Ms-131
1[1]
10.08.1946
Warum sagt man “Er weiß, was er meint”? Woher weiß man, daß er’s weiß? Wenn er es weiß, ich aber nicht weiß, was er meint, – wie wäre es, wenn ich’s wüßte? Ja, wenn ich’s wüßte & er nicht? Wie müßte sich Einer benehmen, damit wir sagen würden: “Er weiß, was der Andre erlebt”?
1[2] &
2[1]
Muß es aber einen Fall geben, den wir, konsequenterweise, so beschreiben würden? Es ist nicht einmal klar, daß irgendeine Erscheinung mit den Worten beschrieben werden müßte “A hat Schmerzen im Körper des B” D.h.: man kann zwar sagen “Wäre das nicht eine folgerechte Anwendung dieses Ausdrucks!” aber ich mag, oder mag nicht geneigt sein, sie folgerecht zu nennen.
2[2]
Von den Melodien Schuberts kann man sagen, sie seien voller Pointen, & das kann man von denen Mozarts nicht sagen; Schubert ist barock. Man kann auf gewisse Stellen einer Schubertschen Melodie zeigen & sagen: siehst Du, das ist der Witz dieser Melodie, hier spitzt sich der Gedanke zu.
2[3] &
3[1]
Auf die Melodien der verschiedenen Komponisten kann man jenes Prinzip der Betrachtung anwenden: jede Baumart sei in anderem Sinne ‘Baum’. D.h.: Laß Dich nicht irreführen dadurch, daß man sagt, alles dies seien Melodien. Es sind Stufen auf einem Weg, der von etwas, was Du keine Melodie nennen würdest zu etwas führt, was Du auch keine nennen würdest. Wenn man bloß die Tonfolgen & den Wechsel der Tonarten ansieht, so erscheinen alle diese Gebilde allerdings in Koordination. Siehst Du aber das Feld an, in dem sie stehen (also ihre Bedeutung), so wird man geneigt sein zu sagen: Hier ist die Melodie etwas ganz anderes als dort (sie hat hier einen andern Ursprung, spielt eine andere Rolle, u.a.).
3[2] &
4[1]
“Als Du zu reden anfingst, dachte ich, Du meintest …” In dieser Äußerung bezieht man sich auf die Vergangenheit. – Etwa mit Unrecht? – Freilich nicht. So wenig wie, wenn man erzählt: “Ich träumte …”
4[2]
Man sagt natürlich auch: “Du hast mich gleich von Anfang an verstanden. Ich hab’s an Deinem Gesicht gesehen.”
4[3]
“In Dir ist eben dasselbe geschehen, was in mir geschehen ist!” Dasselbe was? Rot & grün sind nicht dieselbe Farbe, aber wir könnten einen Begriff X haben der gerade diese beiden zusammennähme.
4[4] &
5[1]
Erinnere Dich besonders des Ausdrucks in der Traumerzählung: “Und ich wußte, daß …” Man könnte denken: Es ist doch merkwürdig, daß man träumen kann, man habe gewußt. Man sagt auch: “und ich wußte im Traum, daß …”
5[2] &
6[1]
Nicht alles, was ich tue, tue ich mit einer Absicht. (Ich pfeife etwas vor mich hin, etc., etc.) Wenn ich aber jetzt aufstünde & aus dem Haustor ginge & wieder zurückkäme, & auf die Frage “Warum hast Du das getan” antwortete “Aus gar keinem besondern Grund”, oder “Nur so”, so fände man das seltsam. Und jemand, der oft so etwas täte ohne besondere Absicht, der würde sehr von der Norm abweichen. Müßte er das sein, was man “geistesschwach” nennt?
6[2] &
7[1]
Denke Dir nun Einen, von dem man sagen würde, er könne sich nie an eine Absicht erinnern, außer indem er sich an die Äußerung einer Absicht erinnert. Einer könnte, was wir normalerweise ‘mit bestimmter Absicht’ tun, ohne eine solche tun, es erwiese sich aber dennoch nützlich. Und wir würden vielleicht in diesem Falle sagen, er habe mit unbewußter Absicht gehandelt. Er steigt z.B. plötzlich auf einen Stuhl & dann wieder herunter. Auf die Frage “Warum” hat er keine Antwort; dann aber berichtet er, er habe von dem Stuhl aus das & das bemerkt, so daß es scheint, als wäre er, um dies zu beobachten, hinaufgestiegen.
7[2]
Könnte nun ein ‘Bedeutungsblinder sich nicht ähnlich verhalten?
7[3]
Wo wir sagen “Ich dachte damals, Du meintest …” sagt er manchmal “Mir schwebte, als Du das sagtest das Bild vor …”, & nun zeichnet er etwa das Bild. Und natürlich kann so ein Bild auch zur Erklärung seines Verhaltens dienen, beim Hören der Worte.
8[1]
Er würde z.B. sagen: “Es schwebte mir damals dies Bild vor” & es zeichnen & dann: “Es sieht dem so & so ähnlich”. Und nun läßt sich vielleicht leicht eine Erklärung finden, warum ihm bei dieser Gelegenheit ein Bild eingefallen ist, das dem … ähnlich sieht. (Es wäre hier also wieder wie oben Bewußtes durch Unbewußtes ersetzt.)
8[2] &
9[1]
“Es ist schön”, “häßlich”, “gut” & “schlecht” ist bessere Propaganda, als “Tu das!”, “Tu das nicht!” “Der moderne Mensch sitzt so” (Loos). “Das tut man nicht!” “…ist gut” ist objektiv. Und was heißt das? Was ist der Prototyp des Objektiven? Womit vergleicht man die ethische Aussage, wenn man sie “objektiv” nennt?
9[2]
“Nun, ‘objektiv’ heißt einfach: unabhängig von uns”. Und an was für eine Abhängigkeit denkt man da? “Das ist gut” ist gut” ist kein Geschmacksurteil. Gewiß; aber worin liegt der Unterschied? Ist die Antwort nun einfach wieder, daß gut objektiv sei. – Man will sagen: “Gut” ist wie “rot”, nicht wie “angenehm”. Wohl, aber inwiefern ist “gut” wie “rot”? Denn in mancher Beziehung ist der Begriff ‘gut’ ähnlicher dem Begriff ‘angenehm’.
9[3] &
10[1] &
11[1]
Betrachte die beiden Fälle: 1) Ich gebe jemandem einen zweideutigen Befehl (z.B. “geh zur Bank!”) Er macht Anstalten ihn im einen Sinne zu befolgen; ich stelle ihn zur Rede; er versteht mich nun & sagt: “Ich dachte Du meintest ….”
- Ich erzähle Einem etwas & er sagt: “Ich dachte zuerst, Du sprachst von ‥‥” Es scheint mir nun daß die Worte “Ich dachte Du meintest …” in 1) nicht als Beschreibung von etwas damals Erlebtem aufgefaßt werden müssen, wohl aber die entsprechenden Worte im zweiten Fall. So daß also der Bedeutungsblinde das erste sagen, das zweite aber nicht sagen könnte. Statt dem ersten könnte man einfach sagen: “Ach, Du meinst …, nicht …!”, oder “Ach, Du meinst diese Bank!” – & tut nun, was er verlangt.
11[2]
“Als ich sagte ‘Er ist ein Esel’, meinte ich …” Was für eine Verbindung haben jene Laute mit diesem Menschen? – Gefragt “Wen meinst Du?”, werde ich seinen Namen nennen, ihn beschreiben, seine Photographie zeigen, etc.. Ist sonst noch eine Verbindung da? Eine die insbesondre zur Zeit des Aussprechens bestand? Aber während des ganzen Satzes, oder nur während ich “Er” sagte? Keine Antwort!
11[3] &
12[1]
Das Erlebnis während jener Worte möchte ich sagen – wächst natürlich in diese Erklärung aus.
12[2]
Der Schwanz des Fuchses & das aufgehobene Bein in einer Busch’schen Skitze. – Ich sehe das, wie’s gemeint ist. Ich kann mir natürlich nicht den Fuchs dazu in der Vorstellung ergänzen.
12[3] &
13[1]
Aber es ist doch so: Ich werde manchmal, im Gespräch etwa, sagen “Er ist ein Esel” & wenn man mich fragte “Hättest Du etwas anderes bei diesen Worten erlebt, wenn wir von N geredet hätten statt von M”, werde ich zugeben müssen, das müsse nicht der Fall sein. Anderseits aber scheint es mir manchmal, als hätte ich während des Aussprechens ein Erlebnis das unzweideutig ihm angehört. Die Erlebnisse beim Sprechen scheinen eindeutig mit ihm verbunden zu sein.
13[2]
“Freilich dachte ich an ihn: Ich hab ihn vor mir gesehen!” – aber nicht nach seinem Bild erkannt.
13[3] &
14[1] &
15[1]
Ich sage plötzlich “Er ist ein Esel”. A: “Wen hast Du gemeint?” Ich: “Den N”. A: Hast Du an ihn gedacht, während Du es sagtest, oder erst als Du die Erklärung gabst?” – Ich könnte nun antworten, daß meine Worte “Er ist …” das Ende eines längeren Gedankenganges gewesen seien. Ich hätte schon die ganze Zeit an N gedacht. Und könnte ich nun sagen: die Worte selbst seien durch kein besonderes Erlebnis an ihn gekettet gewesen, wohl aber der ganze Gedankengang? Ich hätte also mit jenen Worten wohl auch jemand Andern meinen können, auf wen sie sich bezogen lag in dem was ihnen voran ging. Muß ich aber, um sagen zu können, ich hätte von ihm geredet, ihn gemeint, an ihn gedacht, – mich wirklich an etwas erinnern können, was unbedingt mit ihm zusammenhängt. Könnte es mir also nicht vielleicht immer so vorkommen, als wäre während meiner Worte nichts geschehen, das sich nur auf ihn deuten ließe? Ich denke mir also, ich sei mir immer bewußt, daß meine Vorstellungsbilder vieldeutig seien. Dabei aber – so nehme ich an – sage ich dennoch: “Ich habe den … gemeint”. Aber ist dies nicht eine widersprechende Annahme? Nein; so verhält es sich ja wirklich. Ich sage “Ich habe den … gemeint”; so setze ich fort.
15[2]
11.08.1946 Religion würde mir eine gewisse Bescheidenheit geben, die mir fehlt. Denn ich bilde mir auf alles halbwegs Menschliche in mir etwas ein, wie auf eine Eigenschaft die mich auszeichnet.
15[3] &
16[1]
Ich redete zu meinen Nachbarn über ihren Doktor, dabei schwebt mir ein Bild dieses Menschen vor – ich habe ihn aber nie gesehen, kenne nur seinen Namen, & mache mir vielleicht nach diesem ein Bild von ihm. Wie kann nun dieses Bild charakteristisch dafür sein, daß ich von ihm rede? – Und doch kam es mir so vor, bis ich mich daran erinnerte, daß ich gar nicht weiß, wie dieser Mann ausschaut. Sein Bild repräsentiert ihn für mich also um kein Haar besser als sein Name.
16[2]
Wenn ich das Vorschweben der Bedeutung mit einem Traum vergleiche, so ist also unser Reden für gewöhnlich traumlos.
16[3]
Erinnere Dich wieder an das Beispiel des weiblich & männlich empfundenen a (Maria als Frauen- & Männername). Für gewöhnlich wird diese Endung weder so noch so empfunden.
17[1]
Der ‘Bedeutungsblinde’ wäre also einer, der immer traumlos reden würde.
17[2]
So wie ich eine Schrift habe, hat mancher Zeichner einen Strich.
17[3]
Und man kann wirklich sagen: Was gehen mich seine Träume an? Warum muß mich interessieren, was er träumt, & ob er träumt, während er zu mir spricht, oder mich hört? – Das heißt natürlich nicht, daß diese Träume mich nie interessieren können. Aber warum sollen sie das Wichtigste im sprachlichen Verkehr sein?
17[4]
Die Verwendung des Begriffs ‘Traum’ hier ist nützlich; aber nur, wenn man sieht, daß sie einen Fehler in sich birgt.
18[1]
“Ich habe die ganze Zeit gedacht, Du redest von ‥‥” – Wie war das nur? – Nun, doch nicht anders, als wenn er wirklich von diesem Menschen geredet hätte. Daß ich später darauf komme, ihn falsch verstanden zu haben, ändert doch nichts an dem, was beim Verstehen geschah. – Ist also der Satz “Ich glaubte damals, Du meintest ‥‥” der Bericht eines ‘Traumes’, so heißt das, daß ich immer träume, wenn ich einen Satz verstehe.
18[2]
Man sagt auch: “Ich habe angenommen Du redest von ‥‥” & das klingt schon weniger wie der Bericht eines Erlebnisses.
19[1]
“Ich dachte, Du redetest von ‥‥ & habe mich gewundert, warum Du von ihm sagst ‥‥” – Dieses Wundern ist wieder in einem ähnlichen Fall: Auch hier wieder das Gefühl, als hätte man mit dem Aussprechen dieses Wunderns das rudimentäre Erlebnis erst ergänzt.
19[2]
Der Gedanke, der sich an’s Licht arbeitet.
19[3] &
20[1]
Nun, es ist aber doch wahr! Denn manchmal wenn ich sage “Ich dachte …” kann ich berichten, daß ich mir, als ich dachte, eben diese Worte laut oder im Stillen gesagt hatte; oder daß ich damals nicht diese aber andere Worte gebraucht habe, wovon die gegenwärtigen eine sinngemäße Wiedergabe sind. Das kommt doch manchmal vor! Im Gegensatz dazu aber ist der Fall, in welchem mein gegenwärtiger Ausdruck nicht die Wiedergabe von etwas ist. Denn ‘Wiedergabe’ ist er nur, wenn er es nach objektiven Regeln ist.
20[2] &
21[1]
Die Fähigkeit, oder Neigung, zu sagen, man habe ein isoliert ausgesprochenes Wort in einem, oder in einem andern Sinn aufgefaßt, scheint nicht besonders nützlich zu sein. Es scheint man könne sich vorstellen, daß dieses Erlebnis Einem fehlt, ohne daß er dadurch mehr verliert, als einer der nicht Farben mit Vokalen assoziiert. Anderseits aber scheint nun diese Neigung nur ein Spezialfall eines viel wichtigern. Und ich bin nicht im Stande das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen.
21[2]
Was hat der verloren, der, wenn er das Wort sondern isoliert hört, nicht sagen kann, er habe es als Zeitwort, oder Bindewort gehört? Doch gewiß nicht viel. – Wer nicht im Stande wäre, zu sagen: “sondern” könne ein Zeitwort & ein Bindewort sein, oder Sätze zu bilden, in denen es das eine oder andere ist, der könnte gewisse Volksschulübungen nicht bewältigen. Aber das wird von einem Schüler nicht verlangt: das Wort isoliert so & so aufzufassen, oder zu berichten, wie er’s aufgefaßt hat.
22[1]
Ich möchte sagen: das Gespräch, die Anwendung & Ausdeutung der Worte fließt dahin, & nur in diesem Fluß hat das Wort seine Bedeutung. “Er ist abgereist.” – “Warum?” Was meintest Du, als Du das Wort “warum” aussprachst? Woran dachtest Du? (Und wie?)
22[2]
Was gäbe ich, wenn ich aussprechen könnte, was in meinem Gemüt ist? Die Angst, der Zweifel, die Sehnsucht, die Beklemmung.
22[3] &
23[1]
Was meintest Du als Du “warum?” fragtest? – Ich meinte: “warum ist er abgereist?” – “Wen hast Du mit “er” gemeint? – Den …, von dem Du sprachst. – Und das alles hast Du gemeint, als Du das Wort “warum” aussprachst?
23[2]
‘Ihn meinen’ – ‘Ihn schlagen’
23[3]
Der Vergleich des Bedeutung-Empfindens mit dem Traum hilft, indem er die Rolle der Vergangenheit beleuchtet; aber er schadet dadurch, daß er diese Rolle als etwas zu Spezielles erscheinen läßt.
23[4]
“Ich dachte, Du meintest den” – Nun das heißt nicht dasselbe wie “Ich denke Du hast den gemeint”. Laß Dich den Vergleich mit einem andern Gebrauch der Vergangenheit nicht irremachen !
23[5] &
24[1] &
25[1]
Wir spielen dieses Spiel: Es sind Bilder da & Worte werden ausgesprochen & wir müssen auf das Bild zeigen das dem Wort entspricht. Unter den Worten sind auch mehrdeutige. Mir fällt bei dem Wort … erst eine Bedeutung ein & ich zeige auf ein Bild, später erst eine andere & ich zeige auf ein andres. Wird der Bedeutungsblinde dies tun können? Freilich. – Aber wie ist es damit: Ein Wort wird genannt, mir fällt eine seiner Bedeutungen ein. Ich sage sie nicht, suche aber nach dem Bild. Ehe ich es gefunden habe fällt mir noch eine Bedeutung des Wort’s ein; ich sage: “Mir ist gerade eine zweite Bedeutung eingefallen.” Und dann erkläre ich “Erst ist mir diese Bedeutung eingefallen, nachher die.” Kann das der Bedeutungsblinde? – Kann er nicht sagen er wisse die Bedeutung des Worts, sage sie aber nicht? Oder kann er nicht sagen, sie sei ihm jetzt eingefallen, er sage sie aber nicht? – Mir kommt vor, beides könne er sagen. Dann aber doch auch: “Als Du das Wort sagtest, fiel mir diese Bedeutung ein: …” Und warum nun nicht: “Als ich das Wort sagte meinte ich’s zuerst in dieser Bedeutung”?
25[2]
Der Bedeutungsblinde wird jedenfalls nicht geneigt sein, in der Bedeutung eines Worts ein Erlebnis beim Hören oder Sprechen des Worts zu sehen.
25[3]
Denk hier an den Gebrauch des Signals “Jetzt kann ich’s” & die Aussage: “Als ich Dir das Zeichen machte, konnte ich’s.”
26[1]
Der Bedeutungsblinde soll also sagen können, es sei ihm zuerst eine dann eine zweite Bedeutung des Wortes eingefallen, – ohne daß er doch die Bedeutungen ausspricht.
26[2]
12.08.1946 Möge das Herzweh mich zur richtigen Handlung führen. Kannst du dir nicht folgendes denken: daß B. ganz aus seiner Liebe zu dir herauswächst; so nämlich, wie man sich schon als Knabe nicht mehr an das erinnert, was man als kleines Kind gefühlt hat & jede Kindeszuneigung, ohne Treulosigkeit, desavouiert.
26[3]
Jeder Kritiker kritisiert mit seinem eigenen Ich & sein Maß zeigt sich in seiner Kritik. Er faßt nur so viel, als sein Inhalt erlaubt.
27[1]
– – Und wenn der Bedeutungsblinde dies sagt, tut er etwas Ähnliches – meine ich – wie wenn Einer sagt: “Jetzt kann ich fortsetzen” & später – ohne wirklich fortgesetzt zu haben – “Jetzt weiß ich noch eine Art, fortzusetzen”. – Und nun soll er dennoch nicht sagen können, er hat das Wort in dieser Bedeutung gehört, es mit dieser Bedeutung erlebt.
27[2]
Die Bemerkung des Jucundus im ‘Verlorenen Lachen’ seine Religion bestünde daraus: er wisse, – wenn es ihm jetzt gut geht, – sein Schicksal könne sich zum Schlechten wenden. – Dies drückt eigentlich die gleiche Religion aus, wie das Wort “Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen.”
28[1]
Wenn ich das Wort “sondern” als Bindewort denke, so kommt es mir vor, als läge das darin, daß ich es dann mit einem kleinen “s” geschrieben denke – obwohl doch das Zeitwort ebenso geschrieben wird! Das zeigt, daß das Bild gar nichts mit dieser Deutung, Auffassung, zu tun haben muß.
28[2]
Der Bedeutungsblinde wäre eigentlich der, der nur das leerlaufende Erlebnis der Bedeutung nicht hätte.
28[3] &
29[1]
Es ist, als hätte das Wort, das ich verstehe, ein bestimmtes leichtes Aroma das dem Verständnis entspricht. Als unterschieden sich zwei mir wohlbekannte Wörter nicht bloß durch ihren Klang oder ihr Aussehen, sondern, auch wenn ich mir nichts bei ihnen vorstelle, noch durch eine Atmosphäre. – Aber erinnere Dich daran, wie die Namen berühmter Dichter & Komponisten eine eigene Bedeutung in sich aufgesogen zu haben scheinen. So daß man also sagen kann: “Beethoven” & “Mozart” klingen nicht nur anders sondern es begleitet sie auch ein anderer Charakter. Wenn Du aber nun diesen Charakter näher beschreiben solltest, – würdest Du ihre Bilder zeigen, oder ihre Musik?
29[2] &
30[1]
Und nun wieder der Bedeutungsblinde: Er würde nicht empfinden, daß die Namen sich beim Hören, oder Ansehen durch ein unwägbares Etwas unterscheiden. Und was hätte er nun dadurch verloren? – Und doch, wenn er einen Namen hört, kann ihm erst ein Träger, & dann ein andrer einfallen. – Wenn ihm nun ein Mann dieses Namens einfällt, so sagt er nun nicht, er erlebe den Namen in besonderer Weise. Es geht, sozusagen, alles trocken vor sich.
30[2]
Erinnere Dich an das Wort: jedes Wort habe nicht nur eine Bedeutung sondern auch eine Seele.
30[3] &
31[1]
Nun weiß ich, was dieser Ausdruck bedeutet; nun weiß ich, wie diese Melodie zu singen ist – & nun folgt eine längere Erklärung. Und wie konnte ich das alles in einem Augenblick wissen. War es mir alles gegenwärtig? Diese Ausdrucksweise verwirrt nur! Das ist es, was man sich nicht zusammenreimen kann.
31[2]
Ich sagte, die Worte “Jetzt kann ich’s!” drücken kein Erlebnis aus. Nun, so wenig wie die: “Jetzt werde ich den Arm heben”. – Warum aber drücken sie kein Erlebnis, kein Gefühl, aus? – Wie werden sie denn gebraucht? Beide, z.B., als Einleitung zu einer Handlung. Die Tatsache, daß eine Aussage auf einen Zeitpunkt Bezug nimmt, & in dem nichts in der Außenwelt geschieht wovon sie spricht, beweist uns nicht, daß sie von einem Erlebnis sprach.
32[1]
Denk an das ‘Aufzeigen’ der Schüler, wenn sie eine Antwort wissen. Muß er sich die Antwort im Stillen vorgesagt haben um mit Sinn aufzeigen zu können? Und was muß in ihm dazu vorgegangen sein? – Nichts. Aber es ist wichtig, daß er für gewöhnlich eine Antwort gebe, wenn er aufgezeigt hat; und das ist das Kriterium dafür, daß er das Aufzeigen versteht.
32[2] &
33[1]
13.08.1946 Sich & seine Arbeit verstehen ist schwer. Hardy, z.B., möchte als Künstler gelten, weil er sich & seine Arbeit nicht versteht, & ich verstehe mich auch nicht. Vielleicht kann man sich selbst nur schlafwandlerisch verstehen. D.h., wenn man die Augen öffnet, versteht man sich nicht mehr. Oder, das Verstehen ist dann ein Kampf, gegen die Eitelkeit. Es ist hier ein ähnlicher Fall, wie wenn Einer seine Stellung in einer Gesellschaft nicht versteht. Soll er versuchen sich zu kleiden wie sie, soll es ihm gleichgültig sein, wie er gekleidet ist, soll er stolz darauf sein, nicht wie die Andern gekleidet zu sein; soll er sich in ihr Gespräch mischen, & welche Rolle soll er dabei spielen? Wird er ‘self conscious’, so ist es schwer. Was ist der Wissenschaftler? ist er Wahrheitsforscher, oder Wohltäter der Menschheit, oder Künstler, oder ist er Handwerker? Hätte er Religion, so wäre seine Schwierigkeit behoben.
33[2] &
34[1]
Wenn ich sage “Ich fühle daß meine Seele rechts hinter mir steht, wie ein gelblicher Schatten”, so ist das der primäre Ausdruck eines Erlebnisses: Ich habe nicht gelernt, dies in dem & dem Fall zu sagen, ebenso, wenn ich einen Traum berichte & sage “Es kam mir vor, ich sei ein Sessel, dessen Füße in Ordnung seien, aber nicht der Sitz”. – Wenn hier Einer geneigt ist eine Ausdrucksweise zu wählen, ein Andrer eine andere, so sind ihre Erlebnisse verschieden; man kann nicht sagen: sie meinen dasselbe, drücken es nur anders aus. Anwendung auf das Erlebnis der Bedeutung & den Unterschied zwischen dem Bedeutungsblinden & Nicht-Bedeutungsblinden.
34[2]
Lerne aus den Schrecken des Lebens.
34[3] &
35[1]
Der Bedeutungsblinde wird also ‘aufzeigen’; & ist es nun so: er wird nicht geneigt sein, zu sagen, die Bedeutung sei schon in einer Atmosphäre gewesen, die das gehörte Wort umgeben habe – & ähnliches?
35[2] &
36[1]
Kann man von subjektiven & objektiven Unterschieden zwischen Erlebnissen reden? – Subjektive Unterschiede sind solche for which I have to take the subject’s word – die ich vom Subjekt auf Treu & Glauben annehmen muß. Wenn er also z.B. sagt, er habe jetzt stärkere Schmerzen als früher; oder wenn er einfach sagt “Ich fühle mich jetzt nicht so, wie früher, ich fühle mich irgendwie anders.” Kann man aber nun auch sagen, eine visuelle Vorstellung & ein Nachbild – z.B. – unterschieden sich eben subjektiv? (Oder, eine Erinnerung & eine Erwartung, etc., etc.?) Wie wüßte man denn, was man miteinander verglichen hat! Denn was Einer verschieden fand, konnte ein Andrer gleich finden.
36[2]
Der Bedeutungsblinde wird also nicht sagen: “Ich habe jetzt das Wort als Zeitwort gehört”, oder “als Zeitwort in mir gehört”.
36[3] &
37[1]
Was verliert der, der, z.B., nicht findet, daß die Endung “a” des Namens Maria ihren Charakter ändert wenn der Name einmal als Frauenname einmal als Männername gebraucht wird? Man könnte sich denken, daß er für gewisse Effekte in der Musik oder Dichtung unempfindlich wäre.
37[2]
“Es ist gar nicht mehr dasselbe Wort” – wenn man, was Bindewort war, als Zeitwort erkennt. Es ist als schnitten sich zwei Bedeutungen im selben Wort, in derselben Buchstabenreihe.
37[3] &
38[1]
14.08.1946 Upset. Höre nicht von R. Ich denke täglich darüber nach, & daß ich die richtige Stellung zu diesem Verlust gewinnen sollte. Nichts scheint mir wahrscheinlicher, als daß er mich verlassen hat, oder im Begriffe steht es zu tun, & nichts, in einem Sinne natürlicher. Ja ich fühle auch daß ich diesem Geschehen freien Lauf lassen muß, daß ich getan habe was ich konnte & es jetzt aus meiner Hand ist. Und doch ist mir an jedem Morgen, wenn ich wieder keinen Brief finde unheimlich zumute. Ich fühle, als hätte ich etwas noch nicht eingesehen; als müsse ich einen Standpunkt finden von dem aus mehr Wahrheit zu sehen ist.
38[2]
“… von einem bösen Geist im Kreis herum geführt, & rings umher ist schöne, grüne Weide.”
38[3]
Es ist schwer sich recht zu verstehen, denn dasselbe, was man aus Größe & Güte tun könnte, kann man aus Feigheit oder Gleichgültigkeit tun. Man kann sich freilich so & so aus wahrer Liebe benehmen, aber auch aus Hinterlist & auch aus Kälte des Herzens. Sowie nicht alle Milde Güte ist. Und nur wenn ich in Religion untergehen könnte, könnten diese Zweifel schweigen. Denn nur Religion könnte die Eitelkeit zerstören & in alle Spalten dringen.
38[4] &
39[1] &
40[1]
Denke, ein Gegenstand, der die Gestalt zweier Gebrauchsgegenstände hätte; etwa ein Schüreisen das auch die genaue Gestalt einer gewissen Waffe hätte, so daß der Griff des Schüreisens der Kopf der Waffe, der Griff der Waffe das vordere Ende des Schüreisens wäre. Diese Gestalt könnte Viele wie ein Witz anmuten. Man könnte aber sehr wohl den doppelten Gebrauch erkennen, ohne dieses Gefühl des Witzes. Daß die Worte “Time flies” einen doppelten Gebrauch haben, müßte uns nicht komisch anmuten. Wir sind aber geneigt, zu sagen: der Ausdruck schnappt von einer Bedeutung in die andere um. (Wie die Zeichnung des Würfels von einer Bedeutung in die andre.) Als wären den beiden Ausdrücken nur die Buchstaben gemein, während etwas anderes, der eigentliche Körper des Ausdrucks ein andrer wäre.
40[2]
Wir kennen Alle Ausdrücke der Form: In der Gleichung …z…α…γ… bedeute z…, α…, &γ…. Aber man schreibt nicht:
In
40[3] &
41[1]
Was heißt es nun: ‘, wo , hat keinen Sinn’? Heißt es nicht: ‘ hat keinen Sinn’? Und tut das etwas anderes als den Ausdruck “” oder den “f(f)” verbieten? Es heißt also nicht: ‘Diese Bedeutungskörper geben keinen Sinnkörper’ oder ‘diese Bedeutungen passen nicht zusammen’. D.h., es wird hier nicht von einer Denkunmöglichkeit im psychologischen Sinne geredet. Und das Wort “Denkunmöglichkeit” sollte nicht verwendet werden.
41[2]
“Die Worte ‘die Rose ist rot’ sind sinnlos, wenn das Wort ‘ist’ die Bedeutung ‘ist gleich’ hat.” Wir haben die Idee, daß, wer versuchte, die Worte “die Rose ist rot” mit diesen Bedeutungen der Worte auszusprechen, beim Denken steckenbleiben müßte. (Wie auch, daß man einen Widerspruch nicht denken kann, weil der Gedanke einem sozusagen zerbricht.) Man möchte sagen: “Du kannst diese Worte nicht so meinen & noch einen Sinn mit dem Ganzen verbinden.”
41[3]
Ich trachte eigentlich nur den Wahnsinn von mir fernzuhalten.
41[4] &
42[1]
Zu einer rechten Liebe gehört, daß man daran denkt, was der Andre leidet. Denn der Andre leidet auch, ist auch ein armer Teufel.
42[2] &
43[1]
Könnte man sagen, die Bedeutungsblindheit würde sich darin äußern, daß man diesem Menschen nicht mit Erfolg sagen kann: “Du mußt das Wort als ‥‥ hören, dann wirst Du den Satz richtig sprechen”. Das ist die Anweisung die man einem beim Spielen eines Musikstücks gibt. “Spiel das, als ob es die Antwort wäre” – & man macht etwa eine Geste dazu. Aber wie übersetzt Einer nun diese Geste in das Spiel? Wenn er mich versteht, spielt er es nun meinem Wunsch gemäßer. Aber könntest Du so eine Anweisung nicht auch mit Hilfe von “stärker”, “schwächer”, “schneller”, “langsamer”, geben? Nein; ich könnte es nicht. Denn wenn er nun auch das eine stärker, das andre leiser spielt, so weiß ich’s nicht einmal. Ich kann ihm auch sagen “Mach ein verschmitztes Gesicht” & wüßte wenn er eins gemacht hat, ohne die geometrischen Veränderungen des Gesichts vorher, oder nachher, beschreiben zu können.
43[2] &
44[1]
Ich will also sagen: Wer – z.B. – das Wort “pas” in “je ne sais pas” nicht als “Schritt” empfinden kann, dem kann man nicht einen Ausdruck der Stimme beibringen, indem man ihm sagt “sprich es in dieser Bedeutung aus”. Wenn man vorliest & gut vorlesen will, begleitet man die Worte mit stärkeren Vorstellungen. Wenigstens ist es oft so. Manchmal aber [“Nach Korinthus von Athen …”] ist es die Interpunktion, d.h., die genaue Intonation & die Länge der Pausen, auf die uns alles ankommt.
44[2]
Denk Dir, ich zeigte auf diese gelb getünchte Wand & sagte: “Jede Farbe hat nicht nur einen bestimmten Ton, sondern auch einen bestimmten Charakter”. Und könnte man nicht versucht sein zu sagen: jedes Wort, das wir verstehen, habe nicht nur einen bestimmten Klang, sondern auch einen bestimmten Charakter, welcher mit seiner Bedeutung im Zusammenhang steht?
44[3] &
45[1]
Warum soll man nicht sagen, wem die Bedeutung eines Wortes einfällt, der erlebe in diesem Augenblick die Bedeutung? Man kann es sagen, – wenn es nichts andres bedeutet als, sie sei ihm eingefallen. – Aber hier ist nun kein Problem: “Wie konnte sie ihm einfallen?!” Denn wir schauen nun nicht nach etwas aus, was im Stande sei, die ganze Bedeutung des Worts zu enthalten. Noch sagen wir, das augenblickliche Verstehen sei eben ein spezifischer, nicht-analysierbarer seelischer Vorgang; denn wir können ja nicht fortsetzen: “nämlich dieser”. – Nur, wenn man sagt, man ‘erlebe’ die Bedeutung des Worts, wenn sie einem einfällt, so ist die Frage, ob das Erleben der Bedeutung dem eines Vorstellungsbildes, z.B., analog ist.
45[2]
15.08.1946 Es ist sehr schwer eine große Hoffnung wirklich zu töten. Es ist immer noch etwas Leben in ihr; sie regt sich noch immer.
46[1]
Es ist merkwürdig, wie schwer es fällt zu glauben, was wir nicht selbst einsehen. Wenn ich z.B. bewundernde Äußerungen der bedeutenden Männer mehrerer Jahrhunderte über Shakespeare höre, so kann ich mich eines Mißtrauens nie erwehren, es sei eine Konvention gewesen, ihn zu preisen; obwohl ich mir doch sagen muß, daß es so nicht ist. Ich brauche die Autorität eines Milton um wirklich überzeugt zu sein. Bei diesem nehme ich an, daß er unbestechlich war. – Damit meine ich aber natürlich nicht, daß nicht eine ungeheure Menge Lobes ohne Verständnis & aus falschen Gründen Shakespeare gespendet worden ist & wird, von tausend Professoren der Literatur.
47[1] &
48[1]
Wenn man fragt: “Ist das Erleben einer Bedeutung analog dem Erleben eines Vorstellungsbildes”, so meint man: ist der Unterschied nicht einfach der eines andern Inhalts? Nun, welcher ist der Inhalt des Vorstellungserlebnisses? “Es ist dieser” – aber dabei muß ich auf ein Bild, oder eine Beschreibung zeigen. – “Man erlebt hier & dort – möchte man sagen. Nur etwas Anderes. Ein anderer Inhalt wird dem Bewußtsein dargeboten, steht vor ihm.” Und das ist natürlich ein sehr irreführendes Bild. Denn es ist die Illustration zu einer Redewendung, die nichts erklärt. Ebenso könnte man, um den chemischen Symbolismus einer Strukturformel zu erklären, Bilder entwerfen, in denen die Elemente als Menschen dargestellt wären, die sich die Hände reichen. (Illustrationen der Alchimisten.)
48[2]
Wenn jemand sagt, er habe das Vorstellungsbild von einer goldglänzenden Kugel gehabt, so werden wir das verstehen; aber nicht, wenn er sagt, er habe eine goldglänzende Kugel vor sich gesehen, die innen hohl war. Im Traum aber könnte man eine Kugel sehen & wissen, sie sei hohl.
48[3]
Ich frage mich “Was würde mir am wehesten tun?”, & das suche ich mir vorzustellen. “Was würde mich am schwersten verletzen?”
48[4] &
49[1]
Die Schwierigkeit tief fassen, ist das Schwere. Denn seicht gefaßt, bleibt sie eben Schwierigkeit. Sie ist mit der Wurzel auszureißen; & das heißt, man muß auf neue Art anfangen, über diese Dinge zu denken. Die Änderung ist z.B. eine so entschiedene, wie die von der alchemistischen zur chemischen Denkungsweise. – Es ist die neue Denkweise, die so schwer festzulegen ist.
49[2]
Ist sie festgelegt, so verschwinden die alten Probleme; ja es wird schwer, sie wieder zu erfassen. Denn sie sitzen in der Ausdrucksweise; & wird eine neue angezogen, so streift man die alten Probleme mit dem alten Gewand ab.
50[1]
Die Weisung “Wie aus weiter Ferne” bei Schumann. Muß Jeder eine solche Weisung verstehen? Jeder, z.B., der die Weisung “Nicht zu geschwind” verstünde? Ist nicht die Fähigkeit, die dem Bedeutungsblinden abgehen soll, von dieser Art?
50[2]
Kann man das Verstehen einer Bedeutung festhalten, so wie ein Vorstellungsbild? Wenn mir also plötzlich eine Bedeutung des Worts einfällt, – kann sie mir auch vor der Seele stehenbleiben?
50[3]
Warum ist mir das eingefallen, als ich über den Unterschied zwischen dem ‘Erleben’ der Bedeutung & des Vorstellungsbildes nachdachte? (Ist es nicht beinahe, wie wenn man einen Diphthong gedehnt ausspricht?)
51[1]
Wenn der blitzartige Gedanke nicht wie das schnelle Ablaufen eines Prozesses ist, sondern wie das momentane Aufblitzen eines Bildes, dann müßte sich doch das Bild, & damit der Gedanke, auch festhalten lassen.
51[2]
“Der ganze Plan stand mir mit einem Schlage vor der Seele & blieb eine Minute lang stehen.” Da möchte man meinen, daß, was (da) stehenblieb, nicht dasselbe (gewesen) sein könnte, wie (das), was aufblitzte. (Wie wenn man einen Diphthong dehnt.)
51[3]
Geschah nämlich dies, daß ich sagte “Jetzt hab ich’s!” (also das Aufzucken) so kann man freilich nicht davon reden, daß das stehenbleibt.
52[1]
16.08.1946 Mein Gedanke war nämlich, daß man sich nicht dagegen wehren würde, das Einfallen der Bedeutung ein Erlebnis der Bedeutung zu nennen, wenn man es für eine Zeit festhalten & also betrachten könnte. Oder auch: wenn man es festhalten könnte, wäre man nicht mehr geneigt zu sagen, man hätte gar nichts erlebt, – jedenfalls nichts, was für die Bedeutung die uns eingefallen ist charakteristisch wäre. – Nehme ich jetzt, allem Anscheine, aller Neigung, entgegen ein Erleben der Bedeutung an, so stelle ich mir’s als etwas kaum sichtbares, graues vor, & auch das nur gezwungen durch die Worte, die ich gebrauche.
52[2] &
53[1]
Ich mache Denken mein Geschäft, darum sollte ich eigentlich vernünftig denken können.
53[2]
Was soll ich Einem erwidern, der sagt, das Erleben der Bedeutung, wenn einem die Bedeutung einfällt, sei analog dem Erleben des Vorstellungsbildes? Was soll ich dem erwidern, der sagt, Sein sei auch eine Tätigkeit? (Oder: Ähnlich-sein.) Nun, ich könnte natürlich sagen: “Ich erlebe, wenn mir die Bedeutung einfällt, wirklich nichts, außer, etwa, einem Vorstellungsbilde, den Worten die ich sage & dergleichen.” – Aber darauf könnte immer ein Andrer sagen: Er erlebe doch mehr; die Bedeutung stünde irgendwie wirklich vor seinem Geiste.
53[3] &
54[1]
“Ja, ich weiß das Wort. Es liegt mir auf der Zunge. –” Hier drängt sich einem die Idee von dem Spalt (‘gap’) auf, von dem James spricht, in welchen nur dieses Wort hineinpaßt. U.s.w. – Man erlebt irgendwie schon das Wort, obwohl es noch nicht da ist. – Man erlebt ein wachsendes Wort. – Und ich könnte natürlich auch sagen, ich erlebte eine wachsende Bedeutung, oder wachsende Erklärung der Bedeutung. – Seltsam ist es nur, daß wir nicht sagen wollen, es sei etwas dagewesen, was dann zu dieser Erklärung herangewachsen ist. Denn wenn Du ‘aufzeigst’, sagst Du, Du wüßtest es schon. – Wohl; aber Du könntest auch sagen “Jetzt kann ich’s sagen” & ob sich das Können zu einem Sagen auswächst, das weißt Du nicht. Und wie, wenn man nun sagte: “Das Sagen ist dann die Frucht dieses Könnens, wenn es aus diesem Können gewachsen ist.”
55[1]
Als ich es sagen wollte, sagen konnte, habe ich es ja nicht gesagt.
55[2]
Und wenn Du nun sagst: “Aber das Wollen, & das Können, dieses Vorgangs muß eben von solcher Art sein, daß es nur das Wollen (Können) dieses Vorgangs sein konnte, – so heißt das eben nichts. Die Worte “Ich will (kann) das & das tun” enthalten schon die des Satzes “Ich habe das & das getan”.
55[3] &
56[1]
Natürlich ist auch an der Erklärung, die Bedeutung oder ihre Erklärung sei aus einem gewissen Keim gewachsen, etwas nicht in Ordnung. Tatsächlich nehmen wir auch so ein Wachsen nicht wahr; oder doch nur in ganz seltenen Fällen. Und diese Erklärung entspringt eben aus der Tendenz zu erklären, statt bloß zu beschreiben.
56[2]
Ich fühle mich müde, & weiß nicht ob wegen vieler Angst & Sorge, oder ob es eine andere Art der Erschöpfung ist.
56[3]
Das bloße Beschreiben ist so schwer, weil man glaubt zum Verständnis der Tatsachen diese ergänzen zu müssen. Es ist, als sähe man eine Leinwand mit disparaten Farbflecken, & sagte: so wie sie da sind, sind sie unverständlich; verständlich werden sie erst, wenn man sie sich zu einem Bild ergänzt. – Während ich sagen will: hier ist das Ganze. (Wenn Du es ergänzt, verfälscht Du es.)
57[1]
Unsere gewöhnliche Sprache unternimmt aber schon dieses Ergänzen. Sie packt die Begriffe so ein, daß alle durch die Emballage die gewünschte Form erhalten.
57[2]
Nun, wie kommt man denn dazu, zu sagen “Ich hab mich jetzt an eine Bedeutung erinnert”? & wie dazu, zu sagen “Ich habe jetzt sein Gesicht vor mir gesehen”?
57[3] &
58[1]
17.08.1946 Schau dich an, & Du wirst Dich nie verstehen. Denn du siehst dich in einer Reihe von Bildern & am Schluß zerfließen sie alle. Denn man kann sich nicht selbst von außen ansehen, weil man sich ja wirklich nicht sieht, nur erraten kann wie man aussähe. Man kann sich wohl fragen: Was würde ich von einem Andern unter diesen Umständen sagen. Aber die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Und wenn ich’s wüßte, so wäre damit nicht gesagt, daß ich gegen diesen Andern gerecht wäre. Es ist ebenso ekelhaft, über sich selbst ein seichtes Urteil zu fällen, sich billig als die Figur dieser oder jener Komödie oder Tragödie sehen, als einen Andern. Denke, daß, was für ein Unglück, welcher Schmerz immer dich ereilt, du es verdient hast.
58[2]
Freilich ist mir die Bedeutung damals eingefallen! Nicht zu der Zeit, da ich es berichte, noch in der Zwischenzeit. Das ist es eben, was man so nennt: das ist eben der Gebrauch der Worte “Mir ist die Bedeutung eingefallen”. (“in this so called 20th century”)
58[3] &
59[1]
“Beschreiben”! Aber was beschreiben? Wie macht man’s, daß einem die richtigen Tatsachen zur richtigen Zeit einfallen? Denn es ist hier, als hättest Du aus einer großen Schachtel die Stücke für Dein Jig-saw puzzle zu wählen.
59[2] &
60[1]
“Die Bedeutung ist doch nicht etwas, was man erleben kann!” – Warum nicht? – Die Bedeutung ist kein Sinneseindruck. Aber was sind Sinneseindrücke? So etwas, wie ein Geruch, ein Geschmack, ein Schmerz, ein Klang, etc., etc.. Aber was ist ‘so etwas wie’ alle diese Dinge? Was ist ihnen gemeinsam? Diese Frage ist natürlich nicht dadurch zu beantworten, daß man sich in diese Sinneseindrücke vertieft. Man könnte aber so fragen: “Unter welchen Umständen würden wir sagen, jemand habe eine Art von Sinneseindrücken, die uns fehlen?” – Wir sagen z.B. von Tieren sie hätten ein Organ, womit sie das & das wahrnehmen, & so ein Sinnesorgan muß nicht einem der unsern ähnlich sein.
60[2]
Könnte man sich eine Sinneswahrnehmung denken, durch welche wir die Form eines soliden Körpers erfaßten, die ganze Form, nicht nur das, was sich von einem Standpunkt aus sehen ließe? So ein Mensch würde z.B. im Stande sein einen Körper in Ton zu modellieren ohne um ihn herum zu gehen oder zu greifen.
60[3] &
61[1]
Ist es die Vielfachheit der möglichen Erklärungen einer Bedeutung, die am Grunde davon ist, daß man eine Bedeutung nicht ‘im gleichen Sinne’ erlebt wie ein Gesichtsbild? Man möchte alle diese Fragen am verkehrten Ende anfassen, ich meine: man möchte ihre Antworten auf den Kopf stellen.
61[2] &
62[1]
18.08.1946 Eine Bedeutung (zu) erleben, das ist nicht, wie wenn man ein Vorstellungsbild erlebt, – aber auch nicht wie eine Tonvorstellung, Schmerzvorstellung, Geruchsvorstellung! Warum nicht? Eine Geruchsvorstellung wäre doch schattenhaft genug! – Aber denke, es ist dir eine Bedeutung eingefallen. Welche? Du sprichst sie aus, d.h., gibst eine Erklärung, aber selbst wäre dir diese Erklärung vorgeschwebt, so wäre das nicht das Vorschweben der Bedeutung gewesen; denn diese Erklärung hat nun ihre Anwendung.
62[2] &
63[1]
Was macht meine Vorstellung von ihm zu einer Vorstellung von ihm? – Was macht sein Porträt zu seinem Porträt? Die Intention des Malens? Und heißt das sein Seelenzustand? – Und was macht eine Photographie zu seinem Bildnis? Die Absicht des Photographen? Und angenommen ein Maler hätte die Absicht den N nach dem Gedächtnis zu zeichnen, aber, geleitet von unbewußten Kräften, zeichnet er ein ausgezeichnetes Bildnis des M, – würden wir es nun ein schlechtes Bildnis des N nennen? Und denk Dir Leute, die zum Zeichnen von Bildnissen abgerichtet sind & ‘mechanisch’ den vor ihnen sitzenden Menschen abzeichnen. (Menschliche Lesemaschinen.) Und nun, – was macht meine Vorstellung von ihm zu meiner Vorstellung von ihm? – Nichts von dem, was für das Porträt gilt, gilt von der Vorstellung. Die Frage macht einen Fehler.
63[2] &
64[1]
Mir ist eine Bedeutung des Worts “sondern” eingefallen. Welche? Das Zeitwort “sondern”. Was bedeutet das? Das gleiche, wie “scheiden”. Man sagt “ich sondere”, “du sonderst” etc.. Und was heißt “scheiden”? Nun kann ich ein Beispiel geben. etc.. Aber alles das ist mir doch nicht eingefallen, wie mir die Bedeutung des Worts “sondern” einfiel. Heißt aber das alles nicht einfach: Der Unterschied zwischen dem Erleben einer Bedeutung & dem Erleben eines Vorstellungsbildes ist der Unterschied zwischen einem Bild & einer Technik? Denn, wem eine Bedeutung einfiel, fiel eine Technik ein.
64[2]
Wem die Bedeutung einfiel & wer sie nicht wieder vergaß, kann nun das Wort in dieser Weise anwenden.
64[3] &
65[1]
Wem die Bedeutung einfiel, der weiß sie nun, & der Einfall war der Anfang des Wissens. Hier ist keine Analogie mit dem Erleben eines Vorstellungsbildes.
65[2]
Wie ist es aber, wenn ich zu mir selbst sage, ich möchte dies – wobei ich etwa auf eine bestimmte Figur sehe – so & so (“x”) nennen? Ich kann mir die hinweisende Definition “Das heißt ‘x’” auch laut vorsagen. Aber ich muß sie doch auch selber verstehen! Ich muß also wissen, wie, welcher Technik gemäß, ich das Zeichen “x” zu gebrauchen gedenke. – Fragt man mich etwa “Weißt Du auch, wie Du das Wort gebrauchen wirst?” so werde ich antworten: ja.
65[3] &
66[1]
Ich fühle, meine geistige Gesundheit hänge an einem dünnen Faden. Es ist natürlich die Sorge & Angst wegen B. die mich so abgenützt hat. Und doch könnte auch das nicht geschehen, wenn ich nicht eben leicht entzündbar wäre. ‘highly inflammable’. Ich fühle mich sehr müde, & doch bin ich sicher, ich könnte unter andern Gemütsumständen jetzt ohne üble Folgen einen ziemlich weiten Weg machen, ja vielleicht auch geistige Arbeit leisten.
66[2] &
67[1]
19.08.1946 Die hysterische Angst, die die Öffentlichkeit jetzt vor der Atom-Bombe hat, oder doch ausdrückt, ist beinahe ein Zeichen, daß hier einmal wirklich eine heilsame Erfindung gemacht worden ist. Wenigstens macht die Furcht den Eindruck der, vor einer wirklich wirksamen bitteren Medizin. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren: wenn hier nicht etwas Gutes vorläge, würden die Philister kein Geschrei anheben. Aber vielleicht ist auch das ein kindischer Gedanke. Denn alles, was ich meinen kann, ist doch nur, daß die Bombe das Ende, die Zerstörung eines gräßlichen Übels, der ekelhaften, seifenwäßrigen Wissenschaft, in Aussicht stellt. Und das ist freilich kein unangenehmer Gedanke; aber wer sagt, was auf eine solche Zerstörung folgen würde? Die Leute, die heute gegen die Erzeugung der Bombe reden, sind freilich der Auswurf der Intelligenz, aber auch das beweist nicht unbedingt, daß das zu preisen ist, was sie verabscheuen.
67[2] &
68[1]
“Wer das sagt, kann das Wort so, oder so meinen.” etc. Man denkt sich also das Wort, oder doch der Satz, wird von etwas Geistigem begleitet, & diese Begleitung ist das Wichtige, was die Worte sozusagen in die, oder die Beziehung zur Realität setzt. Und nun mag zwar diese Ausdrucksweise irreführend sein, aber das genügt nicht für uns, (um) zu sagen: es werde hier etwas falsches behauptet. (Infinitesimalrechnung.) – Denn es ist ja doch wahr: ich kann die Worte “Das ist rot” als Definition & als Farbangabe aussprechen, meinen.
68[2]
Woher aber der Irrtum, oder das irrtümliche Bild? – Man wendet ein primitives Bild an & sieht in ihm die Erklärung von etwas was uns rätselhaft ist. – Die Erklärung wäre die übersichtliche Darstellung eines sehr schwer zu übersehenden Sachverhalts. Statt ihrer geben wir ein Bild, das, wie eben Bilder tun, zu erklären scheint, aber die Schwierigkeit ungelöst läßt.
68[3] &
69[1]
Sagst Du aber, der Mensch habe keine Seele, nur einen Leib?
Aber was sagt, der das behauptet? Welchen Stand der Dinge behauptet er, welchen leugnet er? – “Nun, sagt es Dir denn nichts, wenn Einer lehrt, der Mensch habe keine Seele?” – Nun, es ist nicht hübsch; ich denke dabei an einen materialistisch Gesinnten, auch an Einen der eine bestimmte Gesinnung predigt. “Und die Seele ist auch nur etwas am Körper” (Nietzsche) Und warum soll mir nicht der Körper wieder zerfließen & Seelenzustände, Sinnesdaten, zurückbleiben? – Nein, – “Der Leib existiert, die Seele nicht” ist Unsinn.
69[2] &
70[1]
Wie aber, wenn die Religion lehrt, die Seele könne bestehen, wenn der Leib zerfallen ist? Verstehe ich, was sie lehrt? Freilich verstehe ich’s: ‒ ‒ Ich kann mir dabei manches vorstellen. (Man hat ja auch Bilder von diesen Dingen gemalt. Und warum sollte so ein Bild nur die unvollkommene Wiedergabe des ausgesprochenen Gedankens sein? Warum soll es nicht den gleichen Dienst tun, wie der Satz?) Und auf den Dienst kommt es an.
70[2] &
71[1]
Aber bist Du kein Pragmatiker? Nein. Denn ich sage nicht, der Satz sei wahr, der nützlich ist. Der Nutzen, d.h. Gebrauch, gibt dem Satz seinen besondern Sinn, das Sprachspiel gibt ihm ihn. Und insofern als eine Regel oft so gegeben wird, daß sie sich nützlich erweist, & mathematische Sätze mit Regeln verwandt sind, spiegelt sich in mathematischen Wahrheiten Nützlichkeit.
71[2]
Der seelenvolle Gesichtsausdruck. Man muß sich daran erinnern, daß man ein Gesicht mit seelenvollem Ausdruck malen kann, um zu glauben, daß es bloß Farben & Formen sind, die so wirken. Es ist nicht zu glauben, daß es die bloßen Augen, Augapfel, Lider, Wimpern etc. eines Menschen sind, in deren Anblick man sich verlieren kann, in die man mit Staunen & Entzücken sehen kann. Und doch wirken eben die Augen eines Menschen so. “Woraus Du sehen kannst, ‥‥”
71[3] &
72[1]
Glaube ich an eine Seele im Andern, wenn ich mit Staunen & Entzücken in seine Augen schaue?
72[2]
20.08.1946 Der Satz “Wenn p, so q”, wie z.B. “Wenn er kommt, wird er mir ein Geschenk mitbringen” ist nicht der gleiche wie “p ⊃ q”. Denn der Satz “Wenn ‥‥, so ‥‥” läßt den Konjunktiv zu, der Satz “p ⊃ q” nicht. – Wer Einem auf den Satz “Wenn er kommt, ‥‥” antwortet “Das ist nicht wahr”, will nicht sagen “Er kommt & wird nichts mitbringen” sondern: “Er mag kommen & nichts mitbringen”. Aus “p ⊃ q” folgt nicht “Wenn p so q”; denn ich kann sehr wohl den ersten Satz behaupten (ich weiß z.B. daß ~p.~q der Fall ist) & den zweiten Satz leugnen.
72[3] &
73[1]
Soll ich nun sagen, der Satz “Wenn ‥‥, so ‥‥” sei entweder wahr, oder falsch, oder unentschieden? (Das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten gelte also nicht?)
73[2]
Man gibt auch auf den Satz “Wenn er kommt, wird er etwas mitbringen” die Antwort: “Nicht unbedingt.” – Auch: “Das folgt nicht”. – Man kann auch sagen: Dieser Zusammenhang besteht nicht.” – Russell sagte, wenn man behauptet “Wenn, so”, so meine man für gewöhnlich nicht “p ⊃ q”, sondern “(x): φx ․⊃․ ψx”; aber auch das ist nicht richtig. “Wenn …, so …” läßt sich nicht in Ausdrücken der Russellschen Logik wiedergeben.
73[3] &
74[1]
Nun, man kann sehr wohl sagen, der Satz “Wenn …, so …” sei entweder wahr, oder er sei falsch, oder unentschieden. – Aber bei welcher Gelegenheit wird man das sagen? Ich denke: als Einleitung zu einer weiteren Auslassung. Man gibt sozusagen drei headings. Ich teile das Feld der Möglichkeiten in drei Teile. Man wird nun vielleicht sagen: ein Satz teile es in zwei Teile. Aber warum? Es sei denn, das gehöre zur Definition eines Satzes. Warum soll ich nicht auch etwas einen Satz nennen, was eine Dreiteilung macht?
74[2] &
75[1]
Nimm nun eine Zweiteilung: Ich sage: “Entweder er kommt, oder er kommt nicht. – Im ersten Falle … Im zweiten ‥‥. Kann ich nun diese Betrachtungsart nicht auf den Satz “Wenn ‥‥ & ‥‥ sich treffen, wird es zu einer Explosion kommen” anwenden? Hat Einer z.B. diese Behauptung gemacht, – kann ich nicht erwidern: “Entweder Du hast darin recht, oder nicht. – Ist es, wie Du sagst, dann ‥‥ Ist es nicht so, dann ‥‥”?
75[2]
“Entweder Du hast recht mit Deiner Behauptung ‥‥․; andernfalls ‥‥․” Das kann man doch gewiß auch sagen, wenn die Behauptung war: “Wenn …, so …”! Würde denn “Das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten gilt nicht” nicht heißen: man könne nicht sagen “andernfalls …”?
75[3] &
76[1]
Das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten sagt nicht, wie seine Form vorspiegelt: Es gibt nur die beiden Möglichkeiten Ja & Nein, & keine dritte. Sondern: “Ja” & “Nein” teilen das Feld der Möglichkeiten in zwei Teile. – Und das muß natürlich nicht sein. “Hast Du aufgehört, Deine Frau zu schlagen? Ja oder nein?” (Geach.)
76[2] &
77[1]
‘Der Wunsch ist ein Verhalten des Geistes, der Seele, zu einem Gegenstand.’ ‘Der Wunsch ist ein Seelenzustand, der sich auf einen Gegenstand bezieht.’ Um sich das begreiflicher zu machen, denkt man etwa an die Sehnsucht & daran daß der Gegenstand unserer Sehnsucht vor uns steht & wir ihn sehnend betrachten. Steht er nicht vor uns so vertritt ihn etwa sein Bild, & ist kein Bild da, dann eine Vorstellung. Und der Wunsch ist also ein Verhalten der Seele zu einer Vorstellung. Aber man denkt eigentlich immer an ein Verhalten des Körpers zu einem Gegenstand. Das Verhalten der Seele zur Vorstellung ist ganz das was man auf einem Bild zur Anschauung bringen könnte: Die Seele des Menschen, wie sie sich mit verlangender Gebärde zu dem Bild (dem gemalten Bild) eines Gegenstands hinneigt.
77[2]
Und man könnte auf diese Weise freilich auch darstellen, wie ein Mensch in seiner Miene dem Wunsch keinerlei Ausdruck gibt, & doch seine Seele nach ihm verlangt.
77[3] &
78[1]
Und ähnlich wäre es mit der Hoffnung. Aber sie wäre nicht so leicht darzustellen. Denn sie ist ähnlich dem Glauben. Und wie soll man darstellen, daß Einer etwas glaubt? – Am besten noch durch eine Schrift, die er in der Seele trägt, & die das & das versichert. Denn der Glaube ist, sozusagen, ein ruhiger Besitz der Seele. Man könnte sich also die Seele denken, wie sie eine Schrift, oder ein Bild, an ihr Herz preßt.
78[2]
Und die Furcht wieder ist vollkommen dargestellt durch das Verhalten des fürchtenden Menschen vor dem Gefürchteten.
78[3] &
79[1]
“Der Satz ‘Wenn er nur käme!’ kann mit unsrer Sehnsucht geladen sein.” Womit war er da geladen? Es ist, als ob ihm ein Gewicht von unserm Herzen aufgeladen (worden) wäre. Ja, alles das möchte ich sagen.
Und ist es denn gleichgültig, daß ich das sagen will?
79[2]
Menschen sind in vorigen Zeiten ins Kloster gegangen. Waren das etwa dumme, oder stumpfe Menschen? – Nun, wenn solche Leute solche Mittel ergriffen haben um weiter leben zu können, kann das Problem nicht leicht sein!
79[3] &
80[1]
Ist es denn gleichgültig, daß ich das sagen will? Ist es nicht wichtig? Ist es nicht wichtig, daß mir die Hoffnung in der Brust lebt? Ist das nicht das Bild irgend eines wichtigen menschlichen Verhaltens. Warum glaubt ein Mensch, ein Gedanke komme ihm in den Kopf? – Oder richtiger: Er glaubt es nicht, er erlebt es. Denn er greift sich etwa dabei an den Kopf, schließt die Augen, um im Kopf mit sich allein zu sein. Lehnt den Kopf zurück & macht eine Handbewegung zum Zeichen, da nichts den Vorgang im Kopfe stören soll. – Nun, sind das nicht wichtige Arten des Verhaltens?
80[2]
Und wenn sich uns das Bild vom Gedanken im Kopf aufdrängen kann, wie dann nicht viel mehr das, vom Gedanken in der Seele.
80[3]
Welches bessere Bild des Glaubens könnte es geben, als der Mensch, der mit dem Ausdruck des Glaubens sagt “Ich glaube das”?
80[4]
Der Mensch ist das beste Bild der menschlichen Seele.
81[1]
21.08.1946 Es ist natürlich wichtig, daß man das Verlangen nach einem Apfel leicht bildlich darstellen kann, ohne dem Verlangenden Worte in den Mund zu legen, daß sich aber die Überzeugung, daß etwas so & so sei, nicht so darstellen läßt. Wichtig, weil es den Unterschied, den Wesensunterschied, zwischen den psychologischen Erscheinungen zeigt, & die Art & Weise, wie er zu beschreiben ist.
81[2]
Man kann zagen & zögern, wenn sich’s darum handelt, einen geliebten Menschen anzufassen; aber am Schluß muß man doch handeln, denn auch zagen & zögern ist ein Handeln! Und hüte dich, zu viel zu schonen, sonst handelst du unnatürlich.
82[1]
Warum sagte ich “Wesensunterschied”? Ist es ein Unterschied wie zwischen Kohlenstoff, Gravitation, Lichtgeschwindigkeit & ultravioletten Strahlen? welches alles Gegenstände sind, von denen die Naturwissenschaft handelt. –
82[2] &
83[1]
Denke, wir reden von Erscheinungen beim Sprechen der Menschen. Es könnte uns interessieren: die Geschwindigkeit des Sprechens, der Wechsel der Intonation, die Gestikulation, die Länge oder Kürze der Sätze etc. etc. – Wenn man nun von einem Menschen sagt, er habe ein Seelenleben: er denke, wünsche, fürchte, glaube, zweifle, habe Vorstellungen, sei traurig, lustig etc., – ist das analog dem: er ißt, trinkt, spricht, schreibt, läuft, – oder analog dem: er bewegt sich bald schnell, bald langsam, bald auf ein Ziel zu, bald ohne Ziel, bald stätig, bald ruckweise?
83[2]
Denk an das, was man Charakter einer Kurve nennen kann, & daran, was alles eine Beschreibung ihres Charakters genannt werden muß. Was kann man alles fragen, wenn man sich für den Charakter einer Linie interessiert?
83[3] &
84[1] &
85[1]
22.08.1946 Denk Dir, wir beobachteten die Bewegung eines Punktes, etwa eines schwarzen Punktes auf einer weißen Papierfläche. Alle möglichen wichtigen Schlüsse könnten aus dem Charakter dieser Bewegung gezogen werden. Aber was können wir alles beobachten? – Ob der Punkt sich gleichförmig oder ungleichförmig bewegt, ob sich seine Geschwindigkeit periodisch ändert; ob sie sich stätig oder sprungweise ändert; ob der Punkt eine geschlossene Linie beschreibt; wie nahe sie einem Kreis kommt; ob der Punkt eine Wellenlinie beschreibt & welches ihre Amplitude & Wellenlänge ist; und Unzähliges andere. Und jedes dieser Fakten könnte das für uns einzig Interessante sein. Es könnte uns z.B. alles an dieser Bewegung gleichgültig sein, außer die Anzahl der Ecken der Bahn in einer bestimmten Zeit. Und das heißt, daß, wenn uns nun nicht nur eine Eigenschaft dieser Bewegung interessiert, sondern deren hundert, eine jede von ihnen uns einen besondern, von allen andern gänzlich verschiedenen Aufschluß geben kann. Und so ist es mit dem Benehmen der Menschen, mit den verschiedenen Charakteristiken dieses Benehmens, die wir beobachten.
85[2] &
86[1] &
87[1]
So handelt die Psychologie (etwa) vom Benehmen, nicht von den Seelenzuständen des Menschen? – Wer einen psychologischen Versuch macht, – was wird der berichten? – Was das Subjekt sagt, was es tut, was (mit) ihm in der Vergangenheit geschehen ist & wie es darauf reagiert hat. Und nicht was das Subjekt denkt, was es sieht, fühlt, glaubt, empfindet? – Wer ein Bild beschreibt, beschreibt der die Anordnung der Pinselstriche auf der Leinwand – & nicht was der Betrachter sieht? Aber wie ist es nun damit: Der Beobachter im Experiment wird manchmal sagen: “Das Subjekt sagte “Ich empfinde …”, & ich hatte den Eindruck es spräche die Wahrheit.” – Oder man sagt: “Das Subjekt schien müde.” Ist das nun eine Aussage über sein Benehmen? Man möchte vielleicht sagen: Freilich; was soll es denn sein? – Man kann auch berichten: “Das Subjekt sagte ‘Ich bin müde’” – aber für die Auswertung dieser Worte wird es sich darum handeln, ob sie glaubwürdig sind, ob sie einem Andern nachgesprochen wurden, ob sie eine Übersetzung aus dem Französischen waren, etc.. Denke nun daran: Ich sage “Er machte einen verstimmten Eindruck”. Man fragt mich: “Was war es, das Dir diesen Eindruck gemacht hat?” Ich sage: “Ich weiß es nicht.” – Kann man nun sagen, ich habe sein Benehmen beschrieben?? Kann man denn nicht sagen, ich hätte sein Gesicht beschrieben, wenn ich sage “Er machte ein trauriges Gesicht”? Auch wenn ich nicht angeben kann, welche räumlichen Veränderungen im Gesichte stattfanden? Man wird vielleicht erwidern: Hättest Du genauer zugesehen, so könntest Du die charakteristischen Farben- & Ortsveränderungen beschreiben.” Aber wer sagt das, daß ich, oder irgend Einer es könnte?!
87[2] &
88[1]
Noch einmal: Wenn ich berichte “Er war verstimmt”, berichte ich ein Benehmen, oder einen Seelenzustand? (Wenn ich sage “Der Himmel sieht drohend aus”, – rede ich von der Gegenwart, oder der Zukunft?) Beides, aber nicht nebeneinander; sondern im einen Sinne eines, in einem andern das andre. Was aber heißt das? (Ist das nicht Mythologie? Nein.)
88[2]
Es ist hier ganz wie mit dem Reden über physikalische Gegenstände & Sinneseindrücke. Wir haben hier zwei verschiedene Sprachspiele & ihre Beziehungen zueinander sind kompliziert. Will man diese Beziehungen in einfacher Weise beschreiben, so geht man fehl.
88[3] &
89[1]
Die Stimmung nach dem Anblick des Gesichts, & die Bewegungen des Gesichts, beschreiben, sind zwei verschiedene Sprachspiele. Aber es ist da ein Zusammenhang.
89[2]
Man kann sagen, daß es ‘Beschreibungen’ in verschiedenem Sinne sind; & das heißt nur, daß die Worte anders in unser Leben eingefügt sind. Daß sie nicht an homologen Stellen stehen.
89[3] &
90[1]
Denke, ich beschreibe ein psychologisches Experiment: Der Apparat, die Fragen des Experimentators, die Antworten & Handlungen des Subjekts. Und dann sage ich: das sei eine Szene in dem & dem Theaterstück. Nun hat sich alles geändert. Man wird also sagen: Wenn in einem Buch über Psychologie dieses Experiment in gleicher Weise beschrieben wäre, so würde eben die Beschreibung des Benehmens des Subjekts als Ausdruck des Seelenzustandes verstanden, weil man voraussetzt, das Subjekt rede die Wahrheit, halte uns nicht zum Besten, habe seine Antworten nicht auswendig gelernt. – Wir machen also eine Voraussetzung?
90[2]
Die Krankenschwester sagt dem Arzt “Er stöhnt” – einmal will sie sagen: “Er hat starke Schmerzen”; einmal: “Er stöhnt – obwohl ihm nichts fehlt”; einmal: “Er stöhnt – ob er Schmerzen hat, oder bloß diesen Laut von sich gibt, weiß ich nicht”.
90[3]
Wir machen eine Voraussetzung? – Wir benützen die Aussage jedesmal anders.
90[4] &
91[1]
23.08.1946 “Freilich berichtet der Psychologe die Worte, das Benehmen des Subjekts, aber doch nur als Zeichen seelischer Vorgänge.” – Das ist richtig. Wenn die Worte & dies Benehmen, z.B., eingelernt sind, so interessieren sie den Psychologen nicht. Und doch ist der Ausdruck “als Zeichen seelischer Vorgänge” irreführend, weil wir gewohnt sind, von der Gesichtsfarbe als Zeichen des Fiebers zu reden. Und jede schlechte Analogie wird nun mit einer weiteren schlechten erklärt, so daß wir aus den Unstimmigkeiten nur endlich durch die Ermüdung erlöst werden.
92[1] &
93[1]
Denk Dir, man sagte, jedes uns wohlbekannte Wort habe schon einen Dunstkreis, einen ‘Hof’ von Andeutungen seiner Verwendung um sich. So als hätte man auf einem Gemälde die Figuren umgeben mit zarten, nebelhaften Bildern von Vorgängen, in denen diese Figuren Anteil haben. – Nun, machen wir nur Ernst mit dieser Annahme! – Da zeigt es sich daß sie die Intention nicht zu erklären vermag. Wenn es nämlich so ist, daß die Möglichkeiten der Verwendung eines Ausdrucks uns beim Hören oder Sprechen in Halbtönen vorschweben, – wenn es so ist, so gilt das also für uns. Aber wir verständigen uns mit Andern ohne sie je gefragt zu haben, ob auch sie diese Erlebnisse haben.
93[2]
Und wie ist es nun mit dem fortwährenden Werden & Vergehen im Bereich unseres Bewußtseins? Nun, wie ist es: ist das eine Erfahrung, oder kann man sich’s anders gar nicht vorstellen? Hier ist eine Unklarheit.
93[3] &
94[1]
Ich kenne mich in einem Zimmer aus: D.h., ich kann, ohne mich einen Augenblick besinnen zu müssen, die Tür finden, sie öffnen & schließen, jedes Möbelstück gebrauchen, ich muß den Tisch die Bücher, die Laden nicht suchen & nicht nachdenken, was man mit ihnen machen kann. Daß ich mich auskenne, wird sich in der Freiheit zeigen, mit der ich mich im Zimmer herumbewege. Es wird sich auch in einer Abwesenheit des Staunens, Zweifelns, Zögerns äußern. Was soll ich aber auf die Frage antworten, ob dies Mich-in-diesem-Zimmer-Auskennen, ein Zustand meines Geistes sei?
94[2]
Ich bin im Stande, auf die Frage “Wozu dient ein Thermometer?” sogleich & ohne jede Schwierigkeit mit einer langen Reihe von Sätzen zu antworten. Und ebenso kann ich der Aufforderung folgen: “Erkläre die Anwendung des Wortes ‘Buch’”.
94[3]
24.08.1946 Das Sich-Auskennen kann man ein Erlebnis nennen, & auch wieder nicht.
95[1]
25.08.1946 Das Erlebnis der Bedeutung: “Was ist das für ein Erlebnis?” – Wie soll man dies untersuchen? Der erste Impuls ist, es anzuschauen. D.h., sich die Erfahrung vorzuführen. Dies führt zu nichts.
95[2] &
96[1]
Wir haben eigentlich die Tür nur angestarrt. Und das öffnet sie nicht. Es ist noch nicht einmal ein Versuch, sie zu öffnen. Um es zu versuchen, muß man seinen Standpunkt gegenüber der Tür verlassen, & sich mit ihrem Schloß beschäftigen. Wenn es also unser natürlicher Trieb ist die Tür durch Anstarren zu öffnen, so muß man tun, was diesem Trieb zuwider ist. Man muß also zwischen zwei Dingen wählen, die uns zuwider sind.
96[2]
Starke formale Bedürfnisse (Mach) haben, wie alles, ihr Gutes & Schlechtes. Sie werden oft die Naturforschung hemmen, aber oft ihrer Klarheit günstig sein. Unterschätze nicht die Kraft des formalen Bedürfnisses. Die Macht einer Theorie. Warum hat sie diese Macht? Weil sie praktisch ist?!
96[3]
Die Verwendung gewisser Wörter dem Satzrhythmus zuliebe. Dieser könnte uns viel wichtiger sein, als er uns tatsächlich ist.
97[1]
Beschreibung der Bahn eines Punktes. Wieviele Schlingen? sind die Schlingen gewellt? Form der Wellen? Läuft die Bahn nach jeder Schlinge abwärts? wie steil? etc. etc..
97[2]
“Was für eine Art von Erlebnis ist …?” Man wird nicht fragen “Wie ist es, wenn Du’s hast?” – denn darauf könnte der Eine so, der Andre so antworten. Man wird sie nicht nach einer Beschreibung des Erlebnisses fragen, sondern sich fragen, wie die Menschen das Wort gebrauchen, das das Erlebnis bezeichnet.
98[1] &
99[1]
26.08.1946 Ich sage das Wort “Baum”, dann sag ich ein Unsinnwort. Sie fühlen sich anders an. Inwiefern? – Mir werden zwei Gegenstände gezeigt: der eine ist ein Buch, der Andre ein mir unbekanntes Ding von sonderbarer Form. Ich sage: sie schauen nicht bloß anders aus, sondern ich habe auch ein anderes Gefühl bei ihrem Anblick. Das eine Ding ‘verstehe’ ich das andre verstehe ich nicht. “Ja, aber es ist nicht nur der Unterschied zwischen Wohlbekanntheit & Fremdheit.” Nun, ist nicht auch ein Unterschied zwischen Arten der Wohlbekanntheit & Fremdheit? Ein fremder Mensch tritt in mein Zimmer, aber es ist ein Mensch, das sehe ich sofort – etwas Vermummtes tritt in mein Zimmer, ich weiß nicht, ist es Mensch oder Tier – ich sehe einen mir unbekannten Gegenstand auf meinem Tisch, ein gewöhnlicher Feldstein, aber ich habe ihn nie auf meinem Tisch gesehen– ich sehe einen Stein am Weg; ich bin nicht erstaunt, obgleich ich mich nicht erinnere, gerade ihn schon gesehen zu haben – ich sehe ein seltsam geformtes Objekt von mir unbekanntem Zweck auf meinem Tisch & bin nicht überrascht; es ist dort schon immer gelegen, ich habe nie gewußt was es ist & mich nie dafür interessiert, es ist mir wohlvertraut.
99[2] &
100[1]
Wäre es nun richtig zu sagen: Beim Anblick des mir unbekannten Menschen & beim Anblick des mir unbekannten Dinges geht Verschiedenes in mir vor? (Vergleiche, was ich vom ‘Lesen’ geschrieben habe.)
100[2] &
110[1]
“Nun, hast Du das Wort ‘Baum’ nicht verstanden, wie Du’s gehört hast? – Dann ist eben etwas in Dir vorgegangen!” – Und zwar was? – Nun, daß ich’s verstand. – Die Frage ist nur: Soll ich vom Verstehen sagen, es sei in mir vorgegangen? Dagegen wehrt sich etwas; und das kann nur bedeuten, daß wir durch diesen Ausdruck das Verstehen mit andern Erscheinungen zusammenstellen & einen Unterschied verwischen, den wir betonen wollen. Aber welchen Unterschied? – In welchen Fällen weigern wir uns denn nicht, zu sagen, es sei etwas beim Hören des Worts in uns vorgegangen?
110[2]
Da können wir leicht wieder irregehen: Wir versuchen uns zu erinnern, was beim Hören des Worts in uns vorgegangen ist, – berichten von einer Vorstellung, Überraschung, oder dergleichen, & sagen dann: wir können uns an sonst nichts erinnern. Als ob, wenn wir uns an noch etwas anderes erinnern könnten, das das Verstehen selbst sein könnte. (Und dann sagt vielleicht der Eine oder Andre: “Ich glaube, ich kann mich an eine bestimmte Empfindung erinnern.”)
110[3] &
120[1]
Was müßten wir denn Einem sagen, der uns mitteilte, bei ihm sei das Verstehen ein innerer Vorgang? – Was würden wir ihm erwidern, wenn er sagte, bei ihm sei Schachspielenkönnen ein innerer Vorgang? – Etwa, daß, was immer in ihm vorgeht, uns nicht interessiert, wenn wir ihn fragen, ob er Schach spielen kann. Und wenn er nun darauf antwortete, es interessierte uns eben doch, was in ihm vorgehe: nämlich, ob er Schach spielen könne, – könnten wir ihm nur widersprechen, indem wir ihm die Kriterien zeigten, die uns für seine Fähigkeit maßgebend wären.
120[2] &
121[1]
Um Dich in einer Umgebung auszukennen, mußt Du nicht nur den richtigen Weg von einer Ortschaft zur andern kennen, sondern auch wissen, wohin Du gerietest, wenn Du diese falsche Wendung nähmst. [if you took this wrong turn.] Dies zeigt, wie ähnlich unsere Betrachtungen Wanderungen in einer Landschaft sind, zum Zweck des Anlegens einer Karte. Und es ist nicht unmöglich, daß eine solche in die Gebiete, die wir begehen einmal angelegt werden wird.
121[2] &
122[1]
Angenommen, Du hast eine besondere Erfahrung beim Verstehen, wie weißt Du, daß es die ist, die wir “verstehen” nennen? – Nun, wie weißt denn Du, daß die Erfahrung, die Du hast, die ist, die wir “Schmerz” nennen? – Das ist etwas anderes – – ich weiß es, weil mein spontanes Benehmen in gewissen Situationen das ist, was man den Ausdruck des Schmerzes nennt.
122[2]
27.08.1946 Einseitigkeit der Beispiele. Eine große Varietät von Beispielen für Denkbewegungen, Denkfehler ist notwendig; denn hat man einen Denkfehler dort verstanden, wo er leicht zu erkennen ist, weil geringere Kräfte, Vorurteile ihn aufrechterhalten, so ist das Auge gefaßt, ihn auch dort zu sehen, wo er wohl versteckt& gehütet ist.
122[3]
Wenn man das Wort “Schmerz” gebrauchen lernt, so geschieht es nicht dadurch, daß man errät, für welche der Empfindungen, beim Hinfallen z.B., dies Wort gebraucht wird.
123[1]
Es könnte dann ja auch das Problem auftreten: welcher Empfindung wegen Einer schreit, wenn er sich verletzt. Und dabei denke ich mir, daß man nach innen zeigt & sich fragt: “Ist es nun diese Empfindung, oder diese?”
123[2] &
124[1]
“Gleichgültig, ob ich der Empfindung den richtigen Namen beigelegt habe, – ich habe ihr eben einen Namen beigelegt!” – Aber wie legt man denn etwas, z.B. einer Empfindung, einen Namen bei? Kann man in sich einer Empfindung einen Namen beilegen? Was geschieht da; & was ist das Resultat dieser Handlung? [Vergl. Bemerkung über Anhängen einer Namenstafel] Wenn man im Geiste eine Tür zuschließt, ist sie dann zugeschlossen? Und welche Konsequenz hat es? Kann dann, im Geiste, niemand herein?
124[2]
“Wie weißt Du, daß die Erfahrung, die Du hast, die ist, die wir ‘Schmerz’ nennen?” – Die Erfahrung? Welche Erfahrung? Wie erkläre ich denn Einem, welche Erfahrung ich “Schmerz” nenne; wie bezeichne ich sie denn für mich, um ihr dann den Namen “Schmerz” beizulegen?
124[3] &
125[1]
Um zu verstehen, was “Ausdruck des Schmerzes” bedeutet kann ich nicht einerseits lernen, was “Schmerz” bedeutet, & anderseits, was “Ausdruck” bedeutet, das letztere etwa in der nicht belebten Natur. Ich will etwa sagen: Man könnte dem schreienden Kind gleich statt “Er hat Weh-Weh!” sagen: “Er gibt den Ausdruck des Schmerzes von sich!” (Und auch das ist nicht richtig ausgedrückt.)
125[2]
Denke, wir könnten lernen was man eine Empfindung, etwa einen ‘Schmerz’, nennt, & dann lehrte man uns diese Empfindung auszudrücken. Was für eine Verbindung müßte diese Tätigkeit mit der Empfindung haben, um ihr ‘Ausdruck’ zu heißen?!
125[3] &
126[1]
Denke Einer wüßte, erriete, daß ein Kind Empfindungen hätte, aber keinen Ausdruck für sie. Und nun wollte er das Kind den Ausdruck für seine Empfindungen lehren. Wie muß er eine Tätigkeit mit einer Empfindung kuppeln, damit sie ihr Ausdruck wird?
126[2]
Kann er das Kind lehren: “Siehst Du, so drückt man etwas aus – das ist z.B. ein Ausdruck von dem – & nun drücke Deinen Schmerz aus!”
126[3]
“Verstehen” wird eben nicht so gebraucht, wie ein Empfindungswort.
126[4] &
127[1]
Das verwirrende Bild ist, daß wir die Veränderungen, Zustände, das Arbeiten einer Substanz beobachten. Während wir das Verhalten & Benehmen der Menschen beobachten & vergleichen.
127[2]
Das primitive Schmerzbenehmen ist ein Empfindungsbenehmen; es wird ersetzt durch einen sprachlichen Ausdruck. “Das Wort ‘Schmerz’ bezeichnet eine Empfindung” heißt soviel wie: “‘Ich habe Schmerzen’ ist ein Empfindungsbenehmen.”
127[3] &
128[1]
Formen des Benehmens können inkommensurabel sein. Und das Wort “Benehmen”, wie ich es gebrauche, ist überhaupt irreführend, denn es schließt in seiner Bedeutung auch die äußern Umstände, des Benehmens im engern Sinne, ein. – Kann ich denn von einem Benehmen des Zorns, z.B. & von einem andern der Hoffnung reden? (Es ist leicht sich einen Orang-Utan zornig vorzustellen – aber hoffend? Und warum ist es so?)
128[2]
“pas” in “ne … pas” als Schritt hören & Gestaltpsychologie. Köhlers Insistenz, die Figur so, oder so sehen, sei jedesmal wirklich ein anderes Erlebnis.
128[3] &
129[1]
28.08.1946
Was heißt es: diesen Punkt als Spitze, diese Linie als Basis sehen? Was heißt es, zu sagen, daß ich das Dreieck
immer nur als umgefallenes Dreieck sehen kann? Überraschung, daß dies Stück in jenes hineinpaßt.
Man war nicht drauf gefaßt, es so hineingelegt zu sehen.
129[2] &
130[1]
Wenn mir jemand sagt, “Ich sehe jetzt diesen Punkt als Spitze”, so verstehe ich ihn. Aber was mache ich mit diesem Verständnis? Nun, ich kann ihm, z.B., sagen: “Kommt Dir das Dreieck jetzt vor, als wäre es umgefallen, als stünde es normalerweise auf a? Oder erscheint es Dir jetzt als Berg mit B als Spitze? Oder als Keil? Oder als ‘schiefe Ebene’? Oder als Kegel? Du kannst nun fragen “Worin besteht es: die Figur so sehen?” – & sozusagen Hypothesen über das machen, was dabei vorgeht. Z.B., Augenbewegungen, oder Vorstellungen, mit denen man das Gesehene supplementiert – man stellt sich etwa einen Körper vor, der auf der schiefen Ebene heruntergleitet – etc.. Alles das kann geschehen, muß aber nicht geschehen; & wenn mir jemand mitteilt, er sehe das Dreieck als Keil, z.B., so sagt er mir nicht, wie sich seine Augen bewegt haben, etc..– Nein; nicht, was da geschieht, ist die Frage, sondern, wie man jene Aussage verwenden kann. Wozu mir z.B. das Verstehen der Aussage verhilft.
130[2] &
131[1]
Nun, eine Anwendung wäre die: Man kann Einem sagen “Schau das Dreieck als Keil an; dann wirst Du Dich über … nicht mehr wundern.” Und er sagt darauf vielleicht: “Ja, so kommt es mir natürlicher vor.” – Ich habe ihn also durch meine Erklärung beruhigt; oder ihm dazu verholfen, daß er nun eine Aufgabe schneller lösen kann.
131[2]
Aber das Erlebnis des So-Sehens?! – Betrachte die Äußerung dieses Erlebnisses & seine Umgebung.
131[3] &
132[1]
“So hab ich’s nie angesehen!” sagt man, wenn einem eine neue mathematische Betrachtungsweise gezeigt wird. (Und ebenso in der Philosophie.) “Wie hast Du an diese Transformation gedacht?” – “Ich habe die Form plötzlich mit der verglichen. Ich sagte mir: das ist ja eigentlich ‥‥.” Soll man nun so ein Erlebnis dem vergleichen, wenn jemand die Auflösung eines Vexierbilds sieht? – Ich glaube, es ist nicht so; & doch sind die Fälle verwandt.
132[2]
Soll ich sagen, wenn Einer die Analogie einer Form mit einer andern einsieht –, daß
p⊃ q ․⊃․ p ⊃ q
die Form p ⊃ q hat –, daß er jene Form nun so & so sieht?
132[3]
Hat es einen Vorteil für das Rechnen, dieses Erlebnis zu haben?
132[4] &
133[1]
Warum kommt uns das Rufzeichen “!” wie ein wie ein geeignetes Zeichen für den Ausruf vor? Wie eine ausdrucksvolle Gebärde. – Und das Fragezeichen wieder, der Frage. – (Architektur.)
133[2]
Wenn ich plötzlich die Ähnlichkeit seines Gesichts mit dem seines Vaters sehe, – ist das ein Fall des Sehens einer Figur als ‥‥? Z.B. des Sehens einer Figur als Gesicht? Nun, es gibt verschiedene Fälle. Ich kann eine Ähnlichkeit zweier Gesichter anerkennen, ohne sie zu sehen.
133[3] &
134[1]
Die Ähnlichkeit eines Gesichts mit einem andern sehen, die Analogie einer mathematischen Form mit einer andern, eine menschliche Gestalt in den Linien eines Vexierbildes, eine Raumform in einer schematischen Zeichnung, “pas” in “ne … pas” in der Bedeutung von “Schritt” hören oder aussprechen – alle diese Erscheinungen sind irgendwie ähnlich, aber doch auch wieder sehr verschieden. (Eine Gesichtswahrnehmung, eine Gehörswahrnehmung, eine Geruchswahrnehmung, eine Bewegungswahrnehmung.)
134[2]
“Es ist mir nie aufgefallen, daß dieser Ausdruck derselbe ist, wie der.” Was für eine Art von Erlebnis ist es nun, wenn es mir auffällt? (Man könnte, wenn einem eine neue mathematische Entwicklung gezeigt wird, immer sagen: “Das ist mir nie aufgefallen!”) Das hängt mit der Handlung zusammen, die wir nennen: “Einen auf etwas aufmerksam machen”.
135[1]
In allen jenen Fällen kann man sagen, man erlebe einen Vergleich. Denn der Ausdruck unseres Erlebnisses ist, daß wir zu einem Vergleich geneigt sind. Zu einer Paraphrase. Es ist ein Erlebnis, dessen Ausdruck ein Vergleich ist. Aber warum ein ‘Erlebnis’? Nun, unser Ausdruck ist ein Erlebnisausdruck. – Weil wir sagen “ich sehe es als ‥‥”, “ich höre es als …”? Nein; obwohl diese Ausdrucksweise damit zusammenhängt. Sie ist aber berechtigt, weil das Sprachspiel den Ausdruck zu dem eines Erlebnisses macht.
136[1]
Ein Erlebnis, das sich in einem Vergleich äußert. Um z.B. “je ne sais pas” auf die bewußte Art zu hören, muß Einer andere Ausdrücke, wie “not a thing”, kennen. Der Ausdruck des Erlebnisses durch den Vergleich ist eben der Ausdruck, der unmittelbare Ausdruck. Ja, das Phänomen, das wir beobachten(,) das uns interessiert.
136[2] &
137[1]
Wenn nun Einer “pas” nicht so hören, erleben, könnte, wenn er nicht verstünde was wir meinen, wenn wir von so einem ‘Hören’ reden, – würde der uns aus nicht verstehen, wenn wir ihm erklären, daß “pas” auch in der Verneinung soviel wie “Schritt” geheißen habe & wenn wir sagten, es sei analog dem Wort “bißchen”, “bit”, “thing” etc.? Aber was sieht der ein, der einsieht, der Gebrauch des Wortes ‥‥ sei dem des Wortes ‥‥ analog?
137[2]
Nun, wozu zeige ich Einem eine Analogie? Was erwarte ich mir davon? Welche Wirkung hat es? – Es scheint doch eine Erklärung zu sein. Es ist eine Art der Erklärung. Man sagt auch: “Ja, jetzt versteh ich den Gebrauch dieses Wortes.” Man sagt aber auch: “Ich weiß was Du meinst, aber ich kann es nicht so hören.”
137[3]
“So, wie wir auch heute noch ‥‥, so haben diese Leute ‥‥․.” Wir können diesen Gebrauch im Lichte jenes betrachten. Dies kann, z.B., als heuristisches Prinzip dienen.
138[1]
Einem, der das Wort nicht als ‥‥ hören könnte, könnte man nicht die Weisung geben: “Sprich es hier in der Bedeutung ‥‥ aus.”
138[2]
“Das Ornament schaut nur dann richtig aus, wenn Du das Dreieck als umgefallen siehst.”
138[3]
Ich sagte mir “Doch vom Weizenbrot, das sie freundlich bot …”, & das Wort “freundlich” schien mir nicht recht zu passen; bis ich mich erinnerte, daß es heißen muß “das er freundlich bot”, & da stimmte es nun; denn wenn er es ‘freundlich’ bot, so war das liebevoll, aber bei ihr wäre es kühl gewesen.
138[4] &
139[1]
29.08.1946 Jedes Wort – möchte man sagen – kann zwar in verschiedenen Zusammenhängen, verschiedenen Charakter haben, aber es hat doch immer einen Charakter– ein Gesicht. Es schaut uns doch an. – Man könnte sich ja wirklich denken, jedes Wort sei ein kleines Gesicht, das Schriftzeichen könnte ein Gesicht sein. Und man könnte sich auch denken, daß der ganze Satz wie eine Art Gruppenbild wäre, so daß der Blick der Gesichter eine Beziehung zwischen ihnen hervorbrächte & das Ganze also eine sinnvolle Gruppe wäre. Aber worin besteht die Erfahrung, daß eine Gruppe sinnvoll ist? Und wäre es zum Verwenden des Satzes notwendig, daß man ihn so als sinnvoll empfindet?
140[1]
Ist es denn auch gewiß, daß ein Jeder, der unsre Sprache versteht, geneigt wäre, zu sagen, jedes Wort habe ein Gesicht? Und – am wichtigsten – welcher allgemeinen Tendenz in uns entspricht es, diese Neigung zu haben?
140[2] &
141[1]
Erstens ist klar, daß die Tendenz, das Wort als etwas intimes, seelenvolles, zu betrachten, nicht immer da ist, oder im gleichen Maße da ist. Das Gegenteil des Seelenvollen aber ist das Maschinenhafte. Wer einen Robot darstellen will, – wie weicht sein Benehmen von unserm gewöhnlichen ab? Dadurch z.B., daß unsre gewöhnlichen Bewegungen sich nicht, auch nur annähernd, mit geometrischen Begriffen beschreiben lassen.
141[2]
Würde man z.B. von Sätzen im Telegrammstil auch den Eindruck des Gruppenbildes erhalten?
141[3]
Stell Dir vor, wir sprächen nicht, sondern schrieben bloß & läsen das Geschriebene bloß mit den Augen. Die Schrift wäre also unsere Sprache.
141[4]
Der Gefangene hat eine Nummer als Namen. Von ihr würde niemand sagen, was Goethe von einem Personennamen sagt.
141[5] &
142[1]
Man hat die Idee, es sei der Sinn des Satzes zusammengesetzt aus den Bedeutungen seiner Wörter. Wie ist z.B. der Sinn von “Ich habe ihn noch immer nicht gesehen” aus den Bedeutungen der Wörter zusammengesetzt?
142[2]
Auch das Wort “habe” hat ein Gesicht; denn das Wort “die Habe” hat jedenfalls ein anderes Gesicht. Es fühlt sich anders an; also mußte sich “habe” auch irgendwie anfühlen. – Aber muß sich “Habe” anders ‘anfühlen’ als “habe”? Wie wenn jemand mich versicherte, ihm fühlten sich diese beiden Wörter ganz gleich an? Er sagt z.B.: Ja, das Bindewort & das Zeitwort “sondern”, die fühlen sich verschieden an; aber nicht “Habe” & “habe”. Dürfte ich ihm das nicht glauben?
143[1]
Was wie eine ganz selbstverständliche Äußerung erschien, die an das Verstehen der Worte gebunden war, erscheint hier im Lichte einer rein persönlichen Äußerung. Nicht anders, als sagte Einer, die Vokale “a” & “e” haben für ihn die selbe Farbe. Kann ich dem nun sagen: “Du spielst das Spiel nicht!”?
143[2]
Und warum schien die Äußerung zuerst selbstverständlich, als an das Verständnis der Worte gebunden?
143[3] &
144[1]
Wird von dem Feinfühligen behauptet, er fühle, in allen Zusammenhängen, die beiden Wörter “sondern” verschieden? Nein. Nur wenn man sie, experimentell, ausspricht, erwartet man das.
144[2]
Denk dir Menschen, die mit ‘äußerst komplizierten’ Zahlzeichen rechnen. Diese stellen sich aber dar als Figuren, welche entstehen, wenn man unsere Zahlzeichen übereinander schreibt. Sie schreiben z.B. π bis zur fünften Stelle so: “
”. Wer ihnen zusähe fände es schwer, zu erraten, was sie tun. Und sie könnten es vielleicht selbst nicht erklären. Es kann ja dieses Zahlzeichen, in etwas anderer Schrift geschrieben, seine Erscheinung (für uns) zur Unkenntlichkeit ändern. Und was die Leute täten erschiene uns rein intuitiv.
145[1]
Ich sage also: man schätzt das psychologische Interesse der Wenn-Empfindung falsch ein, wenn man sie als selbstverständliches Korrelat der Bedeutung von “wenn” ansieht; sie muß vielmehr in einem anderen Zusammenhang gesehen werden, in demjenigen, der speziellen Umstände, unter denen sie auftritt.
145[2]
Ist das Wenn-Gefühl gewiß dasselbe, wie das if-Gefühl? – Vergleiche sie!
145[3] &
146[1]
Sag: “Es ist schwer, die beiden Dinge zu sondern”, & sprich das letzte Wort mit dem Gefühl des Bindeworts aus! Üb dich etwa darin im gewöhnlichen Sprechen ein Wort mit doppelter Bedeutung mit dem unpassenden Gefühl auszusprechen! (Wenn es nicht mit einem unpassenden Ausdruck der Stimme verbunden ist, so schadet es der Verständigung nicht.)
146[2]
Jetzt bilde Dir ein, das Bindewort “sondern” sei eigentlich dasselbe, wie das Zeitwort (wie weg = Weg & trotz = Trotz), & sprich den Satz “Es ist nicht besser, sondern schlechter geworden” mit “sondern” in der Bedeutung des Zeitwortes aus!
146[3]
In welchen Zweig, in welches Kapitel der Psychologie gehört das Wenn-Gefühl?
146[4] &
147[1]
Bist Du auch sicher daß es ein Wenn-Gefühl gibt? Nicht vielleicht mehrere? Hast Du versucht, das Wort in sehr verschiedenen Zusammenhängen auszusprechen? (Wenn es z.B. den Hauptton des Satzes trägt, & wenn ihn das nächste Wort trägt.) Bist Du sicher, daß in die ‘Wenn-Empfindung’ nicht der Klang des Worts & ein gewisser Tonfall eintritt? Denk Dir eine Sprache in der “Wenn” durch zwei von einander im Satz getrennte Wörter ersetzt wäre. Oder in der das ihm entsprechende ein fünfsilbiges Wort wäre.
147[2] &
148[1]
30.08.1946 Hat man die Wenn-Empfindung auch manchmal dann, wenn man das Wort “wenn” nicht ausspricht? Es wäre doch jedenfalls merkwürdig, wenn mir diese Ursache diese Empfindung hervorrufen sollte. Hat sich James einmal gefragt, ob, & wo, man sie sonst noch hat? – Und so ist es überhaupt mit der ‘Atmosphäre’ eines Worts: – warum sieht man es als so selbstverständlich an, daß nur dies Wort diese Atmosphäre hat?
148[2]
“Was für einen Ausdruck hat dieses Gesicht nur? – denn es hat einen ganz bestimmten Ausdruck.” – Man könnte vielleicht auch sagen “Der Ausdruck fesselt mich”. Ich möchte immer wieder hinschauen, muß mich immer wieder fragen, was dieser Ausdruck bedeute, wie er zu beschreiben wäre. – Nun, kann ein solches Problem nicht ohne eine Lösung bestehen?!
148[3] &
149[1]
Wir wissen, wie es ausschaut, wenn Einer im Zimmer nach etwas sucht. Kann es nun nicht ein Benehmen geben, das dem des Suchenden ganz ähnlich ist – hervorgerufen, ich weiß nicht wodurch – & wobei doch nicht nach einem bestimmten Gegenstand gesucht wird? (woraus übrigens nicht folgt, daß nicht endlich irgend ein Gegenstand ergriffen wird, als wäre nach ihm gesucht worden & das ‘Suchen’ nun zur Ruhe kommt.)
149[2] &
150[1]
Den Namenszug Goethes identifiziere ich mit Goethe. Was heißt das? Ich habe bei ihm ein Goethe-Gefühl. Ist es so: er scheint zu allem zu passen, was ich sonst von Goethe weiß? Und wie äußern sich diese Erfahrungen? Bloß, indem ich eben dies sage? Ist also die psychologische Erscheinung einfach, daß ich so zu reden geneigt bin? Ich könnte doch wieder sagen dieser Namenszug habe eine gewisse Atmosphäre. Ja, eine bestimmte Farbe: braun-gelb. (Vielleicht wegen der Vokale ö, e.) Und die Atmosphäre ist wieder unablöslich vom Ding. Ist also die psychologische Erscheinung, die mich interessiert, das Hypostasieren – eines Gefühls, einer Atmosphäre, etc.?
150[2]
Es ist ganz leicht möglich, daß meine Schriften in kurzer Zeit ganz unlesbar sein werden; weil sie nämlich viel zu schwach sind. (Ich dachte an Peter Altenberg.) Was gähnend geschrieben wurde, wird gähnend gelesen werden.
150[3] &
151[1]
Der Namenszug Goethes mutet mich goethisch an. Insofern ist er wie ein Gesicht, denn vom Gesicht Goethes könnte ich dasselbe sagen. Es ist wie eine Spiegelung. Gehört dieses Phänomen zu dem: “ich war schon einmal in derselben Situation”? Oder ‘identifiziere’ ich die Unterschrift mit der Person, indem ich, z.B., die Unterschrift des Geliebten anzuschauen liebe, oder die Unterschrift des Bewunderten eingerahmt auf meinem Schreibtisch stelle? (Magie, die mit Bildern, Haaren, etc. getrieben wird.)
151[2] &
152[1]
Die vom Ding unlösliche Atmosphäre – sie ist also keine Atmosphäre. Was mit einander innig assoziiert ist, assoziiert wurde, das scheint zusammenzupassen. Aber wie scheint es das? wie äußert sich’s daß es zu passen scheint? Etwa so: Wir können uns nicht denken, daß der Mann, der so geheißen, so ausgeschaut, diese Schriftzüge hatte, nicht diese Werke, sondern etwa ganz andere (die eines andern großen Mannes) hervorgebracht hat? Wir können uns das nicht denken? Versuchen wir’s denn? –
152[2]
Nun, es könnte so sein: Denk Dir ein Maler wollte ein Bild entwerfen: “Beethoven beim Schreiben der 9ten Symphonie” – ich könnte mir leicht vorstellen, was etwa auf so einem Bild zu sehen sein könnte. Aber wie, wenn Einer darstellen wollte, wie Goethe ausgesehen hätte beim Schreiben der 9ten Symphonie? Da wüßte ich mir nichts vorzustellen, was nicht inkongruent & lächerlich wäre.
152[3] &
153[1] &
154[1]
‘Der Samstag hat ein Samstagsgefühl? Ist es nicht eher, daß wir das Wort “Gefühl” falsch zu gebrauchen geneigt sind? ‘Jeder Mensch hat, eine eigentümliche Atmosphäre’ Nun, das ist ein Bild, ein sehr naheliegendes Bild. Schau ein altbekanntes Möbelstück, am alten Platz, in Deinem Zimmer an! “Es ist ein Teil eines Organismus”, möchtest Du sagen. Oder: “Nimm es heraus & es ist nicht mehr dasselbe, was es war” & dergleichen. Und natürlich denkt man da an keine kausale Abhängigkeit eines Teils von den andern. Eher ist es so: Ich könnte diesem Ding einen Namen geben & von ihm etwa aussagen, daß es von seiner Stelle gerückt ist, einen Fleck hat, staubig ist, etc.; wollte ich es aber ganz aus seinem jetzigen Zusammenhang nehmen, so würde ich sagen, es habe aufgehört zu existieren & ein Anderes sei an seine Stelle getreten.
154[2]
Ja, man könnte auch so fühlen: “Es gehört alles zu allem.” (Interne & externe Relation.) Verrücke ein Stück & es ist nicht mehr, was es war. Dieser Tisch ist dieser Tisch nur in dieser Umgebung. Alles gehört zu allem. [Ich glaube, so etwas hat Hegel gemeint.] Hier haben wir die untrennbare Atmosphäre. Und was sagt, der das sagt? Was für eine Darstellungsweise schlägt er vor? – Ist es nicht die des gemalten Bildes? – Wenn z.B. der Tisch sich verschoben hat, malst Du ein neues Bild vom Tisch mit seiner Umgebung.
155[1]
‘Ein ganz bestimmter Ausdruck’ Dazu gehört auch, daß, wenn man das Geringste am Gesicht ändert, sich so gleich der Ausdruck ändert.
155[2]
Sein Name scheint auf seine Werke zu passen. – Wie scheint er zu passen? Nun, ich äußere mich etwa so. – Aber ist das alles? – Es ist als bildete er mit diesen Werken ein Ganzes. Sehen wir ihn, so kommen uns die Werke in den Sinn, & denken wir an die Werke, so der Name. Wir sprechen den Namen mit Ehrfurcht aus. Der Name wird zu einer Geste; zu einer architektonischen Form.
155[3] &
156[1]
Wer das nicht verstünde, den würden wir etwa als ‘prosaisch’ bezeichnen. Und ist das, was der ‘Bedeutungsblinde’ wäre?
156[2] &
157[1]
Seine Hände scheinen zu seinem Gesicht zu passen. Es mag ja sein, daß Gesicht & Hände etwas gemeinsam haben, daß auf sie beide eine Charakteristik anwendbar wäre. – Aber wir kennen diesen Menschen mit diesem Gesicht & diesen Händen, dadurch werden sie zu einem Ganzen. Sozusagen zu einem Berg in der Landschaft unsres Lebens. Jede andere Zusammenstellung würde uns schockieren. – Man könnte auch sagen, durch unsere Gewohnheit wird nun diese Kombination zu einem Standard; sie wird sozusagen gesetzgebend. (‘Die Macht der Gewohnheit’?)
157[2] &
158[1]
31.08.1946 Würdest Du Dir von Jedem erwarten, daß er den Ausdruck verstünde & gebrauchte: “Ich kann das Wort ‥‥ auch so hören”? Und warum nicht von Jedem dem die Worte “Schmerz”, “Freude”, “Sehnsucht”, etc. geläufig sind? Du würdest Dir aber erwarten, daß der gewöhnliche Mensch ein Vexierbild versteht & sagen kann, er sähe jetzt diese Linien nicht mehr als Baumzweige sondern immer als menschliche Gestalt. Auch wird er verstehen, wenn ich ihm sage “Du mußt das Zeichen
als Pfeil sehen, gleichsam als
”. Er wird sagen können “Ach ja, das ist ja ein Pfeil” & wird lächeln können. Er wird auch den Witz der Figur
verstehen.
Er wird auch sagen können “Ja, das Wort ‘Sabel’ klingt hier viel kräftiger als das Wort ‘Säbel’”.
158[2]
“Wenn Du es einmal als Pfeil siehst, dann wirst Du’s immer verstehen.”. “Ich muß mir sagen ‘der Schaft ist verlorengegangen’, dann kann ich’s als Pfeil sehen”.
158[3]
Wer die Worte “das Zeichen als Pfeil sehen” nicht verstehen & gebrauchen lernen kann, den nenne ich “bedeutungsblind”.
158[4] &
159[1]
(Es wird keinen Sinn haben, ihm zu sagen “Du mußt versuchen es als Pfeil zu sehen” & man wird ihm so nicht helfen können.
159[2]
Ist, wer das nicht verstünde, nicht ähnlich dem, den man durch eine Geste nicht lehren kann, mit welchem Ausdruck eine bestimmte Phrase zu spielen ist?
159[3] &
160[1]
Denke Dir Einen, der auf die Frage, ob beim Aussprechen des Worts “sondern” in seinen zwei Bedeutungen verschiedenes in ihm vorgehe, einfach “nein” antwortet. Oder Einer, dem die Aufforderung nichts sagen würde: “Sprich den Satz ‘Grün ist grün’, & meine mit dem ersten Wort einen Mann, mit dem letzten eine Eigenschaft!” – Aber muß dieser Mensch dann den Satz “Grün ist grün” ohne Verständnis hören, wenn wir von ihm Gebrauch machen oder über seinen Sinn im Zweifel sein? Oder folgt daraus, daß er den Satz nicht selber wird verwenden können? Folgt daraus, daß er nicht wird sagen können, wie er die beiden Worte gemeint hat, als er diese Aussage machte?
160[2]
Ja, aber wird er z.B., wenn ich den Satz gesagt habe, mir später sagen können: “Ich hab Dich damals falsch verstanden: Ich dachte, “ist” sei das Gleichheitszeichen, & das letzte Wort wieder der Eigenname”? Warum nicht? – Auf die Frage, was beim Hören der Worte “ist grün” in ihm vorging, antwortet er wieder: “Gar nichts.”
160[3] &
161[1]
Nun sagst Du ihm aber: “Wie denn ‘gar nichts’! Du sagtest doch, Du hast sie so verstanden!” Darauf er: “Ich dachte, Du hättest die Worte so gemeint; aber ich hab mir das damals nicht gesagt. Hättest Du mich aber nach der Bedeutung der Wörter gefragt, so hätte ich Dir diese Erklärung gegeben.”
161[2]
Er lehnt es ab, zu sagen, es sei damals in ihm etwas vorgegangen; wie ich es ablehnen würde, zu sagen, es gehe beim Mühlfahren können etwas in mir vor.
161[3] &
162[1]
Wie ist es aber mit so einem Ausdruck: “Als Du es sagtest, verstand ich es in meinem Herzen”? Dabei deutet man auch auf’s Herz. Und meint man diese Gebärde etwa nicht?! Freilich meint man sie. Oder ist man sich bewußt, nur ein Bild zu gebrauchen? Gewiß nicht!
162[2]
Aber vielleicht, wenn Du ihn aufforderst, den Satz “Grün ist grün” zu sagen & ihn so zu meinen, macht er’s so: Er sagt “Der Herr Grün ist noch sehr grün” (oder dergleichen). Und anders kann er’s nicht machen.
162[3]
Was geht dem verloren, der kein absolutes Gehör hat? – Vielleicht etwas weniger, als Einer glauben möchte, der es hat.
162[4] &
163[1]
Denke, es könne Einer nicht lernen leise, für sich, zu lesen! Er würde einfach nicht verstehen, was damit gemeint ist. Ich denke mir hier eine Menge Defekte, die selten, oder vielleicht nie, vorkommen, die vielleicht keine geringen Folgen hätten, & doch den Menschen sehr wohl Mensch sein ließen.
163[2]
Sei nicht übermütig, & nicht unterwürfig, in deiner Liebe!
163[3] &
164[1]
Die Gleichnisse Shakespeare’s sind, im gewöhnlichen Sinne, schlecht. Sind sie also dennoch gut – & ob sie es sind, weiß ich nicht – so müssen sie ihr eigenes Gesetz sein. Ihr Klang könnte sie z.B. wahrscheinlich, & zur Wahrheit, machen. Es könnte sein, daß bei Shakespeare die Leichtigkeit, die Selbstherrlichkeit das Wesentliche ist, daß man ihn also hinnehmen müßte, um ihn wirklich bewundern zu können, wie man die Natur, eine Landschaft z.B., hinnimmt. Wenn ich darin Recht habe, so würde das heißen, daß der Stil des ganzen Werkes, ich meine, seiner gesamten Werke, hier das Wesentliche, & Rechtfertigende, ist.
164[2]
Daß ich ihn nicht verstehe, wäre dann damit zu erklären, daß ich ihn nicht mit Leichtigkeit lesen kann. Nicht so, also, wie man eine herrliche Landschaft besieht.
164[3]
Wenn das Kind sprechen lernt, wann entwickelt es da das Bedeutungsgefühl? Interessiert man sich dafür, wenn man es sprechen lehrt, wenn man seine Fortschritte im Sprechen beobachtet?
164[4] &
165[1]
Man kann auch, beim Beobachten eines Tiers, eines Affen z.B., sagen: “Man sieht es geht etwas in ihm vor”. Wie merkwürdig ist das. Aber nicht merkwürdiger, als daß wir sagen: die Liebe, die Überzeugung sei in unserm Herzen!
165[2]
Wann & womit fängt es also an, daß der Mensch Bedeutungsgefühle äußert? In welchen Spielen wird es sich zeigen? Wenn man ihn den Witz “Weiche, Wotan! Weiche!” verstehen lehrte, – hat er da Bedeutungsgefühle kennengelernt?
165[3] &
166[1]
01.09.1946 D.h., kennt er Bedeutungsgefühle, wenn er darüber lacht? – Kennt er sie, wenn er sagt: “Es scheint ein ganz anderes Wort zu sein. Als hätten sie nur eine Fläche mit einander gemeinsam, aber einen ganz andern Körper.”? Und wenn er nun gar das Wort “weiche” vor sich hinsagt & versucht einmal das eine, einmal das andere damit zu meinen – dann kennt er Bedeutungsgefühle. Er wird dann aber auch so reden können: Das Wort erscheine ihm, wenn er es als Adjektiv hört, klein geschrieben, & als Imperativ groß; oder das “ei” & “ch” klinge im einen Fall weich, im andern nicht; & dergleichen. Er wird von Vorstellungen reden können, an die sich die Bedeutung zu hängen scheint. Denn man will einen Unterschied im Wort selbst, im Zeichen, sehen, & sagen daß dies den Unterschied in der Bedeutung markiert. Man bildet sich sozusagen ein, es wären hier wirklich zwei Wörter.
166[2] &
167[1]
Ist nicht die Neigung, einen Bedeutungskörper zu denken ähnlich der einen Ort des Denkens zu denken? – Müßte jeder Mensch die Neigung haben zu sagen, er denke im Kopf? – Nun, es wird ihm dieser Ausdruck als Kind beigebracht. (“Kopfrechnen”). Aber daraus entwickelt sich jedenfalls die Neigung (oder aus ihr entstand der Ausdruck). Jedenfalls – die Neigung ist dann vorhanden. Und so auch die, von einem Bedeutungskörper zu reden (oder dergl.), wie immer sie entstanden ist.
167[2] &
168[1]
Reden wir nun auch von einem ‘Gefühl’ des Denkens im Kopf? Wäre dies nicht ähnlich wie das ‘Bedeutungsgefühl’? Auch: Kann der nicht denken, der dies Gefühl nicht hätte? Ja; wer philosophiert oder psychologiert wird vielleicht sagen: “Ich fühle, ich denke im Kopf”. Aber was das nun heißt, das wird er nicht sagen können. Er wird nämlich nicht sagen können, was das nun für ein Gefühl ist; sondern einfach den Ausdruck gebrauchen: er ‘fühle’; als sagte er nämlich “Ich fühle diesen Stich hier”. Er ist sich also nicht bewußt, daß hier noch zu untersuchen ist, was sein Ausdruck “ich fühle” hier bedeutet, d.h., welche Konsequenzen wir aus dieser Äußerung ziehen sollen. Ob sie von der Art derer sind, die wir aus der Äußerung “Ich fühle den Stich hier” ziehen würden.
168[2] &
169[1]
Man könnte nämlich auch sagen: “Ich fühle das Steigen der Preise im Kopf”. Und ist das Unsinn? In welches Kapitel der Psychologie aber gehörte dieses Gefühl? Nicht in das von den Sinnesempfindungen, – es sei denn, Einer sagte “Wenn ich diesen Schmerz im Kopf spüre, steigen immer die Preise”.
169[2]
“Es gibt Bedeutungserlebnisse, denn ich kann das Wort ‥‥ einmal in dieser, einmal in der andern Bedeutung denken.” Das zeigt, daß es sie gibt, daß ich das Wort einmal in der, einmal in der Bedeutung erleben kann? Wie kommt denn das Wort “Bedeutung” zum Wort “erleben”? Wir gebrauchen ja hier einen ungewöhnlichen Ausdruck! Es wäre also weniger irreführend, zu sagen “Ich möchte sagen, ich ‘erlebe’ die Bedeutung”.
169[3] &
170[1]
Könnte nicht Einer sagen: “Ich habe ein Gefühl des Ortes beim Denken. Ich kann z.B. den Gedanken ‥‥ einmal im Kopf & einmal im Herzen denken.” – Und würde das zeigen, daß ein Gedanke einen Ort hat? Ich meine: würde es das Erlebnis des Denkens charakterisieren? Nicht vielmehr ein neues Erlebnis beschreiben? “Ich möchte sagen: ‘ich habe im Kopf gedacht’”.
170[2]
Die Grammatik von “Ich möchte sagen ‥‥”. Ich möchte sagen” heißt hier, daß ich den Ausdruck spontan verwende, daß er nicht im Sinne einer Technik gebraucht wird, die ich gelernt habe.
170[3]
Man kann den Befehl befolgen “Denk an gar nichts!”, “Make your mind a blank”.
171[1]
So wie man die Redensart “im Kopf”, in Verbindung mit dem Denken gelernt hat, so auch die: “das Wort hat diese (oder, eine) Bedeutung”, & alle Phrasen, die damit verwandt sind. Auch die Ausdrucksweise: “diese beiden Wörter klingen nur gleich, haben aber sonst nichts miteinander zu tun” & viele ähnliche. Und das Bedeutungserlebnis folgt eigentlich genau diesen Redewendungen. (Die doch auch eine gänzlich andere Form haben könnten – das französische “vouloir dire” z.B..)
171[2]
Ist also das Bedeutungserlebnis nur eine Einbildung? Nun, wenn es auch eine Einbildung ist, so ist das Erlebnis dieser Einbildung dadurch nicht weniger interessant.
172[1]
Es ist übrigens merkwürdig, daß das Wort “Assoziation” in meinen Bemerkungen eine so geringe Rolle spielt. Ich glaube, daß dieses Wort in äußerst vager, verschwommener Weise verwendet wird, & für ganz unähnliche Erscheinungen.
172[2]
Über einen feinen ästhetischen Unterschied läßt sich eine Menge sagen – das ist sehr wichtig. D.h., die erste Äußerung ist freilich bloß “Dies Wort paßt, dies nicht”, oder dergleichen; aber nun können noch alle weitverzweigten Zusammenhänge erklärt werden, die jedes dieser Wörter schlägt. Das heißt, es ist eben nicht mit jenem ersten Urteil abgetan, sondern es ist das Feld jedes Wortes, worauf’s ankommt.
173[1]
Überhaupt verlege ich meine Aufmerksamkeit auf das Feld der Worte, statt auf Vorgänge, die sie begleiten. (A. Watson machte diese Bemerkung.)
173[2]
Nennt man das Bedeutungserlebnis eine Einbildung, oder das Erlebnis des Denkens im Kopf, so mag dies bestehen bleiben, wenn man damit nichts geringschätziges über das Erlebnis gesagt haben will, sondern es nur in eine bestimmte Klasse von Erlebnissen, in ein bestimmtes Kapitel der Psychologie einordnet.
173[3] &
174[1]
Die Wochentage haben für mich ein jeder einen besondern Charakter, beinahe eine besondere Farbe. Montag, Mittwoch, Freitag sind fett, die andern, ausgenommen den Sonntag, mager; Dienstag hat etwas gelbliches & schwarzes. Nun glaube ich zu wissen woher diese Empfindungen rühren. Sie kommen von zwei Lehrerinnen, die seinerzeit abwechselnd zu mir zu jenen Tagen kamen. Aber obwohl ich die Sache so erkläre, so habe ich die Empfindungen gehabt, ehe mir die Erklärung eingefallen war. Und ich will sie daher, ohne auf die Erklärung einer Wert zu legen, betrachten.
174[2] &
175[1]
Aber kann ich denn nicht sein Wort dafür nehmen, daß er im Kopfe denkt (daß er diese Bedeutung erlebt), daß es eben subjektiv so ist? Ich glaube, daß er nicht lügt; aber ich verstehe ja noch gar nicht, was ich auf Treu & Glauben annehmen soll. Daß es “subjektiv so ist”, das hieße etwa, daß das Denken im subjektiven Abbild des Kopfes vorsichgeht. Aber was das heißen soll, weiß ich gar nicht. Ich kann glauben, daß er geneigt ist, das zu sagen. Dann lügt er also nicht.
175[2] &
176[1]
Warum soll denn das Bedeutungserlebnis wichtig sein?! Er sagte das Wort, sagt, er habe es jetzt in dieser Bedeutung gesagt, dann in jener. Ich sage das Gleiche. Mit dem gewöhnlichen & wichtigen Gebrauch des Ausdrucks “Ich habe mit dem Wort das gemeint” hat das offenbar nichts zu tun. Was ist also das Merkwürdige? Daß wir so etwas sagen? Das ist natürlich interessant. Aber das Interesse liegt hier nicht auf dem Begriff der ‘Bedeutung eines Wortes, sondern auf einer Reihe ähnlicher psychologischer Erscheinungen, die, im allgemeinen, mit Wortbedeutung nichts zu tun haben.
176[2]
Warum soll das Bedeutungserlebnis wichtig sein?! – Selbst wenn es wichtig ist, könnte es doch ganz unwichtig sein!
176[3] &
177[1]
Der Mensch sieht wohl, was er hat, aber nicht, was er ist. Was er ist, ist gleichsam wie seine Höhe über dem Meeresspiegel, die man meistens nicht ohne weiteres beurteilen kann. Und die Größe, oder Kleinheit eines Werks hängt davon ab, wo der steht, der es gemacht hat. Man kann aber auch sagen: Der ist nie groß, der sich selbst verkennt: der sich einen blauen Dunst vormacht.
177[2] &
178[1]
Es sagt jemand, etwa im Sprachunterricht, “Reden wir über das Wort ‘Weiche’”. Ich frage: “Meinst Du das Zeitwort, das Eigenschaftswort oder das Hauptwort?” – Er: “Ich meine das Hauptwort.” Muß er da, oder muß ich ein Bedeutungserlebnis gehabt haben? Nein. Aber daß uns Vorstellungen bei diesem Gespräch vorgeschwebt haben ist wahrscheinlich. Sie würden etwa die Rolle spielen wie ein Kritzeln während des Redens. Wer etwa gewöhnt wäre beim Gespräch auf einem Papier zu kritzeln, der würde vielleicht einmal eine Weiche zeichnen, einmal ein Ei, einmal das Wort “Weiche!” schreiben. Und wenn von einer Weiche die Rede wäre & er zeichnete dabei ein Ei, so könnte ihn das vom Gespräch abziehen; zeichnet er aber Schienen, so bliebe er bei der Sache.
178[2]
02.09.1946 Inwiefern kann Kritzeln mit dem Spiel der Vorstellungen verglichen werden? – Denk Dir Menschen, die von Kind auf bei allen Gelegenheiten, wo wir sagen würden, sie stellen sich etwas vor Zeichenbewegungen mit der Hand ausführen. Gibt man ihnen dann einen Stift in die Hand so zeichnen sie mit großer Geschwindigkeit.
178[3] &
179[1]
Aber tut denn der gewöhnliche Mensch nicht etwas ganz ähnliches? Er zeichnet zwar nicht aber ‘beschreibt seine Vorstellung’, d.h., statt zu zeichnen spricht er. Oder er gebraucht Gebärden um z.B. einen Menschen, den er sich vorstellt darzustellen! Muß ich denn annehmen, daß er diese Beschreibung, diese Gebärden von etwas abliest?! Was spricht dafür? – Nun, er sagt etwa “Ich sehe ihn vor mir!” & dann stellt er ihn dar. Aber hätte ich ihn, statt diesen Ausdruck, zu sagen gelehrt: “Jetzt weiß ich, wie er aussieht”, oder “Jetzt kann ich sagen, wie er aussieht”, oder “Jetzt werde ich Dir sagen, wie er aussieht”, – so wäre das gefährliche Bild eliminiert. (Tennis ohne Ball)
179[2] &
180[1]
Was ich sage ist: es ist, im normalen Sinne, kein Bild da, – auch nicht eines, das nur er sieht. Denn ein Bild ist nur etwas, was einer anschaut. Etwas, was er vor sich hat. Ich sage also wieder: der Ausdruck “privat”, die Idee vom ‘privaten Bild’ ist irreführend.
180[2]
Wenn die Darstellungsweise willkürlich ist, warum lernen dann nicht alle Menschen eine Sprache – was doch so viel praktischer wäre!
180[3]
Die Mächte die bestimmen, wie dargestellt wird, sind so groß, wie die, die auf die Wahrheit der Darstellung dringen.
180[4]
Welch ein kleiner Gedanke doch ein ganzes Leben füllen kann!
181[1]
Wie man doch sein ganzes Leben lang dasselbe kleine Ländchen bereisen kann, & meinen, es gäbe nichts außer ihm! Man sieht alles in einer merkwürdigen Perspektive (oder Projektion): das Land, was man unaufhörlich bereist, kommt einem ungeheuer groß vor; alle umgebenden Länder sieht man wie schmale Randgebiete.
181[2] &
182[1]
Plinius’ Bemerkung, nach je zehn Zahlen änderte sich etwas an den Anzahlen (oder dergleichen), änderte sich etwa die Art der Zahlen. – Nun es ändert sich ja wirklich etwas: Nämlich unsere Reaktion. Aber wir können doch auch sagen, der Aspekt der Zahlen ändere sich. Warum soll man eigentlich nicht sagen, nach je zehn Zahlen beginne immer eine neue Zahlenart? Freilich wird das nur Einer sagen, in dem eine bestimmte Darstellungsart mächtig ist; nicht Einer, der gelernt hat in allen möglichen Zahlensystemen zu zählen.
182[2]
Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen; you can do it in your own back-garden.
182[3] &
183[1]
Der Dichter ist der, der viel in seine Worte hineinlegen kann, wie seltsam dieses Gleichnis! Wie kann ein Bild stimmungsvoll sein? [Der Lokalzug] Ein Bild von (?) es heißt “Le train de …?”. Man sieht Felder & Hecken, & an einer unauffälligen Stelle einer Hecke entlang schleicht, halb verdeckt, von ihr, ein kleiner Zug. Was heißt das nun, daß das Bild in eine starke Atmosphäre getaucht ist? – Sie ließe sich beschreiben, aber nicht mit wenig Worten. Es ist ein ganzes menschliches Leben das mit dem Bild zusammenhängt. (Das gleichsam sein Bedeutungskörper ist.)
183[2]
Wann erlebe ich nun die Atmosphäre des Bilds? Erst wenn ich sie beschreibe? Nein. Sie berührt mich, sobald ich das Bild sehe.
183[3] &
184[1]
Wie finde ich das ‘richtige’ Wort? Es ist allerdings als vergliche ich Worte nach feinen Geschmacksunterschieden. Dies ist zu sehr …, dies zu sehr …. Das ist das richtige. Aber ich muß nicht immer urteilen, erklären, warum dies oder dies Wort nicht stimmt. Es stimmt einfach noch nicht. Ich suche eben weiter, bin nicht befriedigt. Endlich komme ich zur Ruhe, bin befriedigt. So schaut eben das Suchen aus; & so das Finden.
184[2]
Was ist das nun für ein Erlebnis, das Erlebnis der Atmosphäre? – Wie äußert es sich? Ich schaue, verziehe mein Gesicht; mache einen Ausruf (dazu ist eben der Ausruf da!); später beschreibe ich in der Vergangenheitsform meinen Eindruck, analysiere ihn – d.h., so nenne ich’s.
185[1]
“Ich entwickle, was in ihm steckt.” – Wie weiß ich, daß es in ihm war? – So ist es nicht. Man kann auch nicht fragen: “Wie weiß ich, daß ich das wirklich geträumt habe?” – Es steckt in ihm, weil ich sage, daß es in ihm steckt. Oder besser: weil ich geneigt bin zu sagen ‥‥. – Und was ist das für ein seltsames Erlebnis: geneigt sein, zu sagen ‥‥? Gar keins.
185[2] &
186[1]
Wenn ich aber gestorben wäre, noch ehe ich das alles entwickeln konnte, – wäre es dann nicht in meinem Erlebnis enthalten gewesen? – Die Antwort “Nein” auf diese Frage ist falsch; die Antwort “Ja” muß es auch sein. “Nein” würde heißen: Wenn Einer einen Traum nicht erzählt, so ist es falsch, zu sagen, er habe ihn gehabt. Es wäre unrichtig zu sagen: “Ich weiß nicht, ob er geträumt hat; er hat nichts darüber gesagt.” “Ja” würde heißen: Er mag wohl geträumt haben, auch wenn er es nicht berichtet. Aber das soll doch keine psychologische Aussage sein! Also eine logische. Also soll es besagen, daß dies Sinn hat: “Er hat geträumt, es aber nicht gesagt”; aber das hat Sinn, wenn dies Sinn hat: “Er hat geträumt & hat es erzählt”.
186[2] &
186[1]
03.09.1946 Es ist sehr merkwürdig, daß man zu meinen geneigt ist, die Zivilisation – die Häuser, Straßen, Wagen, etc. – entfernten den Menschen von seinem Ursprung, vom Hohen, Unendlichen, u.s.f.. Es scheint dann, als wäre die zivilisierte Umgebung, auch die Bäume & Pflanzen in ihr, billig, eingewickelt in Zellophan, & isoliert von allem Großen & sozusagen von Gott. Es ist ein merkwürdiges Bild, was sich einem da aufdrängt.
187[2]
“Kann einer nicht träumen & es doch niemandem mitteilen?” – Gewiß; er kann ja träumen und es jemandem mitteilen.
187[3] &
188[1]
Wir lesen in einer Erzählung, der Held habe einen Traum gehabt, & ihn niemandem mitgeteilt. Wir fragen nicht, wie der Autor das erfahren konnte. – Verstehen wir es nicht, wenn L. Strachey Vermutungen darüber anstellt, was die Königin Victoria knapp vor ihrem Tode im Geiste vor sich gesehen haben mag? Freilich – aber verstanden (die) Leute nicht auch die Frage, wie viele Seelen auf einer Nadelspitze Platz hätten? D.h.: die Frage, ob man das nicht versteht, hilft uns hier nicht; wir müssen fragen, was wir mit einem solchen Satz anfangen können. – Daß wir den Satz verwenden, ist klar; wie wir ihn verwenden, ist die Frage.
188[2]
Daß wir den Satz verwenden, sagt uns noch nichts, weil wir die gewaltigen Verschiedenheiten der Verwendungen erkennen. Wir sehen also das Problem im Wie.
188[3] &
189[1] &
190[1]
Nun nocheinmal: – Menschen teilen uns beim Erwachen eine Erzählung mit; wir lehren sie darauf den Ausdruck “Mir träumte …” & nun folgt die Erzählung. Ich frage sie nun manchmal: “Hat Dir heute nacht etwas geträumt?” & erhalte manchmal eine bejahende, manchmal eine verneinende Antwort, manchmal eine Traumerzählung, manchmal keine. Das ist das Sprachspiel. (Ich habe jetzt angenommen, daß ich selbst nicht träume. Aber ich habe ja auch keine Gefühle einer unsichtbaren Gegenwart & Andere haben es, & ich kann sie über ihre Erfahrungen befragen.) Muß ich nun in diesem Falle eine Annahme darüber machen, ob diese Leute ihr Gedächtnis getäuscht hat, oder nicht; ob sie wirklich während des Schlafs diese Bilder vor sich gesehen haben, oder ob es ihnen nur nach dem Erwachen so vorkommt? Und welchen Sinn hat diese Frage. – Und welches Interesse?! Fragen wir uns das je, wenn uns Einer einen Traum erzählt? Und wenn nicht, – ist es, weil wir sicher sind sein Gedächtnis werde ihn nicht getäuscht haben? (Und angenommen, er wäre ein Mensch mit ganz besonders schlechtem Gedächtnis!)
190[2] &
191[1]
Und heißt das aber nun, es sei unsinnig je die Frage zu stellen, ob in der Nacht wirklich der Traum vor sich gegangen sei, oder ob der Traum ein Gedächtnisphänomen des Erwachten sei? Es kommt darauf an was wir damit meinen, d.h.: welche Verwendung wir von dieser Frage machen. Denn machen wir uns dies Bild vom Traum: daß vor des Träumenden Seele ein Bild schwebt (wie es etwa auf einem Gemälde dargestellt wäre) dann hat es natürlich Sinn diese Frage zu stellen. Man fragt damit: Ist es so, oder so – & jedem “so” entspricht ein anderes Bild.
191[2]
(Denke, jemand fragte: Ist die Struktur des Wassers
, oder ?
Hat es Sinn? – Wenn Du ihm Sinn gibst, hat es Sinn.)
191[3] &
192[1]
Zurück zu dem Sprachspiel von der Traumerzählung: Einer sagt mir einmal: “Was ich heute nacht geträumt habe, werde ich niemandem erzählen.” Nun, hat das Sinn? Warum nicht?! Soll ich nach dem, was ich über den Ursprung des Sprachspiels gesagt habe, sagen, es habe keinen Sinn, – da ja das ursprüngliche Phänomen eben die Traumerzählung war? Durchaus nicht!
192[2]
Ich erfinde oft eine Möglichkeit, die mir selbst phantastisch erscheint, nachher erkenne ich, daß es das gibt, nur auf einem etwas abgelegenen Gebiet. Ich mag ein Spiel erfinden das mit dem Gesichtssinn gespielt wird, & nachher erkenne ich, daß es ein altbekanntes Spiel mit dem Gehörsinn ist.
192[3] &
193[1]
Eine Eisenbahnstation mit allen ihren Einrichtungen, Telegraphenstangen & Telegraphendraht bedeutet für uns ein weitverzweigtes Verkehrssystem. Aber auf dem Mars findet sich dieses Gebäude mit allem drum & dran, auch mit einem Stück Geleise, & bedeutet dort nichts dergleichen.
193[2] &
194[1]
Denk Dir eine Maschine, z.B. ein Uhrwerk. Aber wer sagt, daß die Räder sich drehen können? Ein Rad auf einer Welle in Lagern, die nicht zu knapp passen, können wir drehen. Aber es wäre doch denkbar, daß sich einmal eines nicht drehen läßt; eine Ursache braucht nie bekannt zu sein. Oder: Wenn wir nun ein solches Rad einmal leicht umdrehen können, nehmen wir an, daß es auch öfter ebenso gehen wird. Aber vielleicht geht es nicht. Aber an diese Möglichkeit denken wir gar nicht, & uns ist der Mechanismus das Symbol einer Bewegungsweise.
194[2]
“Der Geist meint mit dem Wort einmal das eine, einmal das andere.” Das klingt gar nicht absurd. Es scheint, der Geist kann ihm eine Bedeutung beilegen. Aber scheint es nur so? Kann denn das Schein sein? Es ist, als ob die Bedeutung dem Geiste vorschwebe, im Geiste auftauche wie ein Bild; ähnlich wie eine Gestalt im Dampf eines Hexenkessels.
194[3] &
195[1]
“Es scheint, der Geist kann dem Wort Bedeutung geben” – ist das nicht als sagte ich: “Es scheint, daß im Benzol die C-Atome auf den Ecken eines Sechsecks liegen”? Das ist doch kein Schein; es ist ein Bild.
195[2]
04.09.1946 ‘Denken während man redet.’ Ich sagte: Das Denken sei keine Begleitung des Redens. Das kann natürlich nur heißen: der Ausdruck “Begleitung” ist irreführend. Und das heißt, er verwischt logische Züge, schickt uns – wenn wir Klarheit wollen – auf die Jagd nach Phantomen.
195[3]
Denke aber, wo man “begleiten” zu verwenden geneigt ist, & wo nicht. Von der gesungenen Melodie wird man vielleicht sagen, sie begleitet die Worte des Lieds. Aber auch vom Tonfall der gewöhnlichen Rede?
196[1] &
197[1]
“Das ist das Sprachspiel” – sagte ich, als ich das Phänomen & die Verwendung der Traumerzählung beschrieben hatte. – “Aber ist es nicht das: Die Menschen träumen; sie berichten manchmal ihre Träume (wahrheitsgemäß, lügenhaft, etc.); wir wissen, was sie meinen, weil wir auch Menschen sind, Erfahrungen haben; wir fragen nun, antworten u.s.f., wie in Beziehung auf jeden anderen Bericht einer Tatsache. (Wie es aber kommt, daß wir einander verstehen, das ist hier unwesentlich.)” Das, was hier ausgelassen ist, ist das Kriterium der Identität des Erlebnisses. Wenn das Sprachspiel das Wesen des Traumes offenbaren soll, so dies Kriterium der Identität. Das Kriterium der Identität ausgedrückt in den Spielhandlungen. D.h.: die Beschreibung der Spielhandlungen analysiere ich nicht, sondern die Beschreibungen der Psychologie.
197[2]
Rede ich in der Beschreibung des Sprachspiels vom Traum, so verhülle ich gerade das, was ich aufdecken will.
197[3] &
198[1]
Ich will freilich nicht eine Definition des Worts “Traum” geben, aber doch etwas tun, was dem ähnlich ist: den Gebrauch des Wortes beschreiben. Meine Frage lautet also ungefähr so: “Wenn ich zu einem fremden Stamm mit mir unbekannter Sprache käme, & sie hätten einen Ausdruck, der unserm “Ich träume”, “Er träumt”, etc., entspricht, – wie fände ich heraus, daß es so ist; wie wüßte ich, welche Ausdrücke jener Sprache ich in diese unsre Ausdrücke übersetzen soll? Denn dies herauszufinden ist ja eben analog dem, herauszufinden, welches ihrer Worte ich in unser Wort “Tisch” übersetzen soll. Ich frage mich da freilich nicht “Wie nennen sie dies?”, indem ich auf etwas zeige. Obwohl ich auch das fragen könnte und dabei etwa auf eine symbolische Darstellung des Traumes oder eines Träumenden deuten könnte.
198[2] &
199[1]
Auch das ist zu sagen, daß das Kind nicht unbedingt so den Gebrauch des Worts “träumen” lernen muß, daß es zuerst bloß eine Begebenheit beim Erwachen erzählt & wir ihm dann das Wort “Mir hat geträumt” beibringen. Es ist ja auch so möglich, daß das Kind den Erwachsenen sagen hört, er habe geträumt & nun von sich das gleiche sagt & einen Traum erzählt. Ich sage nicht: daß das Kind errät, was der Erwachsene meint; genug: es gebraucht eines Tages das Wort & gebraucht es unter den Umständen, unter denen wir’s gebrauchen.
199[2] &
200[1]
Die Frage ist also eigentlich nicht: “Wie lernt er die Verwendung des Worts”, sondern “Wie zeigt sich’s, daß er es wie wir verwendet.
200[2]
“Ewiges Düstre steigt herunter”. Kann man sagen “Nun, es scheint als ob es herunterstiege”? Haben wir denn eine Halluzination von etwas Düstrem etc.? – Was macht also diese Worte treffend? – “Nun, wir verstehen sie.” Wir sagen z.B.: “Ja, ich weiß genau, wie das ist” & nun können wir unsere Gefühle & unser Benehmen beschreiben.
200[3]
“Bei vollkommen äußern Sinnen walten Finsternisse drinnen.” Warum ist das ein gewaltiges Bild? “Ja, ganz so ist es!” Wie kommt es, daß man das von etwas sagen kann, was eingestandenermaßen nur ein Bild ist? “Also gibt es ein gewaltiges Bild” – will ich sagen.
201[1]
Wenn eine Landschaft im Dunst liegt, könnte man glauben, das mache sie geheimnisvoll. Und nun könnte Einer sagen: Nimm den Dunst weg, daß alles in klarstem Lichte erscheint – & nun ist sie noch viel unheimlicher!
201[2]
Vorher lag sie im Dunst eingehüllt; nun ist sie nackt, & nur noch vom Sein umgeben.
201[3] &
202[1]
“Wenn Du vom Traum, vom Denken, von der Empfindung redest, – scheinen nicht alle diese Dinge das Geheimnisvolle zu verlieren, was ihr wesentliches Merkmal zu sein scheint?” Warum soll der Traum geheimnisvoller sein, als der Tisch? Warum sollen sie nicht beide gleich geheimnisvoll sein?
202[2]
“Der Dunst, der der Charakter dieser Phänomene zu sein scheint, scheint hier zu verschwinden.” Der Dunst verschwindet; statt dessen tritt der durchsichtige Äther.
202[3]
05.09.1946 Fühle mich ziemlich schlecht, voller Bangen.
202[4] &
203[1]
Ein Zimmer, das im Halbdunkel liegt, oder das dunkle Ecken hat, mag unheimlich sein; aber viel unheimlicher ist es, glaube ich, von außen durchs Fenster in ein ganz hell erleuchtetes, (aber) menschenleeres Zimmer zu sehen. Wenn das Unheimliche das Unbekannte ist, so ist das im ersten Fall etwas unbekannt – menschliches, im zweiten aber ist alles irdische bekannt.
203[2] &
204[1]
“Das Phänomen
als Pfeil, oder anders zu sehen ist doch ein wahrhaftes visuelles Phänomen; auch wenn es nicht so greifbar ist wie das der Form & Farbe.” Wie sollte es kein visuelles Phänomen sein?! – Wer, der davon spricht (außer wenn er Philosophie oder Psychologie treibt) zweifelt daran? Fragen wir nicht einen Menschen danach & erzählen ihm davon wie von jedem andern Sehphänomen? Ich will sagen: Reden wir davon etwa mehr zaghaft als von dieser, mit dem Verdacht, was wir sagen habe vielleicht keinen klaren Sinn? Gewiß nicht. Aber nun sind dennoch Unterschiede vorhanden. Die, welche wir durch den Ausdruck “weniger handgreiflich” andeuten. Nur ist es so: Wenn ich Einem zwei Substanzen vorlege so kann ich sagen: “Fühl diese hier an! Findest Du nicht auch daß sie sich weicher, flaumiger, anfühlt?” Und bejaht er es, so sage ich etwa: “Ja, das fühle ich auch. Es ist also ein Unterschied [1046 279 | | 280] zwischen ihnen”. (D.h.: ich habe es mir nicht bloß eingebildet.) – Anders ist es aber mit den psychischen Phänomenen. Wenn ich sage: “Dies ist weniger handgreiflich als jenes” – nämlich wesentlich weniger handgreiflich – so beruht dies nicht auf einem Konsensus der Urteile, nicht darauf, daß wir Alle das auch fühlen (wenn wir das Erlebnis ‘betrachten’).
204[2] &
205[1]
06.09.1946 Steck das Phänomen nicht in die falsche Lade. In ihr schaut es geisterhaft, ungreifbar, befremdend, aus. Richtig betrachtet, kommt uns seine ‘Ungreifbarkeit’ so wenig zu Bewußtsein, wie die der Zeit, wenn wir sagen “Es ist Zeit, zum Essen zu gehen”.
205[2]
Die Beunruhigung der schlecht sitzenden Einteilung.
205[3] &
206[1]
07.09.1946 “Dieser Kaffee hat gar keinen Geschmack”. “Dies Gesicht hat gar keinen Ausdruck”. Der Gegensatz davon ist “Es hat einen ganz bestimmten Ausdruck” (obwohl ich nicht sagen könnte, welchen). An einen starken Ausdruck könnte sich z.B. gleich eine Geschichte knüpfen. Oder das Suchen nach einer Geschichte. Wenn man vom rätselhaften Lächeln der Mona Lisa spricht, so heißt das doch wohl, daß man sich fragt: In welcher Situation, welcher Geschichte, lächelt man so? Und es wäre also denkbar, daß jemand eine Lösung fände; daß er eine Geschichte erzählte, & wir uns sagten: “Ja, das ist der Ausdruck, den dieser Charakter hier angenommen hätte”.
206[2] &
207[1]
Der Ausdruck “ein ganz bestimmter Charakter” benützt die Strecke, auf der man dann zu einer Spezifikation des Charakters übergeht, dort, wo uns etwas anzieht, fesselt. Man sagt: “Ich muß immer wieder hinschauen.” – Man steht davor & schaut es an; während man sich von dem andern uninteressiert wegwendet.
207[2]
Die Reaktion “Was bedeutet es nur?” – muß nicht eine Frage mit einer Antwort sein.
207[3] &
208[1]
Sich an ein bestimmtes kinästhetisches Gefühl erinnern – sich an das Gesichtsbild einer Bewegung erinnern. – Mach die gleiche Bewegung mit dem rechten & dem linken Daumen, & sag ob die kinästhetischen Empfindungen dieselben sind! – Hast Du ein Erinnerungsbild der kinästhetischen Empfindung beim Gehen? – Wenn Du müde bist, oder Schmerzen hast, Muskelschmerzen oder ein Brennen der Haut, – sind die Empfindungen beim Bewegen des Gliedes die gleichen, wie in einem andern Zustand? Aber bist Du dann manchmal im Zweifel, ob Du jetzt wirklich das Bein gehoben hast, weil das Gefühl so ganz anders ist? – Lokalisierst Du wirklich die Empfindungen bei der Bewegung in den Gelenken?
208[2]
Du hörst manchmal Einen sagen “Ich stell mir seine Haltung lebhaft vor” oder “seine Stimme” – aber jemals: “Ich stelle mir die Empfindung bei dieser Handbewegung lebhaft vor”?! Und warum nicht? Stellt man sich’s vor & sagt’s nur nicht?
209[1]
Was sollen wir antworten, wenn uns jemand entgegnet: “Wenn Du einem Menschen bei einer Bewegung die Hand (z.B.) führst, so zeigst Du ihm eben damit ein bestimmtes kinästhetisches Gefühl, welches er dann reproduziert, wenn er die Bewegung nun auf Befehl wiederholt”? Und kann man sagen, daß er wohl von dem Gesichtsbild der Bewegung so geleitet werden könne, aber nicht von einem kinästhetischen Bild?
209[2] &
210[1]
Wie wichtig ist es, daß es eine bildliche Darstellung der visuellen Bewegung gibt & nichts ihr Entsprechendes für die ‘kinästhetische Bewegung’? Mach eine Bewegung, die so ausschaut!” – “Mach eine Bewegung, die diesen Klang erzeugt!” – Mach eine Bewegung, die dieses kinästhetische Gefühl erzeugt! – Das kinästhetische Gefühl richtig kopieren, würde in diesem Fall heißen die Bewegung dem Augenschein nach richtig wiederholen.
210[2]
Denke Dir die Bewegung sehr schmerzhaft, so daß der Schmerz jede andere leise Empfindung an dieser Stelle übertäuben würde.
210[3] &
211[1]
Mach eine Bewegung (etwa wie beim Klavierspielen) mit den Fingern; wiederhole sie, aber mit geringerem Ausschlag. Erinnerst Du Dich, welches der beiden Gefühle Du gestern, etwa, bei der ersten Bewegung hattest? Man sagt etwa: “Nein, diese Bewegung hat gestern etwas anders ausgesehen” – aber auch: Die Bewegung ist nicht ganz die gleiche – ich hatte nicht genau dieses kinästhetische Gefühl”?
211[2]
Denn wir haben natürlich Bewegungsgefühle & wir können sie auch reproduzieren. Besonders, wenn wir eine Bewegung unter den gleichen Umständen in kurzen Abständen wiederholen. Man lokalisiert auch die Empfindungen, aber beinahe nie in den Gelenken, zumeist in der Haut. (Blase die Backen auf! Wo tust Du’s, & wo spürst Du’s?)
211[3] &
212[1]
“Wenn ich das Wort “Maria” als Männername verstehe, fasse ich’s so auf wie Eliah oder ‥‥” Das ist gewiß eine Analyse meiner Empfindung. Aber habe ich beim Aussprechen des Namens “Maria” deswegen an einen solchen Männernamen auf “ah” gedacht? Nein. Es ist eine richtige Analyse der Empfindung & keine wissenschaftliche, d.h., hypothetische Analyse. D.h.: mein Wort, daß das die Analyse ist genügt hier als Evidenz. [Ursache – Motiv] Man könnte ja das Wachstum der Analyse wirklich mit dem Wachsen eines Keims vergleichen. Und in diesem Falle zu sagen “Es steckte schon alles in der Empfindung”, oder “Es wuchs aus ihr als aus einem Keim heraus” kommt auf’s selbe hinaus.
212[2] &
213[1]
Wie viel ist nun (wahr) daran, daß man zwar eine Armbewegung (z.B.) manchmal nach dem Gesichtsbild wiederholt, aber nicht nach einem kinästhetischen Bild? [Denn so sagte ich einmal].
213[2] &
214[1]
08.09.1946
Lenkt man den Arm wirklich manchmal nach einer Gesichtsvorstellung? Ich kann nur sagen: Wenn ich nicht sähe, daß mein Arm sich bewegt hat, nachdem ich, bei weggewandtem Gesicht, geglaubt habe, ihn bewegt zu haben, wäre ich verwirrt & würde wohl meinen Augen trauen. Das Sehen kann mich jedenfalls lehren, ob ich die intendierte Bewegung genau ausgeführt habe, z.B., die Stellung erreicht habe, die ich erreichen wollte; das Gefühl könnte das nicht. Ich fühle wohl, daß ich mich bewege, kann auch ungefähr nach dem Gefühl urteilen, wie, – aber ich weiß einfach welche Bewegung ich gemacht habe, ohne daß man von einem Sinnesdatum dieser Bewegung reden könnte, von einem unmittelbaren innern Bild der Bewegung. Und wenn ich sage “Ich weiß einfach ‥‥” so heißt hier wissen so etwas wie “sagen können” & ist nicht etwa wieder eine Art inneres Abbild.
214[2] &
215[1] &
216[1]
Könnte man das auch so sagen: Um sagen zu können, das Gefühl lehre mich, wo jetzt mein Arm steht, oder wie weit ich ihn bewege, müßte man Gefühle & Bewegungen einander zuordnen können. Man müßte sagen können: ‘Wenn ich das Gefühl ‥‥ habe, dann steht mein Arm erfahrungsgemäß dort’. Oder auch: Man müßte ein Kriterium der Identität der Gefühle haben noch außer dem der ausgeführten Bewegung. Aber ist diese Bedingung, wenn sie überhaupt Sinn hat, für das Sehen erfüllt? Nun, man kann ein Gesichtsbild, z.B., zeichnerisch darstellen. Aber Einem, oder sich selbst, das Gefühl geben, das für’s Beugen des Arms um 30˚ charakteristisch sein soll, ohne eben den Arm zu beugen, das kann man nicht. Beuge den Arm ein wenig! Was spürst Du? – Eine Spannung, oder dergleichen hier & dort, & hauptsächlich das Reiben meines Ärmels. Tu’s nocheinmal! War das Gefühl das gleiche? Ungefähr. Ungefähr an den gleichen Stellen. Begleitet dieses Gefühl immer diese Beugung, kannst Du’s sagen? Nein. Und doch paßt mir an diesem Argument etwas noch nicht.
216[2] &
217[1]
Denk Dir, gewisse Bewegungen erzeugten Töne und man sagte nun, wir erkennen, wie weit wir den Arm bewegt haben, am Ton, der erklingt. Das wäre doch möglich. Aber welche Voraussetzungen müssen dazu erfüllt sein. Es würde z.B. dazu nicht genügen, daß Töne die Bewegungen begleiten; auch nicht, daß sie oft für ähnliche Bewegungen ähnlich sind. Es wäre auch nicht genügend, zu sagen: der Ton müsse eben doch für gleiche Bewegungen eine gleiche Qualität haben, da er das einzige Sinnesdatum ist woran wir die Größe der Bewegung erkennen können.
217[2]
Aber gibt es für Bewegungsgefühle & dergleichen nicht doch eine Art private hinweisende Definition? Ich beuge z.B. einen Finger, & merke mir die Empfindung. Jemand sagt mir nun “Ich werde in Deinem Finger auf die & die Weise, aber ohne daß er sich bewegt, gewisse Empfindungen hervorrufen; sag mir, wenn es die ist, die Du jetzt beim Beugen des Fingers hast.” Könnte ich nun nicht, für meinen eigenen Gebrauch, diese Empfindung “E” nennen, als Kriterium der Identität mein Gedächtnis gebrauchen & nun sagen “Ja, das ist wieder E” etc.?
218[1]
Es wäre dann auch denkbar, daß ich die Empfindung wiedererkennte & daß sie aufträte ohne die Überzeugung, die Bewegung sei geschehen, ohne den Sinn der Bewegung.
218[2]
Meine ‘Errungenschaft’ ist sehr ähnlich der eines Mathematikers, der einen Kalkül erfindet.
218[3] &
219[1]
Ich kann gewiß, z.B., mein Knie mehrere Male hintereinander heben & sagen, ich habe jedesmal die gleiche Empfindung dabei gehabt: Nicht, als hätte ich diese Empfindung immer, wenn ich das Knie hebe, noch, als wäre sie für diese Art der Bewegung charakteristisch, sondern bloß: Ich habe in dieser Reihe von Kniebewegungen dreimal die gleiche, durch die Bewegung hervorgerufene Empfindung gehabt.
219[2]
Gleich sein heißt natürlich hier dasselbe, wie gleich scheinen.
219[3]
Die meisten Bewegungen, die wir im alltäglichen Leben machen, spüren wir überhaupt nicht.
219[4]
Wenn die Menschen nicht manchmal Dummheiten machten, geschähe überhaupt nichts Gescheites.
219[5] &
220[1]
“Ich habe dreimal die gleiche Empfindung gehabt” das beschreibt einen Vorgang in meiner privaten Welt. Aber wie weiß der Andre, was ich meine? Was hier “gleich” heißt? Nun, er verläßt sich darauf daß ich das Wort hier so wie immer gebrauche? Aber was ist in diesem Falle der, dem gewöhnlichen, analoge Gebrauch? Nein, diese Schwierigkeit ist nicht erkünstelt; er weiß wirklich nicht, kann nicht wissen, was in diesem Falle gleiche Gegenstände sind.
220[2] &
221[1]
Ich fürchte mich oft sehr für mein geistiges Gleichgewicht. Es ist ein seltsamer Zustand. Es ist einfach, als bewege sich der Boden ein wenig. Nur genug, um erkennen zu lassen, daß der Grund vulkanisch ist. Ich habe dabei einen sehr leichten Kopfschmerz vorn. Zugleich fühle ich eine gewisse Müdigkeit, eine unheimliche Müdigkeit, eigentlich als hätte alle Fröhlichkeit für mich aufgehört, als wäre sie erloschen, wie es sonst nur im Tode geschieht. Als nähmen die finsteren Mächte von mir Besitz, wie sie es täten, wenn ich mir selber das Leben nähme. Als vor wenigen Tagen Drury von mir Abschied nahm, da sagte er mir: “Believe in miracles!”, und das ist ein schönes Wort.
221[2]
Das rein Körperliche kann unheimlich sein. Vergleiche die Art & Weise, wie man Engel & Teufel darstellt. Was man “Wunder” nennt, muß damit zusammenhängen. Es muß sozusagen eine heilige Gebärde sein.
221[3] &
222[1]
09.09.1946 Das Beispiel von der Motorwalze mit dem Motor in der Walze ist wirklich noch viel besser & tiefer, als ich erklärt habe. Denn, als mir jemand die Konstruktion vorlegte, sah ich wohl gleich, daß sie nicht funktionieren konnte, da man ja die Walze von außen her rollen konnte, auch wenn der ‘Motor’ nicht in Tätigkeit war; aber das sah ich nicht, daß es eine starre Konstruktion & überhaupt keine Maschine war. Und hier ist nun eine enge Analogie mit dem Fall der privaten hinweisenden Definition. Denn auch da gibt es, sozusagen, einen direkten & einen indirekten Weg die Unmöglichkeit einzusehen.
222[2]
Meine Stärke ist es eigentlich, dort Analogien zu sehen, wo man sie gewöhnlich nicht sieht.
222[3] &
223[1]
Ich benannte diese Bewegungsempfindung (mit) “E”. Für den Andern ist sie nun die, welche ich bei dieser Bewegung gehabt habe. Aber für mich? Bedeutet “E” nun etwas anderes? – Nun für mich bedeutet es diese Empfindung. – Aber welche ist dies? denn habe ich vor einer Minute auf meine Empfindung gezeigt, – wie kann ich jetzt wieder auf sie zeigen?
223[2] &
224[1]
Aber nimm doch den Fall an, Einer machte eine Reihe von Armbewegungen & sagte dabei: “Die Empfindung, die ich jetzt im Bein habe, nenne ich ‘E1’” u.s.f.. Später bei verschiedenen Anlässen sagt er: “Jetzt habe ich E3”. U.s.f.. – Solche Äußerungen könnten wichtig sein; wenn wir z.B. gewisse physiologische Korrelate zu den Empfindungen beobachten & also aus seinen Äußerungen Schlüsse ziehen können.
224[2]
Wir würden also sagen: “Bei den Anlässen A, B, C, D, hat er immer die gleiche Empfindung in dieser Körpergegend; & zwar diejenige, die er unter den & den Umständen beim Heben des Arms hatte.” Faß das Wort – den Namen der Empfindung – als Instrument auf! D.h., frage Dich immer, wie dieses Ding gebraucht wird. Wofür es steht, zeigt nur an, wie es verwendet wird – & wie es verwendet wird ist der Ausdruck dafür: es stehe für ….