Ms-129

IIIr[1]

Prof. L. Wittgenstein

Trinity College

Cambridge

IIIv[1] &
IVr[1] &
IVv[1] &
Vr[1] &
Vv[1] &
VIr[1] &
VIv[1]

Vorwort

In dem Folgenden teile ich Gedanken mit, die die Früchte von philosophischen Untersuchungen der vergangenen 16 Jahre sind. Sie betreffen eine große Mannigfaltigkeit von Gegenständen: den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Sinnesdaten & anderes. – Alle diese Gedanken habe ich ursprünglich als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, den gleichen Gegenstand betreffend; manchmal in raschem Wechsel vom einen zum andern überspringend. – Meine Absicht war es, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich schien mir, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern wohlgeordnet fortschreiten sollten. Vor etwa 10 Jahren machte ich den ersten Versuch einer solchen Zusammenschweißung. Das Ergebnis war gekünstelt & unbefriedigend; & ich machte weitere Versuche. Endlich sah ich ein, daß eine (auch nur) halbwegs befriedigende Darstellung so nicht entstehen könne. Es wurde mir klar, daß das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden, & auch, daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, einem Geleise entlang weiterzuzwingen. Und dies hing auch mit der Natur der Probleme selbst zusammen. Denn diese zwingen uns ein weites Gedankengebiet kreuz & quer, nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskitzen, die auf diesen langen & verwickelten kreuz & quer Zügen gezeichnet wurden. Die gleichen Punkte der Landschaft, oder beinahe die gleichen, wurden unzählige Male von verschiedenen Richtungen her berührt & immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl von diesen war verzeichnet, oder uncharakteristisch; mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, (so) blieben eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet & beschnitten werden mußten, daß sie dem Betrachter einen Begriff der Landschaft geben konnten. Eine solche Zusammenstellung solcher Skitzen ist dieses Buch. Ich hatte bis vor kurzem den Gedanken an ihre Veröffentlichung zu meinen Lebzeiten eigentlich aufgegeben. Er wurde allerdings von Zeit zu Zeit rege gemacht; & zwar hauptsächlich weil ich erfahren mußte, daß die Resultate meiner Arbeit, die ich in Vorlesungen, Skripten & Diskussionen weitergegeben hatte, vielfach mißverstanden, mehr oder weniger verwässert, oder verstümmelt im Umlauf waren (mit & ohne Quellenangabe). Dadurch wurde meine Eitelkeit aufgeregt & ich mußte sie jedesmal mit Mühe beruhigen. – Vor 2 Jahren nun hatte ich Veranlassung einen Teil meines ersten Buches, der “Log. Phil. Abh.“, zu lesen & zu erklären. Da schien es mir plötzlich, daß ich dies Buch & die neuen Gedanken zusammen veröffentlichen sollte, & daß diese nur durch den Kontrast, & auf dem Hintergrund der philosophischen Denkungsweise der Abhandlung, ihre eigentliche Bedeutung erhalten könnten. Seit ich nämlich, vor 16 Jahren, mich wieder mit Philosophie zu beschäftigen anfing, mußte ich schwere Irrtümer in dem Gedanken erkennen, was ich in der “Log. Phil. Abh.” niedergelegt hatte. Diese Irrtümer einzusehen, hat mir – in einem Maße, das ich kaum selbst zu beurteilen vermag – die Kritik geholfen, die meine Ideen durch Frank Ramsey erfahren haben, – mit welchem ich sie, während der zwei letzten Jahre seines Lebens in zahllosen Gesprächen erörtert habe. – Mehr noch als dieser – stets kraftvollen & sichern – Kritik verdanke ich derjenigen, die ein Lehrer dieser Universität, Herr P. Sraffa, durch viele Jahre, unablässig an meinen Gedanken geübt hat. Diesem Ansporn schulde ich die folgereichsten der Ideen dieser Schrift. Aus mehr als einem Grunde wird, was ich hier veröffentliche, sich mit dem berühren, was Andere heute schreiben. – Tragen meine Bemerkungen keinen Stempel an sich, der sie als die meinen kennzeichnet, – so will ich sie (auch) weiter nicht als mein Eigentum beanspruchen. Ich übergebe sie mit zweifelhaften Gefühlen der Öffentlichkeit. Daß es ihnen in ihrer Dürftigkeit & der Finsternis dieser Zeit, beschieden sein sollte, Licht in ein oder das andere Gehirn zu werfen, ist nicht unmöglich – aber nicht wahrscheinlich. Ich möchte nicht mit meiner Schrift Andern das Denken ersparen. Sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.

Cambridge

VIIr[1] &
VIIv[1] &
VIIIr[1]

Vorwort.

In dem Folgenden teile ich Gedanken mit, die die Früchte von philosophischen Untersuchungen der vergangenen 16 Jahre sind. Sie betreffen viele Gegenstände: den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Sinnesdaten und anderes. Alle diese Gedanken habe ich als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal vom einen zum andern hin & her springend. – Meine Absicht war es, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen; von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien mir ursprünglich, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen und lückenlosen Folge (wohlgeordnet) fortschreiten sollten. Nach mannigfachen Versuchen meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, mußte ich einsehen, daß mir dies nie gelingen werde. Ich erkannte , daß das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden, & daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchung selbst zusammen. Diese nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet kreuz & quer, nach allen Richtungen hin zu durchwandern. – Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind die Darstellung einer Landschaft durch eine große Menge von Skitzen, wie sie auf diesen langen & verwickelten (kreuz & quer) Zügen entstanden ist.

VIIIr[2]

Die gleichen Punkte der Landschaft, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem, von verschiedenen Richtungen her berührt & immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser war verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieben eine Anzahl halbwegser (übrig), die nun so angeordnet, oft beschnitten, werden mußten, daß sie dem Betrachter möglicherweise einen Begriff von der Landschaft geben konnten.

VIIIr[3] &
VIIIv[1]

Ich hatte bis vor kurzem den Gedanken an ihre Veröffentlichung zu meinen Lebzeiten eigentlich aufgegeben. Er wurde allerdings von Zeit zu Zeit rege gemacht, & zwar hauptsächlich dadurch, daß ich erfahren mußte, daß die Ergebnisse meiner Arbeit, die ich in Vorlesungen, Skripten & Diskussionen weitergegeben hatte, vielfach mißverstanden, mehr oder weniger verwässert, oder verstümmelt im Umlauf waren (mit & ohne Quellenangabe). Hierdurch wurde meine Eitelkeit gereizt, & ich hatte immer (wieder) Mühe, sie zu beruhigen. Vor zwei Jahren nun hatte ich Veranlassung, einen Teil meines ersten Buches (der “Log. Phil. Abh.”) wieder zu lesen, & seine Gedanken zu erklären. Da schien es mir plötzlich, daß ich jene alten Gedanken & die neuen zusammen veröffentlichen sollte, & daß diese nur durch den Gegensatz, & auf dem Hintergrund meiner ältern Denkungsweise ihre eigentliche Bedeutung erhalten könnten. Seit ich nämlich …

Xr[1]

In dem Folgenden teile ich Gedanken mit, Ergebnisse philosophischer Untersuchungen, die mich in den letzten 16 Jahren beschäftigt haben. Sie betreffen viele Gegenstände: den Begriff der Bedeutung … & anderes. Ich habe sie alle als Bemerkungen, kurze Absätze niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal von einem Gegenstand zum andern hin & her springend. Meine Absicht war es, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien es mir ursprünglich, daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen & lückenlosen Folge fortschreiten sollten.

Xv[1] &
XIr[1] &
XIv[1]

In dem Folgenden teile ich Gedanken mit, die die Ergebnisse philosophischer Untersuchungen der letzten 16 Jahre sind. Sie betreffen viele Gegenstände: den Begriff der Bedeutung, des Verstehens, des Satzes, der Logik, die Grundlagen der Mathematik, die Bewußtseinszustände & anderes.

Ich habe alle diese Gedanken als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern überspringend. – Meine Absicht war es von Anfang, alles dies einmal in einem Buche zusammenzufassen, von dessen Form ich mir zu verschiedenen Zeiten verschiedene Vorstellungen machte. Wesentlich aber schien es mir daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen & lückenlosen Folge fortschreiten sollten. Nach manchen mißglückten Versuchen meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies Unternehmen nie gelingen würde. Ich erkannte, daß das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; daß meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. – Und dies hing freilich auch mit der Natur der Untersuchung selbst zusammen. Sie nämlich zwingt uns, ein weites Gedankengebiet, kreuz & quer, nach allen Richtungen hin zu durchreisen. – Die Philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskitzen, die auf diesen verwickelten Fahrten entstanden sind. Die gleichen Punkte der Landschaft, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen. – Eine Unzahl dieser war verzeichnet, oder uncharakteristisch; mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten, werden mußten, daß sie dem Betrachter möglicherweise ein Bild der Landschaft geben konnten.

XIv[2] &
XIIr[1]

Ich hatte bis vor kurzem den Gedanken an eine Veröffentlichung meiner Arbeit bei meinen Lebzeiten eigentlich aufgegeben. Er wurde allerdings von Zeit zu Zeit rege gemacht, & zwar hauptsächlich dadurch, daß ich erfahren mußte, daß meine Ergebnisse, die ich in Vorlesungen, Skripten & Diskussionen weitergegeben hatte, vielfach mißverstanden, mehr oder weniger verwässert, oder verstümmelt im Umlauf waren. Hierdurch wurde meine Eitelkeit gereizt, & ich hatte immer wieder Mühe, sie zu beruhigen. Vor zwei Jahren (nun) hatte ich Veranlassung mein erstes Buch wieder zu lesen & seine Gedanken zu erklären. Da schien es mir plötzlich, daß ich jene alten Gedanken & die neuen zusammen veröffentlichen sollte; & daß diese nur durch den Gegensatz, & auf dem Hintergrund meiner ältern Denkweise ihre eigentliche Bedeutung zeigen könnten. Seit ich nämlich vor 16 Jahren mich wieder mit Philosophie zu beschäftigen anfing …

1[2]

17.08.1944 Aber wie ist es überhaupt möglich, daß man in Versuchung ist, zu glauben, man meine einmal mit einem Wort die Allen bekannte Farbe, einmal: den ‘visuellen Eindruck’, den ich jetzt erhalte? Wie kann hier auch nur eine Versuchung sein? – Ich wende in diesen Fällen der Farbe nicht die gleiche Art der Aufmerksamkeit zu. Meine ich – wie ich sagen möchte – den mir zu eigen gehörenden Farbeindruck: so vertiefe ich mich in die Farbe. Ungefähr, wie wenn ich mich an einer Farbe ‘nicht satt sehen kann’. Daher ist es leichter, dieses Erlebnis zu erzeugen, wenn man auf eine leuchtende Farbe sieht, die sich stark einprägt.

1[3] &
2[1]

Wie bin ich von Mitleid für diesen Menschen erfüllt? Wie zeigt es sich, welches Objekt das Mitleid hat?

2[2]

Ja; ich kann von Leblosem sagen, es habe Schmerzen: im Spiel mit Puppen z.B. Hat es aber nicht Sinn zu sagen, daß dies ein sekundärer Gebrauch des Schmerzbegriffs ist, der primäre aber auf Lebendes Anwendung hat? Versuche, Dir vorzustellen, man sage nur von Leblosem, es habe Schmerzen, bemitleide nur Puppen, z.B.. (Wenn Kinder Eisenbahn spielen, hängt ihr Spiel auf mannigfache Weise mit ihrer Kenntnis der Eisenbahn zusammen Man könnte sich aber denken, Kinder eines Volksstammes, dem Eisenbahnen unbekannt sind, hätten das Eisenbahnspiel von andern übernommen, & es unterhielte sie, obwohl sie nicht wissen, daß damit etwas nachgeahmt wird. Man würde dann vielleicht sagen, ihr Spiel habe nicht denselben Sinn, wie das unsere.)

3[1]

“Wenn die Menschen immer nur in ihrem Innern zu sich selbst sprächen, so täten sie bloß dasjenige beständig, was sie heute manchmal tun.” – Es ist also ganz leicht, sich dies vorzustellen; man braucht nur den leichten Übergang von einigen auf alle zu machen. (Ähnlich: “Eine unendlich lange Baumreihe ist einfach eine, die nicht zu einem Ende kommt.”) Unser Kriterium dafür, daß Einer zu sich selbst spricht, ist das, was er uns sagt & sein übriges Verhalten; & wir sagen nur von dem, er spreche zu sich selbst, der, im gewöhnlichen Sinne, sprechen kann. Und wir sagen es auch nicht von einem Papagei; sowenig wie von von einem Grammophon.

3[2] &
4[1]

Aber könnten wir uns nicht vorstellen, daß Gott einem Papagei plötzlich Verstand schenkte, & dieser nun zu sich selbst redete? – Aber es ist wichtig, daß ich, zu dieser Vorstellung, die Vorstellung von Gott zu Hilfe nahm.

4[2]

“Aber ich weiß doch von mir selbst, was es heißt, ‘zu sich sprechen’. Und würde ich der Organe des lauten Sprechens beraubt, so könnte ich dennoch (in mir) Selbstgespräche führen.” Weiß ich’s nur von mir selbst, dann weiß ich also nur, was ich so nenne, nicht, was ein Andrer so nennt.

4[3] &
5[1]

Um zu zeigen, daß man denken kann ohne zu sprechen, zitiert James die Erinnerungen eines Taubstummen, Ballou, der schreibt, er habe schon als Knabe, ohne sprechen zu können, über Gott und die Welt philosophiert. – Was das wohl heißen mag! – “It was during those delightful rides, some 2 or 3 years before my initiation into the rudiments of written language, that I began to ask myself the question: How came the world into being?” – Are you sure that this is a correct translation from your wordless thought into words? – möchte ich fragen. Und warum reckt diese Frage auf einmal ihren Kopf hervor, die doch sonst nicht zu existieren scheint? – Will ich sagen, es täusche den Autor sein Gedächtnis? – Ich weiß nicht einmal, ob ich das sagen würde. Diese Erinnerungen sind ein seltsames Gedächtnisphänomen, & ich weiß nicht, welche Schlüsse man auf das Knabenalter des Erzählers ziehen soll.

5[2] &
6[1]

“Was manchmal geschieht, könnte immer geschehen.” – Was wäre das für ein Satz. Ein ähnlicher wie dieser: Wenn “φ(a)” Sinn hat, hat “(x)φ(x)” Sinn. “Wenn es vorkommen kann, daß Einer in einem Spiel falsch zieht, so könnte es sein, daß die Menschen in allen Spielen nur falsche Züge machten.” – Das zeigt, daß wir die Logik dieser Ausdrücke, den Gebrauch unsrer Worte, nicht recht verstehen.

6[2] &
7[1]

“Diese Taubstummen haben alle nur eine Gebärdensprache gelernt, jeder aber spricht zu sich selbst eine Lautsprache.” – Nun, verstehst Du das nicht? – Wie weiß ich nur, ob ich’s verstehe?! – Was kann ich mit dieser Mitteilung (wenn’s eine ist) anfangen? Die ganze Idee des Verstehens wird hier dubios. Ich weiß nicht, ob ich sagen soll, ich versteh’s, oder ich versteh’s nicht. Ich möchte antworten: “Es ist ein deutscher Satz; scheinbar ganz in Ordnung – ehe man nämlich mit ihm arbeiten will; er steht mit andern Sätzen in einem Zusammenhang, der es schwierig macht, zu sagen, man wisse eigentlich nicht, was er uns mitteilt; Jeder, der nicht philosophisch anästhesiert ist, merkt, daß hier etwas nicht stimmt.”

7[2]

Wir sagen nicht, ein Hund spreche möglicherweise zu sich selber. Ist das, weil wir seine Seele so genau kennen? Nun, man könnte so sagen. Wenn man das Benehmen des Lebewesens sieht, sieht man seine Seele. Aber sage ich auch von mir, ich spreche mit mir selber, weil ich mich so & so benehme? – Ich sage es nicht auf die Beobachtung meines Benehmens hin; aber es hat nur Sinn, weil ich mich so benehme. – So hat es also nicht darum Sinn, weil ich es meine?

7[3] &
8[1]

Ein Grammophon spricht ja; & könntest Du nicht annehmen, es habe eine Seele & meine mit ihr, was es spricht? Ich verstehe wohl – es ist schwer, eine Seele mit einer Maschine zur Deckung zu bringen. Und nun noch gar das Denken dieser Seele mit dem Sprechen der Maschine! Es ist schwer; aber ist es unmöglich?

8[2] &
9[1]

Wie weiß ich, was das heißt “zu mir selber (im Innern) sprechen”? Es ist doch kein ganz selbstverständlicher Übergang von der Bedeutung des Wortes “sprechen”, wenn dies heißt: Laute hervorbringen – zu einer Bedeutung, in der es das nicht heißt. Wenn ich jemand zumute, einen solchen Übergang zu machen, wie weiß ich da, wozu er übergehen wird? Wenn ich zu jemand sagte: “Verwende das Wort ‘Zucker’ in ähnlicher Bedeutung, wie der alltäglichen, nur für etwas, was nicht süß, noch eßbar ist” – so ist nicht klar, was er nun “Zucker” nennen wird.

9[2]

Der Sessel spricht zu sich selber: “ …”. Wo spricht er es? In einem seiner Teile? Oder außerhalb seiner selbst; in der Luft um ihn? Oder gar nicht irgendwo? Aber was ist dann der Unterschied zwischen dem Sprechen dieses Sessels & dem eines andern, der neben ihm steht? – Aber wie ist es dann mit dem Menschen: wo spricht er zu sich selbst? Wie kommt es, daß diese Frage sinnlos scheint – & keine Ortsbestimmung nötig ist, außer der, daß eben dieser Mensch zu sich selbst spricht – während die Frage, wo der Sessel mit sich selbst spreche, eine Antwort zu erheischen scheint? Ich glaube, der Grund ist der: Wir wollen wissen, wie der Sessel einem Menschen entsprechen soll. Ob der Kopf z.B. am obern Ende der Lehne ist; usw.

10[1]

“Kann man denken, ohne zu reden?” – Und was ist Denken? – Nun, denkst Du nie? Kannst Du Dich nicht beobachten & sehen, was da vorgeht? Das sollte doch einfach sein. Du mußt ja darauf nicht, wie auf ein astronomisches Ereignis, warten; & dann etwa in Eile Beobachtungen machen.

10[2]

[69] Nun, was nennt man noch “denken”? Wofür hat man gelernt, das Wort zu benützen? – Wenn ich sage, ich habe gedacht, – muß ich da immer recht haben? Welche Art von Irrtum ist da möglich? Gibt es Umstände, unter denen man (sich) fragen würde: “War, was ich da getan habe, wirklich ein Denken; irre ich mich nicht?” Wenn Jemand in einem Gedankengang, eine Messung ausführt, hat er das Denken unterbrochen, wenn er beim Messen nicht zu sich selbst spricht?

10[3] &
11[1]

Wie ist das, wenn man im Innern zu sich spricht, was geht da vor? – Wie soll ich’s erklären? Nun, nur so, wie Du Einen die Bedeutung des Ausdrucks “zu sich selbst sprechen” lehren kannst. Und als Kinder lernen wir ja diese Bedeutung. – Nur daß niemand sagen wird, wer sie uns lehrt, sage uns, ‘was da vorgeht’.

11[2]

[70] Vielmehr scheint es uns, als ob der Lehrer in diesem Fall dem Schüler die Bedeutung beibringt, ohne sie ihm direkt zu sagen; daß aber der Schüler endlich dazu gebracht wird, sich selbst die richtige hinweisende Definition zu geben. Und hierin liegt unsre Illusion.

11[3]

Oder habe ich etwas übersehen?

11[4] &
12[1]

Ist es nicht merkwürdig, daß man nicht sagt: “… und dann sprach ich lange Zeit nicht mit mir”, oder: “… und als ich das zu mir gesagt hatte, schwieg ich eine lange Zeit”? – Aber wenn ich, z.B., eine Melodie pfeife, so spreche ich dabei meistens nicht zu mir.

12[2]

Erfindungen von Sprachspielen, die ich hier benütze mögen manchen phantastisch erscheinen. Aber was würden Menschen, denen Philosophie nicht bekannt ist, sagen, wenn man ihnen von dem erzählen wollte, was Philosophen geschrieben haben! Würden sie das für möglich halten?

12[3]

“Du sagst zwar nicht, es könne keine Empfindung geben, wenn sie nicht ausgedrückt wird; aber sagst Du nicht doch, Wesen, die keines Ausdrucks fähig wären, empfänden nicht?” – Ich sage, vom Blinden, er sehe nicht, & vom Tauben, er höre nicht. Ich sage nicht: “Dieser Mann ist blind, aber vielleicht sieht er dennoch.”

12[4] &
13[1]

“Folgt aus dem, was Du sagst, nicht, daß, wenn es keinen Ausdruck gäbe, es keine Empfindungen in der Welt gäbe? Und es ist doch gewiß vorstellbar, daß es Empfindungen gäbe & nichts, was wir einen Ausdruck der Empfindungen nennen würden!” (Dabei stelle ich mir die Empfindungen förmlich in der Welt herumschwimmend vor.)

13[2]

Aber wenn ich Empfindung nur von mir selbst kenne, gibt es ja überhaupt verflucht wenig davon auf der Welt! (Und dann werden wir ohne das Bißchen auch noch auskommen.)

13[3]

“Ich bin nicht sicher, ob ich mir nicht vorstellen kann, daß dieser Sesselfuß Schmerzen hat.” – Und wenn ich’s nun kann – was weiter? Inwiefern ist das interessant? Welche Verbindungen hat es mit dem übrigen Leben?

13[4] &
14[1]

Ich kann mir vielleicht auch vorstellen (obwohl es nicht leicht ist), jeder der Leute, die ich auf der Straße sehe, habe Schmerzen; verberge sie aber kunstvoll. Und es ist wichtig: daß ich mir ein kunstvolles Verbergen vorstellen muß. Daß ich mir also nicht einfach sage: “Seine Seele hat Schmerzen; aber was muß das mit seinem Leib zu tun haben!” – Wenn ich mir dies nun vorstelle – wie mache ich’s?

14[2]

“Wenn ich mir vorstelle, er habe Schmerzen, geht … vor”, oder “geht eigentlich nur … in mir vor”. Diese Analyse führt uns zu nichts. Ein andrer sagt dann: “Ich glaube, ich kann es mir auch vorstellen, ohne dabei … zu denken”. Das ist alles ganz irrelevant. Dieser Versuch, um die philosophische Schwierigkeit herumzukommen, (ist) abortiv.

14[3] &
15[1] &
16[1]

“Aber wenn ich mir vorstelle, daß Einer, der lacht, in Wirklichkeit Schmerzen hat, so stelle ich mir doch kein Schmerzbenehmen vor, denn ich sehe eben davon das Gegenteil. Was stelle ich mir also vor?” – Ich habe es schon gesagt. Und ich stelle mir dazu nicht notwendigerweise vor, daß ich Schmerzen fühle. – “Aber wie geht es also vor sich, wenn ich mir das vorstelle?” Diese Frage könnte ich nur beantworten, indem ich den Fragenden die Bedeutung der Worte “sich … vorstellen” lehrte; ähnlich nämlich, wie ich sie als Kind gelernt habe. § Wo, außerhalb der Philosophie, verwenden wir denn die Worte “Ich kann mir vorstellen, daß er Schmerzen hat”, oder “Ich stelle mir vor …”, oder “Stell Dir vor …”. Man kann Einem sagen: “Stell Dir einmal vor, daß dieser Mann dort mit dem lachenden Gesicht starke Schmerzen hat!” – & dabei gibt man ihm keine Anleitung, was er eigentlich tun soll. (Darum ist auch jene Analyse gar nicht zur Sache.) Es könnte der Befehl etwa in einem Spiel gegeben werden; & wir schauen nun dem zu, der sich dies schwer Vorzustellende vorstellt.

16[2]

Es besteht eine Unklarheit darüber, welche Rolle das Sich-vorstellen -können in unserer Untersuchung spielt. Inwiefern es nämlich den Sinn eines Satzes sicherstellt.

16[3] &
17[1] &
18[1]

[81] “Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß Einer so handelt & doch nichts Schandbares in der Handlung sieht” – und nun folgt eine Beschreibung, wie man sich das vorzustellen habe. “Ich kann mir eine Gesellschaft von Menschen vorstellen in welcher es als unanständig gilt, zu rechnen, außer zum Zeitvertreib”. Das heißt ungefähr so viel wie: ich könnte mir dieses Bild leicht weiter ausmalen. “Es hat Sinn von einer endlosen Baumreihe zu reden. Ich kann mir doch vorstellen, daß eine Baumreihe ohne ein Ende weiterläuft.” D.h. etwa: Wenn es Sinn hat zu sagen, die Baumreihe komme hier zu einem Ende, muß es Sinn haben, zu sagen, sie komme hier nicht zu einem Ende; und also auch: sie komme nirgends zu einem Ende. Die visuelle Vorstellung ist etwa die einer Baumreihe, die ‘unabsehbar’ weiterläuft. Ein solches Bild verbürgt natürlich den Sinn jenes Wortausdrucks so wenig, als es ihn erklärt. “Ich kann mir doch vorstellen, unsere Maßstäbe zögen sich immer zusammen, wenn …” heißt: Wenn sich unsre Maßstäbe so benähmen, würden wir nicht anstehen, zu sagen … Dies erklärt den Sinn einer bestimmten Ausdrucksweise. “Ich kann mir doch vorstellen, wie der Andre in seinem Bauch Schmerzen hat!” (Ich könnte etwa dazusetzen: jetzt z.B. tue ich’s gerade.) Erklärt dies, was es heiße, der Andre habe Schmerzen? (Ich kann mir die Schmerzen des Andern besser vorstellen, wenn ich mich selbst nicht ganz wohl fühle.)

18[2]

Wenn man sich den Schmerz des Andern nach dem Vorbild des eigenen vorstellen muß, dann ist das keine so leichte Sache, da ich mir (doch) nach (den) Schmerzen, die ich fühle, Schmerzen vorstellen soll, die ich nicht fühle. Ich habe nämlich in der Vorstellung nicht einfach einen Übergang von einem Ort des Schmerzes zu einem andern zu machen. Wie von Schmerzen in der Hand zu Schmerzen im Arm. Denn ich soll mir nicht das vorstellen, daß ich an einer Stelle seines Körpers Schmerz empfinde. (Was auch möglich wäre.) Das Schmerzbenehmen kann auf eine schmerzhafte Stelle deuten, aber die leidende Person ist die, welche klagt.

19[1] &
20[1]

Woher kommt uns auch nur der Gedanke, Wesen, Gegenstände, könnten ‘etwas fühlen’?? Meine Erziehung hätte mich darauf geführt, indem sie mich auf die Gefühle in mir aufmerksam machte, & nun übertrage ich die Idee auf Objekte außer mir? Ich erkenne, es ist da (in mir) etwas, was ich, ohne mit dem Wortgebrauch der Andern in Widerspruch zu geraten, “Schmerzen” nennen kann? Auf Steine & Pflanzen, etc. übertrage ich meine Idee nicht. Könnte ich mir nicht denken, ich hätte fürchterliche Schmerzen & würde während sie andauern zu einem Stein? Ja, wie weiß ich, wenn ich die Augen schließe, daß ich nicht zu einem Stein geworden bin? – Und wenn das nun geschehen ist, inwiefern wird der Stein Schmerzen haben. Inwiefern wird man es vom Stein aussagen können? Ja warum soll der Schmerz hier überhaupt einen Träger haben?! Und kann man von dem Stein sagen, er habe eine Seele & die hat Schmerzen? Was hat eine Seele, was haben Schmerzen mit einem Stein zu tun? Nur von dem, was sich benimmt, wie ein Mensch, kann man sagen, daß es Schmerzen hat. Denn man muß es von einem Körper sagen, oder, wenn Du willst, von einer Seele, die einen Körper hat. Und wie kann ein Körper eine Seele haben?

20[2] &
21[1]

Aber ist es nicht absurd, von einem Körper zu sagen, er habe Schmerzen? – Und warum fühlt man darin eine Absurdität? Inwiefern fühlt meine Hand nicht Schmerzen; sondern ich in meiner Hand? Was ist denn das für eine Streitfrage: Ist es sein Körper der Schmerzen fühlt? – Wie ist sie zu entscheiden? Wie macht es sich geltend, daß es nicht der Körper ist? – Nun, etwa so: Wenn Einer in der Hand Schmerzen hat, so sagt’s die Hand nicht (außer sie schreibt’s), & man spricht nicht der Hand Trost zu, sondern dem Leidenden & sieht ihm in die Augen.

21[2]

Wenn Du sagst, Einer hat Schmerzen, so meinst Du doch, es wäre wahr, wenn er sagte “Ich habe Schmerzen”, auch wenn er es nicht sagen kann. Wie, wenn ich hier sagte: “Es wäre angemessen, wenn er stöhnte, – auch wenn er nicht stöhnen kann”? Oder: “Es wäre angemessen, wenn er Schmerzbenehmen zeigte, – auch wenn ihm dies Benehmen so wenig möglich ist, wie einem Stein”?

21[3]

Eine ‘Erklärung’ ist etwas nur unter gewissen Umständen. Unter welchen Umständen ist es eine Erklärung des Sprachspiels ‘Farbige Gegenstände auf Befehl hin bringen’, zu sagen, es beruhe auf den Farbeneindrücken der Beteiligten?

22[1]

“Aber meinen wir denn nicht wenigstens etwas ganz bestimmtes, wenn wir auf eine Farbe hinschauen & den Farbeindruck benennen?” Es ist doch förmlich, als lösten wir den Farbeindruck wie ein Häutchen, von dem gesehenen Gegenstand ab. (Dies sollte unsern Verdacht erregen.)

22[2]

Was wir “Beschreibungen” nennen, sind Instrumente für besondere Verwendung. Denke dabei an eine Maschinenzeichnung, einem Schnitt, einem Aufriß mit den Maßen, den der Mechaniker vor sich hat. Wenn man an eine Beschreibung als ein Wortbild der Tatsachen denkt, so hat das etwas Irreführendes, weil man dabei etwa an Bilder denkt, wie sie an unsern Wänden hängen; die schlechtweg abzubilden scheinen, wie ein Ding aussieht, wie es beschaffen ist. (Diese Bilder sind gleichsam müßig.)

23[1]

“Ich weiß, wie mir die Farbe Grün erscheint.” – Nun, das hat doch Sinn! – Gewiß; welche Verwendung des Satzes denkst Du Dir?

23[2] &
24[1]

Einer malt ein Bild, um zu zeigen, wie er sich etwas (sagen wir, eine Szene auf dem Theater) vorstellt. – Und nun sage ich: “Dies Bild hat eine doppelte Funktion: Es teilt Andern etwas mit, wie Bilder, oder Worte eben etwas mitteilen. Aber für den Mitteilenden ist es noch eine Darstellung (oder Mitteilung?) anderer Art: für ihn ist es das Bild seiner Vorstellung, wie es das für keinen Andern sein kann. Sein privater Eindruck des Bildes sagt ihm, was er sich vorgestellt hat, in einem Sinne, welchem es das Bild für die Andern nicht kann.” – Und mit welchem Recht redest Du in diesem zweiten Falle von Darstellung, oder Mitteilung, – wenn diese Worte im ersten Falle richtig angewandt waren?

24[2]

Sind die Regeln der privaten Sprache Eindrücke von Regeln? Die Waage, auf der man die Eindrücke wägt – könnte man sagen – ist nicht der Eindruck von einer Waage. – Wollte man nun fortsetzen: “sondern eine wirkliche Waage”, so wäre dies zwar wahr; aber irreführend, weil der Ton nicht auf der Unterscheidung zwischen wirklich & unwirklich ruht.

24[3]

Siehst Du ein Ding von einer Seite, so kannst Du’s nicht von der andern sehn. Deckst Du die eine Seite auf, so deckst Du damit die andere zu.

24[4] &
25[1]

Kann ich mir vorstellen, wie es ist, wenn ich etwas Weißes sehe, während ich es nicht sehe? – Auf den ersten Blick weiß man nicht, soll man ja oder nein sagen. – Dann aber erinnere ich mich, daß es in einem Gespräch heißen könnte: “Stell Dir vor, Du sähest etwas Weißes vor Dir & …”.

25[2]

Man könnte sagen: Seele ist der Körper, so gesehen.

25[3]

Oder: Man kann Gesichter in verschiedener Weise miteinander vergleichen; & auch: auf ihren Ausdruck hin. Und man kann das Verhalten der Körper in verschiedenem Sinne mit einander vergleichen; & auch: auf ihre Seelen hin.


25[4]

“Aber wie kann mich eine Regel lehren, was ich an dieser Stelle zu tun habe? – Was immer ich tue, ist doch durch irgendeine Deutung mit der Regel zu vereinbaren.” – Nein, so sollte es nicht heißen; sondern so: Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen. Die Deutungen allein bestimmen die Bedeutung nicht.

26[1]

“Also ist, was immer ich tue, mit der Regel vereinbar?” – Laß mich so fragen: Was hat der Ausdruck der Regel – sagen wir, der Wegweiser – mit meinen Handlungen zu tun? Welche Verbindung besteht da? – Etwa die: ich bin zu einem bestimmten Reagieren auf dieses Zeichen abgerichtet worden, und nun reagiere ich so.

26[2]

Aber nun hast Du nur einen kausalen Zusammenhang angegeben. Du hast nur erklärt, wie es dazu kam, daß wir uns jetzt nach dem Wegweiser richten; nicht worin dieses dem-Zeichen-Folgen eigentlich besteht. Nein, ich habe mehr getan. Ich habe angedeutet, daß sich Menschen nur dann nach Wegweisern richten, wenn sie sich ständig in gleicher Weise nach ihnen richten.

26[3] &
27[1]

Ist, was wir “einer Regel folgen” nennen, etwas, was nur ein Mensch, & nur einmal im Leben, tun könnte? – Das ist natürlich eine Anmerkung zur Grammatik des Ausdrucks “der Regel folgen”.

27[2]

Es könnte nicht einmal nur jemand einem Wegweiser gefolgt sein. Es könnte nicht einmal nur eine Mitteilung gemacht; ein Befehl gegeben; oder verstanden worden sein. – Einer Regel folgen, eine Mitteilung machen, einen Befehl geben, oder verstehen, eine Schachpartie spielen, sind Gepflogenheiten. (Gebräuche, Institutionen.)

27[3]

Einen Satz verstehen, heißt, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen, heißt eine Technik beherrschen.

27[4] &
28[1]

Es ist freilich denkbar, daß in einem Volke, welches Spiele nicht kennt, zwei Leute sich an ein Schachbrett setzen & die Züge einer Schachpartie ausführen; ja auch mit allen seelischen Begleiterscheinungen. Und sähen wir dies, so würden wir sagen, sie spielten Schach. Aber nun denk Dir eine Schachpartie nach gewissen Regeln in eine Reihe von Handlungen übersetzt, die wir nicht gewohnt sind, mit einem Spiel zu assoziieren; etwa ein Ausstoßen von Schreien & Stampfen mit den Füßen. Und jene Beiden sollen nun, statt die uns geläufige Form des Schach zu spielen, schreien & stampfen; & zwar so, daß dies sich nach geeigneten Regeln in eine Schachpartie übersetzen ließe. Wären wir nun noch geneigt, zu sagen, sie spielten ein Spiel; & mit welchem Recht könnte man das sagen?

28[2] &
29[1]

Ich kann, wie die Sachen stehen, ein Spiel erfinden, das nie von jemandem gespielt wird. – Wäre aber auch dies möglich: die Menschheit hat nie Spiele gespielt; einmal aber hat Einer ein Spiel erfunden, das dann allerdings nie gespielt wurde?

29[2]

“Das ist ja das Merkwürdige an der Intention, am seelischen Vorgang, daß für ihn das Bestehen der Gepflogenheit, der Technik, nicht nötig ist. Es ist denkbar, daß zwei Menschen, in einer Welt, in der sonst nie gespielt wird, den Anfang einer Schachpartie spielen, & dann gestört werden.” Ist aber das Schachspiel nicht durch seine Regeln definiert? Und wie sind diese Regeln im Geist dessen vorhanden, der intendiert Schach zu spielen?

29[3]

Einer Regel folgen, ist analog dem: einen Befehl befolgen. Man wird dazu abgerichtet, & nun reagiert man auf ihn in bestimmter Weise. – Aber wie, wenn nun der Eine so, der Andre anders auf Befehl & Abrichtung reagiert. Wer hat dann recht?

30[1]

Denk Dir, Du kämest als Forscher in ein unbekanntes Land mit Dir gänzlich fremder Sprache. Unter welchen Umständen würdest Du sagen, daß die Leute dort Befehle geben, Befehle verstehen, (sie) befolgen, sich gegen Befehle auflehnen, u.s.w.?

30[2] &
31[1]

Denken wir uns, daß die Leute in jenem Land gewöhnliche menschliche Tätigkeiten verrichten & sich dabei, wie es scheint, einer artikulierten Sprache bedienen. Sieht man ihrem Treiben zu, so ist es verständlich, erscheint uns ‘logisch’. Versuchen wir aber ihre Sprache zu erlernen, so finden wir, daß es unmöglich ist. Es besteht nämlich bei ihnen keine regelmäßige Zuordnung des Gesprochenen, der Laute, mit den Handlungen; dennoch aber ist ihr Sprechen nicht überflüssig: wenn wir nämlich einen dieser Leute knebeln, so hat dies ähnliche Folgen, wie bei uns. Ohne Laute geraten ihre Handlungen in Verwirrung (wie ich mich ausdrücken will). Sollen wir sagen, diese Leute hätten eine Sprache; Befehle, Mitteilungen, u.s.w.? Zu dem, was wir “Sprache” nennen fehlt die Regelmäßigkeit.

31[2] &
32[1]

So erkläre ich also, was “Befehl” & was “Regel” heißt, durch “Regelmäßigkeit”? Wie erkläre ich jemandem die Bedeutung von “regelmäßig”, “gleichförmig”, (oder) “gleich”? – Einem der, sagen wir, nur Französisch spricht, werde ich diese Wörter durch die entsprechenden französischen erklären. Wer aber diese Begriffe noch nicht besitzt, den werde ich die Worte durch Beispiele & durch Übung gebrauchen lehren. Und dabei teile ich ihm nicht weniger mit, als ich selber weiß. Ich werde ihm also in diesem Unterricht gleiche Farben, gleiche Längen, gleiche Figuren zeigen, ihn sie finden & herstellen, lassen, u.s.w. Ich werde ihn etwa dazu anleiten, Reihenornamente (wie ) auf einen Befehl ‘gleichmäßig’ fortzusetzen. – Und auch dazu, eine Reihe

so fortzusetzen:

Ich mach’s ihm vor; er macht es mir nach; & ich beeinflusse ihn durch (die) Äußerungen der Zustimmung, der Abweisung, der Erwartung, der Aufmunterung. Ich lasse ihn gewähren; halte ihn zurück; u.s.w. Denke, Du wärest Zeuge eines solchen Unterrichts. Es würde darin kein Wort durch sich selbst erklärt, kein logischer Zirkel gemacht.

32[2]

Auch das Wort “und so weiter”, & “und so weiter ad inf.”, wird in diesem Unterricht erklärt werden. (Es kann dazu unter anderem auch eine Gebärde dienen.)

33[1]

“Aber erklärst Du ihm wirklich, was Du selber verstehst? Läßt Du ihn das Wesentliche nicht erraten? Du gibst ihm Beispiele; er aber muß ihre Tendenz erraten. Also Deine Absicht.” – Jede Erklärung, die ich mir selbst geben kann, gebe ich auch ihm. “Er errät, was ich meine” würde heißen: ihm schweben verschiedene Interpretationen meiner Erklärung vor, & er rät auf eine von ihnen. Er könnte also in diesem Falle fragen. Und ich könnte, & würde, ihm antworten.

33[2]

“Wie immer Du ihn im Fortführen des Reihenornaments unterrichtest – wie kann er wissen, wie er es selbständig fortzusetzen hat?” Nun, wie weiß ich’s? – – – Wenn das heißt: habe ich Gründe? so ist die Antwort: die Gründe werden mir bald ausgehen. Und ich werde dann, ohne Gründe, handeln.

33[3] &
34[1]

“Wie kann ich einer Regel folgen?” – Wenn das nicht eine Frage nach den Ursachen ist, so ist es eine nach der Rechtfertigung, die ich dafür angeben kann, daß ich so nach der Regel handle. Habe ich die Begründung erschöpft, so bin ich nun auf dem harten Felsen angelangt; & mein Spaten biegt sich zurück. Ich bin dann geneigt zu sagen: “So handle ich eben.”

34[2]

Wenn jemand, den ich fürchte, mir den Befehl gibt, die Reihe fortzusetzen, so werde ich schleunig, mit völliger Sicherheit handeln, & das Fehlen der Gründe stört mich nicht.

34[3] &
35[1]

“Aber dieser Reihenanfang konnte doch offenbar verschieden gedeutet werden (durch algebraische Ausdrücke, z.B.) & Du mußtest also erst eine solche Deutung wählen.” – Durchaus nicht! Es war, unter Umständen, ein Zweifel möglich. Aber das sagt nicht, daß ich gezweifelt habe, oder auch nur zweifeln konnte. (Damit steht in Zusammenhang, was über die psychologische ‘Atmosphäre’ eines Vorgangs zu sagen ist.)

35[2]

Nur Intuition konnte diesen Zweifel heben? – Wenn sie eine innere Stimme ist, – wie weiß ich, wie ich ihr folgen soll? Und wie weiß ich, daß sie mich nicht irreleitet? Denn kann sie mich richtig leiten, dann kann sie mich auch irreleiten.

35[3]

“So sagst Du also, daß die Übereinstimmung der Menschen entscheide, was richtig & falsch ist?” – Richtig & falsch ist, was wir sagen; & in der Sprache stimmen die Menschen überein. Das ist keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensformen.

35[4]

“Aber reicht denn nicht das Verständnis weiter, als alle Beispiele?” – Ein sehr merkwürdiger Ausdruck, & ganz natürlich.

35[6] &
36[1]

Ein Unterricht, der bei den vorgeführten Beispielen stehen bleiben will, & ein Unterricht, der über sie ‘hinausweist’, unterscheiden sich ja von einander.

36[2]

Wenn man Beispiele aufzählt & dann sagt “und so weiter”, so wird dieser letztere Ausdruck auf andere Weise erklärt, als die Beispiele.

36[3]

Denn das “und so weiter” könnte man, einerseits, durch einen Pfeil ersetzen, der anzeigt, das Ende der Beispielreihe solle nicht ein Ende ihrer Anwendung bedeuten. Anderseits heißt “und so weiter” auch: Es ist genug (Du hast mich verstanden); wir brauchen keine weiteren Beispiele.

36[4]

Die Geste “und so weiter” hat eine Funktion vergleichbar der, des Zeigens auf einen Gegenstand, oder auf einen Ort.

36[5] &
37[1]

Ein Mensch kann sich selbst ermahnen, sich selbst befehlen, gehorchen, tadeln, bestrafen, eine Frage vorlegen & auf sie antworten. Man könnte sich also auch Menschen denken, die nur monologisch sprächen. Ihre Tätigkeiten mit Selbstgesprächen begleiteten. – Einem Forscher, der sie beobachtet & ihre Reden belauscht könnte es gelingen, ihre Sprache in die unsre zu übersetzen. (Er wäre übrigens dadurch in den Stand gesetzt, Handlungen dieser Leute richtig vorherzusagen, denn er hört sie auch Vorsätze & Entschlüsse fassen.) Wäre aber auch eine Sprache denkbar, in der Einer seine inneren Erlebnisse – seine Gefühle, Stimmungen, etc. – für den eigenen Gebrauch aufschreiben, oder aussprechen könnte? – Können wir denn das in unsrer gewöhnlichen Sprache nicht tun? – So meine ich’s nicht. Die Wörter dieser Sprache sollen sich auf das beziehen, wovon nur der Sprechende wissen kann; auf seine unmittelbaren, privaten, Empfindungen. Ein Anderer kann diese Sprache natürlich nicht verstehen.

38[1]

Wie beziehen sich Wörter auf Empfindungen? – Darin scheint kein Problem zu liegen; denn reden wir nicht täglich von Empfindungen & benennen sie? Aber wie wird die Verbindung des Namens mit dem Benannten hergestellt? Die Frage ist die gleiche, wie die: wie lernt ein Mensch die Bedeutung der Namen von Empfindungen? Z.B. des Wortes “Schmerz”. Im Groben etwa so: Es werden Worte mit dem ursprünglichen, natürlichen, Ausdruck der Empfindung verbunden & an dessen Stelle gesetzt. Ein Kind hat sich verletzt, es schreit, & nun sprechen ihm die Erwachsenen zu & bringen ihm Ausrufe & später Sätze bei. Sie lehren das Kind ein neues Schmerzbenehmen. “So sagst Du also, daß das Wort ‘Schmerz’ eigentlich das Schreien bedeutet?” – Im Gegenteil; es ersetzt das Schreien & beschreibt es nicht.

39[1] &
40[1]

Inwiefern sind nun meine Empfindungen privat? Nun, nur ich kann wissen, ob ich wirklich Schmerzen habe; der Andre kann es nur vermuten. – Das ist in einer Weise falsch, in einer andern unsinnig. Wenn wir das Wort “wissen” gebrauchen, wie es normalerweise gebraucht wird (und wie sollen wir es denn gebrauchen!) dann wissen es andere sehr häufig, wenn ich Schmerzen habe. – Ja, aber doch nicht mit der Sicherheit, mit der ich selbst es weiß! – Von mir kann man überhaupt nicht sagen (außer etwa im Spaß) ich wisse, daß ich Schmerzen habe. Was soll es denn heißen? außer etwa, daß ich Schmerzen habe? Man kann nicht sagen, die Andern lernen meine Empfindung ‘nur’ durch mein Benehmen; denn von mir kann man nicht sagen, ich lernte sie. Ich habe sie. Das ist richtig: es hat Sinn, von Andern zu sagen, sie seien im Zweifel darüber, ob ich Schmerzen habe, aber nicht, das von mir selbst zu sagen.

40[2] &
41[1]

“Der Andre kann nicht meine Schmerzen haben.” – Das ist Unsinn. Welches sind meine Schmerzen? Was gilt hier als Kriterium der Identität? Überlege, was es möglich macht, im Fall physikalischer Gegenstände von “zwei genau gleichen” zu sprechen. Z.B. zu sagen “Dieser Sessel ist nicht derselbe, den Du gestern hier gesehen hast, aber er ist ein genau gleicher”. Soweit es Sinn hat, zu sagen, mein Schmerz sei der gleiche, wie seiner, soweit können wir auch beide den gleichen Schmerz haben. (Auch das wäre denkbar, daß zwei Leute an der gleichen – nicht nur homologen – Stelle Schmerz empfanden. Ob es bei siamesischen Zwillingen der Fall ist, weiß ich nicht.) Ich habe gesehen, wie jemand, in einer Diskussion über diesen Gegenstand, sich an die Brust schlug & sagte: “Aber er kann doch nicht diese Schmerzen haben!” – Die Antwort darauf ist, daß man durch das emphatische Betonen des Wortes “diese” kein Kriterium der Identität definiert. Die Emphase spiegelt uns vielmehr nur den Fall vor, daß ein solches Kriterium bereits vorhanden ist & wir nur noch daran erinnern müssen.

41[2] &
42[1]

Auch das Ersetzen des Wortes “gleich” durch “identisch” ist ein typisches Auskunftsmittel in der Philosophie. Als redeten wir von Abschattungen der Bedeutung, & es handle sich nur darum, mit unsern Worten die richtige Nuance zu treffen. Und darum handelt sich’s beim Philosophieren nur dann, wenn die Aufgabe ist, die Versuchung, das & das zu sagen, psychologisch genau darzustellen. Was wir so zu sagen versucht sind, ist natürlich nicht Philosophie; sondern es ist ihr Rohmaterial. Was also ein Mathematiker, z.B., über Objektivität & Realität der Mathematik zu sagen geneigt ist, ist nicht eine Philosophie der Mathematik, sondern etwas, was Philosophie zu behandeln hätte.

42[2] &
43[1] &
44[1]

Wie ist es nun mit der Sprache, die meine innern Erlebnisse beschreibt & nur ich selbst verstehen kann? Wie bezeichne ich meine Empfindungen mit Worten? – So wie wir’s gewöhnlich tun? Sind also meine Empfindungsworte mit meinen natürlichen Empfindungsäußerungen verknüpft? – In diesem Falle ist meine Sprache nicht ‘privat’. Ein Anderer könnte sie verstehen, wie ich. – Aber wie, wenn ich keine natürlichen Äußerungen der Empfindung, sondern nur die Empfindung besäße? Und nun assoziiere ich einfach Namen mit den Empfindungen & verwende diese Namen in einer Beschreibung. – Stellen wir uns davon einen einfachen Fall vor. Ich will über das Wiederkehren einer gewissen Empfindung ein Tagebuch anlegen. Dazu assoziiere ich sie mit dem Zeichen “E” & schreibe in einem Kalender zu jedem Tag, an dem ich die Empfindung habe dies Zeichen. Ich will zuerst bemerken, daß sich eine Definition dieses Zeichens nicht aussprechen läßt. – Aber ich kann sie doch mir selbst als eine Art hinweisende Definition geben! – Wie? Kann ich auf die Empfindung zeigen? – Nicht im gewöhnlichen Sinne, aber ich spreche oder schreibe das Zeichen, & dabei konzentriere ich meine Aufmerksamkeit auf die Empfindung. Zeige also gleichsam im Innern auf sie. – Aber wozu diese Zeremonie? denn nur das scheint es zu sein! Eine Definition dient doch dazu, die Bedeutung eines Zeichens festzulegen. – Nun, das geschieht eben durch das Konzentrieren der Aufmerksamkeit; denn dadurch präge ich mir die Verbindung des Zeichens mit der Empfindung ein. – ‘Ich präge sie mir ein’ kann doch nur heißen: dieser Vorgang bewirkt, daß ich mich in Zukunft richtig an die Verbindung erinnere. Aber in unserm Falle habe ich ja kein Kriterium für die Richtigkeit. Man möchte hier sagen: richtig ist, was immer mir als richtig erscheinen wird – – – & das heißt nur, daß hier von ‘richtig’ nicht geredet werden kann.

44[2] &
45[1]

“Nun, ich glaube, daß dies wieder die Empfindung E ist.” – Du glaubst es wohl, zu glauben! So hätte sich also, der das Zeichen in den Kalender eintrug, gar nichts notiert? – Sieh’s nicht als selbstverständlich an, daß Einer sich etwas notiert, wenn er Zeichen, in einen Kalender z.B. einträgt. Eine Notiz hat ja eine Funktion; & das “E” hat, soweit, keine.

45[2]

Frage Dich, was der Sinn, der Zweck, einer Notiz ist. Denke so: “Ist es nicht merkwürdig, daß wir manchmal Zeichen in einen Kalender einschreiben – wozu tun wir das eigentlich?!”

45[3] &
46[1]

Aber ferner: Welchen Grund haben wir “E” das Zeichen für eine Empfindung zu nennen? “Empfindung” ist nämlich ein Wort unsrer allgemeinen, Allen verständlichen, Sprache. Der Gebrauch dieses Worts bedarf also einer Rechtfertigung, die Alle verstehen. – Und es hülfe auch nichts, zu sagen: es müsse keine Empfindung sein; wenn er “E” schreibt, habe er Etwas – & mehr könnten wir nicht sagen. Aber “haben” & “etwas” gehören auch zur allgemeinen Sprache. – So gelangt der Philosoph am Ende dahin, nur noch einen unartikulierten Laut ausstoßen zu wollen. – Und ein solcher ist nur unter gewissen Bedingungen ein Ausdruck.

46[2] &
47[1]

Denken wir uns nun eine Verwendung der Eintragung “E”. Ich mache folgende Erfahrung: Wenn immer ich eine bestimmte Erfahrung habe, sehe ich an einem Manometer, daß mein Blutdruck steigt. Dadurch werde ich in den Stand gesetzt, ein Steigen meines Blutdrucks ohne Zuhilfenahme eines Apparats anzusagen. Ein nützliches Ergebnis. Und nun scheint es hier ganz gleichgültig zu sein, ob ich die Empfindung richtig wiedererkannt habe, oder nicht. Nehmen wir an, ich irrte mich beständig bei ihrer Identifizierung, so macht es gar nichts. Und das zeigt schon, daß die Annahme dieses Irrtums nur ein Schein war. (Wir drehten an einem Knopf, der aussah, als könnte man mit ihm etwas an der Maschine einstellen; aber es war ein leeres Zierat & nicht mit dem Mechanismus in Verbindung. Und welchen Grund haben wir hier, “E” die Bezeichnung für eine Empfindung zu nennen? Vielleicht die Art & Weise, wie es in diesem Sprachspiel verwendet wird. – Und warum eine ‘bestimmte Empfindung’, d.h., jedesmal die gleiche? Nur darum, weil ich jedesmal das gleiche Zeichen verwende.

47[2] &
48[1]

Aber ist das alles? Gibt es nicht eine noch tiefere Erklärung; oder muß nicht doch das Verständnis der Erklärung tiefer sein? – Ja, hab ich denn selbst ein tieferes Verständnis? Habe ich mehr, als ich in der Erklärung gebe? – Woher aber dann das Gefühl, ich hätte mehr? Ist es, daß ich das nicht Begrenzte als Länge deute, die über jede Länge hinausreicht? (Die nicht begrenzte Erlaubnis, als Erlaubnis zu etwas Grenzenlosem.) Gewisse Vergleiche, in die Sprache aufgenommen, erzeugen in uns einen geistigen Schwindel.

48[2]

“Denke Dir einen Menschen, der es nicht im Gedächtnis behalten kann, was das Wort ‘Schmerz’ bedeutet; & daher immer wieder etwas anderes so nennt – das Wort aber immer in Übereinstimmung mit den gewöhnlichen Zeichen & Voraussetzungen des Schmerzes verwendete!” – Das Rad gehört nicht zur Maschine, das man drehen kann, ohne daß anderes sich mitbewegt.

49[1]

“Wenn ich sage ‘Ich habe Schmerzen’, bin ich jedenfalls vor mir selbst gerechtfertigt.” – Heißt das: “Wenn der Andre wissen könnte, was ich ‘Schmerz’ nenne, würde er zugeben, daß ich das Wort richtig verwende”?

49[2] &
50[1]

“Wenn ich mir etwas vorstelle, so geschieht doch wohl etwas!” Nun, es geschieht etwas – & wozu mache ich dann einen Lärm? Wohl dazu, was geschieht, mitzuteilen. – Aber wie teilt man denn überhaupt etwas mit? Wann sagt man, etwas werde mitgeteilt? – Was ist das Sprachspiel des Mitteilens? Ich möchte sagen: Du siehst es für viel zu selbstverständlich an, daß man jemandem etwas mitteilen kann. Das heißt: wir sind so sehr an die Mitteilung durch Sprechen, im Gespräch, gewöhnt, daß es uns scheint, es läge der ganze Witz der Mitteilung darin: daß ein Andrer den Sinn der Worte (ein ätherisches Ding) auffaßt; sozusagen in’s Gehirn aufnimmt. Wenn er dann auch noch etwas damit anfängt, so gehört das nicht mehr zum direkten Zweck der Sprache. Man möchte sagen: “Die Mitteilung bewirkt, daß ich weiß, daß der Andre Schmerzen hat, sie bewirkt dies geistige Phänomen; alles andere ist der Mitteilung unwesentlich.” Was dieses merkwürdige Phänomen des Wissens ist – damit läßt man sich Zeit. Seelische Vorgänge sind eben merkwürdig. (Ähnlich wäre es, zu sagen: “Die Uhr zeigt uns die Zeit an – – – Was die Zeit ist, ist noch nicht entschieden; & zu welchen Zwecken wir die Zeit ablesen, das gehört nicht hierher.”)

50[2] &
51[1]

Wie ist es nun z.B. mit dem Worte “rot” – soll ich sagen, dies bezeichne etwas ‘uns Allen Gegenüberstehendes’, & Jeder sollte eigentlich außer diesem Wort noch eines haben zur Bezeichnung seiner eigenen Empfindung von Rot? Oder ist es so: das Wort “rot” bezeichnet etwas uns gemeinsam Bekanntes; & für Jeden, außerdem, etwas nur ihm Bekanntes? (Oder vielleicht besser: es bezieht sich auf etwas nur ihm bekanntes.)

51[2]

Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß Keiner weiß, ob der Andre auch dies hat, oder etwas anderes. Es wäre z.B. die Annahme möglich – wenn auch nicht zu verifizieren – ein Teil der Menschheit habe die eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.

51[3] &
52[1]

Schau auf das Blau des Himmels, & sag’ zu Dir selbst: “Wie blau der Himmel ist!” – Wenn Du es spontan tust – nicht mit philosophischen Absichten – so kommt es Dir nicht in den Sinn, dieser Farbeneindruck gehöre nur Dir. Und Du hast kein Bedenken, diesen Ausruf an einen Andern zu richten. Und wenn Du bei den Worten auf etwas zeigst, so ist es der Himmel. Ich meine: Du hast nicht das Gefühl des in-Dich-selber-Zeigens, das oft das ‘Benennen der Empfindung’ begleitet, wenn man über die ‘private Sprache’ nachdenkt. Du denkst auch nicht, Du solltest eigentlich nicht mit der Hand, sondern nur mit der Aufmerksamkeit auf die Farbe zeigen. (Überlege, was es heißt “mit der Aufmerksamkeit auf etwas zeigen”.)

52[2] &
53[1]

Es hilft uns natürlich nichts zum Begreifen der Funktion des Wortes “rot”, zu sagen, es ‘beziehe sich auf’, statt ‘es bezeichne’ das Private; aber es ist der psychologisch treffendere Ausdruck für ein bestimmtes Erlebnis beim Philosophieren. Es ist, als werfe ich beim Aussprechen des Worts einen Seitenblick auf die eigene Empfindung, gleichsam um mir zu sagen, ich wisse schon, was ich damit meine.

53[2] &
54[1]

“Aber kommt, was Du sagst, nicht darauf hinaus, es gebe keinen Schmerz ohne Schmerzbenehmen?” – Es kommt darauf hinaus: man könne nur vom lebenden Menschen, & was ihm ähnlich ist (sich ähnlich benimmt) sagen, es habe Empfindungen; sehe; sei blind; höre; sei taub; sei bei Bewußtsein; oder bewußtlos.

54[2] &
53[1]

“Aber im Märchen kann doch auch der Topf sehen & hören!” (Gewiß; aber er kann auch sprechen.) “Aber das Märchen erdichtet doch nur, was nicht der Fall ist; es spricht doch nicht Unsinn. – Das ist so einfach nicht. Ist es Unwahrheit, oder Unsinn, zu sagen, ein Topf rede? Macht man sich ein klares Bild davon, unter welchen Umständen wir von einem Topf sagen würden, er rede? (Auch ein Unsinngedicht ist nicht Unsinn in der Weise, wie das Lallen eines Kindes.) Ja; wir sagen von Leblosem, es habe Schmerzen: im Spiel mit Puppen z.B. Aber diese Verwendung des Schmerzbegriffs ist eine sekundäre. Versuchen wir, uns den Fall vorzustellen, Leute sagten uns von Leblosem, es habe Schmerzen, bedauerten nur Puppen! (Wenn Kinder Eisenbahn spielen, hängt ihr Spiel mit ihrer Kenntnis der Eisenbahn zusammen. Es könnten aber Kinder eines Volksstammes, dem Eisenbahnen nicht bekannt sind, dies Spiel von andern übernommen haben, & es spielen, ohne zu wissen, daß damit etwas nachgeahmt wird. Man könnte sagen, dies Spiel habe für sie nicht den gleichen Sinn, wie für uns.)

55[2] &
56[1]

Schau einen Stein an & denk’ Dir er hat Empfindungen! Man sagt sich: Wie könnte man auch nur auf die Idee kommen einem Ding eine Empfindung zuzusprechen? Man könnte sie ebensogut einer Zahl zuschreiben. – Und nun schau auf eine zappelnde Fliege & sofort ist diese Schwierigkeit verschwunden & der Schmerz scheint hier angreifen zu können, wo früher alles gegen ihn, sozusagen, glatt war. Und so scheint uns auch ein Leichnam dem Schmerz gänzlich unerreichbar! – Unsere Einstellung zum Lebenden ist nicht die zum Toten. Alle unsere Reaktionen sind verschieden. Sagt Einer: Das kann nicht einfach daran liegen, daß das Lebendige sich so & so bewegt und das Tote nicht”, so will ich ihm bedeuten, hier liege ein Fall des Übergangs ‘von der Quantität zur Qualität’ vor.

56[2]

Denke an das Erkennen des Gesichtsausdrucks; die Beschreibung des Gesichtsausdrucks, die nicht darin besteht, daß man die Maße des Gesichts angibt! Denke auch daran, wie man das Gesicht eines Menschen nachahmen kann, ohne das eigene dabei im Spiegel zu sehen.

56[3] &
57[1] &
58[1]

Ich erstarre zu Stein & meine Schmerzen dauern an. – Und wenn ich mich nun irrte & es nicht mehr Schmerzen wären! – Aber ich kann mich doch hier nicht irren – es heißt doch nichts, zu zweifeln, ob ich Schmerzen habe! – D.h.: wenn einer sagte “Ich weiß nicht, ist das ein Schmerz, was ich habe; oder ist es etwas anderes?” so dächten wir etwa, er wisse nicht, was das Wort “Schmerz” bedeute & würden’s ihm erklären. – Wie? – Vielleicht durch Gebärden, oder indem wir ihn stächen und sagen: “Siehst Du, das ist Schmerz”. Er könnte diese Worterklärung, wie jede andre, richtig, falsch, oder gar nicht verstehen. Und welches er tut, wird er im Gebrauch des Wortes zeigen, wie auch sonst. Wenn er nun z.B. sagte “Oh, ich weiß, was ‘Schmerz’ heißt, aber ob das Schmerzen sind, was ich jetzt hier habe, das weiß ich nicht” – da würden wir bloß die Köpfe schütteln & müßten seine Worte für eine seltsame Reaktion ansehen, mit der wir nichts anzufangen wissen. (Es wäre etwa, wie wenn wir jemand, im Ernste, sagen hörten: “Ich erinnere mich deutlich, gerade vor meiner Geburt geglaubt zu haben, …”) Jener Ausdruck des Zweifels gehört nicht zu dem Sprachspiel. Aber wenn nun der Ausdruck der Empfindung, das menschliche Benehmen, ausgeschlossen ist, dann scheint es, ich dürfe wieder zweifeln. Daß ich hier versucht bin zu sagen, man könne die Empfindung für etwas anderes halten, als was sie ist, kommt daher: Wenn ich das normale Sprachspiel mit dem Ausdruck der Empfindung abgeschafft denke, brauche ich nun ein Kriterium der Identität für sie; & dann bestünde auch die Möglichkeit des Irrtums.

58[2] &
59[1] &
60[1]

Wenn ich von mir selbst sage, ich wisse nur vom eigenen Falle, was das Wort “Schmerz” bedeutet, muß ich das nicht auch von den Andern sagen? Und wie kann ich denn den einen Fall in so unverantwortlicher Weise verallgemeinern? – Nun, ein Jeder sagt es mir von sich, er wisse nur von sich selbst, was Schmerzen seien! – Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir “Käfer” nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schauen; & jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. Da könnte es ja sein, daß Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, daß sich ein solches Ding fortwährend veränderte. – Aber wenn nun das Wort “Käfer” dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? – so wäre er nicht den der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel, auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein. – Nein; durch dieses Ding in der Schachtel kann ‘gekürzt’ werden; es hebt sich weg, was immer es ist. Das heißt: Wenn man die Grammatik des Ausdrucks der Empfindung nach dem Muster, von ‘Gegenstand & Bezeichnung’ konstruiert, dann fällt der Gegenstand als irrelevant aus der Betrachtung heraus.

60[2] &
61[1]

Und was soll “Ich weiß nur vom eigenen Fall …” überhaupt für ein Satz sein? Ein Erfahrungssatz? Nein. – Ein grammatischer? Ich denke mir also: Jeder sage von sich selbst, er wisse nur vom eigenen Schmerz, was Schmerz sei. Nicht, daß die Menschen das wirklich sagen, oder auch nur bereit sind zu sagen. Aber wenn nun Jeder es sagte – nun, es könnte eine Art Ausruf sein. Und wenn er auch als Mitteilung nichtssagend ist, so ist er doch ein Bild; & warum sollten wir uns so ein Bild nicht vor die Seele rufen wollen? Denke Dir statt der Worte ein gemaltes, allegorisches Bild. Ja, wenn wir beim Philosophieren in uns schauen, bekommen wir oft gerade so ein Bild zu sehen. Förmlich, eine bildliche Darstellung unserer Grammatik. Nicht Fakten; sondern gleichsam illustrierte Redewendungen.

61[2]

“Ja aber es ist doch da ein Etwas, was meinen Ausruf des Schmerzes begleitet! Und um dessentwillen ich ihn mache. Und dieses Etwas ist das, was wichtig ist, & schrecklich.” Wem sagen wir das nun und bei welcher Gelegenheit? Könnte es nicht sehr wichtig sein, daß wir das sagen wollen?!

61[3] &
62[1]

Daß wir so gerne sagen möchten “Das Wichtige ist das”, indem wir für uns selbst auf die Empfindung deuten – zeigt schon, wie sehr wir geneigt sind, etwas zu sagen, was keine Mitteilung ist.

62[2]

In meinem “Es ist doch da ein Etwas …” ist schon das falsche Bild. Denn ich sagte “Etwas”, um die Möglichkeit offen zu lassen, daß es nicht immer das Gleiche sein müsse; sondern nur irgend etwas, woran sich der Schmerzensruf lehnen kann.

62[3]

“Es ist da ein Etwas …” – Das ist wirklich falsche Bescheidenheit. Warum nicht gleich sagen, es sei ein Schmerz? Es ist nicht weniger zweifellos, daß es ein Schmerz, als daß es Etwas ist.

62[4] &
63[1]

“Ich kann nur glauben, daß der Andre Schmerzen hat, aber ich weiß es, wenn ich sie habe.” – Ja, man kann sich dafür entschließen, zu sagen “Ich glaube, er hat Schmerzen” statt “Er hat Schmerzen”; & “Ich weiß, ich habe Schmerzen” statt “Ich habe Schmerzen”. Aber das ist alles. – Was hier wie eine Erklärung, oder Aussage über die seelischen Vorgänge, ausschaut, ist in Wahrheit ein Vertauschen einer Redeweise für eine andere, die, während wir philosophieren, uns die treffendere erscheint. Versuch einmal, in einem wirklichen Fall, die Angst, die Schmerzen des Andern zu bezweifeln!

63[2] &
64[1]

“Aber Du wirst doch zugeben, daß ein Unterschied ist, zwischen Schmerzbenehmen mit Schmerzen & Schmerzbenehmen ohne Schmerzen.” – Zugeben? Welcher Unterschied könnte größer sein! – “Und doch gelangst Du immer wieder zum Ergebnis, die Empfindung selbst sei ein Nichts.” – Nicht doch. Sie ist kein Etwas, aber auch nicht ein Nichts! Das Ergebnis war nur, daß ein Nichts die gleichen Dienste täte, wie ein Etwas, worüber sich nichts aussagen läßt. Wir verwarfen nur die Grammatik, die sich uns aufdrängen will. Das Paradox verschwindet nur dann, wenn wir radikal mit der Idee brechen, die Sprache funktioniere immer auf eine Weise, diene immer dem gleichen Zweck: – Gedanken zu übertragen, – seien diese nun Gedanken über Häuser, Schmerzen, Gut & Böse, oder was immer.

64[2] &
65[1]

Ich sage jemandem, ich habe Schmerzen. Seine Einstellung zu mir wird nun die des Glaubens sein; des Unglaubens; des Mißtrauens; u.s.w.. Nehmen wir an, er sagt: “Es wird nicht so schlimm sein.” – Ist das nicht der Beweis dafür, daß er an etwas glaubt, das hinter der Schmerzäußerung steht? – Seine Einstellung ist ein Beweis seiner Einstellung. Denke Dir nicht nur den Satz “Ich habe Schmerzen”, sondern auch die Antwort “Es wird nicht so schlimm sein” durch Naturlaute & Gebärden ersetzt!

65[2] &
66[1]

“Welcher Unterschied könnte größer sein!” – Im Falle der Schmerzen glaube ich, ich könne mir diesen Unterschied privat vorführen. Den Unterschied aber zwischen einem nicht abgebrochenen & einem abgebrochenen Zahn kann ich Jedem vorführen. Aber zu der privaten Vorführung brauchst Du Dir gar nicht Schmerzen hervorrufen, sondern es genügt, wenn Du Dir sie vorstellst, z.B. ein wenig das Gesicht verziehst. Und wie weißt Du, daß, was Du Dir so vorführst, Schmerzen sind & nicht z.B. ein Gesichtsausdruck? Wie weißt Du auch, was Du Dir vorführen sollst, ehe Du Dir’s vorführst? Diese private Vorführung ist eine Illusion.

66[2] &
67[1]

Aber sind die Fälle des Zahnes & der Schmerzen nicht doch wieder ähnlich? Denn dem Gesichtsbild im einen entspricht die Schmerzempfindung im andern. Die Gesichtsempfindung kann ich mir so wenig vorführen, oder so gut, wie die Schmerzempfindung. Denken wir uns diesen Fall: Die Oberflächen der Dinge, die uns umgeben (Steine, Pflanzen, etc. etc.) hätten Flecken & Zonen, die unsrer Haut bei der Berührung Schmerz verursachten (etwa durch die chemische Beschaffenheit dieser Oberflächen; aber das brauchen wir nicht zu wissen). Wir würden nun, so, wie heute von einem rotgefleckten Blatt einer bestimmten Pflanze, von einem Blatt mit Schmerzflecken reden. Ich denke mir, daß die Wahrnehmung dieser Flecken & ihrer Gestalt für uns von Nutzen wäre, daß wir aus ihr Schlüsse auf wichtige Eigenschaften der Dinge ziehen könnten.

67[2]

Ich kann Schmerzen vorführen, wie ich Rot vorführe, und wie ich gerade und krumm und Baum und Stein vorführe. – Das nennen wir eben “vorführen”.

67[3]

Ich identifiziere meine Empfindung freilich nicht nach Kriterien, sondern ich gebrauche den gleichen Ausdruck. Aber damit endet ja das Sprachspiel nicht; damit fängt es an. Aber fängt es nicht mit der Empfindung an – die ich beschreibe? – Das Wort “beschreiben” hat uns da vielleicht zum besten. Ich sage “Ich beschreibe meinen Seelenzustand” & “Ich beschreibe meinen Tisch”. Man muß sich die Verschiedenheiten der Sprachspiele in’s Gedächtnis rufen.

67[4] &
68[1]

Könnte der das Wort “Schmerz” verstehen, der nie Schmerz gefühlt hat? – Soll die Erfahrung mich lehren, ob es so ist, oder nicht? – Und wenn Du sagst “Einer kann sich Schmerzen nicht vorstellen, außer er hat sie einmal gefühlt” – woher weißt Du das? Wie läßt sich entscheiden, ob das wahr ist?

68[2]

Es zeigt ein fundamentales Mißverständnis an, wenn ich meinen gegenwärtigen Zustand der Kopfschmerzen zu betrachten geneigt bin, um über das philosophische Problem der Empfindung ins Klare zu kommen.

68[3] &
69[1]

Um über die Bedeutung des Wortes “denken” klar zu werden, schauen wir uns selbst beim Denken zu: Was wir da beobachten, werde das sein, was das Wort bedeutet! Aber so wird dieses Wort eben nicht gebraucht. (Es wäre ähnlich, wenn ich, ohne Kenntnis des Schachspiels, durch genaues Beobachten des letzten Zuges einer Schachpartie herausbringen wollte, was das Wort “mattsetzen” bedeutet.)

69[2]

Wäre es denkbar, daß Menschen nie eine hörbare Sprache sprächen, wohl aber eine im Innern zu sich selber?

69[3] &
70[1]

Befehle werden manchmal nicht befolgt. Aber wie würde es aussehen, wenn Befehle nie befolgt würden?

70[2] &
71[1]

Wenn wir sprechen, oder schreiben (ich meine nicht gedankenlos), so werden wir, im allgemeinen, nicht sagen, wir dächten schneller, als wir sprechen; sondern der Gedanke erscheint hier vom Ausdruck nicht abgelöst. Anderseits aber redet man von der Schnelle des Gedankens, wie ein Gedanke uns blitzartig durch den Kopf geht, wie Probleme uns mit einem Schlage klar werden, etc.. Da liegt es nahe, sich zu fragen: geschieht beim blitzartigen Denken das gleiche wie beim denkenden Sprechen, nur äußerst beschleunigt? So daß also im ersten Fall das Uhrwerk gleichsam mit einem Ruck abschnurrt, das im zweiten, durch die Sprache gehemmt, Schritt für Schritt zu Ende läuft?

71[2]

Ich kann in demselben Sinn blitzartig einen Gedanken vor mir sehen, oder verstehen, wie ich ihn mit wenigen Worten, oder Strichen notieren kann. Was macht diese Notiz zu einer Zusammenfassung dieses Gedankens?

71[3] &
72[1]

Der blitzartige Gedanke kann sich zum ausgesprochenen verhalten, wie die algebraische Formel zu einer Zahlenfolge, die ich aus ihr entwickle. Wird mir irgendeine algebraische Funktion gegeben, so bin ich sicher ich werde ihre Werte für die ganzzahligen Argumente [unreadable] 1 bis 10 berechnen können. Man wird diese Sicherheit ‘wohlbegründet’ nennen, denn ich habe gelernt, solche Funktionen zu berechnen, u.s.w.. In andern Fällen wird sie nicht begründet sein, aber durch den Erfolg dennoch gerechtfertigt.

72[2] &
73[1]

“Jetzt weiß ich weiter!” ist ein Ausruf. Er entspricht einem Naturlaut; einem freudigen Aufzucken. Aus meiner Empfindung folgt natürlich nicht, daß ich auch wirklich weiter kann, & nicht steckenbleibe, sowie ich versuche weiter zu gehen. Es gibt (da) Fälle, in denen ich sagen werde: “Als ich sagte, ich wisse weiter, da war es wahr.” Das wird man z.B. sagen, wenn eine unvorhergesehene Störung eingetreten ist. Aber das Unvorhergesehene durfte nicht einfach das sein, daß ich stecken blieb. Es wäre auch denkbar, daß Einer immer wieder Scheinerleuchtungen hätte & ausriefe ‘Jetzt hab ich’s!’ & es dann nie durch die Tat rechtfertigen könnte. Es könnte ihm scheinen, als vergäße er augenblicklich wieder die Bedeutung des Bildes, das ihm vorschwebte.

73[2] &
74[1]

Jemand könnte sagen, es handle sich hier um Induktion & ich sei so sicher, daß ich die Reihe werde fortsetzen können, wie ich es bin, daß dieses Buch zur Erde fallen wird, wenn ich es auslasse; & ich wäre nicht erstaunter, wenn ich plötzlich ohne offenbare Ursache im Entwickeln der Reihe steckenbliebe, als ich es wäre, wenn das Buch, statt zu fallen, in der Luft schweben bliebe. – Darauf will ich sagen, daß wir eben auch zu dieser Sicherheit keine Gründe bedürfen. Was könnte die Sicherheit mehr rechtfertigen, als der Erfolg?

74[2] &
71[1]

Wenn wir sprechen, oder schreiben (ich meine nicht gedankenlos), so werden wir, im allgemeinen, nicht sagen, wir dächten schneller, als wir sprechen; sondern der Gedanke erscheint hier vom Ausdruck nicht abgelöst. Anderseits aber redet man von der Schnelle des Gedankens, wie ein Gedanke uns blitzartig durch den Kopf geht, wie Probleme uns mit einem Schlage klar werden, etc.. Da liegt es nahe, sich zu fragen: geschieht beim blitzartigen Denken das gleiche wie beim denkenden Sprechen, nur äußerst beschleunigt? So daß also im ersten Fall das Uhrwerk gleichsam mit einem Ruck abschnurrt, das im zweiten, durch die Sprache gehemmt, Schritt für Schritt zu Ende läuft?

74[2]

Er macht eine Berechnung im Kopf. Das Ergebnis verwendet er, sagen wir, im Bau einer Brücke, oder Maschine. – Willst Du sagen, er habe diese Zahl eigentlich ohne Berechnung gefunden? Sie sei ihm etwa, nach einer Art Träumerei, in den Schoß gefallen? Es mußte doch da gerechnet werden, & ist gerechnet worden. Denn er weiß, daß, & wie, er gerechnet hat; & das richtige Resultat wäre ohne Rechnung nicht erklärbar. – Wie aber, wenn ich sagte: “Es kommt ihm vor, er habe gerechnet. Und warum soll sich das richtige Resultat erklären lassen? Ist es nicht unverständlich genug, daß er ohne ein Wort, oder ein Schriftzeichen, rechnen konnte?”

74[3] &
75[1]

Ist das Rechnen im Kopf in gewissem Sinne unwirklicher, als das auf dem Papier? Es ist das wirkliche – Rechnen im Kopf. – Ist es ähnlich dem Rechnen auf dem Papier? – Ich weiß nicht, ob ich es ähnlich nennen soll. Ist ein Stück weißes Papier mit schwarzen Strichen drauf einem menschlichen Körper ähnlich?

75[2]

Spielen der Sultan und Recha im “Nathan” eine wirkliche Schachpartie? – Freilich. Sie geben nicht bloß vor, eine zu spielen (wie es wohl in einem Stücke geschehen könnte). – Aber diese Partie hat doch z.B. keinen Anfang! – Doch; – wie eben jede richtige Schachpartie.

75[3] &
76[1]

Ist das Rechnen im Kopf unwirklicher, als das Rechnen auf dem Papier? – Man ist vielleicht geneigt, so etwas zu sagen; kann sich aber auch zur gegenteiligen Ansicht bringen, indem man sich sagt, Papier, Tinte, etc. seien nur logische Konstruktionen. “Ich habe die Multiplikation … im Kopfe ausgeführt” – glaube ich etwa so eine Aussage nicht? – Aber war es wirklich eine Multiplikation? – Es war nicht bloß ‘eine’ Multiplikation, sondern diese – im Kopfe. Dies ist der Punkt, an dem ich irre gehe. Denn ich will jetzt sagen: es war irgend ein, dem Multiplizieren auf dem Papier entsprechender, geistiger Vorgang. So daß es Sinn hätte zu sagen: “Dieser Vorgang im Geiste entspricht diesem Vorgang auf dem Papier.” Und es hätte dann Sinn von einer Methode der Abbildung zu reden, nach welcher die Vorstellung des Zeichens das Zeichen selbst darstellt.

76[2] &
77[1]

Hier möchte man wieder fragen: “Wie ist das, – was geht da vor, wenn Einer im Kopfe rechnet?” Und im besondern Fall kann die Antwort sein: “Ich addierte zuerst 17 und 18, dann subtrahierte ich 39 ….” Aber das ist nicht die Antwort auf unsre Frage. Was es heißt, im Kopfe rechnen, wird auf solche Weise nicht erklärt.

77[2]

Wäre es denkbar, daß Einer im Kopfe rechnen lernte, ohne je schriftlich oder mündlich zu rechnen? – “Es lernen” heißt wohl: dazu gebracht werden, daß man’s kann. Es fragt sich nur, was als Kriterium dafür gelten wird, daß jemand es kann. Ist aber auch dies möglich, daß einem Volke nur das Kopfrechnen bekannt ist & kein andres? Hier muß man sich fragen: “Wie wird das aussehen?” – Man wird sich dies also, als einen Grenzfall, ausmachen müssen, & sich dann fragen: ob wir hier noch den Begriff des ‘Kopfrechnens’ anwenden wollen, oder ob er unter solchen Umständen seine Pointe (für uns) verloren hat.

77[3] &
78[1] &
79[1]

“Aber warum traust Du Dir selbst sowenig? Du weißt doch sonst immer, was “rechnen” heißt. Wenn Du also sagst, Du habest in der Vorstellung gerechnet, so wird es eben auch so sein. Hättest Du nicht gerechnet, so würdest Du’s nicht sagen. Ebenso, – wenn Du sagst, daß Du etwas Rotes in der Vorstellung siehst, so wird es eben rot sein. Du weißt ja sonst was “rot” ist. – Und weiter: Du verläßt Dich ja nicht immer auf die Übereinstimmung mit den Andern; denn oft berichtest Du, Du habest etwas gesehen, was niemand andrer gesehen hat.” Aber ich traue mir ja; ich sage ja ohne Bedenken, ich habe dies im Kopf gerechnet, eine Farbe mir vorgestellt. Nicht das ist die Schwierigkeit, daß ich zweifle, ob ich mir wirklich etwas Rotes vorgestellt habe. Sondern dies: Wenn die Vorstellung ein Abbild der Wirklichkeit ist, – kann ich da die Frage stellen: “Wie muß eine richtige Vorstellung dieser Farbe aussehen”, oder “Wie muß sie beschaffen sein“? Kann ich das lernen? Der tiefe Aspekt entschlüpft leicht.

Ich schaue Einen an & denke mir “Das muß schwer sein, zu lachen, wenn man solche Schmerzen hat”, & viel dergleichen. Ich spiele gleichsam eine Rolle, ‘tue’, als hätten die Andern Schmerzen.

80[1]

Man unterweist, z.B., Einen in der Rolle eines Theaterstücks, und sagt ihm: “Du mußt Dir vorstellen, daß dieser Mensch …”. – & man gibt ihm keine Anleitung, was er eigentlich tun soll. Darum ist auch jene Analyse nicht zur Sache.

80[2] &
81[1]

“Aber wenn ich mir vorstelle, daß Einer, der lacht, Schmerzen hat, so stelle ich mir doch kein Schmerzbenehmen vor, denn ich sehe eben davon das Gegenteil. Was stelle ich mir also vor?” – Ich habe es schon gesagt. – Und ich stelle mir dazu nicht notwendigerweise vor, daß ich Schmerzen fühle. – “Aber wie geht es also vor sich, wenn ich mir das vorstelle?” – Wo, außerhalb der Philosophie, verwenden wir denn die Worte “Ich kann mir vorstellen, daß er Schmerzen hat”, oder “Ich stelle mir vor, …” oder “Stell Dir vor, …”? Unter was für Umständen würden wir jemand fragen: “Was ist da in Dir vorgegangen, wie Du Dir das vorgestellt hast?” – Was für eine Antwort erwarten wir uns da?

81[3]

“Aber wie geht es also vor sich, wenn ich mir das vorstelle?” – Hier ist, wie immer, der erste Fehler den wir in einer philosophischen Untersuchung machen, die Frage selbst.

81[4] &
82[1] &
83[1]

Das Gefühl der Unüberbrückbarkeit der Kluft zwischen Bewußtsein & Gehirnvorgang: wie kommt es, daß das in die Betrachtungen des gewöhnlichen Lebens nicht hineinspielt? Die Idee dieser Artverschiedenheit ist mit einem leisen Schwindel verbunden; der auftritt, wenn wir logische Kunststücke ausführen. (Es ist ein Zeichen der Verwirrung, nicht der Schwierigkeit des Gegenstandes. Mengenlehre.). Wann tritt dieses Gefühl auf? Nun, wenn ich z.B. meine Aufmerksamkeit in bestimmter Weise auf mein Bewußtsein lenke & mir dabei sage: dies solle durch einen Gehirnvorgang erzeugt werden! indem ich mir gleichsam an die Stirne greife. – Aber was kann das heißen “Meine Aufmerksamkeit auf mein Bewußtsein lenken”? Es ist doch nichts merkwürdiger, als das es so etwas gibt! Was ich so nannte (denn diese Worte werden ja im gewöhnlichen Leben nicht gebraucht) war ein Akt des Schauens. Ich schaute steif vor mich hin, aber nicht auf irgend einen bestimmten Punkt, oder Gegenstand. Meine Augen waren weit offen, meine Brauen nicht zusammengezogen – wie sie es meistens sind, wenn ein bestimmtes Objekt mich interessiert. Kein solches Interesse war dem Schauen vorangegangen. Mein Blick war ‘vakant’, oder ähnlich dem eines Menschen, der die Beleuchtung des Himmels bewundert und das Licht eintrinkt. Bedenk’ nun, daß an dem Satz, den ich als Paradox aussprach – dies werde durch einen Gehirnvorgang erzeugt – gar nichts Paradoxes war. Ich hätte ihn während eines Experiments aussprechen können, dessen Zweck es war, zu zeigen, der Beleuchtungseffekt den ich sehe, werde durch die Erregung einer bestimmten Gehirnpartie erzeugt.. – Aber ich sprach den Satz nicht in der Umgebung aus, in welcher er einen alltäglichen & nicht-paradoxen Sinn gehabt hätte. Und meine Aufmerksamkeit war nicht von der Art, die dem Experiment gemäß gewesen wäre. (Mein Blick wäre dann ‘intent’, nicht ‘vakant’ gewesen.)

84[1]

Hier haben wir einen Fall von Introspektion; nicht unähnlich derjenigen, durch welche W. James herausbrachte das ‘Selbst’ bestehe hauptsächlich aus ‘peculiar motions in the head & between the head & throat’. Und was die Introspektion James’ zeigte, war nicht die Bedeutung des Wortes ‘Selbst’ (sofern dies etwas ähnliches bedeutet, wie ‘Person’, ‘Mensch’, ‘er selbst’, ‘ich selbst’) noch eine Analyse eines solchen Wesens, sondern den Aufmerksamkeitszustand eines Philosophen, der sich das Wort ‘Selbst’ vorspricht & seine Bedeutung analysieren will. (Und daraus ließe sich vieles lernen.)

84[2] &
85[1]

Die Menschen stimmen mit einander überein, daß sie sehen, hören, fühlen etc. (wenn auch Mancher blind & Mancher taub ist). Sie bezeugen also von sich, sie haben Bewußtsein.” Aber wie merkwürdig! wem mache ich eigentlich eine Mitteilung, wenn ich sage “Ich habe Bewußtsein”? Was ist der Zweck, mir das zu sagen, & wie kann der Andere mich verstehen? – Nun, Sätze, wie “Ich sehe”, “Ich höre”, “Ich bin bei Bewußtsein”, haben ja wirklich ihren Gebrauch. Dem Arzt sage ich “Jetzt höre ich wieder auf diesem Ohr”; dem, der mich ohnmächtig glaubt etwa: “Ich bin wieder bei Bewußtsein”, u.s.w..

85[2] &
86[1]

Beobachte ich mich also & nehme wahr, daß ich sehe, oder bei Bewußtsein bin? Und wozu überhaupt von Beobachtung reden! Warum nicht einfach sagen: “Ich nehme wahr, daß ich bei Bewußtsein bin”? – Aber wozu hier die Worte “Ich nehme wahr” – warum nicht sagen: “Ich bin bei Bewußtsein”? – Aber zeigen die Worte “Ich nehme wahr” hier nicht an, daß ich auf mein Bewußtsein aufmerksam bin? (Was doch gewöhnlich nicht der Fall ist.) – Wenn es so ist, dann sagt der Satz “Ich nehme wahr, daß …” nicht, daß ich bei Bewußtsein bin, sondern, daß meine Aufmerksamkeit so & so eingestellt sei. Aber ist es denn nicht eine bestimmte Erfahrung, die mich veranläßt, zu sagen “Ich bin wieder bei Bewußtsein”? – Welche Erfahrung? Zu welcher Situation sagen wir dies?

86[2]

Ist, daß ich Bewußtsein habe, eine Erfahrungstatsache? – Aber sagt man nicht vom Menschen, er habe Bewußtsein, vom Baum, oder Stein aber, sie haben keines? – Wie wäre es, wenn’s anders wäre? – Wären die Menschen alle bewußtlos? – Nein; nicht im gewöhnlichen Sinne dieses Worts; aber ich, z.B., hätte nicht Bewußtsein; – wie ich’s jetzt tatsächlich habe.

86[3] &
87[1]

Aber kann ich mir nicht denken, die Menschen um mich seien Automaten, haben kein Bewußtsein, wenn auch ihre Handlungsweise die gleiche ist, wie immer? – Wenn ich mir’s jetzt – allein in meinem Zimmer – vorstelle, sehe ich die Leute mit starrem Blick (etwa wie im trance) ihren Verrichtungen nachgehen – & die Idee ist vielleicht ein wenig unheimlich. – Aber nun versuch einmal im gewöhnlichen Verkehr, oder auf der Straße, an dieser Idee festzuhalten! Sag Dir z.B.: “Diese Kinder dort sind bloße Automaten; alle ihre Lebendigkeit ist bloß Schein.” Und diese Worte werden Dir entweder gänzlich nichtssagend werden; oder Du wirst in Dir etwa eine Art unheimliches Gefühl, oder dergleichen, erzeugen. Einen lebenden Menschen als Automaten sehen, ist ganz analog dem, irgend eine Figur als Grenzfall, oder Variation einer andern zu sehen, z.B. ein Fensterkreuz als Swastika.

87[3] &
88[1]

Es scheint uns paradox, daß wir in einem Bericht Körper- und Bewußtseinszustände kunterbunt durcheinander mischen: “Er litt große Qualen & warf sich unruhig umher.” Das ist ganz gewöhnlich; warum erscheint es mir also paradox? Weil wir sagen wollen, der Satz handle von Greifbarem & Ungreifbarem. – Aber findest Du etwas dabei, wenn ich sage: “Diese 3 Stützen geben dem Bau Festigkeit”? Sind 3 & Festigkeit greifbar? – Sieh den Satz als Instrument an, und seinen Sinn als seine Verwendung!

88[2]

Es ist natürlich wohl zu unterscheiden: das “& so weiter”, welches eine Abkürzung der Schreibweise ist, von dem, welches dies nicht ist. “1 + ½ + ¼ + ⅛ + … u.s.w. ad inf.” ist keine abgekürzte Schreibweise!

88[3] &
89[1]

Wer uns die Sprache eines Volks beschreibt, beschreibt eine Gleichförmigkeit ihres Benehmens. Und wer eine Sprache beschreibt, die Einer mit sich allein spricht, der beschreibt eine Gleichförmigkeit seines Benehmens & nicht etwas, was sich einmal zugetragen hat. – “Eine Sprache sprechen” aber werde ich nur ein Verhalten nennen, das unserem, gleichen Namens, analog ist.

89[2]

Die gemeinsame menschliche Handlungsweise ist das Bezugssystem, mittels welches wir uns eine fremde Sprache deuten.

89[3]

Erinnere Dich, daß wir manchmal Erklärungen fordern, nicht ihres Gehalts wegen, sondern der Form der Erklärung wegen. Unsere Forderung ist eine architektonische, & die Erklärung eine Art Scheingesims.

89[4]

Das Wort ohne Rechtfertigung (zu) gebrauchen, heißt nicht, es zu Unrecht gebrauchen.

90[1]

Kannst Du Dir absolutes Gehör vorstellen, wenn Du es nicht hast? – Kannst Du es Dir vorstellen, wenn Du es hast? – Kann ein Blinder sich das Sehen vorstellen? Kann ich mir es vorstellen? Kann ich mir vorstellen, daß ich so & so spontan reagiere, wenn ich’s nicht tue? Kann ich mir’s besser vorstellen, wenn ich’s tue?

90[2]

Kann ich aber das Sprachspiel spielen, wenn ich nicht so reagiere?

90[3]

Könnte man sich vorstellen, daß ein Stein Bewußtsein hätte? Und wenn’s Einer kann – warum soll das nicht bloß beweisen, daß dieses Vorstellen für uns keinen Wert hat?

90[4] &
91[1]

Ist denken eine Art sprechen? Man möchte sagen, es ist das, was denkendes Sprechen vom gedankenlosen unterscheidet. – Und also scheint es eine Begleitung des Sprechens zu sein. – Ein Vorgang der vielleicht auch etwas anderes begleiten, oder selbständig ablaufen kann. Sag also den Satz: “Die Feder ist wohl stumpf. Nu, nu, sie geht.” Erst denkend; dann gedankenlos; endlich denk nur den Gedanken, aber ohne die Worte. – Nun, ich könnte, im Laufe einer Tätigkeit, die Spitze meiner Feder prüfen, ein Gesicht schneiden, wie Einer der sagt, sie sei nicht besonders gut, dann mit einer Gebärde der Resignation weiterschreiben. Ich könnte auch, mit irgendwelchen Messungen beschäftigt, so handeln, daß man von mir sagen könnte, habe ohne Worte gedacht: “Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie untereinander gleich.” Aber was da vor sich geht, ist nicht das, was die Worte begleiten muß, wenn sie, nicht papageienhaft, ausgesprochen werden.

91[2] &
92[1] &
93[1]

Denken ist kein unkörperlicher Vorgang, der dem Reden Leben & Sinn leiht, & den man vom Reden ablösen könnte, wie der Böse den Schatten Schlemihls vom Boden aufnimmt. Aber wie – “kein unkörperlicher Vorgang”? So gibt es unkörperliche Vorgänge, & das Denken ist nicht einer von ihnen? Nein; das Wort “unkörperlicher Vorgang” nahm ich mir zu Hilfe, in meiner Verlegenheit, da ich dem Wort “denken” seine Bedeutung auf primitive Weise beilegen wollte. Freilich könnte man sagen, Denken sei ein unkörperlicher Vorgang; wenn man die Grammatik des Wortes “denken” z.B. von der des Wortes “essen” unterscheiden will. Schlecht daran ist nur, daß der Unterschied der Bedeutungen nun zu gering erscheint. (Ähnlich ist es, wenn man sagt: die Zahlzeichen seien wirkliche, die Zahlen nicht wirkliche Gegenstände.) Eine schlechte Ausdrucksweise ist das sicherste Mittel, in einer Verwirrung steckenzubleiben. Sie verriegelt gleichsam den Ausweg aus ihr.

93[2]

Aber ist es nicht unser Meinen, das dem Satz Sinn gibt? (Und dazu gehört natürlich: Sinnlose Wortreihen kann man nicht meinen.) Und das Meinen ist etwas im seelischen Bereich. Aber es ist auch etwas Privates! Es ist das ungreifbare Etwas; vergleichbar nur dem Bewußtsein selbst.

Wie könnte man das lächerlich machen! es ist ja, gleichsam, ein Traum unserer Sprache.

93[3] &
94[1]

Ich könnte mir denken, daß Einer sagte: “Eigentlich redet Jeder nur für sich selber. Denn auch nur er weiß, was er meint. Daß Andere [unreadable] es hören, sich danach richten, etc. sei keine eigentliche Mitteilung (mehr). Aber hätte er dann nicht sagen sollen: “Eigentlich redet Jeder nur für mich; denn ich allein weiß, was gemeint ist.” Warum aber sollte mich in der Philosophie diese psychische Erscheinung interessieren?

94[2]

“Dadurch, daß ich den Satz meine, erhält er Leben.” Aber ich muß ihm ja ein ganz bestimmtes Leben geben, – nicht nur Leben. Einen Sinn & nicht einen andern. Wenn ich ihn meine, muß ich ihn meinen. Die Worte müssen auf ihre Bedeutungen blicken. – Aber der lebendige Blick des Wortes auf seine Bedeutung beruht auf den steten Bewegungen im Felde der Anwendung.

94[3] &
95[1]

Wie denke ich an Jemanden? Wie ziele ich auf ihn mit einem Gewehr? Ist hier eine Ähnlichkeit? Was ist die Beziehung dieses Denkvorganges, dieser Worte, zu ihm? Ich gebrauche seinen Namen. Aber der kann der Name andrer Menschen sein, & doch denke ich nur an einen. Gefragt: “Welchen meinst Du?”, gebe ich eine Antwort. Die Antwort bestimmt dem Namen eine Anwendung. Sie wird auch vielleicht dem Andern meine Gedanken begreiflich machen, & Handlungen, zu denen sie führen. – Das Bild drängt sich uns auf, daß der Name auf diesen Menschen (der in Raum & Zeit von mir getrennt ist) hinzeigt. Und vielleicht wird man sagen, das geschehe, indem der Name sein Bild vor meine Seele führt. Aber ist dies Bild wirklich so gut getroffen? Erkenne ich das Vorstellungsbild als sein Bildnis? Und was soll das heißen?? Worin besteht es, daß ich an ihn denke? Frage Dich: “Worin besteht es, daß ich an ihn schreibe?”

95[2] &
96[1]

Das Meinen erscheint uns wie ein Pfeil, oder wie Pfeile, – die vom Satz auf etwas weisen. Was ist das für ein seltsames Phänomen (beinahe wie eine Fieberphantasie)? Und doch ist es verständlich: Das Zeigen spielt ja bei der Erklärung der Bedeutung eine so große Rolle.

96[2] &
97[1]

[→ ] Wir sagen, wir meinen einen Satz nicht, wenn wir ihn, z.B., als bloße Sprachübung hersagen. Ich sage den Satz “Ich fühle mich nicht wohl” in einer Übersetzung aus dem Französischen; ein andermal aber als wahre, oder erlogene, Mitteilung über mein Befinden. Was geht nun beim Mitteilen vor, was es von der Sprachübung unterscheidet? – Die Umgebung des Satzes ist verschieden. – Aber das allein ist es nicht. Ich könnte mitten in einer Sprachübung jenen Satz als Mitteilung meinen & & der Andre wüßte es vielleicht nicht. Geht nun immer, wenn ich den Satz als Mitteilung ausspreche ein Gleiches (in mir) vor? sei es von welcher Art immer – Und wie begleitet es den Satz? Hüllt es ihn ein, wie eine Wolke, oder meine ich ein jedes Wort besonders? Ich bin zur ersten Antwort geneigt, & daß da ein Gefühl ist, das den Satz gleichsam gehaltvoll macht.

97[2]

Es gibt charakteristische Arten des Tonfalls& des Benehmens, charakteristische Gedanken & Gefühle für die Mitteilung; & andere für die Sprachübung. Aber Tonfall & Benehmen können im besondern Fall irreführen, & jedenfalls können sie mißdeutet werden. Könnte also ich nicht auch sie, mitsamt den Gedanken & Empfindungen, mißdeuten? – “Vielleicht die Empfindungen die Dein Benehmen in Dir hervorruft, aber natürlich nicht die zentrale Empfindung des Meinens” wird man antworten.

97[3] &
98[1] &
99[1]

Ich kann in einem Gespräch etwas für die Ohren eines der Anwesenden sagen & absichtlich nicht auf ihn schauen; es ist sagen wir eine Anspielung auf seine Handlungsweise; ich sage sie mit einem Lächeln; oder in absichtlich unschuldigem Ton; etc. etc..– . Wenn ich nun auf ihn abziele, ihn treffen will: habe ich irgend einen Grund zu sagen, es gehe da immer das Gleiche in mir vor; etwa ein bestimmter Gedanke an ihn? Liegt, daß ich ihn meine nicht eben in der ganzen Situation? Aber kann es denn nicht auch nach allen äußern Anzeichen scheinen, als meinte ich ihn, & habe ihn doch nicht gemeint; ich dachte tatsächlich gar nicht an ihn & es schien nur durch einen Zufall so? Gewiß. – Und so ist es also doch, als ob hier die wesentliche Verbindung nicht bestanden hätte, die eben das Meinen ausmacht! Aber welche Verbindung immer ich mir als diese wesentliche vorstelle – was nützt sie mir? Was ist ihre Wichtigkeit? Was hat sie mit der Funktion des Satzes zu tun? “Als ich das sagte, dachte ich an seine Bemerkung.” Nun dann bestand hier eben darin die Verbindung.

99[2]

Wenn die Situation zweideutig ist; ist es dann zweifelhaft, ob ich ihn meine? Bei meiner Aussage, ich habe ihn, oder habe ihn nicht gemeint, urteile ich nicht nach der Situation. Und wenn ich nun nicht nach der Situation urteile, wonach urteile ich? Scheinbar nach gar nichts. Denn ich erinnere mich wohl an die Situation, aber deute sie. Ich kann z.B. meinen Seitenblick auf ihn jetzt nachahmen, aber das Meinen erscheint als eine ganz ungreifbare, feine Atmosphäre des Sprechens & Handelns. (Ein verdächtiges Bild!)

100[1]

Aber bin ich mir auch bewußt, daß ich ihn meine, während ich so spreche? Ja, das kommt drauf an – – – ich sage mir dabei nicht, daß ich ihn meine. Das sage ich erst später. Wenn ich es sage, so setze ich die angefangene Linie in bestimmter Richtung fort.

100[2]

“Als ich das sagte, wollte ich nur ihm einen Wink geben.” – Wie kann ich wissen, daß ich es nur sagte, um ihn einen Wink zu geben? Nun, diese Worte “Als ich es sagte …” beschreiben eine bestimmte uns verständliche Situation. Wie schaut die Situation aus? Um sie zu beschreiben, muß ich eine Umgebung beschreiben. “Ich hatte keinen andern Grund, das zu sagen” – das liegt in der Geschichte meiner Bemerkung.

100[3] &
101[1]

“Ich wollte mit dieser Bemerkung ihn treffen.” Wenn ich das höre, so kann ich mir dazu eine Situation, eine Geschichte, vorstellen. Ich könnte sie auf dem Theater darstellen, mich in den Seelenzustand versetzen, in dem ich ‘ihn treffen’ will. – Aber wie ist der Seelenzustand zu beschreiben? zu identifizieren? – Ich denke mich in die Situation hinein, nehme eine gewisse Miene & Stimme an, etc.. Was verbindet meine Worte mit ihm? Die Situation und meine Gedanken. Und meine Gedanken nicht anders als Worte, die ich ausspreche.

101[2]

“Ich mußte plötzlich an ihn denken.” Sein Bild schwebte mir etwa plötzlich vor. Wußte ich, daß es sein, des N., Bild war? Ich sagte es mir nicht. Worin lag es also, daß es das seine war? Vielleicht in dem, was ich später sagte, oder tat.

101[3] &
102[1]

“Er fiel mir plötzlich ein und ich sagte die Worte, indem ich an ihn dachte.” “Er schwebte mir bei diesen Worten vor.” Wie nahe muß der Zusammenhang mit ihm sein?” könnte man fragen.

102[2]

Wie, wenn ich einmal eine scheinbar unschuldige Bemerkung mache & sie mit einem verstohlenen Seitenblick auf jemand begleite; ein andermal, vor mich hin sehend, offen über den Anwesenden rede, indem ich seinen Namen nenne – denke ich wirklich eigens an ihn, wenn ich seinen Namen gebrauche?

102[3]

Wie tritt er in diese Vorgänge ein: Ich stach nach ihm, ich sprach zu ihm, ich rief ihn, ich sprach über ihn, ich stellte mir ihn vor, ich achte ihn? (Das sind natürlich grammatische Fragen.)

102[4] &
103[1]

Es ist hier ein ähnlicher Fall, wie wenn jemand sich vorstellt, man könne einen Satz mit der merkwürdigen Wortstellung der deutschen, oder lateinischen Sprache nicht einfach denken, wie er da steht. Man müsse ihn zuerst denken, & dann bringt man die Wörter in jene seltsame Ordnung. (Ein französischer Politiker schrieb einmal, es sei eine Eigenheit der französischen Sprache, daß in ihr die Worte in der Ordnung stehen, wie man sie denkt.)

103[2]

Aber habe ich nicht die Gesamtform des Satzes, z.B., schon an seinem Anfang beabsichtigt? Also war er mir doch schon im Geiste, ehe er noch ausgesprochen war! – Wenn er mir im Geiste war, dann, im allgemeinen, nicht mit anderer Wortstellung. Aber wir machen uns hier wieder ein irreführendes Bild vom ‘Beabsichtigen’; d.h., vom Gebrauch dieses Worts. Die Absicht ist eingebettet in der Situation, unsern Gepflogenheiten & Institutionen. Ohne die Technik des Schachspiels, so könnte ich nicht beabsichtigen, eine Schachpartie zu spielen. Soweit ich die Satzform im voraus beabsichtige, beruht das darauf, daß ich Deutsch sprechen kann.

103[3] &
104[1]

Ich erwarte jeden Augenblick eine Explosion. Ich bin nicht im Stande einer anderen Sache meine volle Aufmerksamkeit zu geben; schaue in ein Buch, aber ohne zu lesen. Auf die Frage, warum ich zerstreut, oder nervös scheine, sage ich, ich erwarte jeden Augenblick die Explosion. – Wie war es nun: Beschrieb dieser Satz eben jenes Verhalten? Aber wie unterscheidet sich dann der Vorgang der Erwartung der Explosion vom Vorgang der Erwartung eines ganz anderen Ereignisses, z.B. eines bestimmten Signals. Und wie unterscheidet sich die Erwartung eines Signals von der Erwartung eines etwas andern Signals? Oder war meine Handlungsweise nur Nebenerscheinung der eigentlichen Erwartung, & diese ein geistiger Vorgang? Und war dieser Vorgang homogen, oder gegliedert, wie ein Satz (mit internem Anfang & Ende)? – Wie weiß aber der, in dem er vorgeht, welches Ereignisses Erwartung der Vorgang ist. Er scheint nämlich nicht darüber im Ungewissen. Es ist nicht als konstatierte er einen seelischen, oder andern Zustand & machte eine Vermutung über dessen Ursache.

105[1]

Er mag wohl sagen: “Ich weiß nicht, ist es nur diese Erwartung, die mich heute so unruhig macht”, aber er wird nicht sagen: “Ich weiß nicht, ist dieser Seelenzustand die Erwartung einer Explosion, oder von etwas anderm.”

105[2]

Die Aussage “Ich erwarte jeden Moment einen Knall” ist eine Äußerung der Erwartung. Diese Wortreaktion ist der Ausschlag des Zeigers, der die Art der Erwartung anzeigt.

105[3]

Und ähnlich ist es mit der Äußerung des Wunsches. Zu sagen “Ich habe Lust auf einen Apfel” heißt nicht: “Ich glaube ein Apfel wird mein Gefühl der Unbefriedigung stillen. Dieser Satz ist keine Äußerung des Wunsches, sondern der Unbefriedigung.

105[4] &
106[1]

Wir sind durch eine bestimmte Abrichtung, Erziehung, so eingestellt, daß wir unter bestimmten Umständen Wunschäußerungen von uns geben. (Ein solcher ‘Umstand’ ist natürlich nicht der Wunsch.) Eine Frage, ob ich weiß, was ich wünsche, ehe mein Wunsch erfüllt ist, kann in diesem Spiele gar nicht auftreten. Und daß ein Ereignis meinen Wunsch zum Schweigen bringt, bedeutet nicht, daß es die Wunscherfüllung ist. Ich wäre vielleicht nicht befriedigt, wäre mein Wunsch befriedigt worden. Anderseits wird auch das Wort “wünschen” so gebraucht: Man sagt “Ich weiß selbst nicht, was ich mir wünsche”. Und in Hermann & Dorothea: “Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte.”

106[2]

Wie ein Wort funktioniert kann man nicht erraten. Man muß seine Anwendung ansehen & daraus lernen. Die Schwierigkeit aber ist, das Vorurteil zu beseitigen, das diesem Lernen entgegensteht. (Dies ist kein dummes Vorurteil.)

106[3] &
107[1]

Ich erwarte zwei Leute A & B. Ich sage vor mich hin “Wenn er doch nur käme!” – Jemand fragt mich “Wen meinst Du?” – Ich sage: “Ich habe an den A gedacht.” – Ein andermal aber antworte ich: “Ich habe an ein Gedicht gedacht, in dem diese Worte vorkommen.” – Die Verbindungen, Anknüpfungen, dessen was ich sage, mache ich im Laufe meiner Gedanken. (Ich glaube, diese Betrachtung hängt mit dem zusammen, was W. James “the stream of thought” nennt. Wenn er freilich auch a priori & a posteriori, Erfahrungssätze & grammatische, nicht unterscheidet.)

107[2] &
108[1]

Der Schrei “Er ist da!” muß nicht als Mitteilung dienen. Und nicht als Mitteilung gemeint sein. Und wie unterscheidet sich der eine Fall vom andern? Nicht immer auf gleiche Weise. – Ich erwarte die Ankunft eines Freundes. Ich stehe auf dem Bahnsteig unter lauter fremden Menschen. Ich werde meinen Freund gewahr & rufe “Da ist er!”; ich will mich dabei aus irgend einem seltsamen Grunde an die Fremden um mich wenden. Stell Dir den Fall vor! Und nun diesen: Meine Familie erwartet mit mir die Ankunft des Freundes. Ich sehe ihn zuerst & rufe “Da ist er!” Es ist schwer, mich nicht dabei an die Andern zu wenden; mich gänzlich zu isolieren.

108[2]

Ist Erwarten ein Denken? So wird das Wort “erwarten” nicht gebraucht. Erwarten bezeichnet keine Tätigkeit. Ich kann jemand erwarten, ohne an ihn zu denken. Aber wenn ich Einen ‘ängstlich erwarte’, so werden viele meiner Gedanken & Handlungen mit ihm in Verbindung sein.

108[3] &
109[1]

Ich pfeife, & jemand fragt mich, warum ich guter Dinge bin. Ich antworte: “Ich hoffe N. wird heute kommen.” Aber während ich pfiff, dächte ich nicht an ihn. Und doch wäre es falsch zu sagen: ich hätte aufgehört zu hoffen, als ich zu pfeifen anfing.

109[2]

Wenn Einer sagt “Ich hoffe, er wird kommen” – ist das ein Bericht über seinen Seelenzustand, oder eine Äußerung seiner Hoffnung? – Ich kann es z.B. zu mir selbst sagen. Und mir mache ich doch keine Mitteilung. Es kann ein Seufzer sei; aber muß kein Seufzer sein. Sage ich jemandem: “Ich kann heute meine Gedanken nicht bei meiner Arbeit halten; ich denke immer an sein Kommen” – so wird man das eine Beschreibung meines Gemütszustandes nennen.

109[3] &
110[1]

Auch “glauben” heißt nicht denken. Als ich mich niedersetzte, glaubte ich natürlich, der Sessel werde mich tragen. Ich dachte gar nicht, daß er zusammenbrechen könnte. Aber: “Trotz allem was er tat, hielt ich an dem Glauben fest, …” Hier wird gedacht, & etwa immer wieder eine bestimmte Einstellung erkämpft. Aber alles das sagt uns ja nicht, was glauben ist. Es ist keine Definition des Wortes “glauben”; & ich kann keine geben; weil es keine gibt. Wir haben eben hier eine Familie von Fällen. Sie beschreiben heißt uns die Anwendung des Wortes “glauben” lehren.

110[2]

Nun könnte man aber so sagen: Das Gesicht eines Menschen ist durchaus nicht immer dieselbe Gestalt. Es ändert sich von Minute zu Minute; manchmal wenig, manchmal äußerst stark. Dennoch ist es möglich, das Bild seiner Physiognomie zu geben. Freilich, ein Bild, auf dem es lächelt, zeigt nicht, wie es weinend aussieht. Aber es läßt darauf immerhin Schlüsse zu. – Und so wäre es auch möglich, eine Art ungefähre Physiognomie des Glaubens (z.B.) zu zeichnen.

111[1]

Warum kann ein Hund nicht Schmerzen heucheln? Weil er zu ehrlich ist? Könnte man einen Hund Schmerzen heucheln lehren? Man kann ihm vielleicht beibringen, bei bestimmten Gelegenheiten wie im Schmerz zu heulen, ohne daß er Schmerzen fühlt. Aber zum eigentlichen Heucheln fehlt diesem Benehmen noch immer die richtige Umgebung.

111[2]

Kann ich sagen: “Hoffen ist Denken & Fühlen”? Warum aber nicht: denken, fühlen & tun, & zwar unter bestimmten Umständen?

111[3]

Denke an den Gebrauch der Worte “grüßen”, “danken”, “bitten”. “Ich danke Dir” kann selbst ein Dank, “Ich grüße Dich” ein Gruß sein. “Er grüßt Dich”, “Ich habe Dich gegrüßt” berichtete über eine Handlung.

111[4] &
112[1]

“Aber Du sprichst ja, als hoffte ich nicht eigentlich jetzt, – da ich zu hoffen glaube. Als hätte, was jetzt geschieht, keine tiefe Bedeutung.” Was jetzt geschieht hat Bedeutung – in dieser Umgebung. Die Umgebung gibt ihm die Wichtigkeit Und das Wort “hoffen” bezieht sich auf ein Phänomen in der menschlichen Lebensweise. (Ein lächelnder Mund lächelt nur im menschlichen Gesicht.)

112[2]

Wenn ich nun in meinem Zimmer sitze & hoffe N. werde kommen & mir Geld bringen, & eine Minute dieses Hoffens könnte isoliert, aus ihrem Zusammenhang herausgeschnitten, werden: wäre, was in dieser Minute geschieht, dann kein Hoffen? – Denke, z.B., an die Worte, die Du etwa in dieser Minute aussprichst. Sie gehören nun nicht mehr zu dieser Sprache. Vielleicht zu einer, in der sie etwas gänzlich anderes bedeuten. Und die Institution des Geldes gibt es in einer andern Umgebung nicht. U.s.w.

113[1]

180/1 Eine Königskrönung ist das Bild der Pracht & Würde. – Nehmen wir eine Minute dieses Vorgangs aus ihrer Umgebung heraus. Der König im goldgewirkten Krönungsmantel sitzt auf dem Thron; die Krone wird ihm auf’s Haupt gesetzt. – In einer andern Umgebung nun laß Gold das billigste Metall sein. Durch die Maschinen ist die Herstellung dieses Gewebes (des Krönungsmantels) die aller einfachste: Die Krone ist die Parodie eines anständigen Hutes, der hohe, dekorierte Stuhl dient als Pranger.

113[2]

Wir sagen, der Hund fürchtet, sein Herr werde ihn schlagen; aber nicht er fürchte sein Herr werde ihn morgen schlagen. Warum nicht?

113[3]

Wir erwarten dies & werden von dem überrascht; aber die Kette der Gründe hat ein Ende.

114[1]

Man könnte sagen: Ich hätte keinen Eindruck von dem Zimmer als ganzes, könnte ich nicht meinen Blick schnell in ihm dahin & dorthin schweifen lassen & mich nicht frei in ihm herumbewegen. (Stream of thought.) James. Aber wie manifestiert es sich, daß ich von ihm als ganzes einen Eindruck habe? In der Selbstverständlichkeit, mit der ich mich in ihm zurechtfinde; in der Abwesenheit von Suchen, Zweifeln & der Verwunderung; darin, daß eine Unzahl von Tätigkeiten durch seine Wände begrenzt sind; daß ich alles das als “mein Zimmer” in der Rede zusammenfasse.

114[2]

Bist Du nicht doch ein verkappter Behaviourist? Sagst Du nicht doch im Grunde, daß alles Fiktion ist, außer dem menschlichen Benehmen? – Wenn ich von einer Fiktion rede, dann von einer grammatischen Fiktion.

114[3] &
115[1]

Den Begriff ‘Schmerz’ hast Du mit der Sprache gelernt.

115[2]

Gedankenloses & nicht gedankenloses Sprechen ist zu vergleichen: gedankenlosem Spielen eines Musikstücks & nicht gedankenlosem Spielen.

115[3]

Du gibst jemandem ein Signal, wenn Du Dir etwas vorstellst; Du benützt verschiedene Signale für verschiedene Vorstellungen. – Wie vereinbart ihr, was jedes Signal bedeuten soll?

115[4] &
116[1]

Was ist das Kriterium der Gleichheit zweier Vorstellungen? D.h.: wie werden Vorstellungen verglichen? – Ein Logiker denkt vielleicht: gleich ist gleich– es ist eine psychologische Frage: wie der Mensch sich von der Gleichheit überzeugt. (Höhe ist Höhe – es gehört in die Psychologie, daß der Mensch sie manchmal sieht, manchmal hört.) Was ist das Kriterium der Gleichheit zweier Vorstellungen? – Was ist das Kriterium der Röte einer Vorstellung? Für mich, wenn der Andere sie hat – was er sagt & tut. Für mich, wenn ich sie habe – gar nichts. Und was für “rot” gilt, gilt auch für “gleich”.

116[2] &
117[1] &
118[1]

[→ 182/1] Wie erkenne ich, daß dies rot ist? – Ich bin in Verlegenheit, was ich sagen soll. – Wie erkenne ich, daß diese zwei Bäume gleich hoch sind. Hier bin ich nicht in Verlegenheit. Ich weiß verschiedene Antworten. – Wie erkenne ich, daß dies rot ist? Soll ich sagen: “Ich schaue es an & sehe, daß es rot ist”? Was heißt “sehen, daß es rot ist”? Heißt es: erkennen, daß das Wort “rot” hier paßt? oder ein Wort das auf gleiche Weise angewendet wird. Ich sehe, daß es rot ist – – – aber was hilft mir das, wenn ich nicht weiß, was ich zu sagen habe, oder sonst meine Erkenntnis zum Ausdruck bringen soll. Denn einmal muß ich nun den Übergang zum Ausdruck machen. Und bei diesem Übergang lassen mich nun alle Regeln in Stich. Denn sie hängen nun alle wirklich in der Luft. Alle guten Lehren helfen mir nichts, denn am Ende muß ich einen Sprung machen: Ich muß sagen “das ist rot”, oder in einer Weise handeln, die auf’s selbe hinauskommt. Der Übergang von jenem Gesehenen zu den Worten ist ein privater. Darum hängen hier die Regeln in der Luft. Kann der Übergang vom Schauen zum Wort “rot” nicht unvermittelt gemacht werden, dann auch nicht über Regeln.

118[2]

Ich wollte etwa sagen: Ich schaue & sehe, es ist so. Und davon gehe ich nun zu dem Wort über. → Ich sehe, daß es diese Farbe ist; & nun weiß ich, daß die Farbe so heißt. Diese? – Welche?

118[3]

Welche Art der Antwort hat auf diese Frage Sinn? (Du kannst die Farbe nennen, auf sie zeigen, sie beschreiben, etc.) Du steuerst immer wieder auf eine innere hinweisende Erklärung hin!

118[4] &
119[1]

“Ehe ich urteile, daß zwei meiner Vorstellungen gleich sind, muß ich sie doch als gleich erkennen. “Und wenn das geschehen ist, wie werde ich dann wissen, daß das Wort “gleich” meine Erkenntnis beschreibt? Nur dann, wenn ich diese Erkenntnis auf andre Weise ausdrücken, & ein Anderer mich lehren kann, daß hier “gleich” das richtige Wort ist.

119[2]

Denn bedarf ich eine Berechtigung dafür, ein Wort zu gebrauchen, dann muß es eine auch für den Andern sein.

119[3]

Ich erkenne es erst als das; & nun erinnere ich mich daran, wie das genannt wird. Bedenke: In welchen Fällen kann man das wirklich sagen?

119[4] &
120[1]

Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da eine jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: Ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch zum Widerspruch. Daher gäbe es hier überhaupt – weder Übereinstimmung, noch Widerspruch. Das Mißverständnis zeigt sich darin, daß wir (überhaupt) in diesem Gedankengang Deutung hinter Deutung setzen; wodurch wir nämlich zeigen, daß es (für uns) eine Auffassung einer Regel gibt, die nicht eine Deutung ist, sondern sich von Fall zu Fall der Anwendung darin äußert, was wir der Regel folgen & was wir ihr entgegenhandeln nennen. (Weshalb eine Neigung besteht, zu sagen: jedes Folgen sei auch ein Deuten. “Deuten” aber sollte man nur nennen: einen Ausdruck der Regel durch einen andern ersetzen.)

120[2] &
121[1]

(Daß wir eine Regel ‘aufgefaßt haben’, zeigt sich, unter anderem, an der Sicherheit, ich meine, dem Fehlen des Zweifelns, & Testens, bei der Anwendung.)

121[2]

Darum ist ‘der Regel folgen’ eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel privatim folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben, dasselbe wäre, wie der Regel folgen.

121[3]

Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite & kennst Dich aus; Du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst Dich nicht mehr aus.

121[4] &
122[1]

Aber ist es nicht richtig zu sagen: Ich sehe die Farbe & erkenne sie als rot? Wir müssen über den Gebrauch des Wortes “erkennen” klarer werden. – Ich gehe auf der Straße. Dies Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer ist es nur? – Es ist … – Das ist ein Vorgang des Erkennens. – Aber erkenne ich mein Zimmer & meine Möbel nicht, die ich täglich sehe. – Ich frage mich: “Wo hab ich diesen Farbton nur vor kurzem gesehen?”; dann erkenn ich ihn: ich habe ihn dort & dort gesehen. Ich sage “Der Himmel ist blau”; also erkenne ich doch die Farbe – aber was wollte man hier (den) Vorgang des Erkennens nennen? Untersuche den Gebrauch des Wortes “erkennen”.

122[2] &
123[1] &
124[1]

Es ist hier nützlich sich zu überlegen, was man über ein Phänomen, wie das folgende, sagt:

einmal als

, einmal als sein Spiegelbild sehen. Nun will ich fragen: Worin besteht es, die Figur einmal so einmal anders sehen? Sehe ich wirklich jedesmal etwas anderes? oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschiedene Weise? – Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum? Nun, Deuten ist eine Handlung. Es kann z.B. darin bestehen, daß Einer sagt “Das soll ein

sein”; oder daß er’s nicht sagt, aber das Zeichen beim Kopieren durch ein

ersetzt; u.a. oder sich überlegt: “Was mag das wohl sein? Es wird ein

sein, das dem Schreiber mißglückt ist.” – Sehen ist keine Handlung, sondern ein Zustand. Und wenn ich es nie für etwas anderes, als ein

, gehalten, mir nie überlegt habe, was es wohl sein mag, so wird man sagen, ich sehe das Zeichen als

; wenn man nämlich weiß, daß es sich auch anders sehen läßt. Wie ist man denn überhaupt zu dem Begriff des ‘Etwas als Etwas sehen’ gekommen? Bei welchen Gelegenheiten war für ihn ein Bedürfnis? (Sehr häufig in der Kunst.) Dort überall, wo es sich um ein Phrasieren durch’s Aug oder Ohr handelt. Wir sagen “Du mußt diese Takte als Einleitung hören”, “Du mußt nach dieser Tonart hin hören”, “Wenn man diese Figur einmal als … gesehen hat, ist es schwer sie anders zu sehen”, etc. etc. “Ich höre das französische ‚ne … pas’ als zweiteilige Verneinung aber nicht als ‘nicht einmal ein Schritt’”. Ist es nun ein wirkliches Sehen und Hören? Nun, so nennen wir es; mit diesen Worten reagieren wir in bestimmten Situationen. Und auf diese Worte reagieren wir wieder durch bestimmte Handlungen.

125[1]

Wie lehrt man jemand, leise für sich selbst lesen? Wie weiß man, daß er’s kann? Wie weiß er selbst, daß er’s kann?

125[2]

Ein Schrei entringt sich dem Menschen. Worte entringen sich ihm.

125[3]

Worte sind Taten. Die Wahrheit sagen, wenn die Lüge uns helfen kann, ist schwer.

125[4]

Wenn die Andern Automaten sein könnten; dann ich auch. –

125[5]

Wenn die Sehnsucht aus mir spricht “Wenn er doch nur käme!”, so gibt das Gefühl den Worten ‘Bedeutung’. Gibt es aber den Wörtern des Satzes ihre Bedeutungen?

126[1]

Man könnte hier aber auch sagen: das Gefühl gebe dem Satze Wahrheit. Und da siehst Du, wie hier die Begriffe in einander fließen. (Es erinnert an die Frage: Was ist der Sinn eines mathematischen Satzes.)

126[2]

Wenn man aber sagt “Ich hoffe, er wird kommen”, gibt das Gefühl nicht dem Worte “hoffen” seine Bedeutung? (Und wie ist es mit dem Satz: “Ich hoffe nicht mehr, daß er kommen wird”?) Das Gefühl gibt dem Worte “hoffen” vielleicht seinen besonderen Klang. – Wenn das Gefühl dem Wort seine Bedeutung gibt, so heißt “Bedeutung” hier: das, worauf es ankommt. Warum aber kommt es auf’s Gefühl an?

126[3]

Ich könnte sagen, ein Stöhnen, ein Lachen seien voll von Bedeutung. Und das heißt ungefähr: Es ließe sich viel aus ihnen ablesen.

126[4]

Unter welchen Umständen werde ich sagen, ein Stamm habe einen Häuptling? Und der Häuptling muß doch Bewußtsein haben? Er darf doch nicht ohne Bewußtsein sein!

127[1]

Worin liegt denn die Macht und Bedeutung des Hoffens? Nicht im Leben des Hoffenden?

127[2]

Ich gebe ihm also einen Befehl. Setze die Reihe … fort (– ∙ ∙ )→ oder (– ∙ ∙ ∙ –)→ Nun, was will ich, daß er tun soll? Die beste Antwort, die ich mir selbst darauf geben kann, ist, diese Befehle selber ein Stück weit auszuführen. Oder glaubst Du, ein algebraischer Ausdruck dieser Regel setze weniger voraus?

127[3]

Hier ist die Versuchung überwältigend, noch etwas zu sagen, wenn schon alles beschrieben ist. – Woher dieser Drang? Welche Analogie, welche falsche Interpretation erzeugt ihn?

127[4] &
128[1]

Es bricht kein Streit darüber aus, ob der Regel gemäß vorgegangen wurde, oder nicht. Es kommt darüber z.B. nicht zu Tätlichkeiten. Das gehört zu dem Gerüst, von welchem aus unsere Sprache wirkt (z.B. eine Beschreibung gibt).

128[2]

Nicht Empirie, aber Realismus – das ist für uns ein schwerer Weg in der Philosophie. Einer schreibt eine Folge von Zahlen an. Endlich sage ich “Jetzt versteh ich’s: ich muß immer …”. Und dies ist doch der Ausdruck der Regel. Aber doch nur in einer Sprache!

128[3]

Was wir, in einer komplizierten Umgebung “einer Regel folgen” nennen, würden wir, wenn es isoliert dastünde, gewiß nicht so nennen.

128[4] &
129[1]

Zur Verständigung durch die Sprache gehört nicht nur eine Übereinstimmung in den Definitionen, sondern (so seltsam dies klingen mag) eine Übereinstimmung in Urteilen. Dies scheint die Logik aufzuheben; hebt sie aber nicht auf. – Eines ist, die Meßmethode festzulegen, ein Anderes Messungsergebnisse zu finden & auszusprechen. Aber was wir “messen” nennen, ist auch durch eine gewisse Konstanz der Messungsergebnisse bestimmt.

129[2]

Eine Erklärung ist etwas nur – zu einem bestimmten Zweck. Sie füllt eine bestimmte Lücke. Wenn ich z.B. Einem das Sprachspiel (2) erkläre, erkläre ich’s dem, der schon die Sprache beherrscht. Sage ihm schon, daß es so, & nicht so, ist.

129[3] &
130[1]

Ein Wort in dieser Bedeutung hören. Wie seltsam, daß es so etwas gibt. So phrasiert, so betont, so gehört, ist der Satz der Anfang eines Übergangs zu diesen Sätzen, Bildern, Handlungen.

130[2]

Denke Dir statt Momentaufnahmen unserer Bekannten benützten wir eine Art kinematographischer Bilder, die eine ganz kleine Bewegung wiedergäben. Und das nennten wir bloß ein lebendes Bildnis, im Gegensatz zu einem toten, & faßten es nicht als Bild einer Bewegung, einer Lageveränderung auf.

130[3]

Das Wort “Übereinstimmung” & das Wort “Regel” sind mit einander verwandt, sie sind Vettern. Lehre ich jemand den Gebrauch des einen Wortes, so lernt er damit auch den Gebrauch des andern.

130[4] &
131[1]

Wenn eine Drossel die gleiche Phrase stets einigemale wiederholt, sagen wir sie gebe sich vielleicht beim erstenmal eine Regel, der sie dann folgt?

Das Vorstellungsbild ist das Bild, das meiner Vorstellung entspricht.

131[2] &
132[1]

“Aber wenn ich mir vorstelle, daß Einer, der lacht, in Wirklichkeit Schmerzen hat, so stelle ich mir doch kein Schmerzbenehmen vor, denn ich sehe eben davon das Gegenteil. Was stelle ich mir also vor?” – Ich habe es schon gesagt; – & ich stelle mir dazu nicht notwendigerweise vor, daß ich Schmerzen fühle. – “Aber wie geht es also vor sich, wenn ich mir das vorstelle?” – Wo, ich meine außerhalb der Philosophie, verwenden wir denn die Worte “Ich kann mir vorstellen, daß er Schmerzen hat”, oder “Ich stelle mir vor, …”, oder “Stell Dir vor, …!”? Man sagt z.B. dem, der eine Theaterrolle zu spielen hat: “Du mußt Dir (hier) vorstellen, daß dieser Mensch …” – & dazu wird ihm nicht gesagt, was er eigentlich tun soll. Darum ist auch jene Analyse gar nicht zur Sache. – Wir beobachten nun den Schauspieler, der sich das Leiden des Andern vorstellt.

132[2]

Unter was für Umständen würden wir jemand fragen: “Was ist da eigentlich in Dir vorgegangen, wie Du Dir das vorgestellt hast?” Und was für eine Antwort erwarten wir uns da?

132[3]

[Aber das allein ist es nicht.] Ich könnte jenen Satz in mitten einer Sprachübung aussprechen & ihn als Mitteilung meinen, obgleich er auch in die Sprachübung passen würde; & der Andre wüßte vielleicht nicht, wie ich den Satz gemeint habe.

132[4] &
133[1]

Du erinnerst Dich, daß Du die Absicht hattest – – wie war es also, wie Du sie hattest? Wenn Du nachdenkst – was fällt Dir da ein? Mir fällt manches ein; – aber nichts davon ist die Absicht. Und doch scheint, was mir einfällt relevant für die Absicht.

133[2]

[→ 167/3] Im Laufe eines Gespräches will ich auf etwas zeigen; ich habe bereits den Anfang einer Zeigebewegung gemacht; führe sie aber nicht aus. Später sage ich “Ich wollte damals darauf zeigen. Ich erinnere mich noch deutlich, daß ich schon den Finger aufgehoben hatte.”

133[3] &
134[1]

Und ich erinnere mich nicht nur an die Absicht & auch an das Aufheben des Fingers, sondern an das Aufheben des Fingers als Ausdruck der Absicht. Es ist aber auch nicht so, daß ich mich erinnere, den Finger gehoben zu haben & mir jetzt sage: “Ich muß wohl die Absicht gehabt haben mit dem Finger zu zeigen; wozu hätte ich ihn sonst aufgehoben?”

134[2] &
135[1]

Soll ich sagen, wer diese Absicht hat, erlebt eine Tendenz? Es gebe bestimmte Tendenzerlebnisse? – Erinnre Dich an diesen Fall: Wenn man in einer Diskussion dringend eine Bemerkung, einen Einwurf, machen will, geschieht es häufig, daß man den Mund öffnet, den Atem einzieht, & anhält. Entscheidet man sich dann, den Einwurf zu unterlassen, so läßt man den Atem aus. Das Erlebnis dieses Vorgangs ist offenbar das Erlebnis einer Tendenz, zu sprechen. Wer mich beobachtet, wird erkennen, daß ich etwas sagen wollte, & mich dann anders besonnen habe. In dieser Situation nämlich. – In einer andern würde er mein Benehmen so nicht deuten, so absolut charakteristisch es auch in der gegenwärtigen Situation für die Absicht zu sprechen ist. Und ist irgend ein Grund vorhanden anzunehmen, dieses selbe Erlebnis könnte in einer ganz andern Situation nicht auftreten, wo es mit einer Tendenz nichts zu tun hat?

135[2]

Ich hätte meine Absicht ja auch durch die Worte ausdrücken können: “Ich habe die Absicht …” Und mit diesem Satz beschreibe ich dem Andern nicht meine Empfindungen; obwohl er manchmal auch auf meine Empfindungen wird Schlüsse ziehen können.

135[3] &
136[1]

Wie ist das: die Absicht haben, etwas zu tun? Was kann ich drauf antworten? Eine Art der Antwort wäre: das zu sagen, was ein Romanschriftsteller, sagt Dostojewski etwa,, wenn er die Seelenzustände einer Person beschreibt, die die Absicht hat. – Es wird vielleicht in dieser Beschreibung nirgends der Ausdruck gebraucht, die Person “habe diese Absicht”. Aber wenn wir den Gang des Romans erzählen, werden wir dies sagen.

136[2] &
137[1]

Eine Erwartung ist in einer Situation eingebettet, aus der sie entspringt. Die Erwartung einer Explosion kann z.B. aus einer Situation entspringen, in der eine Explosion zu erwarten ist. Der sie erwartet hatte zwei Leute flüstern gehört: “Morgen um 10 Uhr wird die Lunte angebrannt”. Später denkt er: vielleicht will jemand hier ein Haus in die Luft sprengen. Um 10 Uhr wird er unruhig, fährt bei jedem Lärm zusammen, & endlich antwortet er auf die Frage, warum er so nervös sei: … Diese Antwort wird z.B. sein Benehmen verständlich machen. Sie wird uns auch in den Stand setzen, uns seine Gedanken & Gefühle auszumalen.

137[2]

Es wäre aber auch denkbar, daß jemand ohne jede Ursache oder Vorgeschichte in seinen Gedanken urplötzlich eine erwartende Stellung einnähme & sagte “Ich erwarte jeden Augenblick eine Explosion”. Wir würden ihn dann vielleicht für verrückt halten. Und wenn er auf die Frage, warum er eine Explosion erwartet, nichts zu antworten wüßte & nur immer (wieder) die Erwartung äußerte, so wüßten wir nicht, ob wir von ihm sagen sollten, er habe wirklich eine Erwartung. Nicht aber, weil wir nicht in seine Seele sehen können, sondern weil dies ein Grenzfall eines Vorgangs der Erwartung ist.

137[3]

Ein Vorgang der Erwartung besteht aus Handlungen, Gedanken, Gefühlen in bestimmten Umgebungen.

137[4] &
138[1]

Ich schaue auf die brennende Lunte, folge mit höchster Spannung dem Fortschreiten des Brandes, & wie er sich dem Explosivstoff nähert. Ich denke vielleicht überhaupt nichts, oder eine Menge abgerissener Gedanken. Das ist gewiß ein Fall des Erwartens.

138[2] &
139[1]

Wenn ich nun sage “Ich erwarte …”, – ist das die Feststellung: meine Situation, meine Gedanken, etc. bildeten eine Erwartung – oder sind meine Worte selbst ein Teil des Erwartungsvorgangs Unter gewissen Umständen wird “Ich erwarte …” einfach heißen (ersetzt werden können durch) “Ich glaube das & das wird geschehen”, manchmal auch: “Mach Dich auf … gefaßt”. Wenn ich sage “Ich erwarte ihn sehnsüchtig”, so wird das, unter Umständen, die Äußerung der Erwartung sein, also ein Teil des Vorgangs der Erwartung. Aber diese Worte können auch als Resultat der Selbstbeobachtung ausgesprochen werden, & etwa heißen: “Also nach allem, was vorgegangen ist, erwarte ich ihn dennoch mit Sehnsucht.” Es kommt darauf an: Wie ist es zu diesen Worten gekommen.

[Worte entringen sich ihm …] [Grüßen …]

139[2]

Wenn Einer, statt zu sagen “Ich erwarte jeden Moment die Explosion”, flüstert: “Es wird gleich losgehen”, so beschreiben doch seine Worte keine Empfindung; obgleich sie & ihr Ton eine Äußerung seiner Empfindung sein mögen.

139[3] &
140[1] &
141[1]

Wenn ich nun sage “Ich erwarte …” – ist das die Feststellung: die Situation, meine Handlungen, Gedanken etc. seien die des Erwartens dieses Ereignisses; oder gehören die Worte “Ich erwarte …” zum Vorgang des Erwartens? Unter gewissen Umständen wird “Ich erwarte …” einfach heißen (ersetzt werden können durch) “Ich glaube, das & das wird eintreten”. Manchmal auch: “Mach Dich darauf gefaßt, daß …”. Ich sage jemandem: “Ich habe gehört er wird kommen; ich erwarte ihn schon den ganzen Tag.” Dies ist ein Bericht darüber, wie ich den Tag verbracht habe. Ich komme in einem Gespräch zum Ergebnis, daß ein bestimmtes Ereignis zu erwarten sei & ziehe diesen Schluß, indem ich sage: “Ich muß also jetzt … erwarten”. Das kann man den ersten Gedanken, den ersten Akt, dieser Erwartung nennen. Der Ausruf “Ich erwarte ihn sehnsüchtig!” ist ein Akt des Erwartens, wenn sich die Spannung der Erwartung in ihm Luft macht. Ich kann aber dieselben Worte als das Resultat einer Selbstbeobachtung aussprechen, & sie hießen dann etwa: “ …” [→ ]

141[2]

[→ [170/ 1]] Erwartung ist, grammatisch, ein Zustand. Wie: einer Meinung sein, etwas hoffen, wissen, können. Aber um die Grammatik dieser Zustände zu verstehen, muß man fragen: “Was gilt als Kriterium dafür, daß sich jemand in diesem Zustand befindet?”

141[3]

Wie weiß ich, daß ich den Satz als Mitteilung gemeint habe. War das wenige, was beim Aussprechen in dieser Richtung wies, wirklich genug, daß ich mit Sicherheit sagen kann, ich hätte ihn so gemeint?

141[4] &
142[1]

“Wie kannst Du so sicher sein, daß Du einen Augenblick lang mich betrügen wolltest? Waren nicht Deine Handlungen & Gedanken viel zu rudimentär?”

142[2]

Kann denn die Evidenz nicht zu spärlich sein? Ja, wenn man ihr nachgeht, scheint sie außerordentlich spärlich; aber das ist vielleicht, weil man die Vorgeschichte dieser Evidenz außer acht läßt. Wenn ich einen Augenblick lang die Absicht hätte dem Andern Unwohlsein vorzuheucheln, so brauchte es dazu eine Vorgeschichte.

142[3] &
143[1]

“Dieser Gedanke knüpft an Gedanken an, die ich früher einmal gehabt habe.” – Wie tut er das? Durch ein Gefühl der Anknüpfung? Aber wie kann das Gefühl die Gedanken wirklich verknüpfen? – Das Wort “Gefühl” ist hier sehr irreleitend. Aber es ist möglich daß Einer mit Sicherheit sagt: “Dieser Gedanke hängt mit jenem früheren zusammen”, ohne daß er doch den Zusammenhang anzugeben vermag Dies gelingt vielleicht später.

143[2]

“Wenn ich die Worte gesagt hätte, ‘Ich will ihn jetzt betrügen’, hätte ich die Absicht nicht gewisser gehabt, als so.” – Aber wenn Du jene Worte gesagt hättest, mußtest Du sie da im vollen Ernste meinen?

143[3] &
144[1] &
145[1]

[→ ]

Es ist hier wieder, als erinnerten wir uns jener feinen Gefühlsnuance des Meinens, die erst, was immer ich tat oder sagte, zum Ausdruck des Meinens machte. Meine Bewegung, Miene, mein Tonfall, wären allerdings allein keine Evidenz des Meinens gewesen, fühlt man, zum Ausdruck des Meinens machte sie erst das Meinen. Nur sonderbar, daß man sich überhaupt an diesen ‘Ausdruck’ hängt. Und noch sonderbarer: Wenn ich mir, was geschah, klar in die Erinnerung rufe, errufe ich nur diesen Ausdruck [Einzelheiten]. Kann ich nicht, wenn ich will, den Blick, den Ton des Satzes, die Bewegung meines Körpers wiederholen? Und zwar ungefähr mit den Empfindungen & Gedanken, die sie begleiteten? Und ist, was ich so wiederhole, nicht Evidenz genug?

Mich an das, was ich tat, als Ausdruck des Meinens erinnern, hängt zusammen mit meiner Fähigkeit, die Szene in einem bestimmten Geiste zu reproduzieren. Und beim Reproduzieren, wie empfinde ich da die Meinung, die ich ja dann gar nicht habe?

145[2]

“Ich habe ihn in diesem Augenblick gehaßt” – was geschah da? Bestand es nicht in Gedanken, Gefühlen & Handlungen? Und wenn ich so eine Szene darstellte, würde ich ein bestimmtes Gesicht machen, dächte an gewisse Geschehnisse, atmete in bestimmter Weise, brächte in mir gewisse Gefühle hervor. Ich könnte ein Gespräch, eine ganze Szene erdenken, in der dieser Haß aufflammte. Und ich könnte diese Szene mit Gefühlen spielen, die denen in einem Vorfall des wirklichen Lebens nahe kämen. Dabei wird mir natürlich helfen, daß ich Ähnliches wirklich durchlebt habe.

145[3] &
146[1]

Wenn ich mich nun des Vorfalls schäme, schäme ich mich des Ganzen: der Worte, des giftigen Tones; u.s.w.

146[2]

“Ich schäme mich nicht dessen was ich damals tat, sondern der Absicht, die ich hatte.” – Aber lag die Absicht nicht auch in dem, was ich tat? Worin lag das Beabsichtigen? Nur in dem, was ich damals dachte, zu mir selber sagte? Wodurch ist die Absicht gegeben? Durch die ganze Geschichte.

146[3] &
147[1]

Die Worte “Gottlob! Noch etwas weniges hat man geflüchtet – vor den Fingern der Kroaten” mit ihrem Ton & Blick scheinen allerdings schon jede Nuance ihrer Bedeutung in sich zu tragen. Nur darum aber, weil wir sie als Teil einer bestimmten Szene kennen. (Eine Menge wohlbekannte Pfade führen von diesen Worten aus in allen Richtungen.) – Man könnte aber eine ganz andere Szene um diese Worte (ganz ebenso gesprochen) bauen; um zu zeigen, wie ihre besondere Seele in der Geschichte liegt, zu der sie gehören.

147[2]

Darum sagt man auch: “Es kommt drauf an, wer es sagt.”

147[3]

Laß einen Menschen zornig, hochmütig, ironisch, blicken; & nun verhäng sein Gesicht mit einem Tuch, daß nur die Augen frei bleiben; – in denen der ganze Ausdruck vereint schien. Ihr Ausdruck ist nun überraschend vieldeutig.

147[4] &
148[1]

“Es liegt alles schon in …” Wie kommt es, daß der Pfeil → zeigt? Scheint er nicht schon etwas außerhalb seiner selbst in sich zu tragen? – “Nein, es ist nicht der tote Strich; nur das Psychische, die Bedeutung, kann dies.” – Das ist wahr & falsch. Der Pfeil zeigt nur in der Anwendung, die das Lebewesen von ihm macht. Dieses Zeigen ist nicht ein hocus pocus, das nur die Seele vollziehen kann.

148[2] &
149[1]

“N. maß ihn mit feindseligem Blick & sagte …”. Der Leser der Erzählung versteht es; er hat keinen Zweifel in seiner Seele. Nun sagt Einer: “Wohl, er denkt sich die Bedeutung hinzu, er errät sie.” – Im allgemeinen: Nein. Im allgemeinen denkt er sich nichts hinzu, errät nichts. – Es ist aber auch möglich, daß der feindselige Blick & die Worte sich später als Verstellung erweisen, oder daß der Leser im Zweifel darüber erhalten wird, ob sie es sind, oder nicht, & daß er also wirklich auf eine mögliche Deutung rät. – Aber dann rät er vor allem auf einen Zusammenhang. Er sagt sich etwa: die Beiden, die hier so feindlich tun, sind in Wirklichkeit Freunde, etc. etc.

149[2]

[→ ] “Einen Augenblick lang wollte ich entfliehen …” D.h., ich hatte ein bestimmtes Gefühl, inneres Erlebnis; und ich erinnere mich dran. – Und nun erinnere Dich recht genau – – –, da scheint das ‘innere Erlebnis’ des Wollens wieder zu verschwinden. Statt dessen erinnert man sich an Gedanken, Gefühle, Bewegungen auch, an Zusammenhänge mit früheren Situationen. Es ist als hätte man die Einstellung des Mikroskops verändert, & was jetzt im Brennpunkt liegt, lag früher außerhalb.

149[3] &
150[1]

“Nun das zeigt nur, daß Du Dein Mikroskop falsch eingestellt hast. Du solltest eine Schicht des Präparates anschauen, & siehst nun eine andere.”

150[2]

0

Daran ist etwas richtig. Aber nimm an ich erinnerte mich (mit einer bestimmten Einstellung der Linsen) an eine Empfindung; wie kann ich sagen, daß sie das ist, was ich die ‘Absicht’ nenne? Es könnte sein, daß ein bestimmter Kitzel (z.B.) jede meiner Absichten begleitete. Was ist der natürliche Ausdruck der Absicht? – Sieh eine Katze an, wenn sie sich an einen Vogel heranschleicht; oder ein Tier, wenn es entfliehen will. [Verbindung mit Sätzen über Empfindungen.]

150[3] &
151[1]

[→ ] “Ich erinnere mich nicht mehr meiner Worte, wohl aber der Absicht, in der ich sie sprach.” – Ein Andrer sagt etwa darauf: “Das kann ich bezeugen; Du sagtest damals …” Ebenso kann man manchmal sagen: “Ich erinnere mich nicht mehr meiner Worte, aber wohl an den Geist meiner Worte.”

151[2]

“Aber sagtest Du nicht eben, die Absicht sei eine Art Konglomerat von Handlungen, Gedanken, etc., & das Wesentliche der Absicht sei nicht einer der Bestandteile?” Wohl; & dennoch ist es eines, mich an die Absicht, & ein anderes, mich an die Einzelheiten des Vorgangs zu erinnern. Ich kann mich auch daran erinnern, alle Anstalten für meine Abreise gemacht zu haben, ehe ich mich an irgend eine von ihnen erinnere, ja es muß zu diesem letztern überhaupt nicht kommen. Meine Erinnerungsreaktion waren eben die Worte: “Ich hatte die Absicht …”

152[1]

“Nur Du kannst wissen, ob Du die Absicht hattest“. Das könnte man jemandem sagen, wenn man ihm die Bedeutung des Wortes “Absicht” erklärt. Es heißt dann nämlich: so gebrauchen wir es. (Und “wissen” heißt hier, daß der Ausdruck der Ungewißheit unsinnig ist.)

152[2] &
153[1]

Er ist aufgestanden & an’s Fenster getreten. Später sagt er “Ich stand auf, um von diesen Leuten wegzukommen.” Ein Andrer sagt, “Das legst Du jetzt hinein. Du bist nur aufgestanden, um Deine Glieder zu strecken.” – Aber was soll er also hineingelegt haben? Jenes Ungreifbare; die Absicht? Und warum scheint sie uns ungreifbar; noch um einen Grad ungreifbarer, als etwa eine Schmerzempfindung? – Es muß daher kommen, daß wir versucht sind, eine Art der Beschreibung hier anzuwenden, – sie aber fallen lassen. Und dies nun so deuten, wir hätten versucht etwas aufzufassen, & es habe sich als ungreifbar erwiesen.

153[2]

“Ich habe die Absicht morgen zu verreisen.” – Wann hast Du die Absicht? Die ganze Zeit; oder intermittierend? Schau in die Lade, in der Du sie erwartest. Die Lade ist leer. (Ich glaube, Du hattest sie unter den Empfindungen gesucht.) Überlege, was das eigentlich heißen würde: “eine Absicht intermittierend haben”! Es hieße etwa die Absicht haben, sie fallen lassen, sie wieder aufnehmen u.s.f..

153[3]

“Ich habe die Absicht” sagt Dir – beiläufig – was Du zu erwarten hast.

153[4] &
154[1]

“Ich hatte, wie Du weißt, die Absicht abzureisen.” Der Andre kann dies so sicher wissen, wie ich selbst. Ja, sich genauer an meine Absicht erinnern, als ich.

154[2]

Wenn ich mich meiner Absicht erinnere, muß ich mich (auch) nur eines einzigen Gemütszustandes, oder Gedankens erinnern?

154[3]

Warum soll die ausgesprochene Absicht immer unzweifelhafter sein, als die durch Mienen u.s.w. ausgedrückte?

154[4]

Warum soll mir die Erinnerung an die Worte, die ich damals sprach, mehr sagen, als die Erinnerung an einen Blick, oder eine Bewegung? Bedenke: auch diese stehen ja in einem alten Zusammenhang.

154[5] &
155[1]

Wie kommt es, daß ich dann trotzdem geneigt bin, ein Deuten darin zu sehen, wenn ich sage “Einen Augenblick lang wollte ich Dich betrügen”? Ist es, weil ich das, was in jenem Augenblick geschah durch die Umgebung & Vorgeschichte deute, d.h. mit dieser zusammen charakterisiere?

155[2]

[→ ] “Ich erinnere mich nicht mehr an meine Worte, aber ich erinnere mich genau an meine Absicht: ich wollte ihn damals beruhigen …” Was zeigt mir meine Erinnerung; was führt sie mir vor Augen? Nun, wenn sie nichts täte, als mir diese Worte einzugeben; & vielleicht noch andere, die die Situation noch genauer ausmalen!

155[3] &
156[1]

Glaub nicht immer, daß Du Deine Worte von Tatsachen abliest; diese nach Regeln in Worte abbildest! Denn die Anwendung der Regel im besondern Fall müßtest Du ja doch ohne Führung machen.

156[2] &
157[1]

“Ich wälze den Entschluß in mir herum, morgen abzureisen” (Das kann man eine Beschreibung des Gemütszustandes nennen). “Deine Gründe überzeugen mich nicht; ich bin noch immer der Absicht morgen abzureisen.” Hier wird man versucht sein, die Absicht ein Gefühl zu nennen. Das Gefühl ist das einer gewissen Steifigkeit; des unabänderlichen Entschlusses. (Aber es gibt auch hier viele verschiedene charakteristische Gefühle.) Jemand fragt mich: “Wie lang bleibst Du hier?” Ich antworte: “Morgen reise ich ab; meine Ferien gehen zu Ende.” Dagegen aber: ich sage am Ende eines Streits: “Nun gut; dann reise ich morgen ab.” Ich fasse einen Entschluß.

157[2]

Dieser letzte Fall ist ähnlich dem: “Ich werde Dir ein Zeichen geben; ich werde die Hand heben.” – Es würde Jeden überraschen, wenn ich statt dessen sagte, “Meine Hand wird sich heben”, obwohl doch auch diese Voraussage erfüllt wird, wenn ich meine Hand hebe. Sagt also der Satz “Ich werde meine Hand heben” in Wirklichkeit etwas sehr schwer Verständliches; was nur – zu seinem Glück – dem Laien, der dies sagt, verborgen ist?

157[3] &
158[1]

Betrachte die beiden Sprachspiele: a) Einer gibt einem Andern den Befehl, bestimmte Armbewegungen zu machen, oder Körperstellungen einzunehmen (Turnlehrer und Zögling). Eine Variante dieses Sprachspiels ist dies: Der Schüler gibt sich selbst Befehle & führt sie, etwa nach einem kurzen Zeitintervall, aus. b) Jemand beobachtet gewisse regelmäßige Vorgänge – etwa die Reaktionen verschiedener Metalle auf (verschiedene) Säuren – & macht daraufhin Vorhersagen über die Reaktionen, die in bestimmten Fällen eintreten werden. Es ist zwischen diesen beiden Sprachspielen eine offenbare Verwandtschaft, & auch Grundverschiedenheit. Zu beiden könnte man die Worte ‘Voraussagen’ nennen. (Ein Befehl lautet oft “Du wirst …”) Vergleiche aber (nun) die Abrichtung, die zu der ersten Technik gehört, mit der Abrichtung für die zweite.

158[2] &
159[1] &
160[1]

“Ich werde jetzt zwei Pulver einnehmen; & eine halbe Stunde darauf werde ich erbrechen.” – Es erklärt nichts, wenn ich sage, im ersten Fall sei ich das Agens, im zweiten bloß der Beobachter. Oder: im ersten Falle sähe ich den kausalen Zusammenhang von innen, im zweiten von außen; & vieles Ähnliche. Es ist auch nicht zur Sache, zu sagen, daß eine Vorhersage der ersten Art so wenig unfehlbar ist, wie eine der zweiten Art. Nicht aufgrund von Beobachtungen meines Verhaltens sagte ich, ich würde jetzt zwei Pulver einnehmen. Die Antezedenzien dieses Satzes waren ganz andere. Ich meine die Gedanken, Handlungen, etc., die zu ihm hinleiteten; & es ist nur irreführend zu sagen: “Die einzige wesentliche Voraussetzung Deiner Äußerung war eben Dein Entschluß.

160[2]

Wenige unserer Sprachformen haben so viele philosophische Irrtümer auf dem Gewissen, wie die Entgegenstellung: “Äußerung des Entschlusses” – “Entschluß”; “Äußerung der Erwartung” – “Erwartung”; u.s.f.. Ähnlich wie im Falle von Zahl & Zahlzeichen scheinen uns nur zwei Wege offen: Die beiden zu identifizieren – was nicht geht –, oder sie einander zu koordinieren – was ebensowenig geht.

160[3] &
161[1]

Ich will nicht sagen: im Falle der Willensäußerung “Ich werde Pulver einnehmen” sei die Voraussage Ursache – & ihre Erfüllung der Effekt. (Das könnte vielleicht eine physiologische Untersuchung entscheiden). Soviel aber ist wahr: Wir können häufig aus der Äußerung des Entschlusses die Handlung eines Menschen vorhersagen. Ein wichtiges Sprachspiel.

161[2] &
162[1]

“Aber wenn Du sagst ‘Ich habe die Absicht abzureisen’, so weißt Du’s doch! Es ist eben hier wieder das geistige Meinen, das den Satz belebt. Sprichst Du den Satz bloß jemandem nach, etwa um seine Sprechweise zu verspotten, so sagst Du ihn ohne jenes Meinen.”. – Wenn wir philosophieren, so scheint es so. Aber denken wir uns doch (wirklich) verschiedene Situationen aus, & Gespräche, & wie jener Satz in ihnen ausgesprochen wird. – “Ich entdecke immer einen geistigen Unterton; vielleicht nicht immer den gleichen.” – Und war da kein Unterton vorhanden, als Du den Satz einem Andern nachsprachst? Und warum nun den ‘Unterton’ von dem übrigen Erlebnis des Sprechens, u.s.w., trennen?

162[2]

[→ [169/ 3]] “Du sagtest damals …; dann wurdest Du unterbrochen. Weißt Du noch, was Du sagen wolltest?” – Wenn ich’s nun weiß & es sage – heißt das, daß ich es schon früher gedacht, und nur nicht gesagt habe? Nein. Es sei denn, daß Du die Sicherheit, mit der ich den unterbrochenen Satz weiterführe, als Kriterium dafür nimmst, daß der Gedanke damals bereits fertig war. – Aber es lag freilich schon alles mögliche in der Situation & in meinen Gedanken, das dem Satz weiterhilft.

162[3] &
163[1]

Wenn ich den unterbrochenen Satz fortsetze & sage so hätte ich ihn damals fortsetzen wollen, so scheint das ähnlich, wie wenn ich einen Gedankengang nach kurzen Notizen ausführe. Und deute ich also diese Notizen nicht? War nur eine Fortsetzung möglich? Gewiß nicht. Aber ich wählte nicht unter diesen Deutungen. Ich erinnerte mich; daß ich das sagen wollte. [Die Meinung entwickelt sich]

163[2]

“Ich wollte in meinem Gedankengang auf … lossteuern.” Mir schwebt dieses Ziel vor. Ich sah im Geist die Stelle des Buchs, auf die ich hinzielte. Die Absicht beschreiben, heißt, was vorging, unter einen bestimmten Gesichtspunkt, zu einem bestimmten Zweck, beschreiben.

163[3] &
164[1]

Der Befehl “Trachte, was immer geschieht, dieses Haus zu erreichen” charakterisiert ein anderes Sprachspiel, als dieser: “Geh’ 10 km gradeaus, dann rechts …”;; auch wenn ich so dies Haus erreiche. – Und so hat auch der Bericht “Ich trachtete dies Haus zu erreichen” nicht denselben Sinn wie ein Bericht, der meinen Weg dorthin beschreibt. Und vielleicht erreichte ich das Haus nicht, weil ich es unbedingt erreichen wollte.

164[2]

Was geschieht, wenn ich ein bestimmtes Buch suche. Wie unterscheidet es sich davon, wenn ich ein anderes Buch suche? angenommen, daß ich, nicht finde, was ich suche. Ich werde im Suchen unterbrochen; dann sage ich: “Was war es nun, was ich finden wollte?”

164[3] &
165[1]

“Suche das Buch A” heißt nicht “Suche das Buch B”. Aber ich mag bei der Befolgung beider Befehle genau das gleiche tun. Zu sagen, es müsse dabei etwas anderes geschehen, wäre ähnlich, als sagte man, die Sätze “Heute ist mein Geburtstag” & “Am 26. April ist mein Geburtstag” müssen sich auf verschiedene Tage beziehen, denn ihr Sinn sei nicht der gleiche.

165[2]

“Ich trachte mit allen Mitteln dorthin zu kommen” malt ein bestimmtes Bild der Vorgänge, bringt bestimmte Züge heraus.

165[3]

Ich gebe jemandem eine Erklärung, bleibe aber stecken & sage, um ihm einen ungefähren Begriff zu geben: “Ich steuere auf den Gedanken hin, daß …” Das ist ungefähr als sagte ich ihm: ich suche das & das.

165[4] &
166[1]

Wenn es möglich war, daß einem Andern mein Gedanke vorgezeichnet schien, wie sollte er mir nicht auch vorgezeichnet scheinen können? Aber wenn es sich im Erraten meiner Intention irren kann, warum nicht auch ich mich?

166[2]

Wenn Einer mit allen Mitteln trachtet, einen Ort zu erreichen, so kann dies auch der Andere, der ihn beobachtet wahrnehmen.

166[3]

Überlege die Verwendung des Satzes: “Ich will unbedingt dieses Haus erreichen.” Wenn zu dem Haus eine bequeme Straße führt, kann man da trachten, dies Haus unbedingt zu erreichen?

166[4]

→ Auch wenn Du irgendwie zu sehen glaubst, daß die Absicht eine Art von Empfindung ist, – warum sollst Du glauben, daß die gleiche Absicht immer die gleiche Empfindung ist? Man könnte sich denken, daß, in einer Armee z.B., der General bei gewissen Anlässen eine Uniform zu tragen hat, die bei andern Anlässen den Leutnant kennzeichnet, und umgekehrt.

166[5]

“Mit dieser Bemerkung meinte ich Dich!” Ich will ihn dadurch nocheinmal treffen.

167[1]

Die Meinung, möchte ich sagen, entwickelt sich. Aber auch darin liegt ein Fehler.

167[2]

Wenn Du nun später sagst “Ich meinte …”, beurteilst Du da die ganze Situation.

167[3]

[→ ] “Ich nahm die Hand vom Mund & machte bereits eine Bewegung mit dem Finger.” In dem Strom dieser Vorgänge, Gedanken & Empfindungen war dies der Anfang einer Gebärde des Zeigens.

167[4]

Ja, wenn ich die ganze Gebärde machte & sagte “Er liegt dort drüben”, so wäre das kein Zeigen, wenn nicht diese Worte zu einer Sprache gehörten.

167[5] &
168[1]

Die Frage “Was geht da vor wenn …” (in dieser Art von Untersuchung) ist gänzlich irreführend. Die philosophische Frage selbst verstellt den Weg zur Klarheit.

168[2]

Es könnte Menschen geben, die immer, wenn sie an jemanden denken, sein Gesicht, ausgezeichnet getroffen, vor sich hin zeichneten. (Es fiele das ihnen so leicht, wie uns das Schreiben.) Aber man kann sich auch den Fall denken, daß Leute, ohne scheinbare Ursache, das Gesicht eines Bekannten hinzeichneten, & man nicht sagen könnte, sie dächten an ihn.

168[3]

Man könnte auch von einer Empfindung des Zeigens reden; aber Zeigen hat eine Funktion, & die Empfindung zeigt nicht. Und nennt man eine Empfindung ‘Empfindung des Zeigens’, dann muß man mehr als eine Empfindung so nennen. (Feeling of ‘if’.)

168[4] &
169[1]

Verwendung von “Ich meine Dich”. “Einer ist zuviel in diesem Zimmer. – Ich meine Dich.”

169[2]

Man kann unter Umständen sagen: “Ich empfand, ich wollte es Dir sagen.” Aber das würde ich nicht sagen, wenn ich ohnehin mit ihm sprach.

169[3]

Gewiß, ich kann auf ihn anzuspielen scheinen & doch keine Anspielung meinen. Also lag der Unterschied in meinem Denken & Fühlen. Aber das sagt nicht, daß ‘meinen’ denken & fühlen heißt! Denn der Unterschied zwischen “es meinen” & “es nicht meinen” kann, im besondern Fall, der zwischen denken & nicht-denken sein.

169[4] &
170[1]

[→ ] Unterbrich einen Menschen im gänzlich unvorbereiteten & fließenden Sprechen. – Dann frag ihn, was er hat sagen wollen; & er wird, in der Mehrzahl der Fälle, den angefangenen Satz fortführen können. – “Dazu mußte ihm schon vorgeschwebt haben, was er sagen wollte.” – Ist nicht vielleicht jenes Phänomen der Grund, warum wir sagen, die Fortsetzung habe ihm vorgeschwebt?

170[2] &
171[1]

[→ ] Eine Meinung haben, ist ein Zustand. – Ein Zustand wessen? Der Seele? des Verstandes? Nun, wovon sagt man, es habe eine Meinung? Vom Menschen N.N., z.B.. Man darf eben von der Antwort auf jene Frage noch keinen Aufschluß erwarten. Fragen, die tiefer dringen sind: Was sehen wir in besondern Fällen als die Kriterien dafür an, daß Einer die & die Meinung hat? Wann sagen wir: er sei damals zu dieser Meinung gekommen; wann: er habe seine Meinung geändert? U.s.w. Das Bild, welches die Antworten auf diese Fragen uns geben, zeigt, was hier grammatisch als Zustand behandelt wird.

171[2] &
172[1]

“Ist es nicht eigentümlich, daß ich nicht sollte denken können, es werde bald aufhören zu regnen, ohne die Existenz der Institution der Sprache & ihrer ganzen Umgebung?” – Willst Du sagen, es ist seltsam, daß Du Dir diese Worte nicht sollst sagen können & sie meinen ohne jene Umgebung? Nehmen wir an jemand rufe beim Anblick des Himmels aus: “ …” Da wir ihn fragen, was er meint, sagt er, das heiße “Gottlob, es wird bald aufhören zu regnen”. Ja, er erklärt uns auch, was die einzelnen Wörter bedeuten. – Ich nehme an, er möge plötzlich gleichsam aufwachen & sagen, jener Satz sei völliger Unsinn gewesen, sei ihm aber, als er ihn sprach wie der Satz einer ihm geläufigen Sprache erschienen, ja, wie ein wohlbekanntes Zitat. – Was soll ich nun sagen? Hat er diesen Satz nicht verstanden, als er ihn sagte? Trug der Satz nicht seine ganze Bedeutung in sich?

172[2]

Aber worin lag jenes Verstehen & die Bedeutung? Er sprach die Lautreihen in erfreutem Tone, indem er auf den Himmel zeigte, während es noch regnete aber schon lichter wurde; später machte er eine Verbindung seiner Worte mit deutschen Worten.

172[3] &
173[1]

“Aber seine Worte fühlten sich eben wie die Worte einer ihm wohlbekannten Sprache an.” – Ja; das Kriterium dafür ist, daß er dies später sagte. Und nun sag ja nicht: “Die Wörter einer uns geläufigen Sprache fühlen sich eben in ganz bestimmter Weise an.”

173[2]

Ich hatte mit Absicht ein Beispiel gewählt, in dem er einer Empfindung Ausdruck gibt. Denn in diesem Fall sagt man, Laute, die keiner Sprache angehören, seien voll von Bedeutung.

173[3]

So sind die Worte “Möchte er doch kommen!” mit meinem Wunsche geladen. Und Worte können sich uns entringen, wie ein Schrei. Worte können schwer auszusprechen sein. Worte des ‘Verzichtens’ z.B., oder das Eingestehen einer Schwäche.

173[4] &
174[1]

Man könnte sich Menschen denken, die etwas einer Sprache nicht ganz unähnliches, besäßen: Lautgebärden; ohne Wortschatz oder Grammatik. (‘Mit Zungen reden’?)

174[2]

Der Laut “Hm” kann sehr bedeutungsvoll sein.

174[3]

Worte eines Dichters können uns durch & durch gehen. Und das hängt, kausal, natürlich mit dem Gebrauch zusammen, den wir in unserm Leben von ihnen machen. (Aber der kausale Aspekt interessiert uns nicht.) Und es hängt auch damit zusammen, daß wir, dem Gebrauch dieser Worte entsprechend, unsere Gedanken dorthin & dahin in ihre wohlbekannte Umgebung schweifen lassen.

175[1]

“Was wäre aber hier die Bedeutung der Laute?” – Was ist sie in der Musik? Obwohl ich gar nicht sagen will, daß diese Sprache der klanglichen Gebärden mit Musik verglichen werden müßte.

175[2]

Ich sehe ein Bild: es stellt einen alten Mann dar, der, auf einen Stock gestützt einen steilen Weg aufwärts geht. – Und wie das? Konnte es nicht auch so aussehen, wenn er in dieser Stellung die Straße hinunterrutschte? Ein Marsbewohner würde es vielleicht so beschreiben. Ich brauche nicht zu erklären, warum wir es nicht so beschreiben.

175[3] &
176[1]

Damit es mir erscheinen kann, als hätte die Regel alle ihre Folgesätze zum voraus erzeugt, müssen sie mir selbstverständlich erscheinen. So selbstverständlich, wie es mir ist, diese Farbe “blau” zu nennen.

176[2]

Woher die Idee, es wäre die angefangene Reihe ein sichtbares Stück unsichtbar bis in’s Unendliche gelegter Geleise? Nun statt der Regel könnten wir uns Geleise denken. Und der nicht begrenzten Anwendung der Regel entsprechen Geleise, bis ins Unendliche.

176[3]

Warum aber: “Es liegt doch schon alles in ihr?”? – Ich brauche nur noch die Kurbel drehen, alles übrige tut die Maschine. Und die Kurbel drehen ist etwas so einfaches: ich kann es automatisch tun.

176[4]

Ich glaube im Reihenstück ganz fein eine Zeichnung zu erblicken, einen Zug, der nurmehr des “u.s.w.” bedarf, um in die Unendlichkeit zu reichen.

176[5] &
177[1]

Man fühlt nicht, daß man immer des Winkes (der Einflüsterung) der Regel gewärtig sein muß. Im Gegenteil. Wir sind nicht gespannt darauf, was sie uns wohl jetzt sagen wird, sondern sie sagt uns immer dasselbe, & wir tun, was sie uns sagt. Man könnte sagen: wir sehen, was wir beim Folgen nach der Regel tun, unter dem Gesichtspunkt des immer Gleichen an. Man könnte dem, den man abrichtet, sagen: “Sieh, ich tue immer das gleiche; ich …”

177[2]

(Faraday “The Chemical History of a Candle”) “Water is one individual thing – it never changes”.

177[3]

Einem beschreiben, wie man einer Regel folgt, heißt, ihn lehren Regeln zu folgen.

177[4] &
178[1]

Aber eine Maschine kann doch nicht denken! – Ist das ein Erfahrungssatz? Nein. Wir sagen nur vom Menschen, & was ihm ähnlich ist, es denke. Wir sagen es auch von Puppen, & wohl auch von Geistern. Sieh das Wort “denken” als Instrument an!

178[2]

Wenn es einmal klar geworden ist, daß verschiedene Verben, z.B. die psychologischen – meinen, denken, fürchten, wollen, wissen, etc. – kaum mit einander vergleichbare Arten der Verwendung haben, wird die Untersuchung des besonderen Falles um vieles leichter fallen.

178[3] &
179[1]

“Wenn ich Einen die Bildung der Reihe … lehre, meine ich doch, er solle an der 100sten Stelle … schreiben.” Ganz richtig: Du meinst es. Und offenbar ohne notwendigerweise auch nur daran zu denken. Das zeigt Dir wie verschieden die Grammatik des Wortes “meinen” von der des Wortes “denken” ist. Und nichts Verkehrteres, als “Meinen” eine geistige Tätigkeit zu nennen. Wenn man nämlich nicht darauf ausgeht Konfusion zu erzeugen. (Man könnte von einer Tätigkeit der Butter reden, wenn sie im Preise steigt; & wenn dadurch keine Probleme erzeugt werden, so ist es harmlos.)

179[2]

Ich folge einer Regel nicht anders, als der Anweisung “Schlage zwei Eier in eine Pfanne”. Und gehörte dieser Satz keiner Sprache an, oder einer, die ich nicht verstehe, so folgte ich diesen Worten nicht, was immer ich täte.

179[3]

Ich bin geneigt vom Toten zu reden als von einem, dem etwas abgeht. Ich sehe das Leben (unbedingt) als ein Plus an, als etwas dem Leblosen hinzugefügtes.

179[4] &
180[1]

Wie erkenne ich, daß diese Farbe Rot ist? – Eine Antwort wäre: “Ich habe Deutsch gelernt.”

180[2]

Eine Königskrönung ist das Bild der Pracht & Würde. Nehmen wir eine Minute dieses Vorgangs aus ihrer Umgebung heraus. Dem König im goldgewirkten Krönungsmantel wird die Krone auf’s Haupt gesetzt. – In einer andern Umgebung nun ist Gold das billigste Metall. Das Gewebe des Mantels ist durch die vorhandenen Maschinen billig herzustellen. Etc., etc.. Die Krone wird als Parodie eines anständigen Hutes empfunden & Einem zum Spott aufgesetzt.

181[1]

Jemand, der nicht Deutsch kann, hört mich bei gewissen Anlässen ausrufen “Welch herrliche Beleuchtung!” Er errät den Sinn & gebraucht nun den Ausruf selber, wie wir es tun, ohne jedoch die drei Wörter zu verstehen. Versteht er den Ausruf? Wäre es ebenso leicht, sich den analogen Fall zu denken für den Satz: “Wenn der Zug nicht pünktlich um 5 Uhr ankommt, wird er den Anschluß versäumen”? Was hieße es etwa in diesem Falle: den Sinn erraten?

181[2]

Es wird schwierig sein, meiner Darstellung zu folgen: denn sie sagt Neues, dem doch die Eierschalen des Alten ankleben.

181[3] &
182[1]

Wissen, wie jemand geht: es sich vorstellen können – aber auch: es nachmachen können. Muß man sich’s vorstellen, um es nachzumachen? Und ist es nachmachen nicht ebenso stark, als es sich vorstellen?

182[2] &
183[1]

[→ [116/ 1]] Wie erkenne ich, daß dies rot ist? – Ich bin in Verlegenheit, was ich sagen soll. – Wie erkenne ich, daß diese zwei Bäume gleich hoch sind? Hier bin ich nicht in Verlegenheit. Ich weiß verschiedene Antworten. – Wie erkenne ich, daß dies rot ist? Ich wollte etwa sagen: Ich schaue; & sehe es ist so. Und davon gehe ich nun zu dem Wort über. Ich sehe, daß es diese Farbe ist; nun weiß ich, daß diese Farbe so heißt. Diese? – Welche?! Welche Art der Antwort hat auf diese Frage Sinn? (Du steuerst immer wieder auf eine innere hinweisende Erklärung hin.) Auf den privaten Übergang von dem Gesehenen zum Wort könnte ich keine Regeln anwenden. Hier hingen die Regeln wirklich in der Luft; da die Institution ihrer Anwendung fehlt.

183[2]

Wenn ich auf Einen anspiele, & er nicht anwesend sei … Er kann auch tot sein. Muß er je gelebt haben? Muß ich jemals als eben in diesem Augenblick, geglaubt haben, es gebe ihn? Und worin bestand nun das Anspielen auf ihn? – Ja, wenn ich mir es vorstelle, denke ich, die Worte würden in einem geheimnisvollen, konspiratorischen Tone ausgesprochen. Später sagt er mir etwa: “Ich habe auf … angespielt.” Nun, das wäre eine Art der Verrücktheit, die mit unserm Auf-jemand-anspielen eine gewisse Verwandtschaft hätte.

184[1]

Wie aber, wenn er mir sagte, bei jenen Worten habe er auf … (der nicht existiert) angespielt, – als er aber jene Worte äußerte, sei nicht zu bemerken gewesen, daß sie eine Anspielung waren?

184[2]

‘Anspielung’ werden wir eine Bemerkung nur in einer bestimmten Umgebung nennen. Und auch wenn uns Einer versichert, er habe damals auf jemand, oder auf den so & so, angespielt, werden wir dies nicht für Wahrheit (wenn auch dann nicht für eine Lüge) halten

185[1]

Wenn mir jemand plötzlich mit haßerfülltem Ausdruck sagt: “Ich hasse den …” Und jener Name bezeichnet niemand, – soll ich sagen, dieser Mensch hasse jemand? Ich werde wohl so etwas sagen, wie: dieser Mensch hat Haßanfälle. Könnte man nun in einem ähnlichen Sinn sagen: Dieser Mensch hat Anspielungsanfälle? Warum nicht? – Aber diese Anfälle bestünden in den Erscheinungen des Anspielens.

185[2] &
186[1]

“Was geschieht, wenn ein Mensch plötzlich versteht?” – Die Frage ist falsch gestellt. Fragt sie nach der Bedeutung des Ausdrucks “plötzlich verstehen”, so ist die Antwort nicht das Hinweisen auf einen Vorgang, den wir so nennen. Die Frage könnte bedeuten: Was sind Anzeichen dafür, daß einer plötzlich versteht & charakteristische psychische Begleiterscheinungen, wie die Gefühle, die zu jenen Anzeichen gehören. Wenn ich z.B. plötzlich den Atem einziehe, so merkt es der Andere & ich fühle es auch.

186[2]

Daß die Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Ausdrucks mit dieser Beschreibung nicht gegeben ist, verleitet dann zu der Folgerung, das Verstehen sei eben ein spezifisches, undefinierbares Erlebnis. Man vergißt aber, daß was uns interessieren muß, die Frage ist: Wie vergleichen wir diese Erlebnisse; was legen wir fest als Kriterium der Identität des Geschehnisses?

187[1]

Ist es richtig, wenn Einer sagt: “Als ich Dir diese Regel gabt, meinte ich Du solltest in diesem Falle …”? auch wenn er, als er die Regel gab, an diesen Fall gar nicht dachte? Freilich ist es richtig. ‘Dies meinen’ hieß eben nicht: daran denken. Die Frage ist nun aber: Unter welchen Umständen hat Einer Recht zu sagen, er habe damals das gemeint Daß er z.B. eine bestimmte Technik der Arithmetik & Algebra beherrschte & dem Andern den gewöhnlichen Unterricht im Entwickeln einer Reihe gab, ist so ein Kriterium.

188[1]

Ein Satz & daher, im andern Sinne, ein Gedanke, kann der ‘Ausdruck’ des Glaubens, Hoffens, Erwartens, etc., sein. Aber Glauben ist nicht Denken. (Eine grammatische Bemerkung.) Die Begriffe des Glaubens, Erwartens, Hoffens sind einander viel ähnlicher als sie dem Begriff des Denkens sind

188[2] &
189[1]

Eher noch kann man vergleichen: ‘Glauben’ & ‘von gewissen Gedanken beherrscht sein’. (Diese beiden wird man “Zustände” zu nennen geneigt sein. Einen Gedanken wird man nicht unter die Zustände rechnen.

189[2]

Denk Dir statt “Jetzt versteh ich’s!” einen Naturlaut.

189[3]

Wie ein Wort verstanden wird, das sagen Worte allein nicht. (Theologie.)

189[4] &
190[1]

“Er grüßte mich freundlich”. Man kann fragen “Wie ging es vor?” & die Antwort wäre: Er ist so & so auf mich zugekommen, hat gelächelt etc., etc. Kann man in diesem Sinne fragen, “Wie hast Du ihn mit jenen Worten gemeint”? Ja & Nein. Man kann manchmal Einzelheiten angeben. Z.B. “Ich dachte …” oder “Ich sah ihn so & so an” etc. Aber das sind nicht Einzelheiten eines Vorgangs, der “ihn meinen” heißt! So wird “meinen” nicht gebraucht. Aber doch kämen diese “Einzelheiten” mit dem Meinen zusammen. Sonst wäre man überhaupt nicht versucht, in ihnen Einzelheiten des Meinens zu sehen.

190[2]

Was ist das Kriterium davon, daß ich dies meinte? – Ein Kriterium ist, daß ich dies später sage. Aber woran erkannte ich, daß ich es meinte? An gar nichts. Ich ‘erkenne’ es nicht.

190[3] &
191[1]

Wir analysieren nicht ein Phänomen (z.B. das Denken), sondern einen Begriff (z.B. den des ‘Denkens’),

& also die Anwendung eines Wortes. So kann es scheinen als wären wir Nominalisten. Nominalisten machen den Fehler, daß sie alle Wörter als Namen deuten, also ihre Verwendung nicht wirklich beschreiben, sondern nur eine Anweisung auf so eine Beschreibung geben.

191[2]

Man kann nicht sagen “Ich meine jemanden, indem ich mit der Hand auf ihn zeige”. Meinen ist nicht ein Zeigen, auch nicht ein ‘geistiges’ Zeigen.

191[3] &
192[1]

Es wäre falsch zu sagen: “Ich meine ihn indem ich mit der Hand auf ihn zeige”, noch ist das Meinen ein geistiges Zeigen. Denn Meinen ist nicht eine geistige (oder andere) Tätigkeit. Statt “Ich habe ihn gemeint” kann man auch sagen “Ich habe von ihm gesprochen”. Und wie macht man das; mit diesen Worten von ihm sprechen? Warum klingt es falsch zu sagen “Ich habe von ihm gesprochen, indem ich bei diesen Worten auf ihn gezeigt habe“?

192[2] &
193[1]

“Ihn meinen” heißt etwa: von ihm reden; nicht: auf ihn zeigen. Und wenn ich von ihm rede, besteht freilich eine Verbindung zwischen meiner Rede & ihm, aber diese Verbindung besteht in der Anwendung der Rede, nicht in einem Akt des Zeigens. Das Zeigen ist selbst nur ein Zeichen, & es kann im Sprachspiel die Anwendung der Sätze regeln, also, was gemeint ist, anzeigen.

193[2]

“Ich habe das wirklich mehr zu mir selbst als zu Dir gesagt.” – Worin liegt es also, daß ich zu ihm spreche? – Nun, ich richte meine Worte an ihn! – Also gibt es hier wieder ein geistiges Zielen? – oder ist nur ein Benehmen gemeint, etwa dasjenige, dem Angesprochenen in die Augen zu schauen?

193[3]

Man kann uns Nominalisten nennen, wenn wir uns nicht bewußt sind, daß die Grenze, die eine Definition zieht, nur der Wichtigkeit dieser Grenze willen gezogen ist. Und Sätze, die diese Wichtigkeit erklären, sind nun nicht solche über die Sprache.

194[1]

Was wir zur Erklärung der Bedeutung, ich meine der Wichtigkeit eines Begriffs sagen müssen, sind oft außerordentlich allgemeine Naturtatsachen, solche die wegen ihrer großen Allgemeinheit kaum je erwähnt werden. [Hierher die Bemerkung von den ‘kuriosen Beiträgen’.]

194[2]

Eine Klasse von Situationen.

194[3]

Es ist so wenig für das Verständnis eines Satzes wesentlich, daß man sich bei ihm etwas vorstelle als das man nach ihm eine Zeichnung entwerfe.

194[4] &
195[1]

Denk Dir den Fall eines Menschen, der sich selbst, oder seinen Gliedmaßen, Befehle geben muß, damit sie sich bewegen. Dieser Fall wäre gewissen wirklichen Fällen vielleicht nicht ganz unähnlich. Aber dieser Mensch spräche doch, ohne sich erst diese Befehle zu geben.

195[2]

“Wie zeigt es sich, daß das Sprechen nicht unwillkürlich ist?

195[3]

Die Vorstellung der Kraft als Charakteristikum der willkürlichen Handlungen. (Innervationsgefühl)

195[4] &
196[1]

“Das Wollen, wenn es nicht eine Art Wünschen sein soll, muß das Handeln selber sein. Darf nicht vor dem Handeln stehen bleiben.” Ist es das Handeln, so ist es dies im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes; also: sprechen, schreiben, gehen, etwas heben, sich bemühen etwas zu heben, ein Wort auszusprechen trachten,, die Aufmerksamkeit auf etwas konzentrieren, sie auf etwas zu konzentrieren versuchen, sich etwas vorstellen, versuchen, dies zu tun.

196[2]

Was heißt es: sich die Gedanken & Gefühle des Andern ausmalen? Wie macht man das?

196[3]

Wenn ich meinen Arm hebe, so habe ich nicht gewünscht er möge sich heben. Die willkürliche Handlung schließt diesen Wunsch aus. Dagegen kann man allerdings sagen: “Ich hoffe ich werde den Kreis fehlerlos zeichnen”. Und damit drückt man einen Wunsch aus, die Hand möge sich so & so bewegen.

197[1]

Man kann Einem befehlen: “Entschließ Dich!”, “Make up your mind!”. Also auch das ist ein Willensakt.

197[2]

Im Laboratorium, unter dem Einfluß elektrischen Stroms etwa, sagt Einer mit geschlossenen Augen: “Ich bewege meinen Arm auf & ab”, obgleich sich der Arm nicht bewegt. Er hat also das besondere Gefühl der Bewegung” sagen wir. – Beweg mit geschlossenen Augen Deinen Arm hin & her. Und nun versuch, während Du es tust, Dir zu sagen, der Arm stehe still, & Du habest nur gewisse seltsame Empfindungen in verschiedenen Muskeln etc.!

197[3] &
198[1]

“Wie weißt Du, daß Du Deinen Arm gehoben hast?” – “Ich fühle es”. Was Du also wiedererkennst ist die Empfindung? Und ist es sicher, daß Du sie richtig wiedererkennst? – Diese Äußerung machen ist das Kriterium das Maß des Wiedererkennens.

198[2] &
199[1]

“Ich glaube, das richtige Wort in diesem Fall ist …”. Zeigt das nicht, daß die Bedeutung des Worts ein Etwas ist, das uns vorschwebt & das gleichsam das genaue Bild ist, das wir hier brauchen wollen? Denke, ich wählte zwischen den Worten “stattlich”, “würdevoll”, “stolz”, “Achtung gebietend”; ist es nicht, als ob ich zwischen den Bildern in einer Mappe wählte. – Nein; daß man vom treffenden Wort redet, zeigt nicht die Existenz eines Etwas, welches, etc. Vielmehr ist man geneigt, von jenem bildartigen Wesen zu sprechen, weil man ein Wort als treffend empfinden kann, zwischen Worten oft, wie zwischen ähnlichen, aber doch nicht gleichen Bildern, wählt, weil man Bilder oft statt Wörtern oder zur Illustration von Wörtern gebraucht etc.

199[2]

Wenn wir die Frage “warum” unterdrücken, fallen uns oft erst die wichtigen Tatsachen auf, die in unsre Untersuchung gehören.


199[3] &
200[1]

“Ich fühle große Freude” – Wo? Das klingt blödsinnig. Und doch sagt man auch “Ich fühle eine freudige Erregung in meiner Brust”. – Warum, aber ist Freude nicht lokalisiert? Ist es, weil sie über den ganzen Körper verteilt ist? Auch dann ist sie nicht lokalisiert, wenn etwa das Gefühl, was sie erzeugt es ist; wenn wir uns etwa am Geruch einer Blume freuen. – Die Freude äußert sich im Gesichtsausdruck, im Benehmen. (Aber wir sagen nicht wir freuten uns im Gesicht.)

200[2]

“Aber ich habe doch ein wirkliches Gefühl der Freude!” Ja, wenn Du Dich freust, so freust Du Dich wirklich. Und freilich ist Freude nicht freudiges Benehmen, noch auch ein Gefühl um die Mundwinkel & Augen. “Aber ‘Freude’ bezeichnet doch etwas Inneres.” Nein. “Freude” bezeichnet gar nichts. Weder Inneres noch Äußeres.

200[3] &
201[1]

“Ich weiß genau, was ich sagen wollte!” Und doch hatte ich’s nicht gesagt. – Und doch lese ich’s nicht von irgend einem andern Vorgang ab, der damals stattfand & mir in der Erinnerung ist. Und ich deute auch nicht die damalige Situation & ihre Vorgeschichte. Denn ich überlege mir sie nicht & beurteile sie nicht.

201[2] &
202[1]

Die Anwendung des Imperativs. Man kann befehlen: Heb den Arm. Stell Dir … vor. Rechne … im Kopf. Überlege Dir … Konzentrier Deine Aufmerksamkeit auf diese Rechnung. Konzentriere Deine Aufmerksamkeit auf das Gefühl in Deinem Arm. Horch genau auf diesen Ton hin. Sieh diese Figur als Swastika an. Entschließe Dich, es zu tun! Aber auch dies? Beabsichtige es zu tun! Meine mit diesen Worten ihn! Vermute, daß es sich so verhält! Glaube, daß es so ist! Sei der festen Überzeugung …! Erinnere Dich daran, daß dies geschehen ist! Zweifle daran, ob es geschehen ist! Hoffe auf seine Rückkehr! Ist das der Unterschied, daß die erste, willkürliche, die zweite unwillkürliche Bewegungen des Geistes sind? Eher kann ich sagen: Die Verben der zweiten Gruppe bezeichnen keine Handlungen.

202[2]

Was ich Leute zu lehren versuche, ist, von einem nicht offenbaren Unsinn auf einen offenbaren übergehen