20[5] &
21[1]
Wäre es möglich gewesen, statt der Beschreibung “Ich wollte Dich für einen Augenblick betrügen” eine andere (Beschreibung) zu geben in der von Absicht nicht die Rede ist? Eine Beschreibung die (, gleichsam,) den Vorgang der Absicht analysiert zeigt, (aber) ohne dabei etwas erraten zu lassen, was das Wort “Absicht” ausgesprochen hätte?
21[2]
Nun, darauf ist zu sagen, daß, wenn mir bei der Erinnerung das Wort Absicht in den Mund kommt, daß eher etwas anderes ist, als wenn mir statt dessen die Analyse der Absicht kommt. Ich denke ja nicht erst die Analyse & fasse sie dann beiläufig mit dem Wort “Absicht” zusammen.
21[3]
Ich könnte auch sagen “Ich hatte die Absicht zu sprechen”, ohne daß mir dabei der Vorgang des Öffnens des Mundes etc. etc. vorschwebte. Meine Erinnerungsreaktion war: “Ich hatte die Absicht”.
21[4]
Man kann doch auch sagen: “Ich machte damals Anstalten abzureisen” & dabei sind uns nicht alle diese Anstalten gegenwärtig.
21[5] &
22[1]
Der Erzähler sagt ja auch: “Für einen Augenblick huschte der Gedanke durch seinen Kopf ihn zu hintergehen; dann …”. Deutet da der Erzähler? Wozu täte er es?
22[2]
Denk aber an den Traum. Und betrachte ihn als Erinnerungsphänomen. Und dann denk Dir, Einer sagt “Nur ich kann wissen was ich geträumt habe”!
22[3]
“Nur ich kann wissen, was ich denke.” Nun freilich; nur ich sage es. – Aber weiß ich es nur, wenn ich es sage? Nun, Wissen ist ein Zustand. Und das Kriterium für ihn?
22[4]
Meine Erinnerungsreaktion ist: “Ich hatte die Absicht Dich zu betrügen”; seine: “Du schienst die Absicht zu haben …”.
22[5]
Aber könnte nicht auch seine Erinnerungsreaktion sein: “Du wolltest ihn betrügen”? Könnte nicht auch er vollkommen sicher sein?
23[1]
In allen Fällen einer solchen Erinnerung von einer Deutung zu reden, hat keinen Sinn; denn dann heißt “Deutung” eben dasselbe wie “Erinnerung”.
23[2]
Was liegt nicht z.B. in der Stellung der Worte, oder in der Wahl eines Wortes für ein beinahe gleichbedeutendes. Ein Wort spielt z.B. auf einen Ideenkreis an. Den Witz dieser Anspielung wird nur der verstehen, der in verschiedenen Ideenkreisen zu Hause ist usw. Wie verstehen wir nun diese Anspielung? Machen wir augenblicklich, wenn wir dieses Wort lesen einen Abstecher in seinen Ideenkreis? Nun wir reagieren vor allem auf das Wort mit Lachen oder anders. Denken wir weiter darüber nach oder wollen wir’s einem Andern erklären so gehen wir näher darauf ein.
23[3]
Ich glaube das Hauptproblem liegt in der Frage: Was für ein Kriterium gibt es dafür daß die Erinnerung meiner Absicht richtig oder falsch ist. – Gibt es kein solches Kriterium, dann kann man von einer Deutung statt von einer Erinnerung reden.
23[4] &
24[1]
Du bist aufgestanden & ans Fenster getreten. Später sagst Du “Ich stand auf um von den Leuten wegzukommen”. Ein Anderer sagt: “Das legst Du jetzt hinein. Du bist nur aufgestanden um Deine Glieder zu strecken.”
24[2]
Aber was soll ich also hineingelegt haben? Jenes Ungreifbare, die Absicht?
24[3]
Und warum ist sie ungreifbar? Zahnschmerzen erscheinen uns nicht in diesem Sinne ungreifbar. Oder ich könnte sagen: eine Absicht erscheint uns noch um einen Grad ungreifbarer als Schmerzen. Das ist doch gar zu verdächtig. Es muß daher kommen daß wir versucht sind eine Art der Beschreibung hier anzuwenden & diesen Versuch dann fallen lassen. (Etwa wie im Fall “diese Schmerzen” & anderen Fällen.)
24[4] &
25[1]
Es ist nun wirklich wahr: Wir sagen: “Ich wollte von diesen Leuten wegkommen”. Dabei sind wir uns bewußt, daß dieser Ausdruck eine Menge von möglichen Fällen deckt & daß es anderseits nicht leicht ist den besonderen Fall zu beschreiben. Eine Art so einer Beschreibung wäre z.B. die ganze Szene zu wiederholen & meinen Gesichtsausdruck, Gang etc. zu reproduzieren. Ich könnte mich dabei gewisser Gedanken erinnern die meine Handlung begleiteten. (Ein Andrer der diese Reproduktion sähe, könnte sagen: “Ich versichere Dich, so hast Du’s damals gar nicht gemacht”.)
25[2]
“Ich erinnere mich nicht mehr meiner Worte, wohl aber der Absicht, in der ich sie sprach.” – Ein Andrer sagt darauf: “Das kann ich bezeugen, Du sagtest damals …”
Ebenso kann man manchmal sagen: “Ich erinnere mich nicht mehr meiner Worte, aber wohl an den Geist meiner Worte.”
25[3]
Man könnte das Seltsame sagen: Jede Erzählung ist nicht nur eine andere Erzählung sondern auch ‘Erzählung’ in einem andern Sinn.
25[4] &
26[1]
Man sagt auch von einem Tier es wollte entfliehen. Das was es tat, ist eben, was man “entfliehen wollen” nennt.
26[2]
Wie kommt es, – daß ich dann trotzdem geneigt bin ein Deuten darin zu sehen, wenn ich sage “Ich wollte Dich für einen Augenblick betrügen”? Ist es, weil ich das was in jenem Augenblick geschah durch die Umgebung & Vorgeschichte deute, d.h. mit dieser zusammen charakterisiere?
26[3] &
27[1]
Daran ist etwas Wahres.
Aber nimm an ich erinnerte mich (mit einer bestimmten Einstellung der Linsen) an eine Empfindung – wie kann ich sagen, daß sie das ist was ich die ‘Absicht’ nenne? Es konnte sein daß ein bestimmter Kitzel(, z.B.) jede meiner Absichten begleitete. Lernen wir das Wort Absicht wie das Wort für eine Empfindung? Was ist der natürliche Ausdruck der Absicht. Sieh eine Katze an wenn sie sich an einen Vogel heranschleicht, oder ein Tier das entfliehen will.
27[2]
“Du hattest gestern die Absicht in die Stadt zu gehen.” – “Ich habe nicht diese Absicht gehabt.” – “Nun, ich konnte natürlich nicht in Dich hineinschauen.” – Was hätte er gesehen, wenn er in mich hineingeschaut hätte? Nun, etwa meine Gedanken. Er hätte ja auch mein Notizbuch finden können in dem ich meine geheimen Gedanken aufzeichne (in das ich sie sozusagen hineindeute).
27[3]
“Warum packst Du?” – “Ich habe die Absicht morgen nach … zu reisen.” Ist das Packen zusammen mit andern Tätigkeiten etc. die Absicht haben? Schau in die Lade in der Du die Absicht erwartest – sie ist leer. Wann hast Du die Absicht? Immer oder intermittierend? Schau in die Lade in der Du sie erwartest. Die Lade ist leer. Du hattest sie unter den Empfindungen gesucht.
27[4]
“Ich habe die Absicht” sagt Dir – beiläufig – was Du zu erwarten hast.
28[1]
Wenn der Andre sehen kann, daß ich einen Augenblick lang im Begriffe war …, warum soll ich’s nicht wissen? Aber wenn sich der Andre darin irren konnte, warum ich mich nicht auch – zugegeben, daß ich mehr weiß als er.
28[2]
Und kann ich mich nicht täuschen?
28[3] &
29[1]
Jemand will mich überreden einen Plan aufzugeben. Ich sage “Das überzeugt mich nicht; ich habe noch immer die Absicht zu reisen”. Diese Worte sind eine Äußerung der Absicht. Sind sie eine Äußerung eines Gefühles? Sie sind jedenfalls die Träger eines bestimmten Tonfalles & den kann man den Ausdruck eines Gefühls nennen. Aber es ist nicht immer der gleiche Ton & also nicht immer das gleiche Gefühl. Anderseits aber ist es eine Wortreaktion die auf eine zukünftige Handlung des Sprechenden weist & nicht eine Vermutung über sein Handeln.
29[2]
Der Satz ist ähnlich dem: “Ich werde jetzt aufstehen”. Es ist dies nicht eine Voraussage wie “Er wird jetzt aufstehen” oder “ich werde wahrscheinlich jetzt erbrechen”. Diese ‘Willensäußerung’ gehört zu einem ganz andern Sprachspiele.
29[3]
“Ich werde mich jetzt an ihn wenden.” “Ich wollte mich damals gerade an ihn wenden, als er plötzlich aufstand.”
29[4]
“Ich werde mich jetzt an ihn wenden” ⌇ist von der Art des Satzes:⌇ “Ich werde jetzt meine Hand heben”. Es würde jeden überraschen, wenn ich statt dessen sagte: “Meine Hand wird sich jetzt heben” obwohl ja auch diese Vorhersage erfüllt wird wenn ich meine Hand hebe. Sagt also der Satz “Ich werde jetzt …” etwas, was sehr schwer zu verstehen ist, & was nur der oberflächliche Laie so ohne weiteres hinnehmen kann?
29[6] &
30[1] &
30[2]
Betrachte das Sprachspiel: A befiehlt dem B eine Bewegung zu machen; B macht sie. Eine Variante davon ist: Mach diese Bewegung (sie wird vorgemacht, oder ist schon benannt worden) wenn ich in die Hände klatsche. Eine andere Variante: Gib Dir den Befehl selbst & vollziehe ihn, wenn ich in die Hände klatsche.
30[3]
Betrachte diese beiden Sprachspiele:
-
A befiehlt dem B bestimmte Bewegungen mit Armen & Beinen zu machen oder bestimmte Körperstellungen einzunehmen (der Turnlehrer & die Zöglinge).
-
Einer beobachtet irgend welche regelmäßige Vorgänge (etwa die Reaktionen verschiedener Metalle auf verschiedene Säuren) & macht daraufhin Vorhersagen welche Reaktion zwischen diesem Stoff & jenem eintreten wird.
30[4] &
31[1]
Eine Variante dieses Sprachspiels ist: Der Schüler befiehlt sich selbst welche Bewegung er ausführen wird & führt sie, etwa nach einem bestimmten Zeitintervall, aus.
31[2]
Es ist zwischen diesen beiden Sprachspielen eine offenbare Verwandtschaft & auch Grundverschiedenheit. In beiden könnte man die Worte eine Voraussage nennen. (Ein Befehl wird oft in den Worten gegeben: “Du wirst jetzt …”.) Vergleiche aber nun die Abrichtung, die zu der ersten Technik gehört, mit der Abrichtung zur zweiten!
31[3]
Ich kann die beiden Fälle einander äußerlich noch näher bringen indem ich im zweiten mit meinem eigenen Körper experimentiere. (“Ich werde jetzt 3 Kniebeugen ausführen; & dann wird mein Herz heftig schlagen.”) Es erklärt nun nichts, wenn ich sage, im ersten Fall sei ich das agens im zweiten bloß der Beobachter. Oder: im ersten Falle sähe ich den kausalen Zusammenhang von innen im zweiten von außen & vieles Ähnliche.
31[4]
Es ist auch nicht zur Sache zu sagen daß ja eine ‘Voraussage’ der Art “Ich werde Kniebeugen machen” sowenig immer zutrifft wie eine Voraussage der zweiten Art.
31[5] &
32[1]
Der fundamentale Unterschied liegt darin daß wir die beiden unter gänzlich verschiedenen Umständen machen. Ich hatte mich nicht beobachtet & sage nun “es scheint ich werde jetzt 3 Kniebeugen machen”. Die Äußerung “ich werde” hatte nicht ihren Grund in der Beobachtung einer Regelmäßigkeit; auch natürlich nicht derjenigen daß meistens wenn ich dies will, es geschieht. Auch will ich nicht sagen: in diesem Falle sei die Voraussage die Ursache & ihre Erfüllung der Effekt. (Darüber lassen wir Physiologen sich die Köpfe zerbrechen.) Obwohl an jener Aussage etwas ist: Wir können wirklich aus den Äußerungen des Entschlusses von Menschen häufig ihre Handlungen vorhersagen. Ein wichtiges Sprachspiel.
32[2] &
33[1]
AAer wenn Du sagst “Ich habe die Absicht abzureisen”, so meinst Du’s doch! Es ist eben hier wieder das geistige Meinen, das den Satz belebt. Sagst Du den Satz als Sprachübung, oder sprichst Du ihn jemandem nach um dessen Sprechweise zu imitieren so sagst Du ihn ohne jenes Meinen.
33[2]
Ja, das scheint uns so, wenn wir philosophieren. Aber denke Dir doch wirklich verschiedene Situationen Gespräche usw. & wie der Satz in ihnen ausgesprochen wird. Entdeckst Du da wirklich den geistigen Unterton? Und es gibt auch den Fall in welchem ich jemandem meine Absicht mitteile & dabei (etwa zum Spaß) den Ton eines Andern nachahme.
33[3] &
34[1]
“Ich wälze die Absicht in mir herum, abzureisen.” Daraus wird man vor allem entnehmen an was der Andre denkt & was er fühlt. Er könnte auch hinzusetzen “Ich kann jetzt an nichts anderes denken”. (Beschreibung eines Gemütszustandes) Damit zu vergleichen: Jemand fragt mich “Wielange bleibst Du hier”. Ich antworte “Morgen reise ich ab; meine Ferien gehn zu Ende”. – Anderseits aber sage ich am Ende eines Streites: “Wenn es so ist reise ich morgen ab”. (Ich fasse einen Entschluß.)
34[2]
“Ich hatte schon den Mund geöffnet, das zu sagen”.
34[3]
Sich in eine Situation wieder hineindenken. Man ruft sich alle Umstände ins Gedächtnis. Als ich unterbrochen wurde, war ich im Begriff zu sagen … “Ich weiß nicht welche Worte ich gesprochen hätte aber ich wollte ihm ein Argument dieser Art geben: …” Mußte ich mir das Argument also schon zurechtgelegt haben? Etwa wie durch eine Notiz.
34[4]
“Was wolltest Du sagen als Du (damals) unterbrochen wurdest?” – “Ich wollte ungefähr sagen …”
34[5] &
35[1]
“Du sagtest damals ‘ …’ dann wurdest Du unterbrochen. Weißt Du noch was Du sagen wolltest?” Wenn ich’s nun weiß & es sage – heißt das, daß ich es schon früher gedacht & nur nicht gesagt hatte? Nein. Es sei denn, daß Du die Sicherheit, mit der ich den unterbrochenen Satz weiterführe, als Kriterium dafür nimmst, daß der Gedanke damals schon fertig war. Aber es lag freilich schon alles mögliche in der Situation & in meinen Gedanken, das dem Satz weiterhalf.
35[2]
Wenn ich den unterbrochenen Satz später fortsetze & sage so hätte ich ihn damals fortsetzen wollen; so ist es setzte ich ihn nach Notizen fort, die ich damals gemacht hatte.
35[3]
Und deute ich also diese Notizen nicht? War nur eine Fortsetzung unter jenen Umständen möglich? Gewiß nicht. Aber ich wählte nicht eine dieser Deutungen. Ich erinnerte mich, daß ich das sagen wollte.
35[4] &
36[1]
Denn wenn ich mich erinnere daß ich dies sagen wollte, erinnere ich mich freilich nicht an das was geschehen wäre wenn ich damals gesagt hätte: “Ich will sagen … …” Wohl aber hätte ein Freund meinen unterbrochenen Satz, ohne daß ich es wußte, weiterschreiben können. Und er sagt dann “Ich weiß daß Du das sagen wolltest.”
36[2]
“Weißt Du daß Du jedes Wort des Satzes so sagen wolltest?” – “Nein aber der Gang des Arguments stand schon in mir fest.”
36[3]
“Ich wollte auf … lossteuern.”
36[4]
Wenn einem Andern mein Gedankenweg vorgezeichnet scheint wie soll er mir nicht vorgezeichnet scheinen?
36[5]
“Ich sah, Du wolltest so schnell als möglich von dort wegkommen.” Die Absicht, die Tendenz, zu beschreiben ist, was jemand tut von einem bestimmten Gesichtspunkte beschreiben.
36[6]
Ich meine nicht: Du legst hinein was nicht da war – denn wozu solltest Du das tun? Aber Du beschreibst es – vielleicht gänzlich richtig – durch einen bestimmten Begriff.
37[1]
Zu sagen, ich deute, wenn ich mich daran erinnere, was ich hatte sagen wollen, – ist eigentlich falsch, weil das hieße, ich baute um gewisse [unreadable] eine mögliche Deutung. Während ich nicht anders kann, als diesen Gedankenweg zu gehen.
37[2]
[Die Meinung entwickelt sich.]
37[3]
“Trachte, was immer geschieht, dieses Haus zu erreichen” charakterisiert ein anderes Sprachspiel als: “Geh 100 Schritt gradaus, dann rechts …, dann wirst Du zu dem Haus kommen”. Ebenso gehören “Ich trachte zu diesem Haus zu kommen” & “Ich ging die Straße die zu dem Haus führt” zu verschiedenen Sprachspielen.
37[4]
Was geschieht wenn ich ein bestimmtes Buch suche. Wie unterscheidet es sich davon, daß ich ein anderes Buch suche; angenommen daß ich nicht finde, was ich suche.
37[5] &
38[1]
Und nun denk an den Fall wenn man im Suchen unterbrochen wird & dann sagt: “Was war es nur, was ich suchte? Ach ja es war …!”
38[2]
Ich gebe jemandem eine Erklärung bleibe aber stecken & sage um ihm einen beiläufigen Begriff zu geben: “Ich steuere auf diesen Gedanken los: …” Das ist ähnlich wie wenn ich sage “Ich suche nach dem Buch …”
38[3]
Der Befehl “Suche das Buch …!” ist nicht derselbe wie “Lies die Titel aller dieser Bücher ab!” Aber in beiden Fällen mag die Befolgung die gleiche Handlung sein.
38[4]
“Ich suche dieses Buch” heißt nicht dasselbe wie “Ich lese die Titel aller dieser Bücher” obwohl ich vielleicht eben dies tue. Aber zu sagen die beiden Sätze bezögen sich auf verschiedene Tätigkeiten wäre als sagte man der Satz “Heute ist mein Geburtstag” & “Der 26te ist mein Geburtstag” bezögen sich auf verschiedene Tage.
38[5]
Suche das Buch A ist nicht derselbe Befehl wie “Suche das Buch B”. Aber was ich bei der Befolgung dieser beiden Befehle tue mag genau das gleiche sein.
38[6] &
39[1]
Ich kann von dem was geschah eine Reihe verschiedener Beschreibungen geben. Verschiedenes auslesen & zusammenfassen. Es unter verschiedenen Gesichtspunkten durch verschiedene Begriffe beschreiben. Und zu sagen “ich wollte damals das sagen” heißt was ich tat dachte etc. unter dem Gesichtspunkt der Absicht beschreiben.
39[2]
“Ich trachte mit allen Mitteln dorthin zu kommen” charakterisiert, was geschieht, in bestimmter Weise. Von [Mann auf der steilen Straße]
einem bestimmten Gesichtspunkt … gibt ein bestimmtes Bild der Ereignisse, bringt bestimmte Züge der Ereignisse heraus.
39[3]
Es wäre seltsam, zu sagen “Ich trachte mit allen Mitteln dorthin zu kommen”, wenn ich weiter nichts tun brauche, als eine Viertelstunde zu gehen.
39[4] &
40[1]
Auch wenn Du irgendwie zu sehen glaubst, daß die Absicht eine Art von Empfindung ist – warum sollst Du glauben, daß die gleiche Absicht immer die gleiche Empfindung ist? Man könnte sich denken, in einer Armee habe bei gewissen Anlässen der General eine Uniform zu tragen, welche bei andern Anlässen der Leutnant trägt, & umgekehrt. (Der General sollte etwa bei gewissen Anlässen als der Diener der ganzen Armee erscheinen, bei andern als ihr Herr.)
40[2]
Das Sprachspiel: “Trachte dorthin zu kommen”. (Abrichtung dazu.)
40[3]
Wer dies Spiel spielt, sagt sich oder einem Andern etwa: “Ich muß das Haus erreichen!” Sag ich’s mir so ist es eine Wortreaktion wie “Es muß gehen!” Oder eine Erklärung meiner Handlungsweise für den Andern, eine Bitte um Hilfe etc.
40[4]
In diesem Buch veröffentliche ich philosophische Bemerkungen, die ich im Laufe der letzten 16 Jahre niedergeschrieben habe. Sie betreffen eine große Mannigfaltigkeit von Gegenständen ‥‥․
40[5]
Diese Arbeit nun ist ein Konglomerat solcher Bemerkungen.
40[6] &
41[1]
Ich mußte sie endlich doch in eine gewisse Ordnung bringen wenn diese auch vielfach nur lose ist & so entstand das Konglomerat welches ich hier veröffentliche.
41[2]
Dennoch aber war es nötig meine Bemerkungen einigermaßen zu ordnen wenn auch …
41[3]
Diese Bemerkungen sind also gleichsam Bilder die auf einer langen & verwickelten kreuz & quer-Fahrt durch ein weites Terrain aufgenommen wurden. Die gleichen Punkte der Landschaft oder beinahe die gleichen wurden unzählige male von verschiedenen Richtungen her erreicht & immer wieder neue Bilder aufgenommen. Eine Unzahl von diesen waren uncharakteristisch oder verzeichnet & mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet & wenn man diese ausschied so blieben eine Anzahl halbwegser übrig die man nun ungefähr so anordnen & beschneiden mußte, daß sie dem Betrachter einen möglichst guten Begriff von der Landschaft geben. Und eine solche Sammlung solcher Zeichnungen ist dieses Buch.
41[4]
Diese Bemerkungen sind nun gleichsam eine Menge von Landschaftsskitzen, die auf diesen langen & verwickelten kreuz & quer-Fahrten durch ein weites Terrain entstanden sind.
41[5]
Diese Bemerkungen sind also gleichsam Darstellungen einer Landschaft, die auf langen & verwickelten Kreuz & Querzügen gezeichnet wurden.
42[1]
In dem Folgenden will ich einen Teil der philosophischen Bemerkungen veröffentlichen, die ich im Lauf der letzten 16 Jahre geschrieben habe. Sie betreffen: den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Sinnesdaten & vieles andere. Ich habe alle meine Gedanken über diese Gegenstände ursprünglich als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über denselben Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern übergehend. – Meine Absicht war es, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, – von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien mir, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern wohlgeordnet fortschreiten sollten.
43[1]
In dem Folgenden will ich Gedanken mitteilen, die die Früchte meiner philosophischen Untersuchungen der letzten 16 Jahre sind. Sie betreffen den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Sinnesdaten & vieles andere. Alle meine Gedanken über diese Gegenstände habe ich ursprünglich als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten über denselben Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern übergehend. – Meine Absicht war es, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, – von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien mir, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern wohlgeordnet fortschreiten sollten.
43[2]
Vor etwa 10 Jahren … weitere Versuche …
Endlich sah ich ein, daß ich ein befriedigendes Ergebnis nicht erwarten durfte. Es zeigte sich mir, daß das Beste … Endlich sah ich ein daß eine auch nur halbwegs befriedigende Darstellung so nicht zu erzeugen war. Es wurde mir klar, daß das beste was ich schreiben konnte … bleiben würden; wie auch, daß meine Gedanken bald erlahmten.
43[3]
… & ich mußte sie jedesmal mit Mühe wieder beruhigen. Vor etwa 2 Jahren nun hatte ich Veranlassung einen Teil meines ersten Buches, die “L.P.A.”, zu lesen. Da …
43[4]
In dem Folgenden teile ich Gedanken mit, die die Früchte von philosophischen Untersuchungen der vergangenen 16 Jahre sind. Ich machte zahlreiche Versuche meine … Nach zahlreichen Versuchen aber meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen mußte ich einsehen daß mir dies nie gelingen werde. Es wurde mir nämlich klar …
44[1]
Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind, gleichsam eine Menge von Ansichten einer Landschaft, & sind auf diesen langen … entstanden.
Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind die Darstellung einer Landschaft durch eine Menge von Skitzen, wie sie auf diesen langen und verwickelten Wegen entstanden sind.
Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind eine solche Menge von Landschaftsskitzen die auf jenen verwickelten Wegen gezeichnet wurden.
44[2]
In einer andern Umgebung nun ist Gold das billigste Metall, unsere Edelsteine & Perlen häufig wie Kieselsteine, das Gewebe des Mantels durch vorhandene Maschinen billig herzustellen. Die Krone wird als Parodie eines anständigen Hutes empfunden & Einem als Abzeichen der Schande aufgesetzt.
44[3]
Mehr noch als dieser – stets kraftvollen & sichern – Kritik verdanke ich derjenigen, die ein Lehrer dieser Universität, Herr P. Sraffa durch viele Jahre unablässig an meinen Gedanken geübt hat. Diesem Ansporn verdanke ich die folgereichsten der Gedanken die ich hier veröffentliche.
45[1]
Der Reisende macht Skitze um Skitze dieser Landschaft.
45[2]
Der Reisende machte – – – – – – durch Skitzen dar, die der Niederschlag dieser Expedition sind.
Die Bemerkungen dieses Buches stellen jene Landschaft dar durch Skitzen.
45[3]
“Die Übergänge sind eigentlich alle schon gemacht” heißt ich habe keine Wahl mehr. Die Regel einmal mit einer bestimmten Bedeutung gestempelt zieht die Linien ihrer Befolgung durch den ganzen Raum. Wenn ich der Regel folge wähle ich nicht. Aber wenn so etwas wirklich stattfände was hülfe es mir?
45[4]
Nein; meine Beschreibung hatte nur Sinn wenn sie symbolisch zu verstehen war. – ‘So kommt es mir vor’, sollte ich sagen.
45[5]
Ich folge der Regel blind könnte ich auch sagen.
45[6] &
46[1]
Wann sage ich jemandem die Regel bestimme alle Schritte im voraus? Wann teile ich ihm das mit, oder lehre es ihn? Doch wohl nur, wenn er etwa das Gegenteil meint. Wenn er also glaubt er habe in einem bestimmten Falle noch eine Wahl. Also etwa an bestimmten Stellen im Unterricht in der Mathematik.
46[2]
Welchen Zweck hat aber dann jener symbolische Satz? Er sollte einen Unterschied hervorheben zwischen kausaler Bedingtheit & logischer Bedingtheit.
46[3]
Mein symbolischer Ausdruck war eigentlich eine mythologische Beschreibung des Gebrauchs einer Regel.
46[4]
“Setzen Sie sich!” – “Ich?” “Nein der dort.” – Was ging da vor als ich ihn meinte? – Ja mußte denn damals etwas vorgehen?
46[5]
Menschen sind in dem Maße religiös, als sie sich nicht so sehr unvollkommen, als krank glauben.
46[6]
Jeder halbwegs anständige Mensch glaubt sich höchst unvollkommen, aber der religiöse glaubt sich elend.
47[1]
What’s ragged should be left ragged.
47[2]
A miracle is, as it were, a gesture which God makes. As a man sits quietly & then makes an impressive gesture, God lets the world run on smoothly & then accompanies the words of a saint by a symbolic occurrence, a gesture of nature. It would be an instance if, when a saint has spoken, the trees around him bowed as if in reverence. – Now do I believe that this happens? I don’t.
47[3]
The only way for me to believe in a miracle in this sense would be to be impressed by an occurrence in this particular way. So that I should say e.g.: “It was impossible to see these trees & not to feel that they were responding to the words.” Just as I might say “It is impossible to see the face of this dog & not to see that he is alert & full of attention to what his master is doing.” And I can imagine that the mere report of the words & life of a saint can make someone believe the reports that the trees bowed. But I am not so impressed.
47[4]
When I came home I expected a surprise & there was no surprise for me, so, of course, I was surprised.
48[1]
“Du brauchst etwas Grünes zum Ansehen & Du siehst, daß Grün ausgebreitet ist.
48[2]
“Du siehst doch, es ist ausgebreitet!”
48[3]
Warum ist dieser Satz so unnütz?
48[4]
Denk Dir ihn in eine Gebärdensprache übersetzt! “Grün” wird durch Zeigen auf etwas Grünes ausgedrückt, & “ausgebreitet” durch eine ausbreitende Bewegung der Hände. – Hier haben wir also den Satz. Und wozu ist er nun zu verwenden?
48[5]
Der Satz “Farbe ist ausgebreitet” ist anwendbar. Man könnte z.B. im ‘Abstrakten Erraten’ die Frage stellen: “Ist es ausgebreitet”; & wenn die Antwort ist: “Ja”, so kann das heißen: es kann eine Farbe sein; aber nicht, z.B., ein Ton oder ein Gemütszustand.
48[6]
Nun könnte man sagen: wer so rät, rät auf die Grammatik des Wortes.
49[1]
Daß dieses Buch nicht gut ist, weiß ich. Aber ich glaube auch daß die Zeit in der es von mir verbessert werden könnte, vorüber ist. Dies hat mich zu seiner Veröffentlichung bewogen.
49[2]
“Wenn Einer beabsichtigt die Straße zu kreuzen so ist er in einem gewissen seelischen Zustand, den wir alle wohl kennen.” Du wirst mir doch nicht sagen, du wissest nicht wie das ist wenn man beabsichtigt etwa die Straße zu kreuzen. Aber könnten wir nicht alle das sagen & doch gänzlich verschiedenes meinen?
49[3]
“He went there deliberately to …”
49[4]
“Where are you going?” – “To …” Is this a prophecy?
49[5]
Glaube Du! Es schadet nicht.
49[6] &
50[1]
‘Glauben’ heißt, sich einer Autorität unterwerfen. Hat man sich ihr unterworfen, so kann man sie nun nicht, ohne sich gegen sie aufzulehnen, wieder in Frage ziehen & auf’s neue glaubwürdig finden.
50[2]
Ein Notschrei kann nicht größer sein, als der eines Menschen.
50[3]
Oder auch keine Not kann größer sein, als die, in der ein einzelner Mensch sein kann.
50[4]
Ein Mensch kann daher in unendlicher Not sein & also unendliche Hilfe brauchen.
50[5]
Die christliche Religion ist nur für den, der unendliche Hilfe braucht, also nur für den der unendliche Not fühlt.
50[6]
Der ganze Erdball kann nicht in größerer Not sein als eine Seele.
50[7]
Der christliche Glaube – so meine ich – ist die Zuflucht in dieser höchsten Not.
51[1]
Wem so in dieser Not gegeben ist sein Herz zu öffnen statt es zusammenzuziehen, der nimmt das Heilmittel ins Herz auf.
51[2]
Wer das Herz so öffnet im reuigen Bekenntnis zu Gott, öffnet es auch für die Anderen. Er verliert damit seine Würde als besonderer Mensch & wird daher wie ein Kind. Nämlich ohne Amt, Würde, & Abstand vor den Andern. Sich vor den Andern öffnen kann man nur aus einer besonderen Art von Liebe. Die gleichsam anerkennt, daß wir alle böse Kinder sind.
51[3]
Man könnte auch sagen: Der Haß zwischen den Menschen kommt davon her, daß wir uns von einander absondern. Weil wir nicht wollen, daß der Andere in uns hineinschaut, weil es darin nicht schön ausschaut.
51[4]
Man soll nun zwar fortfahren sich seines Innern zu schämen, aber nicht sich seiner vor den Mitmenschen zu schämen.
52[1]
Größere Not kann nicht empfunden werden, als von einem Menschen. Denn wenn sich ein Mensch verloren fühlt so ist das die höchste Not!
52[2]
[→ Philosophische Untersuchungen]
der Logisch-philosophischen Abhandlung entgegengestellt.