Ms-136

IIIr[1]

‘Band Q’

1a[2]

18.12.1947 Man muß daran denken, daß es einen Zustand der Sprache geben kann in welchem sie den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht hat, aber doch Wörter entsprechend unseren “sehen”, “hören”, “schmecken”.

1a[3]

Einen so verschwommenen Begriff wie den des “Fühlens” braucht es auch nicht geben; & nichts Leuten ferner liegen, als zu sagen, sie fühlten die Position ihrer Glieder.

1a[4]

Wenn sie nun Sprachspiele mit den Wörtern “sehen”, “hören”, etc. haben, – wie kommen sie auf die Idee der ‘Sinneswahrnehmung’?

1a[5]

Ist er im Zimmer? – Siehst Du ihn? Hörst Du ihn? – Nimmst Du ihn wahr?

1a[6] &
1b[1]

Sinneswahrnehmung ist was uns die Außenwelt kennen lehrt. – Aber heißt das nun, daß dies das das Merkmal ist, das diesen unsern Begriff deformiert? – Wie, wenn ich sagte: Sinneswahrnehmungen nennen wir Sehen, Hören, ‥‥‥ Zwischen diesen Begriffen sind gewisse Zusammenhänge, Analogien, & diese rechtfertigen diese Zusammenfassung.

1b[2]

Man muß an einen Zustand der Sprache denken, in welchem es den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht gibt, wohl aber Wörter analog unsern “sehen”, “hören”, “schmecken”, etc. Ein so vages Wort wie “fühlen”, wollen wir annehmen, gibt es nicht. Und nichts liegt den Leuten ferner, als zu sagen sie fühlten die Stellung ihrer Glieder.

1b[3]

Das Wort “wahrnehmen” könnte man nun auf diese Weise einführen: “Ist jemand in diesem Zimmer? Siehst Du ihn? Hörst Du ihn? Greifst Du ihn? – Allgemein: nimmst Du ihn wahr?

1b[4] &
2a[1]

Sinnesempfindung lehrt uns die Außenwelt kennen. Aber das heißt nicht, daß dieser Begriff für uns so definiert ist Wir nehmen eines schönen Tages “sehen”, “hören” ‥‥․ zusammen & geben ihnen einen gemeinsamen Namen. Dies läßt sich durch verschiedene Analogien & Zusammenhänge rechtfertigen.

2a[2]

Man kann also fragen: Was für Zusammenhänge & Analogien bestehen zwischen Sehen & Hören? zwischen Sehen & Greifen? zwischen Sehen & Riechen? –

2a[3]

Und fragt man das, so rücken die Sinne sozusagen gleich weiter auseinander als sie auf den ersten Blick zu liegen scheinen. Und doch sind Zusammenhänge da.

2a[4]

Sinnesempfindungen können zu gleicher Zeit anfangen & enden, in andere solche Empfindungen übergehen. Der Übergang kann plötzlich & allmählich sein. Ein Ton kann von dort kommen, wo man etwas sieht. Es gibt Mischklänge & Mischfarben. Es gibt Intensitäten des Gehörten & Gesehenen.

2a[5] &
2b[1]

Geht man von da auf den Vergleich zwischen Gesicht & Tastgefühl über, so sehen wir sogleich die große Verschiedenheit zwischen den innern Beziehungen Sehen – Hören & Sehen – Fühlen. Es besteht z.B. in einer Weise die engste Verwandtschaft zwischen Gesicht & Tastgefühl, da ja beim Blinden das eine das andere geradezu ersetzt. Ich kann, ob hier ein Buch liegt, durch Tasten & durch Sehen erkennen. Aber wenn ich nun den einzelnen Gesichtseindruck, das Gesichtsbild mit einem Tasteindruck vergleichen soll, so verschiebt sich der vorige Vergleich zwischen den beiden Sinneswahrnehmungen völlig.

2b[2]

Die Begriffe der Psychologie sind eben Alltagsbegriffe. Nicht von der Wissenschaft zu ihren Zwecken neu gebildete Begriffe wie die der Physik & Chemie. Die Begriffe der Psychologie verhalten sich etwa zu denen der strengen Wissenschaften wie die Begriffe der wissenschaftlichen Medizin zu denen von Pflegeschwestern.

2b[3] &
3a[1]

Man wird nun freilich, um den Fall des Tastens dem des Sehens anzugleichen die kinästhetischen & Positionsempfindungen erwähnen, so daß, was der blind Tastende hätte ein Gemisch von Tastempfindungen & jener andern wäre. Aber mit dem Begriff der kinästhetischen & Positionsempfindungen hat es wieder andere Schwierigkeiten.

3a[2]

Das wichtigste Mittel um dem Andern das Gesichtsbild, das ich habe, mitzuteilen, ist das Bild. Man denkt es sich manchmal als die Wiedergabe der Gesichtsempfindung. Was entspricht ihm für die andern Sinne? Nun, wie ich ein Bild verwende, um zu zeigen, was ich sehe, so ahme ich den Ton nach, um zu zeigen, was ich höre & ich könnte den Andern einen Gegenstand anfassen lassen um ihm mitzuteilen, was ich fühle. Was aber wäre ein Bild für den kinästhetischen Sinn?

3a[3] &
3b[1] &
4a[1]

Ich möchte nun einen Plan der Behandlung der psychologischen Begriffe entwerfen:

Psychologische Verben charakterisiert dadurch daß 3. Person des Präsens durch Beobachtung zu verifizieren, 1. Person des Präsens nicht. Satz in der 3. Person Präsens: Mitteilung, in der 1. Person Präsens Äußerung. Sinnesempfindungen: ihre inneren Relationen & Analogien. Alle haben echte Dauer. Möglichkeit der Angabe des Anfangs & Endes. Möglichkeit der Gleichzeitigkeit des zeitlichen Zusammenfallens. Alle haben Grade & qualitative Mischungen. Grad: kaum merkbar – nicht auszuhalten. In diesem Sinne gibt es nicht Lage- oder Bewegungsempfindung. Ort der Empfindung am Leib: unterscheidet sehen & hören von Druck-, Temperatur-, Geschmacks- & Schmerzempfindung. (Wenn Empfindungen die Lage der Glieder & die Bewegungen charakterisieren, so ist ihr Ort jedenfalls nicht das Gelenk.) Die Lage der Glieder & Bewegungen weiß man. Man kann sie z.B. angeben wenn man gefragt wird. So wie man auch den Ort einer Empfindung (Schmerz) am Leibe weiß. Reaktion des Berührens der schmerzhaften Stelle. Kein lokales Merkmal in der Empfindung. Sowenig wie ein zeitliches am Erinnerungsbild. (Zeitliche Merkmale an der Photographie.) Schmerz von andern Sinnesempfindungen unterschieden durch charakteristischen Ausdruck. Dadurch verwandt der Freude (die keine Sinnesempfindung). “Sinnesempfindungen lehren uns die Außenwelt kennen.”

Vorstellung:

Gehörsvorstellung, Gesichtsvorstellung. Wie von der Empfindung verschieden? Nicht durch “Lebhaftigkeit”. Vorstellungen belehren uns nicht über die Außenwelt, weder richtig, noch falsch. (Vorstellungen sind nicht Halluzinationen.) Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn nicht vorstellen. Verschiedenheit der Sprachspiele: “Schau die Figur an!” & “Stell Dir die Figur vor!”. Vorstellung dem Willen unterworfen. Vorstellung nicht Bild. Welchen Gegenstand ich mir vorstelle, ersehe ich nicht aus der Ähnlichkeit des Vorstellungsbildes mit ihm. Auf die Frage “Was stellst Du Dir vor?” kann man mit einem Bild antworten.

————|————

4b[1]

Man möchte sagen: der vorgestellte Klang sei in einem andern Raum, als der gehörte. (Frage – Warum?)

4b[2]

Ich lese ein Buch & stelle mir während des Lesens, also während des eifrigsten Schauens alles mögliche vor.

4b[3]

Die Beschreibung dessen, was er sich vorstellt, ist eine Beschreibung einer Sinneswahrnehmung. (Man könnte sagen: Ich sehe vor meinem äußeren Auge das & vor meinem innern Auge das.) – – –

4b[4]

(Das Vorstellungsbild der Dorothea schwebt dem Hermann allerdings vor wie ein Nachbild.)

4b[5] &
5a[1]

Wenn Du darüber nachdenkst, schau nicht auf Deine eigene Vorstellung, sondern lieber auf das Vorstellen des Andern. Auf die Sprachspiele muß man sehen, & darauf, wie man sie lernt.

5a[2]

Vorstellen. “Siehst Du sie, wie sie zur Tür hereinkommt? & nun macht man’s nach.

5a[3]

Er hat es gesehen & hat es nicht gesehen.

5a[4]

Er hat es sozusagen ganz blaß gesehen. Aber blaß war es nur zur Erklärung dafür, daß man es sehen konnte zugleich mit dem, was man wirklich sah. Das Bild war das einer durch’s Fenster gesehenen Landschaft, in der man zugleich die Dinge im Zimmer wahrnimmt, die sich in der Fensterscheibe spiegeln, ohne das Bild der Landschaft zu stören.

5a[5]

19.12.1947 Ist Vorstellen geheimnisvoller, als Sehen?

5a[6]

Es ist eigentlich sehr wenig Zusammenhang zwischen Vorstellen & Sehen. Mir scheint es ist die Überschätzung ihrer Ähnlichkeit, die unsre Aufgabe erschwert.

5b[1]

Ja, es könnte Leute geben, die nie sagen, sie sähen etwas vor dem innern Auge, oder dergleichen; & diese könnten doch im Stande sein ‘aus der Vorstellung oder Erinnerung zu zeichnen, zu modellieren, das charakteristische Benehmen Anderer nachzuahmen, etc.. Sie mögen auch, ehe sie etwas aus der Erinnerung zeichnen, die Augen schließen, oder wie blind vor sich hin starrten. Und doch würden sie leugnen, daß sie dann vor sich sehen, was sie später zeichnen. (Zu sagen, diese Leute müßten motorische Vorstellungen haben, ist lächerlich.)

5b[2]

‘Sehen’ ist nämlich mit ‘Schauen’ unzertrennlich verbunden. [D.h., das ist eine Art der Begriffsbestimmung die eine Physiognomie ergibt.] Die Wörter, die beschreiben, was man sieht, sind Eigenschaften der Dinge, man lernt ihre Bedeutung nicht in Verbindung mit dem Begriff des ‘innern Sehens’.

5b[3]

“Ich sehe & sehe doch wieder nicht” könnte der Ausdruck eines Volkes für das Vorstellen sein.

6a[1]

“Was ist der Unterschied zwischen Vorstellen & Sehen?” Die Frage läßt den Unterschied zu gering erscheinen.

6a[2]

Es scheint als würde um den Unterschied zweier Vorgänge gefragt. So wäre es z.B. wenn man fragte, was der Unterschied zwischen den Vorgängen im Nervensystem ist, wenn Einer einmal einen roten Kreis sieht, ein andermal sich einen vorstellt.

6a[3] &
6b[1]

Fragt man aber: “Was ist der Unterschied zwischen einem Gesichtsbild & einem Vorstellungsbild?” – so könnte die Antwort lauten: Das gleiche Gemälde kann darstellen, was ich sehe & was ich mir vorstelle.’ Man kann nicht von Gesehenem & Vorgestelltem sagen, es schaue anders aus! Zu sagen es sei ein Unterschied zwischen Gesichtsbild & Vorstellungsbild, heißt: man stelle sich etwas anders vor als es ausschaut.

6b[2]

Ich hätte früher auch sagen können: Der Zusammenhang zwischen Vorstellen & Sehen ist eng; eine Ähnlichkeit aber gibt es nicht.

6b[3]

(Denn) die Sprachspiele mit den beiden Begriffen sind grundverschieden, – hängen aber zusammen.

6b[4]

Eine Ähnlichkeit ist insofern vorhanden, als, wer etwas sich vorstellt, sich manchmal so benimmt, als sähe er etwas vor sich. (Als zeichnete er etwas ab, was nur er allein sieht, z.B.)

6b[5]

Er sucht sich etwa auf des Andern Gesicht zu besinnen & sagt plötzlich “Ich hab’s!” & nun kann er’s (etwa) zeichnen.

6b[6]

Unterschied: ‘Trachten, etwas zu sehen’ – ‘Trachten sich etwas vorzustellen’. Im ersten Fall sagt man etwa “Schau genau hin!”, im zweiten “Schließ die Augen!”

7a[1]

Das Problem womit ich hier im Grunde beschäftigt bin, ist eigentlich viel wunderbarer, als es vielleicht dem erscheint, der diese Zeilen liest. Denn es ist ein sehr allgemeines begriffliches Problem. (Ähnlich, glaube ich, einem großen Problem der Mathematik.)

7a[2]

Wenn Einer die Augen schlösse & sagte “Ich sehe …”, wie wüßten wir ob er ein Nachbild meint oder eine Vorstellung. Denn das Wort “sehen” müßte uns nicht helfen. – Nun, es wäre die Art & Weise wie er von dem ‘Gesehenen’ redet, die das entschiede.

7a[3] &
7b[1]

So weißt Du also nicht ob Gesehenes (z.B. ein Nachbild) & eine Vorstellung im übrigen nicht ganz gleich ausschauen? (Oder soll es heißen: sind?) – Diese Frage könnte nur eine empirische sein & etwa heißen: “Kommt es vor (oder kommt es oft vor) daß Einer eine Vorstellung längere Zeit ungestört vor der Seele erhalten, & sie so in allen Einzelheiten beschreiben kann, wie etwa ein Nachbild?”

7b[2]

Nein, das Wort “sehen” kann uns natürlich nicht lehren, womit wir’s zu tun haben. Es muß der Zusammenhang sein, in dem es steht.

7b[3]

(Im Englischen heißt “I see” manchmal soviel wie die Interjektion “Aha”.)

7b[4]

“Kannst Du den Vogel noch sehen?” “Ich bilde mir ein, ich kann ihn noch sehen.” Das heißt nicht: Ich stell ihn mir vielleicht vor.

7b[5] &
8a[1]

“Sehen & Vorstellen sind verschiedene Phänomene.” – Die Wörter “sehen” & “vorstellen” werden ungleich verwendet.” “Ich sehe” wird anders verwendet als “Ich stelle mir vor”, “Sieh!” wird anders verwendet als “Stell Dir vor!”, “Ich versuche, es zu sehen” anders als “Ich versuche mir’s vorzustellen.” – “Aber die Phänomene sind eben: daß die Menschen sehen & daß wir uns Dinge vorstellen.” Ein Phänomen ist etwas, das man beobachten kann: Wie beobachtet man nun, daß die Menschen sehen? “Menschen sehen.” – Im Gegensatz wozu? Dazu, etwa, daß alle blind sind? Ich kann z.B. beobachten, daß die Vögel fliegen, oder Eier legen. Ich kann Einem sagen: “Siehst Du, diese Geschöpfe fliegen. Schau, wie sie mit den Flügeln schlagen & sich in die Luft erheben.” Ich kann auch sagen: “Siehst Du, dieses Kind ist nicht blind; es sieht. Schau, wie es der Kerzenflamme folgt.” Aber kann ich mich sozusagen überzeugen, daß Menschen sehen?

8a[2]

Kann ich mir den Fall vorstellen, daß ich sagte: “Ja, Du hast recht: Menschen sehen.” – Oder: “Ja, Du hast recht: die Menschen sehen, so wie ich auch.”

8a[3] &
8b[1]

“Sehen & Vorstellen sind verschiedene Phänomene.” – Die Wörter “sehen” & “vorstellen” haben verschiedene Bedeutung! Ihre Bedeutungen beziehen sich auf eine Menge wichtiger Arten & Weisen des Verhaltens, auf Phänomene des menschlichen Lebens. Die Augen schließen, um sich etwas vorzustellen, ist ein Phänomen; mit verkniffenen Augen angestrengt schauen, ist ein anderes; einem Ding in Bewegung mit den Augen folgen, wieder eins. Denk, Einer sagte: “Der Mensch kann sehen, oder blind sein”!

8b[2]

“Sehen”, “vorstellen”, “hoffen” sind eben nicht Phänomenwörter, könnte man sagen. (Das heißt aber natürlich nicht, daß der Psychologe nicht Phänomene beobachtet.)

8b[3]

Wie soll ich also Sehen, Vorstellen, etc. nennen? “Fähigkeiten”? “Potenzen”? [Psychische Akte]

8b[4]

Der Ausdruck, das Vorstellen unterstehe dem Willen, kann irreführen, weil er’s erscheinen läßt, als wäre der Wille eine Art Motor & die Vorstellungen mit diesem in Zusammenhang, so daß er sie hervorrufen, bewegen, entfernen könnte.

8b[5] &
9a[1]

Soll ich sagen das Wort “sich etwas vorstellen” habe zwei Bedeutungen: die eine das Hervorrufen, Erzeugen, des Vorstellungsbildes, die andere das Sehen des Bildes? Die Worte “Stelle Dir ihn vor wie er zur Tür hereinkommt” mögen die Vorstellung in mir wachrufen, aber dies Hervorrufen nennt man nicht “sich etwas vorstellen”.

9a[2]

Aber wäre es nicht denkbar, daß bei einem Menschen das gewöhnliche Sehen dem Willen unterworfen wäre? – Würde ihn das Sehen dann über die Außenwelt belehren? Hätten denn die Dinge Farben, wenn wir sie sehen könnten, wie wir wollten.

9a[3]

Weil die Vorstellung dem Willen untertan ist, unterrichtet sie uns eben nicht über die Außenwelt. Insofern – aber nicht in anderer Beziehung – ist sie einer Tätigkeit wie dem Zeichnen verwandt. Und doch ist es nicht leicht, das Vorstellen eine Tätigkeit zu nennen.

9a[4]

Wie ist es aber wenn ich Dir sage: “Stell Dir eine Melodie vor”. Ich muß sie mir ‘innerlich vorsingen’. Das wird man ebenso eine Tätigkeit nennen, wie Kopfrechnen.

9b[1]

Denke auch daran, daß man Einem befehlen kann “Zeichne den N.N. nach dem Gedächtnis” & daß, ob er dies tut oder nicht, nicht nach der Ähnlichkeit des Bildnisses entschieden wird. Und dem ist analog, daß ich mir den N.N. vorstelle, auch wenn ich mir ihn falsch vorstelle.

9b[2]

Wenn ich sage die Vorstellung sei dem Willen unterworfen, so heißt das nicht, sie sei gleichsam eine willkürliche Bewegung im Gegensatz zu einer unwillkürlichen. Denn dieselbe Bewegung des Armes etwa, die jetzt willkürlich ist könnte auch unwillkürlich sein. – Ich meine: Es hat Sinn einen Befehl zu geben: “Stell Dir das vor”, oder auch “Stell Dir das nicht vor”.

9b[3]

Aber betrifft die Verbindung mit dem Willen nicht nur, sozusagen, die Maschinerie, durch die die Vorstellung (das Vorstellungsbild) erzeugt, geändert wird? – Es wird hier kein Bild erzeugt; es sei dann Einer fertige ein Bild, ein wirkliches Bild, an.

10a[1]

Man sagt “Ich hab ihn in diesem Augenblick vor mir gesehen” & meint dabei natürlich, man habe ihn nicht gesehen.

10a[2]

Der Dolch den Macbeth vor sich sieht ist kein vorgestellter Dolch. Eine Vorstellung kann man nicht für Wirklichkeit halten noch Gesehenes für Vorgestelltes; aber nicht, weil sie einander so unähnlich sind.

10a[3]

Warum zählt man die Vorstellung nicht zu den Sinneseindrücken? Das heißt nicht: “Warum unterscheidet man zwischen wirklich Gesehenem & Vorgestelltem?” Sondern: Warum nennt man die Gesichtsvorstellung nicht auch einen Sinneseindruck, wenn auch einen andern?

10a[4]

Ich möchte sagen: Weil sie uns nicht über die Außenwelt unterrichten. – Und warum unterrichten sie uns nicht über die Dinge? Weil sie von uns abhängen.

10b[1]

Aber dagegen kann man sagen, daß Vorstellungen oft gegen unsern Willen sich uns aufdrängen & bleiben, sich nicht verscheuchen lassen. Doch aber kann der Wille gegen sie ankämpfen. [Das ist, als nennte ich eine Armbewegung willkürlich, zu der ein Anderer meinen Arm gegen meinen Willen zwingt.]

10b[2]

Sag Dir wieder, wenn Einer darauf besteht, was er “Gesichtsvorstellung” nennt, sei ähnlich dem Gesichtseindruck: daß er sich vielleicht irrt! Oder: Wie, wenn er sich darin irrte? Das heißt: Was weißt Du von der Ähnlichkeit seines Gesichtseindrucks & seiner Gesichtsvorstellung?! (Ich rede vom Andern, weil was von ihm gilt, auch von mir gilt.) Was weißt du also von der Ähnlichkeit? Sie äußert sich nur in den Ausdrücken, die er zu gebrauchen geneigt ist; nicht in dem, was er mit diesen Ausdrücken sagt.

10b[3] &
11a[1]

20.12.1947 “Es ist gar kein Zweifel: die Gesichtsvorstellung & der Gesichtseindruck sind von derselben Art!” Das mußt Du aus Deiner eigenen Erfahrung wissen; & dann ist es also etwas, was für Dich stimmen mag & für Andere nicht. (Und das gilt natürlich auch für mich, wenn ich es sage.)

11a[2]

Nichts ist schwerer, als den Begriffen vorurteilslos gegenübertreten. (Und das ist die Hauptschwierigkeit der Philosophie.)

11a[3]

Sich etwas vorstellen, ist zu vergleichen mit einer Tätigkeit. (Schwimmen.)

11a[4]

Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht. Daß die Bilder kommen & vergehen geschieht uns nicht. Wir sind nicht überrascht von diesen Bildern & sagen “Sieh da! ‥‥․”.

11a[5]

Wir verschäuchen nicht Gesichtseindrücke, aber Vorstellungen.

11a[6]

Könnten wir sie verscheuchen & vor unsre Seele rufen, sie könnten uns nicht über die Wirklichkeit informieren. – So unterscheiden sich Eindrücke von Vorstellungen nur dadurch, daß wir diese bewegen können & jene nicht? Da scheint ja der Unterschied empirisch zu sein! So ist es eben nicht.

11a[7] &
11b[1]

Aber ist es denn undenkbar, daß Gesichtseindrücke sich verscheuchen, oder zurückrufen ließen? Ja, ist es nicht wirklich möglich? Wenn ich meine Hand ansehe & dann bewege ich sie aus dem Gesichtsfeld, habe ich ihren Gesichtseindruck nicht willkürlich abgebrochen? – Aber, wird man mir sagen, so etwas nennt man doch nicht das Bild der Hand verscheuchen! Freilich nicht; aber wo ist der Unterschied? Man möchte sagen: der Wille bewegt die Vorstellungen unmittelbar. Denn wenn ich meinen Gesichtseindruck willkürlich ändere, so gehorchen die Dinge meinem Willen.

11b[2] &
12a[1]

Wie aber wenn die Gesichtseindrücke sich eben unmittelbar regieren ließen? Soll ich sagen: “Dann gäbe es keine Eindrücke, sondern nur Vorstellungen”? Und wie wäre das? Wie erfühle ich z.B., daß der Andre eine bestimmte Vorstellung hätte? Er würde es mir sagen. – Aber wie würde er die dazu nötigen Worte lernen – sagen wir “rot” & “rund”? Denn ich könnte sie ihn doch nicht lehren, indem ich auf etwas Rotes & Rundes zeige. Ich könnte mir nur die Vorstellung hervorrufen, daß ich auf etwas derartiges zeige. Und ich könnte auch nicht prüfen ob er mich versteht. Ja, ich könnte ihn natürlich auch nicht sehen, sondern ihn mir nur vorstellen.

12a[2]

Ist die Annahme nicht überhaupt so wie die, es gäbe in der Welt nur Dichtung & nicht Wahrheit?

12a[3] &
12b[1]

Und ich selbst könnte natürlich auch keine Beschreibung meiner Vorstellungen lernen, noch sie auch selbst erfinden. Denn was hieße es z.B., daß ich mir (jetzt) ein rotes Kreuz auf weißem Grunde vorstelle? Wie sieht denn ein rotes Kreuz aus? So?? – Aber könnte nicht ein höheres Wesen durch Intuition wissen, was ich mir vorstelle, & dies in seiner Sprache beschreiben, wenn sie mir auch unverständlich wäre? – Angenommen dies höhere Wesen sagte “Ich weiß, was sich dieser jetzt vorstellt; es ist dies: ‥‥” – aber wie kann ich das “wissen” nennen? Es ist ja ganz anders, als das, was wir nennen “wissen, was sich der Andre vorstellt”? Wie vergleicht man denn den gewöhnlichen Fall mit jenem erdichteten?

Wenn ich mich in diesem Fall als Dritten denke, so wüßte ich gar nicht, was das höhere Wesen damit meint: es wisse, welche Vorstellung der Mensch hat, der nur Vorstellungen & keine Eindrücke hat.

12b[2]

“Aber kann ich mir nicht doch so einen Fall vorstellen? Vor allem kannst Du über ihn reden. Aber das zeigt nicht daß Du ihn ganz durchgedacht hast. (5 Uhr auf der Sonne.)

12b[3]

Man möchte davon reden, wie ein Gesichtseindruck & wie eine Vorstellung ausschauen. Und etwa fragen: “Könnte nicht etwas so ausschauen, wie z.B. mein gegenwärtiger Gesichtseindruck, sich aber im übrigen benehmen wie eine Vorstellung?” Und hier ist offenbar ein Fehler.

12b[4] &
13a[1]

Aber denk dir dies: Wir lassen jemand durch ein Loch in eine Art Guckkasten schauen, & in diesem bewegen wir nun verschiedene Gegenstände, Figuren, & zwar durch Zufall, oder mit Absicht so, daß die Bewegung gerade die ist die unser Beobachter wollte, so daß er sich einbildet, was er sieht, gehorche seinem Willen. – Konnte der sich nun täuschen; glauben, seine Gesichtseindrücke seien Vorstellungen? Das klingt ganz absurd. Ich brauche ja den Guckkasten gar nicht, sondern muß nur, wie oben, meine Hand betrachten, & sie bewegen. Könnte ich aber auch den Vorhang dort drüben willkürlich bewegen, oder zum Verschwinden bringen so würde ich das doch nie als einen Vorgang in meiner Phantasie deuten.

13a[2]

Ich halte eben von Haus aus einen Eindruck nicht für eine Vorstellung. Aber was heißt das? Könnte ich mir denn den Fall denken, daß ein Anderer es täte? Wie kommt es, daß das nicht denkbar ist?

13a[3] &
13b[1]

Wenn Einer wirklich sagte “Ich weiß nicht, sehe ich jetzt einen Baum, oder stell ich mir nur einen vor”, so würde ich zunächst glauben, er meine: “oder bilde ich mir nur ein es stehe dort einer”. Meint er das nicht, so könnte ich ihn überhaupt nicht verstehen. – Wollte mir aber jemand diesen Fall erklären & sagte “ Er hat eben so außergewöhnlich lebhafte Vorstellungen, daß sie wie Sinneseindrücke ausschauen, verstünde ich’s jetzt?

13b[2]

“Wie kannst Du denn glauben, daß Du Dir das da drüben vorstellst (dabei zeige ich mit der Hand) oder glaubst Du daß Du auch mich Dir vorstellst?”

13b[3]

Denk Dir aber nun dennoch einen Menschen, der sagte “Meine Vorstellungen sind heute so lebhaft, wie wirkliche Gesichtseindrücke” – müßte der lügen, oder Unsinn reden? Nein, gewiß nicht. Ich müßte freilich erst von ihm erfahren, wie sich denn dies zeigt. Sagte er mir aber “Ich weiß oft nicht, ob ich etwas sehe, oder es mir nur vorstelle”, so würde ich das nicht einen Fall überlebhafter Vorstellung nennen.

13b[4] &
14a[1]

Muß man aber hier nicht unterscheiden: sich, sagen wir, das Gesicht eines Freundes vorstellen, aber nicht im Raum der mich umgibt – & anderseits: sich an dieser Wand dort ein Bild, etwa, vorstellen? Man könnte z.B. auf die Aufforderung “Stell Dir dort drüben einen Kopf vor” sich einbilden, wirklich einen dort zu sehen.

14a[2]

Freilich, wenn ich sage “Ist dort nicht wirklich ein Fleck?” & also etwa genauer hinschaue, so gehorcht, was ich hier Vorstellung nenne, nicht meinem Willen. Und eine Einbildung gehorcht ja nicht meinem Willen.

14a[3]

21.12.1947 Die ‘materielle Implikation’ behauptet keinen Zusammenhang zweier Geschehnisse. Unser “Wenn ‥‥ so ‥‥” tut dies aber. Das hängt, wie ich einmal sagte, damit zusammen, daß es im sprachlichen Zusammenhang mit “Wenn … so …” den Konjunktiv gibt, im Zusammenhang mit p⊃q aber nicht.

14a[4] &
14b[1]

Ist der Konjunktiv an die Zeit gebunden? – Gibt es in der Mathematik einen Konjunktiv? Stützt sich nicht der indirekte Beweis auf einen Konjunktiv? “Angenommen es wäre nicht so.” ‥‥․ Aber diesen Konjunktiv kann man wegschaffen. Denn man muß nicht sagen “Aus dem Gegenteil würde ‥‥ folgen”, sondern aus dem Gegenteil folgt ‥‥; es läßt sich daraus ableiten.

14b[2]

Man darf (hier) nicht vergessen, daß die materielle Implikation tatsächlich auch ihre Verwendung, ihre praktische Verwendung, hat; wenn sie auch nicht häufig ist.

14b[3]

Wer den “Satz” “Wenn p so q” verneint, verneint einen Zusammenhang. Er sagt: “Es muß nicht so sein”. Und das Wort “muß” deutet auf den Zusammenhang.

14b[4] &
15a[1]

Aus ~p ∙ ~q folgt nicht “Wenn p, so q”. Es ist nicht aus ~p ∙ ~q zu erschließen. Der Sinn von “Wenn p, so q” ist von dem des Satzes p ⊃ q grundverschieden. Wenn auch ein Zusammenhang besteht. Dieser: p ∙ q, welches die Implikation wahr macht, tut dies auch für den Satz “Wenn – so …”, oder spricht doch für seine Wahrheit. p ∙ ~q widerspricht der Implikation & auch dem Wenn-so-Satz, oder ist seiner Wahrheit nicht günstig. ~p ∙ q & ~p ∙ ~q bewahrheiten die Implikation & entscheiden nichts über die Wahrheit von “Wenn … so …”.

15a[2]

Ich sagte der Satz “Wenn … so …” behaupte einen Zusammenhang. Aber man könnte ihn auch anders verwenden, & in gewisser Beziehung ähnlicher der materiellen Implikation.

15a[3]

Ich könnte z.B. sagen: “Wenn dies eintrifft, so wird das eintreffen. Habe ich recht, so zahlst Du mir einen Schilling, habe ich unrecht, so zahle ich Dir einen, bleibt es unentschieden, so zahlt keiner.” Das könnte man auch so ausdrücken: Der Fall, in welchem die Prämisse nicht eintrifft, interessiert uns nicht, wir reden nicht von ihm. Oder auch: es ist uns hier nicht natürlich die Wörter “Ja” & “Nein” so zu gebrauchen, wie in dem Falle (& solche Fälle gibt es) in welchem uns die materielle Implikation interessiert. Mit “Nein” wollen wir hier sagen “p ∙ ~q”, mit “Ja nur p ∙ q”.

15a[4] &
15b[1]

Es ist z.B. ganz gewöhnlich, auf die Wahrheit einer Vorhersage zu wetten. Wetten wir nun auf die Behauptung “Wenn p eintrifft, so wird q eintreffen”, so wird man zwar auch sagen “Wenn Du recht hast gebe ich Dir ‥․, wenn nicht ‥‥”; aber beim nicht-Eintreffen von p wird die Wette nicht gelten.

15b[2]

Wenn nun aber Einer sagte: “Aber der Satz, die Voraussage, muß doch wahr, oder aber falsch sein!” – – Das sollte doch eine Tautologie sein. Ob es aber eine ist, kommt doch darauf an, wie das Gegenteil des Satzes zu verstehen ist. – Wenn jemand sagt “Wenn p eintrifft, so wird q eintreffen”, & ein Andrer sagt darauf “Das ist nicht wahr”, – soll er damit behaupten, p werde eintreffen, oder soll er es damit nicht behaupten?

15b[3] &
16a[1]

Es handelt sich doch hier um zwei verschiedene Arten der Verwendung der Verneinung eines Satzes. Und so, wie ~~p nicht p ist, wenn die Verdopplung der Verneinung eine Verstärkung der Verneinung bedeutet, so ist auch “p ⌵ ~p”, wie wir die Verneinung gebrauchen, nicht unbedingt eine Tautologie. In dem obigen Falle sollte die Behauptung der Bedingungssatz sei wahr oder aber falsch eigentlich das unbedingte Eintreffen des Ereignisses behaupten. Denn jene Behauptung ist ja, der Bedingungssatz werde nicht unentschieden bleiben.

16a[2]

Der Satz “Die Vorstellung ist dem Willen unterworfen” ist kein Satz der Psychologie.

16a[3]

Ich lerne den Begriff “sehen”, in Verbindung mit “schauen”. Die Verwendung des einen Worts verbunden mit der des andern.

16a[4]

Wenn man sagt “Der Erlebnisinhalt des Sehens & des Vorstellens sei wesentlich derselbe”, so ist das wahr daran, daß ein gemaltes Bild wiedergeben kann, was man sieht & wiedergeben kann, was man sich vorstellt. Nur darf man sich nicht vom Mythus des inneren Bildes täuschen lassen.

16a[5]

Das “Vorstellungsbild” tritt nicht dort ins Sprachspiel ein wo man es vermuten möchte.

16a[6] &
16b[1]

Ich lerne den Begriff “sehen” mit dem Beschreiben dessen, was ich sehe. Ich lerne beobachten & das Beobachtete beschreiben. Ich lerne den Begriff “vorstellen” in einer gänzlich andern Verbindung. Die Beschreibungen des Gesehenen & des Vorgestellten sind allerdings von derselben Art & eine Beschreibung könnte sowohl das eine, als auch das andere sein; aber sonst sind die Begriffe durchaus verschieden. Der Begriff des Vorstellens ist wie der eines Tuns, nicht eines Rezipierens Das Vorstellen könnte man einen schöpferischen Akt nennen. (Und nennt es ja auch so.)

16b[2]

“Ja aber die Vorstellung selbst sowie der Gesichtseindruck ist doch das innere Bild; & Du redest nur von den Verschiedenheiten der Erzeugung, Entstehung, Behandlung des Bildes.” Die Vorstellung ist nicht ein Bild, noch ist der Gesichtseindruck eines. Weder ‘Vorstellung’ noch ‘Eindruck’ ist ein Bildbegriff, obwohl in beiden Fällen ein Zusammenhang mit einem Bild besteht, & jedesmal ein anderer.

16b[3] &
17a[1]

Es kommt mir vor als könne ein religiöser Glaube nur (etwas wie) das leidenschaftliche sich entscheiden zu einem Koordinatensystem sein. Also obgleich es Glaube ist, doch eine Art des Lebens, oder eine Art das Leben zu beurteilen. Ein leidenschaftliches Ergreifen dieser Auffassung. Und die Instruktion in einem religiösen Glauben müßte also die Darstellung, Beschreibung jenes Bezugssystems sein & zugleich ein in’s-Gewissen-reden. Und diese beiden müßten am Schluß bewirken, daß der Instruierte selber, aus eigenem, jenes Bezugssystem leidenschaftlich erfaßt. Es wäre als ließe mich jemand auf der einen Seite meine hoffnungslose Lage sehen, auf der andern stellte er mir das Rettungswerkzeug dar, bis ich, aus eigenem, oder doch jedenfalls nicht von dem Instrukteur an der Hand geführt, auf den zustürzte & ihn ergriffe.

17a[2] &
17b[1]

“Aber könnte ich mir nicht einen Erlebnisinhalt denken von der Art der visuellen Vorstellung, aber dem Willen nicht unterworfen, in dieser Beziehung also wie der Gesichtseindruck?” Hier ist das Irreführende das Reden vom Erlebnisinhalt. Wenn wir von einem fürs visuelle Vorstellen typischen Erlebnisinhalt reden, so muß dieser Inhalt etwas sein, was wir in mir & in Dir vergleichen können. Und, so seltsam es klingt, müßte man, glaube ich, sagen, der Erlebnisinhalt– wenn man überhaupt diesen Begriff hier gebrauchen will – sei für visuelle Vorstellung & visuellen Eindruck der Gleiche. Und das klingt paradox, weil Jeder ausrufen möchte: Du willst mir doch nicht sagen, daß man je diese beiden, Vorstellung & Eindruck, miteinander verwechseln könnte! So wenig, könnte ich antworten, wie z.B. zeichnen & sehen. Aber was gezeichnet & was gesehen wird, mag doch dasselbe sein. Vorstellung & Eindruck ‘schauen’ eben nicht verschieden ‘aus’.

17b[2] &
18a[1]

Man könnte aber eben auch sagen, daß “Erlebnisinhalt” für Vorstellung & Eindruck nicht die gleiche Bedeutung hat, sondern nur verwandte Bedeutungen. Wenn ich mir z.B. ein Gesicht ganz so vorstelle, wie es ausschaut, wenn ich’s später sehe, hätte mein Eindruck & meine Vorstellung den gleichen Erlebnisinhalt. Man kann nicht sagen, es sei nicht der gleiche, da Vorstellung & Eindruck nie gleich aussähen. Der Inhalt der beiden ist also dies – (indem ich etwa auf ein Bild zeige). Aber ich müßte es nicht beidemale “den Inhalt” nennen.

18a[2]

Wenn ich aber nun doch den irreführenden Vergleich machte & anfinge: “Wir haben also im einen Fall Bilder die ich bewegen kann, im andern Bilder, die ich nicht bewegen kann” – welche Rolle soll nun dies Hilfsmittel des Vergleichs spielen?

18a[3]

Ich sagte, die Vorstellung sei schöpferisch; aber sie ist es doch nicht immer: wie wenn Dir z.B. plötzlich eine Erinnerung vor die Seele tritt. Ist es da nicht wirklich, als würde Dir, von außen, ein Bild gezeigt? – Aber es gibt auch hier wieder kein Schauen.

18a[4]

Vorstellung & Intention. Auch in sofern ist vorstellen dem Schaffen eines Bildes zu vergleichen, als ich mir nicht den vorstelle dem mein Vorstellungsbild ähnlich ist, sondern den, den ich mir vorstellen will.

18b[1]

Nichts ist schwerer als den Begriffen vorurteilsfrei gegenüberstehen! – Denn das Vorurteil ist ein System, – also eine Form des Verständnisses, wenn auch nicht das richtige Verständnis. Vorurteilsfrei sein heißt aber: das Gewicht nicht irgendwo abstellen, sondern in der Schwebe halten.

18b[2]

Einmal wird vielleicht aus dieser Zivilisation eine Kultur entspringen. Dann wird es eine wirkliche Geschichte der Erfindungen des 18., 19. & 20. Jahrhunderts geben, die voll von tiefem Interesse sein wird.

18b[3]

Kann man auf Nachbilder schauen? Man kann sie beobachten; sie können uns überraschen; wir können abwarten, ob sie sich so, oder so verändern werden.

18b[4] &
19a[1]

22.12.1947 Ich glaube, wenn man Vorstellen mit einer Körperbewegung vergleicht, wie das Atmen, das manchmal willkürlich, manchmal unwillkürlich geschieht, so darf man den Sinneseindruck gar nicht mit einer Bewegung vergleichen. Nicht so kann der Unterschied gefaßt werden, daß das eine geschieht, ob wir’s wollen, oder nicht, während wir das andere regieren. Vielmehr ist der eine Begriff dem einer Handlung ähnlich, der andre nicht. Der Unterschied ist eher wie der zwischen Sehen, daß meine Hand sich bewegt – & Wissen (ohne sie zu sehen) daß ich sie bewege.

19a[2]

Ich muß erst Logik lernen.

19a[3]

“Wenn ich die Augen schließe, steht er vor mir.” – Man könnte sich denken, daß solche Ausdrücke nicht gelernt, sondern poetisch, spontan gebildete sind. Daß sie uns also “treffend scheinen’.

19a[4]

“Ich sehe ihn deutlich vor mir!” – Nun, vielleicht steht er wirklich vor Dir. – “Nein, dazu ist mein Bild zu wenig lebhaft.” –

19a[5]

Wenn ich sage “die Vorstellung untersteht dem Willen” (oder dergleichen) so verführt das zu der Frage, ob nicht auch der Sinneseindruck dem Willen unterstehen könnte. Und da bin ich offenbar auf falscher Fährte.

19b[1] &
20a[1]

Könnten wir uns nicht diese Erscheinung denken: Wir seien im Stande indem wir einen Lichtschirm anschauen auf ihm nach Willkür, ‘durch den bloßen Willen’, Bilder zu erzeugen, zu bewegen, verschwinden zu lassen, etc., Bilder die nicht bloß, der sie erzeugt, sondern auch der Andre sieht. – Wäre, was ich auf diesem Schirm sehe, so etwas wie eine Vorstellung? Oder vielleicht richtiger gefragt: Hieße “ich sehe ‥‥ auf dem Schirm” etwas ähnliches wie: “ich stelle mir ‥‥ vor”? – oder soll ich sagen, der Satz “Auf dem Schirm zeigt sich jetzt ‥‥” entspreche “Ich stelle mir ‥‥ vor”? Nein; so ist es nicht. Die Schwierigkeit ist hier, daß ich keinen klaren Begriff davon habe ‘die Bilder durch den Willen zu erzeugen’ etc.. Denn eigentlich ist ja der Fall nicht ganz phantastisch: Ich kann mir ja wirklich auf einer fleckigen Wand alles mögliche vorstellen; & wenn der Andre, wenn er auf die Wand schaut immer wüßte was ich mir vorstelle, so wäre der Fall nun ähnlich dem oben beschriebenen. “Durch den bloßen Willen bewegen” was heißt es? Etwa daß die Bilder meinem Willen immer genau folgen, während meine zeichnende Hand, mein Bleistift, das nicht tut? Immerhin wäre es ja dann doch möglich zu sagen: “Für gewöhnlich stelle ich mir ganz genau vor, was ich will; heute ist es anders ausgefallen”. Gibt es denn “ein Mißlingen der Vorstellung”?

20a[2]

Wenn nicht, so will man das etwa so erklären, daß die Vorstellung masselos ist & dem Willen keinen Trägheits- oder andern Widerstand entgegensetzt.

20a[3]

Nein; “ich sehe auf dem Schirm ‥․” kann nicht meinem Vorstellen entsprechen. Auch nicht “ich projiziere auf den Schirm ‥‥” – denn dann könnte es gelingen & mißlingen. Eher noch das: “Für mich ist, was auf diesem Schirm ist, jetzt ein Bild von ‥‥․”

20a[4] &
20b[1]

Es gibt freilich ein Sprachspiel mit dem Befehl “Stell Dir ‥‥․ vor!” – aber ist es denn wirklich ohne weiteres gleichzusetzen dem: “Dreh Deinen Kopf nach rechts!”? Oder auch so: Hat es denn ohne weiteres Sinn, zu sagen, Gesichtsbilder, innere Bilder, folgten meinem Willen? (Wohlgemerkt: nicht “meinem Wunsch”.)

20b[2]

Denn das wovon man normalerweise sagt es folge, oder folge nicht, dem Willen sind nicht “innere Bilder”. Es ist also nicht klar daß man den Begriff dieses Folgens ohne weiteres auf die andere Kategorie anwenden kann.

20b[3]

(Daß man nämlich die ‘Willkürlichkeit’ der Vorstellung nicht mit der der Bewegung von Körpern vergleichen kann, ist klar, denn, ob die Bewegung stattgefunden hat, das zu beurteilen sind auch Andere befähigt; während es bei der Bewegung meiner Vorstellungen immer nur darauf ankäme, was ich zu sehen behaupte, was immer irgendein Anderer sieht. Es würden also die sich bewegenden wirklichen Gegenstände aus der Betrachtung herausfallen, da es auf sie gar nicht ankäme.)

20b[4]

Sagte man also: “Vorstellungen sind innere Bilder, ähnlich, oder ganz so, wie meine Gesichtsempfindungen, nur meinem Willen untertan” – so hätte das bis auf weiteres noch keinen Sinn.

21a[1]

Denn wenn Einer zu berichten gelernt hat, was er dort sieht, oder was ihm dort zu sein scheint, so ist es doch noch nicht klar, was der Befehl bedeute, er solle jetzt das dort sehen, oder es solle ihm jetzt das dort zu sein scheinen.

21a[2]

Es ist freilich eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Vorstellen & einer Handlung, die sich eben in der Möglichkeit des Befehls ausdrückt; aber der Grad dieser Verwandtschaft muß erst untersucht werden.

21a[3]

“Bewege Dein inneres Bild” könnte heißen: bewege den Gegenstand.

21a[4]

“Bewege was Du siehst”

Es könnte auch heißen: Nimm etwas ein, was Deine Gesichtseindrücke beeinflußt.

21a[5] &
21b[1]

Welches merkwürdige Phänomen, daß ein Kind wirklich die menschliche Sprache lernen kann! Daß ein Kind ohne irgend etwas zu wissen anfangen kann &, auf sicherem Wege, diese ungeheuer komplizierte Technik erlernt. Dieser Gedanke kam mir als mir, in einem bestimmten Fall, zum Bewußtsein kam wie ein Kind mit nichts anfängt, & eines Tages die Negation gebraucht, wie wir!

21b[2]

23.12.1947 Mit dem Satz “Vorstellungen sind willkürlich, Empfindungen nicht” unterscheidet man nicht Empfindungen von Vorstellungen, sondern die Sprachspiele, in denen wir’s mit diesen Begriffen zu tun haben.

21b[3]

Es gibt, was man Erscheinungen des Sehens & Erscheinungen des Vorstellens nennen kann; & den Begriff des Sehens & den Begriff der Vorstellung. Man kann von ‘Unterschieden’ innerhalb dieser Paare reden.

21b[4]

“Die Vorstellung ist willkürlich” heißt nicht, sie kommt, wenn man sie ruft; die andere nicht. Denn es heißt auch nicht, das Phänomen des Vorstellens ist mit dem Phänomen des Wollens anders verbunden, als ‥‥‥

21b[5] &
22a[1]

Betrachte den Unterschied zwischen dem Begriff ‘Bewegung’ & dem Begriff ‘Handlung’. –

22a[2]

Wenn man sagt “Die Vorstellung hat es mit dem Wollen zu tun”, so meint man dieselbe Art des Zusammenhangs, die man mit dem Satz meint “Die Vorstellung hat es nicht mit der Beobachtung zu tun”.

22a[3]

Ich sagte, es gebe Phänomene des Sehens, – was meinte ich damit? Nun etwa alles das was sich auf Gemälden darstellen läßt & mit “sehen” beschrieben würde. Das genaue Beobachten; das Anschauen einer Landschaft; ein Mensch vom Licht geblendet; der freudig überraschte Blick; das Wegwenden um nicht sehen zu müssen. Alle die Arten des Benehmens, die den sehenden Menschen vom Blinden unterscheiden. (Es hat doch einen Grund, warum mir gerade diese Situationen hier einfallen)

22a[4]

Phänomene des Sehens, – das ist was der Psychologe beobachtet.

22b[1]

Einer sagt: “Ich sehe ein Haus mit grünen Fensterläden”. Und Du: “Er sieht es nicht, er stellt es sich nur vor. Er schaut ja gar nicht; siehst Du, wie er vor sich hin starrt?” Man könnte sehr beiläufig auch sprechen: “So sieht es nicht aus, wenn jemand etwas sieht; sondern wenn er sich etwas vorstellt.” Hier vergleichen wir Erscheinungen des Sehens mit Erscheinungen des Vorstellens. So auch, wenn wir zwei Leute eines fremden Stammes beobachteten, die während einer bestimmten Tätigkeit ein Wort gebrauchen, welches wir für ein Äquivalent unseres “sehen” erkannt haben. Und wie wir nun ihren Gebrauch jenes Worts bei dieser Gelegenheit beobachten, schließen wir, es müsse hier “vor dem innern Auge sehen” bedeuten. Ebenso könnte man auch zu dem Schluß kommen, das Wort müsse hier verstehen bedeuten.)

22b[2]

Anders ist es, wenn man die Begriffe unterscheidet.

22b[3] &
23a[1]

Was heißt es z.B., daß ‘sehen’ mit ‘beobachten’ zusammenhängt? – Wenn wir “sehen” gebrauchen lernen, so lernen wir es zugleich, & in Verbindung, mit “schauen” gebrauchen, mit “beobachten” etc..

23a[2]

Wie wir den Schachkönig in Verbindung mit den Bauern gebrauchen lernen, & das Wort “König” zusammen mit dem Wort “Schachmatt”.

23a[3]

Ein Sprachspiel umfaßt ja doch den Gebrauch mehrerer Wörter.

23a[4]

Nichts kann falscher sein, als zu sagen, Sehen & Vorstellen seien verschiedene Tätigkeiten. Das ist, als sagte man, Schachspielen & Verlieren seien verschiedene Tätigkeiten.

23a[5] &
23b[1]

Die Worte “Vorstellen ist willkürlich, sehen nicht”, oder ähnliche, können einen irreleiten. Wenn wir als Kinder lernen, die Worte “sehen”, “schauen”, “vorstellen” gebrauchen, so spielen dabei Willenshandlungen & Befehle hinein. Aber in andrer Weise für jedes der drei Wörter. Das Sprachspiel mit dem Befehl “Schau!” & mit dem Befehl “Stell Dir vor ‥‥!” – wie soll ich sie nur vergleichen? – Wenn wir jemand abrichten wollen, daß er auf den Befehl “Schau ‥‥!” reagiert & wenn wir ihn dazu abrichten wollen, daß er den Befehl “Stell dir ‥‥ vor!” versteht, so müssen wir ihn doch offenbar ganz anderes lehren. Reaktionen, die zu diesem Sprachspiel gehören, gehören zu jenem nicht. Ja, ein enger Zusammenhang der Sprachspiele ist natürlich da; aber eine Ähnlichkeit? – Stücke des einen sind Stücken des andern ähnlich, aber die ähnlichen Stücke sind nicht homolog.

23b[2] &
24a[1]

Ich könnte mir etwas ähnliches bei wirklichen Spielen denken. Es könnte etwa in zwei grundverschiedenen Spielen – Spielen die in wichtigem Sinne einander viel unähnlicher wären, als Dame & Schach – ein und dasselbe Brett mit denselben Zügen vorkommen, nur, wenn ich so sagen darf, in einer andern Stellung. Im einen Spiel könnte es z.B. die Aufgabe sein, den Andern mattzusetzen; im andern wäre der ganze Verlauf des Mattsetzens zum voraus gegeben, & die beiden Spieler hätten mit Bezug auf ihn eine Aufgabe (ganz) anderer Art. Es wären den Spielern z.B. zwei Wege des Mattsetzens gegeben, & sie müßten die beiden in psychologischer Hinsicht vergleichen. So gibt es ein Spiel: ein Kreuzworträtsel auflösen; & ein anderes: mehrere mir gegebene Auflösungen eines Kreuzworträtsels in irgendeinem Sinne auf ihre Güte zu prüfen.

24a[2]

Wenn man versucht, Vorstellen & Sehen miteinander zu vergleichen – wobei uns aber nicht klar ist, daß es sich da nicht um die Vergleichung zweier Erscheinungen handelt – so kommt uns sehr stark zu Bewußtsein, das Vorstellen sei etwas Spezifisches, was sich nicht durch etwas anderes (Bilder, Willkürlichkeit & Unwillkürlichkeit, etc.) begreiflich machen lasse.

24a[3]

Das Sehen untersteht dem Willen in anderer Weise, als das Vorstellen. Oder: ‘sehen’ & ‘vorstellen’ haben zum ‘wollen’ verschiedene Beziehung.

24a[4] &
24b[1]

Nun scheint es aber doch als wären Vorstellungen matte Spiegelungen der Sinneseindrücke. Wann scheint es so, & wem? Es gibt natürlich ein klar & unklar in den Vorstellungen. Und wenn ich sage “Mein Vorstellungsbild von ihm ist viel unbestimmter als mein Gesichtseindruck, wenn ich ihn sehe, so ist das wahr, denn ich kann ihn aus der Vorstellung auch nicht annähernd so genau beschreiben, als wenn ich ihn vor uns habe. Es kann aber doch geschehen daß eines Menschen Gesicht sich so trübt, daß er einen Andern viel unschärfer sieht, als er sich ihn vorstellen kann.

24b[2]

I.A. Richards spricht davon, daß beim Verstehen eines Satzes die Bewegungsempfindungen, angefangener Bewegungen, ja vielleicht die Vorstellungen solcher Empfindungen eine Rolle spielen.

24b[3]

Kann ich mir z.B. die Empfindungen in meinen Füßen beim Gehen vorstellen?

24b[4] &
25a[1]

Ich finde, ich kann mir einen stechenden Schmerz im Zahn vorstellen; dazu ist nötig daß ich meine Zähne leicht zusammenschlage. – Warum nenne ich nun, was ich habe eine ‘Vorstellung eines stechenden Schmerzes’; in wiefern ist sie einer Gesichtsvorstellung zu vergleichen? Hat sie wirklich dieselbe Beziehung zu einer Schmerzempfindung wie eine Gesichtsvorstellung zu einem Gesichtseindruck?

25a[2]

Wenn ich mir, & ein Andrer sich, einen Schmerz vorstellen kann, oder wir doch sagen, daß wir’s können, – wie kann man herausfinden, ob wir uns ihn richtig oder genau, vorstellen?

25a[3]

Wenn ich das Gesicht meines Freundes nach der Vorstellung sehr genau zeichnen kann, wird man sagen, ich habe ihn mir genau vorgestellt. Ich mag aber eine Menge über seine Züge wissen, ohne sie mir vorstellen zu können. Wenn ich mir nun einen Schmerz vorstelle & ich kann ihn sehr genau beschreiben, – gibt es ein Kriterium dafür, daß ich nicht nur das & das von ihm weiß, sondern es auch in der Vorstellung empfinde?

25a[4]

Und wie ist es dann mit der Vorstellung einer Bewegungsempfindung?

25a[5] &
25b[1]

Oder denken wir an die Erinnerung an einen Geruch. Wie oft geschieht es, daß wir ausrufen, wir hätten uns gerade an den Geruch dieses & dieses Raumes, Kleidungsstückes etc. erinnert. – Gibt es hier ein Kriterium dafür, daß unsre Erinnerung richtig war? – Nun man könnte sich denken, daß einem dann eine Probe einer Substanz gezeigt würde von der wir wüßten sie habe jenen Geruch bewahrt, & man könnte uns fragen: War es dieser Geruch, den Du Dir vorgestellt hast. Denn sich auf jene Weise an den Geruch erinnern, heißt nicht zu wissen, er sei so oder so gewesen, stechend, oder süßlich, etc. etc.. Vielmehr kommt es uns vor als hätten wir irgendwie eine Nase voll von diesem Geruch bekommen.

25b[2] &
26a[1]

24.12.1947 Könnte es nicht Leute geben, die die Züge eines Menschen aus dem Gedächtnis höchst genau beschreiben könnten, ja, die auch sagen, jetzt wüßten sie plötzlich wie er ausschaut, – die aber die Frage, ob sie den Menschen in diesem Augenblick in irgend einem Sinne ‘vor sich sähen’ (oder dergleichen) unbedingt verneinten? Leute also denen der Ausdruck “ich sehe ihn vor mir” durchaus nicht passend vorkäme? Dies scheint mir eine sehr wichtige Frage. Oder auch: die wichtige Frage ist, ob diese Frage Sinn hat. – Denn, was für einen Grund habe ich, zu glauben, daß das nicht unser Aller Fall ist? Oder, wie kann ich die Frage entscheiden, daß der Andre (ich nehme mich einstweilen aus) sich jemand wirklich ‘visuell vorstellt’, oder nur im Stande ist ihn visuell zu beschreiben (zu zeichnen, etc.)? plus dem Faktum, daß er, wenn ich so sagen darf, eine ‘Erleuchtung’ kennt, oder einen Zustand der Erleuchtung, ähnlich dem ‘jetzt weiß ich’s’. (Echte Dauer.)

26a[2]

Die visuelle Vorstellung ist eben nicht nur durch das Zeichnen-Können & dergl. charakterisiert, sondern auch durch feinere Abschattungen des Benehmens.

26a[3]

Was sehen wir als Kriterium dafür an, daß Einer sich ein Gesicht, oder eine Haltung z.B. lebhaft vorstellt? Doch, daß er sie beschreiben, nachahmen, zeichnen kann. Er gibt freilich auch Äußerungen von sich, wie den Ausruf “Jetzt sehe ich ihn deutlich” u. dergl. aber diese sind doch nur zusammen mit jenen Fähigkeiten maßgebend.

26a[4] &
26b[1]

D.h., es könnte sein, daß die Unterscheidung, die, ich oben machte, zwischen eigentlichem Vorstellen & einer Erleuchtung mit der Fähigkeit zu beschreiben, – daß dieser Unterschied gar nicht existiert. Oder, daß es hier zwar Unterschiede gibt, aber von anderer Art als jene Unterscheidung es erwarten ließe. Und zwar meine ich nicht nur den Unterschied: daß gewissen Leuten der Ausdruck “vor dem innern Auge sehen” höchst passend, Andern nicht passend erscheint, sondern auch sehr wichtige Unterschiede in der Art & Weise, wie sie das ‘Vorgestellte’ beschreiben, zeichnen, etc. Ich meine Unterschiede, aus denen man etwa geneigt wäre, (meiner Meinung nach irrig) einen Schluß zu ziehen: “in ihnen muß eben etwas anderes vorgehen”.

26b[2]

Anderseits aber kann die Unterscheidung zwischen den verschiedenen ‘innern Vorgängen’ eben die Wichtigkeit der Unterschiede der äußeren betonen.

26b[3] &
27a[1]

Zu dem Sprachspiel mit “vorstellen” gehört jedenfalls die Beschreibung der Vorstellung. (Das heißt nicht, daß nicht in Grenzfällen eine Äußerung vorkommen kann: “Ich kann mir’s genau vorstellen, aber absolut nicht beschreiben. Ein Spiel läßt Grenzfälle zu – eine Regel Ausnahmen – aber Ausnahmen & Regel könnten nicht ihre Rolle vertauschen, ohne das Spiel zu vernichten. Der ‘Übergang von der Quantität zur Qualität’?)

27a[2]

“Wenn Ausnahme & Regel ihre Rolle vertauschen, so ist es eben nicht mehr dasselbe!” – Aber was heißt das? Etwa, daß sich dann mit einem Schlage unsre Einstellung zu dem Spiel ändert? Ist es, als kippte, nach einem allmählichen Beschweren der einen & Erleichtern der andern Schale, der Waagebalken, nicht allmählich, um?

27a[3]

Wie könnte nun die Beschreibung der Vorstellung einer Bewegungsempfindung ausschauen?

27a[4]

Ich möchte nun mit der früher unterbrochenen Klassifizierung der psychologischen Begriffe fortfahren.


27a[5] &
27b[1] &
28a[1] &
28b[1]

Gemütsbewegungen. Ihnen gemeinsam echte Dauer, ein Verlauf. (Zorn flammt auf, läßt nach, verschwindet.) ebenso Freude, Depression, Furcht. Unterschied von den Empfindungen: sie sind nicht lokalisiert (auch nicht diffus!) Gemeinsam: sie haben ein charakteristisches Benehmen (Gesichtseindruck) & daraus folgt schon – auch charakteristische Empfindungen. So geht die Trauer oft mit dem Weinen einher & mit dem Weinen verschiedene charakteristische Empfindungen. (A lump rising in the throat. Die tränenschwere Stimme.) Aber die Empfindungen sind nicht die Gemütsbewegung (in dem Sinne wie die Ziffer 2 nicht die Zahl 2.) Unter den Gemütsbewegungen könnte man gerichtete von ungerichteten unterscheiden. Furcht vor etwas, Freude über etwas, etc. Dies etwas ist das Objekt, nicht die Ursache, der Gemütsbewegung. Das Sprachspiel “ich fürchte mich” enthält schon das Objekt. Angst könnte man ungerichtete Furcht nennen, insofern ihre Äußerungen eng verwandt mit denen der Furcht sind. Der Inhalt einer Gemütsbewegung – darunter stellt man sich so etwas vor, wie ein Bild, oder etwas wovon ein Bild gemacht werden kann. (Die Finsternis der Depression, die sich auf einen herniedersenkt, die Flammen des Zornes.) Man könnte auch das menschliche Gesicht ein solches Bild nennen & den Verlauf der Leidenschaft durch seine Veränderungen darstellen. (Zum Unterschied von den Empfindungen:) Sie unterrichten uns nicht über die Außenwelt. (Grammatische Bemerkung.) Liebe & Haß könnte man Gemütsdispositionen nennen; auch Furcht in einem bestimmten Sinne. Es ist eines, akute Furcht empfinden, & ein anderes, jemand ‘chronisch’ fürchten. Aber Furcht ist keine Empfindung. ‘Schreckliche Furcht’: sind es die Empfindungen, die so schrecklich sind? Könnte man die Furcht medizinisch behandeln, wie den Schmerz? Indem man alle Furchtempfindungen lindert? Typische Ursachen des Schmerzes einerseits, der Depression, Trauer, Freude anderseits. Ursache dieses zugleich ihr Objekt. Das Benehmen des Schmerzes & das Benehmen der Traurigkeit. – Man kann diese nur mit ihren äußeren Anlässen beschreiben. (Wenn die Mutter das Kind alleinläßt mag es vor Trauer weinen; wenn es hinfällt, vor Schmerz.) Benehmen & Art des Anlasses gehören zusammen.

28b[2]

Eine blaugrüne Flamme: der starke einzigartige Eindruck, aber nicht der Eindruck der reinen, primären Farbe. Auch einprägsam. Primäre Farbe: die Wasserscheide im Farbenkreis.

28b[3]

Du mußt bedenken, wie man zum Begriff der Trauer kommt. (Seelenloser Stamm.) Und anderseits zum Begriff des Schmerzes.

28b[4]

Vielleicht wird man sagen: Wie kann man den Begriff ‘Schmerz durch die Schmerzanlässe charakterisieren? Schmerz ist doch was er ist – was immer ihn veranlaßt! Frage jedoch: Wie identifiziert man Schmerz?

28b[5]

Aber der Anlaß bestimmt den Gebrauch des Schmerzsignals.

28b[6] &
29a[1]

Die Verwendung des Schmerzbegriffs ist eben auf bestimmte Weise in unserm Leben eingebettet. Ist charakterisiert durch ganz bestimmte Zusammenhänge. Wie es einen Zug mit dem Schachkönig nur in einem bestimmten Zusammenhang gibt. Er läßt sich aus diesem Zusammenhang nicht lösen. – Denn dem Begriff entspricht eine Technik. (Der Mund lächelt nur in einem Gesicht.)

29a[2]

Nur in mitten gewisser normaler Lebensäußerungen gibt es eine Schmerzäußerung; nur inmitten von, noch viel weitgehender, bestimmter Lebensäußerungen den Ausdruck der Trauer, oder der Zuneigung. U.s.f..

29a[3]

Gemütsdispositionen (Liebe z.B.) kann man prüfen, Gemütsbewegungen nicht.

29a[4] &
29b[1]

Die Gemütsbewegungen besitzen ihre charakteristischen Gedanken. (Vom Schmerz kann man dies aber auch sagen.) Was man ‘Schmerzgedanken’ nennen könnte, wird sich z.B. mit der Abhilfe, oder der Ursache des Schmerzes beschäftigen. Von solchen Gedanken sagt man aber nicht sie seien ‘schmerzlich’. Vergleiche aber ‘traurige Gedanken’, ‘fröhliche Gedanken’, ‘Furchtgedanken’. Die Furchtgedanken gehören zum Bild der Furcht, wie das Furchtbenehmen. Was einer in seiner Furcht spricht, gehört ja zum Furchtbenehmen.

29b[2]

Ich will sagen, daß typische Gedanken mit der Furcht, dem Zorn, etc. anders verbunden sind, als (typische Gedanken) mit dem Körperschmerz. Hier aber wären die Trauer, oder der Gram, die Sorge, die Sehnsucht, die Hoffnung bessere Beispiele als Furcht & Zorn. Furcht & Zorn ist auch tierisch, nicht (aber) Gram.

29b[3]

Ich möchte sagen: Gemütsbewegungen können die Gedanken färben, der Schmerz nicht. Und darum redet man von traurigen Gedanken nicht aber in analoger Weise von schmerzlichen. Es ist als könnte man sagen: Furcht oder gar Hoffnung könne geradezu ‘aus Gedanken bestehen’, aber doch nicht Schmerz. Nun Schmerz hat vor allem die Merkmale der Empfindung, & Furcht nicht. Furcht hängt mit Befürchtungen zusammen & Befürchtungen sind Gedanken.

29b[4] &
30a[1]

Die Hoffnung kann man eine Gemütsbewegung nennen. D.h., sie mit Furcht, Zorn, Freude zusammenstellen. Sie ist verwandt mit dem Glauben, der keine Gemütsbewegung ist. Es gibt keinen typischen Körperausdruck des Glaubens. Der Glaube hat nicht echte Dauer. Es ist aber die Frage, ob man nicht von der Hoffnung dasselbe sagen muß. Vergleiche die Bedeutung von “ununterbrochener Schmerz” – mit: “ununterbrochener Zorn”, “– Jubel”, “– Trauer”, “– Freude”, “– Furcht”; & anderseits “ununterbrochener Glaube”, “– Hoffnung”. Die Hoffnung mag im Gesicht aufzucken, aber es gibt keinen dauernden Gesichtsausdruck der Hoffnung.

30a[2]

Heißt “hoffen” nicht: mehr oder weniger bestimmt glauben, es werde eintreffen, was man wünscht? Aber man fürchtet sich, sehnt sich von Früh bis abends, erwartet von Früh bis Abends, hofft ebenso, aber glaubt nicht von Früh bis abends. Weil die Furcht, die Sehnsucht, die Erwartung, die Hoffnung mit ihnen einhergehende Äußerungen haben, nicht aber der Glaube.

30a[3] &
30b[1]

Aber auch Furcht, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung sind schwer mit einander zu vergleichen. Die Sehnsucht ist eine Beschäftigung in Gedanken mit einem bestimmten Objekt. Die Furcht vor einem Ereignis (apprehension) scheint von ähnlicher Art zu sein, nicht aber die Furcht vor dem Hund, der mich anbellt. Es könnten hier zwei verschiedene Worte gebraucht werden. Ebenso kann “erwarten” bedeuten: glauben das & das werde geschehen– aber auch: die Zeit mit erwartenden Gedanken & Tätigkeiten hinbringen, also harren.

30b[2]

Ist es aber nicht ein wichtiger Unterschied zwischen Furcht, Hoffnung, Gram & Zorn, daß “ich fürchte” & “ich hoffe” zwar Äußerungen von Furcht & Hoffnung sind, nicht aber “ich bin zornig” & “ich gräme mich” Äußerungen von Zorn & Gram?

30b[3] &
31a[1]

Vergleiche: den Zornanlaß & das Zornbenehmen mit dem Gramanlaß & dem Grambenehmen & mit dem Furchtanlaß & dem Furchtbenehmen. Und tu das Gleiche, wenn es möglich ist, für Freude, Trauer, Sehnsucht, Hoffnung, Erwartung, Verzweiflung, Mißtrauen, Vertrauen, u.a..

(Welche von ihnen wird man “Leidenschaften” nennen können?)

31a[2]

Der Glaube ist keine Beschäftigung mit dem Gegenstand des Glaubens. Die Furcht die Sehnsucht die Hoffnung aber beschäftigen sich mit ihrem Objekt.

31a[3]

Wie beschäftigen sich Furcht, Sehnsucht, Hoffnung, Gram mit ihrem Objekt?

31a[4]

Beschäftigen sich Sehnsucht & Zorn in gleichem Sinne mit ihrem Objekt? [Die Vieldeutigkeit des Ausdrucks “sich mit etwas beschäftigen”]

31a[5]

Wir sagen in einer wissenschaftlichen Untersuchung alles Mögliche; machen viele Aussagen, deren Rolle in der Untersuchung wir nicht verstehen. Denn wir sagen ja nicht etwa alles mit einem bewußten Zweck, sondern unser Mund geht eben. Wir gehen durch herkömmliche Gedankenbewegungen, machen, automatisch, Übergänge gemäß den Techniken, die wir gelernt haben. Und nun müssen wir erst was wir gesagt haben sichten. Wir haben eine ganze Menge unnütze, ja zweckwidrige Bewegungen gemacht, müssen nun unsre Gedankenbewegungen philosophisch klären.

31b[1]

25.12.1947 Wenn ich Furcht naiv beschreiben sollte, würde ich sagen: sich vor etwas fürchten, heißt: daran denken mit einem sonderbaren Gefühl im Magen & vielleicht in den Gliedern. – Oder ich würde das ganze Furchtbenehmen eines Menschen beschreiben: Wie er von dem Gefürchteten redet, was er denkt, was er fühlt, wie er handelt.

31b[2]

Denk wieder an das seelenlose Volk: Was ist es in ihrem Benehmen, das uns den Begriff ‘Furcht’ bei einem Bericht über sie anwenden läßt. Denk an die Zeichen der Furcht vor einem Objekt, das Zurückweichen, Fliehen, etc.; & an die Zeichen der Furcht vor dem Kommenden Haben sie den Begriff der Furcht so müssen sie sagen können “ich fürchte mich” & “er fürchtet sich”. Es ist für uns hier gleichgültig, ob sie beidemale das gleiche Wort gebrauchen. (Wir tun es ja übrigens auch nicht, da die Endungen verschieden sind.)

31b[3] &
32[1]

Wenn ich nun sage, ich fürchte mich, – tu ich’s, weil ich, wenn auch nicht an mein Benehmen, doch an die organischen Gefühle denke, an die Furchtgedanken, an meine Unfähigkeit mich mit andern Dingen zu befassen, etc.? Ist “Ich fürchte mich!” ein Bericht? Ebensowenig, wir das ängstliche Zurückweichen, oder das Wimmern der Furcht.

32a[2]

Aber wie, wenn einer erzählt: “Ich fürchte mich vor Hunden”? Es ist dann ein Bericht keine Furchtäußerung. Und doch hängt es mit der Furchtäußerung zusammen. Ich könnte Einem sagen “Ich fürchte mich vor Hunden”; dann kommt uns ein Hund entgegen & ich sage “Siehst Du, ich fürchte mich!” Das ist eben die komplizierte Verwendung des Worts “fürchten”.

32a[3] &
32b[1]

Wenn ich aber nun sage: “Ich habe mich den ganzen Tag vor seinem Kommen gefürchtet” – da könnte ich doch ins Einzelne gehen (& sagen): Ich habe gleich beim Erwachen gedacht: ‥‥‥․ Dann überlegte ich mir ‥‥ Ich sah immer wieder zum Fenster hinaus, etc. etc.. Das könnte man einen Bericht über die Furcht nennen. Wenn ich aber damals zu jemand sprach “Ich fürchte mich ‥‥” – ist das gleichsam ein Stöhnen der Furcht, oder eine Betrachtung über meinen Zustand? – Es könnte das eine aber auch das andere sein: Es mag einfach ein Stöhnen der Furcht sein; es mag aber auch sein, daß ich dem Andern berichten will, wie ich den Tag verbracht habe. Wenn ich ihm nun sagte: “Ich habe den ganzen Tag in Furcht verbracht (nun folgen vielleicht Einzelheiten) & auch jetzt bin ich voll Angst” – was sollen wir nun über dieses Gemisch von Bericht & Äußerung sagen? – Nun, was sollen wir sagen – als daß wir hier die Verwendung des Wortes “Furcht” exemplifiziert sehen.

32b[2]

Wohl; aber daß der Begriff der Furcht der Begriff eines Seelenzustandes ist, liegt doch darin, daß wir von uns selbst (nicht auf Grund einer Beobachtung) dasselbe sagen, wie vom Andern (den wir beobachten). Das ist es, was diesen Begriff zum Begriff des Seelenzustandes macht.

33a[1]

Aber Du siehst eben, daß es unter den Begriffen der Seelenzustände große Unterschiede gibt.

33a[2] &
33b[1]

Denk Dir den Fall, wenn ich, bei einer bestimmten Gelegenheit, nur einen furchtvollen Gedanken habe; eine furchtvolle Minute. (A pang of fear.) – Ich sage vielleicht: “Gott! wenn er nur nicht ‥‥” – Worin lag es, daß der Gedanke furchtvoll war? In einem Gefühl, das ihn begleitete? Und was ist so ein Gefühl? Ist es körperlich, wie ein Schmerz? Und, wenn nicht, – warum nennt man’s dann “Gefühl”? Wo ist die Ähnlichkeit? – Und wenn man mir dann sagt: “Du hast Dich gefürchtet, er könnte ‥‥․” & ich sage “Ja, ich habe für einen Moment große Angst gehabt” – wenn ich da ein Gefühl meinte, – wie bezog es sich auf das, was ich befürchtete? Wenn es Leute gäbe, die in den Fällen, wo wir Befürchtungen mit Angstgefühlen aussprechen, einen stechenden Schmerz in der linken Seite empfänden, – würde dies Stechen bei ihnen den Platz unsres Furchtgefühls einnehmen? – Wenn wir also diese Leute beobachteten, &, sooft sie eine Befürchtung aussprächen, d.h. etwas sagten was bei uns jedenfalls eine Befürchtung wäre, & sie zuckten dabei zusammen & hielten sich die linke Seite, – würden wir sagen: Diese Leute empfinden ihre Furcht als stechenden Schmerz? Offenbar nicht. –

33b[2]

Nein: Schmerzbenehmen ist nicht Furchtbenehmen, & Furchtbenehmen ist nicht das, des Menschen, der sich mit irgend einem körperlichen Leiden beschäftigt. Es könnte wohl ein Wort dafür geben, daß ich typische Furchtempfindungen, oder auch Furchtreaktionen (Zittern, Schwäche) habe.

33b[3] &
34a[1]

Das Furchtsignal ist eine bestimmte Reaktion in bestimmten Lagen. Aber ist nicht die Furcht wie ein geistiger Krampf?! Nun, warum soll ich sie nicht einen geistigen Krampf nennen – – aber, wie verwendet man nun dies Wort? Was ist denn ein geistiger Krampf? wie weiß ich, daß Einer einen hat? Wie nimmt man ihn wahr – d.h.: was heißt in diesem Falle “ihn wahrnehmen”? – Und wenn ich selbst sage “Ich habe ihn”, was meine ich damit? & das heißt ja wieder: Wie verwende ich das Wort? –

34a[2]

Wie wird der Ausdruck “ein geistiges Leiden” verwendet? – Ist ein ‘geistiges Leiden’ in Wirklichkeit ein körperliches Leiden? Unsinn! – Aber natürlich ist es nicht ein Unwohlgefühl, das woanders lokalisiert ist, als im Körper.

34a[3]

Wenn ich sage “Ich bin traurig” betrachte ich mich & mache eine Bemerkung über mich? Nein, die Verwendung ist ganz anders. Aber was meine ich, wenn ich’s sage? Nun, nichts, worauf ich deuten könnte, weder außen noch in mir. Der graue Schatten der Trauer ist, (möchte ich sagen,) eine Personifikation. Ich meine nicht dies – weder in mir noch außer mir.

34a[4]

Es ist mir nicht leicht von einem Träger des Worts abzusehen & den Blick auf die Verwendung zu richten!

34a[5]

Denn man will sagen: “Wir haben also ein Leiden. Nun, ist es nicht da, so ist es eben woanders.”

34b[1]

Warum verwendet man aber das Wort “Leiden” für die Furcht & auch für den Schmerz? Nun, es sind ja Verbindungen genug. –

34b[2]

Denke, man sagte: Fröhlichkeit wäre ein Gefühl, & Traurigkeit bestünde darin daß man nicht fröhlich ist. – Ist denn die Abwesenheit eines Gefühls ein Gefühl?

34b[3]

Ich fühle mich traurig”, sagt man. Was meint man damit: worauf spielt man an? – Nun, ich möchte sagen: auf gar nichts.

34b[4]

Vor allem kann es doch selbstverständlich einen Bericht über meine Furchtgedanken & Furchthandlungen – sagen wir, während des heutigen Tages, & mit Bezug auf ein bestimmtes Ereignis – geben.

34b[5] &
35a[1]

Wenn ich sage “Ich habe immer mit Furcht daran gedacht” – hat die Furcht meine Gedanken begleitet? – Wie stellt man sich die Trennung des Begleiteten & der Begleitung vor? Man könnte fragen: Wie durchdringt die Furcht den Gedanken? Denn sie scheint nicht nur mit ihm entlang zu gehen.

35a[2]

Wenn ich sage “Ich denke mit Beklemmung daran” so könnte es allerdings so scheinen, als ob der Gedanke, etwa die Worte, mit einem besondern Gefühl in der Brust einhergingen & darauf angespielt würde. Aber die (weitere) Verwendung dieses Satzes ist eben anders. Man sagt auch: “Es beklemmt mir den Atem, daran zu denken” & meint nicht nur, daß erfahrungsgemäß die & die Empfindung & Reaktion diesen Gedanken begleiten. Wer z.B. Einem auf jene Äußerung antwortete “Es tut mir leid, daß Du immer dieses unangenehme Gefühl in der Brust hast, wenn Du von ‥‥ redest” – der hätte die Klage mißverstanden.

35a[3]

Auf die Äußerung “Ich kann nicht ohne Furcht daran denken ‥‥” antwortet man etwa: “Es ist kein Grund zur Furcht, denn ‥‥”. [Das ist jedenfalls ein Mittel, Furcht zu beseitigen, im Gegensatz zu Schmerzen.]

35a[4] &
35b[1]

Ist Ekel eine Empfindung? – Hat er einen Ort? – Und er hat einen Gegenstand, wie die Furcht. Gibt es dem Ekel charakteristische Empfindungen? Gewiß!

35b[2]

(Man kann diese Probleme nur mit irgendwelcher Hoffnung auf Erfolg behandeln, indem man ein weites Feld behandelt.)

35b[3]

Wenn Einer sagt “Mir ekelt unaussprechlich bei dem Gedanken …”, so wünscht er nicht, daß man ihm eine Medizin, z.B. Magentropfen, gebe.

35b[4]

Worin bestehen denn Furchtgedanken? Sind es solche, die den meisten Menschen Furcht einflößen würden? Ich nehme an, ich teile Einem mit, ich hätte mit Bezug auf eine bestimmte Sache heute viele Furchtgedanken gehabt. Was hat er von dieser Mitteilung, wie kann er sie verwenden. Es hätte auch sein können, daß ich meine Furchtgedanken alle geändert habe. Unter diesen Furchtäußerungen fingen auch einige mit “Ich fürchte mich …” an.

35b[5] &
36a[1]

Wenn ich einem mitteile: “Ich habe den ganzen Tag gefürchtet ‥‥”, so kann er sich ausmalen, wie, etwa, ich den Tag verbracht habe.

36a[2]

Ja, Du mußt Dich immer fragen: Was wird durch diese Sätze dem Andern mitgeteilt? & das heißt: Welche Verwendung kann er nun davon machen?

36a[3]

“Ich fürchte mich” kann natürlich unter Umständen (einfach) soviel heißen wie der Schrei “Nicht! – Nicht!” – aber es kann auch sein, daß Einer mich vor meinem Gang zum Zahnarzt fragt “Fürchtest Du Dich?” & ich antworte “Ja, ich fürchte mich.” Und dies ist gewiß kein Angstschrei; man wird es einen Bericht über meine Stimmung nennen.

36a[4]

Wenn Einer sich vor einer Operation fürchtet, so kann er wünschen, daß man ihm eine Morphiuminjektion gibt, die ihm die Furcht nimmt. Hier behandelt er also Furcht wie einen Schmerz.

36b[1]

Ich sagte früher: die Gemütsbewegungen, im Gegensatz zu den Empfindungen, lehrten uns nichts über die Außenwelt. Aber wie belehrt mich der Magenschmerz über die Außenwelt, es sei denn über meinen Magen & über das was ich gegessen habe. Aber so kann mich ja auch meine Furcht über den Zustand meines Nervensystems belehren & tut dies auch oft. Man kann oft sagen: Ich bin jetzt so schreckhaft, mein Körper braucht Schlaf, oder Vitamine, etc.. Nein, hier ist mir noch viel unklar!

36b[2]

Ich konstatiere, ich habe Furcht: besinne ich mich dazu meiner Gedanken in der letzten halben Stunde, oder laß ich mir rasch einen Gedanken an den Zahnarzt durch den Kopf gehen, um zu sehen, wie er mich affiziert; oder konnte mir ein Zweifel kommen, ob es wirklich Furcht vor dem Zahnarzt ist & nicht ein anderes organisches Unwohlgefühl?

36b[3] &
37a[1]

Oder ist das Konstatieren, ich habe Furcht, wie ein äußerst gemildertes Stöhnen der Furcht? Nein; denn mit dem Stöhnen will ich dem Andern nicht unbedingt etwas mitteilen. Die Konstatierung ist, sozusagen, ein Teil eines Gesprächs.

37a[2]

Wenn ich Einem erzähle “Als er auf mich zukam, wich ich vor Furcht zurück”, so teile ich ihm nicht nur das mit, was der Satz ohne die Wörter “vor Furcht” besagt hätte.

37a[3]

Kann man sagen: “Ich fürchte mich vor der Operation nur, während ich gerade an sie denke”? Kann mir nicht vor etwas grauen, auch während ich nicht, sozusagen, ausdrücklich darüber nachdenke. Kann ich Einem nicht sagen “Mir graut vor diesem Zusammentreffen”, obwohl ich das Ereignis sozusagen nur aus dem Augenwinkel sehe. (“at the back of my mind”)

37a[4]

Was ich nicht weiß ist, ob man so einen Zustand der Seele ein Konglomerat von Zuständen nennen kann. Prima facie ist es wahrscheinlich, daß uns solche Konglomerate interessieren, daß wir von ihnen reden.

37a[5] &
37b[1]

Mir scheint, ich bin noch weit von dem Verständnis dieser Dinge, nämlich von dem Punkt, wo ich weiß, worüber ich sprechen muß, & worüber ich nicht zu sprechen brauche. Ich verwickle mich immer noch in Einzelheiten, ohne zu wissen, ob ich über diese Dinge überhaupt reden sollte; & es kommt mir vor daß ich vielleicht ein großes Gebiet begehe, nur um es einmal aus der Betrachtung auszuschließen. Auch in diesem Falle aber wären diese Betrachtungen nicht wertlos; wenn sie sich nämlich nicht etwa nur im Kreise herumbewegen.

37b[2] &
38a[1]

01.01.1948 Vergessen wir doch einmal ganz, daß uns der Seelenzustand des Fürchtenden interessiert. Gewiß ist, daß uns auch sein Benehmen unter gewissen Umständen, als Anzeichen für zukünftiges Verhalten interessieren kann. Warum sollten wir also nicht dafür ein Wort haben. Es kann dies ein Verbum, oder Adjektiv sein, der Ausdruck kann analog dem sein “Er fürchtet ‥‥” oder “Er hat Furcht vor ‥‥”, oder “Er ist furchtsam vor ‥‥”. Man könnte nun fragen, ob dies Wort sich wirklich einfach auf das Benehmen, einfach auf die Veränderungen des Körpers, bezöge. Und das können wir verneinen. Es liegt uns ja nichts daran, den Gebrauch dieses Worts so zu vereinfachen. – Es bezieht sich auf das Benehmen unter gewissen äußern Umständen. Wenn wir diese & jenes beobachten, sagen wir Einer sei ‥‥․ Wenn das Wort in der ersten Person gebraucht wird, ist die Analogie mit dem Gebrauch in der dritten Person dieselbe, wie die von “ich schiele” & “er schielt”.

38a[2] &
38b[1]

Der Behauptungssatz mit dem Verbum in der ersten Person “Ich …” ist natürlich nicht gleichbedeutend unserm “Ich fürchte ‥‥”. Ob die dritte Person mit der dritten Person “Er fürchtet …” gleichbedeutend ist, ist ein Problem. Vor allem könnte man nun fragen ob man jene dritte Person auch dann anwendet wenn einer ‘Furcht heuchelt’ oder auf dem Theater darstellt. Nun auf dem Theater fehlen ja die ‘Umstände’ unter denen die Behauptung gemacht werden soll. Wenn Einer aber unter ‘furchtbaren’ Umständen ‘Furcht heuchelt’, so werden wir unser Wort anwenden. Wir könnten uns aber auch eine noch kompliziertere Anwendung denken. Und zwar wäre dies eine solche, daß das spätere Benehmen auch noch einen Schluß darauf zuließe, ob die Behauptung “Er ‥‥” richtig war. Wer z.B. in einer bestimmten Lage zuerst Furchtbenehmen zeigt gleich darauf aber lacht von dem könnte man dann leugnen er habe ein echtes Furchtbenehmen gezeigt. Man könnte also zwischen echtem & unechtem Furchtbenehmen unterscheiden.

38b[2] &
39a[1]

Ich will nur sagen, daß Menschen, welche einen solchen Begriff gebrauchen, seinen Gebrauch nicht müßten beschreiben können. Und sollten sie es versuchen, so könnten sie eine ganz unzulängliche Erklärung geben. (Wie die meisten, wenn sie versuchen wollten die Verwendung des Geldes richtig zu beschreiben.) Es ist z.B. möglich, daß sie diese Aussage von einem Menschen machen, ohne doch recht sagen zu können, welches Benehmen in ihm sie dazu veranlaßt. Sie könnten sagen “Ich sehe es; aber ich weiß nicht genau, was ich sehe.” Wie wir sagen: “Es hat sich etwas an ihm verändert, aber ich weiß nicht genau, was”. Und die künftige Erfahrung mag ihnen Recht geben.

39a[2]

Es könnte nun sein, daß Leute ein Verbum hätten, dessen dritte Person sich genau mit unserm “Er fürchtet sich ‥‥” deckt; dessen erste Person aber nicht mit unserm “Ich fürchte mich”. Denn jene Behauptung in der ersten Person würde sich auf Selbstbeobachtung stützen. Sie wäre nicht die Äußerung der Furcht, & es gäbe ein “Ich glaube, ich ‥‥”, “Es kommt mir vor, ich ‥‥”. Diese erste Person hätte nun, so scheint es mir, keine, oder eine sehr geringe Verwendung. Würde mein Benehmen in einer bestimmten Situation gefilmt, so könnte ich, wenn mir der Film vorgeführt wird sagen: “Mein Benehmen macht den Eindruck ‥‥”.

39a[3] &
39b[1]

Das “Ich glaube, er fühlt, was ich unter solchen Umständen fühle” gibt es hier noch nicht: Die Interpretation, daß ich in mir etwas sehe, was ich in ihm vermute. Denn in Wahrheit ist das eine rohe Interpretation. Ich vermute – im allgemeinen – die Furcht nicht in ihm, – ich sehe sie. Es ist mir nicht, als schlösse ich aus einem Äußeren auf die wahrscheinliche Existenz eines Innern; sondern als sei das menschliche Gesicht quasi durchscheinend, & ich sähe an ihm nicht reflektiertes, sondern eigenes Licht.

39b[2]

“Mir graut davor.” – Das ist nicht ein Konterfei von etwas was ich sehe. Ja, so wie ich schaue, sehe ich nichts, oder nicht eigentlich, was ich meinte. Es ist dann, es wäre dies ein so feiner Schleier, daß ich von ihm wissen, aber ihn nicht eigentlich sehen könnte. Als wäre das Grauen ein ganz feines dumpfes Geräusch neben den Tagesgeräuschen, das ich nur merken & nicht eigentlich hören könnte.

39b[3] &
40a[1]

Denk Dir, ein Kind, das lange nicht recht sprechen lernen konnte, gebrauche plötzlich den Ausdruck, den es von den Erwachsenen gehört hatte, “Mir graut vor ‥‥”. Und sein Gesicht & die Umstände & was folgt lassen uns sagen: Es hat das wirklich gemeint. (Man könnte ja immer sagen: “Eines schönen Tages gebraucht nun das Kind das Wort.”) Ich habe den Fall des Kindes herangezogen, weil hier, was in ihm vorgeht, uns noch fremder erscheint als im Erwachsenen. Was weiß ich, so möchte ich sagen – von einem Hintergrund der Worte “Mir graut …”? Läßt das Kind mich plötzlich in sich hinein schauen?

40a[2]

Die Worte “Mir graut” werden wohl zuerst Träger eines bestimmten Tonfalls sein & einer bestimmten Miene.

40a[3] &
40b[1]

Wenn man nun sagt: “Mir graut sooft ich daran denke” – so klingt es, als sagte man so etwas wie “Ich fühle ‥‥, sooft ich daran denke”. Aber es ist eben doch nicht so aufzufassen, als hätte man dann immer die & die Empfindungen. Und doch ist es wahr, daß ich im Zustand der Furcht bestimmte, & charakteristische Empfindungen, in Brust & Magen z.B., haben kann! Und doch wieder sind diese nicht die Furcht! Aber das heißt nun nicht, daß die Furcht etwas außer ihnen, im selben Raum wie sie ist. (Wenn Bunyan berichtet seine religiöse Angst sei mit einem furchtbaren Gefühl in der Magengegend einhergegangen, so kann man nicht sagen, er hätte nicht so wehleidig sein sollen.)

40b[2]

Diese Sache erinnert auch an das Hören eines Geräusches aus einer bestimmten Richtung. Es ist beinahe als fühlte man die Beschwerde in der Magengegend aus der Richtung der Furcht. D.h. eigentlich daß “Mir ist schlecht vor Furcht” nicht eine Ursache der Furcht angibt.

40b[3] &
41a[1]

“Du machst Dir’s leicht” könnte man sagen – “Du erklärst einfach alles, was Du nicht analysieren kannst, als eine spezifische unauflösliche psychologische Erscheinung.” Nun, das ist wahr, insofern ich nicht mehr tun kann, als das Gemeinsame der psychologischen Sprachspiele anzudeuten.

41a[2]

Daß es ein Furchtkonglomerat (z.B.) gibt, heißt nicht, daß Furcht ein Konglomerat ist.

41a[3]

Zustände: “er hat jetzt Schmerzen”, “er hat jetzt wieder Anfälle”, “Hörst Du: der Vogel singt.”, “Der Vogel singt jetzt wieder” “Er pflegt jetzt wieder zu singen”. Vielleicht das Harren aber nicht das Erwarten.

41a[4] &
41b[1]

Gibt es psychologische Konglomerate; & ist das Erwarten eines? Irgend etwas spricht in mir gegen das Letztere. Es ist wohl wahr: wenn ich jemand den ganzen Tag erwarte, auf ihn harre so tue ich eine Reihe charakteristischer Handlungen. Wenn ich z.B. jemand vor der Haustür höre, schau ich aus dem Fenster. Aber, fragte mich jemand “Warum schaust Du hinaus” so würde ich ihm antworten “Ich will sehen, ob es nicht so & so ist”. Die Intention der verschiedenen Handlungen ist immer dieselbe & ist das richtige. – Es ist nun nicht so, als hätte ich manchmal das reine Gefühl der Erwartung; manchmal wieder handelte ich auch erwartend.

41b[2]

Der Unterschied zwischen meinem Philosophieren & dem Andren ist eigentlich: daß, was ich als (die) Vorbereitung zur Klärung hinschreibe, sie als philosophische Erklärung ansehen.

41b[3]

Ich fange an: “Ich bin geneigt, zu sagen ‥‥‥ ‥‥” – Und das heißt: die rechte Formulierung ist noch nicht gefunden. Denn ist sie gefunden, so nehmen wir den Ausdruck als selbstverständlich hin, & weder Neigung noch Abneigung ist mehr vorhanden.

41b[4] &
42a[1]

Jemand erwarten, kann natürlich einfach heißen: glauben, er werde kommen. – In diesem Sinne würde ich auch Einen erwarten, während ich nicht an ihn denke. – Es kann aber auch heißen: im Hinblick auf sein Kommen, d.h. mit dieser Intention, handeln, reden, denken. So daß man Einem der sagt “Ich habe ihn sehnsüchtig den ganzen Tag erwartet” widersprechen kann: “Du hast ja gar nicht an ihn gedacht”. Welches kein Widersprechen wäre, hätte er gesagt: “Ich habe sein Kommen erwartet” – oder “Ich wußte, daß er kommen wird”.

42a[2]

Sage ich “Ich erwarte sehnsüchtig sein Kommen”, so heißt das: ich beschäftige mich mit seinem Kommen (in Gedanken – & man kann auch sagen: in Gedanken & Handlungen.) Den Zustand des sehnsüchtigen Erwartens kann man also ein Konglomerat nennen. Aber es ist nicht, sozusagen, ein Konglomerat von Handlungen einer bestimmten Art, sondern es geht um die Intention der Handlungen, also um ein Motiv, nicht eine Ursache.

42a[3] &
42b[1]

Wer nun sagt “Ich erwarte sehnsüchtig sein Kommen”, teilt der mir mit, er denke immer an so & so, handle in diesen Gedanken etc.? Stattet er mir einen Bericht ab über diese seine Gedanken & Handlungen? – Sagte er z.B. “Du findest mich in sehnsüchtiger Erwartung des so & so”, dann wäre es so. Er könnte nun amplifizieren & was er tat & dachte beschreiben.” Ich erwarte ihn sehnsüchtig” aber kann einfach heißen: “Ach, wenn er nur schon käme!”

42b[2] &
43a[1]

Nun, hier haben wir eine Wortreaktion, zu der Blick & Stimme gehören. Und Blick & Stimme könnten unter den geeigneten Umständen das Gleiche ausdrücken. Wenn einer das Bild eines Menschen liebend an seine Brust drückt – was empfindet der? – – Das ist ein Liebesausdruck. Ob er echt ist, zeigt sich, wie es sich eben zeigt. Wenn Du ihn fragst, was er dabei empfunden hat, wird er vielleicht sagen “Liebe”. Aber diese Antwort ist doch selbst verwandt, wenn auch nicht identisch, mit einer Liebesäußerung. Und hier kommen wir allerdings zu einem wichtigen Punkt: Nämlich dazu, daß der Äußerung, die der ursprünglichen, primitiven Reaktion entspringt, auch ein Berichten, eine Mitteilung, entspricht. Ich sage dem Doktor “Ich habe Schmerzen” & das ist kein Schrei oder Stöhnen. [Das heißt etwa: es kann ein Teil eines ruhigen Gesprächs sein.]

43a[2]

Was aber macht diese Worte zur Mitteilung, zum Bericht, & unterscheidet sie von der Schmerzäußerung? Der Schmerz ‘erpreßt’ sie nicht. Sie sind etwa die Antwort auf eine Frage. Sie sind nicht vor allem Träger einer Intonation. – Was aber verknüpft sie dann trotzdem mit einer Schmerzäußerung?

43a[3] &
43b[1]

Wenn ich sage, ich verwende die Worte “Ich habe Schmerzen” “Ich sehne mich nach ihm”, etc., als Mitteilung nicht als Naturlaut so charakterisiert dies meine Intention. Ich will z.B. daß der Andre darauf in bestimmter Weise reagiere. Hier bin ich aber noch die Erklärung des Begriffs der Intention schuldig & die Intention ist nicht etwa nur eine Art Empfindung auf die ich alles reduzieren will, der ich, sozusagen, alles in die Schuhe schiebe. (Denn die Intention ist keine Empfindung.)

43b[2]

Wenn wir Furcht, Trauer, Freude, Zorn, etc. Seelenzustände nennen, so heißt das, daß, der Furchtvolle, Trauervolle, etc., die Mitteilung machen können: “Ich bin im Zustand der Furcht”, etc., daß diese Mitteilung – sowie die primitive Äußerung – nicht auf einer Beobachtung beruht.

43b[3] &
44a[1]

Es gibt doch nun Furchtgedanken, Trauergedanken, Schmerzgedanken, Hoffnungsgedanken etc., oder auch Sätze, die der Ausdruck dieser Gedanken sind. Ich könnte auch sagen Furchtreden, Trauerreden etc. Damit meine ich aber nicht die Sätze “Ich fürchte mich …” etc., sondern Sätze aus denen man, sozusagen, meine Furcht etc. erraten kann. Oder auch: Im Reden dessen der sich in einem dieser Zustände befindet wird sich sein Zustand äußern; einerseits dadurch, daß er ihn mitteilt, anderseits aber auch durch seine anderweitigen Reden (z.B. durch sein Verweilen bei gewissen Gesprächsthemen.) Diese Anzeichen seines Seelenzustands sind analog denen in seinem übrigen Benehmen.

44a[2]

Gemütsbewegung & Stimmung. Gemütsbewegung = Wallung des Gemüts. Furcht, Sehnsucht, Trauer, u.a., können aufwallen. Zorn ist eine Wallung.

44a[3]

Absicht, Intention, ist weder Gemütsbewegung, Stimmung, noch Empfindung oder Vorstellung. Sie ist kein Bewußtseinszustand. Sie hat nicht echte Dauer. Die Absicht kann man eine seelische Disposition nennen. Dieser Ausdruck ist insofern irreführend als man eine solche Disposition in sich nicht durch Erfahrung wahrnimmt. Die Neigung zur Eifersucht dagegen ist eine Disposition im eigentlichen Sinne. Erfahrung lehrt mich, daß ich sie habe.

44b[1]

“Ich beabsichtige” ist nicht die Äußerung eines Erlebnisses. Es gibt keinen Schrei der Absicht, sowenig wie des Wissens oder Glaubens.

44b[2]

Wohl aber könnte man den Entschluß, mit welchem oft eine Absicht beginnt, ein Erlebnis nennen.

44b[3]

Ist der Entschluß ein Gedanke? Er kann das Ende eines Gedankenganges sein.

44b[4]

Die Intention kann einen plötzlichen Anfang nehmen, sich plötzlich ändern. Ich kann mich plötzlich daran erinnern, daß ich das & das tun wollte. Man zuckt zusammen & erklärt dann: “Es ist mir gerade eingefallen, daß ich ‥‥․”

44b[5]

Einer sagt mir etwas; ich schaue ihn erstaunt an; er erklärt ‥‥․ Mein fragender Blick war gleichbedeutend der Frage: “Wieso?” oder “Was meinst Du?” oder “Warum?” oder “Das willst Du tun, wo Du doch immer ‥‥․?” Der plötzliche Gedanke.

45a[1]

Absichtlich – unabsichtlich. Willkürlich – unwillkürlich. Was ist der Unterschied zwischen einer Handbewegung ohne besondere Absicht, & der gleichen Handbewegung als Zeichen gemeint.

45a[2] &
45b[1] &
46a[1]

02.01.1948 Denken wir uns daß Einer eine Arbeit verrichtet, in der es ein Vergleichen, Versuchen, Wählen gibt. Er stellt etwa einen Gebrauchsgegenstand aus gewissen Materialstücken mit gegebenen Werkzeugen her. Immer wieder entsteht das Problem “Soll ich dies Stück dazu nehmen?” – Das Stück wird verworfen, ein anderes versucht. Stücke werden versuchsweise zusammengestellt, auseinandergenommen; es wird nach einem passenden gesucht, etc. etc.. Ich denke mir nun diesen ganzen Hergang gefilmt. Der Arbeitende gibt etwa Laute von sich wie “Hm –”, oder “Ha!”. Sozusagen Laute des Zögerns, des plötzlichen Findens, des Entschlusses, der Zufriedenheit, der Unzufriedenheit; aber kein Wort wird geredet. Jene Laute mögen im Film aufgenommen werden. Der Film wird mir vorgeführt; & ich erfinde nun ein Selbstgespräch des Arbeitenden, welches zu seiner Arbeitsweise, dem Rhythmus seiner Arbeit, seinem Mienenspiel, seinen Gebärden & Naturlauten paßt, welches all dem entspricht. Ich lasse ihn also manchmal sagen “Nein, das Stück ist zu lang. Vielleicht paßt ein andres besser.” – oder “Was soll ich jetzt tun? – – Ich hab’s!” – oder “Das ist ganz gut.” etc. Wenn der Arbeitende reden kann, – wäre es eine Verfälschung des wirklichen Vorgangs, wenn er ihn genau beschriebe & etwa sagte: “Dann dachte ich: Nein, das geht nicht; ich muß es anders versuchen” u.s.w. – obwohl er während der Arbeit nicht gesprochen, & sich auch diese Worte nicht vorgestellt hatte? Ich will sagen: Kann er nicht seine wortlosen Gedanken später in Worten wiedergeben? So zwar, daß wir, die den Arbeitsvorgang sähen, mit dieser Wiedergabe einverstanden sein könnten? – Umsomehr, wenn wir dem Mann nicht nur einmal, sondern öfters bei der Arbeit zugesehen hätten?

46a[2]

Wir könnten natürlich sein ‘Denken’ von der Arbeit nicht trennen. Das Denken ist eben keine Begleitung der Arbeit; sowenig, wie der denkenden Rede.

46a[3]

Es ist unrichtig, zu sagen – wie ich einmal schrieb – das Denken sei eine Art des Sprechens. Kann man sagen, es sei ein Operieren mit Zeichen? Ich glaube kaum. Es ist auch schwer zu sagen, was man noch “Zeichen” nennen kann, & was nicht. – Das Überlegen, möchte ich sagen, bedarf einer Art der Zeichen. Denk Dir, Einer pausiert in der Arbeit, blickt, wie nachdenkend, vor sich hin, in einer Situation, in der wir uns selbst eine Frage stellen, Möglichkeiten erwägen würden, – würden wir von ihm unbedingt sagen, er überlege? Ist dazu nicht auch nötig, daß er eine Sprache beherrscht, also nötigenfalls die Überlegung auch aussprechen könnte?

46b[1]

Nun, wenn wir Wesen bei der Arbeit sähen, deren Arbeitsrhythmus, Mienenspiel, etc. dem unsern ähnlich wäre, nur daß diese Leute nicht sprächen, dann würden wir vielleicht sagen, sie dächten, überlegten, machten Entscheidungen. Das heißt: es wäre eben in so einem Falle viel dem der gewöhnlichen Menschen ähnlich. Und es ist nicht klar wieviel ähnlich sein muß, daß wir den Begriff “Denken”, der in unserm Leben zuhause ist, auch bei ihnen anzuwenden ein Recht hätten.

46b[2]

Und wozu sollen wir auch diese Entscheidung fällen? Wir werden einen wichtigen Unterschied machen zwischen Wesen, die eine Arbeit, selbst eine komplizierte, ‘mechanisch’ zu verrichten lernen können, & solchen, die bei der Arbeit probieren, vergleichen. – Was aber “probieren” & “vergleichen” zu nennen ist kann ich nur wieder an Beispielen erklären, & diese Beispiele werden unserm Leben, oder einem das dem unsern ähnlich ist, entnommen sein.

47a[2]

Nähme nun das Probieren gar die Form an des Herstellens einer Art von Modell (oder gar einer Zeichnung), so würden wir, ohne zu zweifeln, sagen, diese Wesen dächten. Freilich könnte man hier auch von einem Operieren mit Zeichen reden.

47a[3]

“Aber könnte nicht das Operieren mit Zeichen auch mechanisch sein?” – Freilich; d.h., auch es muß in einer bestimmten Umgebung sein, damit wir sagen können es sei nicht mechanisch.

47a[4] &
47b[1]

Es ist also, als wären unsere Begriffe, als wäre die Verwendung unserer Worte, bedingt durch ein Gerüst von Tatsachen. Aber wie kann das sein?! Wie könnten wir denn das Gerüst beschreiben, wenn wir nicht die Möglichkeit eines Andern zuließen? – Du machst ja, möchte man sagen, Unsinn aus jeder Logik! (Aber nein!)

47b[2]

Gilt denn meine Bemerkung für alle unsre Begriffe? Auch für die Begriffe ‘rot’, ‘süß’, ‘Tisch’, ‘Kohle’? Vielleicht doch.

47b[3]

Ich möchte sagen: “Wir lernen die Bedeutung, den Gebrauch der Wörter unter gewissen Umständen. Es lernt z.B. jeder die Farbwörter in einer Welt, in welcher ‥‥‥‥” Aber wie würde also eine andere Welt aussehen? Nun, wir können eine Beschreibung geben. – Aber der ganzen Welt?? Wir könnten uns die Beschreibung durch einen Film hergestellt denken. Aber ist hier nicht wieder eine Schwierigkeit? In der Anwendung etwa?

47b[4]

Muß ich aber die Umstände beschreiben können? Ist es nicht genug, daß ich einmal sage: “Diese Begriffe funktionieren hier nicht mehr”? (Sowie man auf ein Wesen, das das Nilpferd & das Krokodil geschaffen hat, die Moralbegriffe nicht anwenden kann. Hiob.)

48a[1]

Das Problem, das uns hier beunruhigt, ist das gleiche, wie das in der Betrachtung: “Du kannst Menschen zählen lehren, wenn die Dinge in ihrer Umgebung nicht im fortwährenden schnellen Entstehen & Vergehen begriffen sind.”

48a[2]

Wenn Du von einer ‘Welt’ redest, ‘in der alle Dinge rasch wie flimmernde Lichter entstehen & vergehen’, so bist Du in der Gefahr Unsinn zu reden. (Etwas ähnlich der Annahme einer Welt, die aus Schmutz besteht. Bei Moore.)

48a[3]

Man kann sich aber, glaube ich, in solchen Fällen immer bescheiden & unsre Annahme aus dem Unsinn in den Sinn zurückführen.

48a[4] &
48b[1]

Es ist natürlich möglich, zu sagen: “Lehre einen an Fingern, Stäbchen, Bohnen, rechnen; nicht an den Haaren eines Fells, den Tropfen eines Regengusses, den Funken eines Schmiedefeuers. Aber warum? Man kann verschiedenes sagen. Eines ist: Er wird an diesen Dingen den Begriff der Anzahlen nie verstehen lernen. D.h., nicht erlernen, die Zahlwörter zu verwenden.

48b[2]

Du kannst doch auch sagen: “Hast Du keine Stäbchen, Steinchen, etc. zur Hand, so kannst Du Einen nicht rechnen lehren”. Ganz so wie: “Hast Du keine Schreibfläche noch Schreibmaterial zur Hand so kannst Du ihn die Differentialrechnung nicht lehren” (oder: so kannst Du die Division 76570 : 319 nicht ausführen).

48b[3]

“In einem Land, in dem der Himmel beinahe ununterbrochen bewölkt ist, werden sie nicht auf die Idee kommen Astronomie zu betreiben.”

48b[4] &
49a[1]

Man sagt vom Tisch & Stuhl nicht, daß sie denken, auch von der Pflanze nicht, auch vom Fisch nicht, kaum vom Hund; aber vom Menschen. Und auch nicht von allen Menschen. Wenn ich aber sage “Ein Tisch denkt nicht” so ist das nicht ähnlich einer Aussage, wie “Ein Tisch wächst nicht”. Denn ich wüßte gar nicht ‘wie das wäre wenn’ ein Tisch dächte. Und hier gibt es offenbar einen graduellen Übergang zu dem Fall des Menschen.

49a[2]

“Denken ist eine geistige Tätigkeit”– Denken ist keine körperliche Tätigkeit. Ist Denken eine Tätigkeit? Nun, man kann sagen “Denk darüber nach!”. Wenn aber nun Einer in Befolgung dieses Befehls zu sich selbst, oder auch zum Andern spricht, verrichtet er da zwei Tätigkeiten? Denken & Sprechen? Also ist Denken doch wieder nicht recht einer Tätigkeit zu vergleichen. Denn man kann auch nicht sagen, Denken sei: in der Vorstellung sprechen; dies kann man tun auch, ohne zu denken. Ich kann mir z.B. ein Gedicht in der Vorstellung aufsagen ohne seinen Sinn im mindesten zu verstehen.

49a[3] &
49b[1]

Wann sage ich von einem Menschen “Er denkt”? Nun, wenn er denkend spricht, denkend arbeitet, über etwas nachdenkt? Wann sage ich “Ich denke”? (Diese Worte heißen für gewöhnlich so viel wie “Ich glaube.”) Ich sage etwa: “Laß mich in Ruh! ich denke darüber nach.” Auch: “Stör mich nicht! ich kann diese Arbeit nicht mechanisch machen; ich muß dabei denken.” Und das heißt etwa: vergleichen, probieren, wählen, auch zu mir selber sprechen.

49b[2]

Das Denken ist gleichsam ein Zug einer Tätigkeit.

49b[3]

Es fehlen mir in diesem Gebiet noch besondere & auch sehr allgemeine Einsichten. Ich muß mich mit speziellen epistemologischen, aber auch mit (allgemein) logischen Problemen befassen.

49b[4] &
50a[1]

Man darf nie vergessen, daß “denken” ein Altweiberausdruck ist, wie auch alle anderen psychologischen Termini. Es ist von diesem Wort nicht zu erwarten, daß es eine einheitliche Verwendung habe; es ist vielmehr zu erwarten, daß es sie nicht habe. (In manchen Teilen Österreichs gebrauchen die Bauern das Wort “klug” im Sinn von “sparsam” & sagen dann “Die Butter ist klug”, & das heißt: es ist nicht viel Butter da, sie ist spärlich.)

50a[2] &
50b[1]

“Ich ärgere mich darüber” – Man wäre geneigt zu sagen, der Ärger sei Stimmung der Seele & zwar in dem Sinne, wie man bei einem Instrument von einer Stimmung reden könnte. So, wie das Gesicht des Geärgerten zusammengezogen, seine Stirn gerunzelt ist, so ist es auch seine Seele. Sie gibt nur raue, heisere Laute von sich. Man sagt auch: “Ich bin dadurch verstimmt”. Die Sache, die mich ärgert, wirkt wie ein Gift in mir. Was geschehen ist, hat mir meine Lust vergällt, hat mich mit Bitterkeit erfüllt. Und doch sind das alles nur Metaphern. – Ist nun “Ich ärgere mich über ihn” ein Ausdruck des Ärgers oder ein Bericht über einen Vorgang in meiner Seele? Man kann die Worte offenbar geärgert & auch nicht geärgert sagen. Man kann sie knirschend sagen, & dann sind sie doch gewiß ein Ausdruck des Ärgers. Sage ich aber etwa “Leider ärgere ich mich darüber” so ist es, als spräche man zum Arzt von einer Krankheit, man berichtet ihm darüber.

50b[2]

“Ich ärgere mich darüber” kann manchmal wie ein Fluchen sein; manchmal aber auch, wie der Satz “Ich möchte am liebsten fluchen”.

50b[3]

Wenn einer über ein Problem nachdenkt & ich zeige ihm plötzlich eine gewisse Zeichnung, so wird er vielleicht ausrufen “Ach so ist es!”, oder “Jetzt weiß ich’s”. Und gefragt, was dabei in ihm vorgegangen ist, wird er in diesem Falle wohl einfach sagen “Ich habe die Zeichnung gesehen”. Ich beschreibe diesen Fall, um einen Vorgang in der Vorstellung durch einen des Sehens zu ersetzen. Wird er nun sagen: “In dem Augenblick, als ich die Zeichnung sah, stand mir die ganze Lösung vor Augen”? Er könnte auch, wenn ich ihm mit der Zeichnung zu Hilfe komme, sagen: “Ja, jetzt ist es leicht!”

50b[4] &
51a[1]

“Mir stand die Benützung des Wortes vor der Seele” – wird man das auch dann sagen, wenn einem mit dem Wort ein für seine Bedeutung charakteristisches Bild gezeigt wird? Wenn mir mit dem Wort “weiche” etwa das Bild Eines gezeigt wird, der gegen einer Andern eine verbannende Gebärde macht? [Das Bedeutungserlebnis scheint hier vom Gesehenen übertönt zu werden.]

51a[2]

Kann ich Einem beschreiben, wie Menschen für gewöhnlich leben? – Nun, ich kann ihn unter Menschen leben lassen. – Aber vielleicht ist dazu nötig, daß er selbst ein Mensch sei, & unter ihnen aufwächst?

51a[3]

Wenn er ein Mensch ist & in dieser Umgebung, sage ich er denkt, wenn er so & so spricht. Vom Grammophon sage ich’s nicht, obwohl es vielleicht weit gescheiter redet.

51a[4]

Beim Philosophieren muß man in’s alte Chaos hinabsteigen, & sich dort wohlfühlen.

51a[5] &
51b[1]

Von einem Wesen, das ausschaut wie ein Mensch, sich aber so & so & so benähme, wüßte ich nicht ob ich sagen sollte, es denkt, oder es denke nicht.

51b[2]

Wir sagen: Gras ist grün, Kreide weiß, Kohle schwarz, Blut rot etc. – Wie wäre es in einer Welt, in der dies unmöglich wäre, in der also die übrigen Eigenschaften eines Dinges mit seiner Farbe nicht zusammenhingen? Dies ist, ob richtig, oder falsch gestellt, eine ungeheuer wichtige Frage, & nur ein Exempel unzähliger ähnlicher Fragen.

51b[3] &
52a[1]

Denk Dir, ich käme in ein Land, wo die Farben der Dinge, wie ich sagen würde, unaufhörlich wechselten, etwa durch eine Eigenheit der Atmosphäre. Die Einwohner sehen nie ruhige Farben. Ihr Gras sieht bald grün, bald rot, etc., aus; u.s.f.. Könnten diese Leuten ihren Kindern die Farbwörter beibringen? – Vor allem einmal könnte es sein, daß ihrer Sprache die Farbwörter fehlen. Und wenn wir dies fänden, so würden wir’s vielleicht dadurch erklären, daß sie für dies Sprachspiel wenig, oder keine Verwendung hätten.

52a[2]

Daß Menschen, denen es, aus irgendwelchen Gründen, unmöglich ist, ein Schachbrett & Figuren herzustellen, – daß sie das Schachspiel nicht kennen, würde uns nicht wundern.

52a[3]

Wie könnten denn Leute, in einem Land in, welchem alles nur eine Farbe hätte, den Gebrauch der Farbworte lernen? Kann ich aber nun sagen: “Nur weil in unsrer Umgebung Dinge verschiedener Farbe existieren & weil ‥‥‥‥‥․, können wir Farbnamen gebrauchen”?? Es wird hier zwischen logischer & physischer Möglichkeit der Unterschied nicht gesehen. – Nicht das interessiert uns: unter welchen Umständen das Sprachspiel mit den Farbnamen physisch nicht möglich – also eigentlich, nicht wahrscheinlich ist.

52a[4]

Ohne Schachfiguren kann man nicht Schach spielen – das ist die Unmöglichkeit, die uns interessiert.

52b[1]

Wo es keine Pferde, oder sonst lastbare Tiere, gibt dort können die Menschen nicht reiten. (Logisch.) – Aber auch: Wo Pferde, & derartige Tiere, sich nur schwer züchten lassen, & wo das Reiten aus den & den & den Gründen schwer möglich, oder nicht nützlich ist, dort ist es prima facie unwahrscheinlich, daß Menschen die Kunst des Reitens erfinden werden.

52b[2]

Man lernt das Wort Denken, d.i. seinen Gebrauch, unter gewissen Umständen, die man aber nicht beschreiben lernt.

52b[3]

Man lernt es etwa nur vom Menschen sagen, es von ihm behaupten, oder leugnen. Die Frage “Denkt ein Fisch?” erhebt sich gar nicht. (Was kann natürlicher sein als so ein Zustand; als so eine Sprachverwendung!)

52b[4] &
53a[1]

“An diesen Fall hat niemand gedacht” kann man sagen. Ich kann zwar nicht die Umstände aufzählen unter denen das Wort “denken” zu gebrauchen ist, – aber, wenn ein Umstand den Gebrauch zweifelhaft macht, so kann ich’s sagen, & auch, wie die Lage von der gewöhnlichen abweicht.

53a[2]

Und hier müßte man etwas über mein [→ Sprachspiel № 2] sagen. – Unter welchen Umständen würde man die Laute des Bauenden, etc., wirklich eine Sprache nennen? Unter allen? Gewiß nicht! – War es nun falsch, ein Sprachrudiment zu isolieren & es Sprache zu nennen? Soll man etwa sagen, daß dies Rudiment nur in der Umgebung des Ganzen, was wir unsre Sprache zu nennen gewohnt sind, ein Sprachspiel ist??

53a[3]

Nun vor allem ist die Umgebung nicht die geistige Begleitung des Sprechens (das ‘Meinen’ & ‘Verstehen’) das man sich als der Sprache wesentlich vorzustellen geneigt ist.

53a[4]

Man hat natürlich ein Recht, das [→ Sprachspiel № 2] als eine degenerierte Sprache zu erklären, aber das sind ja auch die Sprachspiele mit denen die Kinder zu sprechen anfangen.

53a[5] &
53b[1]

Gefährlich wäre es mir nur, wenn einer sagte: “Du setzt eben stillschweigend schon voraus, daß diese Menschen denken; daß sie in dieser Beziehung den uns bekannten Menschen gleichen; daß sie jenes Sprachspiel nicht rein mechanisch betreiben. Denn stelltest Du Dir vor, sie täten’s, so würdest Du’s selbst nicht ein Sprechen nennen.” Was soll ich nun dem antworten? Es ist natürlich wahr, daß das Leben jener Menschen dem unsern in vieler Beziehung gleichen muß, & daß ich über diese Ähnlichkeiten nichts gesagt habe. Das Wichtige aber ist eben, daß ich mir ihre Sprache, wie auch ihr Denken rudimentär vorstellen kann; daß es ein ‘primitives Denken’ gibt, welches durch ein primitives Verhalten zu beschreiben ist.

53b[2] &
54a[1]

Ich sage von jemandem: er vergleicht zwei Gegenstände. Ich weiß, wie das ausschaut, wie man das macht. Ich kann es Einem vorführen. Aber was ich so vorführe, würde ich dennoch nicht unter allen Umständen “vergleichen” nennen. Ich kann mir nun etwa Fälle vorstellen, in welchen ich nicht geneigt sein würde zu sagen, daß verglichen wird; aber die Umstände unter welchen dies ein Vergleichen ist, beschreiben: das könnte ich nicht. – Aber ich kann einen Menschen den Gebrauch des Wortes lehren! denn dazu ist ein Beschreiben jener Umstände nicht nötig.

54a[2]

Ebenso kann ich Einem zeigen, was “Schach spielen” heißt, ich kann ihn also den Gebrauch dieses Ausdrucks lehren. Aber ich würde auch die Züge einer Schachpartie auf dem Schachbrett kein Spiel nennen wollen, wenn nicht Menschen die Steine bewegten, & es gibt noch mancherlei Bedingungen, die erfüllt sein müssen; & wären sie nicht erfühlt, so könnte ich dies erkennen & sagen, was fehlt.

54a[3]

Ich lehre ihn eben das Wort unter bestimmten Umständen.

54b[1]

Manchmal ist es wirklich, als ob ein Denken neben dem Reden, Lesen z.B., einherliefe. Nicht aber, daß man’s dann von den Sätzen isolieren könnte Vielmehr ist, was die Worte begleitet, wie eine Reihe kleiner Nebenbewegungen. Es ist als werde man eine Straße entlang geführt, würfe aber Blicke rechts & links in alle Nebengäßchen.

54b[2] &
55a[1]

Das stumme Beten: oft nur eine Reihe von Andeutungen von Gedanken. Gleichsam nur Winke. Denk Dir ich zeigte jemand eine Liste von den Gängen, Besorgungen, die er für mich zu machen hat. Wir kennen uns gut & er braucht nur Andeutungen um zu wissen was er zu tun hat. Die Liste enthält nun lauter solche Andeutungen. Er liest sie durch & sagt nach jeder solchen Andeutung immer “Ich versteh”. Und er versteht; er könnte jeden dieser Punkte erklären, wenn er gefragt würde. Ich könnte ihn dann auch fragen, “Hast Du alles verstanden?” Oder sagen: “Geh die Liste genau durch & sieh, ob Du alles verstehst.” Oder “Weißt Du, was Du hier zu machen hast?” – Was aber hat er zu tun, um sich zu überzeugen, daß er die Andeutungen verstanden hat? Ist es hier als müßte er bei jedem Punkt eine Kopfrechnung machen? Beinahe scheint es so. Wäre das nötig so könnte er später von der Rechnung laut Rechenschaft geben & man sähe ob er richtig gerechnet hat. – Aber das ist im allgemeinen nicht nötig. Wir schreiben also nicht vor, was der Andre beim verständnisvollen Durchgehen der Liste zu tun hat, & ob er wirklich verstanden hat, ersehen wir aus dem, was er später tut, oder aus der Erklärung die wir ihn uns etwa geben lassen.

55a[2] &
55b[1]

Wir könnten nun sagen: Wer sich so prüft, ob er verstanden habe, geht immer ein, Stück Weges der Straße nach, die er später gehen soll. Und das könnte ja so sein. Obwohl kein Grund ist anzunehmen, daß es so sein muß. Denn wenn er doch nur ein Stück des Weges geht, warum soll er dann nicht ohne zu gehen erkennen können, daß er weiß, welchen Weg er zu gehen hat? Damit ist aber nicht gesagt, daß nicht wirklich die Wege ein Stück begangen werden. Aber es kommt auch vor, daß, was wir später als den Keim des Gedankens oder der Tat ansehen, dies, seiner Natur nach, nicht ist.

55b[2]

Es könnte z.B. sein, daß auf der Liste ein Name angedeutet ist. Auf die Frage “Weißt Du wen ich meine?” sage ich “Ja”, wobei mir das Bild eines Andern vorschwebt. & doch hatte ich richtig verstanden; & es kommt mir etwa beim Nachdenken über diesen Fall so vor, als hätte jenes Vorstellungsbild doch irgendeine, wenn auch nicht die direkte Beziehung zu dem wirklich gemeinten. – Ähnlich ist es ja, wenn man auf eine Frage den richtigen Namen zur Antwort geben kann, sich aber verspricht & einen falschen sagt.

55b[3] &
56a[1]

Wer nun die Liste gewissenhaft durchgeht, von dem wird man sagen er habe beim Lesen gedacht. – Und was mußte er nun tun um dabei zu denken? Und wie konnte er’s lernen, oder wissen, was wir von ihm verlangen, & wie können wir wissen, ob er’s tut? Und wie weiß ich, was der Andre in so einem Fall von mir verlangt, & daß ich jetzt seinen Befehl auf die gleiche Weise befolge, wie damals, als ich dies lernte?

56a[2]

Und frage ich denn Einen der die Liste durchgehen soll: “Was hast Du Dir bei diesem Punkt innerlich gesagt?” – oder, “was hat Dir vorgeschwebt?” –

56a[3] &
56b[1]

Und wenn nun Einer sagte: Das heißt eben nur, daß “Denken” das heißt, was einen bestimmten Enderfolg hat, einen bestimmten Zweck erfüllt. Wie Jeder es macht, & ob heute so wie das vorige Mal, ist gleichgültig. – So könnte ich antworten: Wenn es aber zweckmäßig sein sollte gar nichts zu tun, dann wäre also hier das Denken: gar nichts tun.

56b[2]

Man sagt: Überzeug Dich, daß Du jeden Punkt verstehst!” Wenn ich nun fragte: “Wie soll ich mich überzeugen?” Welchen Rat würde man mir geben? Man würde mir sagen: “Frag Dich, ob ‥‥․”

56b[3]

Ist es hier nicht wie beim Kunstrechnen? – Er hat richtig gerechnet, wenn das Richtige herauskam. Was in ihm vorging kann er vielleicht selbst nicht sagen. Und hörten wir’s so erschiene es vielleicht wie ein seltsames Zerrbild einer Rechnung.

56b[4]

Wir sagen dann von dem, er habe in einem Keim gedacht, dessen Keim sich zum Richtigen auswächst.

56b[5]

04.01.1948 Man sagt auch: “Denk! Hast Du wirklich alles verstanden?”

56b[6] &
57a[1] &
57b[1]

“Geh in das Geschäft ‥‥․ Weißt Du welches ich meine?” – Wenn ich nun antworte “Ich weiß”, so scheint mir’s, als habe ich mich geprüft, & gefunden, daß ich es wisse. Man wird sich das etwa so denken, daß mir dabei das Bild des Geschäfts vorgeschwebt habe, oder ich mir im Innern etwas darüber gesagt habe; etwa: es ist dasjenige in der & der Straße. Das wäre, als hätte ich mich gefragt “Weiß ich auch, wie das Geschäft ausschaut?” oder “Weiß ich, in welcher Straße es ist?” & auf diese Fragen geantwortet. Statt mir’s vorzustellen hätte ich’s dann zeichnen können & die Straße konnte ich laut nennen. Man wird hier freilich noch bemerken, daß das bloße Zeichnen eines Geschäfts, oder das Nennen einer Straße kein Beweis des Wissens wäre; es käme doch drauf an ob die Zeichnung & Beschreibung die richtigen wären. – Aber nicht einmal ein solches Zeichnen & Beschreiben, oder was ihm analog wäre, geht zumeist vor sich. – Ich sage vielleicht, es habe mir das Geschäft in höchst verschwommener Weise vorgeschwebt, aber es wäre z.B. ganz unmöglich ein Bild anzufertigen, das ich das Bild dieser Vorstellung nennen könnte. Ja, wenn ich fassen möchte, worin die Andeutung bestand, die mir zeigte, ich wisse, welches Geschäft gemeint sei, so kann ich’s nicht tun. Ich weiß zwar wirklich, welches gemeint ist; ich kann, werde, auch nötigenfalls eine Beschreibung davon geben, – aber wie jene Vorstellung dies verbürgen konnte, verstehe ich nicht.

57b[2]

Wäre es nun möglich, daß – wie von Manchem behauptet wurde – ich in Wirklichkeit gar kein Bild vor mir sehe; daß dies nur eine Art Einbildung ist, hervorgerufen vielleicht durch unsre gebräuchliche Ausdrucksweise? – Aber was ist hier der Unterschied zwischen Einbildung & Wirklichkeit? Vielleicht sagt man: “Wenn wir uns wirklich prüfen, ob wir ein visuelles Vorstellungsbild haben, so müssen wir gestehen, daß keins da ist” – nun, Mancher mag das sagen, & Mancher nicht. – Wichtig scheint nur, daß wir geneigt sind, zu sagen, wir haben uns überzeugt, wir wüßten – wie das & das aussieht, etc.–, & daß wir die Art & Weise dieses Überzeugens nicht angeben können.

58a[1]

Soll ich nun sagen: “Wir pausieren – & es geschieht irgend etwas, was uns überzeugt”? Nein. Es geschieht nichts, was uns überzeugt; aber wir sind dann überzeugt, & geneigt zu sagen, etwas habe uns überzeugt.

58a[2]

Ich frage ein Kind “Wieviel ist ‥‥ + ‥‥?” Es will antworten. Ich sage: “Denk nach!” – Nun sagt es eine Rechnung vor sich hin, & dann laut das Resultat. Ich werde hier sagen, es hat nachgedacht. Natürlich hätte es auch eine ganz falsche Rechnung, oder etwas Rechnungsähnliches, vor sich hinplappern können, & wir hätten dann nicht gesagt, es habe gedacht.

58a[3]

Man sagt in so einem Fall manchmal, es habe ‘laut gedacht’.

58a[4]

Wenn Einer sagt “Man kann auch wortlos denken”, so ist das irreleitend. Es handelt sich hier nicht darum daß man im Stande ist etwas bestimmtes zu tun, ohne dabei das & das andere zu tun; wie z.B.: “Man kann auch lesen, ohne die Lippen zu bewegen”.

58b[1]

Wenn es z.B. nur ganz wenige Menschen gäbe, die die Antwort auf eine Rechenaufgabe finden könnten ohne zu sprechen, oder zu schreiben, könnte man diese nicht zum Zeugnis dafür anführen, daß man auch ohne Zeichen rechnen könne. Weil es nämlich nicht klar wäre, daß diese Leute überhaupt ‘rechnen’. Ebenso kann auch das Zeugnis des Ballard (bei James) einen nicht davon überzeugen, daß man denken könne, ohne Sprache. Ja, warum soll man, wo keine Sprache gebraucht wird, von ‘denken’ reden? Tut man’s, so zeigt das eben etwas über den Begriff das Denkens.

58b[2]

Man könnte z.B. zwei (oder mehr als zwei) verschiedene Wörter besitzen: eines für’s ‘laute Denken’, eines für’s denkende Sprechen in der Vorstellung, eines für’s Innehalten, wobei irgend etwas uns vorschwebt (oder auch nichts), woraufhin wir aber die Antwort mit Sicherheit geben können. Wir könnten zwei Wörter haben: eines für den Gedanken, der im Satz ausgedrückt ist; eines für den Gedankenblitz, den ich später ‘in Worte kleiden’ kann.

59a[1]

Wenn man an’s denkende Arbeiten ohne alles Sprechen denkt, so erkennt man, daß unser Begriff ‘denken’ eben eine Menge in sich begreift. Daß ihm sozusagen ein weitverzweigtes Verkehrsnetz entspricht.

59a[2]

In allen diesen Fällen reden wir von einem ‘Denken’. In allen diesen weit entlegenen Fällen reden wir von einem ‘Denken’.

59a[3]

In allen diesen Fällen sagen wir, der Geist sei nicht untätig, es gehe etwas in ihm vor; & unterscheiden sie dadurch von einem Zustand der Dumpfheit, des mechanischen Tuns.

59a[4] &
59b[1]

Genie ist das Talent, worin der Charakter sich ausspricht. Darum, möchte ich sagen, hatte Kraus Talent, ein außerordentliches Talent, aber nicht Genie. Es gibt freilich Genieblitze, bei denen man dann, trotz des großen Talenteinsatzes, das Talent nicht merkt. Beispiel: “Denn tun können auch die Ochsen & die Esel ‥‥‥”. Es ist merkwürdig, daß das z.B. so viel größer ist, als irgendetwas, was Kraus je geschrieben hat. Es ist hier eben nicht ein Verstandesskelett, sondern ein ganzer Mensch. Das ist auch der Grund, warum die Größe dessen, was Einer schreibt, von allem Übrigen abhängt, was er schreibt & tut.

59b[2]

Wenn ich mich vorsichtig an Einen heranschleiche, um ihn umzubringen, wird man nicht leugnen wollen, ich denke an ihn. Wenn aber die Katze sich an einen Vogel heranschleicht, wird man zwar sagen, sie merke auf den Vogel auf, aber nicht, sie denke.

59b[3]

‘Denken’, ein weitverzweigter Begriff. Könnte man dasselbe nicht auch vom ‘glauben’, ‘tun’, ‘sich freuen’ sagen? Und wo gehört die Bemerkung eigentlich hin, dieser Begriff sei weitverzweigt? – Nun, man wird sie dem sagen, der darangeht, sich die Verzweigungen dieses Begriffs zu überlegen.

60a[1]

Es ist doch sehr merkwürdig, daß man keinerlei Schwierigkeit hat in einer Figur wie

ein Gesicht zu sehen, obwohl doch die Unähnlichkeit des einen Winkels mit einer Nase, des andern mit einer Stirn, etc. unglaublich groß ist, oder eine Ähnlichkeit kaum vorhanden. Man hat – wie gesagt – keinerlei Schwierigkeit hier ein menschliches Gesicht zu sehen; man möchte sagen: “so ein Gesicht gibt es”. Oder auch: “es ist dies zwar die Karikatur eines menschlichen Gesichts, aber eben eines bestimmten wirklich möglichen (Gesichts). – Ganz so, wie man keine Schwierigkeit hat im Grau & Weiß der Photographie das menschliche Gesicht zu sehen. – Und was heißt das? Nun, wir betrachten z.B. einen Film & folgen allen Vorgängen mit Anteilnahme; als hätten wir wirkliche Menschen vor uns.

60a[2]

Gott bewahre mich vorm Wahnsinn!

60a[3] &
60b[1]

‘Denken’, ein weitverzweigter Begriff. Ein Begriff, der viele Lebensäußerungen in sich begreift. Die Denkphänomene liegen weit auseinander.

60b[2]

Und willst Du nicht sagen, Du sähest doch ein Gesicht in allen diesen Wortverwendungen, einen echten Begriff? – Aber was will das sagen? Kann nicht Gewohnheit all das zusammenschweißen?

60b[3]

Im Traum, & auch lange nach dem Erwachen, können uns Traumworte die höchste Bedeutung zu haben scheinen. Ist nicht die gleiche Illusion auch im Wachen möglich? Es kommt mir so vor, als unterläge ich ihr jetzt manchmal. Bei Verrückten scheint es oft so.

60b[4] &
61a[1]

Wer mir etwa irgend einen Vorfall erzählt, oder eine gewöhnliche Frage an mich richtet (wie viel Uhr es ist, z.B.), den werde ich nicht fragen, ob er gedacht habe. Oder so: Es wäre nicht ohne weiteres klar, unter welchen Umständen man gesagt hätte, er hätte dies ohne zu denken getan – obwohl sich solche Umstände ausdenken lassen. (Hier ist eine Verwandtschaft mit der Frage, was eine “willkürliche” Handlung zu nennen sei.)

61a[2]

Man kann sagen: Wenn der normale Mensch so etwas erzählt, fragt, etc., so sagen wir, er vollführe einen Denkakt. – “Aber ist das nicht eben, weil hinter seinen Worten die Lebensflammen glühen? (Gleichsam wie hinter der Wand eines Ofens.)” Aber kommt es mir so vor, wenn ich selbst so berichte, oder frage – ich meine: während ich’s tue; nicht, wenn ich später darüber philosophiere. Und was weiß ich vom Andern? Frage ich ihn, ob er wirklich bei jenen Worten gleichsam vom Leben durchglüht war? Ja kann ich’s denn überhaupt von den Leuten sagen, die tagtäglich zu mir reden? oder nehm ich’s als gewiß an?

61a[3]

Aber unterscheidet sich nicht jeder Mensch, den Du etwa auf der Straße siehst, ganz & gar von einer Maschine. Was er tut, ganz & gar von etwas Maschinellem? Ganz gewiß. Ich würde nie einen Menschen für eine Puppe halten. Würde etwa die Bewegungen des Mechanismus sofort als solche erkennen. Was weiter?

61b[1]

Ich kann auch die typische Beweglichkeit des menschlichen Gesichts nicht mit geometrischen oder kinetischen Begriffen beschreiben. (Obwohl der es vielleicht könnte, der einen Zeichenfilm herstellen kann.)

61b[2]

Wenn gefragt würde, ob ein bestimmter Mensch, etwa einer der geistesgestört ist, oder war, jetzt wieder denkt, so könnte man antworten: “Ja; man sieht es, wenn er arbeitet”, oder auch “Ja, er spricht wieder normal”.

61b[3]

Der denkende Gesichtsausdruck, der Gesichtsausdruck des Idioten. Das Stirnrunzeln des Nachdenkens, der Aufmerksamkeit.

61b[4]

Das Denken – möchte man sagen – ist das, welches mich zum normalen menschlichen Reden & Tun befähigt. Und dabei stellt man sich gleichsam ein ätherisches Sprechen oder Räsonieren vor, was diese Tätigkeiten begleitet.

61b[5] &
62a[1]

Die Fähigkeit des Denkens sei eine geistige Beweglichkeit. Und das ist sie ja. Ist denn die Fähigkeit die Sprache zu gebrauchen nicht geistige Beweglichkeit?

62a[2]

Was ich hier schreibe, mag schwächliches Zeug sein; nun, dann bin ich nicht im Stande, das Große, Wichtige herauszubringen. Aber es liegen in diesen schwächlichen Bemerkungen große Ausblicke verborgen.

62a[3] &
62b[1] &
63a[1]

05.01.1948 Nun denke Dir einen Menschen, oder einen von Köhlers Affen, der eine Banane herunterholen will, sie nicht erreichen kann, auf Mittel & Wege sinnt, endlich zwei Stöcke auseinandersetzt, etc. Denk man fragte “Was muß dazu in ihm vorgehen?” – Die Frage scheint irgendeinen Sinn zu haben. Und es könnte vielleicht Einer antworten, der Affe, wenn er nicht durch (bloßen) Zufall, oder aus einem Instinkt heraus handelte, müsse den Vorgang vor dem geistigen Aug gesehen haben. Aber das wäre nicht genug, & anderseits wieder zuviel. Ich will, der Affe solle sich etwas überlegen. Zuerst springt & läuft er vergebens nach der Banane, dann gibt er’s auf & ist etwa niedergeschlagen – aber diese Phase kann wegbleiben. Wie kann er nun innerlich dazu kommen überhaupt einen Stock zu ergreifen? Es könnte ihm ja ein Bild gezeigt werden, das so etwas darstellt, & er könnte daraufhin so handeln; oder so ein Bild könnte ihm einfach vorschweben. Aber, das wäre doch wieder Zufall. Er hätte dies Bild nicht durch Nachdenken gewonnen. Und hilft es uns, wenn wir sagen, er brauche nur seinen Arm & den Stock irgendwie als eines gesehen haben? – Aber nehmen wir doch einmal einen günstigen Zufall an! Die Frage ist dann: Wie kann er aus dem Zufall lernen. Vielleicht hatte er also den Stock zufällig in der Hand & berührte mit ihm zufällig die Banane. – Und was muß nun weiter in ihm vorgehen? Er sagt sich, gleichsam, “So geht’s!” & tut es nun mit den Zeichen der Absichtlichkeit. – Wie kann er nun drauf kommen zwei Stöcke aneinander zu setzen? Denk es käme ihm wieder ein Zufall zu Hilfe. So zwar, daß er irgendeinmal zwei Stücke aneinander setzt & mit ihnen nun als längeren Stab spielt; & daß er nun einmal, sozusagen den Vergleich zieht zwischen diesem Spiel & der Situation beim Herunterlangen der Banane, & nun entsprechend zu Werke geht. – Hat er etwa spielend eine Kombination gemacht & verwendet sie nun als Methode das & jenes zu tun, so werden wir sagen, er denkt. – Beim Überlegen würde er Mittel & Wege an seinem geistigen Auge vorbeiziehen lassen. Aber dazu muß er schon welche im Vorrat haben. Das Denken gibt ihm die Möglichkeit zur Vervollkommnung seiner Methoden. Oder vielmehr: Er ‘denkt’, wenn er in bestimmter Art & Weise seine Methoden vervollkommnet.

63a[2]

Man könnte auch sagen: er denkt, wenn er in bestimmter Weise lernt!

63a[3] &
63b[1]

Und auch dies könnte man sagen: Wer bei der Arbeit denkt, der wird Hilfstätigkeiten in sie einschalten. Das Wort “denken” nun bezeichnet nicht diese Hilfstätigkeiten, wie Denken ja auch nicht Reden ist. Obwohl der Begriff ‘denken’ nach Art einer imaginären Hilfstätigkeit gebildet ist. (Sowie man sagen könnte, der Begriff des Differentialquotienten sei nach Art eines imaginären Quotienten gebildet.)

63b[2]

Diese Hilfstätigkeiten sind nicht das Denken; aber man stellt sich das Denken vor als das, was unter der Oberfläche dieser Hilfsmittel fließen muß, wenn sie nicht doch nur mechanisches Tun sein sollen.

63b[3]

Denken ist die imaginäre Hilfstätigkeit; der unsichtbare Strom, der alle diese Arten des Handelns trägt & verbindet. – Die Grammatik von “denken” aber läuft der von “sprechen” parallel.

63b[4]

Man könnte also zwei Schimpansen mit Bezug auf ihre Arbeitsweise unterscheiden & von einem sagen, er denkt, vom andern, er denke nicht.

63b[5] &
64a[1]

Aber hier hätten wir freilich nicht die volle Verwendung von “denken”. Das Wort bezöge sich auf ein Benehmen. Die Bedeutung der geistigen Tätigkeit erhält es erst durch den besondern Gebrauch in der ersten Person.

64a[2]

Es ist, glaube ich, wichtig zu bemerken, daß das Wort eine erste Person der Gegenwart (in der Bedeutung auf die es uns ankommt) nicht hat. Oder soll ich sagen: daß seine Verwendung in der Gegenwart nicht mit der z.B. des Verbums “Schmerz fühlen” parallel läuft?

64a[3]

“Ich dachte ‥‥” kann man sagen, wenn man den Ausdruck des Gedankens wirklich gebraucht hat; aber auch wenn diese Worte gleichsam die Entwicklung aus einem Denkkeim sind.

64a[4] &
64b[1]

Nun gibt es aber doch denkendes Reden & gedankenloses, ja gänzlich gedankenloses. – Hier muß man wieder fragen: Was ist der Nutzen des ‘Denkens’ beim Reden, warum interessiert uns: ob Einer dabei denkt, oder nicht?

64b[2]

Nicht nach der Begleitung des Wortes ist zu suchen, sondern nach dem Gebrauch.

64b[3]

Und es ist ungemein schwierig, dies einzusehen. Warum?

64b[4]

Es gibt eben Denkgewöhnungen.

64b[5]

Wie lernt ein Kind den Ausdruck “gedankenlos sprechen”?

64b[6]

Nun, es gibt verschiedene Fälle. Es kann einer einen Satz, den er wohl versteht, aussprechen, aber als Sprachübung, & er gibt nur auf die Aussprache acht. Ja er kann ihr sagen & an etwas ganz anderes denken.

64b[7] &
65a[1]

Wenn er nun den Satz einmal beim Sprechen denkt, ein andermal ihn als bloße Sprachübung spricht, – begleiten das Sprechen da verschiedene Vorgänge? Der Satz hat etwa ein halbes Dutzend Wörter. Wenn verschiedene Vorgänge ihn begleiten, – sind sie z.B. für ein jedes Wort verschieden? Oder geht ein verschiedener Grundton durch den ganzen Satz? Und müssen diese Vorgänge unbedingt während des Aussprechens statthaben, oder können sie dem Satz folgen, oder vorangehen? Eine allgemeingültige klare Antwort scheint es nicht zu geben.

65a[2]

Aber auf die Aussprache achtgeben ist doch gewiß ein bestimmter Seelenzustand oder Vorgang! – Was weiß ich von seiner Bestimmtheit? Ich kann etwa sagen: “Ich werde jetzt acht geben” & halte jede Störung fern. Dann sag ich “Ich hab’s genau gehört; es klang so: ‥‥”

65a[3]

Der Zusammenhang, in welchem ich auf die Aussprache achte, oder aber den Sinn der Worte meine, auf diesen scheint es hauptsächlich anzukommen.

65a[4] &
65b[1]

Ich kann einen Satz als Sprachübung aussprechen & dabei auf seinen Sinn gar nicht achten, ich kann ihn zitieren & es kommt mir dabei nun auf den exakten Wortlaut an, oder ich lese ihn in einer Novelle, oder ich sage ihn Einem als Behauptung im Gespräch. Hat er jedesmal eine andere Denkbegleitung?

65b[2]

Wenn der Satz “Sie hatte die schwarzen Augen der Blidders” eine Novelle anfängt, ist seine Denkbegleitung eine andere als sie wäre, wenn man von ‘ihr’ schon etwas wüßte?

65b[3]

Denk Dir, jemand hätte in normaler Weise irgendein Gespräch mit uns geführt, & dann versichert er uns, er habe ganz mechanisch, oder ganz ohne zu denken, gesprochen? (Es wäre sehr ähnlich, wie wenn er uns nach einem gewöhnlichen Spaziergang versicherte er habe alle seine Bewegungen unwillkürlich gemacht.) Unter diesen Umständen reden wir eben nicht von mechanischem, oder ganz gedankenlosem Reden.

65b[4]

Nur unter ganz bestimmten Umständen tritt die Frage auf, ob denkend geredet wurde, oder nicht.

65b[5] &
66a[1]

Die Verwendung so eines Wortes wie “denkend” ist eben viel erratischer, als es zuerst den Anschein hat. Man kann das auch so sagen: der Ausdruck dient einem viel spezielleren Zweck, als seine Form es vermuten läßt. Denn diese ist eine einfache, regelmäßige Bildung: Wenn das Denken oft, oder zumeist, mit dem Reden zusammengeht, so ist natürlich die Möglichkeit vorhanden, daß es einmal nicht mit ihm läuft.

66a[2] &
66b[1]

Ich lerne eine fremde Sprache & lese die Satzbeispiele in einem Übungsbuch. “Meine Tante hat einen schönen Garten.” Er hat ein Übungsbuch Aroma. Ich lese ihn & frage mich “Wie heißt ‘schön’ auf ‥‥?” dann denke ich an den Fall. – Nun, wenn ich jemandem mitteile, meine Tante habe ‥‥․, so denke ich an diese Dinge nicht. Der Zusammenhang, in dem der Satz stand war ein andrer. – Aber konnte ich nicht jenen Satz im Übungsbuch lesen & bei ihm trotzdem an den Garten meiner Tante denken? Gewiß. Und soll ich nun sagen die Denkbegleitung ist jedesmal eine andere, jenachdem ich den Satz einmal als reine Übung sehe, einmal als Übung mit dem Gedanken an jenen Garten, einmal wenn ich ihn jemandem einfach als Mitteilung sage? – Und ist es unmöglich, daß mir Einer mitten im Gespräch diese Mitteilung macht & dabei in ihm ganz das Gleiche stattfindet, wie wenn er den Satz als Sprachübung behandelt? Kommt es mir denn darauf an, was in ihm geschieht? Erfahre ich’s denn?

66b[2] &
67a[1]

Und wie kann ich denn überhaupt mit irgendwelcher Sicherheit darüber schreiben? Denn, während ich dies tue, lerne ich ja keine Sprache & mache niemand jene Mitteilung. Wie kann ich dann also wissen was in so einem Falle in jemand vorgeht? Erinnere ich mich denn jetzt an das was in diesen Fällen in mir vorging? Nichts dergleichen. Ich glaube nur, mich jetzt in diese Lagen hineindenken zu können. Aber da mag ich doch ganz & gar irregehn. Und dies ist ja die Methode, die man in solchen Fällen immer anwendet! Was man dabei an sich erfährt ist charakteristisch nur für die Situation des Philosophierens.

67a[2]

Was weiß ich von den inneren Vorgängen Eines, der mit Aufmerksamkeit einen Satz liest? Und kann er mir sie beschreiben, nachdem er’s getan hat & ist was er etwa beschreibt eben der charakteristische Vorgang der Aufmerksamkeit?

67a[3]

Welche Wirkung will ich denn erzielen, wenn ich jemand sage “Lies aufmerksam!”? Etwa, daß ihm das & jenes auffällt, er davon berichten kann. – Wieder könnte man, glaube ich, sagen, daß wer einen Satz mit großer Aufmerksamkeit liest, dann von Vorgängen in seinem Geist, Vorstellungen etwa, im allgemeinen wird berichten können. Aber das heißt nun nicht daß diese Vorgänge die Aufmerksamkeit ausmachten.

67a[4] &
67b[1]

Was tue ich mit einer Mitteilung, er habe beim Lesen des Satzes an etwas ganz anderes gedacht? Welche Schlüsse, die mich interessieren, kann ich aus dieser Mitteilung ziehen? Nun, etwa, daß ihn jene Sache beschäftigt; daß ich nicht zu erwarten habe, er wisse wovon das Gelesene gehandelt hat; daß ihm das Gelesene keinen Eindruck irgendwelcher Art gemacht hat; u. dergl..

67b[2]

Darum hätte es ja auch keinen Sinn wenn jemand, der mit mir ein angeregtes Gespräch hatte mich danach versicherte, er habe ganz ohne zu denken gesprochen. Und zwar nicht, weil es aller Erfahrung widerspricht, daß Einer der so reden kann, es ohne die Begleitvorgänge des Denkens tue. Sondern, weil es sich hier zeigt, daß uns die Begleitvorgänge überhaupt nicht interessieren & nicht das Denken ausmachen. Wir kümmern uns den Teufel um seine Begleitvorgänge, wenn er ein Gespräch mit uns führt.

67b[3] &
68a[1]

“Es zuckte mir durch den Sinn: ‥‥․” Nun, diesen Ausdruck lernt der Mensch gebrauchen. Fast nie frägt man Einen “Wie zuckte es Dir durch den Sinn? Hast Du etwas gesagt, hast Du etwas in der Vorstellung vor Dir gesehen; kannst Du überhaupt sagen, was in Dir vorging?”

68a[2]

Wenn man erkennen will, wie Verschiedenes “Gedanke” heißt, braucht man ja nur einen rein mathematischen Gedanken mit einem nicht-mathematischen vergleichen. Denk nur was alles “Satz” heißt!

68a[3]

Auf die Versicherung des Denkenden, es sei gewiß im Denken etwas während des Sprechens vorgegangen, ist natürlich nichts zu geben., es habe gewiß das Denken in einem Vorgang während des Sprechens bestanden, ist natürlich nichts zu geben.

68a[4] &
68b[1]

06.01.1948 Wie lernt ein Mensch den Gebrauch von “Ich dachte ‥‥․”, dort wo es nicht heißt “Ich glaubte ‥‥”. Wie lernt er einen Wortausdruck gebrauchen mit Bezug auf einen plötzlichen Einfall? Nun es gibt Zeichen der plötzlichen Erkenntnis & diesem folgt ein Gedankenausdruck; & wir sagen dem Kind bei so einen Anlaß etwa “Wie Du zusammengezuckt bist hast Du plötzlich gedacht ‥‥․” Das heißt: die Reaktion muß eben zuerst spontan kommen & dann können wir den Andern den gebräuchlichen Ausdruck lehren. Es ist hier natürlich nicht anders als wie im Falle, wenn der Mensch den Ausdruck “Ich habe geträumt” lernt.

68b[2] &
69a[1]

Das Kind muß nicht zuerst einen primitiven Ausdruck gebrauchen, den wir dann durch den gebräuchlichen ersetzen. Warum soll es nicht sogleich den Ausdruck der Erwachsenen gebrauchen, den öfters gehört hat. Wie es “errät”, daß dies der richtige Ausdruck ist, oder wie es drauf kommt ihn zu gebrauchen ist ja gleichgültig. Hauptsache ist: es gebraucht ihn – nach welchen Präliminarien immer – so wie die Erwachsenen ihn gebrauchen: d.h., bei denselben Anlässen, in der gleichen Umgebung. Er sagt auch: der Andre habe gedacht ‥‥․

69a[2]

Wie wichtig ist das Erleben der Bedeutung im sprachlichen Verkehr? Was wichtig ist, ist, daß wir beim Aussprechen eines Worts etwas intendieren. Ich sage z.B. “Bank!” & will damit jemand erinnern, er solle auf die Bank gehen, & ich meine dabei das Wort in der einen, & nicht in der andern Bedeutung. – Aber die Intention ist eben kein Erlebnis.

69a[3]

Aber wie kann sie kein Erlebnis sein, wenn sie sich doch auf einen Zeitpunkt bezieht. – Da ist es ja fast, als sage man nur man habe intendiert, während eben zu jener Zeit nicht wirklich etwas eben zu jener Zeit nicht wirklich etwas geschehen wäre! Als wäre diese Vergangenheit nur, sozusagen, eine Konstruktion. Und sie ist es (aber) nicht.

69a[4] &
69b[1]

Was unterscheidet sie aber vom Erlebnis? – Nun, sie hat keinen Erlebnisinhalt. Denn die Inhalte (Vorstellungen z.B.), die mit ihr oft Hand in Hand gehen, sind nicht die Intention selbst. – Und doch ist sie auch nicht eine Disposition, wie das Wissen. Denn die Intention war vorhanden als ich es sagte; sie ist jetzt nicht mehr vorhanden; aber ich habe sie nicht vergessen.

69b[2]

Soll ich die Intention einen Bewußtseinszustand nennen? Kann sie die Dauer eines Sinneseindrucks haben? Also zugleich mit ihm anfangen & enden?

69b[3]

“Wissen” wie ich es gebrauche, heißt nicht “sich einer Sache bewußt sein”. Das Wissen ist von der Richtung der Aufmerksamkeit unabhängig. Wende ich aber meine Aufmerksamkeit ganz von einer Sache ab, so bin ich mir ihrer nicht mehr bewußt.

69b[4] &
70a[1]

Könnte ich nun “Absicht” zweierlei nennen: etwas, was andauern kann auch wenn ich mir seiner nicht bewußt bin, & etwas anderes, was ein Bewußtseinszustand ist? – Wenn ich einen Weg mache um in diese Stadt zu kommen, so habe ich die Absicht insofern ununterbrochen, als ich sie nicht geändert habe. Aber meine Gedanken müssen nicht bei ihr sein, & insofern kann ich sie vergessen. Was hier nicht heißt, sie sei mir entfallen. Was soll ich aber von meiner Absicht sagen, als ich ihm befahl “Geh zur Bank!”? – Was nenne ich “an meine Absicht denken”, wenn ich auf dem Weg nach ‥‥ bin, um das & das zu tun? – Wann sagt man “Die Absicht stand mir klar vor Augen”?

70a[2]

Nimm an, ich trachtete, jemand zu überreden, dort & dort hin zu gehen, das & das zu tun –, kann ich leicht sagen mir sei während dieser ganzen Unterredung dringend darum zu tun er möge ‥‥; habe ich nicht die intensivste Absicht ihn dahin zu bringen? – Diese Absicht könnte man einen Zustand meiner Seele nennen. Man kann sie mit einem Feuer vergleichen, was in mir brennt. Es ist auch schwer diesen Zustand eine Disposition zu nennen; aber man kann ihn auch mit dem des Schmerzes, z.B., nicht vergleichen.

70b[1]

Ich bin nicht geneigt zu sagen “Ich habe beim Sprechen die Absicht gefühlt”, “die Erfahrung der Absicht gehabt”, oder dergleichen. – Ich würde sagen: “Ich habe die feste Absicht gehabt”, “Ich habe mich nicht von ihr abbringen lassen”, “Ich habe an ihr festgehalten”. Das Bild ist: man ergreift etwas, & hält daran fest.

70b[2]

Ist eine Absicht eine Disposition? Bin ich mir meiner Absicht bewußt, während ich ihn zu überreden trachte? Doch gewiß! Man sagt: “die Absicht stand von meiner Seele”. Also wie das Ziel, auf das ich zulief. “Ich habe diese Absicht nie aus den Augen verloren”.

70b[3] &
71a[1]

Was ist nun der Unterschied zwischen diesen beiden Fällen: Im einen sage ich “Geh zur Bank!” & meine dabei ‥‥․ – im andern, der also doch auch möglich sein muß sage ich dasselbe, meine aber dabei nichts, erkläre den Satz aber, wenn ich nach der Bedeutung gefragt werde, so wie im ersten Fall. Kann ich mit Sinn sagen, ich habe das & das gemeint, damals als ich es sagte, so muß es ja auch den andern Fall geben, in welchem ich’s damals nicht gemeint habe, & nur meine Worte nachträglich durch eine Erklärung ergänze.

71a[2]

Ich könnte mir hier zwei Fälle vorstellen. Den, ich habe beim Sprechen nichts gemeint; & den, ich habe etwas anderes gemeint. Im zweiten Fall ging eine Änderung meiner Absicht vor sich. Aber wie schaut der erste Fall aus?? Soll ich sozusagen im Halbschlaf geredet haben? Oder bloß unaufmerksam? – Es gibt ja wirklich den Fall, in dem man sagt “Ich habe kaum daran gedacht, als ich’s ihm sagte; ich war zu sehr mit ‥‥ beschäftigt”.

71a[3] &
71b[1]

Denn es könnte doch allerdings sein, daß ich Einem jenen Befehl gewohnheitsmäßig & daher ganz mechanisch gäbe, daß etwa der Reflex dieses Befehls bei mir durch das Schlagen einer Uhr ausgelöst würde; & in diesem Fall könnte man ja wirklich sagen ich habe mit meinen Worten so wenig gemeint, wie eine Maschine die sagt “stand clear of the gates”.

71b[2]

Denn wenn die Worte so einer Maschine auch in einer bestimmten Weise gemeint sind, & dementsprechend erklärt werden könnten, so hat doch die Maschine sie nicht so gemeint.

71b[3]

Es ist wahr: ich konnte mich mehr, oder weniger intensiv mit dem beschäftigen, was ich sagte. Und hier handelt sich’s offenbar nicht um bestimmte Erlebnisse während des Aussprechens der Worte. D.h., man könnte nicht sagen “Beim Aussprechen des Wortes ‘Bank’ mußte das & das vorsichgehen, wenn es wirklich so gemeint war”.

71b[4] &
72a[1]

Daß man nun doch das Wort isoliert, fern von jeder Intention, ‘einmal mit einer, einmal mit einer andern Bedeutung aussprechen’ kann, das ist ein Phänomen das nicht auf das Wesen der Bedeutung reflektiert; so daß man sagen könnte “Siehst Du, auch das kann man mit einer Bedeutung machen”. – Sowenig wie man sagen könnte: “Schau, was man mit einen Apfel alles machen kann: man kann ihn essen, sehen, zu haben wünschen, sich vorzustellen versuchen.” Sowenig, wie es für den Begriff ‘Nadel’ & ‘Seele’ charakteristisch ist, daß wir fragen können, wieviele Seelen auf einer Nadelspitze Platz haben. – Es handelt sich hier, sozusagen, um einen Auswuchs des Begriffs.

72a[2]

(Ich treibe, so seltsam das klingen mag, in allen diesen Betrachtungen Logik. Wenn ich’s auch ungeschickt mache & die logische Bedeutung dessen, was ich sage, noch schwer zu sehen ist.)

72a[3]

Statt “Auswuchs des Begriffs” hätte ich auch sagen können “Anbau an den Begriff.” – In dem Sinne, in welchem es auch nicht zu dem Wesen des Personennamens gehört, daß er die Eigenschaften seines Trägers zu haben scheint. – “Schubert heiß ich, Schubert bin ich.”

72a[4] &
72b[1]

Ich redete von einem ‘Auswuchs’, oder ‘Anbau’ an einem Begriff. Das heißt natürlich, daß ein neues Sprachspiel an das alte angebaut wurde. (Geradeso wie wenn man von den Farben der Vokale redet.)

72b[2]

Denk Dir eine Aufschrift, die schon ganz unleserlich wäre mit Ausnahme des Wortes “Bank”, das man noch lesen kann. Ich schaue die Aufschrift an, lese das Wort & halte es für den Namen des Sitzgeräts. Wenn jemand mit mir später über die Aufschrift spricht, sage ich “Ich habe es als selbstverständlich hingenommen, daß es ‥‥ bedeutet”. Wann habe ich’s so hingenommen? Als ich die Aufschrift zu lesen trachtete. Aber das bestand natürlich nicht darin, daß das Lesen des Worts von einem bestimmten Erlebnis begleitet war. – Nun, dieses unwillkürliche Auffassen des Worts ähnelt dem ‘Erleben des Wortes in der Bedeutung ‥‥’ Sowie das gewollte, oder ungewollte Sehen eines Dreiecks, z.B., in dem & dem Aspekt dem Halten des Dreiecks für das & das ähnelt.

72b[3] &
73a[1]

Aber wenn nun der Befehl “Geh zur Bank!” in einem Theaterstück vorkäme, & ich ihn in einer Rolle ausspräche, könnte ich ihn nicht doch meinen, auch abgesehen davon, daß er im Stück einen bestimmten Sinn hat? Nun, was wäre der Gegensatz zu ‘ihn meinen’? Wäre es nicht: ihn bloß sagen, aber ohne den entsprechenden, oder ohne jeden, Gedanken? Was anderes sollte es heißen, wenn ich jemandem in so einem Falle versicherte ich habe dies in meiner Rolle gesprochen, es aber nicht irgendwie gemeint? Aber was würde, daß ich die Worte ‘bloß gesprochen’ habe den Andern mitteilen? Entweder: ich hätte dabei an etwas anderes gedacht, oder mich in irgend einem abnormalen geistigen Zustand befunden (Vergleich mit dem Begriff ‘willkürlich’.)

73a[2]

Ich könnte mir hier auch den Fall vorstellen, daß für den Schauspieler die Worte “geh zur Bank” die Bedeutung hatten “geh zu dieser Kulisse” & er an eine Bank gar nicht dachte. Aber hier gibt es nun allerlei Übergänge & Schwankungen.

73a[3] &
73b[1]

Wie kann man den Geisteszustand, dessen der einen Befehl halb automatisch gibt, von dem unterscheiden in welchem er mit Nachdruck, wohlüberlegt, gegeben wird? “Es geht in dieses Menschen Geist etwas anderes vor.” Denk an den Zweck der Unterscheidung. – Was sind die Zeichen des Nachdrucks?

73b[2]

Kann man sagen Einer habe eine Intention mehr oder weniger nachdrücklich?

73b[3]

Nach langer Überlegung gibt man einen Befehl. Niemand wird sagen, er sei halb automatisch gegeben worden. Der Ton in dem man ihn gibt, wird wahrscheinlich ein anderer sein.

73b[4]

Ich möchte sagen: Wenn ein Mensch mit seinen normalen Fakultäten unter den & den Umständen so ein Gespräch hat, dann hat er gedacht.

73b[5]

Wenn ein sonst normaler Mensch unter den & den normalen Umständen ein normales Gespräch führt, & ich gefragt würde wie sich in so einem Falle der Denkende vom nicht Denkenden unterschiede, – ich wüßte nicht zu antworten. Und ich könnte gewiß nicht sagen, daß der Unterschied in etwas liegt was während des Sprechens vorsichging, oder nicht vorsichging.

74a[1]

Die Grenzlinie zwischen ‘denken’ & ‘nicht denken’, die hier gezogen würde, liefe zwischen zwei Zuständen, die sich durch nichts einem Spiel der Vorstellungen auch nur ähnlichem unterschieden. Denn das Spiel der Vorstellungen bleibt ja doch das, was man sich als das Charakteristikum des Denkens denkt.

74a[2] &
74b[1]

“Er hat seine Antworten auswendig gewußt & sich nichts bei ihnen gedacht.” Denk Dir, ich sage “Ich habe meine Antworten auswendig gewußt & mir nichts bei ihnen gedacht” wie unterschiede sich, was in mir damals vorging von dem beim denkenden Antworten. Allerlei Unterschiede fallen mir ein: Ich höre gar nicht genau hin auf das was der Andre sagt; Gedanken kommen in meinen Sinn, die sonst unmöglich wären; ich schaue auch den Andern ganz anders an; mit einem Wort benehme mich so, daß ein Andrer erraten könnte, ich wisse meine Reden auswendig, beim auswendig Reden werde ich auch gewisse Fehler machen, die ich sonst nicht machen würde, oder eine Unsicherheit dort fühlen wo ich sie sonst nicht fühlen würde, und umgekehrt; u.s.f..

74b[2]

Ist “Ich habe den Satz auswendig hergesagt” die Äußerung eines Erlebnisses? Man wird (im allgemeinen) sagen, Einer müsse wissen, ob er den Satz auswendig hergesagt, oder ihn ad hoc gebildet habe.

74b[3]

“Ich habe diese Worte gesagt, aber mir gar nichts bei ihnen gedacht”, das ist eine interessante Äußerung, weil die Folgen interessant sind. Du kannst Dir aber immer denken, daß, wer dies sagte sich bei der Introspektion geirrt hat; aber es würde uns gar nichts machen

74b[4] &
75a[1]

Was aber soll ich nun sagen: Ist dem, der gedankenlos geredet hat, ein Erlebnis abgegangen? Waren es z.B. Vorstellungen? – Aber wenn ihm die abgegangen wären, hätte das für uns dasselbe Interesse wie dies, daß er ohne zu denken gesprochen hat? Sind es die Vorstellungen, die uns in diesem Falle interessieren? Haben wir in seiner Äußerung nicht eine Art Signal von ganz anderer Bedeutung?

75a[2]

Soll ich sagen: “Wenn Du nicht automatisch gesprochen hast (was immer das heißen mag) & wenn Du Deine Absicht nicht erst später erhalten, oder geändert hast, so hattest Du sie, als Du sprachst”?

75a[3]

“Er hat an nichts anderes gedacht, als ihn davon abzubringen”. Man könnte das auch von der Person eines Theaterstücks sagen. Es drückt sich also im Benehmen & im Reden aus.

75a[4]

“Ich hatte die ganze Zeit den dringenden Wunsch, er möchte sich umstimmen lassen.”

75a[5]

“Ich habe mit dem Satz nichts gemeint, ich hab ihn nur vor mich hin gesagt.” Wie merkwürdig, daß ich damit auf kein Erlebnis während des Sprechens anspiele & daß ich trotzdem nichts bezweifelbares ausspreche.

75a[6] &
75b[1]

07.01.1948 Es ist sehr merkwürdig, daß die Vorgänge beim Denken uns so gut wie nie interessierten. (Aber natürlich sollte ich nicht sagen, es sei merkwürdig.)

75b[2]

Nun, Ähnliches könnte man in andern Fällen auch sagen. Wenn mir jemand mitteilt Einer habe geschmunzelt, so interessiere ich mich für die genauen Veränderungen der Gesichtszüge auch nicht. Und so könnte man meinen sei es, wenn ich nicht wissen will genau welche Vorstellungen, etc., Einer hat wenn er, z.B., den & den Satz nur wegen seines seltsamen Klangs wiederholt ihn aber nicht eigentlich gemeint hat.

75b[3]

Aber ich bezweifle, daß man da auf der rechten Spur ist.

75b[4] &
76a[1]

Die Frage “Was hast Du gemeint” & ähnliche können in zweifacher Weise verwendet werden. Im einen Fall wird einfach eine Sinn- oder Bedeutungserklärung verlangt, damit man mit dem Sprachspiel fortfahren kann. Im andern Fall interessiert uns etwas, was zur Zeit, als der Satz gesprochen wurde, geschah. Im ersten Falle würde uns ein psychologischer Bericht, wie dieser “Zuerst sagte ich’s nur zu mir selbst, dann wendete ich mich an Dich & wollte Dich erinnern etc.” nicht interessieren.

76a[2]

Hast Du das gemeint? Ja, es war der Anfang dieser Bewegung.

76a[3]

Ich stelle noch nicht die richtige Frage.

76a[4] &
76b[1]

Denken wir uns diesen Fall: Ich soll um 12 Uhr jemand daran erinnern, er solle auf die Bank gehn, Geld holen. Mein Blick fällt um 12 Uhr auf die Uhr & ich sage “Bank!” (zu ihm gewendet, oder auch nicht); vielleicht mache ich eine Gebärde, die man manchmal macht, wenn man sich plötzlich einer Sache, die zu tun ist, entsinnt. – Gefragt, “Meinst Du die … Bank?” werde ich’s bejahen. – Gefragt “Hast Du beim Sprechen die … Bank gemeint”, auch. – Wie, wenn ich das letztere verneinte?! Was würde das dem Andern mitteilen? Etwa, daß ich beim Sprechen den Satz anders gemeint, ihn aber dann doch für jenen Zweck verwenden wollte. Nun, das kann vorkommen. Es könnte auch sein, daß ich, als mein Blick auf die Uhr fiel, in seltsamer automatischer Weise das Wort “Bank” ausspreche, so daß ich dann berichte “Ich hörte mich plötzlich das Wort sagen, ohne mit ihm irgend eine Bedeutung zu verbinden. Erst später erinnerte ich mich daran, daß Du zur Bank solltest.” – Die Antwort, ich hätte zuerst das Wort anders gemeint, bezog sich doch offenbar auf die Zeit des Sprechens; & ich hätte mich auch so ausdrücken können: “Ich habe beim Reden an diese Bank gedacht, nicht an ‥‥”. – Die Frage ist nun: ist dieses ‘Denken an ‥‥’ ein Erlebnis? Es geht häufig, vielleicht immer, mit einem Erlebnis zusammen, möchte ich sagen. Zu sagen man habe damals an diese Sache gedacht, auf die man nun zeigen, die man beschreiben kann, etc., ist förmlich als sagte man: Dieses Wort, dieser Satz, war der Anfang von diesem Gedankenzug, von dieser Bewegung. Nicht aber so, als ob ich dies durch nachträgliche Erfahrung wüßte; sondern die Äußerung “Ich habe bei diesen Worten an ‥‥ gedacht” knüpft eben selber an jenen Zeitpunkt an. Und wenn ich sie in der Gegenwart statt in der Vergangenheit machte, hieße sie etwas anderes.

76b[2] &
77a[1]

Warum aber will ich sagen, jenes Denken sei kein Erlebnis? – Man kann an die ‘Dauer’ denken. Wenn ich statt des einen Wortes einen ganzen Satz gesprochen hätte, könnte ich nicht von einem Zeitpunkt im Sprechen sagen, er sei der Anfang des Denkens gewesen, noch auch der Augenblick in dem es stattgefunden hat. Oder, wenn man Anfang & Ende des Satzes, Anfang & Ende des Gedankens nennt, dann ist es nicht klar ob man von dem Erlebnis des Denkens sagen soll, es sei während dieser Zeit einförmig, oder es sei ein Vorgang, wie das Sprechen des Satzes selbst.

77a[2]

Ja, wenn man von einer Erfahrung des Denkens spricht, so ist die Erfahrung des Redens so gut wie jede andre. Aber der Begriff ‘denken’ ist kein Erfahrungsbegriff. Denn man vergleicht Gedanken nicht, wie man Erfahrungen vergleicht.

77a[3]

Man kann Einen im Denken stören, – aber im Beabsichtigen? – Wohl aber im Planen. Auch im Festhalten einer Absicht, nämlich im Denken oder Handeln.

77a[4] &
77b[1]

‘Sag “a b c d e” & mein: Das Wetter ist heute schön.’ Soll ich also sagen, daß das Erlebnis des Aussprechens eines Satzes einer uns geläufigen Sprache ein ganz anderes ist als das des Aussprechens uns nicht in bestimmten Bedeutungen geläufiger Zeichen? Wenn ich also jene Sprache lernte in welcher “a b c d e” den Sinn ‥‥ hat, würde ich nach & nach das uns bekannte Erlebnis beim Aussprechen eines Satzes kriegen. Oder soll ich sagen, wie ich geneigt bin zu sagen, die Hauptverschiedenheit der beiden Fälle liegt darin, daß ich mich im einen nicht bewegen kann. Es ist als wäre eines meiner Gelenke in Schienen & ich wäre noch nicht an sie gewöhnt & hätte daher noch nicht ihre möglichen Bewegungen inne, stieße also sozusagen in einem fort an. (Gefühl des Weichen.)

77b[2]

Denk Dir, ich wäre mit einem Menschen beisammen, der diese Sprache spricht, & mir wäre gesagt worden, “a b c d e” heiße das & das, & ich solle dies sagen, weil es höflich sei. Ich würde es also mit einem freundlichen Lächeln & einem Blick zum Fenster hinaus sagen. Wäre das nicht schon genug, um mir diese Zeichen weniger fremd zu machen?

77b[3] &
78a[1]

Denk Dir ein Verbum mit der Bedeutung “denkend reden”. Für diese Menschen sei dies eine Begriffseinheit. Sie haben (etwa) auch ein Wort für das bloße Hervorbringen der Laute einer Sprache, aber es wird nur sehr selten dort verwendet, wo wir “sprechen” sagen. So ein Verbum wäre nicht ein rein psychologisches, d.h., entspräche nicht ganz unsern psychologischen. Betrachte die erste Person der Gegenwart.

78a[2]

08.01.1948 Wir möchten oft sagen, wir können uns den & den Fall vorstellen; wir sind aber doch nicht darauf vorbereitet, ihn völlig zu beschreiben. Wir glauben, wir könnten es, bleiben aber stecken. Wir haben eine allgemeine Beschreibung des Falls nach Analogie anderer uns bekannter; aber es ist als wäre der Weg in den wir eingebogen sind, zu einem unerwarteten Ende gekommen. Aus diesem Vorgang könnte man viel lernen.

78a[3] &
78b[1]

Wie sollen wir uns (nun) die Anwendung des Zeitworts für “denkend reden” vorstellen? Man könnte es natürlich für einen Papagei & ein Grammophon anwenden. Wenn ich aber z.B. einen Satz in einem Übungsbuch lese um ihn in’s ‥‥ zu übersetzen; kaum habe ich ihn gelesen, so fällt mir ein, wie dumm er ist; ich mache vielleicht eine Bemerkung über seinen Inhalt. – Hab ich ihn gedacht? Oder erst nach dem Lesen? Das könnte man schwer sagen, wenn nicht das Lesen unter sehr seltsamen Bedingungen vor sich gegangen ist. Ich lese “Die Gärtnerin meiner Tante hat schöne Rosen.” Ja; ich kümmere mich um den Inhalt nicht, – aber habe ich nicht doch denkend, d.h. verstehend, gelesen? Was ich sagen will, ist: Ist irgend ein radikaler Unterschied zwischen diesem Lesen, oder Sprechen des Satzes & dem Lesen dieses Satzes in einer Geschichte, etwa?

78b[2] &
79a[1]

Man könnte von ‘Anteilnahme’ reden. Und worin liegt die Anteilnahme an einem Satz den ich spreche? An dem, wird man sagen, was dabei in mir vorgeht. Ich möchte sagen: An den Verbindungen, Zusammenhängen, die ich mache. Es ist nämlich die Frage: Was immer beim Anteilnehmen in mir vorsichgeht, – wodurch ist es ein Anteilnehmen an dem Inhalt dieses Satzes? Warum ist es z.B. nicht eine pathologische Aufregung in mir, die das Sprechen begleitet?

79a[2]

Kann ich wirklich sagen es sei beim ‘gedankenlosen’ Lesen des Übungsbuchsatzes in mir etwas ganz anderes, oder einfach etwas anderes geschehen, wie beim verständnisvollen Lesen des Satzes in anderem Zusammenhang? Ja; Unterschiede sind da. Ich werde z.B. auf den gleichen Satz in gewissem Zusammenhang sagen “Ja, so war es?”, ich werde überrascht, enttäuscht, gespannt, befriedigt sein, etc..

79a[3]

Wenn ich nun, z.B., jenen Satz mit Staunen las, – ist das Staunen ein Denken, ein Empfinden?? Es ist klar, wir unterscheiden einen stumpfen Gesichtsausdruck beim Lesen & einen in dem sich der Sinn des Gelesenen spiegelt, also z.B. Staunen, Freude, Spannung.

79a[4] &
79b[1]

Es gibt Ausrufe des Staunens, Mienen, Gebärden. Aber ‘staunen’ ist ein seelischer Vorgang, denn “ich staune” bezieht sich nicht aufs Benehmen des Staunens. (Übrigens: der Ausdruck des Staunens ist nicht eine gleichbleibende Miene, oder dergl., sondern eine Bewegung, wie der Ausdruck der Überraschung. Unterscheidung zwischen Staunen & Depression z.B..)

79b[2]

Wäre es richtig zu sagen: das Staunen über diesen Inhalt sei ein andrer Vorgang als das Staunen über einen andern?

79b[3] &
80a[1]

Ich lese den Dialog eines Dramas mit Anteilnahme. Ich lese eine Antwort des unglücklichen Helden & nicke mit dem Kopf, als wollte ich sagen, “Also dahin ist es gekommen!” – Ich könnte auch nachher berichten, ich habe das beim Lesen dieser Rede gefühlt. (Und nun wird vielleicht jemand sagen ich habe das Nicken meines Kopfes gefühlt.) Man sagt auch: die Antwort hat mir das Herz zusammengezogen. Ich berichte also über Erlebnisse, während des Lesens, oder Sprechens. Aber wohlgemerkt, diese Erlebnisse sind gerichtet, sie beziehen sich auf etwas. Und darum, will ich sagen, sind sie nicht Erfahrungen.

80a[2]

Schiller schreibt in einem Brief (ich glaube an Goethe) von einer ‘poetischen Stimmung’. Ich glaube, ich weiß was er meint, ich glaube sie selbst zu kennen. Es ist die Stimmung in welcher man für die Natur empfänglich ist & in welcher die Gedanken so lebhaft erscheinen, wie die Natur. Merkwürdig ist aber, daß Schiller nicht besseres hervorgebracht hat (oder so scheint es mir) & ich bin daher auch gar nicht sicher überzeugt, daß, was ich in solcher Stimmung hervorbringe wirklich etwas wert ist. Es ist wohl möglich, daß meine Gedanken ihren Glanz dann nur von einem Licht, das hinter ihnen steht, empfangen. Daß sie nicht selbst leuchten.

80a[3]

Wo Andre weitergehn, dort bleib ich stehn.

80a[4]

“Hast Du den Satz denkend gelesen?” “Ja, ich habe ihn denkend gelesen; jedes Wort war mir wichtig.”

80a[5] &
80b[1]

“Ich habe sehr angestrengt dabei gedacht.” Ein Signal. Ist dabei nichts vorgegangen? O ja, allerlei! Aber darauf bezog sich das Signal nicht. Und doch bezog sich das Signal auf die Zeit des Redens.

80b[2]

James könnte vielleicht sagen: Ich lese jedes Wort mit dem ihm entsprechenden Gefühl. “Aber” mit dem Abergefühl”, u.s.w.. Und selbst wenn das wahr ist, was bedeutet es eigentlich? was ist die Grammatik des Begriffs “Abergefühl’? Es wird ja nicht ein Gefühl dadurch, daß ich es “Gefühl” nenne.

80b[3]

Wie seltsam, daß etwas beim Sprechen vorgegangen ist, & ich doch nicht sagen kann was! – Am besten: ich sage, ich habe mich geirrt, & es ist nichts vorgegangen; & nun untersuche ich den Nutzen der Äußerung. Und es wird sich auch fragen, welches der Nutzen des Bezugs auf den vergangenen Zeitpunkt ist.

80b[4] &
81a[1]

“Ich werde mich sehr freuen, Dich zu sehen.” Ich habe es gemeint; was ist (also) vorgegangen? Der Wunsch ist in mir rege, er möge kommen. Und wie geschah das? Habe ich mir sein Kommen deutlich vorgestellt & dabei ein Gefühl der Freude gehabt? Unsinn!

81a[2]

War der Wunsch in Dir rege, als Du sprachst? Gewiß. Aber so muß doch etwas vorgegangen sein! Es fragt sich: Wie identifiziert man, was vorgegangen ist? & die Zeit & Art des Vorgangs.

81a[3]

[→ ] Nicht ohne Widerstreben übergebe ich das Buch der Öffentlichkeit. Die Hände, in die es geraten wird, sind zumeist nicht diejenigen, in denen ich es mir gerne vorstelle. Möge es – das wünsche ich ihm – bald gänzlich von den philosophischen Journalisten vergessen werden, & so vielleicht einer edleren Art von Lesern aufbewahrt bleiben.

81a[4] &
81b[1]

Ja; “Ich habe bei diesen Worten gedacht ‥‥․” bezieht sich allerdings auf die Zeit des Redens; aber wenn ich nun den ‘Vorgang’ charakterisieren soll, so kann ich ihn nicht als ein Geschehen in diesem Zeitraum beschreiben, z.B. nicht sagen, die & die Phase des Vorgangs wäre zu der Zeit geschehen, die andere zu jener. Also nicht, wie ich z.B. das Sprechen selbst beschreiben kann. Das ist der Grund, warum man das Denken nicht wohl einen ‘Vorgang’ nennen kann.

81b[2]

Von den Sätzen, die ich hier niederschreibe macht immer nur jeder so & so vielte einen Fortschritt; die andern sind wie das Klappern der Schere des Haarschneiders, der sie in Bewegung erhalten muß, um mit ihr im rechten Moment einen Schnitt zu machen.

81b[3]

Mit ‘denkend reden’ müßte ich eigentlich meinen: reden & verstehen, was man sagt, & nicht erst nachträglich verstehen.

81b[4] &
82a[1]

Das Schreiben ist gewiß eine willkürliche Bewegung, & doch ganz automatisch. Und von einem Fühlen der Schreibbewegungen ist natürlich nicht die Rede. D.h. man fühlt etwas, aber könnte das Gefühl unmöglich zergliedern. Die Hand schreibt; sie schreibt nicht, weil man will, sondern man will, was sie schreibt. Man sieht ihr nicht erstaunt oder mit Interesse beim Schreiben zu; denkt nicht “Was wird sie nun schreiben”. Aber nicht, weil man eben wünschte, sie solle das schreiben. Denn, daß sie schreibt, was ich wünsche, könnte mich ja erst recht in Erstaunen versetzen.

82a[2]

Denk dir jemand hätte das Gefühl, er ließe die Muskeln seiner Hand & des Arms gänzlich schlaff, aber die Hand schriebe dennoch, also unwillkürlich Er sagt uns: Ich tue nichts, die Hand tut es ohne meinen Willen; das heißt natürlich nicht: gegen meinen Wunsch; vielmehr kann ich wünschen, daß sie sich ohne meinen Willen bewegt.

82a[3] &
82b[1]

Wie prüfen wir, ob jemand versteht, was es heißt, die Muskeln des Armes entspannen, schlaff lassen? Doch dadurch, daß wir prüfen, ob sie entspannt sind, wenn er sagt er habe sie entspannt etwa auf unsern Befehl). Was würden wir nun zu dem sagen, der uns sagt, er spanne seine Muskeln nicht an, während sein Arm ein Gewicht hebt & es mit allen den gewöhnlichen Anzeichen der gewollten Bewegung tut. Wir würden hier von Lüge, oder von einer merkwürdigen Illusion reden. Ich weiß nicht, ob es Verrückte gibt, die ihre normalen Bewegungen für unwillkürlich erklären. Wenn es aber jemand tut, so erwarte ich mir von ihm daß er der Bewegung seines Arms in ganz andrer als der normalen Weise mit seiner Aufmerksamkeit folgt; so nämlich, wie der Bewegung eines Andern.

82b[2]

Wenn unser Arm unter gewissen Bedingungen sich bewegt, obgleich wir seine Bewegung nicht verursachen, da wir nämlich geflissentlich den Arm schlaff hängenlassen; & wenn eine Untersuchung in so einem Falle zeigen würde, daß alle Muskeln so gespannt sind, wie bei einer gewollten Bewegung – sollten wir sagen: der Arm habe sich ohne unseren Willen bewegt, weil wir fühlen, es sei so?

82b[3] &
83a[1]

09.01.1948 Das Kind lernt gehen, kriechen, spielen. Es lernt nicht willkürlich & unwillkürlich spielen. Aber was macht das Spiel zu einer willkürlichen Bewegung? Nun, wie wäre es denn, wenn sie unwillkürlich wären? – Ich könnte auch fragen: Was macht denn diese Bewegungen zu einem Spielen? – Daß sie Reaktionen auf gewisse Bewegungen, Laute, etc. des Erwachsenen sind, daß sie einander so folgen, mit diesen Mienen & Lauten (dem Lachen z.B.) zusammengehn.

83a[2]

Kurz, macht es die Bewegungen so, so sagen wir sie seien willkürlich. Bewegungen in solchen Syndromen heißen “willkürlich”.

83a[3]

Zu den Erscheinungen, die eine Bewegung zur willkürlichen macht, gehört auch die besondere Einstellung dessen, der sich bewegt, zu ihr; nämlich die Abwesenheit des Staunens, etc..

83a[4]

In den Haupterscheinungen im Bereich der willkürlichen Bewegungen gehört auch das der Anstrengung, des Trachtens, eine Bewegung auszuführen, oder nicht auszuführen. Endlich auch die des absichtlich passiven Verhaltens.

83a[5] &
83b[1]

Ich sprach von denkendem Reden. Aber lies eine Geschichte mit Verständnis, & sieh wieviel verschiedene Arten von Reden darin vorkommen. Berichte, Hilferufe, Drohungen, Lachen & Stöhnen, wissenschaftliche Betrachtungen. Und soll ich etwa nur die letzteren denkend reden nennen können? –

83b[2]

Als ich sagte “Bank!” dachte ich, meinte ich: Er soll auf die Bank gehen. Ich sprach hier von einer ‘Intention’ & dachte daran, daß ich auf die Frage “Was hast Du gemeint” die & die Erklärung abgeben würde, die sich auf die Zeit jener Äußerung bezöge & doch keine Übersetzung dessen, was damals geschah, in Worte wäre.

83b[3]

Ich gebe Einem mit den Augen oder einer Miene ein Zeichen. Ich kann, was es bedeutet hat, später erklären. Wenn ich sage “Ich hatte dabei diese Intention” so ist das, als bezeichnete ich den Ausdruck als Anfang einer Bewegung. Ich erkläre ihn nicht mit Hilfe von hergebrachten Regeln, noch durch eine Definition, die den zukünftigen Gebrauch des Zeichens regeln soll. Ich sage weder “Dies Zeichen bedeutet bei uns das”, noch “es soll in Hinkunft das bedeuten”. Ich gebe also keine Definition.

84a[1]

“Bank!” – “Ja?” – “Du mußt auf die Bank gehen.” – Ist es nun eine Illusion wenn mir, beim Nachdenken über so einen Fall, vorkommt, als schwebten mir bei, & nach dem Ausruf ganz zarte Schemen von Bildern oder dergleichen vor? Aber wenn sie nur mir vorschweben & einem Andern nicht – wo ist ihre Wichtigkeit? Wenn eine da ist, so liegt sie nicht auf dem Gebiet, das mich hier beschäftigt.

84a[2]

Bei Gericht könnte man um die Bedeutung jenes Ausrufs gefragt werden. Wohl kaum nach den innern Vorgängen, die die Gefolgschaft der Worte bilden.

84a[3]

Aber ist die ‘Intention’ von der ich sprach, wenn ich “Bank!” sagte, nicht dasselbe wie, daß ich das damit meinte? “Intention” nannte ich’s weil es mir wie der Keim, die Anlage, zu etwas schien

84a[4] &
84b[1]

Denk nun aber an den Unterschied, den es macht, wenn ich jenen Ausruf in seiner bestimmten Situation nicht aus eigenem mache, sondern ihn in einer Geschichte, oder einem Schauspiel lese. Ich nehme an: mit Verständnis lese. Bin ich aber da noch geneigt, von einer Intention (ich meine von meiner Intention) bei diesem Wort zu reden?

84b[2]

Kann ich aber sagen, es geht beim Lesen etwas anderes in mir vor sich, als beim spontanen Ausruf? Nein. Ich weiß nichts von so einer Verschiedenheit der Vorgänge; obwohl die Art & Weise wie ich mich ausdrücke auf so etwas schließen ließe. Aber wenn Einer in’s Zimmer käme, gerade wenn ich den Ausruf lese & er fragte mich, ob ich das & das wolle, würde ich ihm sagen, ich hätte es nicht so gemeint & bloß etwas gelesen.

84b[3]

Und man könnte glauben, auch das müsse einen Unterschied machen, ob ich den Ausruf in einer Geschichte lese oder in einem Theaterstück mit verteilten Rollen. Hier, wenn ich mich in meine Rolle ‘einlebe’ könnte man sich denken, ich erlebte das Gleiche, wie in der wirklichen Situation.

85a[1]

Aber auch bei dieser Überlegung machen wir, glaube ich, einen Fehler.

85a[2]

Man könnte etwa sagen, der Ausruf habe in den drei genannten Fällen den gleichen Sinn, aber verschiedene Intention. Und ich werde diese auch in jedem der Fälle anders erklären, wenn eine Erklärung verlangt wird. Oder auch so: die Erklärung des Ausrufs wäre, in den verschiedenen Situationen, in einer Hinsicht immer die gleiche, in einer andern aber jedesmal anders.

85a[3]

Ich könnte aber auch sagen: die Intention war jedesmal, von einem Geldinstitut, & nicht von einer Sitzbank, zu reden. Und diese Intention war kein Erlebnis während des Sprechens. Ja, was immer ich erlebt hätte, nichts hätte ich als so eine Intention anerkannt. Man kann auch nicht sagen, sie fand während des Sprechens statt, weil kein Zeitpunktihr als Anfang, oder Ende, des Ganzen, oder eines Abschnitts, zugehört.

85b[1]

Ich sagte früher, die Intention habe keinen Inhalt. Nun ihren Inhalt kann man das nennen, was ihr Wortausdruck erklärt. Aber eben davon kann man weder sagen, es sei ein amorpher Zustand, der von diesem Zeitpunkt (bis) zu jenem andauert; also etwa vom Anfang des ersten, bis zum Ende des letzten Wortes; noch kann man Phasen in ihm unterscheiden & diese dem Ablaufen des Wortausdrucks zuordnen. Wäre dagegen der Satz von einem Spiel der Vorstellungen begleitet, so könnte man eben dies tun.

85b[2]

“Beschreibung” der Intention ist nur ihr Wortausdruck, & den sollte man eben darum nicht “ihre Beschreibung” nennen.

85b[3]

Konnte man nun, was ich hier “Intention” nannte, auch “Absicht” nennen? Denn von der Absicht sagte ich, sie sei eine Disposition, während die Intention ein ‘Keim’ ist. – “Er hat die Absicht ausgedrückt, mich zu besuchen” – ist dabei die Absicht gleichsam akut geworden?

86a[1]

Man kann aber doch sagen: “Ich hatte in diesem Moment die Absicht ‥‥”. Stehe ich z.B. auf & sage “Nein, ich halte es hier nicht länger aus”, so habe ich die Absicht aus dem Zimmer zu gehen.

86a[2]

Eine Disposition, das Wissen z.B. kann man Dir nicht ‘ansehen’; aber wohl in einem Sinne, die Absicht. Und wenn man sagt “Ich hatte für einen Augenblick die Absicht ‥‥”, so ist dies gerade so ein Fall. – Aber man kann doch auch sagen: “Ich hab’s Dir angesehen, daß Du wußtest wovon die Rede war’. Man sagt doch, Einer wälze eine Absicht im Geiste hin & her. Und das ist doch etwas was man einem ansehen kann! – Der Unterschied zwischen ‘die Absicht haben’ & ‘an die Absicht denken’.

86a[3] &
86b[1]

Wenn ich mir sage “Ich will diesem Gespräch ein Ende machen”, so ist das doch der Ausdruck einer Absicht & zwar im Moment ihres Entstehens; es ist eigentlich der Ausdruck des Entschlusses. Und dem Entschluß als einem Bejahen der Absicht entspricht auch ein hin & her Schwanken zwischen Entscheidungen, ein Ringen mit dem Entschluß.

86b[2]

Wenn ich bei mir denke “Ich halt es nicht mehr aus; ich will gehen!” so denke ich doch eine Absicht. Es ist aber das Denken des Ausbruchs einer Absicht. Während man von dem, der erzählt “Ich beabsichtige im nächsten Jahr ‥‥” auch sagen kann er denke eine Absicht, aber in ganz anderem Sinne.

86b[3]

Wer würde glauben, daß ich hier, wenn auch sehr unbeholfen, Logik treibe.

86b[4]

10.01.1948 Wissen: eine Disposition. Hier ist noch etwas sehr unklar. Ich denke an Wissen als ein Können; z.B. ‘auswendig wissen’ (ich kann das ABC hersagen). Anders aber ist Wissen als ein Grad des Glaubens. – Wenn ich sage “Ich weiß bestimmt, daß heute Vollmond ist” so ist das natürlich nicht der Ausdruck eines Bewußtseinszustands; ich weiß es, auch wenn ich nicht dran denke.

86b[5] &
87a[1]

Teilt uns “Es regnet” & “Ich weiß, daß es regnet” das Gleiche mit? Man könnte sie so unterscheiden: Eine Art Barometer könnte uns das Wetter draußen anzeigen, wenn wir in einem fensterlosen Raum wären; es könnte das mittels eines Zeigers & Zifferblatts tun, aber auch mittels einer Sprechmaschine, die, wenn man auf einen Knopf drückt das Wetter ansagt; z.B. “Es regnet”; aber doch nicht “Ich weiß, daß es regnet”. Aber das ist die Schwierigkeit: Wenn der Apparat spräche “Ich weiß daß es regnet”, – was sollte es anderes heißen als “Es regnet”? Und wenn ein Mensch sagt “Es regnet” so sagt er uns dasselbe wie mit den Worten “Ich weiß, daß ‥‥”. Ich meine: Weder für die Maschine, noch für den Menschen ist ein Unterschied zwischen den beiden Aussagen.

87a[2]

“Wissen” wird gebraucht im gleichen Sprachspiel, wie “Glauben”. Man fragt “Glaubst Du das nur, oder bist Du sicher?” & diese Frage kann man an die Maschine nicht stellen. Auch dann nicht, meine ich, wenn sie so eingerichtet wäre, daß sie uns größere, oder geringere Wahrscheinlichkeiten eines Geschehens mitteilen könnte.

87a[3] &
87b[1]

Denn aus den Worten “Ich bin sicher, daß ‥‥”, “Ich bin nicht ganz sicher”, “Ich halte es für möglich”, u.s.f., ziehen wir Schlüsse auf den Zustand (oder die Folgen des Zustands) dessen der’s sagt; auch wenn wir keine Schlüsse auf den Gegenstand ziehen, von dem er redet. Denn wir können Einen auf sein Wissen & Glauben prüfen, nicht um Belehrung von ihm zu erhalten. (Und freilich können wir auch die Aussagen eines Apparats nur dazu benützen ihn zu prüfen.)

87b[2]

Worüber rede ich nun, wenn ich sage “Es regnet”? Über mich? über’s Wetter? über beides? – Und warum nicht über mich? Denn das Vorkommen oder nicht-Vorkommen eines Worts im Satz (des Wortes “ich”, z.B.) entscheidet das nicht. Ein Wort deutet nur das Spiel an, in welchem wir den Satz verwenden können.

87b[3]

Es könnte eine Sprache geben, in welcher auf eine geschichtliche Frage (z.B.) die Antwort anders lautete, wenn sie zur Information des Fragenden, & anders, wenn sie bei der Geschichtsprüfung gegeben wird.

87b[4] &
88a[1]

Man sagt nicht “Ich weiß daß es regnet” einfach als Mitteilung, es regne; sondern etwa wenn diese Aussage angezweifelt wurde; oder auf die Frage ob ich auch sicher sei. Aber ich könnte dann auch sagen “Es regnet bestimmt”.

88a[2]

Ich könnte auf die Frage “Regnet es?” die Antwort “Ja” erhalten, ohne zu erfahren, wer dies glaubt, weil ich den Sprecher nicht sehe.

88a[3]

Ich kann mit einer Meldung eine Reihe von Sprachspielen spielen; eine ist z.B.: nach ihr handeln; eine andere: durch sie den Meldenden prüfen. Aber ist nicht das erste sozusagen das ursprünglichere Sprachspiel; das wozu eine Meldung dient?

88a[4]

Man könnte sagen: Die Intention der Prüfungsantwort & der gleichlautenden informativen Antwort sei verschieden.

88a[5] &
88b[1]

Ich könnte mir ein Gedicht denken, in dem es heißt: “Es regnet & ich glaube, daß es regnet!” – Sozusagen: Gott hat gegeben, daß es regnet, & mir, daß ich es auch glaube. – Ich glaube, wenn dies Unsinn ist, daß ähnlicher Unsinn oft geschrieben worden ist. “Wie herrlich! es regnet, & es ist mir gegeben, es zu glauben!” Schwerer ist vorzustellen: “Schrecklich! Es regnet, & ich glaube es nicht!” “Ich weiß es, aber ich glaube es nicht!” – Wichtig aber ist, daß ich mir alles das als Sprache des Gedichts, nicht des Alltags vorstelle.

88b[2]

Man muß sich sagen, daß es die erste Person “ich glaube” sehr wohl auch ohne eine dritte geben könnte. Warum sollte nicht in der Sprache ein Verbum gebildet worden sein das nur eine erste Person der Gegenwart hat? Es ist gleichgültig was dazu geführt hat, welche Vorstellungen.

88b[3] &
89a[1]

Ein Satz, z.B. “Es regnet”, kann sehr wohl einmal als Behauptung, einmal als Annahme ausgesprochen werden (auch wenn ihm kein “Angenommen” vorausgeht) – was macht ihn zum einen, was zum andern? – Einerseits möchte ich antworten: Das Spiel, in dem er gebraucht wird. Anderseits: die Intention, mit welcher er ausgesprochen wurde. Wie reimen sich diese beiden zusammen?

89a[2]

Sowie ich auf entlegeneren Gebieten fortwährend Fragen antreffe, die ich nicht beantworten kann, wird es klar, warum ich mich in weniger entlegenen auch nicht auskenne. Denn wie weiß ich, daß, was hier die Antwort aufhält, nicht eben das ist, was dort mich hindert, den Nebel zu zerstreuen?

89a[3]

“Ich hatte den Satz als Annahme intendiert” – Wie erkläre ich das? – Ich hatte dies Spiel intendiert. Ich kann auch, daß ich diese Bewegung als Anfang einer Schachpartie intendierte, nur dadurch erklären, daß ich das Schachspiel erkläre.

89a[4] &
89b[1]

Was aber heißt das: “Es regnet & ich glaube es nicht” hat Sinn, wenn ich es als Annahme meine, & keinen Sinn wenn ich es als Behauptung, oder Meldung meine. Man stellt sich das so vor, daß, wenn der Satz auf die erste Art intendiert wird, etwas von ihm ausgeht, etwas aufleuchtet, wogegen alles finster bleibt, wenn man ihn auf die zweite Art intendiert. Und etwas ist ja wahr daran: Denn sagt mir einer diese Worte & ich verstehe sie als Annahme, so leuchtet etwa Verständnis in meinem Gesicht auf; denke ich aber den Satz als Meldung, so werde ich am Sinn irre & das Verständnis bleibt aus.

89b[2]

“Es regnet & ich glaube es nicht” ist eine Annahme, aber keine Meldung.

89b[3]

Warum ist die Meldung “Ich glaube es regnet” so ähnlich der: “Es regnet”; dagegen die Annahme, ich glaube es regnet, ganz unähnlich der Annahme, es regne? Nun, die Meldung “Ich glaube ‥‥” ist eine Äußerung des Glaubens, aber die Annahme ist keine Äußerung. Wie ein Stöhnen die Meldung “Ich habe Schmerzen” ersetzen kann, aber nicht die Annahme.

89b[4]

Die Meldung “Ich glaube, es regnet” ist eine Meldung über das Wetter. Die Annahme, eine über mich.

89b[5] &
90a[1]

Man möchte auch sagen: Die Annahme, ich glaube das, ist die Annahme einer Disposition in mir. Während ich von der Meldung “Ich glaube ‥‥” nicht sagen möchte, sie berichte von meiner Disposition. Vielmehr ist sie eine Äußerung dieser Disposition.

90a[2]

Aus der hypothetischen Annahme, ich glaube, daß es regne, kann ich hypothetische Schlüsse auf mein Benehmen schließen. Aber ziehe ich auch Schlüsse daraus, daß ich glaube, es regnet?

90a[3]

Der Meldung “ich glaube” haftet eine gewisse Unbestimmtheit an. Aber denke, es würde gelehrt: Du kannst nur wissen, daß Du etwas glaubst; jede Behauptung muß lauten “Ich glaube ‥‥”. Dann also wäre die Meldung “Es regnet” identisch mit der “Ich glaube, ‥‥” Diese aber hätte eine dritte Person, der nichts in der einfachern Meldung entspricht.

90a[4] &
90b[1]

Alles das hängt auch zusammen damit: daß man sagen kann, “Ich glaube, er glaubt ‥‥”, “Ich glaube, ich glaubte ‥‥” “Er glaubt, ich glaube ‥‥”, aber nicht “Ich glaube, ich glaube ‥‥”.

90b[2]

In dem Fall eines obligatorischen “Ich glaube” als Anfang jeder Behauptung hieße zwar “Ich glaube, es sei so” dasselbe wie “Es ist so”, aber “Angenommen, ich glaube, es sei so” nicht dasselbe wie “Angenommen, es sei so.”

90b[3]

“Ich weiß die Antwort zu dieser Frage” heißt ungefähr soviel wie “Ich kann sie sagen”; dies könnte man wohl eine Disposition nennen. Aber wie denn mein Wissen, daß es draußen regnet? Wenn ich dieses Wissen einen Zustand meines Geistes nennen will, so würde ich ihn mir so vorstellen: mein Geist trage einen Abdruck des Faktums.

90b[4]

Man möchte fragen: Wie kann ich denn wissen, daß etwas Anderes so & so ist? Wie kann ich’s denn in mir haben. (Die Idee: etwas von innen her kennen. Den Willen z.B.)

90b[5] &
91a[1]

Warum ich nicht sagen will, das Wissen ist eine Disposition? – Weil “Ich weiß, daß ‥‥” jedenfalls nicht sagt, ich bin so & so disponiert. Wissen heißt etwas ähnliches wie Besitzen. Oder das ist doch das Bild, was da gebraucht wird. “Ich bin im Besitz aller Fakten.”

91a[2]

11.01.1948 “Ich rede nicht nur daher. Ich weiß es.” Dies spielt im Berichterstatten eine Rolle, d.h. dort, wo die Evidenz von komplizierter Natur ist. Man sagt nicht “Ich weiß, daß auf dem Tisch vor mir Bücher liegen”, oder gar “‥‥ daß ich zwei Hände habe”. Niemand sagt es, außer er philosophiert. (Und ausgenommen die ganz seltenen Fälle, in denen wirklich ein Zweifel darüber bestehen kann.) Manche Philosophen sagen, diese Sätze näherten sich nur sehr der eigentlichen, wirklichen Gewißheit & das Wort “ich weiß” sei hier noch immer nicht im strengen Sinne anwendbar; die andern, diese Sätze seien völlig gewiß & man könne sie wissen. Ich bin versucht zu sagen: sie seien zu gewiß fürs wissen. – “Ich weiß, daß 2 × 2 = 4 ist” würde nur ein Kind sagen, das es so eben gelernt hat. “Ich weiß, daß ich zwei Hände habe” sagt ein Philosoph nur, wenn er exemplifizieren will, was “wissen” heißt. Als hieße “wissen” etwa soviel wie “nicht bezweifeln können”.

91b[1]

Ich sage “Er ist jetzt im Nebenzimmer, ich höre ihn.” – “Bist Du sicher?” – “Ich weiß es, weil er immer um diese Zeit in sein Zimmer geht”. Oder bei Gericht: “Ich wußte, daß er zu Hause war, weil ‥‥” Ist das etwa ein Mißbrauch des Wortes “wissen”?

91b[2]

Ich habe mich von etwas überzeugt, nun weiß ich es. “Ich weiß, daß die Erdkugel in den letzten 10 Minuten existiert hat” sagt man nicht; wohl aber “Man weiß, daß die Erde viele Tausende von Jahren existiert hat”. Und das nicht, weil es unnötig ist, so etwas zu versichern.

91b[3]

“Ich weiß, daß dieser Weg dorthin führt. “Ich weiß, wohin dieser Weg führt.”

Im zweiten Falle sage ich, ich besitze etwas; im ersten versichere ich eine Tatsache. In diesem könnte das Wort “wissen” auch wegbleiben. In jenem könnte man fortsetzen “aber ich sag’s nicht”.

91b[4]

Auf die Aussage “Ich weiß, daß es so ist” folgt die Frage “Wie weißt Du das?”, die Frage nach der Evidenz.

91b[5] &
92a[1]

Rosinen mögen das Beste an einem Kuchen sein; aber ein Sack Rosinen ist nicht besser als ein Kuchen; & wer im Stande ist uns einen Sackvoll Rosinen zu geben kann damit noch keinen Kuchen backen, geschweige daß er etwas besseres kann. Ich denke an Kraus & seine Aphorismen, aber auch an mich selbst & meine philosophischen Bemerkungen. Ein Kuchen das ist nicht gleichsam: verdünnte Rosinen.

92a[2]

Wissen ist ein geistiger Besitz. Wer sagt “Ich weiß, daß es so ist” ‘erlebt aber bei diesen Worten das Wissen’ nicht, denn er wird uns etwa sagen, er habe es gewußt auch ehe er’s sagte. Er wußte es, seitdem er sich davon überzeugt hatte.

92a[3]

Jemand könnte das Sprachspiel des Meldens wohl beherrschen, aber den Begriff des ‘Wissens’ nicht gebrauchen. (Ein Kind, z.B..)

92a[4] &
92b[1]

Das Moore’sche Paradox erscheint uns auf den ersten Blick einfach als Widerspruch; dann aber ist es klar, es könne keiner sein, da der eine Satz, sagen wir, vom Wetter handelt, der andere von mir. So erscheint es nun als wäre das Paradox nur eine psychologische Unwahrscheinlichkeit. So etwa, wie wenn Einer sagte “Der Apfel schmeckt sehr gut, aber ich mag ihn nicht.” Aber so ist es in jenem Fall auch nicht. – Es ist als könne ihn die Logik nichts angehen, oder als müsse es (zu unserem Schreck) eine Logik der Behauptung außer der Logik der Sätze geben. Es müsse eine Erweiterung der Logik geben mit Regeln die zwar die Annahme p ∙ ~q gestattet aber, unter gewissen Umständen, nicht die Behauptung. Und wo sollte das hinführen! Man stellt sich nämlich eine Logik nach Art der Aristotelischen vor nur noch komplizierter. Und doch ist schwer vorzustellen, wie so eine Logik begrenzt sein, wie sie die klaren, einfachen Konturen der Aristotelischen haben kann. Es scheint also, die Gesetze der Aristotelischen Logik seien nur eine kleine Zahl logischer Gesetze, eine kleine leicht zu übersehende Gruppe von ihnen.

92b[2]

Farben regen zum Philosophieren an. Vielleicht erklärt das die Leidenschaft Goethes für die Farbenlehre. Die Farben scheinen uns ein Rätsel aufzugeben, ein Rätsel, das uns anregt, – nicht aufregt.

93a[1]

Der Mooresche Widerspruch ist insofern kein Widerspruch, als er nicht die gleiche Rolle in unsrer Sprache spielt wie p ∙ ~p. Denn eine widerspruchsvolle Behauptung, oder ein Befehl haben ja eine bestimmte Wirkung. Wir sagen hier nicht: “Das ist ja kein Befehl”, sondern etwa: “Was willst Du also?! daß ich ‥‥, oder ‥‥?” Widersprüche werden ja wirklich manchmal aus Nachlässigkeit, manchmal aber absichtlich geschmiedet. – Von dem Satz “Es regnet & ich glaube es nicht” sage ich nur, er sei keine Behauptung; ich wüßte in einem Sprachspiel nichts damit anzufangen, wüßte einfach nicht, was gemeint sei.

93a[2]

Wie ist so ein Paradox zu behandeln? D.h. wie müssen wir seine Umgebung gestalten, damit es uns nicht mehr paradox vorkommt? Wir müssen die Umgebung anders, als wir’s gewohnt sind, ansehen lernen.

93a[3] &
93b[1]

“Es brennt dort, aber ich glaub’s nicht” – “Ich glaube Dir, & werde trachten Dich zu überzeugen, daß es brennt, – wie Du gesagt hast. Schau’s doch an!” – “Ja, es ist wahr, jetzt seh ich’s, daß es brennt.” Man würde in dem Fall sagen, die erste Mitteilung müßte automatisch geschehen sein. D.h., er würde, ehe wir ihn von ihrer Richtigkeit überzeugt haben, handeln wie einer, der sie nicht glaubt.

93b[2]

Nun ist freilich das “und” oder “aber” im Satze sonderbar.

93b[3]

“Es drängt mich zu sagen ‘es brennt’, aber ich glaub’s nicht.” Es könnte (also) Menschen geben, die uns ‘automatische’ Mitteilungen machen, aber auch solche mit der Intention der Mitteilung. Und solche Menschen könnten also nicht nur den Moore’schen Widerspruch aussprechen, sondern auch p ∙ ~p.

93b[4]

Wie aber würde sich eigentlich eine automatische von einer normalen Mitteilung unterscheiden?

93b[5] &
94a[1]

In dem Sprachspiel der Meldung gibt es den Fall, daß die Meldung angezweifelt wird, daß man annimmt, der Meldende vermute nur, was er meldet, habe sich nicht überzeugt. Hier sagt er dann etwa: “Ich weiß es”. D.h.: Es ist nicht bloß Vermutung. – Soll ich da sagen, er teile mir die Sicherheit seines Geistes mit? Das möchte ich nicht sagen. Er spielt einfach das Meldungssprachspiel, & das “Ich weiß es” ist die Form einer Meldung.

94a[2]

Heißt “Ich weiß es”: Ich bin davon durchdrungen? Manchmal ja. “Dies ist für mich ein Axiom”. Ich sage etwas über die Art & Weise meines Denkens, über die Einrichtung meines Geistes.

94a[3]

“Ich zweifle nicht daran.” “Es steht für mich fest.”

94a[4]

Kann man nur wissen, was wahr ist? Nun, man sagt ja auch “Ich glaube es zu wissen” & hier kann dem Glauben keine Unsicherheit anhaften. Man könnte nicht sagen: “Ich bin nicht sicher: weiß ich’s, oder weiß ich’s nicht.”

94a[5] &
94b[1]

Mancher wird sagen, daß mein Reden über den Begriff des Wissens irrelevant sei, da zwar dieser Begriff, wie die Philosophen ihn auffassen, allerdings nicht mit dem der alltäglichen Rede übereinstimmt, aber eben ein wichtiger, interessanter Begriff sei, der durch eine Art Sublimierung aus dem landläufigen & nicht sehr interessanten gebildet sei. Aber jener philosophische Begriff ist durch allerlei Mißverständnisse entstanden & befestigt Mißverständnisse. Er ist durchaus nicht interessant, außer als Exempel, um daran Mißverständnisse aufzuzeigen.

94b[2]

Es könnte also Menschen geben, die Sätze sagen, die wir übersetzen müßten: “Es regnet & ich weiß nicht, ob es regnet”, oder auch “Es regnet. Regnet es wirklich?” Und die Antwort wäre dann: “Ja, Dein Unterbewußtes hat ganz recht.” Man wird dann auch sagen können: “Es regnet; & weil ich’s sage, wird’s wohl wahr sein.”

95a[1]

Du darfst wieder nicht vergessen, daß “Ein Widerspruch hat keinen Sinn” nicht heißt: der Sinn des Widerspruchs ist ein Unsinn. – Den Widerspruch schließen wir aus der Sprache aus; wir haben für ihn keine klare Verwendung & wollen ihn nicht verwenden. Und wenn “Es regnet, aber ich glaube es nicht” sinnlos ist, so wieder, weil eine Verlängerung gewisser Linien zu dieser Technik führt. Aber unter andern als den normalen Umständen könnte jener Satz einen klaren Sinn erhalten.

95a[2]

Wenn es ein ‘automatisches’ Reden gäbe, so könnten wir z.B. nicht mit einer solchen Äußerung streiten, den, der sie ausspricht, nicht eines Irrtums überweisen wollen. Wir würden also nicht die gleichen Sprachspiele mit dem automatischen, wie mit dem normalen Reden spielen.

95a[3] &
95b[1]

Wenn ich ein Reden “automatisch” nenne, so stellt man sich dabei etwas Inflexionsloses, Maschinelles vor. Aber das ist für uns gar nicht wesentlich. Man braucht nur anzunehmen, daß zwei Personen durch den einen Mund reden. Und wir haben dann, was gesagt wurde auch als die Äußerung zweier Menschen zu behandeln. Es könnten also beide Sätze mit der Intention der Mitteilung gesprochen werden. Und es würde sich nur fragen wie ich auf diese Mitteilungen reagieren sollte.

95b[2]

Kann “Ich glaube, daß es so ist”, oder “Ich glaube nicht, daß es so ist” einmal gar nicht als Behauptung eines äußeren Faktums, sondern lediglich als Beschreibung meines eigenen Seelenzustandes gebraucht werden? Nun, ich glaube das geschieht manchmal; wie man etwa sagt “Ich lasse die Hoffnung noch immer nicht fahren ‥‥” & damit nur eine Stimmung ausdrücken, & nichts über die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines Ereignisses sagen will.

95b[3]

“Ich wollte Dir nichts mitteilen, es ist das nur so herausgerutscht.” Was herausgerutscht ist, konnte wertlos sein, oder auch höchst wertvoll.

96a[1]

“Es regnet, aber ich glaube es nicht” könnte sehr wohl dasselbe heißen wie: “Es regnet, aber ich weigre mich es anzuerkennen”.

96a[2]

“Ich wollte Dir keine Mitteilung machen; es ist nur so herausgerutscht.” – Wovon benachrichtigt Einen das? Heißt es nicht soviel, wie “Nimm das nicht als Mitteilung auf; reagier darauf nicht als auf eine Mitteilung!”?

96a[3]

“Sagte ich ‘Ulme’? Ich habe die ganze Zeit ‘Esche’ gemeint.” Das heißt: ich wußte, daß der Baum eine Esche war, versprach mich aber irgendwie & sagte “Ulme”. Und hier könnte das Problem auftauchen: Was geht in dem vor der “Ulme” sagt & “Esche” damit meint? – “Nun, er denkt eben dabei an eine Esche.” Und wie tut man das? Meine Aussage bezieht sich auf eine Potenz, auf ein Wissen.

96a[4] &
96b[1]

“Ich weiß, daß es so ist” kann so viel heißen, wie: “Ich habe mich davon überzeugt”, auch “Ich habe keinen Zweifel daran”, auch “Es steht für mich fest”, auch “Es ist keine Vermutung, sondern Sicherheit”, auch “Es ist so”. Was heißt: “Ich habe mich davon überzeugt & seitdem weiß ich’s”? Es ist hier als finge der Zustand des Wissens mit dem Überzeugen an. “Ich habe mich davon überzeugt, daß er ehrlich ist, & seitdem weiß ich’s” – ist damals eine Veränderung in meiner Seele hervorgerufen worden, die dann angehalten hat? Ist das “seitdem weiß ich’s” nicht irreführend? Heißt es im letzten Beispiel nicht einfach: ich habe seitdem nie das Gegenteil angenommen, ich habe seitdem nie wieder daran gezweifelt, es sind mir keine Zweifel aufgestiegen?

96b[2] &
97a[1]

12.01.1948 Wohin gehört der Satz, daß grün & rot, hell & dunkel, groß & klein einander ausschließen? Man möchte vielleicht sagen: Wenn die Wörter “grün” & “rot” das bedeuten, diese Farben, so können sie einander nur ausschließen. Man kann die Bedeutungen nicht verstehen, ohne zu sehen, daß sie unvereinbar sind. Und darin ist etwas Wahres & etwas Falsches. – Was man Einem vorführen möchte um ihm die Idee der Unvereinbarkeit zu erklären wäre etwa dies: Man hat einen Streifen rotes Papier; man läßt ihn etwa von links nach rechts langsam grün werden & das Rot weicht vor dem Grün zurück, dann läßt man das Rot Raum gewinnen & das Grün muß weichen. So, sagt man ihm, kann etwas nicht grün & rot zugleich sein; sowie, wo der eine Körper ist, der andre nicht sein kann.

97a[2]

Aber die Demonstration könnte auch anders ausschauen: Wenn das Grün die rote Fläche insurgiert, sieht man Schwarz, & erklärt: Siehst Du das Rot ist nicht gewichen, es ist da & das Grün ist da, & sie streiten mit einander & dann sieht man sie nicht gut. Sowie man ja auch Leute nicht gut hört, wenn sie zusammen schreien. Aber, wenn man ganz genau hinhört, so geht’s; & wenn Du ganz genau auf das Schwarze siehst, kannst Du das Rot drin sehen, wie es mit dem Grün streitet.

97a[3]

Einerseits kann man sagen, daß Schwarz & Weiß in Grau koexistieren können; & anderseits wird man sagen: “Aber wo Grau ist, ist natürlich weder Weiß, noch Schwarz. Was grau ist, ist natürlich nicht wirklich weiß.”

97a[4] &
97b[1]

Ich will doch sagen: Es liegt an den Begriffen; nicht an ‘Gegenständen’ (den Farben) welche unsern Farbwörtern entsprechen. Das heißt: Man könnte sehr wohl unsern Farbbegriffen ähnliche durch hinweisende Erklärungen ganz wie die von “rot”, “weiß”, etc., etc. erklären, & dann doch zulassen, daß rot & weiß zugleich einen Ort einnehmen können. Aber wie ist es mit “hellrot” & “dunkelrot”? Wird man auch sagen wollen, daß diese irgendwo zugleich sind? oder Lila & Violett? – Nun, denk Dir den Fall Hellblau & Dunkelblau & zwar ganz bestimmte Töne umgäben uns ständig & wir können nicht (wie es tatsächlich der Fall ist) leicht beliebige Farbtöne erzeugen. Es wäre aber unter Umständen möglich eine hellblaue Substanz mit einer dunkelblauen zu mischen & dann erhielten wir einen seltenen Farbton, den wir nun auffassen als eine Mischung von Hellblau & Dunkelblau.

97b[2]

“Aber wären dann unsre Farbbegriffe die gleichen wie sie heute sind?” Sie wären diesen sehr ähnlich. Ungefähr wie die Zahlbegriffe der Völker, die nur bis 5 zählen können, den unsern.

97b[3] &
98a[1]

Man kann sagen: Wem ein Wort durch Hinweisen auf einen färbigen Fleck erklärt wird, der weiß nur insofern, was gemeint ist, als er weiß, wie das Wort anzuwenden ist. Das heißt: Es gibt hier kein Erfassen des Gegenstandes, außer durch ein Erfassen einer Technik. Anderseits könnte man doch sagen, ein Erfassen, Ergreifen des Gegenstandes vor jedem Erfassen einer Technik sei möglich; denn wir können Einem einfach den Befehl geben “Kopiere dies!” & er kann nun z.B. die Farbe kopieren, oder die Form & Größe, oder nur die Gestalt, oder die Farbe aber nicht den genauen Ton, etc.. Und hier tut das Kopieren, was bei einem Körper etwa ein in die Hand Nehmen tut. – Es ist uns da, als könnten wir, was gemeint ist, die Farbe etwa, mit einer eigenen feinen geistigen Zange anfassen, ohne irgend etwas anderes mit zu ergreifen.

98a[2]

Der Geist, sage ich, ergreift den einen Gegenstand; & dann reden wir von ihm & seinen Eigenschaften, seiner Natur, gemäß.

98a[3] &
98b[1]

Wie aber weiß ich, daß Dein Geist den gleichen Gegenstand ergreift, wie meiner? Doch eben z.B. dadurch, wie Du auf meinen Befehl, “Kopiere die Farbe” z.B. reagierst. Aber hier, wirst Du sagen, können wir nur das Essentielle dieser Reaktion erkennen, indem wir ihn öfters Farben kopieren heißen. Das heißt wohl, ich werde nach einigen dieser Reaktionen andere vorhersehen können; & dies erkläre ich, indem ich sage: ich weiß nun, ‘was’ er eigentlich kopiert. Also die Farbe, oder die Form z.B. – aber es gibt hier mehr solche was, als wir für gewöhnlich anzunehmen geneigt sind; d.h. man kann auch Begriffe bilden, die uns ganz ungewohnt sind. Es kann auch sein, daß ich allerdings nach einigen Reaktionen des Kopierens andere richtig voraussehen & nun mit ihnen rechnen kann – also sage, wir hätten uns nun verstanden – daß ich aber in einer etwas andern Situation eine Überraschung erlebe. – Und was soll ich nun sagen: Ich hätte ihn die ganze Zeit mißverstanden? oder, ich habe ihn zum Teil mißverstanden? Wenn Du ans Ergreifen eines Gegenstandes denkst, wirst Du vielleicht das erstere sagen, gemäß dem Bild, er habe eben nicht den Gegenstand ergriffen, den ich glaubte. Denken wir aber an Techniken des Gebrauchs von Worten, so werden wir sagen, es seien hier ungleiche, aber ähnliche, Methoden.

99a[1]

Hier ist es nun freilich wichtig, daß eine Technik für uns eine Physiognomie hat. Daß wir z.B. von einer einheitlichen & einer uneinheitlichen Verwendung sprechen können. – Und was bedeutet nun “einheitlich” & “uneinheitlich”? Was teilen wir Einem durch diese Ausdrücke mit?

99a[2] &
99b[1]

Wir sagen von Einem, der viel weiß, er habe seinen Geist bereichert, & hier denken wir daran, daß er kann, was ein Andrer nicht kann. Er hat sich Fähigkeiten angeeignet. – Wer aber sagt “Ich weiß, daß dieses Holz feucht ist” der will ‘über das Holz reden & nicht über sich’ also nicht, wie der, der sagt “Ich weiß, wie die römischen Kaiser geheißen & wann sie gelebt haben”. Statt dem ersten Satz könnte man sagen “Das Holz ist feucht; verlaß Dich drauf!” Man möchte also sagen, daß “Ich weiß” in einem Falle heißt “Ich kann ‥‥”, im andern Fall aber “Es ist so, ich habe mich davon überzeugt”. Im ersten Falle nun liegt es nahe vom Wissen als einem Zustand des Geistes zu reden, in dem Sinne, in welchem man ‘den Geist durch Lernen bildet.’ Niemand aber wird ausrufen, wenn ich ihm sage “Ich weiß, daß er heute kommt”: “Welches Wissen!” “Etwas wissen” im Sinne von: sich davon überzeugt haben, Zweifel definitiv erledigt haben, ist nicht mit dem gleichen Rechte ein Zustand meines Geistes zu nennen.

99b[2]

Aber es gibt hier auch Grenzfälle, die verwirrend sind. Wissen im ersten Sinn ist ein gelernt & nicht vergessen haben. Es hängt so mit dem Gedächtnis zusammen. – Nun kann ich also sagen: “Ich weiß wieviel 97 × 78 ist” oder “Ich weiß, daß 97 × 78 432 ist.” Im ersten Falle, so wollte ich sagen, teile ich jemand mit, ich könne etwas, habe einen gewissen Besitz; im zweiten versichere ich dem Andern einfach 97 × 78 sei 432. Heißt denn “97 × 78 ist ganz bestimmt 432” nicht, ich wisse, es sei so? Man kann auch so sagen: Der erste Satz ist sicher kein arithmetischer, noch kann ihn ein solcher irgendwie ersetzen; statt des zweiten aber könnte man einen arithmetischen Satz verwenden.

99b[3] &
100a[1]

Es könnte freilich der Satz “Ich weiß, daß dsinxdx=x ist” auch so gedeutet werden: Ich kenne den Beweis dieses Satzes” – ein Wissen der besitzenden Art.

100a[2]

Der Unterschied ist der: Im Satze “Ich weiß, wie es sich verhält” kann das “Ich weiß” nicht wegbleiben. Den Satz “Ich weiß, daß es sich so verhält” kann man ersetzen durch “Es verhält sich so”.

100a[3]

“Es wird regnen”. – “Du glaubst, es wird regnen?” – “Ich weiß, es wird regnen.” Sagt der dritte Satz mehr als der erste? Er ist die Wiederholung des ersten & eine Abwehr des zweiten.

100a[4] &
100b[1]

Aber gibt es nicht ein Phänomen des Wissens, sozusagen ganz abgesehen vom Sinn der Worte “Ich weiß”? Ist es nicht merkwürdig, daß ein Mensch etwas wissen kann, die Tatsache gleichsam in sich selbst haben kann? Aber das ist eben ein falsches Bild. Denn, sagt man, wissen ist es nur, wenn es sich wirklich verhält, wie er sagt. Aber das ist nicht genug. Es darf sich nicht nur zufällig so verhalten. Er muß ja wissen, daß er weiß: das Wissen ist ja sein eigener Seelenzustand; er kann darüber, außer durch eine besondere Verblendung, nicht im Zweifel, oder Unrecht sein. Wenn also das Wissen, daß es so ist, nur ein Wissen ist, wenn es wirklich so ist; & wenn das Wissen in ihm ist, so daß er darüber, daß es ein Wissen ist, unfehlbar ist; dann ist er also auch darüber unfehlbar, daß es ist, wie es das Wissen weiß; & also muß die Tatsache, die er weiß, so wie das Wissen, in ihm sein. Also: Wenn ich, ohne zu lügen, sage “Ich weiß, daß es so ist”, so kann ich nur durch eine besondere Verblendung im Unrecht sein.

100b[2]

Man ist in der Versuchung zu sagen: “Ich habe jahraus jahrein ein F gesehen, ohne zu wissen, daß ich’s in einer bestimmten Weise sehe. Erst seitdem ich’s auf eine andere Weise gesehen habe, weiß ich jetzt, daß ich’s immer auf besondere Weise sehe.” Ich bin mir jetzt erst meines Kleides bewußt.

100b[3] &
101a[1]

Oder soll ich so sagen: Es gibt ein ‘die Figur so auffassen’ (Dauerzustand, Disposition), & ein ‘die Figur so & so ansehen’, & dann auch ein ‘die Figur so sehen’. Wer z.B. sagen würde “Für mich hat dieses F jetzt ein dummes Gesicht, sieht es auf diese Weise. – Sieht er aber auch ein Gesicht als Gesicht? Nein. Man könnte das so erklären: Wenn ich einen Buchstaben, sagen wir, eines Tages als Gesicht sehe, so könnte sich das darin äußern, daß ich den Buchstaben anglotze indem ich sein Gesicht nachmache. Das würde ich aber doch beim Anblick eines wirklichen Gesichts nicht machen.

101a[2]

Auf einen Buchstaben gesichthaft reagieren – könnte man sagen – heißt nicht auf ihn wie auf ein Gesicht reagieren.

101a[3]

Heißt ‘das Bild nicht so sehen’: es anders sehen?

101a[4] &
101b[1]

Denk Dir diesen Fall: Ein Vexierbild wird mir gezeigt; ich sehe darin Bäume, Leute etc.. Ich untersuche es, & plötzlich sehe ich eine Gestalt in den Kronen der Bäume. Wenn ich es danach ansehe, sehe ich jene Striche nicht mehr als Zweige, sondern als Teile der Gestalt. Nun stelle ich das Bild in meinem Zimmer auf & sehe es tagtäglich, & da vergesse ich zumeist ganz die zweite Interpretation & es ist nun einfach ein Wald. Ich sehe es also, wie jedes andere Bild eines Waldes. (Du siehst die Schwierigkeit.) – Ich sage nun von jenem Bild einmal: “Ich hab es schon lange nicht mehr als Vexierbild gesehen, (ja) beinahe vergessen, daß es eins ist.” Da kann man natürlich fragen “Wie hast Du’s denn gesehn?” & ich werde sagen “Nun, als Bäume & ‥‥․” & das ist auch ganz richtig; aber hab ich also nicht nur das Bild gesehen & gewußt was es darstellt, sondern es auch immer gemäß einer bestimmten Deutung gesehen? Lieber möchte ich sagen: Für mich waren’s jetzt einfach immer Bäume, ich habe nie in anderm Sinne auf das Bild reagiert.

101b[2]

Ich spreche das Bild nicht immer, wenn ich es sehe, als das & das an; aber gibt es nicht einen Zustand, in welchen der eine Aspekt jedenfalls ausgeschlossen ist, obwohl der andere nicht lebendig ist. Kann man sagen: Wenn ich überhaupt an das Bild als eine Darstellung von etwas denke, so auf diese Weise. Oder: ich bin mir schwach bewußt, daß dort das Bild von Bäumen hängt. Oder sind es die Formen, die räumlichen Formen die ich sehe & die mich dann zu einer Interpretation konditionieren? Das klingt mir nicht ganz wahrscheinlich.

101b[3] &
102a[1]

Ich möchte sagen: “Soweit ich mich überhaupt mit dem Bild beschäftigt habe, so als Bild von Bäumen.” Aber das setzt voraus daß ich es so nur dauernd sehen könnte, wenn ich mich doch etwas mit dem Bild ‘beschäftigte’.

102a[2]

13.01.1948 Wenn sich ein philosophisches Problem nicht gibt, so muß man sich immer sagen, daß man es falsch angefaßt hat. Daß man noch einen grundlegenden, nicht nur einen oberflächlichen Fehler mache. (Dies ist beinahe auch ein Trost.)

102a[3]

Denk an den Fall der rotierenden Trommel. Du betrachtest sie, sozusagen, gedankenlos. Hast Du nicht den Eindruck sie bewege sich in dieser, nicht in der andern, Richtung? Hast Du nicht diesen Eindruck ebenso dauernd, wie den von ihrer Farbe & Form? Und ist es nun mit den Bäumen in jenem Bild nicht gerade so? Ebenso wie es nichts macht, daß sich die Trommel tatsächlich nicht in der Richtung bewegt wie Du es siehst, ebenso macht es auch nichts, daß das Bild in Wirklichkeit flach ist.

102a[4] &
102b[1]

Lernt das Kind, das den Buchstaben

kennen lernt, ihn, oder diese Form, als ein

auffassen? – Es lernt diese Form so & so gebrauchen. Der Ausdruck “Etwas als ein

auffassen” hat nur Sinn, wenn man die Form nicht für ein

hält. Ein

sehen, heißt nicht, etwas was man sieht als ein

auffassen. (Wie man zwar einen andern Komponisten, aber nicht Beethoven für einen Beethoven halten kann.) – Das heißt: Erst muß es ein

geben, ehe man etwas als ein

auffassen kann.

102b[2] &
103a[1]

Wenn ich einen Gegenstand anschaue, einen Würfel, einen Baum, einen menschlichen Kopf, & man fragt mich, was ich sehe, so kann ich zur Antwort eine Zeichnung anfertigen, oder aber ein Model oder ich kann durch Worte & Gesten eine Beschreibung geben. Ist es ein Gegenstand, der sich für zweierlei halten läßt, etwa das Drahtgestell eines Würfels, so kann ich wieder auf die Frage “Was siehst Du?” mit einer Nachbildung, oder Beschreibung antworten & ich kann dies tun ob ich mir nun der Doppeldeutigkeit des Objekts bewußt bin, oder nicht. Sagt man, ich könne es einmal als das, einmal als jenes sehen, so ist das ‘es’ immer der Gegenstand vor meinen Augen (ob räumlich, oder flach); & das das & jenes bezieht sich auf die Zeichnung, das Modell, die Beschreibung die ich anfertige; sie sind es auf die ich dabei zeige, nicht etwas in mir, oder der Gegenstand, den ich angeschaut habe. Wie vergleicht sich dieser Fall nun mit dem des

, das man auf zwei Arten sehen kann? – Gefragt, was ich sehe, wird die deutlichste Antwort eine genaue Kopie sein. Diese Darstellung entspricht der im zuerst besprochenen Fall. Während die zwei ‘Arten das

zu sehen’ eine ganz andere Art der Darstellung erfordern. Vor allem ist hier eine andere Beziehung zwischen ‘dafür halten’ & ‘als das sehen’.

103a[2]

Im ersten Fall konnte ich zur Antwort eine genaue Kopie des Angeschauten anfertigen & auf sie zeigend, sagen “Das ist, was ich dort sehe”. Um aber zu sagen ‘wie’ ich die Figur

sehe, darf ich das nicht tun. Im Gegenteil, ich muß auf andere Formen zeigen.

103a[3] &
103b[1]

Nehmen wir nun an, ich habe das F eines Menschen gesehen, welches er so schreibt:

, & habe es immer für ein Spiegel F gehalten; d.h. ich habe einen gewissen Zusammenhang zwischen seinem Buchstaben & dem regelrecht geschriebenen vermutet. Nun machst Du mich aufmerksam, daß dieser Zusammenhang nicht besteht, sondern ein anderer der der verschobenen Striche). Dies verstehe ich, & sage nun: “Dann sieht es freilich auch anders aus.” “Dann sieht es freilich auch anders aus.” Gefragt “Wie anders?”, sage ich etwa: “Früher sah es ungeschickt aus, jetzt aber kühn & energisch.”

103b[2]

Denke Dir, es hätte Einer Gesichter immer nur mit einem Ausdruck, sagen wir lächelnd, gesehen. Und nun sieht er zum erstenmal ein Gesicht seinen Ausdruck verändern. Könnte man da nicht sagen, jetzt erst sehe er einen Ausdruck des Gesichts? Erst der Wechsel machte den Ausdruck bedeutsam, früher gehörte er eben zur Anatomie des Gesichts. – Ist es so auch mit dem Aspekt der Buchstaben? Ausdruck, könnte man sagen, gibt es nur, wo es Mienenspiel gibt

103b[3] &
104a[1]

Es ist doch auch etwas anderes, ob z.B. ein Buchstabe so geschrieben ist wie er eben geschrieben sein soll, oder ob ich von dieser Schreibweise weiß, sie sei eine abnormale, & dann kommt es darauf an: in welcher Weise abnormal. Aber diesen Eindruck kann doch nur erhalten, wem nicht nur diese Form gezeigt wird, sondern wer auch das & jenes über sie weiß.

104a[2]

Man kann also sagen, es werde der einen Buchstaben anders sehen, der ihn so gelernt hat, als wer in ihm eine bestimmte Abweichung von der Regel erkennt. Der Mund lächelt eben nicht, der immer lächelt. Ich sagte, er wird ihn anders sehen – d.h.: er wird ihm anders vorkommen. Er wird anders auf ihn reagieren.

104a[3]

Wie mir ein Buchstabe vorkommt hängt also davon ab, ob er streng nach der Norm gebildet ist, oder ob, & wie er von ihr abweicht. Dann ist auch das begreiflich, daß es einen Unterschied macht, ob wir nur eine, oder zwei Erklärungen der Buchstabenform kennen.

104b[1]

Wie konnte ich denn sehen, daß diese Stellung zaghaft war, ehe ich wußte, daß sie eine Stellung, & nicht die Anatomie dieses Wesens war.

104b[2]

Die gleiche Form gehört jedesmal in ein anderes Bereich. Sie assoziiert sich mit Anderem.

104b[3]

Erst jetzt weiß man, sozusagen, daß man Prosa schreibt.

104b[4]

Das Sehen des Buchstabens als Spiegel F entspricht einem Gedanken “Das kann ja auch ein Spiegel F sein”. Jeder solche Gedanke “Es kann ja auch so aufgefaßt werden” bringt, sozusagen, einen Aspekt zum Aufleuchten. Zum Aufleuchten & Nachleuchten. Ich will sagen: ohne diesen Gedanken ist ein Aspekt nicht da. Das hieße: die entstehende Auffassung, also das Wechseln der Auffassung, erzeugt das Aufleuchten des Aspekts; d.h.: das Aufleuchten, was wir “Aspekt” nennen. Darum habe ich früher einmal geschrieben, der Aspekt sei der Nachklang eines Gedankens.

104b[5] &
105a[1]

Wo ich hier Fehler mache, dort sind es logische Fehler

105a[2]

Das Bild der zwei gegen einander rotierenden Räder. Hier hat, was wir Aspekte nennen, nichts mit gewissen Gedanken zu tun. Wir erkennen freilich, daß die verschiedenen Beschreibungen, die wir abwechselnd von unserm Gesichtseindruck geben wollen in einer Beziehung dasselbe Gesichtsbild beschreiben.

105a[3]

Ist der Aspekt willkürlich, wie ich immer gesagt habe, oder läßt er sich nur oft hervorbringen; durch wechselnde Blickrichtung, z.B.?

105a[4]

Sag Dir, das Dreieck sei umgefallen, & Du siehst es als umgefallenes.

105a[5]

Du kannst neue Aspekte entdecken, oder erfinden, indem Du eine neue Auffassung der Figur suchst, an eine Dir neue Gruppierung der Striche denkst; & nun wirst Du manchmal diese Gruppierung sehen. Du findest eine neue Interpretation, & als Folge davon siehst Du die Figur in dieser Interpretation.

105b[1]

Die Frage ist nun: Wenn man eine Figur einer Interpretation gemäß sehen kann, sieht man sie immer einer Interpretation gemäß? Und ist da ein scharfer Unterschied zwischen dem Sehen das mit keiner Interpretation verbunden ist & jenem andern?

105b[2]

Ich will sagen: Das Sehen einer Figur in dieser Interpretation ist ein Denken an die Interpretation. Denn soll ich sagen es sei möglich dies als ein Spiegel F zu sehen & dabei nicht an die besondere Beziehung zu denken die das Wort Spiegel-F bedeutet? Ich sehe doch eine Deutung & eine Deutung ist ein Gedanke.

105b[3] &
106a[1]

Es muß sich alles darum handeln wie man den Gesichtseindruck, ich meine: das, wovon man sagt, man sehe es, wenn man ein bestimmtes Objekt anschaut – wie man dies darzustellen hat. Wenn ich die rotierende Trommel anschaue, so ist es leicht ein Modell zu machen was zeigt wie ich ihre Bewegung sehe. – Ähnlich auch beim Bild der beiden Räder, obwohl hier der Fall des nicht näher beschreibbaren Zitterns der Speichen ein Problem bildet. – Wie soll ich darstellen was ich im Vexierbild sehe, vor & nach der Lösung? Wenn es z.B. Bäume darstellt, so wäre, was ich sehe durch ein räumliches Modell darzustellen. Daß es aber Bäume sind wird sich darin äußern, wie meine Gedanken diese Bilder umspielen. Sehe ich aber die Auflösung des Bildes, so wäre, was ich sehe, nur durch das Bild eines Menschen darzustellen, wovon man sagt, man sehe so etwas an dieser Stelle des Vexierbildes. Man könnte aber, was man hier sieht, auch dadurch darstellen, daß man das Vexierbild genau kopiert aber die Striche in besonderer Reihenfolge zeichnet, so zwar, daß dadurch z.B. die menschliche Gestalt in den Baumkronen als Einheit zusammengefaßt würde. Oder man könnte das Vexierbild vor & nach der Lösung beiläufig kopieren; & dann würde der Fehler beim kopieren des ersten Aspekts verschieden sein von dem beim kopieren des zweiten. Ich könnte also sagen: “Vor der Lösung sah ich ungefähr das (& zeichne einen Wald)– – nach der Lösung ungefähr das” (& zeichne einen Menschen in den Baumkronen).

106a[2] &
106b[1]

Denk Dir auch ein Vexierbild solcher Art, daß sein erster Anblick kein Bild zeigt, sondern bloß ein Gewirr von Strichen, & man nach der Auflösung eine Gestalt in diesem Gewirr wahrnimmt. Was wäre die Darstellung des ersten Aspekts? Und was ist nun die Darstellung dessen, was man sieht, wenn man sieht, daß dieses Dreieck umgefallen ist?

106b[2]

Der Beweis, daß meine Fehler logische sind, ist das Vorführen der Erscheinungen, wenn ich über die Philosophie der Begriffe nachdenke.

106b[3]

14.01.1948 Es geht doch darum, was alles zum Zustand des Sehens zu rechnen ist.

106b[4] &
107a[1]

Und es muß da, glaube ich, schon ein Unterschied zwischen dem Sehen von Farben & Formen & dem räumlichen Sehen gemacht werden. Aber nicht, als wäre das letztere eigentlich kein Sehen, sondern ein Deuten, oder dergleichen; aber die Darstellung, oder was wir eben die “Darstellung des Gesehenen” nennen, unterscheidet sich. – Du mußt überlegen, daß was Einer sieht, in der wichtigsten Klasse von Fällen, in einer Meldung über das betrachtete Objekt zum Ausdruck kommt. Und zu dieser Meldung gehört natürlich auch die räumliche Anordnung. – Wie ist es nun, wenn Einer zu melden hat, was er auf einer Fläche sieht & wenn die Zeichnung auf ihr den Charakter des Vexierbildes hat? Erstens, was das Räumliche anbelangt so kann er, was er auf der Fläche sieht auch räumlich beschreiben; ja das ist vielleicht die einzige Art der Beschreibung, die er geben kann.

107a[2]

Eine wichtige Mitteilung wird z.B. sein: “Es hat sich in dieser ganzen Zeit nichts verändert.” Sie beruht eben auf andauernder Beobachtung.

107a[3]

Der Mensch kann alles Schlechte in sich als Verblendung ansehen.

107a[4] &
107b[1]

Wenn ich die Lösung des Vexierbilds sehe mache ich über das Bild selbst eine Entdeckung. Die Entdeckung z.B., daß durch diese Camouflage ein Schiff verborgen wurde. Ich will Einem etwa geheim mitteilen, wie ein gewisser Mensch ausschaut & verberge meine Mitteilung, nämlich sein Porträt in einem Vexierbild.

107b[2]

Ich will sagen, daß jemand, der ein Dreieck, sagen wir, umgefallen, oder in der & der Richtung zeigend, & dergl., sieht, sich mit dem Bild auf diese Weise beschäftigt. Aber welchen Beweis habe ich davon. Denn ich brauche einen Beweis. Angenommen jemand versicherte mich, er sähe das Dreieck in dieser Weise, geradeso, wie er es rot, oder rechtwinklig sieht, – was kann ich dem antworten? Oder warum versteh ich ihn nicht?

107b[3]

Angenommen es wollte Einer erklären: Wenn man das Dreieck so sieht, so sagt man sich eben dabei, es zeige in der Richtung. Aber er möge also diese Worte, “Es zeigt ‥‥․” beim Anschauen der Figur aussprechen, – was nützt das? Warum soll der Klang dieser Worte mehr in sich haben, als die Figur selbst. Das ist wahr, daß ich die Figur so sehe, wenn ich mir dies dabei sage.

107b[4] &
108a[1]

Ich sage: Ich sehe die Figur in allen solchen Fällen in einem bestimmten Zusammenhang. Und kann ich also nicht sagen, daß ich eben dadurch an diesen Zusammenhang denke? Ein ‘Zusammenhang’ ist doch ein Gegenstand des Denkens (was immer das heißen mag).

108a[2]

Es ist ja ganz sicher, daß, wenn ich an die Figur als das oder das denke, ich sie dann (oft wenigstens) so sehe. (Aber diesen Begriff selbst habe ich noch nicht erklärt.) Ja, es ist als hätte der Gedanke eine Glocke angeschlagen, die nun weiter schwinge. (Ich mache noch immer einen schweren logischen Fehler!)

108a[3]

Wenn ich ein Dreieck anschaue & es als Berg sehe, – denk ich da nicht eben an einen Berg? Ich könnte doch drauf schauen & dabei über einen Berg nachdenken, wobei ich das Dreieck als eine Illustration verwende. Ich könnte natürlich auch über einen Berg reden & das Dreieck so verwenden. Und kann nun nicht das Reden & auch das Nachdenken wegfallen & das Dreieck für mich dennoch das Bild eines Berges bleiben?

108a[4]

Wenn ich die Figur eine Gedankenhilfe nennte, so könnte ich sagen ich sehe sie als diese Gedankenhilfe.

108b[1]

Man könnte sagen: es hängen sich Gedanken an die Figur in diesem Aspekt.

108b[2]

Es scheint mir ich kann nicht über das Dreieck als das & das denken & es zugleich als etwas anderes sehen: z.B. es als dreieckiges Loch sehen & als dreieckigen Berg darüber denken. Oder sagen wir: es als Illustration in einem Gespräch über einen Berg dieser Form verwenden & es dabei als Loch sehen. (Aber ist das ein Erfahrungssatz?)

108b[3]

Es ist mir als müßte ich eine Anstrengung machen, um einen Aspekt festzuhalten. Als wäre deshalb der Aspekt der Zustand eines Tuns. Als müßte ich also die Glocke immer wieder anschlagen, wenn sie weiterklingen soll. Und wenn ich das sage, so scheint es mir merkwürdigerweise nicht als ein Satz über mich, sondern als ein Satz über den Begriff.

108b[4] &
109a[1]

Wenn ich ein dreieckiges Loch in einem Papier anschaue, so muß ich doch nicht über ein solches nachdenken. Wenn ich aber ein Dreieck willkürlich als ein Loch sehe, so mach ich es zu einem Loch, & das möchte ich “denken” nennen. Ich will also sagen: Ich muß es dazu machen, damit es für mich das sei.

109a[2]

Kann ich jetzt in seinem Gesicht das seines Vaters sehen & doch dabei nicht an seinen Vater denken? In seinem Gesicht das seines Vaters sehen, war doch offenbar eine Art Vorstellen des Gesichts seines Vaters. Und da muß man sich erinnern, daß man die Vorstellung des so & so nicht als die des so & so erkennt.

109a[3]

Wenn ich mir nun N.N. in seinem Garten vorstelle, soll ich da sagen, ich denke an ihn? Nun man sagt es jedenfalls.

109a[4]

Wenn ich also eine Vorstellung des so & so festhalten kann, warum dann nicht ebenso einen Aspekt?

109a[5] &
109b[1]

Wenn ich nun aber die Figur

erst als Spiegel-F, dann wieder als gewöhnliches F sehe, so stelle ich sie mir doch im zweiten Fall nicht als sich selber vor. Man könnte sagen ich stelle mir das Paradigma F einmal so, einmal anders darin liegend vor.

109b[2]

Und so wie ich das Gesicht der Vaters im Gesicht des Sohnes sehen kann, auch wenn der Vater nicht da ist, aber ich ihn eben kenne, so sehe ich in

das Paradigma umgekehrt liegen.

109b[3]

Wie kann ich das nun auf das HasenEnten Bild anwenden? Ich sage, daß zum Sehen der Aspekte meine Bekanntschaft mit der Hasen- & Entenform nötig ist. Erkenne ich nun die Doppeldeutigkeit nicht & halte es einfach für ein Entenbild, so braucht doch hier von einem Aspekt nicht die Rede sein, sondern erst wenn ich nun dieses Bild auch als Bild des Hasen erkenne. Denn da sehe ich in ihm (nicht im Hasenbild) plötzlich den Hasen.

109b[4] &
110a[1]

Nimm aber an ich hätte das Porträt, die Photographie etwa, eines Menschen & sähe plötzlich das Gesicht seines Vaters im Bild. Nun, ich sagte, ich hätte mir da auf bestimmte Art & Weise seinen Vater vorgestellt; sozusagen mit einer Vorstellungshilfe. Wenn ich mich aber nun daran gewöhnte das Bild als eins des Vaters zu betrachten, & es nun ständig als solches auffaßte, hätte daran die Vorstellung noch Teil?

110a[2]

Wenn ich ein Bild, welches als das des N.N. gemeint ist, als das des N.N. erkenne, – ist dies Akt der Vorstellung?

110a[3]

“Aus seinem Gesicht schaut mich das des Vaters an.” “Ich habe einen Moment in seinem Gesicht das Gesicht des Vaters gesehen.” Das heißt mehr, als Ähnlichkeiten erkennen.

110a[4]

Ich bin aber noch nicht sicher wie viel ich durch diesen Vergleich vom Sehen des Aspekts mit dem Vorstellen erreicht habe; obwohl er mir wichtig erscheint.

110a[5] &
110b[1]

Was für eine seltsame Frage ist es aber ob ich nicht an N.N. gedacht haben müsse, als ich sein Gesicht in dem seines Sohnes sah! Ich wollte natürlich nicht fragen ob ich nicht gleichzeitig mit jenem Vorstellen an ihn gedacht haben müsse, sondern ob das Vorstellen kein Denken war. Wie entscheidet man das aber? Ich sage z.B. “Ich habe gerade daran gedacht, ob er wohl auch in ‥‥ angekommen ist”. Dieser Gedanke drückt sich in einem Satz aus. Jener andere etwa in einem Anruf: “Ach, der N.N.!”.

110b[2] &
111a[1]

Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daß Mahlers Musik nichts wert ist, dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offenbar gehörten doch eine Reihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen. Hätte er z.B. seine Symphonien schreiben & verbrennen sollen? oder hätte er sich Gewalt antun, & sie nicht schreiben sollen? Hätte er sie schreiben & einsehen sollen daß sie sie nichts wert seien? Aber wie hätte er das einsehen können? Ich sehe es, weil ich seine Musik mit der der großen Komponisten vergleichen kann. Aber er konnte das nicht; denn wem das eingefallen ist, der mag wohl gegen den Wert des Produkts mißtrauisch sein, weil er ja wohl sieht, daß er nicht, sozusagen, die Natur der andern großen Komponisten habe, – aber die Wertlosigkeit wird er deswegen nicht einsehen; denn er kann sich immer sagen, daß er zwar anders ist, als die Übrigen (die er aber bewundert) aber in einer anderen Art wertvoll. Man könnte vielleicht sagen: Wenn Keiner, den Du bewunderst, so ist wie Du, dann glaubst Du wohl nur darum an Deinen Wert, weil Du’s bist. – Sogar wer gegen die Eitelkeit kämpft, aber darin nicht ganz erfolgreich ist, wird sich immer über den Wert seines Produktes täuschen. Am Gefährlichsten aber scheint es zu sein, wenn man seine Arbeit irgendwie in die Stellung bringt, wo sie, zuerst von einem selbst & dann, von Andern mit den alten großen Werken verglichen wird. An so einen Vergleich sollte man gar nicht denken. Denn wenn die Umstände heute wirklich so anders sind, als die frühern, daß man sein Werk der Art nach nicht mit den früheren Werken vergleichen kann, dann kann man auch den Wert nicht mit dem eines andern vergleichen. Ich selbst mache immer wieder den Fehler, von dem hier die Rede ist. Unbestechlichkeit ist alles.

111a[2]

Konglomerat: Nationalgefühl, z.B..

111a[3]

15.01.1948 Man kann in einem aufgehängten Mantel & Hut ihren Besitzer erkennen, sozusagen sehen. Man kann, auf sie deutend sagen “Schaut das nicht ganz aus wie ‥‥․?”

111a[4] &
111b[1]

Wenn Einer sagt “Ich sehe die Figur jetzt als ‥‥”, so ist natürlich auf die Aussage, er ‘sehe’, nichts zu geben. Könnte er nun nicht ebensogut sagen “Ich denke es mir jetzt als ein ‥‥”? Er kann doch auch sagen “Für mich ist es jetzt ein ‥‥”. Nun, das, was am Ausdruck “denken” nicht paßt, ist, daß es auf etwas wie einen Vorgang eine Überlegung hinzuweisen scheint, nicht auf einen Zustand. Ja; das Wort “sehen” drängt sich uns auf. Aber nicht weniger (eben) (auch) der Ausdruck: es sei nun für mich das, den wir ja auch gebrauchen, wenn wir von einem Bild sagen “Das ist eine Landschaft”, etc..

111b[2]

Und “Das ist eine Landschaft”, “Das ist ein Berg” heißt natürlich nicht: Das ist das. – Aber hier muß man unterscheiden: Der Satz kann dem gesagt werden, der das Bild noch nicht sieht, oder aber an den, der es sieht, aber noch nicht als Landschaft erkennt. Das “das” kann heißen “das, was dort hängt”, oder “das was Du jetzt siehst”.

111b[3] &
112a[1]

Was erfährt er, wenn ich ihm mitteile “Ich sehe es jetzt als ‥‥”? Wohl, ich sei in einem bestimmten Zustand. In einem Zustand, der manche ähnlichen Folgen hat, wie der: ich betrachte jetzt die & die Form.

112a[2]

Erinnere Dich daran, daß Du ja auch das Wandern des Blicks durch ein Bild (oder Modell) nicht wiedergeben kannst! Und würde man den Eindruck den es erzeugt nicht sehr natürlich zum Gesichtseindruck rechnen?

112a[3]

Ich möchte doch sagen: Ich sehe soviele verschiedene Bilder dieser Figur. Ich sehe sie einmal so zusammengesetzt, einmal so.

112a[4]

Rätselhaft, wie ich immer dasselbe, & immer wieder etwas anderes sehe.

112a[5] &
112b[1]

Die verschiedenen Beschreibungen die ich von meinen Aspekten gebe, sind tatsächlich verschiedene mögliche Beschreibungen der Figur auf dem Papier. In einem Sinne passen sie alle; sagen dem, dem sie gegeben werden alle dasselbe. Die Meldung, welcher Gegenstand vor meinen Augen sei – das ist die des wichtigsten, ursprünglichen Sprachspiels “Ich sehe” – macht zwischen diesen Ausdrücken keinen Unterschied. Nicht etwas, was ich beobachte, hat sich geändert, wenn der Aspekt sich ändert! Etwas ‘in mir’ hat sich geändert: Ähnlichkeit mit dem Vorstellen.

112b[2]

Und beachte das “als” in “Ich sehe es jetzt als ‥‥”! Es ist ja hier doch ein Unterschied im Wortausdruck.

112b[3]

Denke nicht an das was ‘sich nicht übermitteln läßt’; sondern an das, was sich mitteilen läßt!

112b[4]

Es wird, oder kann, sich auch der Aspekt in welchem ich eine Figur sehe in der Art & Weise ausdrücken, wie ich sie kopiere, also doch, in einem Sinne, in der Kopie. Ich werde auch ein Gesicht, je nachdem ich’s auffasse anders in der Zeichnung wiedergeben, obwohl die Photographie jedesmal das Gleiche zeigt. Also hier wieder ein Grund vom “sehen” zu reden.

112b[5]

“Das Wesentliche ist das, nicht das.”

112b[6] &
113a[1]

Daß ich eine andere Kopie (als Resultat) mache, das stimmt mit dem Begriff des Zustands zusammen. Daß ich die gleiche Kopie erzeuge, sie aber anders erzeuge – die Striche in andrer Reihenfolge ziehe – weist auf den Begriff des Denkens.

113a[2]

Mit welchem Recht gebraucht er da das Wort “sehen”? Oder hat er keine Berechtigung & ist es nur eine Sprachdummheit? Oder liegt die einzige Berechtigung darin, daß ich & andere geneigt sind, zu sagen: einmal “ich sehe es als das”, einmal “ich sehe es als jenes”? Es könnte so sein. Aber ich bin durchaus abgeneigt, das anzunehmen; ich fühle, ich muß sagen “ich sehe etwas”. Was soll das aber heißen? – Ich habe doch das Wort sehen” gelernt. Was paßt ist doch nicht das Wort, sein Klang oder das geschriebene Bild. Der Gebrauch des Worts “sehen” ist es, was mir die Idee aufnötigt, ich sehe dies. Was ich über den Gebrauch des Wortes gelernt habe, muß mich zwingen, es hier zu gebrauchen.

113a[3]

“Das ist doch: etwas sehen –” möchte ich sagen. Und es ist ja wirklich so: die Situation ist ganz die, in welcher dieses Wort auch sonst gebraucht wird; – nur ist die Technik hier etwas verschieden.

113a[4]

Tiere kommen auf den Zuruf ihres Namens. Ganz wie Menschen.

113b[1]

Der Gebrauch des Wortes “sehen” ist ja durchaus kein einfacher. – Man stellt sich ihn manchmal wie den eines Tätigkeitswortes vor, – & es sei nur schwer auf die Tätigkeit geradezu zu deuten. Man stellt sich ihn daher einfacher vor, als er wirklich ist, das Sehen sozusagen als ein Eintrinken mit den Augen. Wenn ich also etwas mit den Augen eintrinke, so kann kein Zweifel mehr bestehen, ich sehe etwas (wenn mich nicht Vorurteile täuschen).

113b[2]

Man könnte sagen: Ich sehe die Figur einmal als den Grenzwert dieser Reihe, einmal als den Grenzwert jener. Dieser Wert könne der Grenzwert verschiedener Funktionen sein.

113b[3] &
114a[1]

Das, als was ich die Figur sehe, das kann sie immer, in einem gewissen Sinne sein. Wenn das auch nicht in anderem Sinne ‘sichtbar’ wäre. Denn eine Figur kann ja ihrem Gebrauch, oder ihrer Entstehungsweise nach Grenzwert verschiedener Reihen sein. Ein Dreieck kann wirklich gebraucht werden, einen Berg darzustellen, oder als Pfeil um in dieser Richtung zu zeigen, etc., etc.. Die Beschreibung des Aspekts ist also immer auch eine richtige Beschreibung der Sehwahrnehmung.

114a[2]

Es kann doch eine Figur, sagen wir ein Schriftzeichen, das korrekt geschriebene, oder, in verschiedenen Weisen, ein fehlerhaft geschriebenes sein. Und diesen Auffassungen der Figur entsprechen Aspekte. – Hier haben wir die größte Ähnlichkeit mit dem Bedeutungserlebnis.

114a[3] &
114b[1]

Man kopiert es anders, – aber die Kopie ist dieselbe. Aber ich will sagen: Wenn etwas anderes gesehen wird, muß die Kopie eine andere sein. Aber muß man sich da nicht daran erinnern, daß ich z.B. ein gemaltes Bild eines Baums eine Kopie dessen nennen würde, was ich von dem & dem Standpunkt bei Betrachtung des Baumes sehe. Und doch schweifen bei dieser Betrachtung meine Blicke in allen Richtungen am Baum umher & dem entspricht nichts in der Kopie. Ich könnte also in der Kopie eines Schriftzeichens die ‘gesehene’ Art der Zusammensetzung anzeigen, obwohl dadurch in einem Sinne die Kopie verfälscht wird. Bedenke auch dies: In einem Sinne ist offenbar eine Zeichnung eine Kopie, sagen wir des gesehenen Gesichts & man kann z.B. in dieser Zeichnung den Ausdruck des Gesichts ausgezeichnet wiedergeben, obwohl doch in andrer Weise die Zeichnung weit entfernt von einer Kopie des Angeschauten ist. – Ich will damit sagen, daß unser Begriff von der Kopie des Gesehenen weniger einfach ist, als ich anzunehmen geneigt bin.

114b[2]

Was ist z.B. eine Kopie der Figur

zu nennen? Eine Zeichnung, oder ein Körper? Und warum nur das erstere?! Und wenn ein Körper, welcher Körper: ein Raumeck, ein solider Würfel, ein Drahtgestell?

114b[3]

Wenn ich ihm mitteile: “Ich sehe die Figur jetzt als ‥‥” so mache ich ihm eine Mitteilung in mancher Beziehung ähnlich der einer Gesichtswahrnehmung, aber auch ähnlich der eines Auffassens, oder einer Deutung, oder eines Vergleichens, oder eines Wissens.

114b[4] &
115a[1]

“Ich sehe jetzt ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde & dann ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde.” Aber was ist denn das: ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde, erklär es doch! & was ist ein schwarzes Kreuz auf weißem Grunde? Du darfst doch für beide nicht etwa die gleiche Erklärung geben! Und erklärt müssen sie doch werden! Die Erklärung könnte doch ungefähr so lauten: “Ein weißes Kreuz auf schwarzem Grunde das ist so etwas –” & nun folgt eine Figur. Es darf aber natürlich nicht die doppeldeutige sein. Daher kann man dann statt zu sagen “Ich sehe die Figur einmal als ein weißes Kreuz auf ‥‥, einmal als ‥‥․” auch sagen: “Ich sehe die Figur einmal so (folgt eine Figur), einmal so (folgt eine andere Figur). Und war der erste Satz ein erlaubter Ausdruck, so war es dieser auch.

115a[2]

Und heißt das nicht daß nun jene zwei Figuren eine Art von Kopien der zweideutigen Figur waren?

115a[3] &
115b[1]

Einerseits sind diese beiden Darstellungen Kopien des Gesehenen, anderseits bedarf es auch noch einer begrifflichen Erklärung. – Wenn ich z.B. die Figur einmal als liegendes Kreuz, einmal als stehendes Kreuz einmal als schiefstehendes Diagonalkreuz sehe, – was sind die entsprechenden Kopien? – Für die ersten beiden Aspekte etwa

&

für den dritten Aspekt etwa ein Gerät, welches normalerweise so steht. Aber zu diesen Illustrationen bedarf es Gedanken, Erklärungen. Ein liegendes Kreuz ist eines das umgelegt worden ist & stehen sollte. Die Kopie wird also etwas sein was Kreuzform hat & wovon wir wissen ob es liegt oder steht. Es wäre daher auch möglich als Kopie ein Bild zu gebrauchen, worin die Kreuzform vorkommt & die oder die Rolle spielt. D.h., es gibt ein Bild welches, was ich als Aspekt sehe, zum Ausdruck bringt. Und das gibt dem Aspekt Ähnlichkeit mit einem durch Sehen Wahrgenommenen.

115b[2]

Oder: Es gibt ein Bild das für den Aspekt eine ähnliche darstellende Rolle spielt, wie das Bild als Mitteilung des Wahrgenommenen.

115b[3]

“Was ich sehe schaut so aus” & nun folgt das Bild. Dieses “so” charakterisiert den Zustand. Man könnte auf das Bild so lange deuten, als der Zustand währt. Und ebenso könnte man auch die Illustrationen der Aspekte benützen.

116a[1]

Denk Dir ein Gemälde, eine Kreuzabnahme etwa; was wäre es nur, wenn wir nicht wüßten welche Bewegungen hier festgehalten wurden. Und das Bild zeigt uns diese Bewegungen & es zeigt sie uns auch nicht. (Das Bild der Kavallerieattacke, wenn der Betrachter nicht weiß, daß die Pferde nicht so stehen.)

116a[2]

“Was ich sehe schaut so aus”. Denk Dir das sagte jemand der das Bild eines rennenden Pferdes betrachtet & als Kopie davon ein ausgestopftes Pferd benützt, was in laufender Stellung steht! Die richtige Kopie wäre ein laufendes Pferd.

116a[3]

Ist mir nun mit dem Aspekt ein Gedanke vor Augen? Ist mir mit dem Gemälde einer vor Augen? (denn die als … gesehene Figur ist ja wie der allein noch sinnlose Bestandteil eines Gemäldes).

116a[4] &
116b[1]

Wenn ich das gute Bild eines laufenden Pferdes sehe, – denke ich da an ein laufendes Pferd? Und wie kann ich es denn laufen sehen, für eine Minute etwa laufen sehen? Weiß ich also nur, daß es läuft; & weiß ich nur was bei der Kreuzabnahme vor sich geht?

116b[2]

Nun, man kann doch ein Gemälde beschreiben, indem man Vorgänge beschreibt; ja so würde man es beinahe immer beschreiben. “Er steht in Schmerz versunken, sie ringt die Hände, ‥‥” Ja, wer es so nicht beschreiben könnte, ob er es auch als Verteilung von Farbflecken auf der Fläche haarscharf beschreiben könnte, verstünde es nicht. [Bild vom Mann der den Berg hinaufgeht.]

116b[3]

Angenommen es gäbe eine Geschichte von einem Reiter, dessen Pferd im Lauf erstarrt ist, & nun macht Einer dazu eine Illustration, – soll er nun einfach ein laufendes Pferd malen?

116b[4]

War es nicht ein grober Fehler, als ich eben sagte ein laufendes Pferd sei die rechte Kopie eines als laufend gemalten Pferdes? Ist nicht eben das laufende Pferd keine Kopie mehr? (Es sei denn eines laufenden Pferdes, oder eines gefilmten.) Es ist mir nicht klar. [Und ob ich wohl je Klarheit darüber erhalten werde?]

116b[5] &
117a[1]

Es ist jedenfalls eines, wenn ich sage ich sehe die Figur

als ‥‥․, & ein andres, zu sagen auf einem Bild einen Menschen dem andern zueilen. Ich will fragen kann man da in gleichem Sinne von einem Aspekt des Gesehenen reden?

117a[2]

Man sagt “In diesem Bild ist eine wilde Bewegung”. Wäre wirklich ein ‘lebendes Bild’ die richtige Kopie so eines Bildes; & nicht vielmehr tatsächliche wilde Bewegung??

117a[3]

Ich frage unzählige irrelevante Fragen. Möge ich durch diesen Wald mich durchschlagen können!

117a[4]

16.01.1948 Du siehst es also so, wie wenn Du das & das davon wüßtest. Und wenn dies eine närrische Ausdrucksweise erscheint, so mußt Du eben im Auge behalten, daß der Begriff des Sehens hier modifiziert wird.

117a[5] &
117b[1]

Kann ich aber auch sagen: “Er würde das Bild (der Schlacht etwa) anders sehen, wenn er nicht wüßte, was hier vorsichgeht”? Wie würde sich das äußern?! Er würde nicht so über das Bild reden, wie wir; er würde nicht sagen: “Man sieht förmlich wie diese Pferde dahinbrausen” oder “So läuft doch ein Pferd nicht!”, etc.. Er würde Unzähliges nicht aus dem Bild entnehmen was wir daraus entnehmen.

117b[2]

Wir könnten uns doch entscheiden, das was wir jetzt “die Figur als ‥‥ sehen” nennen, sie als das & das “anfassen” zu nennen. – Hätten wir das nun getan, so wären dadurch die Probleme natürlich nicht zur Seite geschafft; sondern wir würden nun den Gebrauch des “auffassen” studieren & insbesondre die Eigentümlichkeit, daß dieses Auffassen etwas Stationäres ist, ein Zustand, der jetzt anfängt, jetzt endet.

117b[3]

Es ist mir also zumute – könnte ich sagen – als müßte ich im Stande sein, diese Auffassung durch ein Bild der angeschauten Figur wiederzugeben. – Und das ist doch wirklich so: ich kann doch sagen, das Bild das Einer von ihr macht, drücke eine Auffassung des Gegenstands aus. Ganz so, wie man eben sagen kann: Hör dieses Thema so ‥‥ & spiel es entsprechend.

117b[4] &
118a[1]

Wenn man, in der Mathematik etwa, sagt “Faß diesen Ausdruck jetzt so auf: ‥‥”, so fordert man den Andern nicht dazu auf, ihn so zu sehen. Aber er muß freilich etwas sehen. Man sagt: “Siehst Du: das entspricht dem, das entspricht dem, ‥‥”. Man könnte dem Andern nun freilich durch Klammern, Projektionslinien, u. dergl., helfen; aber er muß doch die Ähnlichkeit des Ausdrucks ohne die Klammern mit dem Ausdruck, in welchem Klammern gesetzt sind, sehen. Ich habe etwa den Ausdruck zweimal, ohne & mit Klammern, geschrieben, & frage ihn: “Sieht Du, daß es beidemale derselbe Ausdruck ist? Um das zu erkennen muß er nun nicht den einen im andern mit einem Blick sehen, sondern er kann die beiden nach & nach vergleichen. So wie in der darstellenden Geometrie man mit & ohne ‘Raumvorstellung’ arbeiten kann, aber mit ihr leichter.

118a[2]

“Faß diesen Ausdruck jetzt so auf ‥‥‥!” Was hier gefordert wird ist ein Vorgang, kein stationärer Zustand. Man sagt: “Denk Dir das Dreieck umgeklappt”.

118b[1]

Wer bemerkt, daß diese Figur in jener enthalten ist, – muß er die enthaltende jetzt anders sehen? Muß er sie nicht zum mindesten anders sehen, während er sie miteinander vergleicht? Es fällt ihm etwa zuerst die Gleichheit eines gewissen Stückes auf. Wenn sie ihm nun auffällt wird etwa der Blick von einer zur andern schweifen; oder er wird doch auf dem besondern Stück ruhen. Und er mußte etwa am Ende sagen: Das ist ja die gleiche Form wie jene dort!” – Dennoch aber scheint mir dies nicht das Phänomen zu sein, wovon ich hier immer spreche. Muß er nämlich das sagen: “Ich sehe es jetzt anders”?

118b[2]

Die Situation – & der Gebrauch: das macht hier wieder die Schwierigkeit.

118b[3]

Nocheinmal: Wenn Einer sagt “Ich sehe es jetzt so ‥‥․”, – fragt es sich, mit welchem Recht er das sagt; das Wort “sehen” anwendet. (Er könnte ja auch sagen “es ist jetzt für mich ‥‥”.)

118b[4]

Sagt er “Es ist jetzt für mich ‥‥”, so fragt es sich, was wir davon haben. – Denn es könnte ja bloßer Wahnsinn sein.

119a[1]

Zu dem ‘die Figur so zusammengesetzt sehen’ gehört doch auch: sie mit diesem Ausdruck (stolz, demütig, dumm, etc.) sehen; & diese Fähigkeit geht mit der zusammen, Formen auf ihren Ausdruck hin miteinander zu vergleichen. (Z.B. die Formen von Fenstern & Türen.) Wer etwa eine Tür so & so sieht, wird sie in seiner Stellung & Gebärde nachahmen können. Also sie doch kopieren.

119a[2]

Ich möchte also so sagen: Das Wort “sehen” für den Aspekt ist insofern gerechtfertigt, als es eine Kopie gibt, die zeigt, wie man’s sieht.

119a[3]

Sähe mich jemand an & sagte “Jetzt seh ich ihn als den Schwiegerneffen des so & so”, so würde hier das Wort “sehen” für mich unverständlich sein, wie dies mir unverständlich wäre: “Er faßt mich in seinem Porträt von mir als den Schwiegerneffen des N.N. auf”.

119a[4] &
119b[1]

Ist es wichtig, daß man eine Figur, die man sich vorstellt, in der Phantasie so & anders sehen, den Übergang von einem Aspekt zum andern machen kann.

119b[2]

Die Frage “Was habe ich davon?” klingt ganz pragmatisch. Ist es natürlich nicht.

119b[3]

“Ich fasse es als das auf.” “Ich will es so betrachtet wissen.” – Wie betrachtet man es denn so?

119b[4]

Es ist ein Sehen, insofern ‥‥․ Es ist ein Sehen nur insofern, als ‥‥․ (Das scheint mir die Lösung.)

119b[5]

Und inwiefern ist es ein Denken? Ist es eins, da ich erkenne, daß diese Figur so zusammengesetzt werden könnte? Ist es ein Denken, insofern ich an diese Zusammensetzung denken muß? – Aber muß ich über sie nachdenken? Aber ich kann doch auch an jemand denken, ohne über ihn nachzudenken. Oder stelle ich mir ihn dann nur vor? Aber es ist etwas gemeinsam zwischen diesem Vorstellen & dem Denken: die Beziehung auf ein äußeres Objekt; der Ausdruck des Erlebnisses nennt ein äußeres Objekt (einen bestimmten Menschen z.B.).

120a[1]

Wenn ich mir etwas vorstelle in dem Sinn, in dem ich an etwas denke, so ist das Charakteristikum dafür das, daß ein Bild (gezeichnet, gemalt, etc.) zur Darstellung meines Vorstellens nicht ausreicht. Stelle ich mir N.N. in seinem Garten vor, so würde ein Gemälde, zum Ausdruck meiner Vorstellung nicht genügen. Ich brauche dazu auch die Worte, die den Bezug zum Ausdruck bringen; die Intention der Vorstellung. Aber warum soll das Gemälde das nicht können, warum soll es nicht ebensogut als Zeichen für N.N. stehen können, wie sein Name, den er ja übrigens auch mit Andern teilt? Nun wenn ich Einem mitteilen will, was ich mir vorgestellt habe & mache dazu ein Bild, so kann er, es sei denn, er erkennt es, fragen “Und soll das jemand bestimmter sein?”. Aber auch, wenn mein Bild dem N.N. ganz ähnlich ist & wenn der Andre es zu erkennen glaubt, kann er doch noch fragen, ob es ihn auch vorstellt.

120a[2] &
120b[1]

Insofern aber unterscheiden sich die Aspekte die, sozusagen, gesehene Deutungen der Figur sind, von den Aspekten des räumlichen Sehens. Denn man kann eine Figur für einen Körper halten. Und auch, wenn von einer solchen Täuschung nicht die Rede ist, so teilt, ich sehe diese Figur jetzt als Pyramide, anderes mit, hat andere Konsequenzen als, daß ich die Figur jetzt als schwarzes Kreuz auf weißem Grunde sehe. (Die Konsequenzen des räumlichen Sehens in der Darstellenden Geometrie.) Es scheint aber auch der Zusammenhang des Aspekts mit dem Denken geändert oder gelöst. Denn hier ist die Kopie, die dem Andern zeigt, wie ich die Figur sehe, von anderer Art. Und man darf hier nicht vergessen, daß das Wort “Kopie” in dieser ganzen Betrachtung eine schwankende Bedeutung hat.

120b[2]

Ich habe das Wort “denken” gelernt, um zu entscheiden, ob dieser Mensch jetzt denkt oder nur redet & sich nicht mit dem beschäftigt worüber er redet, oder ob er darüber nachgedacht hat, oder nicht, und anderes; aber nicht um zu entscheiden ob ein dem normalen Menschen ganz unähnliches Wesen denkt, oder nicht. D.h., ich mag die eine Technik wohl beherrschen, aber nicht die andere.

121a[1]

“Es ist als wären unsre Begriffe bedingt durch ein Gerüste von Tatsachen.” Das hieße doch: Wenn Du Dir gewisse Tatsachen anders denkst, sie anders beschreibst, als sie sind, dann kannst Du gewisse Begriffe in dieser andern Welt nicht mehr anwenden. Was ich sage kommt also darauf hinaus: Ein Gesetz wird für Menschen gegeben & ein Jurist mag wohl fähig sein, Konsequenzen für jeden Fall zu ziehen, der ihm gewöhnlich vorkommt, das Gesetz hat also offenbar seine Verwendung, einen Sinn. Trotzdem aber setzt seine Gültigkeit allerlei voraus; & wenn das Wesen, welches er zu richten hat, ganz vom gewöhnlichen Menschen abweicht, dann wird z.B. die Entscheidung, ob er eine Tat mit böser Absicht begangen hat, nicht etwa schwer, sondern unmöglich werden.

121a[2] &
121b[1]

Schach in der Vorstellung spielen – Fußball in der Vorstellung spielen. Zusammenhang mit dem Unterschied zwischen Mathematik & Physik. Man kann im Kopf rechnen, aber nicht im Kopf chemische Experimente machen. Wie grundlegend ist nun der Unterschied im Begriff des Spiels auf diese beiden Spiele angewendet; & wie verhalten sich die Spielregeln zum Spiel?

121b[2]

“Wenn die Menschen nicht im allgemeinen über die Farben der Dinge übereinstimmten, wenn Unstimmigkeiten nicht Ausnahmen wären, könnte es unsre Farbbegriffe nicht geben.” Nein; gäbe es unsern Farbbegriff nicht. Heißt das also: Was als Regel denkbar ist, muß es nicht als Ausnahme sein?

121b[3] &
122a[1]

17.01.1948 Denk Dir diesen Fall: Leute haben unsre Farbwörter gelernt & angewandt, wie wir es tun; plötzlich aber – aus welcher Ursache immer – stimmen ihre Farburteile im Allgemeinen nicht mehr überein. So daß, was Einer jetzt rot sieht, der Andre blau sieht, etc. Aber halt, – warum beschreibe ich den Fall so & sage nicht, daß sie die Farben nach wie vor sehen, aber ihre Bezeichnung wechseln? Wie ließen sich diese Fälle unterscheiden? – Man könnte eine Veränderung in ihren Augen gemerkt haben. Es könnte aber auch sein, daß sie bezüglich der Farben gewisser Farbparadigmen übereinstimmten. Werden diese Leute nun unsre Sprachspiele spielen können? Es ist vor allem auch hier nicht klar, daß wir den Fall so beschreiben sollen: diese Leute sähen beim Anblick eines Gegenstandes nicht die gleiche Farbe. Denn dies sagen wir eben jetzt nur unter ganz bestimmten Umständen: wenn nämlich gewisse Reaktionen die Regel, andere die Ausnahme sind.

122a[2]

Ich möchte da natürlich sagen: “Wenn Regel & Ausnahme ihre Plätze wechseln, so würde ich das Sprachspiel nicht mehr so & so nennen.” Aber das genügt doch nicht. Ob ich es noch so nennen möchte darauf kann’s nicht ankommen. Ich drücke mich also noch falsch aus.

122a[3] &
122b[1]

Der Fall ist doch ähnlich diesem: Ich habe gelernt Versuchsresultate durch eine Kurve darzustellen & werde, wenn die aufgenommenen Punkte so liegen

, wissen, ungefähr welche Kurve zu ziehen & weitere Schlüsse aus den Experimenten ziehen können. Liegen aber die Punkte so:

, so wird, was ich gelernt habe mich hier im Stiche lassen; ich weiß gar nicht mehr, welche Linie ich ziehen soll. Und käme ich zu Leuten, die, ohne mir verständlicher Methode & ohne Bedenken eine Kurve durch dies Sternbild legten, so könnte ich diese Technik nicht nachahmen; sollte ich aber sehen, daß bei ihnen irgend eine plausible Linie als die richtige anerkannt wird & diese dann zur Basis von weiteren Folgerungen dient; &, wenn diese Folgerungen, wie wir sagen würden, mit der Erfahrung in Widerspruch kämen, die Leute sich irgendwie darüber hinwegsetzten, – dann würde ich sagen, es sei dies gar nicht mehr die mir bekannte Technik, sondern eine ‘äußerlich’ ähnliche, im Wesen aber ganz verschiedene. Sage ich das aber, so gebe ich mit den Worten “äußerlich” & “Wesen” ein Urteil ab.

122b[2] &
123a[1]

Was heißt das: “Das ist doch ein ganz anderes Spiel!” Wie verwende ich diesen Satz? Als Mitteilung? Nun, etwa als Einleitung zu einer Mitteilung, die die Unterschiede angibt & ihre Wichtigkeit erklärt. Aber auch, um auszudrücken, daß ich eben darum hier nicht mehr mittue, oder (doch) eine andere Stellung zu dem Spiel einnehme.

123a[2]

Wenn ich sagte “Ich würde es nicht mehr ‥‥․ nennen” so heißt das eigentlich: die Waage meiner Stellungnahme schlägt um.

123a[3]

Ich könnte doch auch sagen: “Ich kann mich mit diesen Menschen nicht mehr verständigen.”

123a[4] &
123b[1]

Ich sagte einmal es könnte einen Begriff geben der links von einer gewissen wichtigen Linie unserm ‘Rot’, rechts von ihr unserm ‘Grün’ entspräche. Und es kam & kommt mir vor, als könnte ich mich in so einen Begriff hineindenken; als könnte ich wohl geneigt sein rot auf der einen Seite das Gleiche zu nennen, wie grün auf der andern. (Und zwar geht es mir besonders so mit den Farben Rot & Grün.) Als wäre ich also nicht ungeneigt das Grün nur einen andern Aspekt des Rot zu nennen; als liefe was ich “Farbe” nenne unverändert weiter & nur die ‘Schattierung’ änderte sich. Es besteht also hier die Neigung zu einer Ausdrucksweise, die, unter gewissen Umständen, für Grün & für Rot dasselbe Eigenschaftswort, mit einem Bestimmungswort wie “beschattet” “unbeschattet” verwendet. “Aber willst Du also wirklich sagen, daß hier nicht zwei verschiedene Farben vorliegen?” Ich will sagen: Ich sehe genug Ähnlichkeit in der von mir beschriebenen Ausdrucksweise mit dieser & jener, die wir tatsächlich verwenden, daß ich die ungewöhnliche unter Umständen sehr wohl hinnehmen könnte. Aber würden also die Leute die Ähnlichkeit oder Gleichheit nicht sehen, die wir sehen: nämlich zwischen Grün links & (nach unsrer Ausdrucksweise) Grün rechts? – Wie wenn sie sagten, diese seien ‘äußerlich gleich’. Ich stelle mir die Lage ähnlich vor, wie in der Zeichnung

, wo ich die Winkel α, β, γ einander gleich, obwohl äußerlich ungleich nennen kann; die Winkel δ & α, so wie ε & γ ungleich aber äußerlich gleich.

123b[2]

Ich könnte auch sagen: Rot links & Grün rechts sei die gleiche Natur, aber eine andere Erscheinung.

124a[1]

Bei allem dem habe ich aber doch eine Konfusion angerichtet. Das Wichtige an der Sache war doch, zu zeigen, daß man in einer Reihe so fortfahren kann, daß man, nach unsern Begriffen, sie nach dem alten Gesetz abbricht & nach einem neuen fortsetzt; daß man aber nach einer andern Auffassung ihr Gesetz nicht ändert, die scheinbare Änderung aber durch die Umstände gerechtfertigt wird.

124a[2]

Aber das kommt eigentlich darauf hinaus, daß, was das folgerechte Weiterschreibtn in einer Reihe ist, nur durch das Beispiel gezeigt werden kann.

124a[3] &
124b[1]

Und hier ist man immer wieder in der Versuchung, weiterzureden, wo man Halt machen sollte; mehr zu reden, als Sinn hat.

124b[2]

Und zwar vergißt man immer, wo das Reden noch Mitteilung ist, & wo nicht mehr.

124b[3]

Ich kann Einem sagen: “Diese Zahl ist die folgerechte Fortsetzung dieser Folge”; dadurch kann ich ihn dazu bringen, daß er in Zukunft das “folgerechte Fortsetzung” nennt, was ich so nenne. D.h. ich kann ihn eine Reihe (Grundreihe) fortsetzen lehren, ohne einen Ausdruck des ‘Gesetzes der Reihe’ zu verwenden; ja vielmehr um ein Substrat zu haben für die Bedeutung algebraischer Regeln, oder was ihnen ähnlich ist.

124b[4]

Er muß ohne Grund so fortsetzen; aber nicht, weil man ihm den Grund noch nicht begreiflich machen kann, sondern weil es – in diesem System – keinen Grund gibt. (“Die Kette der Gründe hat ein Ende.”) Und das so (in “so fortsetzen”) ist durch eine Ziffer, einen Wert, bezeichnet. Denn auf dieser Stufe wird der Regelausdruck durch die Ziffer erklärt, nicht die Ziffer durch die Regel.

124b[5] &
125a[1]

Denn dort, wo es heißt “Aber siehst Du denn nicht ‥‥!” nützt ja eben die Regel nichts, sie ist Erklärtes, nicht Erklärendes.

125a[2]

“Er erfaßt die Regel intuitiv.” – Warum aber die Regel? & nicht, was er jetzt schreiben soll?

125a[3]

“Hat er nur das Richtige gesehen, diejenige der unendlich vielen Beziehungen, die ich ihm nahezubringen trachte, – hat er sie nur einmal erfaßt, so wird er jetzt ohne weiteres die Reihe richtig fortsetzen. Ich gebe zu, er kann diese Beziehung, die ich meine, nur erraten (intuitiv erfassen) – ist es aber gelungen, dann ist das Spiel gewonnen.” – Aber dieses ‘Richtige’ von mir Gemeinte, gibt es gar nicht. Der Vergleich ist falsch. Es gibt hier nicht quasi ein Rädchen, das er erfassen soll, die richtige Maschine, die ihn, einmal gewählt, automatisch weiter bringt. Es könnte ja sein, daß sich in unserm Gehirn soetwas abspielt, aber das interessiert uns nicht.

125a[4]

Könnte man auch so sagen: “Die Zahlen der Kardinalzahlenreihe bestimmen was “gleicher Abstand” heißen soll; nicht umgekehrt”?

125b[1]

“Tu dasselbe!” Aber dabei muß ich ja auf die Regel zeigen. Die muß er also schon anzuwenden gelernt haben. Denn was bedeutet ihr Ausdruck sonst für ihn?

125b[2]

Die Bedeutung der Regel erraten, sie intuitiv zu erfassen, könnte doch nur heißen: ihre Anwendung erraten. Und das kann nun nicht heißen: die Art, die Regel ihrer Anwendung erraten. Und vom Erraten ist hier überhaupt keine Rede.

125b[3]

Ich könnte z.B. erraten, welche Fortsetzung dem Andern Freude machen wird (etwa nach seinem Gesicht). Die Anwendung der Regel erraten könnte man nur, sofern man bereits aus verschiedenen Anwendungen wählen kann.

125b[4]

Man könnte sich ja dann auch denken, daß er, statt die ‘Anwendung der Regel zu erraten’, sie erfindet. Nun, wie sähe das aus? – Soll er etwa sagen: “Der Regel ‘+1’ folgen möge einmal heißen, zu schreiben: 1, 1 + 1, 1 + 1 + 1, u.s.f.”? Aber was meint er damit? Das “u.s.f.” setzt ja eben schon das Beherrschen einer Technik voraus.

126a[1]

Wie kann man denn, was jemand tut, der jene Reihe fortsetzt, beschreiben? – Man kann die Regel angeben; dem nämlich, der sie schon gebrauchen kann. Und wer kann sie gebrauchen? Der, welcher auf 1 + 1 1 + 1 + 1 schreibt, & darauf 1 + 1 + 1 + 1 – Und kann ich jetzt enden “u.s.f.”? Das würde ja heißen: “und überhaupt nach dieser Regel weitergeht”.

126a[2]

Ich kann nicht beschreiben, wie Regeln (allgemein) zu gebrauchen sind, als indem ich Dich lehre, abrichte, eine Regel zu gebrauchen.

126a[3]

Ich kann nun z.B. einen solchen Unterricht im Sprechfilm aufnehmen. Der Lehrer wird manchmal sagen “So ist es recht.” Sollte der Schüler ihn fragen “Warum?”, so wird er nichts, oder doch nichts Relevantes, antworten; auch nicht das: “Nun, weil wir’s Alle so machen”; das wird nicht der Grund sein.

126a[4]

Besteht die Reue nicht aus Gedanken? Und was für Gedanken?

126a[5] &
126b[1]

18.01.1948 Die Reue (analog jeder andern Gemütsbewegung) bedarf natürlich einer Reue-Situation. Das heißt natürlich nicht, daß, wer sagt, er bereue etwas, sich überlegt, ob die Situation auch vorhanden ist. Er äußert Reue, macht eine Reue-Äußerung, ob es aber wirklich die Äußerung der Reue ist, das beurteilen wir nach der Situation & der sonstigen Umgebung der Äußerung. “Aber nur er kann das doch wissen, & er muß es wissen!” – Wie soll er wissen, ob, was er fühlt, das ist, was wir “Reue” nennen? Ist Reue ein innerer Gegenstand, – wie kann er & wie können wir wissen, daß er ihm den richtigen Namen gegeben hat?

126b[2]

Wer es bereut, der denkt doch daran. Ist also die Reue eine Art von Gedanken. Oder eine Färbung von Gedanken?

126b[3]

Es gibt reuevolle Gedanken, wie es z.B. furchtvolle gibt. Wenn ich aber sage “Ich bereue es”, sage ich, ich habe reuevolle Gedanken? Nein, denn das könnte auch sagen, der es gerade jetzt nicht bereut. Aber könnte ich nicht, statt “Ich bereue es”, sagen: “Ich denke mit Reue daran”?

126b[4] &
127a[1]

Aber welcher Art sind also reuevolle Gedanken? Oder: Was ist charakteristisch am Ausdruck der Reue? Man bezieht sich auf eine vergangene Tat & drückt Unwillen über sie aus. Wer dies tut von dem werde ich, unter bestimmten Umständen, sagen: er bereue eine Handlung. Die Reue hat einen Gesichtsausdruck, wie die Furcht, die Trauer, der Ekel, etc..– Wem ich nun eine Tat vorhalte & wer ihre Schlechtigkeit einsieht & sie bereut, – wie fängt dessen Reue an? Mit einem Schlage; am Anfang des Ausdrucks eines reuevollen Gedankens, oder in seinem Verlaufe? Es hat, im allgemeinen, keinen Sinn von einem Moment des Anfangs & Endes der Reue zu sprechen. D.h.: Wir wüßten nicht was wir als diesen Moment bezeichnen sollen; & ein solcher interessiert uns nicht. – Aber wenn’s auch der Andre nicht sagen kann, & es ihn nicht interessiert, – kann ich’s nicht sagen, der die Reue fühlt? Freilich nicht. Ich habe ja eben denselben Begriff wie der Andre. Wer z.B. die Zeichen der Reue in mir (den Gesichtsausdruck, den Ton der Stimme), genau beobachtete, & danach den Anfang der Reue bestimmte, dem bliebe es unbenommen. – Dagegen aber “Mit einem Schlage stand mir das Gräßliche meiner Tat vor Augen.”

127b[1]

Könnte ich sagen: “Die Reue begleitet Gedanken; Furcht & Freude auch, aber nicht immer”? Die Reue begleitet Erinnerung. Sie ist eine Einstellung zu einer Erinnerung. Es ist doch wahr: wenn man an die Tat nicht denkt, kann man sie nicht bereuen.

127b[2]

Was interessiert mich an der Reue des Andern? Seine Einstellung zu der Handlung. Die Zeichen der Reue sind die Zeichen des Widerwillens, der Trauer. Der Ausdruck der Reue bezieht sich auf die Handlung. Man nennt die Reue einen Schmerz der Seele, weil die Zeichen des Schmerzes denen der Reue ähnlich sind. Wollte man aber ein Analogon zum Ort des Schmerzes finden, so wäre es natürlich nicht die Seele (wie ja der Ort des Körperschmerzes nicht der Körper ist), sondern der Gegenstand der Reue.

127b[3] &
128a[1]

Wäre es denn nicht denkbar, daß Menschen zwar mit den Zeichen des Absehens an etwas, was sie getan haben, erinnerten, aber keinen Ausdruck wie “Ich bereue ‥‥” hätten, oder lernen könnten. Diese, würde man vielleicht sagen, fühlten Reue, aber hätten nicht ihren Begriff.

128a[2]

Die Reue ist eine Art der Niedergeschlagenheit. Und sie ist gerichtet: sie hat einen Grund (im Gegensatz zur Ursache). Ich meine nicht, daß jede Niedergeschlagenheit eines Menschen wegen einer seiner Handlungen Reue ist, aber sie hat die für uns interessantesten Züge der Reue. Wir könnten ja auch einen mehr generellen Ausdruck haben. Wir sagen ja auch: “Es tut mir leid daß ich das getan habe” – & das kann, muß aber nicht, Reue sein.

128a[3]

Warum kann der Hund Furcht, aber nicht Reue empfinden? Wäre es richtig zu sagen “Weil er nicht sprechen kann”?

128a[4]

Nur wer über die Vergangenheit nachdenken kann, kann bereuen. Das heißt aber nicht, daß nur so einer erfahrungsgemäß des Gefühls der Reue fähig ist.

128a[5] &
128b[1]

Es ist ja auch nichts so Erstaunliches, daß ein Begriff nur auf ein Wesen anwendbar ist, das, z.B., eine Sprache besitzt. (Lächelnder Mund & Gesicht)

128b[2]

Man möchte nun sagen: Einer bereut, wenn er so & so über seine Handlung nachdenkt; aber “Ich bereue es” sagt, so kommt mir vor, doch nicht: “Ich denke reuevoll an diese Handlung.” Das scheint mir aber so, weil der direkte Ausdruck mehr einem Stöhnen des Schmerzes entspricht. Wenn ich sage “Ich denke mit Schmerz an seinen Tod”, – ist dies ein Bericht, oder ein Ausdruck des Schmerzes? Kann es nicht das letztere auch sein? Anders ist es freilich, wenn man sagt “Ich denke manchmal mit Schmerz ‥‥”.

128b[3]

Weißt Du aber auch bestimmt, daß Du beim furchtvollen Gedanken dasselbe fühlst, wie bei der Furcht vor Einem, der Dich bedroht?

128b[4]

Ich möchte eigentlich durch fortwährende Interpunktionszeichen das Tempo des Lesens verzögern. Denn ich möchte langsam gelesen werden. (Wie ich selbst lese.)

128b[5] &
129a[1]

Die Behandlung aller dieser Erscheinungen des Seelenlebens ist mir nicht darum wichtig weil’s mir auf Vollständigkeit ankommt. Sondern weil jede, für mich auf die richtige Behandlung aller ein Licht wirft.

129a[2]

“Ich vertraue ihm unbedingt.” Ich habe keine Zweifel an seiner Ehrlichkeit. Die Frage ist: In welchen Fällen sind wir geneigt zu sagen “Ich muß doch wissen ob ich ‥‥․”. Z.B. “Ich muß doch wissen ob ich Schmerzen habe”. – Denn wenn das auch ein irreführender Ausdruck ist, so charakterisiert er doch eine bestimmte Art der Begriffe. Man wird z.B. nicht sagen “Ich muß doch wissen, ob ich das Gedicht auswendig weiß.”

129a[3]

Wie ist es aber, wenn man sagt “Jetzt versteh ich’s” (z.B. das Gesetz der Reihe). Ist hier das “Ich muß doch wissen ‥․” am Platz?

129a[4]

19.01.1948 Die Vermutung eine Einstellung zu nennen geht an; aber den Glauben?

129a[5] &
129b[1]

Soll ich sagen: “Der Wunsch ist kein Phänomen; aber der Ausdruck des Wunsches ist ein Phänomen”? Ist es aber unrichtig zu sagen: die Psychologie studiere Wunsch, Furcht, Glauben, Wollen? – Wie sollte es unrichtig sein? wenn man nur versteht, was damit gemeint ist. Denn es muß ja nicht von vornherein klar sein, was mit dem “Studieren des Wollens”, z.B., gemeint ist. Was tut der experimentierende Psychologe? Er beobachtet Menschen. Ihr Verhalten, also auch was sie gefragt oder ungefragt sagen, unter bestimmten von ihm genau aufgezeichneten Umständen.

129b[2]

So beobachtet er das Wünschen nicht? – In einem andern Sinne. D.h.: Du mußt nur wissen wie Du die Beobachtung des Wünschens mit der Beobachtung der elektrischen Induktion zu vergleichen hast. – Die Gefahr ist, zu glauben, daß der Psychologe indirekt beobachtet, indem seine Subjekte ihm ihre Beobachtungen, dessen was nur ihnen sichtbar ist, berichten.

129b[3] &
130a[1]

Ich glaube, Bacon ist in seiner Philosophie stecken geblieben, & diese Gefahr droht auch mir. Er hatte eine lebhafte Vorstellung eines riesigen Gebäudes, sie entschwand ihm aber doch, wenn er wirklich in’s Einzelne gehen wollte. Es war, als hätten Menschen seiner Zeit begonnen, ein großes Gebäude von den Fundamenten aufzuführen; & als hätte er in der Phantasie so etwas Ähnliches, die Erscheinung so eines Gebäudes, gesehen; sie noch stolzer gesehen, als die vielleicht, die am Bau arbeiteten. Dazu war eine Ahnung der Methode nötig, aber durchaus nicht Talent zum Bauen. Das Schlimme aber war, daß er polemisch gegen die eigentlichen Bauleute vorging & seine Grenzen entweder nicht kannte, oder nicht erkennen wollte. Anderseits ist es aber ungeheuer schwierig diese Grenzen zu sehen, & d.h., klar darzustellen. Also, sozusagen, eine Malweise zu finden, dieses Unklare darzustellen. Denn ich möchte mir immer sagen: “Mal wirklich nur, was Du siehst!”

130a[2] &
130b[1]

Wenn er zuerst die Farbnamen lernt, – was wird ihm beigebracht? Nun, er lernt z.B. beim Anblick von etwas Rotem “Rot” ausrufen. – Ist das eine richtige Beschreibung, oder hätte es heißen sollen: “Er lernt “rot” nennen, was auch wir “rot” nennen”? Beide Beschreibungen sind richtig. Wie unterscheidet sich davon das Sprachspiel “Wie kommt es Dir vor?”? Man könnte Einem doch die Farbwörter beibringen indem man ihn auf weiße Gegenstände durch farbige Brillen schauen läßt. Was ich ihn aber lehre, muß ein Können sein. Er kann also jetzt auf Befehl etwas Rotes bringen; oder Gegenstände nach ihren Farben ordnen. Aber was ist denn etwas Rotes? “Nun das [zeigend].” Oder hätte er sagen sollen: “Das; weil es die meisten von uns “rot nennen”? Oder einfach: “Das nennen die meisten von uns “rot”?

130b[2]

Dieses Auskunftsmittel nützt uns nichts. Die Schwierigkeit, die wir für “rot” hier empfinden, tritt dann bei “gleich” wieder auf.

130b[3]

Ich beschreibe eben das Sprachspiel “Bring etwas Rotes” dem, der es schon selbst spielen kann. Den Andern könnt ich’s nur lehren. (Relativität.)

130b[4]

Es ist hier ein tiefer & wichtiger Punkt, den ich gerne ganz klar auszudrücken verstünde. Man täuscht sich irgendwie über die Funktion der Beschreibung. Oder will das Begründen fortsetzen, weil man seine Funktion mißversteht.

130b[5]

Warum lehrt man das Kind nicht zuerst gleich das Sprachspiel “Es scheint mir rot”? Weil es noch nicht im Stande ist, den feineren Unterschied zwischen scheinen & sein zu verstehen?

130b[6]

Die rote Gesichtsempfindung ist ein neuer Begriff.

130b[7] &
131a[1]

Das Sprachspiel, was wir ihm dann beibringen ist: “Mir scheint es ‥‥, Dir scheint es ‥‥” Im ersten Sprachspiel kommt eine Person als wahrnehmendes Subjekt nicht vor.

131a[2]

Du gibst dem Sprachspiel ein weiteres Gelenk. Was aber nicht heißt, daß nun davon immer Gebrauch gemacht wird.

131a[3]

Ist es dasselbe zu sagen “Was glaubst Du, sei vor Dir?” & “Was nimmst Du wahr?”?

131a[4]

Das Sprachspiel: “Was ist das?” – “Ein Sessel.” – ist nicht das gleiche wie: “Wofür hältst Du das?” – “Es dürfte ein Sessel sein.”

131a[5]

Wir lehren das Kind (im Anfang) nicht “Das ist wahrscheinlich ein Sessel”, sondern “Das ist ein Sessel”. Bilde Dir ja nicht ein, man lasse das Wort “wahrscheinlich” aus, weil das Verstehen desselben dem Kind noch zu schwer ist, man vereinfache die Dinge für das Kind; lehre es also etwas, was nicht streng richtig ist.

131a[6]

Immerwährender Zweifel wäre nicht Zweifel.

131b[1]

Ich will nicht irgend eine endgültige Einteilung der psychologischen Begriffe hervorbringen, wohl aber zeigen inwieweit die bestehende zu rechtfertigen ist, & auch, daß jede Einteilung hier Zweifel zuläßt.

131b[2]

Die Einteilung sollte nur dazu benützt werden, um grobe Unterschiede zwischen den Kategorien zu unterstreichen.

131b[3]

Die Frage ist: Wie ist man auf den Gedanken gekommen, “ich sehe …” “ich höre …” “ich schmecke” etc. zusammenzunehmen & sie von “ich bin traurig”, “ich bin fröhlich” u.a. abzusondern? Was rechtfertigt die Ansicht: Wollen sei keine Erfahrung?

131b[4] &
132a[1] &
132b[1]

Ausdruck der Trauer – Ausdruck des Denkens – Ausdruck der Aufmerksamkeit. Der Ausdruck der Trauer ist ein gleichmäßiger; – der Ausdruck des Denkens eine Bewegung, z.B. der Tonfall der Sätze. Was ein Ausdruck der Aufmerksamkeit scheint, würde sich als etwas anderes herausstellen, wenn der Ausdruck starr bliebe. Trauer nennt man einen Zustand, Denken eine Tätigkeit; welcher ist die Aufmerksamkeit? Ein Hund kann Aufmerksamkeit ausdrücken. Einer kann auf Befehl aufmerken. Also: Ähnlichkeit mit einer Handlung. Die Aufmerksamkeit strengt an, man muß sie erhalten. Man folgt einem Vorgang mit Aufmerksamkeit. Man ist also geneigt zu sagen, Aufmerksamkeit sei eine Tätigkeit. Aber was besagt das schließlich? Aufmerksamkeit scheint viel mit einer Tätigkeit gemeinsam zu haben; denn wäre sie schlechthin eine Tätigkeit, so würde ich nicht erst fragen. Von wem soll ich auch erfahren, ob Aufmerksamkeit ein Zustand ist, oder nicht? von dem der aufmerkt, oder von dem der ihn beobachtet? Vergleichen möchte man sie einer immerwährenden kleinen Bewegung, einem Vibrieren, sozusagen. Warum das? Weiß ich wirklich von mir oder Andern, daß sie ein Vibrieren ist? Nein; ich glaube, es ist die Bereitschaft zur Bewegung, das Leben in der Aufmerksamkeit, was man sich so denkt. Man kann auch sagen: Der Aufmerkende darf die Aufmerksamkeit nie einschlafen lassen; er muß sie immer wach erhalten. Und doch sind das alles Bilder. – Ist es nicht ein primitives Zeichen der Aufmerksamkeit, wenn die Augen einer Bewegung folgen? Das Folgen ist hier eine Tätigkeit; aber die Aufmerksamkeit? Wenn die Augen an der Bewegung ‘hängen’ so ist das Hängen keine Bewegung. – Wenn ich ein Gewicht in der Schwebe erhalte, so strengt das an; aber ist es eine Tätigkeit? Nun, wie Du willst – möchte ich sagen.

132b[2]

“Merk auf! Wende Deine Augen nicht von der Stelle weg; & wenn sich etwas bewegt, so ‥‥․”. Er sieht darauf mit gespannter Aufmerksamkeit hin. Ist in diesem Ausdruck immer Bewegung? Ich weiß es nicht. Aber habe ich Grund anzunehmen, es sei so? Man möchte sagen: “Er darf nicht wie ein Toter dasitzen”. Er darf nicht ausschauen als wäre er so erstarrt; man muß ihm zutrauen, daß er beim geringsten Anlaß sich bewegt. Wohl, aber wer nun ganz stier auf die Stelle schaute, aber immer sogleich reagierte, wenn es erfordert würde, – würden wir von dem nicht sagen, er sei aufmerksam? Vielleicht aber nicht.

132b[3] &
133a[1]

Was ist daran, daß der Gedanke eine Bewegung ist? Nun, das Reden ist eine Bewegung. Und auch das Reden in der Vorstellung hat einen zeitlichen Verlauf. Und dem Gedankenblitz folgt der ausgesponnene Gedanke. Der Gedanke ist eben sozusagen eine Bewegung.

133a[2]

20.01.1948 So unendlich vag der Gebrauch des Worts “Gefühl” auch ist, so zieht der Begriff doch gewisse Grenzen. Man spricht von einem Gefühl der Scham, der Reue, der Furcht, der Müdigkeit, der Liebe, der Verzweiflung, der Überzeugung, u.a., aber nicht von einem Gefühl des Wissens, des Denkens, der Absicht.

133a[3]

Man spricht von einem Gefühl der Überzeugung, weil es einen Ton der Überzeugung gibt. Ja das Charakteristikum aller ‘Gefühle’ ist, daß es einen Ausdruck, d.i. eine Miene, Gebärde, des Gefühls gibt.

133a[4] &
133b[1]

James sagt man könne sich eine Gemütsbewegung oder Stimmung nicht ohne die entsprechenden (sie zusammensetzenden) Körperempfindungen denken; denke man sich diese hinweg so finde man, daß man dadurch die Evidenz der Gemütsbewegung selbst aufhebe. Das geschieht etwa so: Ich stelle mir mich selbst trauernd vor & nun versuche ich, mich zugleich jubelnd in der Vorstellung zu sehen & zu empfinden. Dazu hole ich etwa tief Atem ahme ein strahlendes Gesicht nach. Und nun kann ich mir allerdings die Trauer nicht gut vorstellen; denn, sie mir vorstellen, hieß, sie spielen. Aber daraus folgt nun nicht, daß, was wir dabei im Körper fühlen, die Trauer, oder etwas ähnliches wie die Trauer ist. – Der Trauernde kann ja allerdings nicht überzeugend lachen & jubeln, & könnte er’s, so wäre, was wir einem “Ausdruck der Trauer” nennen, nicht Ausdruck der Trauer, & das Jubeln nicht Ausdruck einer andern Gemütsbewegung. – Wenn der Tod des Freundes & die Genesung des Freundes uns gleichermaßen Jubeln oder – dem Benehmen nach – trauern ließen, so wären diese Arten des Benehmens nicht, was wir den Ausdruck der Freude oder der Trauer nennen. Ist es a priori klar, daß, wer die Freude nachahmt Freude fühlen wird? Kann es nicht sein, daß der bloße Versuch, in der Trauer zu lachen, diese noch ungeheuer verschärft?

133b[2] &
134a[1]

Dabei darf ich aber doch das nicht vergessen, daß Freude mit körperlichen Wohlbefinden zusammengeht & Trauer, oder doch Depression, oft mit körperlichem Unbehagen. – Wenn ich spazieren gehe & mich über alles freue, so ist es wohl wahr, daß dies nicht geschähe, wenn ich unwohl wäre. Wenn ich aber nun meiner Freude Ausdruck gebe, z.B. sage “Wie herrlich ‥‥ ist!”, wollte ich sagen, daß all diese Dinge in mir angenehme körperliche Gefühle hervorrufen? Ja selbst wenn ich meine Freude so ausdrückte “Die Bäume & der Himmel & die Vögel geben mir ein herrliches Gefühl im ganzen Körper” – so wäre hier nicht von Verursachung die Rede, nicht von dem erfahrungsmäßigen Zusammentreffen etc. etc.

134a[2]

Man sagt doch “Jetzt, wo er wieder gesund ist, atme ich freier”, holt auch einen tiefen Atemzug der Erleichterung. Es wäre ja möglich, daß man traurig ist, weil man weint, aber natürlich nicht darüber, daß man weint. Es wäre doch möglich, daß Menschen, die man, z.B. mit Hilfe von Zwiebeln, weinen macht, traurig würden; daß sie entweder im allgemeinen deprimiert würden, oder anfingen an bestimmte Geschehnisse zu denken & über sie zu trauern. Aber die Empfindungen des Weinens wären doch damit nicht ein Teil des ‘Gefühls’ der Trauer geworden.

134a[3] &
134b[1] &
135a[1]

Wer sich unter den & den Umständen so & so benimmt, von dem sagen wir, er sei traurig. (Auch vom Hunde.) Insofern kann man nicht sagen, das Benehmen sei die Ursache der Trauer, sie ist ihr Anzeichen. Sie die Wirkung der Trauer zu nennen, wäre auch nicht einwandfrei. – Sagt er’s von sich (er sei traurig) so wird er, im Allgemeinen, dafür als Grund nicht sein trauriges Gesicht u.s.w. angeben. Wie aber wäre es, wenn er sagte: “Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich traurig werde, sobald ich anfange traurig dazusitzen, etc.”? Das könnte zweierlei heißen. Erstens: “Sobald ich, etwa einer leichten Neigung folgend, es mir gestatte, mich so & so zu halten & zu benehmen, gerate ich in den Zustand, in diesem Benehmen verharren zu müssen.” Es könnte ja sein, daß Zahnschmerzen durch Stöhnen ärger würden. Zweitens aber könnte jener Satz eine Spekulation enthalten über die Ursache(n) der menschlichen Trauer. Etwa des Inhalts, daß, wer im Stande wäre auf irgend eine Weise gewisse Körperzustände hervorzurufen, den Menschen traurig machen würde. Hier ist aber die Schwierigkeit, daß wir einen Menschen der unter allen Umständen traurig aussähe & sich benähme nicht traurig nennen würden. Ja, wenn wir einem solchen den Ausdruck “Ich bin traurig” beibrächten, & er sagte das die ganze Zeit mit dem Ausdruck der Trauer, so hätten diese Worte, so wie die übrigen Zeichen ihren normalen Sinn verloren.

135a[2]

Fast möchte ich sagen: Man fühlt die Trauer so wenig im Körper, wie das Sehen im Auge.

135a[3]

Könnte man einen Menschen das Kopfrechnen lehren, ohne ihn je das schriftliche, oder mündliche gelehrt zu haben, & ohne daß er es könnte. Und ich meine nicht “Gibt es irgendein Mittel ‥‥?”, sondern gibt es Umstände unter denen ich sagen würde, dieser Mensch habe das Kopfrechnen gelernt, ohne ‥‥? Ich könnte mir natürlich einen Menschen denken, der auf eine arithmetische Frage immer, oder oft die richtige Antwort sagen könnte, ohne daß wir wüßten, wie es zugeht. Aber ich wüßte nicht, ob wir von ihm sagen sollten, er rechne im Kopf.

135a[4] &
135b[1]

Diese Bemerkung hängt mit dem Vorhergehenden zusammen. Es wird nämlich darauf aufmerksam gemacht, daß ein Mensch traurig, froh, etc. sein kann, ohne es zu zeigen. Und deutet das nicht daraufhin, daß wir einen unrichtigen Akzent auf den Ausdruck der Gemütsbewegung legen? Nein; der Ausdruck der Gemütsbewegung ist eben nicht einfach ein Anzeichen für ihr Vorhandensein, ihre Wirkung, aus der wir auf sie schließen; er gehört zum Begriff der Gemütsbewegung.

135b[2]

Einen im Anfang lehren “Das scheint rot” hat ja gar keinen Sinn. Das muß er ja spontan sagen, wenn er einmal gelernt hat, was “rot” heißt, d.i. die Technik der Wortverwendung.

135b[3]

Die Grundlage jeder Erklärung ist die Abrichtung. (Das sollten Erzieher bedenken.)

135b[4]

“Nur für den ganzen Menschen gelten also diese Begriffe.” – Nein; denn manche gelten auch für Tiere.

135b[5]

“Wer im allgemeinen so handelt & dann manchmal so handelt, von dem sagen wir ‥‥․” Das ist eine legitime Art der Worterklärung.

135b[6] &
136b[1]

“Die Gesichtsempfindung, das ist etwas viel Ungreifbareres als die Gesichtswahrnehmung. Dennoch errät das Kind, welche Empfindung wir meinen, wenn es auch noch nicht von ihr reden kann.” Die ganze Funktion der Sprache ist hier mißverstanden. Und zwar darum, weil man immer ans Bezeichnen, an den Bezug der Worte als das Besondere der Sprache denkt.

136a[2]

Wir neigen dazu, uns die Sache so zu denken, als wäre die Gesichtsempfindung ein anderer Gegenstand, den das Kind erkennen lernt, wenn es die ersten primitiven Sprachspiele mit Gesichtswahrnehmungen gelernt hat.

136a[3]

“Es scheint mir rot.” – “Und wie ist rot?” – “So.” Dabei muß auf das richtige Paradigma gezeigt werden.

136a[4]

21.01.1948 Ich lehre Einen unter ganz bestimmten Umständen ein Wort so & so gebrauchen. Muß ich diese Umstände beschreiben können? D.h., muß ich im Stande sein, eine Beschreibung zu geben, wenn etwa eine verlangt würde? Wenn ich in einem Zimmer, das so & so eingerichtet ist, eine bestimmte Tätigkeit auszuführen gelernt habe (das Aufräumen des Zimmers etwa) & diese Technik beherrsche, so folgt doch nicht, daß ich bereit sein müsse, die Einrichtung des Zimmers zu beschreiben; auch wenn ich jede Veränderung in ihr gleich merken würde & auch sofort beschreiben könnte.

136b[1]

Die Abrichtung kann allerdings in einer gewissen Umgebung Erfolg haben, & wenn sich die Umgebung ändert versagen. Aber müssen wir nicht über die Art dieser Umgebung Rechenschaft ablegen können? Müssen wir sie also nicht doch beschreiben können?

136b[2]

Man könnte sich doch einen Furchtbegriff, z.B., denken, der nur auf Tiere, also rein das Benehmen betreffend Anwendung fände. – Du willst doch nicht sagen, daß so ein Begriff keinen Nutzen hätte.

136b[3]

“Dieses Gesetz wurde nicht in Voraussicht solcher Fälle gegeben.” Ist es darum sinnlos?

136b[4]

Könnte man es sich denken, daß Leute nur das Sprachspiel des ‘Vorstellens’, aber nicht das der ‘Wahrnehmung’ beherrschten? Wäre das nicht wie der Fall des Kindes das schon lesen, aber noch nicht sprechen konnte? Ich glaube diese Fälle laufen parallel.

136b[5] &
137a[1]

Klangfarbe. Warum will man von der Farbe des Klangs der Klarinette oder Flöte reden? Es ist beinahe, als könnte man, wie sie klingen, durch Farben darstellen. Nicht aber, als sei der Unterschied einer, wie zwischen Rot & Gelb etwa, sondern mehr wie der zwischen einer gewissen Art von Rot, Gelb etc. & einer andern Art dieser Farben. Also eher wie der Unterschied zwischen reinen & schmutzigen Farben. – Aber wie es Zwischenglieder, Mischungen solcher Farbarten gibt, so auch der Klangfarben, & wie es dort heller & dunkler gibt so auch hier, & so wie es dort reiner & unreiner gibt, auch hier.

137a[2] &
137b[1]

22.01.1948 Der Traum wird bei der Freudschen Analyse sozusagen zersetzt. Er verliert seinen ersten Sinn völlig. Man könnte sich denken daß er auf dem Theater gespielt würde, daß die Handlung des Stücks manchmal etwas unverständlich aber zum Teil auch ganz verständlich wäre, oder auch doch uns schiene, & als würde nun diese Handlung in kleine Teile zerrissen & jedem Teil ein gänzlich andrer Sinn gegeben. Man könnte es sich auch so denken: Es wird auf ein großes Blatt Papier ein Bild gezeichnet & das Blatt nun solcher Art gefältelt, daß im ersten Bild ganz unzusammengehörige Stücke fürs Auge aneinanderstoßen & ein neues, sinnvolles oder sinnloses, Bild entsteht (dies wäre der geträumte Traum, das erste Bild der ‘latente Traumgedanke’). Ich könnte mir nun denken, daß Einer, der das entfaltete Bild sieht, ausriefe “Ja, das ist die Lösung, das ist, was ich geträumt habe, aber ohne Lücken & Entstellungen.” Es wäre dann eben diese Anerkennung, die die Lösung zur Lösung machte. Sowie, wenn Du beim Schreiben ein Wort suchst & nun sagst: “Das ist es, das sagt, was ich wollte!” – Deine Anerkennung, das Wort zum gefundenen, also gesuchten stempelt. (Hier könnte man wirklich sagen: erst wenn man gefunden hat, wisse man, was man gesucht hat – ähnlich wie Russell über das Wünschen redet.)

137b[2] &
138a[1]

Was am Traum intriguiert, ist nicht sein kausaler Zusammenhang mit Geschehnissen meines Lebens, etc., sondern eher dies, daß er wie ein Teil einer Geschichte wirkt, & zwar ein sehr lebendiger wovon der Rest im Dunkeln liegt. (Man möchte sagen: “Woher kam diese Gestalt nur, & was ist aus ihr geworden?”) Ja; auch wenn mir Einer nun zeigt, daß diese Geschichte gar keine richtige Geschichte war; daß in Wirklichkeit eine ganz andere ihr zugrunde lag, so daß ich enttäuscht ausrufen möchte “Ach, so war es?”, so ist mir doch scheinbar etwas gestohlen worden. Freilich, die erste Geschichte zerfällt nun, wie sich das Papier auseinanderfaltet; der Mann, den ich sah, war von da genommen, seine Worte von dort, die Umgebung im Traume wieder von woanders; aber die Traumgeschichte hat dennoch ihren eigenen Reiz, wie ein Gemälde, das uns anzieht & inspiriert. Man kann nun freilich sagen, daß wir das Traumbild inspiriert betrachten, daß wir eben inspiriert sind. Denn, wenn wir einem Andern unsern Traum erzählen, so inspiriert ihn das Bild meistens nicht. Der Traum ist wie eine ausführungsschwangere Idee.

138a[2] &
139b[1]

Was ist der Unterschied zwischen einer Gemütsbewegung & einer Stimmung. Die Stimmung ist nicht gerichtet. Man möchte sie mit einer Beleuchtung vergleichen, die auf allem was man tut, oder denkt gleichmäßig liegt. Wie wenn man sagt: “Er arbeitet langsam & unwillig”, oder “Seine Bewegungen sind energisch & sicher”, oder “hastig & zerfahren”. Die Anwendung solcher Bezeichnungen für das Benehmen sollte einem zu denken geben. Ein guter Schauspieler wird auf jede dieser Weisungen wissen, was er zu tun hat & doch vielleicht ganz außer Stande sein, es in kinematischen Begriffen zu beschreiben. Noch kann es nicht unsre Aufgabe sein den Benehmensbegriff kinematisch zu analysieren. Im Gegenteil, uns interessiert es, daß er ohne Analyse im Gebrauch ist.

138b[2]

Es kann einem Buch ein Mißverständnis seiner Funktion & Bedeutung zugrunde liegen, auch wenn es sonst keine Mißverständnisse enthält.

138b[3]

Warum ist der Wunsch keine Gemütsbewegung? Gemütsbewegung ist eine Art Aufregung. Soll man das lebhafte Verlangen eine Gemütsbewegung nennen? Das also, was sich durch Mienenspiel, Naturlaute, Ausdrucksbewegungen äußert.

138b[4] &
139a[1]

Kann man sagen, es existiere zwischen der Gemütsbewegung & ihrem Ausdruck eine Ähnlichkeit, insofern z.B. beide aufgeregt seien? (Ähnliches hat, glaube ich, Köhler gesagt.) Und wie weiß man, daß die Gemütsbewegung selbst aufgeregt sei? Der sie hat, merkt es & sagt’s. – Und wenn nun Einer einmal das Gegenteil sagte? – “Aber nun sei offen & sag ob Du nicht wirklich die innere Aufregung spürst!” – Wie habe ich nur die Bedeutung des Worts “Aufregung” gelernt?

139a[2]

Die falsche Auffassung, daß das Wort “Aufregung” sowohl etwas Inneres, als etwas Äußeres bedeutet. Und leugnet man dies, so wird es dahin mißverstanden, man leugne die innere Aufregung.

139a[3]

Hat es Sinn, zu sagen “Das ist wahrscheinlich ein Sessel”, wenn man nie sagt “Das ist ein Sessel”?

139a[4]

Denke, ein Kind wäre ganz besonders gescheit, so gescheit, daß man ihm gleich die Zweifelhaftigkeit der Existenz aller Dinge beibringen kann. Es lernt also von Anfang: “Das ist wahrscheinlich ein Sessel”.

139a[5]

Und wie lernt es nun die Worte: “Ist das auch wirklich ein Sessel?”?

139a[6] &
139b[1]

Betreibe ich Kinderpsychologie? – Ich bringe den Begriff des Lehrens mit dem Begriff der Bedeutung in Verbindung.

139b[2]

Einer sei ein überzeugter Realist, der Andre ein überzeugter Idealist, & lehrt seine Kinder dementsprechend. In einer so wichtigen Sache, wie der Existenz oder Nichtexistenz der äußeren Welt wollen sie ihren Kindern nichts falsches beibringen. Was wird man sie nun lehren? Auch dies, zu sagen “Es gibt physikalische Gegenstände”, beziehungsweise das Gegenteil? Wenn Einer an Feen nicht glaubt, so braucht er seine Kinder nicht lehren “Es gibt keine Feen” sondern er kann es unterlassen ihnen das Wort Fee zu lehren. Bei welcher Gelegenheit sollen sie sagen “Es gibt ‥․” oder “Es gibt nicht ‥‥”? Nur wenn sie Leute treffen, die entgegengesetzten Glaubens sind.

139b[3]

Aber der Idealist wird den Kindern doch das Wort “Sessel” beibringen, denn er will sie ja lehren Gewisses zu tun, z.B. einen Sessel zu holen. Wo wird sich also, was die idealistisch erzogenen Kinder sagen, von dem, was die realistischen sagen, unterscheiden? Wird der Unterschied nicht nur der der Schlachtrufe sein?

140a[1]

Fängt denn nicht das Spiel “Das ist wahrscheinlich ein ‥‥” mit der Enttäuschung an? Und kann die anfängliche Einstellung die auf die mögliche Enttäuschung sein?

140a[2]

“So muß man ihm also zuerst eine falsche Sicherheit beibringen?” Es ist bei ihrem Sprachspiel von Sicherheit oder von Unsicherheit noch nicht die Rede. Erinnere Dich: sie lernen ja etwas tun.

140a[3]

“Die unbeschreibliche Beleuchtung!” Der Tonfall der Bewunderung. Und wie verständigen wir uns mit ihm?

140a[4]

Wie äußert sich denn aber der Zweifel? ich meine: im Sprachspiel, nicht einfach in gewissen Redensarten. Etwa im nähern Hinsehen, also in einer ziemlich komplizierten Tätigkeit. Aber diese Äußerung des Zweifels hat gar nicht immer Sinn, Zweck. Man vergißt eben, daß auch das Zweifeln zu einem Sprachspiel gehört.

140a[5] &
140b[1]

Wie kommt es, daß der Zweifel nicht der Willkür untersteht? – Und wenn es so ist, – könnte nicht ein Kind durch seine merkwürdige Veranlagung an allem zweifeln?

140b[2]

Man kann erst zweifeln, wenn man Gewisses gelernt hat; wie man sich erst verrechnen kann, wenn man rechnen gelernt hat. Dann ist es freilich unwillkürlich.

140b[3]

23.01.1948 Wenn ich daran zweifle, daß dies ein Sessel ist, – was tue ich? – Ich besehe & befühle ihn von allen Seiten, & dergl.. Ist aber diese Handlungsweise immer der Ausdruck des Zweifels? Nein. Wenn ein Affe oder ein Kind dies täte, wäre es keiner. Zweifeln kann der, der schon einen ‘Grund zum Zweifeln’ kennt.

140b[4] &
141a[1]

Es könnte nun wohl sein, daß ein bestimmtes primitives Benehmen sich später zum Zweifel auswächst. Es gibt z.B. ein primitives Untersuchen. (Ein Affe, der z.B. eine Zigarette zerpflückt. Einen intelligenten Hund sehen wir dergleichen nicht tun.) Das bloße hin & her Wenden & Beschauen eines Gegenstandes ist eine primitive Wurzel des Zweifels. Aber Zweifel ist nur vorhanden, wenn die typischen Antezedenzien & Konsequenzen des Zweifels da sind. Wenn der Zweifel z.B. auf vorhergehender Enttäuschung beruht; wenn er bekämpft werden kann.

141a[2] &
141b[1]

Wenn der Mensch die Sprache lernt, so bereichert sich sein Leben. Aber so richtig, fast selbstverständlich, das klingt, ist es doch sehr unklar. Es verändert sich sein ganzes Leben. Ist die Sprache zum Zweifeln nötig? Ich weiß es nicht. Aber eine gewisse Entwickelung seiner Fähigkeiten ist dazu nötig. Ich könnte mir das Leben eines primitiven nicht sprechenden Menschen so denken daß man zu dessen Beschreibung ohne Bedenken die Begriffe ‘Untersuchen’ & ‘Zweifeln’ verwenden würde. Ich würde aber dennoch von ‘primitiven’ Zweifeln, etc. reden. Die Sprache also, wenn sie auch dazu nicht nötig wäre, wäre doch ein weiterer Schritt in derselben Richtung, wie der vom Affen etwa, zu jenem Waldmenschen. – Ich will also sagen: Erst in einem Leben, welches Mitteilung, Frage, u.a. kennt, tritt der Zweifel (sozusagen in seiner vollen Entwicklung) als eine Erscheinung an diesen Formen des Lebens auf.

141b[2]

Kann man sich ein Spiel von der Art des Fußball wie das Schach gespielt denken? So also, daß es rein mathematische Fußballprobleme gäbe. – Dazu gehörte, daß man das Spiel ‘auf dem Papier’ müßte spielen können. Anderseits kann man sich ein Spiel wie das Schach denken, aber so gespielt, daß, wer gewisse Züge machen wollte darum mit dem Gegner ringen müßte. Man könnte dann noch immer Schachprobleme auf dem Papier lösen; wer dies aber noch so gut könnte, würde dadurch nur zeigen, welche Bewegungen anzustreben seien. Und in diesem Sinne gäbe es doch auch Fußballprobleme, sozusagen strategische Probleme.

141b[3] &
142a[1]

“Es schmeckt wie Zucker.” Man erinnert sich genau & mit Sicherheit, wie Zucker schmeckt. Ich sage nicht “Ich glaube, so schmeckt Zucker.” Welch merkwürdiges Phänomen. Eben das Phänomen des Gedächtnisses. – Aber ist es richtig, es ein merkwürdiges Phänomen zu nennen? Es ist ja nichts weniger als merkwürdig. Die Sicherheit ist ja nicht nur ein Haar merkwürdiger, als es die Unsicherheit wäre. Was ist denn merkwürdig? das, daß ich mit Sicherheit sage “Das schmeckt wie Zucker, oder, daß es dann wirklich Zucker ist? Oder daß Andere dasselbe finden? Wenn das sichere Erkennen des Zuckers merkwürdig ist, so wäre es also das nicht-Erkennen nicht.

142a[2]

Wenn Leute (plötzlich) aufhörten in ihren Urteilen über Geschmäcke übereinzustimmen, – würde ich noch sagen: Jeder wisse jedenfalls, was er schmecke? – Würde es dann nicht klar, daß das Unsinn sei?

142a[3]

Verwirrung der Geschmäcke: Ich sage “Das ist süß”, der Andre “Das ist sauer” u.s.f.. Jemand kommt daher & sagt: “Ihr habt Alle keine Ahnung, wovon ihr sprecht. Ihr wißt gar nicht mehr, was ihr einmal einen Geschmack genannt habt.” Was wäre das Zeichen dafür, daß wir’s noch wissen?

142a[4]

Aber könnten wir nicht auch in dieser ‘Verwirrung’ ein Sprachspiel spielen? – Aber ist es noch das frühere? –

142b[1]

Aber hier ist doch ein Paradox! Soll denn die Verläßlichkeit meiner Geschmacksäußerung von den Veränderungen in der Außenwelt abhängen? – Es kommt doch hier auf den Sinn des Urteils, nicht auf die Nützlichkeit an. – Wir sehen hier die Verwandtschaft mit dem ursprünglichen Sprachspiel der Wahrnehmungen.

142b[2]

24.01.1948 “Es schmeckt genau wie Zucker.” Wie kommt es, daß ich dessen so sicher sein kann? Und zwar auch wenn es sich dann als falsch herausstellt. – Und was erstaunt mich daran? Daß ich den Begriff ‘Zucker’ in eine so feste Verbindung mit dem Geschmack bringe. Daß ich die Substanz Zucker direkt im Geschmack zu erkennen scheine. Aber statt des Ausdrucks “Es schmeckt genau ‥‥” könnte ich ja primitiver den Ausruf “Zucker” verwenden. Und kann man denn sagen, bei dem Wort ‘schwebe mir die Substanz Zucker vor’? Wie täte sie das.

142b[3] &
143a[1]

Kann ich sagen, dieser Geschmack brächte gebieterisch das Wort “Zucker” im Gefolge; oder aber das Bild eines Stücks Zucker? Keines von beiden scheint richtig. Ja, gebieterisch ist die Verbindung mit dem Begriff ‘Zucker’ allerdings. Und zwar ebenso wie nach dem Begriff ‘rot’ oder ‘grün’, wenn wir diese zur Beschreibung des Gesehenen verwenden.

143a[2] &
143b[1]

Ich erinnere mich, daß Zucker so geschmeckt hat. Es kommt mir jenes Erlebnis in mein Bewußtsein zurück. Aber natürlich: Wie weiß ich, daß es das frühere Erlebnis ist? Das Gedächtnis hilft mir da nicht mehr. Nein, diese Worte, das Erlebnis komme zurück …, sind nur eine Umschreibung, keine Erklärung des Erinnerns. Aber wenn ich sage “Es schmeckt genau wie Zucker”, so findet eigentlich gar kein Erinnern statt. Ich erinnere mich weder eines bestimmten Erlebnisses, noch auch in verschwommener Weise einer Menge solcher Erlebnisse. Ich begründe also mein Urteil oder meinen Ausruf, nicht. Wer mich fragt “Was meinst Du mit ‘Zucker’?” – dem werde ich allerdings nun ein Stück Zucker zu zeigen trachten. Und wer fragt “Wie weißt Du, daß Zucker so schmeckt”, werde ich allerdings antworten “Ich habe 1000 mal Zucker gegessen” – aber das ist nicht eine Rechtfertigung, die ich mir selbst gebe.

143b[2] &
144a[1]

Ich sagte: Wenn auch die Geschmäcke sich verwirrten, könne man dennoch ein Sprachspiel spielen. Wir könnten ‘unsere Eindrücke miteinander vergleichen’. – Man könnte dieses Sprachspiel beschreiben. Aber die Umgebung wäre nun eine andere als die des uns geläufigen Sprachspiels. – Wenn wir Leute beobachteten, welche, in der Geschmacksverwirrung, ihre Eindrücke miteinander vergleichen, & sie sprächen eine uns fremde Sprache, – wir wüßten nicht, daß wir gewisse ihrer Wörter in unser “süß”, “sauer” etc. übersetzen sollten. – Und täten wir’s auf gut Glück, – dürfte man sagen: ‘wir hätten vielleicht richtig übersetzt, obschon dies sich nicht herausfinden läßt’? Kann das Wort “süß” das richtige Wort für eine Empfindung sein, unter Umständen, die von denen des normalen Sprachspiels ganz verschieden sind? Ich frage nicht “Kann man unter diesen Umständen wissen, ob es das richtige ist”, sondern: Kann man sagen, daß es vielleicht das richtige ist? Aber hier ist noch ein Fehler: Von wem ist denn die Rede? Der das Wort gebraucht, wird, so nehme ich an, dabei bleiben, es sei das richtige. Er wird eben apodiktisch sagen “Das ist süß.” Aber diese Bestimmtheit wird uns doch nur dann einen Eindruck machen, wenn wir sicher sind, er wisse die Bedeutung von “süß”. Und der Fall kann eintreten, wo wir das bezweifeln.

144a[2]

Ich habe kein Recht, der Öffentlichkeit ein Buch zu geben, worin einfach die Schwierigkeiten, die ich empfinde ausgedrückt & durchgekaut sind. Denn diese Schwierigkeiten sind zwar für mich interessant, der in ihnen steckt, aber nicht notwendigerweise für die Menschheit. Denn sie sind Eigentümlichkeiten meines Denkens, bedingt durch meinen Werdegang. Sie gehören, sozusagen, in ein Tagebuch, nicht in ein Buch. Und wenn dies Tagebuch auch einmal für jemand interessant sein könnte, so kann ich’s doch nicht veröffentlichen. Nicht meine Magenbeschwerden sind interessant, sondern die Mittel – if any – die ich gegen sie gefunden habe.

144a[3] &
144b[1]

25.01.1948 Die meisten Menschen, welche ein Spiel, ein Kartenspiel z.B., spielen können, sind außer Stande es einem Andern, besonders wenn dieser noch gar keine Ahnung davon hat, zu erklären. Sie sind nicht im Stande ihr Wissen darüber in irgend eine Ordnung zu bringen.

144b[2]

Man meldet “Es dürfte regnen”; gibt es eine Annahme “Angenommen, es dürfte regnen, ‥‥”. Und warum hat das keinen Sinn? Denn welchen Sachverhalt nehme ich an: den, daß ich dies vermute, oder den, daß es wahrscheinlich sei, daß es regne, daß ich also ein Recht zu der Vermutung habe?

144b[3]

Heißt nun “Ich vermute ‥‥” & “Ich habe ein Recht zu der Vermutung ‥‥” dasselbe?

144b[4]

“Ich glaube, daß ‥‥” kann eine vorsichtige Form der Meldung sein. Die Annahme aber, ich glaubte, es verhielte sich so, ist nicht, etwa, die Annahme es habe jenen Anschein, sondern die einer, bestimmten, vielleicht ganz unberechtigten Stellungnahme meinerseits.

144b[5]

“Selbstbeobachtung lehrt mich: ich glaube das; aber Beobachtung der Außenwelt, daß es nicht so ist.”