Ms-176
1r[1]
Ein Sprachspiel: Darüber berichten ob ein bestimmter Körper heller, oder dunkler als ein andrer sei. – Aber nun gibt es ein verwandtes: Über das Verhältnis der Helligkeiten bestimmter Farbtöne aussagen. (Damit ist zu vergleichen: Das Verhältnis der Längen zweier Stäbe bestimmen – & das Verhältnis zweier Zahlen bestimmen.) – Die Form der Sätze in beiden Sprachspielen ist die gleiche: “x ist heller als y”. Aber im ersten ist es eine externe Relation & der Satz zeitlich, im zweiten ist es eine interne Relation & der Satz zeitlos.
1r[2] &
1v[1]
In einem Bild, in welchem ein Stück weißes Papier seine Helligkeit vom blauen Himmel kriegt, ist dieser heller als das weiße Papier. Und doch ist, in einem andern Sinne, Blau die dunklere, Weiß die hellere Farbe. (Göthe.) Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe.
1v[2]
Lichtenberg sagt, nur wenige Menschen hätten je reines Weiß gesehen. So verwenden also die Meisten das Wort falsch? Und wie hat er den richtigen Gebrauch gelernt? – Er hat nach dem gewöhnlichen Gebrauch einen idealen konstruiert. Und das heißt nicht einen bessern, sondern einen in gewisser Richtung verfeinerten, worin etwas auf die Spitze getrieben wird.
1v[3] &
2r[1]
Und freilich kann ein so konstruierter uns wieder über den tatsächlichen Gebrauch belehren.
2r[2]
Wenn ich von einem Papier sage, es sei rein weiß, & es würde Schnee neben das Papier gehalten & dieses sähe nun grau aus, so würde ich es in seiner normalen Umgebung doch mit Recht weiß, nicht hellgrau, nennen. Es könnte sein, daß ich, im Laboratorium etwa, einen verfeinerten Begriff von Weiß verwendete (wie z.B. auch einen verfeinerten Begriff der genauen Zeitbestimmung).
2r[3] &
2v[1]
Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist, keine Mischfarbe von Blau & Gelb? Wäre es richtig zu sagen: “Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet? Aber wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten “primäre Farbe” meine wie ein Andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen?” Nein, – hier entscheiden Sprachspiele.
2v[2] &
3r[1]
[Es gibt mehr, oder weniger bläuliches (oder gelbliches) Grün &] es gibt die Aufgabe zu einem gegebenen Gelbgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen, oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weniger gelbliches ist aber kein bläuliches Grün (und umgekehrt), & es gibt auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen, oder zu mischen, das weder gelblich noch bläulich ist. Ich sage “oder zu mischen”, weil ein Grün dadurch nicht zugleich grünlich & gelblich wird, daß es durch eine Art der Mischung von Gelb & Blau zustandekommt.
3r[2]
Menschen könnten den Begriff der Zwischenfarbe oder Mischfarbe haben auch wenn sie nie Farben durch Mischung (in welchem Sinne immer) erzeugten. Es könnte sich in ihren Sprachspielen immer nur darum handeln schon vorhandene Zwischen- oder Mischfarben zu suchen, zu wählen.
3r[3] &
3v[1]
Wenn nun auch nicht Grün eine Zwischenfarbe von Gelb & Blau ist, könnte es nicht Leute geben, für die es ein bläuliches Gelb, ein rötliches Grün gibt? Leute also, deren Farbbegriffe von den unsern abwichen – da ja auch die Farbbegriffe der Farbenblinden von denen der Normalen abweichen. Und nicht jede Abweichung vom Normalen muß eine Blindheit, ein Defekt sein.
3v[2] &
4r[1]
Wer gelernt hat zu einem gegebenen Farbton einen gelblicheren, weißlicheren, rötlicheren zu finden oder zu mischen, u.s.f., wer also den Begriff der Zwischenfarbe kennt, den fordre man (nun) auf, uns ein rötliches Grün zu zeigen. Er mag diesen Befehl nun einfach nicht verstehen & etwa so reagieren, als hätte man von ihm verlangt nach einem regelmäßigen Viereck, Fünfeck, Sechseck, ein regelmäßiges Eineck zu zeigen. Wie aber, wenn er, ohne zu zögern, auf ein Farbmuster wiese (etwa auf ein schwärzliches Braun, wie wir es beschreiben würden)?
4r[2] &
4v[1]
Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte im Stande sein, eine Farbenreihe herzustellen, die mit Rot anfinge, mit Grün endet &, auch für uns vielleicht, einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es würde sich dann zeigen, daß dort, wo wir jedesmal den gleichen Ton, von Braun z.B., sehen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z.B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe haben, nach der Farbe unterscheiden könnte & die eine braun die andre rötlichgrün nennte.
4v[2]
Stell Dir vor alle Menschen mit seltenen Ausnahmen wären rot-grün-blind. Oder auch den andern Fall: alle Menschen wären entweder rot-grün-, oder blau-gelb-blind.
4v[3] &
5r[1]
Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, & das könnte es leicht geben. Sie würden nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir. Denn auch angenommen sie redeten, z.B., Deutsch, hätten also alle deutschen Farbwörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir, & anders zu gebrauchen lernen. Oder haben sie eine fremde Sprache, so würde es uns schwer, ihre Farbwörter in die unsern zu übersetzen.
5r[2]
Wenn es aber auch Menschen gäbe, denen es natürlich wäre, das Wort “rötlichgrün” oder “gelblichblau” in einer konsequenten Weise zu verwenden & dabei vielleicht auch Fähigkeiten verrieten, die wir nicht haben, so wären wir dennoch nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen Farben, die wir nicht sehen. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Farben ist.
5v[1]
In jedem ernsteren philosophischen Problem reicht die Unsicherheit bis an die Wurzeln hinab. Man muß immer darauf gefaßt sein, etwas ganz neues zu lernen.
5v[2]
Die Beschreibung der Phänomene der Farbenblindheit gehört in die Psychologie: also auch die der Phänomene des normalen Sehens? Die Psychologie beschreibt nur die Abweichungen der Farbenblindheit vom normalen Sehen.
5v[3] &
6r[1]
Runge (in dem Brief, den Göthe in der Farbenlehre abdruckt) sagt, es gebe durchsichtige & undurchsichtige Farben. Weiß sei eine undurchsichtige Farbe. Dies zeigt die Unbestimmtheit im Begriff der Farbe, oder auch der Farbengleichheit.
6r[2]
Kann ein durchsichtiges grünes Glas die gleiche Farbe haben wie ein undurchsichtiges Papier, oder nicht? Wenn ein solches Glas auf einem Gemälde dargestellt würde, so wären die Farben auf der Palette nicht durchsichtig. Wollte man sagen die Farbe des Glases wäre auch auf dem Gemälde durchsichtig, so müßte man den Komplex von Farbflecken, der das Glas darstellt, seine Farbe nennen.
6r[3] &
6v[1]
Wie kommt es, daß etwas Durchsichtiges grün, aber nicht weiß sein kann? Durchsichtigkeit & Spiegeln gibt es nur in der Tiefendimension eines Gesichtsbilds. Der Eindruck des durchsichtigen Mediums ist der, daß etwas hinter dem Medium liegt. Vollkommene Einfärbigkeit des Gesichtsbilds kann nicht durchsichtig sein.
6v[2] &
7r[1]
Etwas Weißes hinter einem gefärbten durchsichtigen Medium erscheint in der Farbe des Mediums, etwas Schwarzes schwarz. Nach dieser Regel muß Schwarz auf weißem Grund durch ein ‘weißes durchsichtiges’ Medium wie durch ein farbloses gesehen werden.
7r[2]
Runge: “Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötliches Grün, oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde … Weiß sowohl als Schwarz sind beide undurchsichtig oder körperlich … Weißes Wasser wird man sich nicht denken können, was rein ist, so wenig wie klare Milch.”
7r[3] &
7v[1]
Wir wollen keine Theorie der Farben finden (weder eine physiologische, noch eine psychologische), sondern die Logik der Farbbegriffe. Und diese leistet, was man sich oft mit Unrecht von einer Theorie erwartet hat.
7v[2]
“Weißes Wasser wird man sich nicht denken können etc.” Das heißt man kann nicht beschreiben (z.B. malen), wie etwas weißes Klares aussähe, & das heißt, man weiß nicht, welche Beschreibung, Darstellung diese Worte von uns fordern.
7v[3] &
8r[1]
Es ist nicht ohne weiteres klar, von welchem durchsichtigen Glas man sagen soll, es habe die gleiche Farbe, wie ein undurchsichtiges Farbmuster. Wenn ich sage “Ich suche ein Glas von dieser Farbe” (wobei ich auf ein farbiges Papier deute), so wird das etwa heißen, daß etwas Weißes, durch das Glas gesehen, ausschauen soll wie mein Muster. Ist das Muster rosa; himmelblau, lila, so wird man sich das Glas trübe denken, aber vielleicht auch klar & nur schwach rötlich, bläulich oder violett gefärbt.
8r[2] &
8v[1]
Im Kino kann man manchmal die Vorgänge im Film so sehen, als lägen sie hinter der Leinwandfläche, diese aber sei durchsichtig, etwa eine Glastafel. Das Glas nähme den Dingen ihre Farbe & ließe nur Weiß, Grau & Schwarz durch.
(Wir reden hier nicht physikalisch, sondern betrachten Weiß & Schwarz als Farben ganz wie Grün & Rot.) – Man könnte also denken, daß wir uns hier ein Glas vorstellen, das weiß & durchsichtig zu nennen wäre. Und doch sind wir nicht versucht, sie so zu nennen: Bricht also die Analogie mit einer durchsichtigen grünen Tafel, z.B., irgendwo zusammen?
8v[2]
Von einer grünen Tafel würden wir etwa sagen: sie gäbe den Dingen hinter ihr eine grüne Färbung; also vor allem etwas Weißem.
8v[3]
“Man kann sich das nicht vorstellen”, wenn es sich um die Logik handelt, heißt: man weiß nicht, was man sich hier vorstellen soll.
9r[1]
Würde man von meiner fiktiven Glastafel im Kino sagen, sie gäbe den Dingen hinter ihr eine weiße Färbung?
9r[2]
Konstruiere aus der Regel für den Augenschein des durchsichtigen & gefärbten, die Du vom durchsichtigen Grünen, Roten, etc., abliest, den Schein des durchsichtigen Weißen! Warum geht es nicht?
9r[3]
Jedes gefärbte Medium verdunkelt, was dadurch gesehen wird, es schluckt Licht: Soll nun mein weißes Glas auch verdunkeln? & je dicker es ist, desto mehr? So wäre es also eigentlich ein dunkles Glas!
9v[1]
Warum kann man sich weißdurchsichtiges Glas nicht vorstellen, – auch wenn es in Wirklichkeit keins gibt? Wo geht die Analogie mit dem durchsichtigen gefärbten schief?
9v[2]
Sätze werden oft an der Grenze von Logik & Empirie gebraucht, (so) daß ihr Sinn über die Grenze hin & her wechselt, & sie bald als Ausdruck einer Norm, bald als Ausdruck einer Erfahrung gelten. (Denn es ist ja nicht eine psychische Begleiterscheinung – so stellt man sich den ‘Gedanken’ vor –, sondern die Verwendung, die den logischen vom Erfahrungssatz unterscheidet.)
10r[1]
Man redet von der ‘Farbe des Goldes’ & meint nicht Gelb. “Goldfarben” ist die Eigenschaft einer Fläche, welche glänzt, oder schimmert.
10r[2]
Es gibt Rotglut & Weißglut: Wie aber sähe Braunglut & Grauglut aus? Warum kann man sich diese nicht als einen schwächeren Grad der Weißglut denken?
10r[3]
“Das Licht ist farblos.” Wenn, dann in dem Sinne, wie die Zahlen farblos sind.
10r[4]
Was leuchtend aussieht, sieht nicht grau aus. Alles Graue sieht beleuchtet aus.
10v[1]
Was man als leuchtend sieht, sieht man nicht als grau. Wohl aber kann man es als weiß sehen.
10v[2]
Man könnte also etwas jetzt als schwach leuchtend, jetzt als grau sehen.
10v[3]
Ich sage nicht (wie die Gestaltpsychologen), daß der Eindruck des Weißen so & so zustande komme. Sondern die Frage ist gerade: was der Eindruck des Weißen sei. Was die Bedeutung dieses Ausdrucks, die Logik des Begriffes ist.
10v[4]
Denn, daß man sich etwas ‘grauglühendes’ nicht denken kann, gehört nicht in die Physik, oder Psychologie der Farbe.
11r[1]
Man sagt mir, eine gewisse Substanz brenne mit grauer Flamme. Ich kenne doch nicht die Farbe der Flammen sämtlicher Substanzen; warum sollte das also nicht möglich sein?
11r[2]
Man redet von einem ‘dunkelroten Schein’, aber nicht von einem ‘schwarz-roten’.
11r[3]
Eine glatte weiße Fläche kann spiegeln: Wie nun, wenn man sich irrte, & was in ihr gespiegelt erscheint, wirklich hinter ihr wäre & durch sie gesehen würde? Wäre sie dann weiß & durchsichtig?
11r[4] &
11v[1]
Man spricht von einem ‘schwarzen’ Spiegel. Aber wenn er spiegelt, verdunkelt er zwar, aber sieht nicht schwarz aus, & was durch ihn gesehen wird, erscheint nicht ‘schmutzig’, sondern ‘tief’.
11v[2]
Die Undurchsichtigkeit ist nicht eine Eigenschaft der weißen Farbe. Sowenig wie Durchsichtigkeit eine Eigenschaft der grünen.
11v[3] &
12r[1]
Und es genügt auch nicht zu sagen, das Wort “weiß” werde eben nur für die Erscheinung von Oberflächen angewandt. Es könnte sein daß wir zwei Wörter für “grün” hätten: eines nur für grüne Oberflächen, das andre für grüne durchsichtige Gegenstände. Es bliebe also die Frage, warum es kein dem Wort “weiß” entsprechendes Farbwort für etwas Durchsichtiges gibt.
12r[2]
Ein Medium, wodurch ein schwarz & weißes Muster (Schachbrett) unverändert erscheint, wird man nicht ein weißes nennen, auch wenn dadurch die andern Farben an Färbigkeit verlieren.
12r[3]
Man könnte ein weißes Glanzlicht nicht “weiß” nennen wollen, & so nur das nennen, was dem Auge als Farbe einer Oberfläche erscheint.
12r[4] &
12v[1]
Von zwei Stellen meiner Umgebung, die ich, in einem Sinne, als gleichfarbig sehe, kann ich, in anderem Sinne, die eine als weiß, die andre als grau sehen. In einem Zusammenhang ist diese Farbe für mich Weiß in schlechter Beleuchtung, in einem andern Grau in guter Beleuchtung. Dies sind Sätze über die Begriffe ‘weiß’ & ‘grau’.
12v[2]
Der Eimer, der hier vor mir steht, ist glänzend Weiß lackiert, es wäre absurd, ihn “grau” zu nennen, oder zu sagen “Ich sehe eigentlich ein helles Grau”. Aber er hat ein weißes Glanzlicht, das weit heller ist als eine übrige Fläche, & diese ist teils im Licht, teils im Schatten, ohne doch anders gefärbt zu erscheinen. (Zu erscheinen, nicht nur zu sein.)
12v[3] &
13r[1]
Es ist nicht dasselbe, zu sagen: der Eindruck des Weißen oder Grauen kommt unter diesen Bedingungen zustande (kausal), &: er ist ein Eindruck in einem bestimmten Zusammenhang von Farben & Formen.
13r[2]
Weiß als Stoffarbe (in dem Sinne, in welchem man sagt, Schnee ist weiß) ist heller als jede andre Stoffarbe; Schwarz dunkler. Hier ist die Farbe eine Verdunklung, & ist dem Stoff jede solche entzogen, so bleibt Weiß, & darum kann man es “farblos” nennen.
13r[3]
Es gibt zwar nicht Phänomenologie, wohl aber phänomenologische Probleme.
13r[4] &
13v[1]
Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Z.B. den Unterschied zwischen den Begriffen ‘Farbe des Goldes’ oder ‘Farbe des Silbers’ & ‘gelb’ oder ‘grau’.
13v[2]
Eine Farbe ‘leuchtet’ in einer Umgebung (Wie Augen nur in einem Gesicht lächeln). Eine ‘schwärzliche’ Farbe – z.B. Grau – ‘leuchtet’ nicht.
13v[3]
Die Schwierigkeiten, die wir beim Nachdenken über das Wesen der Farben empfinden (mit denen Göthe in der Farbenlehre sich auseinandersetzen wollte) liegen schon in der Unbestimmtheit unseres Begriffs der Farbengleichheit beschlossen.
13v[4] &
14r[1]
“Ich fühle x”
“Ich beobachte x”
x steht im ersten & zweiten Satz nicht für den gleichen Begriff, wenn auch vielleicht für den gleichen Wortausdruck, z.B. für “einen Schmerz”. Denn fragt man “Was für einen Schmerz?” so könnte ich im ersten Fallantworten “Diesen” & den Fragenden etwa mit einer Nadel stechen. Im zweiten Falle muß ich auf dieselbe Frage anders antworten; z.B. “Den Schmerz in meinem Fuß”. Auch könnte das x im zweiten Satz für “meinen Schmerz” stehen, aber nicht im ersten.
14r[2] &
14v[1]
Denk, jemand zeigte auf eine Stelle der Iris in einem Rembrandtschen Auge & sagt: “Die Wände in meinem Zimmer sollen in dieser Farbe gemalt werden.”
14v[2] &
15r[1]
Ich male die Aussicht von meinem Fenster; eine bestimmte Stelle, bestimmt durch ihre Lage in der Architektur eines Hauses, male ich mit Ocker. Ich sage, ich sehe diese Stelle in dieser Farbe. Das bedeutet nicht, daß ich hier die Farbe Ocker sehe, denn dieser Farbstoff mag, so umgeben, heller, dunkler, rötlicher (etc.) aussehen als Ocker. “Ich sehe diese Stelle, wie ich sie hier mit Ocker gemalt habe, nämlich als ein stark rötliches Gelb.” Wie aber, wenn man von mir verlangte, den genauen Farbton anzugeben, den ich dort sehe? – Wie soll er angegeben werden, & wie bestimmt werden? Man könnte verlangen, daß ich ein Farbmuster (ein rechteckiges Stück Papier von dieser Farbe) herstelle. Ich sage nicht, daß ein solcher Vergleich ohne jedes Interesse wäre, aber er zeigt uns, daß nicht von vornherein klar ist, wie Farbtöne zu vergleichen sind & was “Gleichheit der Farbe” bedeutet.
15r[2]
Denken wir uns ein Gemälde in kleine, annähernd einfärbige Stücke zerschnitten & diese dann als Steine eines Zusammenlegspiels verwendet. Auch wo ein solcher Stein nicht einfärbig ist, soll er keine räumliche Form andeuten, sondern einfach als flacher Farbfleck erscheinen. Erst im Zusammenhang mit den andern sieht man ihn als ein Stück blauen Himmel, als einen Schatten, einen Glanz, als durchsichtig oder undurchsichtig, etc. – Zeigen uns, die einzelnen Steine die eigentlichen Farben der Stellen des Bildes?
15v[2]
Man neigt dazu, zu glauben, die Analyse unsrer Farbbegriffe führe am Ende zu den Farben von Stellen unsres Gesichtsbilds, welche nun von jeder räumlichen oder physikalischen Deutung unabhängig sind; denn hier gibt es weder Beleuchtung, noch Schatten, noch Glanz, etc. etc.
15v[3]
Daß ich sagen kann, diese Stelle in meinem Gesichtsfeld sei graugrün, bedeutet nicht, daß ich weiß, was eine genaue Kopie des Farbtons zu nennen wäre.
16r[1]
Ich sehe auf einer (nicht färbigen) Photographie einen Mann mit dunklem Haar & einen Buben mit glatt zurückgekämmtem blondem Haar vor einer Art Drehbank stehen, die zum Teil aus schwarz gestrichenen Gußteilen, teils aus glatten Wellen, Zahnrädern, u.a. besteht, daneben ein Gitter aus hellem verzinkten Draht. Die bearbeiteten Eisenflächen sehe ich eisenfärbig, das Haar des Jungen blond, das Gitter zinkfarbig, obwohl alles durch hellere & dunklere Töne des photographischen Papiers dargestellt ist.
16r[2] &
16v[1]
Aber sehe ich wirklich die Haare auf der Photographie blond? Und was spricht dafür? Welche Reaktion des Betrachtens zeigt, daß er sie blond sieht, & nicht nur aus den Tönen der Photographie schließt, sie seien blond? – Würde von mir verlangt, daß ich jene Photographie beschreibe, so würde ich es am direktesten mit jenen Worten tun. Ließe man diese Art der Beschreibung nicht gelten, so müßte ich nun erst nach einer andern suchen.
16v[2]
Wenn selbst das Wort “blond” blond klingen kann, wieviel eher können die photographierten Haare blond aussehen!
16v[3] &
17r[1]
“Kann man sich nicht denken, daß (gewisse) Menschen eine andere Farbengeometrie als die unsere hätten?” Das heißt doch: Kann man sich nicht Menschen mit andern Farbbegriffen als den unsern denken? & das heißt wieder: Kann man sich nicht vorstellen, daß Menschen unsre Farbbegriffe nicht haben, & daß sie Begriffe haben, die mit unsern Farbbegriffen in solcher Weise verwandt sind, daß wir sie auch “Farbbegriffe” nennen würden?
17r[2]
Sieh Dein Zimmer am späten Abend an, wenn Farben kaum mehr zu unterscheiden sind – & nun mach Licht & male, was Du früher im Halbdunkel gesehen hast. – Wie vergleicht man die Farben auf so einem Bild mit denen des halbdunkeln Raums?
17r[3] &
17v[1]
Auf die Frage “Was bedeuten die Wörter ‘rot’, ‘blau’, ‘schwarz’, ‘weiß’”, können wir wohl gleich auf Dinge zeigen, die so gefärbt sind, – aber weiter geht unsre Fähigkeit die Bedeutungen dieser Worte zu erklären nicht! Im übrigen machen wir uns von ihrer Verwendung keine, oder eine ganz rohe, zum Teil falsche, Vorstellung.
17v[2]
Ich kann mir einen Logiker vorstellen, der erzählt, er sei jetzt dahin gelangt, “2 × 2 = 4” wirklich denken zu können.
17v[3] &
18r[1]
Die Göthesche Lehre von der Entstehung der Spektralfarben ist nicht eine Theorie, die sich als ungenügend erwiesen hat, sondern eigentlich gar keine Theorie. Es läßt sich mit ihr nichts vorhersagen. Sie ist eher ein vages Denkschema nach Art derer, die man in James’ Psychologie findet. Es gibt auch kein Experimentum crucis, das für, oder gegen diese Lehre entscheiden könnte.
18r[2]
Wer mit Göthe übereinstimmt, findet, Göthe habe die Natur der Farbe richtig erkannt: Und Natur ist hier nicht, was aus Experimenten hervorgeht, sondern sie liegt im Begriff der Farbe.
18r[3] &
18v[1]
Eins war für Göthe unumstößlich klar: Aus Dunkelheiten kann sich kein Helles zusammensetzen – wie aus mehr & mehr Schatten kein Licht entsteht. – Und dies ließe sich so ausdrücken: Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, – so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen. Weiß ist nicht eine Zwischenfarbe anderer Farben. Und das können Versuche mit dem Spektrum weder bekräftigen noch widerlegen. Es wäre aber auch falsch zu sagen “Schau Dir die Farben nur in der Natur an, & Du wirst sehen, daß es so ist”. Denn über die Begriffe der Farben wird man durch Schauen nicht belehrt.
18v[2] &
19r[1]
Ich kann mir nicht denken, daß Göthes Bemerkungen über die Charaktere der Farben & Farbenzusammenstellungen für den Maler nützlich sein können; kaum für den Dekorateur. Die Farbe eines blutunterlaufenen Auges könnte als Farbe eines Wandbehangs prächtig wirken. Wer vom Charakter einer Farbe redet, denkt dabei immer nur an eine bestimmte Art ihrer Verwendung.
19r[2]
Gäbe es eine Harmonielehre der Farben, so würde sie etwa mit einer Einteilung der Farben in Gruppen anfangen & gewisse Mischungen, oder Nachbarschaften verbieten, andre erlauben. Und sie würde, wie die Harmonielehre, ihre Regeln nicht begründen.
19r[3] &
19v[1]
Es mag Geistesschwache geben, denen man den Begriff ‘morgen’ nicht beibringen kann, oder den Begriff ‘ich’, oder das Ablesen der Uhrzeit. Sie würden den Gebrauch des Wortes ‘morgen’ nicht erlernen, etc.. Wem kann ich nun beschreiben, was diese nicht erlernen können. Nicht nur dem, der es erlernt hat? Kann ich dem A nicht mitteilen, B könne höhere Mathematik nicht erlernen, auch wenn A sie nicht beherrscht? Versteht nicht der das Wort “Schach” anders, der das Spiel gelernt hat, als der es nicht gelernt hat? Es bestehen Unterschiede zwischen der Verwendung, die jener von dem Wort machen kann, & der Verwendung, die dieser gelernt hat.
19v[2]
Heißt ein Spiel beschreiben immer: eine Beschreibung geben, durch die man es lernen kann?
19v[3] &
20r[1]
Hat der Normalsehende & der Farbenblinde den gleichen Begriff von der Farbenblindheit? Ein Farbenblinder kann nicht nur unsre Farbwörter, sondern auch das Wort “farbenblind” nicht so verwenden lernen wie ein Normaler. Er kann z.B. die Farbenblindheit nicht auf die gleiche Weise feststellen wie dieser.
20r[2]
Es könnte Menschen geben, die unsre Ausdrucksweise, Orange sei ein rötliches Gelb, nicht verstünden, & nur dann geneigt wären, so etwas zu sagen, wo sie einen Farbübergang von Gelb über Orange nach Rot vor Augen sehen. Und für solche müßte der Ausdruck “rötliches Grün” keine Schwierigkeit haben.
20v[1]
Die Psychologie beschreibt die Phänomene des Sehens. – Wem macht sie die Beschreibung? Welche Unwissenheit kann diese Beschreibung beheben?
20v[2]
Die Psychologie beschreibt, was beobachtet wurde.
20v[3]
Kann man dem Blinden beschreiben, wie das ist, wenn Einer sieht? – Doch. Ein Blinder lernt manches über den Unterschied des Blinden vom Sehenden. Aber die Frage ist schlecht gestellt; als wäre Sehen eine Tätigkeit & es gäbe von ihr eine Beschreibung.
21r[1]
Ich kann doch Farbenblindheit beobachten; warum also Sehen nicht? – Ich kann beobachten, welche Farburteile ein Farbenblinder – oder auch ein Normalsichtiger – unter gewissen Umständen fällt.
21r[2]
Man sagt manchmal (wenn auch mißverständlich) “Nur ich kann wissen, was ich sehe”. Aber nicht: “Nur ich kann wissen, ob ich farbenblind bin.” (Noch auch: “Nur ich kann wissen, ob ich sehe, oder blind bin.”)
21r[3] &
21v[1]
Die Aussage “Ich sehe einen roten Kreis” & die “Ich sehe (bin nicht blind)” sind logisch nicht gleichartig. Wie prüft man die Wahrheit der ersten, wie die Wahrheit der zweiten? Aber kann ich glauben zu sehen, & blind sein, oder glauben blind zu sein, & sehen?
21v[2]
Könnte in einem Lehrbuch der Psychologie der Satz stehen “Es gibt Menschen, welche sehen”? Wäre das falsch? Aber wem wird hier etwas mitgeteilt?
21v[3] &
22r[1]
Wie kann es unsinnig sein zu sagen “Es gibt Menschen, welche sehen”, wenn es nicht unsinnig ist zu sagen “Es gibt Menschen, welche blind sind”? Aber angenommen, ich hätte nie von der Existenz blinder Menschen gehört & eines Tages teilt man mir mit “Es gibt Menschen, welche nicht sehen”, müßte ich diesen Satz so ohne weiteres verstehen? Muß ich mir, wenn ich selber nicht blind bin, bewußt sein, daß ich die Fähigkeit des Sehens habe, & daß es also Leute geben kann, die sie nicht haben?
22r[2]
Wenn der Psychologe uns lehrt “Es gibt Menschen, welche sehen”, so können wir ihn fragen: “Und was nennst Du ‘Menschen, welche sehen’?” Darauf müßte die Antwort sein: Menschen, die unter den & den Umständen sich so & so benehmen.
22r[3] &
22v[1]
21.03.1951 Wie aber ist es Einem zu zeigen, daß wir nicht nur Wahrheiten über Sinnesdaten sondern auch solche über Dinge wissen? Denn es ist doch nicht genug, daß jemand uns versichert, er wisse dies. Wovon muß man denn ausgehen um das zu zeigen?
22v[2]
22.03.1951 Man muß zeigen daß, auch wenn er nie die Worte gebraucht “Ich weiß …”, sein Gebaren das zeigt, worauf es uns ankommt.
22v[3] &
23r[1]
Denn wie, wenn ein normal handelnder Mensch uns versicherte: er glaube nur, er heiße so & so, er glaube seine ständigen Hausgenossen zu erkennen, er glaube Hände & Füße zu haben, wenn er sie nicht gerade sieht, u.s.w. Können wir ihm aus seinen Handlungen (& Reden) zeigen, daß es nicht so ist?
23r[2]
23.03.1951 Welchen Grund habe ich jetzt, da ich meine Zehen nicht sehe, anzunehmen, daß ich fünf Zehen an jedem Fuß habe? Ist es richtig zu sagen, der Grund sei der, daß frühere Erfahrung mich immer das gelehrt hat? Bin ich früherer Erfahrung sicherer als dessen, daß ich zehn Zehen habe? Jene frühere Erfahrung mag wohl die Ursache meiner gegenwärtigen Sicherheit sein; aber ist sie ihr Grund?
23r[3] &
23v[1]
Ich treffe einen Marsbewohner & er fragt mich “Wieviel Zehen haben die Menschen?” – Ich sage: “Zehn. Ich will’s Dir zeigen” & ziehe meine Schuhe aus. Wenn er sich nun wundern, daß ich es mit solcher Sicherheit wußte, obwohl ich meine Zehen nicht gesehen hatte. – Sollte ich da sagen: “Wir Menschen wissen, daß wir soviel Zehen haben, ob wir sie sehen oder nicht”?
23v[2] &
24r[1]
26.03.1951 “Ich weiß, daß mein Zimmer auf dem zweiten Stock ist, daß hinter der Tür ein kurzer Gang zur Treppe führt, etc.” Es ließen sich Fälle denken, wo ich diese Äußerung machen würde, aber es wären recht seltene Fälle. Anderseits aber zeige ich dieses Wissen tagtäglich durch meine Handlungen & auch in meinen Reden. Was entnimmt nun der Andre aus diesen meinen Handlungen & Reden? Nicht nur, daß ich meiner Sache sicher bin? – Daraus, daß ich hier seit vielen Wochen gewohnt habe & täglich treppauf & ab gegangen bin, wird er entnehmen, daß ich weiß wo mein Zimmer gelegen ist. – Die Versicherung “Ich weiß …” werde ich gebrauchen, wenn er das noch nicht weiß, woraus er mein Wissen unbedingt schließen würde.
24r[2]
Die Äußerung “Ich weiß …” kann nur in Verbindung mit der übrigen Evidenz des ‘Wissens’ ihre Bedeutung haben.
24r[3] &
24v[1]
Wenn ich also jemandem sage “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, so ist es, wie wenn ich ihm sagte: “Das ist ein Baum; Du kannst Dich absolut drauf verlassen, es ist kein Zweifel.” Und das könnte der Philosoph nur dazu gebrauchen, um zu zeigen, daß man diese Form der Rede wirklich gebraucht. Wenn das aber nicht bloß eine Bemerkung der deutschen Grammatik sein soll, so muß er die Umstände angeben, in denen dieser Ausdruck funktioniert.
24v[2] &
25r[1]
Lehrt uns nun Erfahrung, daß Menschen unter den & den Umständen, das & das wissen?
Erfahrung zeigt uns gewiß, daß für gewöhnlich ein Mensch nach so & soviel Tagen sich in einem Haus, das er bewohnt, auskennt. Oder auch: Erfahrung lehrt uns, daß eines Menschen Urteil nach der & der Lehrdauer zu trauen ist. Er muß, erfahrungsgemäß, so & solang gelernt haben, um eine richtige Vorhersage machen zu können. Aber – – –.
25r[2]
27.03.1951 Man wird oft von einem Wort behext. Z.B. vom Wort “wissen”.
25r[3]
Ist Gott durch unser Wissen gebunden? Können manche unsrer Aussagen nicht falsch sein? Denn das ist es, was wir sagen wollen.
25r[4] &
25v[1]
Ich bin geneigt zu sagen: “Das kann nicht falsch sein”. Das ist interessant; aber welche Folgen hat es?
25v[2]
Es wäre nicht genug, zu versichern, ich wisse, was dort & dort vorgeht, – ohne Gründe anzugeben, die (den Andern) davon überzeugen, ich sei in der Lage es zu wissen.
25v[3]
Auch die Aussage “Ich weiß, daß hinter dieser Tür ein Gang & die Stiege in’s Erdgeschoß ist” klingt nur so überzeugend, weil Jeder weiß, daß ich’s weiß.
25v[4]
Es ist hier etwas Allgemeines; nicht nur etwas Persönliches.
26r[1]
Im Gerichtssaal würde die bloße Versicherung des Zeugen “Ich weiß …” niemand überzeugen. Es muß gezeigt werden daß der Zeuge in der Lage war zu wissen. Auch die Versicherung “Ich weiß, daß das eine Hand ist”, wobei man die eigene Hand ansieht, wäre nicht glaubhaft, wenn wir nicht wüßten, daß er seine eigene Hand ansieht. Und kennen wir sie, so scheint sie zu versichern, daß der Sprechende in dieser Beziehung normal ist.
26r[2] &
26v[1]
Könnte es denn nicht sein, daß ich mir einbildete, etwas zu wissen?
26v[2] &
27r[1]
Denke, es gäbe in einer Sprache kein Wort, das unserm “wissen” entspricht. – Sie sprechen einfach die Behauptung aus. “Das ist ein Baum” etc. Es kann natürlich vorkommen, daß sie sich irren. Und da fügen sie nun dem Satz ein Zeichen hinzu, das anzeigt für wie wahrscheinlich sie einen Irrtum halten – oder soll ich sagen: wie wahrscheinlich ein Irrtum in diesem Falle ist? Dies letztere kann man auch durch die Angabe gewisser Umstände anzeigen. Z.B. “A sagte dem B … Ich stand ganz nahe bei ihnen & meine Ohren sind gut.” oder “A war gestern dort & dort. Ich habe ihn von weitem gesehen. Meine Augen sind nicht sehr gut.” oder “Dort steht ein Baum. Ich sehe ihn deutlich & habe ihn unzählige male gesehen.”
27r[2]
“Der Zug geht um 2 Uhr. Prüf zur Sicherheit nocheinmal nach.” oder “Der Zug geht um 2 Uhr. Ich habe gerade in einem neuen Fahrplane nachgeschaut.” Man kann auch hinzufügen “Ich bin in solchen Sachen verläßlich.” Die Nützlichkeit solcher Zusätze ist offenbar.
27r[3] &
27v[1]
Wenn ich aber sage “Ich habe zwei Hände” – was kann ich hinzufügen um die Verläßlichkeit anzuzeigen? Höchstens, daß die Umstände die gewöhnlichen sind.
27v[2]
Warum bin ich denn so sicher, daß das meine Hand ist? Beruht nicht auf dieser Art Sicherheit das ganze Sprachspiel? Oder: Ist in dem Sprachspiel diese ‘Sicherheit’ nicht (schon) vorausgesetzt? Dadurch nämlich, daß der es nicht spielt, oder falsch spielt, der Gegenstände nicht erkennt.
27v[3] &
28r[1]
28.03.1951 Vergleiche damit 12 × 12 = 144. Auch hier sagen wir nicht “vielleicht”. Denn sofern dieser Satz darauf beruht, daß wir uns nicht verzählen oder verrechnen, daß uns unsre Sinne beim Rechnen nicht trügen, sind die beiden, der arithmetische & der physische Satz, auf der gleichen Stufe. Ich will sagen: Das arithmetische Spiel ist eben so wenig unsicher wie das physische. Aber das kann mißverstanden werden. Meine Bemerkung ist eine logische, nicht eine psychologische.
28r[2] &
28v[1]
Ich will sagen: Wenn man sich nicht darüber wundert, daß die arithmetischen Sätze (z.B. das Einmaleins) ‘absolut gewiß’ sind, warum soll man darüber erstaunt sein, daß der Satz “Dies ist meine Hand” es ebenso ist.
28v[2]
Es muß uns etwas als Grundlage gelehrt werden.
28v[3] &
29r[1]
Ich will sagen: Unser Lernen hat die Form “Das ist ein Veilchen”, “Das ist ein Tisch”. Das Kind könnte allerdings das Wort “Veilchen” zum erstenmal in dem Satz hören “Das ist vielleicht ein Veilchen”; dann aber könnte es fragen “Was ist ein Veilchen”. Nun könnte dies freilich dadurch beantwortet werden, daß man ihm ein Bild zeigt. Aber wie wäre es, wenn man nur beim Vorzeigen eines Bilds sagte “Das ist ein …”, sonst aber immer nur: “Das ist vielleicht ein …”? – Welche praktischen Folgen soll es haben? Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel.
29r[2]
Mein Einwurf gegen Moore, daß der Sinn des isolierten Satzes “Das ist ein Baum” unbestimmt sei, da nicht bestimmt ist, was das ‘Das’ ist, wovon man aussagt, es sei ein Baum, – gilt nicht; denn man kann den Sinn bestimmter machen, indem man z.B. sagt: “Der Gegenstand dort, der ausschaut wie ein Baum, ist nicht die künstliche Imitation eines Baumes, sondern ein wirklicher Baum.”
29r[3] &
29v[1]
Es wäre nicht vernünftig, zu zweifeln, ob das ein wirklicher Baum, oder … sei. Daß es mir (als) zweifellos erscheint, darauf kommt’s nicht an. Wenn es unvernünftig wäre, hier zu zweifeln, so kann das nicht aus meinen Dafürhalten ersehen werden. Es müßte also eine Regel geben, die den Zweifel hier für unvernünftig erklärt. Die aber gibt es auch nicht.
29v[2]
Ich sage allerdings: “Hier würde kein vernünftiger Mensch zweifeln.” – Könnte man sich denken, daß gelehrte Richter befragt würden, ob ein Zweifel vernünftig, oder unvernünftig sei?
29v[3] &
30r[1]
Es gibt Fälle, in denen der Zweifel unvernünftig ist, andre aber, in denen er logisch unmöglich scheint. Und zwischen ihnen scheint es keine klare Grenze zu geben.
30r[2]
29.03.1951 Das Sprachspiel beruht darauf, daß Wörter & Gegenstände wiedererkannt werden. Wir lernen mit der gleichen Bestimmtheit, daß dies ein Sessel ist, wie daß 2 × 2 = 4 ist.
30r[3]
Wenn ich also zweifle, oder unsicher bin darüber, daß das meine Hand ist (in welchem Sinne immer), warum dann nicht auch an der Bedeutung dieser Worte?
30r[4] &
30v[1]
Will ich also sagen, daß die Sicherheit im Wesen des Sprachspiels liegt?
30v[2]
Man zweifelt aus bestimmten Gründen. Es handelt sich darum: Wie wird der Zweifel in’s Sprachspiel eingeführt?
30v[3]
Wenn der Kaufmann jeden seiner Äpfel ohne Grund untersuchen wollte, um ja recht sicher zu gehen, warum muß er (dann) nicht die Untersuchung untersuchen? Und kann man nun hier von Glauben reden (ich meine, im Sinne von religiösem Glauben, nicht von Vermutung)? Alle psychologischen Wörter führen hier nur von der Hauptsache ab.
31r[1] &
31v[1]
Ich gehe zum Arzt, zeige ihm meine Hand & sage “Das ist eine Hand, nicht …; ich habe sie mir verletzt etc. etc.” Mache ich da nur eine überflüssige Mitteilung? Könnte man z.B. nicht sagen: Angenommen die Worte “Das ist meine Hand’ seien eine Mitteilung – wie konntest Du dann darauf rechnen, daß er die Mitteilung versteht? Ja, wenn es einem Zweifel unterliegt, ‘daß das eine Hand ist’, warum unterliegt da nicht auch einem Zweifel, daß ich ein Mensch bin, der dem Arzt dies mitteilt? – Anderseits kann man sich aber – wenn auch sehr seltsame – Fälle vor stellen wo so eine Erklärung nicht überflüssig ist, oder nur überflüssig aber nicht absurd ist.
31v[2] &
32r[1]
Angenommen, ich wäre der Arzt & ein Patient kommt zu mir, zeigt mir seine Hand & sagt: “Was hier wie eine Hand ausschaut, ist nicht eine ausgezeichnete Imitation, sondern wirklich eine Hand.” (Worauf er von seiner Verletzung redet.) – würde ich dies wirklich als eine Mitteilung, wenn auch eine überflüssige, ansehen? Würde ich es nicht vielmehr für Unsinn halten, der allerdings die Form einer Mitteilung hat? Denn, würde ich sagen, wenn diese Mitteilung wirklich Sinn hätte, wie kann er seiner Sache sicher sein? Es fehlt der Mitteilung der Hintergrund.
32r[2]
30.03.1951 Warum gibt Moore unter den Dingen, die er weiß, nicht z.B. an, es gebe in dem & dem Teil von England ein Dorf, das so & so heiße? Mit andern Worten: Warum erwähnt er nicht eine Tatsache, die ihm, & nicht jedem von uns bekannt ist?
32r[3]
31.03.1951 Gewiß ist doch, daß die Mitteilung “Das ist ein Baum”, wenn niemand daran zweifeln könnte, eine Art Witz sein könnte & als solcher Sinn hätte. Ein Witz dieser Art ist wirklich einmal von Renan gemacht worden.
32v[1]
03.04.1951 Meine Schwierigkeit läßt sich auch so demonstrieren: Ich sitze mit einem Freund im Gespräch. Plötzlich sage ich: “Ich habe schon die ganze Zeit gewußt, daß Du der N.N. bist.” Ist dies wirklich nur eine überflüssige, wenn auch wahre, Bemerkung? Es kommt mir vor, als wären diese Worte ähnlich einem “Grüßgott”, wenn man es mitten im Gespräch dem Andern sagte.
32v[2] &
33r[1]
Wie wäre es mit den Worten “Man weiß heute, daß es über … Arten von Insekten gibt”, statt der Worte “Ich weiß, daß das ein Baum ist”? Wenn Einer jenen Satz plötzlich außer allem Zusammenhang ausspräche, so könnte man meinen, er habe inzwischen an etwas anderes gedacht & spreche nun einen Satz seines Gedankenganges laut aus. Oder auch: er sei in einer Trance & rede ohne seine Worte zu verstehen.
33r[2]
Es scheint mir also, ich habe etwas schon die ganze Zeit gewußt, & doch habe es keinen Sinn dies zu sagen, diese Wahrheit auszusprechen!
33r[3] &
33v[1]
Ich sitze mit einem Philosophen im Garten; er sagt zu wiederholten Malen “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, wobei er auf einen Baum in unsrer Nähe zeigt. Ein Dritter kommt daher & hört das, & ich sage ihm: “Dieser Mensch ist nicht verrückt. Wir philosophieren nur.”
33v[2] &
34r[1]
04.04.1951 Jemand sagt irrelevant “Das ist ein Baum”. Er könnte den Satz sagen, weil er sich erinnert, ihn in einer ähnlichen Situation gehört zu haben; oder er wurde plötzlich von der Schönheit dieses Baumes getroffen & der Satz war ein Ausruf; oder er sagte sich den Satz als grammatisches Beispiel vor. (Etc.) Ich frage ihn nun: “Wie hast Du das gemeint?” & er antwortet: “Es war eine Mitteilung an Dich gerichtet.” Stünde mir da nicht frei anzunehmen er wisse nicht, was er sage, wenn er verrückt genug ist mir diese Mitteilung machen zu wollen?
34r[2]
Jemand sagt im Gespräch zu mir zusammenhangslos “Ich wünsch Dir alles Gute”. Ich bin erstaunt; aber später sehe ich ein, daß diese Worte in einem Zusammenhang mit seinen Gedanken über mich stehen. Und nun erscheinen sie mir nicht mehr sinnlos.
34r[3]
Warum ist kein Zweifel, daß ich L.W. heiße? Es scheint durchaus nichts, das man ohne weiteres zweifelsfrei feststellen könnte. Man sollte nicht meinen, daß das eine der unzweifelhaften Wahrheiten ist.
34r[4] &
34v[1]
05.04.1951 [Hier ist noch eine große Lücke in meinem Denken. Und ich zweifle, ob sie noch ausgefüllt werden wird.]
34v[2]
Es ist so schwer den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer beim Anfang anzufangen. Und nicht zu versuchen weiter zurück zu gehen.
34v[3]
Wenn das Kind die Sprache lernt, lernt es zugleich, was zu untersuchen, & was nicht zu untersuchen ist. Wenn es lernt, daß im Zimmer ein Schrank ist, so lehrt man es nicht zweifeln, ob, was es später sieht, noch immer ein Schrank, oder nur eine Art Kulisse ist.
34v[4] &
35r[1]
Wie man beim Schreiben eine bestimmte Grundform lernt & diese später dann variiert, so lernt man zuerst die Beständigkeit der Dinge als Norm, die dann Änderungen unterliegt.
35r[2]
Dieses Spiel bewährt sich. Das mag die Ursache sein, weshalb es gespielt wird, aber es ist nicht der Grund.
35r[3]
Ich will den Menschen hier als ein Tier betrachten. Als ein Wesen in einem primitiven Zustande. Denn welche Logik für ein primitives Verständigungsmittel genügt, deren brauchen wir uns auch nicht schämen. Die Sprache ist nicht aus einem Raisonnement entstanden.
35v[1]
06.04.1951 Das Kind lernt nicht, daß es Bücher gibt, daß es Sessel gibt, etc. etc., sondern es lernt Bücher holen, sich auf Sessel (zu) setzen, etc. Es kommen freilich später auch Fragen nach der Existenz auf: “Gibt es ein Einhorn?” u.s.w. Aber so eine Frage ist nur möglich, weil in der Regel keine ihm entsprechende auftritt. Denn wie weiß man, wie man sich von der Existenz des Einhorns zu überzeugen hat? Wie hat man die Methode gelernt, zu bestimmen, ob etwas existiere oder nicht?
35v[2] &
36r[1]
“So muß man also wissen, daß die Gegenstände existieren, deren Namen man durch eine hinweisende Erklärung einem Kind beibringt.” – Warum muß man’s wissen? Ist es nicht genug, daß Erfahrung später nicht das Gegenteil erweise? Warum soll denn das Sprachspiel auf einem Wissen ruhen?
36r[2]
07.04.1951 Glaubt das Kind, daß es Milch gibt? Oder weiß es, daß es Milch gibt? Weiß die Katze, daß es eine Maus gibt?
36r[3]
Sollen wir sagen, daß die Erkenntnis, es gebe physikalische Gegenstände, eine sehr frühe, oder eine sehr späte ist?
36r[4] &
36v[1]
08.04.1951 Das Kind, das das Wort “Baum” gebrauchen lernt. Man steht mit ihm vor einem Baum & sagt “Schöner Baum!”. Daß kein Zweifel an der Existenz des Baums in das Sprachspiel eintritt, ist klar. Aber kann man sagen, das Kind wisse: daß es einen Baum gibt? Es ist allerdings wahr, daß ‘etwas wissen’ nicht in sich beschließt: daran denken – aber muß nicht, wer etwas weiß, eines Zweifels fähig sein? Und zweifeln heißt denken.
36v[2] &
37r[1]
Wenn man M. sagen hört “Ich weiß, daß das ein Baum ist”, so versteht man plötzlich die, welche finden, das sei gar nicht ausgemacht. Die Sache kommt einem auf einmal unklar & verschwommen vor. Es ist als hätte M. das falsche Licht drauf fallen lassen. Es ist, als sähe ich ein Gemälde (vielleicht eine Bühnenmalerei) & erkenne von Weitem sofort & ohne den geringsten Zweifel, was es darstellt. Nun trete ich aber näher, & da sehe ich eine Menge Flecke verschiedener Farben, die alle höchst vieldeutig sind & durchaus keine Gewißheit geben.
37r[2]
Es ist als ob das “Ich weiß” keine metaphysische Betonung vertrüge.
37r[3] &
37v[1]
Richtige Verwendung des Wortes “Ich weiß”. Ein Schwachsichtiger fragt mich: “Glaubst Du, daß das, was wir dort sehen, ein Baum ist” – Ich antworte “Ich weiß es; ich sehe ihn genau & kenne ihn gut.” – A: “Ist N.N. zu Hause?” – Ich: “Ich glaube ja.” – A: “War er gestern zu Hause?” – Ich: “Gestern war er zu Hause, das weiß ich; ich habe mit ihm gesprochen.” –
A: “Weißt Du, oder glaubst Du nur, daß dieser Teil des Hauses neu dazugebaut ist?” – Ich: “Ich weiß es; ich habe mich beim … erkundigt.”
37v[2]
Hier sagt man also “Ich weiß” & gibt den Grund des Wissens an, oder man kann ihn doch angeben.
37v[3] &
38r[1]
Man kann sich auch einen Fall denken, in welchem Einer eine Liste von Sätzen durchgeht & sich dabei immer wieder fragt “Weiß ich das, oder glaube ich es nur”. Er will die Sicherheit jedes einzelnen Satzes überprüfen. Es könnte sich um eine Zeugenaussage vor Gericht handeln.
38r[2]
09.04.1951 “Weißt Du, oder glaubst Du nur, daß Du L.W. heißt?” Ist das eine sinnvolle Frage? Weißt Du, oder glaubst Du nur, daß, was Du hier hinschreibst, deutsche Worte sind? Glaubst Du nur, daß “glauben” diese Bedeutung hat? Welche Bedeutung?
38r[3]
Was ist der Beweis dafür, daß ich etwas weiß. Doch gewiß nicht, daß ich sage, ich wisse es.
38r[4] &
38v[1]
Wenn also Autoren aufzählen was sie alles wissen, so beweist das gar nichts. Daß man also etwas über physikalische Dinge wissen kann, kann nicht durch die Beteuerungen derer erwiesen werden, die es zu wissen glauben.
38v[2]
Denn was antwortet man dem, der sagt: “Ich glaube, es kommt Dir nur so vor, als wüßtest Du’s.”
38v[3] &
39r[1]
Wenn ich nun frage “Weiß ich, oder glaube ich nur, daß ich … heiße?” so nützt es nichts, daß ich in mich hinein sehe. Ich könnte aber sagen: Nicht nur zweifle ich nie im mindesten, daß ich so heiße, sondern ich könnte keines Urteils sicher sein, wenn sich darüber ein Zweifel erhöbe.
39r[2]
10.04.1951 “Weiß ich, oder glaub ich nur, daß ich L.W. heiße?” – Wenn die Frage hieße “Bin ich sicher, oder vermute ich nur, daß ich …?”, so könnte ich mich auf meine Antwort verlassen. –
39r[3] &
39v[1]
“Weiß ich, oder glaube ich nur, …?” könnte man auch so ausdrücken: Wie, wenn es sich herauszustellen schiene, daß, was mir bisher dem Zweifel nicht zugänglich schien, falsch ist? Würde ich da reagieren, wie wenn ein Glauben sich als falsch erwiesen hat; oder würde das den Boden meines Urteilens auszuschlagen scheinen? – Aber ich will hier natürlich nicht eine Prophezeiung. Würde ich einfach sagen “Das hätte ich nie gedacht!” – oder aber mich weigern (müssen) mein Urteil zu revidieren, weil nämlich eine solche ‘revision’ einer Vernichtung aller Maßstäbe gleichkäme?
39v[2]
Ist es also so, daß ich gewisse Autoritäten anerkennen muß, um überhaupt urteilen zu können.
39v[3]
“An diesem Satz kann ich nicht zweifeln, ohne alles Urteilen aufzugeben.”
40r[1]
Aber was für ein Satz ist das?
(Er erinnert an das, was Frege über das Gesetz der Identität gesagt hat.) Er ist sicher kein Erfahrungssatz. Er gehört nicht in die Psychologie. Er hat eher den Charakter einer Regel.
40r[2]
Man könnte Einem, der gegen die gewissen Sätze Einwände machen wollte, einfach sagen “Ach Unsinn!”. Also nicht ihm antworten, sondern ihn zurechtweisen.
40r[3]
Es ist hier ein ähnlicher Fall wie, wenn man zeigt, daß es keinen Sinn hat zu sagen, ein Spiel sei immer falsch gespielt worden.
40r[4] &
40v[1]
Wenn Einer Zweifel in mir aufrufen wollte & spräche: da täuscht Dich Dein Gedächtnis, dort bist Du betrogen worden, dort wieder hast Du Dich nicht gründlich genug überzeugt, etc., & ich ließe mich nicht erschüttern & bliebe bei meiner Gewißheit, – dann kann das schon darum nicht falsch sein, weil es (erst) ein Spiel definiert.
40v[2]
11.04.1951 Das Seltsame ist, daß, wenn schon ich es ganz richtig finde, daß Einer den Versuch, ihn mit Zweifeln in dem Fundamente irre zu machen, mit dem Wort “Unsinn!” abweist, ich es für unrichtig halte, wenn er sich verteidigen will, wobei er etwa die Worte “Ich weiß” gebraucht.
41r[1]
Ich könnte auch so sagen: Das ‘Gesetz der Induktion’ läßt sich ebenso wenig begründen, als gewisse partikuläre Sätze das Erfahrungsmaterial betreffend.
41r[2]
Aber es schiene mir auch Unsinn zu sein, zu sagen “Ich weiß, daß das Gesetz der Induktion wahr ist”. Denk Dir so eine Aussage in einem Gerichtshof gemacht! Richtiger wäre noch “Ich glaube an das Gesetz …”, wo ‘glauben’ nichts mit vermuten zu tun hat.
41r[3] &
41v[1]
Komme ich nicht immer mehr & mehr dahin, zu sagen, daß die Logik sich am Schluß nicht beschreiben lasse.? Du mußt die Praxis der Sprache ansehn, dann siehst Du sie.
41v[2]
Könnte man sagen “Ich weiß mit geschlossenen Augen die Lage meiner Hände”, wenn meine Angabe immer oder meistens dem Zeugnis der Andern widerspräche?
41v[3] &
42r[1]
Ich schaue einen Gegenstand an & sage “Das ist ein Baum” oder “Ich weiß, daß das …” – Gehe ich nun in die Nähe & es stellt sich anders heraus, so kann ich sagen “Es war doch kein Baum”; oder ich sage “Es war ein Baum, ist es aber jetzt nicht mehr”. Wenn nun aber alle Andern mit mir in Widerspruch wären & sagten, es wäre nie ein Baum gewesen, & wenn alle andern Zeugnisse gegen mich sprächen – was nützte mir dann noch auf meinem “Ich weiß …” zu beharren?
42r[2]
Ob ich etwas weiß, hängt davon ab, ob die Evidenz mir recht gibt, oder mir widerspricht. Denn zu sagen, man wisse, daß man Schmerzen habe, heißt nichts.
42r[3]
Es ist immer von Gnaden der Natur, wenn man etwas weiß.
42r[4] &
42v[1]
Wenn mich mein Gedächtnis hier täuscht, so kann es mich überall täuschen. Wenn ich das nicht weiß, wie weiß ich dann, ob meine Worte das bedeuten, was ich glaube, daß sie bedeuten?
42v[2]
“Wenn mich dies täuscht, was bedeutet “täuschen” dann noch?”
42v[3]
Worauf kann ich mich verlassen?
42v[4]
Ich will eigentlich sagen, daß ein Sprachspiel nur möglich ist, wenn man sich auf etwas verläßt. (Ich habe nicht gesagt “auf etwas verlassen kann”.)
42v[5] &
43r[1]
Wenn ich sage “Ich weiß, daß das ein Handtuch ist”, so mache ich eine Äußerung. Ich denke nicht an eine Verifikation. Es ist für mich eine unmittelbare Äußerung. Ich denke nicht an Vergangenheit oder Zukunft. (Und so geht es natürlich auch Moore.) Ganz so, wie ein unmittelbares Zugreifen; wie ich ohne zu zweifeln nach dem Handtuch greife.
43r[2]
Aber dieses unmittelbare Zugreifen entspricht doch einer Sicherheit, keinem Wissen. Aber greif ich so nicht auch zum Namen eines Dinges?
43r[3] &
43v[1]
12.04.1951 Die Frage ist doch die: “Wie, wenn Du auch in diesen fundamentalsten Dingen Deine Anschauung ändern müßtest?” Und darauf scheint mir die Antwort zu sein: “Du mußt sie nicht ändern. Gerade darin liegt es, daß sie ‘fundamental’ sind.”
43v[2]
Wie, wenn etwas wirklich unerhörtes geschähe? Wenn ich etwa sähe, wie Häuser sich nach & nach ohne offenbare Ursache in Dampf verwandelten; wenn das Vieh auf der Wiese auf den Köpfen stünde, lachte & verständliche Worte redete; wenn Bäume sich nach & nach in Menschen, & Menschen in Bäume verwandelten. Hatte ich nun recht, als ich vor allen diesen Geschehnissen sagte “Ich weiß, daß das ein Haus ist” etc., oder einfach “Das ist ein Haus” etc.?
43v[3] &
44r[1]
Diese Aussage erschien mir als fundamental; wenn das falsch ist, was ist noch ‘wahr’ & ‘falsch’?!
44r[2]
Wenn mein Name nicht L.W. ist, wie kann ich mich darauf verlassen, was unter “wahr” & “falsch” zu verstehen ist?
44r[3]
Wenn etwas geschähe (wenn z.B. jemand mir etwas sagte), was dazu angetan wäre mir Zweifel daran zu erwecken, so gäbe es gewiß auch etwas, was die Gründe solcher Zweifel selbst zweifelhaft erscheinen ließe, & ich könnte mich also dafür entscheiden meinen alten Glauben beizubehalten.
44v[1]
Wäre es aber nicht möglich, daß etwas geschähe, was mich ganz aus dem Geleise würfe? Evidenz, die mir das Sicherste unannehmbar machte? oder doch bewirkte, daß ich meine fundamentalsten Urteile umstoße? (Ob mit Recht oder mit Unrecht ist hier ganz gleich.)
44v[2]
Könnte ich mir denken, daß ich dies in einem andern Menschen beobachtete?
44v[3] &
45r[1] &
45v[1]
Wenn Du einen Befehl befolgst “Bring mir ein Buch”, so ist es allerdings möglich, daß Du untersuchen mußt ob, was Du dort siehst, wirklich ein Buch ist, aber Du weißt dann doch, was man unter “Buch” versteht; & weißt Du das nicht, so kannst Du etwa nachschlagen, – aber dann mußt Du doch wissen, was ein anderes Wort bedeutet. Und, daß ein Wort das & das bedeutet, so & so gebraucht wird, ist eine Tatsache von eben der Art wie, daß, was Du dort siehst, ein Buch ist. Um also einen Befehl befolgen zu können, mußt Du über eine Erfahrungstatsache außer Zweifel sein. Ja der Zweifel beruht nur auf dem, was außer Zweifel ist. Da aber ein Sprachspiel etwas ist, was in wiederholten Spielhandlungen in der Zeit besteht, so scheint es, man könne in keinem einzelnen Falle sagen, das & das müsse außer Zweifel stehen, wenn es ein Sprachspiel geben solle, wohl aber, daß, in der Regel, irgendwelche Erfahrungsurteile außer Zweifel stehen müssen.
45v[2] &
46r[1]
13.04.1951 Moore hat ein gutes Recht zu sagen, er wisse, daß vor ihm ein Baum steht. Natürlich kann er sich darin irren. (Denn es ist ja hier nicht wie mit der Äußerung “Ich glaube, dort steht ein Baum”.) Aber, ob er in diesem Fall recht hat, oder sich irrt, ist philosophisch nicht von Belang. Wenn M. die bekämpft, die sagen, so etwas könne man nicht eigentlich wissen, so kann er es nicht tun, indem er versichert: er wisse das & das. Denn das braucht man ihm nicht zu glauben. Hätten seine Gegner behauptet, man könne das & das nicht glauben, dann hätte er ihnen antworten können “Ich glaube es”.
46r[2]
14.04.1951 Moores Fehler liegt darin, auf die Behauptung, man könne das nicht wissen, zu antworten “Ich weiß es”.
46r[3] &
46v[1]
Wir sagen: wenn das Kind die Sprache – & also ihre Anwendung – beherrscht, muß es die Bedeutungen der Worte wissen. Es muß z.B. einem weißen, schwarzen, roten, blauen Dinge seinen Farbnamen, in der Abwesenheit jedes Zweifels, beilegen können.
46v[2]
Ja, hier vermißt auch niemand den Zweifel; wundert sich niemand, daß wir die Bedeutung der Worte nicht nur vermuten.
46v[3] &
47r[1]
“Kann man wissen, was in dem Andern vorgeht, wie er selbst es weiß?” – Wie weiß er es denn? Er kann sein Gefühl (z.B.) ausdrücken. Ein Zweifel für ihn, ob er wirklich dies Erlebnis habe – analog dem Zweifel, ob er wirklich die & die Krankheit habe – tritt in das Spiel nicht ein; & darum ist es falsch zu sagen, er wisse, was er erlebe. Der Andre aber kann sehr wohl zweifeln, ob Jener dies Erlebnis habe. Der Zweifel tritt also in’s Spiel ein, aber eben darum ist es auch möglich daß völlige Sicherheit besteht.
47r[2]
Muß ich weniger sicher sein, daß Einer Schmerzen leide, als daß 12 × 12 = 144 ist?
47r[3]
Und doch sagt man manchmal, das könne man nicht wissen. Nun, vor allem, man kann es nicht beweisen. D.h., es gibt hier so etwas wie einen Beweis, der sich auf (allgemein) anerkannte Prinzipien stützt, nicht.
47v[1]
Aber das, was in ihm ist, wie kann ich es sehen? Es ist zwischen seinem Erlebnis & mir immer der Ausdruck! Hier ist das Bild: Er sieht’s direkt, ich indirekt. Aber das ist falsch. Er sieht nicht etwas & beschreibt es.
47v[2]
Wenn ‘etwas in ihm vorgeht’, so seh ich’s freilich nicht, aber wer weiß, ob er selbst es sieht. – – –
47v[3] &
48r[1]
Sehe ich nicht wirklich oft, was in ihm vorgeht? – “Ja, aber nicht so wie er selbst es wahrnimmt. Ich sehe, daß er Schmerzen hat, aber fühle doch dabei keine Schmerzen. Und wenn ich welche fühlte, wären’s nicht die seinen.” Das heißt nichts. Anderseits wäre es denkbar, es ließe sich mit einem Andern eine Verbindung herstellen, durch die ich denselben Schmerz (d.h. die gleiche Art des Schmerzes) empfände, & an der gleichen Stelle, wie der Andre. Aber daß das der Fall ist, müßte man durch den Schmerzausdruck der beiden feststellen.
48r[2] &
48v[1] &
49r[1]
Und wenn sich diese Art, den Schmerz des Andern kennen zu lernen, bewährt hätte, wäre es denkbar, daß man sie, dem Schmerzausdruck eines Menschen entgegen anwendete, also seiner Äußerung mißtraute, wenn sie mit jener Probe im Widerspruch stünde. Und nun kann man sich doch auch denken, daß es Menschen gibt, die sich ursprünglich nach jener Methode richten, & das “Schmerz” nennen, was durch sie ermittelt wird. Dann wird ihr Begriff ‘Schmerz’ dem unsern verwandt, aber von ihm verschieden sein. (Es kommt aber natürlich nicht darauf an, ob sie diesen ihren Begriff mit dem gleichen Wort benennen, wie wir den verwandten, sondern nur darauf, daß er in ihrem Leben das Analogon zu unserm Schmerzbegriff ist.
49r[2]
Diesem Analogon unseres Begriffes fehlte dann jene Unsicherheit der Evidenz des unsern. In diesem Punkte wären sich unsre Begriffe nicht ähnlich.
49r[3]
(Nennen wir jenen analogen Begriff “Schmerz”, so können diese Leute glauben daß sie Schmerzen haben & auch daran zweifeln. Sollte aber jemand sagen: “Nun dann besteht eben wesentlich keine Ähnlichkeit zwischen den Begriffen” – dann können wir entgegnen: Es gibt hier ungeheure Unterschiede, aber auch große Ähnlichkeiten.)
49v[1]
Man könnte sich denken daß zur Feststellung, ob Einer ‘Schmerzen’ habe eine Art Fieberthermometer verwendet wird. Schreit ein Mensch oder stöhnt er, so legen sie ihm das Thermometer ein, & erst wenn dies den & den Ausschlag zeigt, fangen sie an den Leidenden zu bedauern & ihn zu behandeln wie wir den, der ‘offenbar Schmerzen hat’.
49v[2]
Hängt unsere Logik des Schmerzbegriffes mit dem tatsächlichen Fehlen gewisser physischer Möglichkeiten des Gedanken- & Gefühllesens zusammen? – Wenn das eine Frage der Kausalität ist, – wie kann ich sie beantworten?
50r[1]
Die Frage könnte eigentlich so gestellt werden: Wie hängt, was uns wichtig ist, von dem ab, was physisch möglich ist?
50r[2]
Wenn uns das Messen nicht wichtig ist, dann messen wir nicht, auch wenn wir’s können.
50r[3] &
50v[1] &
51r[1] &
51v[1]
15.04.1951 “Ist die Unmöglichkeit zu wissen, was im Andern vorgeht eine physische oder eine logische? Und wenn beides, – wie hängen sie zusammen?” Vorerst: es ließen sich Möglichkeiten der Erforschung des Andern denken, die in Wirklichkeit nicht bestehen. Also gibt es eine physische Unmöglichkeit. Die logische Unmöglichkeit liegt in dem Fehlen exakter Regeln der Evidenz. (Daher drücken wir uns manchmal so aus: “Wir können uns immer irren; wir können nie sicher sein; was wir beobachten, kann immer noch Verstellung sein.” Obgleich Verstellung nur eine von vielen möglichen Ursachen eines falschen Urteils ist.) – Wir können uns eine Arithmetik vorstellen, in der Aufgaben mit kleinen Zahlen mit Sicherheit gelöst werden können, die Resultate aber umso unsicherer werden, je größer die Zahlen sind. So daß die Leute, die diese Rechenkunst besitzen, erklären, man könne des Produktes zweier großen Zahlen nie ganz sicher sein & es ließe sich auch keine Grenze angeben zwischen kleinen & großen Zahlen. Aber es ist natürlich nicht wahr, daß wir der seelischen Vorgänge im Andern nie sicher sind. Wir sind es in unzähligen Fällen. Und es bleibt nun die Frage, ob wir unser Sprachspiel, das auf ‘unwägbarer Evidenz’ beruht & oft zu Unsicherheit führt, aufgeben würden, wenn wir die Möglichkeit hätten, es mit einem exaktern zu vertauschen, das im großen & ganzen ähnliche Folgen hätte. Wir könnten – z.B. – mit einem mechanischen “Lügen-Detektor” arbeiten & eine Lüge neu definieren, als dasjenige was einen Ausschlag des Lügen-Detektors erzeugt. Die Frage ist also: Würden wir unsre Lebensform ändern, wenn uns das & das zur Verfügung gestellt würde? – Und wie könnte ich die beantworten?
51v[2] &
52r[1] &
52v[1] &
53r[1]
Ist es für unsre Sprachspiele (‘Befehlen & Gehorchen’, z.B.) wesentlich, daß ein Zweifel an gewissen Stellen nicht eintritt, oder genügt es wenn das Gefühl der Sicherheit besteht, wenn auch mit einem leichten Anhauch des Zweifels? Genügt es also, wenn ich zwar nicht wie jetzt, ohne weiteres, ohne die Dazwischenkunft irgend eines Zweifels, etwas ‘schwarz’, ‘grün’, ‘rot’ nenne, – aber statt dessen doch sage “Ich bin sicher, daß das rot ist”, wie man etwa sagt “Ich bin sicher, daß er heute kommen wird” (also mit dem ‘Gefühl der Sicherheit’)? Das begleitende Gefühl ist uns natürlich gleichgültig, & ebensowenig brauchen wir uns um die Worte “Ich bin sicher, daß” bekümmern. – Wichtig ist, ob ein Unterschied in der Praxis der Sprache damit zusammengeht. Man könnte fragen, ob er überall dort, wo wir, z.B., mit Sicherheit einen Bericht aussprechen, (bei einem Versuch z.B. schauen wir in eine Röhre & melden die Farbe, die wir durch sie beobachten), ob er bei dieser Gelegenheit sagt “Ich bin sicher”. Tut er dies, so wird man zuerst geneigt sein seine Angabe zu überprüfen. Zeigt sich aber, daß er ganz zuverlässig ist, so wird man erklären, seine Redeweise sei nur eine Verschrobenheit, die die Sache nicht berührt. Man könnte z.B. annehmen, daß er skeptische Philosophen gelesen habe, überzeugt worden sei, man könne nichts wissen, & darum diese Redeweise angenommen habe. Wenn wir erst einmal an sie gewöhnt sind, so tut sie der Praxis keinen Eintrag.
53r[2]
Wie sieht also der Fall aus, wo Einer wirklich zu den Farbnamen, z.B., eine andere Beziehung hat als wir? Wo nämlich ein leiser Zweifel, oder die Möglichkeit eines Zweifels, in ihrem Gebrauch besteht.
53r[3] &
53v[1]
16.04.1951 Wer beim Anblick eines englischen Postkastens sagte: “Ich bin sicher, er ist rot”, den müßten wir für farbenblind halten, oder glauben, er beherrsche das Deutsche nicht & wüßte den richtigen Farbnamen in einer andern Sprache. Wäre keines von beiden der Fall, so würden wir ihn nicht recht verstehen.
53v[2]
Ein Deutscher, der diese Farbe “rot” nennt, ist nicht: ‘sicher sie heiße im Deutschen “rot”’. Das Kind, welches die Verwendung des Wortes beherrscht, ist nicht ‘sicher, diese Farbe heiße in seiner Sprache so’. Man kann auch nicht von ihm sagen, es lerne, wenn es sprechen lernt, daß die Farbe auf Deutsch so heißt; oder auch: es wisse dies, wenn es den Gebrauch des Worts erlernt hat.
53v[3] &
54r[1]
Und dennoch: wenn jemand mich fragte, wie die Farbe auf Deutsch heiße, & ich sag es ihm, & er fragt mich “Bist Du sicher”: so werde ich antworten: “Ich weiß es; Deutsch ist meine Muttersprache”.
54r[2]
Auch wird z.B. ein Kind vom andern sagen, oder von sich selbst, es wisse schon, wie das & das heißt.
54r[3]
Ich kann jemandem sagen “Diese Farbe heißt auf Deutsch ‘rot’” (wenn ich ihn z.B. im Deutschen unterrichte). Ich würde in diesem Falle nicht sagen “Ich weiß, daß diese Farbe …” – das würde ich etwa sagen, wenn ich es soeben selbst gelernt hätte, oder im Gegensatz zu einer andern Farbe, deren deutschen Namen ich nicht kenne.
54v[1]
Ist es nun aber nicht richtig, meinen gegenwärtigen Zustand so zu beschreiben: ich wisse, wie diese Farbe auf Deutsch heißt? Und wenn das richtig ist, warum soll ich dann nicht meinen Zustand mit den entsprechenden Worten “Ich weiß etc.” beschreiben.
54v[2]
Moore also, wenn er, vor dem Baume sitzend, sagte “Ich weiß, daß das ein …”, sprach einfach die Wahrheit über seinen damaligen Zustand aus.
54v[3] &
55r[1]
[Ich philosophiere jetzt, wie eine alte Frau, die fortwährend etwas verlegt & es wieder suchen muß; einmal die Brille, einmal den Schlüsselbund –]
55r[2]
Nun, wenn es richtig war, außer dem Zusammenhange seinen Zustand zu beschreiben, dann war es auch richtig außer dem Zusammenhange die Worte “Das ist ein Baum” auszusprechen.
55r[3] &
55v[1]
Ist es aber falsch zu sagen: “Das Kind, welches ein Sprachspiel beherrscht, muß Gewisses wissen”? Wenn man statt dessen sagte “muß Gewisses können” so wäre das ein Pleonasmus, & doch ist es gerade das, welches ich auf den ersten Satz erwidern möchte. – Aber: “Das Kind erwirbt sich ein Naturgeschichtliches Wissen.” Das setzt voraus, daß das Kind fragen könne, wie die & die Pflanze heißt.
55v[2]
Man kann sich nicht beurteilen, wenn man sich in den Kategorien nicht auskennt. (Freges Schreibart ist manchmal groß; Freud schreibt ausgezeichnet, & es ist ein Vergnügen, ihn zu lesen, aber er ist nie groß in seinem Schreiben.)
55v[3]
Das Kind weiß, wie etwas heißt, wenn es auf die Frage “Wie heißt das” richtig antworten kann.
55v[4] &
56r[1]
Das Kind, welches anfängt die Sprache zu lernen, hat natürlich den Begriff des Heißens noch gar nicht.
56r[2]
Kann man von Einem, der diesen Begriff nicht besitzt, sagen, er wisse, wie das & das heiße?
56r[3]
Das Kind, möchte ich sagen, lernt so & so reagieren; & wenn es das nun tut, so weiß es damit noch nichts. Das Wissen beginnt erst auf einer spätern Stufe.
56r[4]
Ist es mit dem Wissen wie mit dem Sammeln?
56v[1]
Ein Hund könnte lernen auf den Ruf “N” zu N zu laufen & auf den Ruf “M” zu “M”, – wüßte er aber darum , wie die Leute heißen?
56v[2]
“Er weiß erst, wie Dieser heißt, noch nicht wie Jener heißt.” Das kann man streng genommen nicht von Einem sagen, der den Begriff davon noch gar nicht hat, daß Menschen Namen haben.
56v[3]
“Ich kann diese Blume nicht beschreiben, wenn ich nicht weiß, daß diese Farbe ‘rot’ heißt.”
56v[4] &
57r[1]
Das Kind kann die Namen von Personen gebrauchen, lang ehe es in irgend einer Form sagen kann: “Ich weiß, wie Dieser heißt; ich weiß noch nicht, wie Jener heißt”.
57r[2]
Ich kann freilich wahrheitsgemäß sagen “Ich weiß, wie diese Farbe auf Deutsch heißt”, indem ich z.B. auf die Farbe des frischen Blutes deute. Aber – – –
57r[3]
17.04.1951 ‘Das Kind weiß, welche Farbe das Wort “blau” bedeutet.’ Was es da weiß, ist gar nicht so einfach.
57r[4]
“Ich weiß, wie diese Farbe heißt” würde ich z.B. sagen, wenn es sich um Farbtöne handelt, deren Namen nicht Jeder kennt.
57r[5] &
57v[1]
Man kann einem Kind, das grade erst anfängt zu sprechen & die Wörter “rot” & “blau” gebrauchen kann noch nicht sagen: “Nicht wahr, Du weißt, wie diese Farbe heißt”.
57v[2]
Das Kind muß die Verwendung von Farbnamen lernen, ehe es nach dem Namen einer Farbe fragen kann.
57v[3]
Es wäre falsch zu sagen, ich könne nur dann sagen “Ich weiß, daß dort ein Sessel steht”, wenn ein Sessel dort steht. Freilich ist es nur dann wahr, aber ich habe ein Recht es zu sagen wenn ich sicher bin, es stehe einer dort, auch wenn ich unrecht habe.
58r[1]
18.04.1951 Die Prätentionen sind eine Hypothek die die Denkkraft des Philosophen belastet.
58r[2]
Wenn Einer etwas glaubt, so muß man nicht immer die Frage beantworten können, ‘warum er es glaubt’; weiß er aber etwas, so muß die Frage “Wie weiß er es” beantwortet werden können.
58r[3]
Und beantwortet man diese Frage, so muß es nach allgemein anerkannten Grundsätzen geschehen. So weiß man soetwas.
58r[4] &
58v[1]
Weiß ich, daß ich jetzt in einem Sessel sitze? – Weiß ich es nicht?! Es wird niemand, unter den gegenwärtigen Umständen, sagen, ich wisse das; aber ebensowenig z.B., ich sei bei Bewußtsein. Man wird das auch gewöhnlich nicht von den Passanten auf der Straße sagen. Aber wenn man’s nun auch nicht sagt, ist es darum nicht so??
58v[2] &
59r[1]
Es ist seltsam: Wenn ich, ohne besondern Anlaß, sage “Ich weiß”, z.B. “Ich weiß, daß ich jetzt auf einem Sessel sitze”, so erscheint mir der Satz ungerechtfertigt & anmaßend. Mache ich aber die gleiche Aussage, wo ein Bedürfnis nach ihr vorhanden ist, so erscheint sie mir nun, obgleich ich ihrer Wahrheit nicht um ein Haar sicherer bin, als vollkommen gerechtfertigt & alltäglich.
59r[2]
In ihrem Sprachspiel ist sie nicht anmaßend. Sie steht dort nicht höher als eben das menschliche Sprachspiel: Denn sie hat ihre (sehr) besondre Anwendung. Wie ich aber den Satz außerhalb seinem Zusammenhang sage, so erscheint er in einem falschen Lichte. Denn dann ist es, als wollte ich versichern, daß es Dinge gibt, die ich weiß. Worüber Gott selber mir nichts erzählen könnte.
59v[1] &
60r[1]
19.04.1951 Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser kocht, wenn es an’s Feuer gestellt wird. Wie wissen wir’s? Erfahrung hat es uns gelehrt. – Ich sage “Ich weiß, daß ich heute früh gefrühstückt habe”, Erfahrung hat mich das nicht gelehrt. Man sagt auch “Ich weiß, daß er Schmerzen hat”. Jedesmal ist das Sprachspiel anders, jedesmal sind wir sicher, & jedesmal wird man mit uns übereinstimmen, daß wir in der Lage sind zu wissen. Daher finden sich ja auch die Lehrsätze der Physik in Lehrbüchern für jedermann. Wenn jemand sagt, er wisse etwas, so muß es etwas sein, was er, dem allgemeinen Urteil nach, in der Lage ist zu wissen.
60r[2]
Man sagt nicht: Er ist in der Lage, das zu glauben. Wohl aber: “Es ist: vernünftig in dieser Lage das anzunehmen” (oder “zu glauben”).
60r[3]
Ein Kriegsgericht mag zu beurteilen haben, ob es in dieser Lage vernünftig war, das & das mit Sicherheit (wenn auch fälschlich) anzunehmen.
60r[4] &
60v[1]
Wir sagen, wir wissen, daß das Wasser unter den & den Umständen kocht & nicht gefriert. Ist es denkbar, daß wir uns darin irren? Würde nicht ein Irrtum alles Urteil mit sich reißen? Ich meine: Was könnte aufrecht stehen, wenn das fiele? Könnte Einer etwas finden, & wir nun sagen: “Es war ein Irrtum”? Was immer in Zukunft geschehen mag, wie immer sich Wasser in Zukunft verhalten mag, – wir wissen, daß es sich bis jetzt in unzähligen Fällen so verhalten hat. Diese Tatsache ist in die Grundlagen unseres Sprachspiels eingeschmolzen.
60v[2] &
61r[1]
Du mußt bedenken, daß das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist. Ich meine: Es ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig). Es steht da – wie unser Leben.
61r[2]
Und der Begriff des Wissens ist mit dem des Sprachspiels verkuppelt.
61r[3]
“Ich weiß” & “Du kannst Dich drauf verlassen”. Aber man kann nicht immer für das erste das zweite setzen.
61r[4]
Immerhin ist es wichtig, sich eine Sprache vorzustellen, in der es unsern Begriff ‘wissen’ nicht gibt.
61r[5] &
61v[1] &
62r[1]
Man sagt “Ich weiß, daß er Schmerzen hat”, obwohl man keinen überzeugenden Grund dafür angeben kann. – Ist das dasselbe wie “Ich bin sicher, daß er …”? – Nein. “Ich bin sicher” gibt Dir die subjektive Sicherheit. “Ich weiß” heißt, daß zwischen mir, der es weiß, & dem, der’s nicht weiß, ein Unterschied des Verständnisses liegt. (Etwa gegründet auf einen Unterschied des Grads der Erfahrung.) Sage ich in der Mathematik “Ich weiß”, so ist die Rechtfertigung dafür ein Beweis. Wenn man in diesen beiden Fällen statt “Ich weiß” “Du kannst Dich drauf verlassen” sagt, so ist die Begründung jedesmal von andrer Art. Und die Begründung hat ein Ende.
62r[2]
Ein Sprachspiel: Bringen der Bausteine, Melden der Anzahl vorhandener Steine. Manchmal wird die Anzahl geschätzt, manchmal durch Zählen festgestellt. Es kommt dann die Frage vor “Glaubst Du, es sind soviele Steine” & die Antwort “Ich weiß es, ich hab sie gerade gezählt”. Aber hier könnte das “Ich weiß” wegbleiben. Wenn es aber mehrere Arten der sichern Konstatierung gibt, wie zählen, wägen, messen des Stoßes, etc., dann kann statt der Angabe, wie man’s weiß, die Aussage “Ich weiß” treten.
62v[1]
Aber hier ist von einem ‘Wissen’, daß dies “Platte”, dies “Säule”, etc., heißt, noch gar nicht die Rede.
62v[2] &
63r[1]
Ja, das Kind das mein Sprachspiel (№ 2) lernt, lernt nicht sagen “Ich weiß, daß dies ‘Platte heißt”. Es gibt nun freilich ein Sprachspiel in welchem das Kind diesen Satz gebraucht. Dies setzt voraus, daß das Kind, sowie ihm der Name gegeben ist, ihn auch schon gebrauchen kann. Wie wenn mir jemand sagte “Diese Farbe heißt ‘ …’” – Wenn also das Kind ein Sprachspiel mit Bausteinen gelernt hat, so kann man ihm nun etwa sagen “Und dieser Stein heißt ‘ …’”, & man hat dadurch das ursprüngliche Sprachspiel erweitert.
63r[2]
Und ist nun das Wissen, daß ich L. W. heiße, von der gleichen Art wie das, daß Wasser bei 100˚ C siedet? Diese Frage ist natürlich falsch gestellt.
63r[3]
Wenn einer meiner Namen nur ganz selten gebraucht würde, so könnte es sein, daß ich ihn nicht wüßte. Daß ich meinen Namen weiß, ist nur darum selbstverständlich, weil ich ihn, wie jeder Andre, unzählige Male verwende.
63r[4] &
63v[1]
Ein innres Erlebnis kann es mir nicht zeigen, daß ich etwas weiß. Wenn ich daher trotzdem sage “Ich weiß, daß ich … heiße” & es doch offenbar nicht ein Erfahrungssatz ist, – – –
63v[2]
“Ich weiß, daß ich so heiße; bei uns weiß es jeder Erwachsene, wie er heißt.”
63v[3]
“Ich heiße …, Du kannst Dich drauf verlassen. Wenn es sich als falsch erweist, so brauchst Du mir in Zukunft nie mehr zu glauben.”
63v[4] &
64r[1]
Ich scheine doch zu wissen daß ich mich, in meinem eigenen Namen z.B., nicht irren kann! Das drückt sich darin aus: “Wenn das falsch ist, dann bin ich verrückt.” Nun gut, aber das sind Worte; aber welchen Einfluß hat es auf die Anwendung der Sprache?
64r[2]
Dadurch, daß ich durch nichts vom Gegenteil zu überzeugen bin?
64r[3]
Die Frage ist: Welche Art Satz ist das: “Ich weiß, daß ich mich darin nicht irren kann”, oder auch: “Ich kann mich darin nicht irren”? Das “Ich weiß” scheint hier alle Gründe abzuschneiden: Ich weiß es eben. Aber wenn hier überhaupt von Irrtum die Rede sein kann, dann muß sich prüfen lassen, ob ich’s weiß.
64v[1]
Das Wort “Ich weiß” könnte also den Zweck haben anzuzeigen, wo ich zuverlässig bin, wobei aber die Brauchbarkeit dieses Zeichens aus der Erfahrung hervorgehen muß.
64v[2]
Man könnte fragen “Wie weiß ich, daß ich mich in meinem Namen nicht irre?” – & wenn darauf geantwortet würde “Weil ich ihn so oft verwendet habe”, so könnte man weiterfragen: “Wie weiß ich, daß ich mich darin nicht irre?!” Und hier kann das “Wie weiß ich” keine Bedeutung mehr haben.
64v[3] &
65r[1]
“Ich weiß meinen Namen mit voller Bestimmtheit.” Ich würde mich weigern, irgendein Argument in betracht zu ziehen, welches das Gegenteil zeigen wollte! Und was heißt: “Ich würde mich weigern”? Ist es der Ausdruck einer Absicht?
65r[2]
Aber könnte nicht eine höhere Autorität mich versichern, daß ich nicht die Wahrheit weiß? So daß ich sagen müßte “Lehre mich!” Aber dann müßten mir die Augen aufgetan werden.
65r[3]
Es gehört zu dem Sprachspiel mit den Personennamen, daß jeder seinen Namen mit der größten Sicherheit weiß.
65r[4] &
65v[1]
20.04.1951 Es könnte doch sein, daß, wenn immer ich sagte “Ich weiß es”, es sich als falsch herausstellte. (Aufzeigen)
65v[2]
Ich könnte mir aber vielleicht dennoch nicht helfen, & würde weiter versichern “Ich weiß –”. Aber wie hat denn der Mensch den Ausdruck gelernt?
65v[3]
“Ich weiß es” kann heißen: Es ist mir schon bekannt – aber auch: Es ist gewiß so.
65v[4] &
66r[1]
“Ich weiß, daß das auf … ‘ …’ heißt.” – Wie weißt Du das? – “Ich habe … gelernt.” Könnte ich hier statt “Ich weiß, daß etc.” setzen “Auf … heißt dies ‘ …’”?
66r[2]
Wäre es möglich, das Verbum “wissen” nur in der Frage “Wie weißt Du das?” zu benutzen, die auf eine einfache Behauptung folgt? – Statt “Das weiß ich schon” sagt man “Das ist mir bekannt”; & die folgt nur auf die Mitteilung der Tatsache. Aber was sagt man statt “Ich weiß, was das ist”?
66r[3]
Aber sagt nicht “Ich weiß, daß das ein Baum ist” etwas anderes als “Das ist ein Baum”?
66r[4] &
66v[1]
Statt “Ich weiß, was das ist” könnte man sagen “Ich kann sagen, was das ist.” Und wenn man diese Ausdrucksweise annähme, was würde dann aus “Ich weiß, daß das … ist”?
66v[2]
Zurück zur Frage, ob “Ich weiß, daß das ein … ist” etwas andres sagt als “Das ist ein …”. – Im ersten Satz wird eine Person erwähnt, im zweiten nicht. Aber das zeigt nicht, daß sie verschiedenen Sinn haben. Man ersetzt jedenfalls oft die erste Form durch die zweite & gibt dieser dann oft eine besondere Intonation. Denn man spricht anders, wenn man eine unwidersprochene Feststellung macht, & wenn man sie gegen einen Widerspruch aufrecht erhält.
67r[1] &
67v[1]
Aber sage ich nicht durch die Worte “Ich weiß, daß …”, daß ich in einem bestimmten Zustand mich befinde, während das die bloße Behauptung “Das ist ein …” nicht sagt? Und doch antwortet man auf so eine Behauptung oft “Wie weißt Du das?” – “Aber doch nur, weil die Tatsache, daß ich dies behaupte zu erkennen gibt, ich glaube es zu wissen.” – Man könnte das so ausdrücken: In einem Zoologischen Garten könnte die Aufschrift stehen “Das ist ein Zebra”; aber doch nicht “Ich weiß, daß das ein Zebra ist”. “Ich weiß” hat nur Sinn, wenn eine Person es äußert. Dann aber ist es gleichgültig, ob die Äußerung ist “Ich weiß …”, oder “Das ist …”.
67v[2]
Wie lernt denn Einer den Zustand des Wissens erkennen?
67v[3]
Von dem Erkennen eines Zustandes könnte man eher noch reden, wo es heißt “Ich weiß, was das ist”. Man kann sich hier davon überzeugen, daß man dieses Wissen wirklich besitzt.
67v[4] &
68r[1]
“Ich weiß, was das für ein Baum ist. – Es ist eine Kastanie.” “Ich weiß, was das für ein Baum ist. Ich weiß, daß es eine Kastanie ist”. Die erste Aussage klingt natürlicher als die zweite. Man wird nur dann zum zweiten mal “Ich weiß” sagen, wenn man die Gewißheit besonders betonen will; etwa um einem Widerspruch zuvorzukommen. Das erste “Ich weiß” heißt ungefähr: Ich kann sagen. In einem andern Fall aber könnte man mit der Konstatierung “Das ist ein …” beginnen, & dann, auf einen Widerspruch, entgegnen: “Ich weiß, was das für ein Baum ist” & damit die Sicherheit betonen.
68r[2] &
68v[1]
“Ich kann sagen, was das für ein …, & zwar mit Sicherheit.”
68v[2]
Auch wenn man “Ich weiß, daß es so ist” durch “Es ist so” ersetzen kann, kann man doch nicht die Negation des einen durch die Negation des andern ersetzen. Mit “Ich weiß nicht, …” tritt ein neues Element in die Sprachspiele ein.
68v[3]
21.04.1951 “L. W.” ist mein Name. Und wenn es jemand bestritte, würde ich sofort unzählige Verbindungen schlagen, die ihn sichern.
68v[4] &
69r[1]
“Aber ich kann mir doch einen Menschen vorstellen, der alle diese Verbindungen macht, wovon keine mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Warum soll ich mich nicht in einem ähnlichen Falle befinden?” Wenn ich mir jenen Menschen vorstelle, so stelle ich mir auch eine Realität vor, eine Welt, die ihn umgibt; & ihn, wie er dieser Welt zuwider denkt (& spricht).
69r[2] &
69v[1]
Wenn Einer mir mitteilt, sein Name sei N.N., so hat es Sinn für mich, ihn zu fragen “Kannst Du Dich darin irren?” Das ist eine regelrechte Frage im Sprachspiel. Und es hat darauf die Antwort Ja & Nein Sinn. – Nun ist freilich auch diese Antwort nicht unfehlbar, d.h. sie kann sich einmal als falsch erweisen, aber das nimmt der Frage “Kannst Du Dich …” & der Antwort “Nein” nicht ihren Sinn.
69v[2]
Die Antwort auf die Frage “Kannst Du Dich darin irren” gibt der Aussage ein bestimmtes Gewicht. Die Antwort kann auch sein: “Ich glaube nicht”.
69v[3] &
70r[1]
Aber könnte man nicht auf die Frage “Kannst Du …” antworten: “Ich will Dir den Fall beschreiben & Du kannst dann selbst beurteilen, ob ich mich irren kann”? Z.B., wenn es sich um den Namen der Person handelt könnte der Fall so stehen, daß die Person diesen Namen nie gebraucht hat, sich aber entsinnt, ihn auf einem Dokument gelesen zu haben, – & anderseits könnte die Antwort sein: “Ich habe diesen Namen mein ganzes Leben lang geführt, bin von allen Menschen so genannt worden”. Wenn das nicht der Antwort “Ich kann mich darin nicht irren” gleichkommt, so hat sie überhaupt keinen Sinn. Und ganz offenbar wird doch damit auf einen sehr wichtigen Unterschied gedeutet.
70r[2] &
70v[1] &
71r[1]
Man könnte z.B. die Sicherheit des Satzes, daß Wasser ca. bei 100˚ C kocht, beschreiben. Es ist das z.B. nicht ein Satz, den ich einmal gehört habe wie etwa den & jenen, die ich nennen könnte. Ich habe das Experiment selber in der Schule gemacht. Der Satz ist ein sehr elementarer unserer Lehrbücher, denen in solchen Dingen zu trauen ist, weil …. – Man kann nun allem dem Beispiele entgegenhalten, die zeigen, daß Menschen dies & jenes für gewiß gehalten haben, was sich später, unsrer Meinung nach, für falsch erwiesen hat. Aber dieses Argument ist wertlos. Zu sagen: wir können am Ende nur solche Gründe anführen, die wir für Gründe halten, sagt gar nichts. Kann es denn nicht auch geschehen, daß man heute einen Irrtum früherer Zeiten zu erkennen glaubt, & später darauf kommt, daß die erste Ansicht richtig war. etc. Ich glaube es liegt hier ein Mißverständnis des Wesens unserer Sprachspiele zu Grunde.
71r[2]
Was für einen Grund habe ich, Lehrbüchern der Experimentalphysik zu trauen? Ich habe keinen Grund ihnen nicht zu trauen. Und ich traue ihnen. Ich weiß, wie solche Bücher entstehen – oder vielmehr, ich glaube es zu wissen. Ich habe einige Evidenz, aber sie reicht nicht weit & ist von sehr zerstreuter Art. Ich habe Dinge gehört, gesehn, gelesen.
71v[1]
22.04.1951 Es ist immer die Gefahr, die Bedeutung durch Betrachtung des Ausdrucks & der Stimmung, in welcher man ihn gebraucht, erkennen zu wollen, statt immer an die Praxis zu denken. Darum sagt man sich den Ausdruck so oft vor, weil es ist, als müßte man in ihm & in dem Gefühl, das man hat, das Gesuchte sehen.
71v[2]
23.04.1951 Soll ich sagen “Ich glaube an die Physik”, oder “Ich weiß, daß die Physik wahr ist”?
71v[3] &
72r[1]
Man lehrt mich, daß unter solchen Umständen dies geschieht. Man hat es herausgefunden, indem man den Versuch ein paarmal gemacht hat. Das alles würde uns freilich nichts beweisen, wenn nicht, rund um diese Erfahrung, andere lägen, die mit ihr ein System bilden. So hat man nicht nur Fallversuche gemacht, sondern auch Versuche über den Luftwiderstand, u.a.m.. Am Ende aber verlasse ich mich auf diese Erfahrungen, oder auf die Berichte von ihnen, richte meine eigenen Handlungen ohne jede Skrupel danach. – Aber hat sich dieses Vertrauen nicht auch bewährt? Soweit ich es beurteilen kann – ja.
72v[1]
In einem Gerichtssaal würde die Aussage eines Physikers, daß Wasser bei ca. 100˚ C koche, unbedingt als Wahrheit angenommen. Wenn ich dieser Aussage nun mißtraute, was könnte ich tun um sie zu entkräften? Selbst Versuche anstellen? Was würden die beweisen?
72v[2]
Aber wie, wenn die Aussage des Physikers Aberglaube wäre, & es ebenso falsch ist, daß das Urteil sich nach ihr, wie daß es sich nach einer Feuerprobe richtet?
72v[3] &
73r[1]
Daß ein Andrer sich meiner Meinung nach geirrt hat, ist kein Grund anzunehmen, daß ich mich jetzt irre. – Aber ist es nicht ein Grund anzunehmen, daß ich mich irren könne? Es ist kein Grund zu irgend einer Unsicherheit in meinem Urteil, oder Handeln.
73r[2]
Der Richter könnte ja sagen “Das ist die Wahrheit – soweit ein Mensch sie erkennen kann.” – Aber was würde dieser Zusatz leisten? (“beyond all reasonable doubt”)
73r[3] &
73v[1]
Ist es falsch, daß ich mich in meinem Handeln nach dem Satze der Physik richte? Soll ich sagen, ich habe keinen guten Grund dazu? Ist nicht eben das, was wir einen ‘guten Grund’ nennen?
73v[2]
Angenommen, wir träfen Leute, die das nicht als triftigen Grund betrachteten. Nun, wie stellen wir uns das vor? Sie befragen statt dessen etwa ein Orakel. (Und wir halten sie darum für primitiv.) Ist es falsch, daß sie ein Orakel befragen & sich nach ihm richten? – Wenn wir dies “falsch” nennen, gehen wir nicht schon von unserm Sprachspiel aus & bekämpfen das ihre?
73v[3] &
74r[1]
Und haben wir recht oder unrecht darin, daß wir’s bekämpfen? Man könnte freilich unser Vorgehen mit allerlei Schlagworten (slogans) stützen.
74r[2]
Wo sich wirklich zwei Prinzipe treffen, die sich nicht mit einander aussöhnen können, da erklärt jeder den Andern für einen Narren & Ketzer.
74r[3]
Ich sagte, ich würde den Andern ‘bekämpfen’, – aber würde ich ihm denn nicht Gründe geben? Doch; aber wie weit reichen die? Am Ende der Gründe steht die Überredung. (Denke daran, was geschieht, wenn Missionäre die Eingeborenen bekehren.)
74v[1] &
75r[1]
Wenn ich nun sage “Ich weiß, daß das Wasser im Kessel auf der Gasflamme nicht gefrieren, sondern kochen wird”, so scheine ich zu diesem “Ich weiß” so berechtigt wie zu irgend einem. ‘Wenn ich etwas weiß, so weiß ich das.’ – Oder weiß ich, daß der Mensch mir gegenüber mein alter Freund so & so ist, mit noch größerer Gewißheit? Und wie vergleicht sich das mit dem Satz, daß ich aus zwei Augen schaue, & sie sehen werde, wenn ich in den Spiegel schaue? – Ich weiß nicht mit Sicherheit, was ich da antworten soll. – Aber es ist doch ein Unterschied zwischen den Fällen. Wenn das Wasser auf der Flamme gefriert, werde ich freilich im höchsten Maße erstaunt sein, aber einen mir noch unbekannnten Einfluß annehmen & etwa Physikern die Sache zur Beurteilung überlassen. – Was aber könnte mich daran zweifeln machen, daß dieser Mensch hier N.N. ist, den ich seit Jahren kenne. Hier schiene ein Zweifel alles nach sich zu ziehen & ein Chaos zu erzeugen.
75r[2] &
75v[1]
D.h.: Wenn mir von allen Seiten widersprochen würde: Jener heiße nicht, wie ich es immer wußte (& ich gebrauche hier “wußte” absichtlich), dann würde mir in diesem Fall die Grundlage alles Urteilens entzogen.
75v[2]
Heißt das nun: “Ich kann überhaupt nur urteilen, weil sich die Dinge so & so (gleichsam gutmütig) benehmen”?
75v[3]
Aber wäre es denn undenkbar, daß ich im Sattel bliebe, auch wenn die Tatsachen noch so sehr bockten?
75v[4] &
76r[1]
Ich würde durch gewisse Ereignisse in eine Lage versetzt, in der ich das alte Spiel nicht mehr fortsetzen könnte. In der ich aus der Sicherheit des Spiels herausgerissen würde. Ja, scheint es nicht selbstverständlich, daß ein Sprachspiel nur durch gewisse Tatsachen möglich ist?
76r[2]
Es schiene dann, als müßte das Sprachspiel, die Tatsachen, die es ermöglichen, ‘zeigen’. (Aber so ist es nicht.) Kann man denn sagen, daß nur eine gewisse Regelmäßigkeit in den Geschehnissen die Induktion möglich macht? Das ‘möglich’ müßte natürlich ‘logisch möglich’ sein.
76r[3] &
76v[1]
Soll ich sagen: Wenn auch plötzlich eine Unregelmäßigkeit im Naturgeschehn einträte, so müßte das mich nicht aus dem Sattel heben. Ich könnte, nach wie vor, Schlüsse machen – aber ob man das nun “Induktion” nennen wird, ist eine andre Frage.
76v[2]
Unter bestimmten Umständen sagt man “Du kannst Dich drauf verlassen”; & diese Versicherung kann in der Alltagssprache berechtigt, oder unberechtigt sein, & sie kann auch dann berechtigt sein, wenn das nicht zutrifft, was vorhergesagt wurde. Es gibt ein Sprachspiel, worin die Versicherung verwendet wird.
77r[1]
24.04.1951 Wenn von Anatomie die Rede wäre, würde ich sagen: “Ich weiß, daß vom Gehirn 12 Nervenpaare ausgehen.” Ich habe diese Nerven nie gesehen, & auch ein Fachmann hat sie nur an wenigen Spezimina beobachtet. – So wird aber hier das Wort “Ich weiß” richtig gebraucht.
77r[2] &
77v[1]
Nun ist es aber auch richtig “Ich weiß” in den Verbindungen zu gebrauchen, die Moore erwähnt, wenigstens unter bestimmten Umständen. (Was “I know that I am a human being” heißt, weiß ich allerdings nicht. Aber auch dem könnte man einen Sinn geben.) Ich kann mir zu jedem dieser Sätze Umstände vorstellen, die ihn zum Zug in einem unsrer Sprachspiele machen, wodurch er alles philosophisch Erstaunliche verliert.
77v[2]
Das Seltsame ist, daß ich in so einem Falle immer sagen möchte (obwohl es falsch ist): “Ich weiß das – soweit man so etwas wissen kann.” Das ist unrichtig, aber es steckt etwas Richtiges dahinter.
77v[3] &
78r[1]
“Kannst Du Dich darin irren, daß diese Farbe auf Deutsch ‘Grün’ heißt?” Meine Antwort darauf kann nur “Nein” sein. Sagte ich “Ja, – denn eine Verblendung ist immer möglich”, so hieße das gar nichts. Ist denn der Nachsatz etwas dem Andern Unbekanntes? Und wie ist er mir bekannt?
78r[2]
Heißt das aber, daß es undenkbar wäre, daß das Wort “grün” hier aus einer Art von Versprechen oder momentaner Verwirrung entspringt? Kennen wir solche Fälle nicht? – Man kann einem auch sagen: “Du hast Dich nicht vielleicht versprochen –”. Das heißt etwa: “Überleg Dir’s noch einmal!” – Aber diese Vorsichtsmaßregeln haben nur Sinn, wenn sie einmal zu einem Ende kommen. Ein Zweifel ohne Ende ist nicht einmal ein Zweifel.
78v[1]
Es heißt auch nichts, zu sagen: “Der deutsche Name dieser Farbe ist gewiß ‘grün’, – es sei denn, ich verspreche mich jetzt, oder bin irgendwie verwirrt.”
78v[2]
Müßte man diese Klausel nicht in alle Sprachspiele einschieben? (Wodurch sich ihre Sinnlosigkeit zeigt.)
78v[3] &
79r[1]
Wenn man sagt: “Gewisse Sätze müssen vom Zweifel ausgeschlossen werden”, dann scheint es, als sollte ich diese Sätze, z.B. daß ich L. W. heiße, in ein Buch über Logik aufnehmen. Denn wenn es zur Beschreibung des Sprachspiels gehört, so gehört es zur Logik. Aber daß ich L.W. heiße gehört nicht zu so einer Beschreibung. Das Sprachspiel, das mit Personennamen operiert, kann wohl bestehen, wenn ich mich in meinem Namen irre, – aber es setzt voraus, daß es unsinnig ist zu sagen, die Mehrzahl der Menschen irre sich in ihren Namen.
79r[2] &
79v[1]
Anderseits aber ist es richtig, wenn ich von mir aussage “Ich kann mich in meinem Namen nicht irren”, & falsch, wenn ich sage “Vielleicht irre ich mich”. Aber das bedeutet nicht, daß es für Andre sinnlos ist, anzuzweifeln, was ich für sicher erkläre.
79v[2]
Sich in der Muttersprache über die Bezeichnung gewisser Dinge nicht irren zu können ist einfach der gewöhnliche Fall.
79v[3]
“Ich kann mich darin nicht irren” ist einfach eine Art der Behauptung.
79v[4] &
80r[1]
Sichere & unsichere Erinnerung. Wäre die sichere Erinnerung nicht im allgemeinen zuverlässiger, d.h., würde sie nicht mehr durch andere Verifikationen bestätigt als die unsichere, dann würde der Ausdruck der Sicherheit & Unsicherheit nicht seine gegenwärtige Funktion in der Sprache haben.
80r[2]
“Ich kann mich darin nicht irren” – aber wie, wenn ich mich dann doch geirrt habe? Ist denn das nicht möglich? Aber macht es den Ausdruck “Ich kann mich etc.” zum Unsinn? Oder wäre es besser statt dessen zu sagen “Ich kann mich darin schwerlich irren”? Nein; denn dies heißt etwas andres.
80r[3] &
80v[1]
“Ich kann mich darin nicht irren; & schlimmstenfalls mache ich aus meinem Satze eine Norm.”
80v[2]
“Ich kann mich darin nicht irren: ich bin heute bei ihm gewesen.”
80v[3]
“Ich kann mich darin nicht irren; sollte aber doch etwas gegen meinen Satz zu sprechen scheinen, so werde ich, gegen den Schein, an ihm festhalten.”
80v[4]
“Ich kann mich etc.” weist meiner Behauptung ihren Platz im Spiel an. Aber es bezieht sich wesentlich auf mich, nicht auf das Spiel im allgemeinen.
Wenn ich mich in meiner Behauptung irre, so nimmt das dem Sprachspiel nicht seinen Nutzen.