Ms-172
1[1]
Wenn Du weißt, daß hier eine Hand ist, so geben wir Dir alles Übrige zu. (Sagt man, der & der Satz lasse sich nicht beweisen, so heißt das natürlich nicht, daß er sich nicht aus andern herleiten läßt; jeder Satz läßt sich aus andern herleiten. Aber diese mögen nicht sicherer sein, als er selbst.) (Dazu eine komische Bemerkung Henry Newman’s.)
1[2]
Daß es mir – oder Allen – so scheint, daraus folgt nicht, daß es so ist. Wohl aber läßt sich fragen, ob man dies sinnvoll bezweifeln kann.
1[3]
Wenn z.B. jemand sagt “Ich weiß nicht, ob da eine Hand ist”, so könnte man ihm sagen: “Schau näher hin”. – Diese Möglichkeit des Sich-überzeugens gehört zum Sprachspiel. Ist einer seiner wesentlichen Züge.
1[4] &
2[1]
“Ich weiß, daß ich ein Mensch bin.” Um zu sehen, wie unklar der Sinn des Satzes ist, betrachte seine Negation. Am ehesten noch könnte man ihn so auffassen: “Ich weiß, daß ich die menschlichen Organe habe.” (Z.B. ein Gehirn, welches doch noch niemand gesehen hat.) Aber wie ist es mit einem Satze wie “Ich weiß, daß ich ein Gehirn habe”? Kann ich ihn bezweifeln. Zum Zweifeln fehlen mir die Gründe! ‘Es spricht alles dafür’, daß ich … Dennoch läßt sich vorstellen, daß bei einer Operation mein Schädel sich als leer erweist.
2[2]
Ob sich ein Satz im Nachhinein als falsch erweisen kann, das kommt auf die Bestimmungen an, die ich für diesen Satz anerkenne.
2[3]
Kann man nun (wie Moore) aufzählen, was man weiß? So ohne weiteres, glaube ich, nicht. – Es wird nämlich sonst das Wort “Ich weiß” gemißbraucht. Und durch diesen Mißbrauch scheint sich ein seltsamer & höchst wichtiger Geisteszustand zu zeigen.
2[4]
Mein Leben zeigt, daß ich weiß, oder sicher bin, daß dort ein Sessel steht, eine Tür ist u.s.f. – Ich sage meinem Freunde z.B. “Nimm den Sessel dort”, “Mach die Tür zu”, etc., etc..
2[5] &
3[1]
Der Unterschied des Begriffs “wissen” vom Begriff ‘sicher sein’ ist gar nicht von großer Wichtigkeit, außer da wo “Ich weiß …” heißen soll: Ich kann mich nicht irren. Im Gerichtssaal z.B. könnte in jeder Zeugenaussage statt “Ich weiß” “Ich bin sicher” gesagt werden. Ja, man könnte es sich denken, daß das “Ich weiß” dort verboten wäre. [Eine Stelle im Wilhelm Meister, wo “Du weißt” oder “Du wußtest” im Sinne “Du warst sicher” gebraucht wird, da es sich anders verhielt, als er wußte.]
3[2]
Bewähre ich nun im Leben, daß ich weiß, daß da eine Hand (nämlich meine Hand) ist?
3[3] &
4[1]
Ich weiß, daß hier ein kranker Mensch liegt? Unsinn! Ich sitze an seinem Bett, schaue aufmerksam auf seine Züge. – So weiß ich also nicht, daß da ein Kranker liegt? – Es hat weder die Frage, noch die Aussage Sinn. So wenig wie die: “Ich bin hier”, die ich doch jeden Moment gebrauchen könnte, wenn sich die passende Gelegenheit dazu ergäbe. – So ist also auch “2 × 2 = 4” Unsinn & kein wahrer arithmetischer Satz, außer bei bestimmten Gelegenheiten? “2 × 2 = 4” ist ein wahrer Satz der Arithmetik – nicht “bei bestimmten Gelegenheiten”, noch “immer” , – aber die Laut- oder Schriftzeichen “2 × 2 = 4” könnten im Chinesischen eine andere oder keine Bedeutung haben & daraus sieht man, daß nur im Sprachspiel der Satz Sinn hat. Und “Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt”, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, vielmehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann & weil man meint die Worte “Ich weiß, daß …” könne man überall dort sagen, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels unverständlich wäre).
4[2]
Man sieht eben nicht, wie sehr spezialisiert der Gebrauch von “Ich weiß” ist.
4[3]
– Denn “Ich weiß …” scheint einen Tatbestand zu beschreiben, der das Gewußte als Tatsache verbürgt. Man vergißt eben immer den Ausdruck “Ich glaubte, ich wüßte es”.
4[4] &
5[1]
Es ist nämlich nicht so, daß man aus dem Satz “Ich weiß, daß es so ist” den Satz “Es ist so” schließen könnte. Auch nicht aus der Äußerung & daraus, daß sie keine Lüge ist. – Aber kann ich nicht aus meiner Äußerung “Ich weiß etc.” schließen “Es ist so”? Doch, & aus dem Satz “Er weiß, daß dort eine Hand ist” folgt auch “Dort ist eine Hand”. Aber aus seiner Äußerung “Ich weiß …” folgt nicht, er wisse …
5[2]
Es muß erst erwiesen werden, daß er’s weiß.
5[3]
Daß kein Irrtum möglich war, muß erwiesen werden. Die Versicherung “Ich weiß es” genügt nicht. Denn sie ist doch nur die Versicherung, daß ich mich (da) nicht irren kann, & daß ich mich darin nicht irre, muß objektiv feststellbar sein.
5[4]
“Wenn ich etwas weiß, so weiß ich auch, daß ich’s weiß, etc.” kommt darauf hinaus, “Ich weiß das” heiße “Ich bin darin unfehlbar”. Ob ich aber das bin, muß sich objektiv feststellen lassen.
5[5]
Angenommen nun, ich sage “Ich bin darin unfehlbar, daß das ein Buch ist” & ich zeige dabei auf einen Gegenstand. Wie sähe hier ein Irrtum aus? Und habe ich davon eine klare Vorstellung?
5[6] &
6[1]
“Ich weiß es” heißt oft: Ich habe die richtigen Gründe für meine Aussage. Wenn also der Andre das Sprachspiel kennt, so würde er zugeben, daß ich das weiß. Der Andre muß sich, wenn er das Sprachspiel kennt, vorstellen können, wie man so etwas wissen kann.
6[2]
Die Aussage “Ich weiß, daß hier eine Hand ist” kann man also so fortsetzen, “es ist nämlich meine Hand, auf die ich schaue”. Dann wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln, daß ich’s weiß. – Auch der Idealist nicht; sondern er wird sagen, um den praktischen Zweifel, der beseitigt ist, habe es sich ihm nicht gehandelt, es gebe aber noch einen Zweifel hinter diesem. – Daß dies eine Täuschung ist muß auf andre Weise gezeigt werden.
6[3] &
7[1]
“Die Existenz der äußeren Welt bezweifeln” heißt ja nicht, z.B., die Existenz eines Himmelkörpers (zu) bezweifeln, welche später durch Beobachtung bewiesen wird. – Oder will Moore sagen, das Wissen, hier sei seine Hand, ist von andrer Art als das, es gebe den Planet Saturn? Sonst könnte man den Zweifelnden auf die Entdeckung des Planeten Saturn hinweisen & sagen, seine Existenz sei nachgewiesen worden, also auch die Existenz der äußeren Welt.
7[2]
Moore’s Ansicht läuft eigentlich darauf hinaus, der Begriff ‘wissen’ sei den Begriffen ‘glauben’, ‘vermuten’, ‘zweifeln’, ‘überzeugt sein’ darin analog, daß die Aussage “Ich weiß …” kein Irrtum sein könne. Und ist es so, dann kann aus einer Äußerung auf die Wahrheit einer Behauptung geschlossen werden. Und hier wird die Form “Ich glaubte zu wissen” übersehen. – Soll aber diese nicht zugelassen werden, dann muß ein Irrtum auch in der Behauptung logisch unmöglich sein. Und dies muß einsehen, wer das Sprachspiel kennt; und der Glaube an die Versicherung eines Glaubwürdigen “Ich weiß es”, kann ihm dabei nicht helfen.
7[3]
Es wäre doch merkwürdig, wenn wir dem Glaubwürdigen glauben müßten, der sagt “Ich kann mich nicht irren”; oder dem, der sagt “Ich irre mich nicht”.
7[4] &
8[1]
Wenn ich nicht weiß, ob Einer zwei Hände hat (z.B., ob sie ihm amputiert worden sind, oder nicht) werde ich ihm die Versicherung, er habe zwei Hände, glauben, wenn er glaubwürdig ist. Und sagt er, er wisse es, so kann mir das nur sagen, er habe seine Hände bereits gesehen, seine Arme seien also z.B. nicht noch von Decken & Verbänden verhüllt, etc. etc. Daß ich dem Glaubwürdigen hier glaube, kommt daher, daß ich ihm die Möglichkeit sich zu überzeugen zugestehe. Wer aber sagt, es gäbe (vielleicht) keine physikalischen Gegenstände, tut das nicht.
8[2]
Die Frage des Idealisten wäre etwa so: “Mit welchem Recht zweifle ich nicht an der Existenz meiner Hände?” (Und darauf kann die Antwort nicht sein: “Ich weiß, daß sie existieren”.) Wer aber so fragt, der übersieht, daß der Zweifel an einer Existenz nur in einem Sprachspiel wirkt. Daß man also erst fragen müsse: Wie sähe so ein Zweifel aus? & es nicht so ohne weiteres versteht.
8[3]
Auch darin, “daß hier eine Hand ist,” kann man sich irren. Nur unter bestimmten Umständen nicht. “Auch in einer Rechnung kann man sich irren, – nur unter gewissen Umständen nicht.”
9[1]
Aber kann man aus einer Regel ersehen, unter welchen Umständen ein Irrtum in der Verwendung der Rechenregeln logisch ausgeschlossen ist? Was nützt uns hier eine Regel? könnten wir uns bei ihrer Anwendung nicht (wieder) irren?
9[2]
Wollte man aber so etwas Regelartiges angeben, so würde darin der Ausdruck “unter normalen Umständen” vorkommen. Und die normalen Umstände erkennt man, aber man kann sie nicht genau beschreiben. Eher noch eine Reihe von abnormalen.
9[3]
Was ist ‘eine Regel lernen’? – Das. Was ist ‘einen Fehler in ihrer Anwendung machen’? – Das. Und auf was hier gewiesen wird, ist etwas Unbestimmtes.
9[4]
Das Üben im Gebrauch der Regel zeigt auch was ein Fehler in ihrer Verwendung ist.
9[5] &
10[1]
Wenn Einer sich von etwas überzeugt so sagt er dann, das ist gewiß. Aber er hat es nicht aus dem Zustand seiner Gewißheit gefolgert. Man schließt nicht auf den Tatbestand aus der eigenen Gewißheit: Die Gewißheit ist gleichsam ein Ton, in dem man den Tatbestand feststellt, aber man schließt nicht aus dem Ton darauf, daß er berechtigt ist.
10[2]
Die Sätze, die man, wie gebannt, wieder & wieder wiedersieht ohne doch weiterzukommen möchte ich aus der philosophischen Sprache ausmerzen.
10[3]
Es handelt sich nicht darum, daß Moore wisse, es sei dort eine Hand, sondern darum daß wir ihn nicht verstünden, wenn er sagte “Ich mag mich natürlich darin irren”. Wir würden fragen: “Wie sähe denn so ein Irrtum aus?” – z.B. die Entdeckung, daß es ein Irrtum war?
10[4]
Wir merzen also die Sätze aus, die uns nicht weiterbringen.
11[1]
Wem man das Rechnen beibringt, wird dem auch beigebracht, er könne sich auf eine Rechnung unter den & den Umständen verlassen? Aber einmal müssen doch diese Erklärungen ein Ende haben. Wird ihm auch beigebracht, er könne sich auf seine Sinne verlassen – weil man ihm allerdings in manchen Fällen sagt man könne sich in dem & dem besonderen Fall nicht auf sie verlassen? – Regel & Ausnahme.
11[2]
Aber kann man sich nicht vorstellen, es gäbe keine physikalischen Gegenstände? Ich weiß nicht. Und doch ist “Es gibt physikalische Gegenstände” Unsinn. Soll es ein Satz der Erfahrung sein? – Und ist das ein Erfahrungssatz: “Es scheint physikalische Gegenstände zu geben”?
11[3] &
12[1]
Wir machen die Mitteilung “A ist ein physikalischer Gegenstand” nur, wenn Er die Bedeutung des Wortes “A”, oder des Ausdrucks “physikalischer Gegenstand” noch nicht kennt. Die Belehrung “A ist ein physikalischer Gegenstand” geben wir nur dem, der entweder noch nicht versteht was “A” bedeutet, oder was “physikalischer Gegenstand” bedeutet. Es ist also eine Belehrung über den Gebrauch von Worten & “physikalischer Gegenstand” ein logischer Begriff. (Wie Farbe, Maß …) Und darum läßt sich ein Satz “Es gibt physikalische Gegenstände” nicht bilden.
12[3] &
13[1]
Ist es aber eine genügende Antwort auf die Reden der Idealisten, oder der Realisten: “Es gibt physikalische Gegenstände” ist Unsinn? Für sie ist es doch nicht Unsinn. Es wäre zu sagen: diese Behauptung, oder ihr Gegenteil, sei ein fehlgegangener Versuch, (das) auszudrücken, was so nicht auszudrücken ist. Und daß er fehlgeht läßt sich zeigen; damit ist aber ihre Sache noch nicht erledigt. Man muß eben zur Einsicht kommen, daß das was sich uns als erster Ausdruck einer Schwierigkeit oder ihrer Beantwortung anbietet noch ein ganz falscher Ausdruck sein mag. So wie der welcher ein Bild mit Recht tadelt tadeln wird wo nicht zu tadeln ist & eine Untersuchung nötig ist den richtigen Ausdruck des Tadels zu finden. Solchen verunglückten Versuchen begegnen wir aber auf Schritt & Tritt.
13[2]
Das Wissen in der Mathematik. Man muß sich hier immer wieder an die Unwichtigkeit des ‘inneren Vorgang’s’, oder Zustands, erinnern, & fragen “Warum soll er wichtig sein? Was geht er mich an?”. Interessant ist es, wie wir die mathem. Sätze gebrauchen.
13[3]
So rechnet man, unter solchen Umständen behandelt man eine Rechnung als unbedingt zuverlässig, als gewiß richtig.
13[4] &
14[1]
Auf “Ich weiß, daß dort meine Hand ist” kann die Frage folgen “Wie weißt Du es?” & die Antwort darauf setzt voraus, daß dies so gewußt werden kann. Statt “Ich weiß, daß dort meine Hand ist” könnte man also sagen “Dort ist meine Hand” & hinzufügen, wie man es weiß.
14[2]
Es ist (daher) falsch zu sagen “Ich weiß, wo ich den Schmerz empfinde”, oder “Ich weiß, daß ich ihn da empfinde” – geradeso wie: “Ich weiß, daß ich Schmerzen habe”. Richtig aber: “Ich weiß, wo Du meinen Arm berührt hast”.
14[3] &
15[1]
Man kann sagen “Er glaubt es, aber es ist nicht so”, nicht aber “Er weiß es, aber es ist nicht so”. Kommt dies von der Verschiedenheit der Seelenzustände des Glaubens & des Wissens? Nein. – “Seelenzustand” kann man etwa nennen, was sich im Ton der Rede in der Gebärde etc. ausdrückt. Es wäre also möglich von einem seelischen Zustand der Überzeugtheit zu reden; & der kann der gleiche sein, ob gewußt, oder fälschlich geglaubt wird. Zu meinen, den Worten “glauben” & “wissen” müßten verschiedene Zustände entsprechen, wäre so, als glaubte man, dem Worte “ich” & dem Namen “Ludwig” müßten verschiedene Menschen entsprechen, weil die Begriffe verschieden sind.
15[2]
Was für ein Satz ist dies: “Wir können uns in 12 × 12 = 144 nicht verrechnet haben”? Es muß doch ein Satz der Logik sein. – Aber ist er nun nicht derselbe, oder kommt auf das gleiche hinaus, wie die Feststellung 12 × 12 = 144?
15[3]
Forderst Du eine Regel, aus der hervorgeht, daß man sich hier nicht könne verrechnet haben, so ist die Antwort, daß wir dies nicht durch eine Regel gelernt haben, sondern dadurch, daß wir rechnen lernten.
15[4]
Das Wesen des Rechnens haben wir beim Rechnenlernen kennen gelernt.
15[5]
Aber läßt sich denn nicht beschreiben, wie wir uns von der Verläßlichkeit einer Rechnung überzeugen? O doch! aber eine Regel kommt dabei eben nicht heraus. – Das Wichtigste aber (ist): Es braucht die Regel nicht. Es geht uns nicht ab. Wir rechnen nach einer Regel, das ist genug.
15[6] &
16[1]
So rechnet man. Und Rechnen ist dies. Das, was wir z.B. in der Schule lernen. Vergiß (auf) diese transzendente Sicherheit, die mit dem Begriff des Geistes zusammenhängt.
16[2]
Man könnte aber doch aus einer Menge von Rechnungen gewisse als ein für allemal zuverlässig, andre als noch nicht feststehend bezeichnen. Und ist das nun eine logische Unterscheidung?
16[3]
Aber bedenk: auch wenn mir die Rechnung feststeht, ist es nur eine praktische Entscheidung.
16[4]
Wann sagt man, Ich weiß daß … x … = …? Wenn man die Rechnung geprüft hat.
16[5]
Was ist das für ein Satz: “Wie sähe denn hier ein Fehler aus!”? Es müßte ein logischer Satz sein. Aber es ist eine Logik die nicht gebraucht wird, weil, was sie lehrt, nicht durch Sätze gelehrt wird. – Es ist ein logischer Satz, denn er beschreibt ja die begriffliche (sprachliche) Situation.
16[6]
Darum, weil ich nicht weiß, warum etwas schlecht ist, brauche ich meinem Wissen, daß es schlecht ist, nicht zu mißtrauen.
16[7] &
17[1]
Diese Situation ist also nicht dieselbe für einen Satz wie “In dieser Entfernung von der Sonne existiert ein Planet” & “Hier ist eine Hand” (nämlich die meine). Man kann den zweiten keine Hypothese nennen. Aber es gibt keine scharfe Grenze zwischen ihnen.
17[2]
Man könnte also Moore recht geben, wenn man ihn so deutet, daß ein Satz, der sagt, da sei ein physikalischer Gegenstand, eine ähnliche logische Stellung haben kann wie einer, der sagt, da sei ein roter Fleck.
17[3]
Es ist nämlich unrichtig, daß der Irrtum vom Planeten zu meiner eigenen Hand nur immer unwahrscheinlicher werde. Sondern er ist an einer Stelle auch nicht mehr denkbar. Das sieht man schon daran, daß sonst auch denkbar wäre, daß wir uns in jeder Aussage über physikalische Gegenstände irrten, daß alle die wir je machen falsch sind.
17[4]
Ist also die Hypothese möglich, daß es alle die Dinge in unsrer Umgebung nicht gibt? Wäre sie nicht wie die, daß wir uns in allen Rechnungen verrechnet haben?
17[5] &
18[1]
Wenn man sagt “Vielleicht gibt es diesen Planeten nicht & die Lichterscheinung kommt anders zustande”, so hat man doch ein Beispiel eines Gegenstandes den es gibt. Es gibt ihn nicht, – wie z.B. … Oder soll man sagen, daß die Sicherheit nur ein konstruierter Punkt ist, dem sich manches mehr, manches weniger nähert?? Nein. Der Zweifel verliert nach & nach seinen Sinn. So ist eben dieses Sprachspiel. Und zur Logik gehört alles was ein Sprachspiel beschreibt.
18[2]
Könnte nun “Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß hier meine Hand ist”, könnte das nicht als grammatischer Satz aufgefaßt werden? Also nicht temporal. – Aber ist er dann nicht wie der: “Ich weiß, ich vermute nicht nur, daß ich Rot sehe”? Und ist die Konsequenz “Also gibt es physikalische Gegenstände” nicht wie die “Also gibt es Farben”?
18[3]
Wird “Ich weiß etc.” als grammatischer Satz aufgefaßt so kann natürlich das “Ich” nicht wichtig sein. Und es heißt eigentlich “Es gibt in diesem Falle keinen Zweifel” oder “Das Wort ‘Ich weiß nicht’ hat in diesem Falle keinen Sinn”. Und daraus folgt freilich auch, daß “Ich weiß” keinen hat.
18[4]
“Ich weiß” ist hier eine logische Einsicht. Nur läßt sich der Realismus nicht durch sie beweisen.
19[1]
Es ist falsch zu sagen, daß die ‘Hypothese’, dies sei ein Stück Papier, durch spätere Erfahrung bestätigt oder entkräftet würde, & daß in “Ich weiß, daß das ein Stück Papier ist”, das “Ich weiß” sich entweder auf eine solche Hypothese bezieht, oder auf eine logische Bestimmung.
19[2]
– – – Eine Bedeutung eines Wortes ist eine Art seiner Verwendung.
19[3]
Denn sie ist das, was wir erlernen, wenn das Wort zuerst in unsrer Sprache einverleibt wird.
19[4]
Darum besteht eine Entsprechung zwischen den Begriffen ‘Bedeutung’ & ‘Regel’.
19[5]
Stellen wir uns die Tatsachen anders vor als sie sind, so verlieren gewisse Sprachspiele an Wichtigkeit, andere erhalten eine neue Wichtigkeit. Und so ändert sich & zwar allmählich der Gebrauch des Vokabulars der Sprache.
19[6]
Die Bedeutung eines Worts vergleiche mit der ‘Funktion’ eines Beamten. Und ‘verschiedene Bedeutungen’ mit ‘verschiedenen Funktionen’.
20[1]
Das Gegenteil der Wundergläubigkeit ist nicht notwendigerweise, daß Einer die seltsamen Begebenheiten nicht glaubt, sondern daß er nicht im Stande ist, in ihnen mehr als seltsame Begebenheiten zu sehen. Der an Wunder glaubt, faßt sie als Durchbrechungen des Gangs der Welt auf, die ein Dreinsprechen eines höheren Wesens sind. Wer das nicht sehen kann der ist ähnlich Einem, der einen ‘Ausdruck der Gemütsbewegung’ nicht als solchen auffassen könnte, d.h. einfach, der so & so nicht natürlich auf diese Erscheinung reagiert.
20[2]
Wenn sich die Sprachspiele ändern, ändern sich die Begriffe, & mit den Begriffen die Bedeutungen der Wörter.
20[3]
Die Gemeinheit ist eine Art Reibung, sie läßt die seelische Maschinerie nie in Schwung kommen. Sie rückt um ein Stück fort & bleibt wieder stehn.
21[1]
Man könnte von dem Farbeindruck einer Fläche reden, womit nicht die Farbe gemeint wäre, sondern die Farbtöne & ihre Verteilung, wenn sich z.B. der Eindruck einer braunen Fläche ergeben soll.
21[2]
Die Beimischung des Weiß nimmt der Farbe das Farbige; dagegen nicht die Beimischung von Gelb. – Ist das am Grunde des Satzes, daß es kein klar durchsichtiges Weiß geben kann?
21[3]
Was aber ist das für ein Satz: daß die Beimischung des Weißen der Farbe das Farbige nimmt. Wie ich es meine, kann’s kein physikalischer Satz sein. Hier ist die Versuchung sehr groß, an eine Phänomenologie, ein Mittelding zwischen Wissenschaft & Logik, zu glauben.
21[4]
Was ist denn das Wesentliche des Trüben? Denn rotes, gelbes Durchsichtiges ist nicht trübe, weißes ist trübe.
21[5] &
22[1]
Ist trüb das, was die Formen verschleiert, & verschleiert es die Formen, weil es Licht & Schatten verwischt?
22[2]
Ist nicht weiß das, was die Dunkelheit aufhebt?
22[3]
Man redet zwar von ‘schwarzem Glas’ aber wer durch rotes Glas eine weiße Fläche sieht sieht sie rot, durch ‘schwarzes’ Glas nicht schwarz.
22[4]
Man bedient sich, um klar zu sehen, manchmal gefärbter Brillengläser, aber nie trüber.
22[5]
“Die Beimischung von Weiß verwischt den Unterschied zwischen Hell & Dunkel, Licht & Schatten”: bestimmt das die Begriffe näher? Ich glaube schon.
22[6]
Wer das nicht fände, hätte nicht die entgegengesetzte Erfahrung; sondern wir würden ihn nicht verstehn.
23[1]
In der Philosophie muß man immer fragen: “Wie muß man dieses Problem ansehen, daß es lösbar wird?”
23[2]
Denn hier (wenn ich die Farben betrachte z.B.) ist da erst nur eine Unfähigkeit irgend eine Ordnung zu machen. Wir stehen da, wie der Ochs vor der neu(an)gestrichenen Stalltür.
23[3]
Denk daran, wie ein Maler die Durchsicht durch ein rötlich gefärbtes Glas darstellen würde. Es ist ja ein kompliziertes Flächenbild, was sich da ergiebt. D.h., das Bild wird nebeneinander eine Menge von Abschattungen von Rot & andern Farben enthalten. Und analog, wenn man durch ein blaues Glas sähe. Wie aber, wenn man ein Bild malte, in dem dort, wo früher etwas bläulich oder rötlich wurde, es weißlich wird?
23[4]
Ist der ganze Unterschied hier, daß die Farben durch den rötlichen Schein nicht ihre Sattheit verlieren, wohl aber durch den weißlichen? Ja, man spricht gar nicht von einem ‘weißlichen Schein’!
24[1]
Wenn bei einer gewissen Beleuchtung alles weißlich aussähe, so würden wir nicht schließen, das Leuchtende müsse weiß ausschaun.
24[2]
Die Phänomenologische Analyse (wie sie z.B. Goethe wollte) ist eine Begriffsanalyse & kann der Physik weder beistimmen, noch widersprechen.
24[3]
Wie aber, wenn es irgendwo so wäre: das Licht eines weißglühenden Körpers ließe die Sachen hell aber weißlich, also farbschwach, erscheinen, das Licht eines rotglühenden rötlich, etc.? (Nur eine unsichtbare, dem Auge nicht wahrnehmbare Quelle, ließe sie in Farben leuchten.)
24[4]
Ja, wie wenn die Dinge nur dann in ihren Farben leuchteten, wenn, in unserm Sinne, kein Licht auf sie fällt, wenn z.B. der Himmel schwarz wäre? Könnte man dann nicht sagen: nur bei schwarzem Licht erscheinen (uns) die vollen Farben?
24[5]
Aber wäre hier nicht ein Widerspruch?
24[6]
Ich sehe nicht, daß die Farben der Körper Licht in mein Auge reflektieren.