Ms-179
1r[1]
“Aber wie kann mich eine Regel lehren, was ich an dieser Stelle zu tun habe? – Was immer ich tue ist doch durch irgend eine Deutung mit der Regel zu vereinbaren.” Nein; so sollte es nicht heißen, sondern so: Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft & kann diesem also keinen Platz bestimmen.
1r[2]
Wie kann ich einer Regel folgen? Wie kann sie mir zeigen, wie sie mich zu führen hat? – Wenn ich sie so oder so auffasse, wie kann ich diese Auffassung festhalten, wie kann ich sicher sein, daß sie mir nicht unversehens entschlüpft ist?
1v[1]
“Wie kann ich einer Regel folgen?” Wenn das nicht eine Frage nach den Ursachen ist, die es bewirken, daß ich einer Regel folge, so ist es die Frage nach der Begründung, nach der Rechtfertigung die ich dafür angeben kann daß ich so nach der Regel handele.
1v[2]
Habe ich die Begründung erschöpft, so bin ich nun am harten Felsen angelangt & mein Spaten biegt sich zurück. Ich bin dann geneigt zu sagen: “So handle ich eben”.
1v[3]
Eine Regel kann mich nur in dem Sinn zu einer Handlung führen wie etwa irgend eine Anleitung oder ein Befehl.
2r[1]
Wie weiß einer was er auf einen Befehl hin zu tun hat? – Als er ‘Sprechen’ lernte wurde er auch zum Befolgen von Befehlen & zum Befehlen selbst abgerichtet. Wohl, das sind die Ursachen seines späteren Verhaltens. Aber wenn der Erwachsene befiehlt oder gehorcht, erinnert er sich nicht der Zeit jener Abrichtung. Vielleicht ist er nie abgerichtet worden & hat irgendwie urplötzlich sprechen (die Sprache gebrauchen) können. Wie weiß ich z.B. was ich zu tun habe wenn mir jemand sagt: “Bringe mir diese rote Blume”? Wie? Hier ist kein Wie. Ich geriete in Verlegenheit wenn ich antworten sollte.
2v[1]
Wie kann er aber, wenn Du ihn die Reihe – …– …– fortsetzen lehrst, wissen wie er fortzusetzen hat? Nun, wie weiß ich’s? Wenn das heißt welche Gründe hab ich, so werde ich vielleicht welche sagen können aber bald werden sie mir ausgehen.
2v[2]
“Jetzt hab ich’s.”, “Jetzt weiß ich’s!”, “Jetzt weiß ich weiter!” sind Ausrufe. Sie entsprechen einem Naturlaut der Überraschung. Auf den Ausruf folgt oft die “Ausarbeitung des Gedankens”.
3r[1]
“Diesen Ausdruck hatte ich gemeint.” Wie konnte ich ihn meinen als ich ihn noch nicht hatte? Wie kann ich wissen daß es der war den ich meinte. Oder suchte ich einfach einen der mich befriedigt & dieser befriedigt mich?
3r[2]
Diese ganze Lösung sah ich in einem Augenblick vor mir. Wie weißt Du daß es dies war, was Du sahst. Kannst Du es mir, kannst Du es Dir selbst beweisen? – Aber dies bist Du zu sagen geneigt.
3v[1]
Ich kann in dem Sinne alles mit einem Schlage vor mir sehen, in welchem ich für mich einen langen Gedankengang mir mit wenigen Worten oder Strichen notieren kann. Was macht diese Notiz zu einer Notiz dieses Gedankens? Der Gebrauch den ich von ihr mache.
3v[2]
“Das erlösende Wort” kann nur erlösen weil es sozusagen der Schlußstein eines Gebäudes ist. Für den der diese Voraussetzungen nicht hat ist es nicht das erlösende Wort.
3v[3] &
4r[1]
“Jetzt weiß ich weiter” ist ein Ausruf. Entsprechend einem Naturlaut dem Ausdruck einer Art von Überraschung.
4r[2]
Wie das Lachen auf einen Witz folgt, so folgt dieser Ausdruck auf eine bestimmte Situation in der eine Lösung für irgendein Problem gesucht wird. Er ist manchmal dadurch hervorgerufen daß wir plötzlich das fehlende Glied einer Kette sehen, oder dergl.
4r[3] &
4v[1]
Daraus daß es uns erscheint als wüßten wir nun weiter (oder dergl.) folgt aber nicht daß wir auch wirklich nicht steckenbleiben. Und zwar auch dann, wenn nichts Unvorhergesehenes geschehen ist, als eben nur das, daß wir nicht weiter wissen. Dies geschieht verhältnismäßig selten. Es wäre aber wohl denkbar daß wir immer wieder solche Scheinerleuchtungen hätten. Sozusagen ein freudiges Aufzucken ohne die Folge die es zu rechtfertigen schiene. Und es wäre dann gar nicht klar daß man sagen müßte: “Als er sagte ‘Jetzt hab ich’s’ da hatte er’s, nur vergaß er’s gleich wieder”.
4v[2] &
5r[1]
Aber bin ich nicht dadurch gerechtfertigt zu sagen “Jetzt kann ich weiter” weil ich unter solchen Umständen immer habe fortsetzen können? Ist es nicht einfach Erfahrungstatsache daß ich weiter kann? Weiß ich es nicht so, wie ich weiß daß der Stein wenn ich ihn auslasse zu Boden fallen wird? – Das kann wohl sein: “Wer aber hier etwa die Streitfrage aufbrächte, ob frühere Erfahrung uns wirklich zu einem Schluß berechtigt, dem kann man hier antworten, daß wir mit oder ohne Berechtigung sicher sind, es werde so geschehen & ungemein überrascht & verblüfft wenn es nicht so geschieht.
5r[2] &
5v[1]
Kurz, das Phänomen, das uns interessiert ist die plötzliche Sicherheit mit ihrem Ausdruck, dem im allgemeinen Handlungen folgen, die jene Sicherheit zu rechtfertigen scheinen.
6r[1] &
6v[1] &
7r[1]
Blitzartiges Denken ist blitzartiges Erleben das für den Gedanken steht, wie eine Notiz.
“Jetzt versteh ich’s” etc. Ausruf in bestimmter Situation. Durch spätere Handlungen gerechtfertigt oder nicht.
Man kann nicht sagen “als ich’s sagte konnte ich’s dann hatte ich’s vergessen”. Das Unvorhergesehene darf nicht einfach das Nichtkönnen sein.
Man könnte sich den Fall denken daß dies scheinbare Können immer wieder aufträte. Tatsächlich ist diese Intuition oft gerechtfertigt.
Diese Betrachtung wirft Licht auf die Grammatik des Worts “denken”. Zeigt daß die Grammatik grundverschieden von der einer Tätigkeit (wie z.B. Sprechen) ist. Private Sprache für private Erlebnisse.
Tagebuch über eine Empfindung. Zeichen mit dem natürlichen Ausdruck der Empfindung verkuppelt. Dann ist das Tagebuch für alle gleich verständlich. Wie aber wenn es keinen natürlichen Ausdruck der Empfindung gibt? Wie weiß ich dann wann ich dieselbe Empfindung habe?
Ich kann aber doch für mich jederzeit denken, ohne Zusammenhang mit andern Gedanken. Hier entsteht die Frage wie man weiß daß der Gedanke den man hat ein Gedanke über die & die Dinge ist. Ist das Erfahrung?
7r[2] &
7v[1]
Wie ist es wenn man zu sich selber unhörbar spricht oder liest? Ich weiß doch daß sich meine Worte auf ein Erlebnis beziehen! Aber wie beziehen sich Worte auf ein Erlebnis. Wie meine ich mit Worten ein Erlebnis. Wie meine ich mit Worten irgendetwas. “Worte beziehen sich auf ein Ereignis.” Die Idee der psychologischen Beziehung. Ja willst Du sagen daß nichts geschieht, wenn einer unhörbar zu sich selbst spricht? Schachspiel auf dem Theater.
Die Probleme reizen einen dazu auf gegen den allgemeinen Sprachgebrauch zu gehen, was natürlich falsch ist.
Einer Regel folgen setzt eine Sprache voraus.
Das mathem. Muß. Man muß so nach dieser Regel vorgehen; wer dieser Regel richtig folgt muß dahin kommen. Interne Beziehung.
8r[1] &
8v[1]
Du willst also sagen daß, was immer man einen Denkakt nennen kann, dies nur durch eine Technik ist, der er angehört. Und nur so ist die Frage zu beantworten, wie man denn über einen Gegenstand denken kann. Wie kann ich hoffen, erwarten, fürchten glauben, daß dieser Mensch zur Tür hereintreten wird. Was ist die Verbindung zwischen einem Vorgang in meinem Geiste & dieser Tür & diesem Menschen? Ist es eine erfahrungsmäßige, & wird die Erfahrung mich lehren, ob ich wirklich dies erwartet habe? (Wie sie mich lehrt ob es wirklich ein Spaziergang war was ich nötig hatte, meine trübe Stimmung zu zerstreuen.)
Denn der Zusammenhang des Denkens mit den Dingen ist der der Sprache mit den Dingen.
8v[2]
So kann ich also nicht jetzt etwas hoffen mich auf etwas freuen unabhängig davon was ich oder andre früher & später tun? Es ist mir doch ganz offenbar daß mein gegenwärtiger Geisteszustand mit Technik usw. nichts zu tun hat. Ja der Wortausdruck mag mit einer Technik zusammenhängen aber nicht der Gedanke. Ist also Dein Hoffen nicht eigentlich das was [unreadable] Wortausdruck
9r[1] &
9v[1]
Ich warte den ganzen Tag auf jemand sein Hund tut das gleiche. Wenn immer wir ein Automobil vorfahren hören werden wir beide unruhig & schauen nach der Türe. Ich bereite verschiedenes für seine Ankunft vor. Ich sage zu mir selbst oder zu andern “Wenn er doch schon käme” usw. Der Hund kann das nicht. Ich könnte sagen daß ihn der Hund in einem viel primitiveren Sinne erwartet als ich. Aber wenn ich nun in meinem Zimmer sitze & hoffe er werde kommen & eine Minute dieses Hoffens könnte sozusagen isoliert werden & ohne sein Vor- & Nachspiel betrachtet werden, wäre es da kein Hoffen. Aber durch diese Isolation sind ja alle Verbindungen durchschnitten. Sehe ich in dieser Minute mit sehnsüchtigem Ausdruck & Gefühl zur Türe was hat das mit einem bestimmten Menschen zu tun. Sage ich etwas in dieser Minute so gehört es zu keiner Sprache.
9v[2]
Wünschen Russells Auffassung.
9v[3] &
10r[1]
Zu sich selbst unhörbar sprechen, lesen.
Weiß einer was er sich wünscht ehe er es erhält? Wenn das heißt “Kann er es sagen?” so ist die Antwort im allgemeinen ‘Ja’. Ist nun “Ich möchte ein Glas Wein trinken” der Ausdruck einer Meinung? Im allgemeinen nein. So wenig wie die Worte “Wein her!”, oder der Schrei “Hilfe!” wenn ich ins Wasser falle. (Es gibt freilich Fälle wo das Wort wünschen oder wollen anders gebraucht wird.)
10r[2]
Wünschen heißt nicht glauben das & das werde mich befriedigen (mich im Gegensatz zu meinem Wunsch).
10v[1]
Worte sind Taten.
10v[2]
Wer einen Befehl hört & versteht der denkt nicht nach: wie werden diese Worte in der Sprache gebraucht. Sondern er handelt nun, & diese Worte sind ein Mittel ihn zu zwingen so zu handeln.
10v[3] &
11r[1]
Denken wir uns Menschen die sich miteinander durch eine Gebärdensprache verständigen. Sie bringen aber Laute hervor (wortartig oder gesangartig) mit denen sie ihre Gebärdensprache begleiten. Diese Laute aber bilden kein System einer Sprache sie haben nicht die Regelmäßigkeit einer Sprache. Dennoch aber beobachten wir folgendes: wird einer dieser Menschen verhindert Laute hervorzubringen oder ein andrer, sie zu hören, so können sie sich durch die Gebärden allein nicht verständigen. Die Gebärde z.B. die zusammen mit jenen Lauten als ein bestimmter Befehl wirkte wirkt ohne diese Laute nicht. Diese Laute also sind ein Mittel den andern zu zwingen. Aber sind sie darum eine Sprache?
11r[2] &
11v[1]
Ist es leicht die Hilfe die Du brauchst & der andre Dir anbietet mit einem Wort abzuschlagen? Durch Worte kann eine Menge aufgewiegelt & eingeschläfert werden.
11v[2]
Denke Dir diesen Fall ich erwarte mit Ungeduld zwei Leute A & B. Ich seufze, halb für mich, “Ich wollte er käme”. Jemand der mit mir ist sagt “Wen hast Du gemeint?” ich sage “Ich hab an den A gedacht”. Ein andermal, wenn ich wieder sage “Ich wollte er käme!” & er fragt “Wen meinst Du?” antworte ich, der Satz komme in einer Geschichte vor, er sei mir eingefallen & ich habe mir ihn vorgesagt, ohne an den A oder B zu denken.
12r[1]
Wozu werden denn in unsern Erzählungen beständig die Veränderungen des Gesichts der Körperhaltung & der Stimme beschrieben? Warum wird vom Verziehen oder Zucken des Mundes, dem Runzeln der Stirn, einem scheuen oder geraden Blick so viel Aufhebens gemacht?
12r[2] &
12v[1]
(Aber) wenn ich nun von der Hoffnung ganz erfüllt bin jemanden wiederzusehen & wenn ich die Worte ausspreche “Ich hoffe er wird kommen”, besteht da die Bedeutung dieses Vorgangs wirklich nur in der Existenz der Technik der gemäß jene Worte im allgemeinen gebraucht werden? Man könnte das auch so sagen: Die Hoffnung ist ja doch eine Leidenschaft & die Worte die sie ausdrücken können doch weiter nichts sein als eine Position von Steinen in einem Spiel. Aber warum nicht? Diese Worte können z.B. ein artikulierter Schrei sein. Und warum soll denn das Aussprechen von Worten unwichtig sein. Ist es unwichtig wenn ich auf einen Knopf drücke, der eine Mine in die Luft sprengt? Einer unterschreibt einen Hinrichtungsbefehl.
13r[1]
Frage einen Schauspieler ob es leicht ist diese Worte so auszusprechen daß sie ein tiefes Gefühl ausdrücken? Ja aber der Schauspieler um das zu können muß sich eben auch geistig in die Situation der Dichtung versetzen. Freilich – – –
13r[2]
Frage nicht so sehr, “Wie kann man Empfindungen benennen?” als: “Wie kann man die Namen der Empfindungen anwenden?
13r[3] &
13v[1]
Soll ich sagen “die Hoffnung ist keine Empfindung?”. Was macht es ob ich sage sie sei eine Empfindung? Damit ist ja nur etwas angedeutet aber die Grammatik des Wortes “hoffen” nicht klargestellt.
13v[2]
Muß ich für den philosophischen Zweck das Phänomen der Hoffnung & Erwartung analysieren können. Gewiß nicht! Was geht mich die Psychologie an? Nur wird man leicht in sie verstrickt.
13v[3]
Nur ein sehr unglücklicher Mensch hat das Recht einen andern zu bedauern.
13v[4]
Wir spielen ein seltsames Spiel mit den Worten “Ich hoffe er wird kommen”. (Seltsam scheint’s mir wenn ich philosophieren will.)
14r[1]
So lang man sich nur hütet Unsinn zu reden ist alles gut. Aber beim Philosophieren werden wir eben fortwährend dazu verleitet.
14r[2]
Man kann vernünftigerweise nicht einmal auf Hitler eine Wut haben; wieviel weniger auf Gott.
14r[3]
Warum soll ich nicht sagen der Schmerzensschrei & das Lachen seien voll von Bedeutung?
14r[4] &
14v[1]
Die eigentliche Schwierigkeit scheint doch die zu sein, daß die Worte “Ich hoffe …” einmal gedankenlos (ja) papageienhaft ausgesprochen werden können & dann eben nichts bedeuten, einmal mit Gefühl & intensiven Gedanken & dann ihre eigentliche Bedeutung haben; und daß anderseits gerade diese seelische Begleitung unfaßbar erscheint. Ich rede nun von dem starken Gefühl der Hoffnung, von dem intensiven Denken & diese Worte müssen uns also verständlich sein. Was ist also ihre Bedeutung? Wie lernen wir diese Bedeutung? Gebrauche ich die Worte nicht nur dann richtig wenn ich sie gebrauche, wie die andern?
14v[2] &
15r[1]
Zweifelst Du daß der andre Sehnsucht empfindet? Manchmal zweifelst Du, manchmal nicht. Versuch einmal, in einem besondern Fall die Angst, die Schmerzen des andern zu bezweifeln!
15r[2]
Aber ein wirklich guter Schauspieler kann doch diese Zustände täuschend nachahmen. Nun, versuch einmal ein wirklich guter Schauspieler zu sein!
15r[3]
Denk daran daß Menschen an eine so innige Verbindung zwischen Namen & Benannten glauben daß sie mit Namen Magie treiben, um dem Benannten zu schaden.
15v[1]
Der Gebrauch des Wortes “diese Empfindung”.
15v[2]
Wenn wir bloß mit uns selbst reden, philosophische Selbstgespräche führen, so sagen wir durcheinander Sätze, die wenn die Sprache Arbeit leistet die verschiedensten Funktionen haben. Viele unter ihnen, die bloß das mißverständliche Fortspinnen richtiger Argumente sind.
15v[3] &
16r[1]
Es schaut absolut so aus als existierte hier ein Problem für die Introspektion. Und es besteht doch keins!
16r[2]
Darum ist es so ungeheuer wichtig beim Philosophieren sich immer das Sprachspiel zu vergegenwärtigen.
16r[3]
Wenn die andern Automaten sein könnten; dann Du auch. –
16r[4]
Ein Hund zeigt Freude. Kann er auch Freude heucheln? Und warum nicht? Weil er zu ehrlich ist?
16r[5] &
16v[1]
Du hast schon längst alles gesagt, nur siehst Du’s nicht. Es fehlt Dir nur der Schlußpunkt. “Mir schwebte ein Fluch auf der Zunge” – wie ist das?
16v[2]
“Ich kann nur glauben daß der andre Schmerzen hat, aber ich weiß es, wenn ich sie habe.” Ja: man kann die Bestimmung treffen statt “Er hat Schmerzen” werde gesagt “Ich glaube, er hat Schmerzen”, statt “Ich habe Schmerzen”: “Ich weiß ich habe Schmerzen”. Aber das ist alles.
16v[3] &
17r[1]
Was hier wie eine Erklärung, oder Aussage über die seelischen Vorgänge, ausschaut, ist nur eine Bestimmung über die Benennung.
Auf den treffenden Ausdruck aber kommt es hier nur insofern an als er unsere Tendenzen klarer macht.
Ich will einem erklären: “Ich versichere Dich ich benehme mich nicht nur als hätte ich Schmerzen, ich fühle sie wirklich; ich weiß genau was ‘Schmerzen’ heißt.” Warum soll er nicht sagen: Das ist alles auch Schmerzen-Benehmen.
17r[2]
Ich habe heute Kopfschmerzen; es kommt mir wie ein Segen vor, damit ich besser sehen kann wie es sich mit den Schmerzen verhält.
17r[3] &
17v[1]
Es führt einer ein Tagebuch über Empfindungen (z.B. Schmerzen) die er gehabt hat. Wozu? Was kommt dabei heraus? Das ist natürlich nicht die eigentliche Frage. Diese wäre: Wie beziehen sich denn jene Eintragungen auf die Empfindungen? Oder, inwiefern beziehen sie sich denn auf irgendetwas.
17v[2]
Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was wir im Sprachspiel sagen & dem, was wir beim Philosophieren darüber – zu sagen geneigt sind.
17v[3] &
18r[1]
Und Philosophie besteht nicht aus dem was wir zu sagen geneigt sind sondern sie hat uns diese Neigung zu erklären.
18r[2]
Wenn man Philosophen liest möchte man nach jedem Satz schreiben: “möchte ich sagen”.
18r[3]
Der erste Irrtum, wenn wir ein philosophisches Problem angehen ist die Frage, die wir stellen.
18r[4]
Wie kann ich denn mit der Sprache noch zwischen die Schmerzäußerung & den Schmerz treten wollen?
18r[5] &
18v[1]
Es zeigt ein fundamentales Mißverständnis wenn ich meinen gegenwärtigen Zustand der Kopfschmerzen betrachte um über das philosophische Problem der Empfindung ins klare zu kommen.
18v[2] &
19r[1]
Denke Dir einen Menschen der es nicht im Gedächtnis behalten könnte was das Wort “Schmerz” bedeutet & der daher immer wieder etwas anderes Schmerzen nennt, aber das Wort immer in Übereinstimmung mit den gewöhnlichen Zeichen den Symptomen & Voraussetzungen des Schmerzes verwendete! (Das muß ein leerlaufendes Rad sein, was man drehen kann, ohne daß sich etwas andres mitbewegt.)
19r[2]
‘Das Wort “Kopfschmerz” bezieht sich aber doch auf etwas!’ – Ja, so möchte ich sagen. –
19r[3]
‘Er bezieht sich aber doch auf etwas hier!’
19r[4] &
19v[1]
Ist es ebenso sicher daß der andre traurig ist, wie daß ich es bin? Oder könnte der andre nicht doch ein Automat sein? – Ist es so sicher daß in des Nachbarn Zimmern Möbel stehen, wie, daß sie in meinen Zimmern stehen? Könnte ich kein Automat sein? Bin ich keiner? Gehören die Empfindungen mir?
19v[2]
Am Grunde dieser Schwierigkeiten scheint unsere Tendenz zu liegen, zu sagen: “Zahnschmerzen sind etwas”.
19v[3] &
20r[1]
Was geschieht, wenn ich Deine Aufmerksamkeit auf etwas richte. Denke an einen Satz wie: “‘change taking place’ is a unique content of experience” (James). Das ist doch jedenfalls keine Information.
20r[2]
Man könnte fragen: “Wem sagst Du das?”
20r[3]
Der Ausruf: “Wie die Sonne ausschaut!”
20r[4]
(Die Sprache durchpflügen.)
20r[5]
‘Wenn ich sage “ich habe Schmerzen” bin ich jedenfalls vor mir selbst gerechtfertigt”’.
20r[6]
“Ein Schmerz ist doch Etwas!”
20r[7]
Ist es denn unbedingt wünschenswert, daß die philosophischen Probleme zum Schweigen gebracht werden?
20v[1]
“Jeder kennt, aus erster Hand, nur seine eigenen Empfindungen.” Was für eine Art von Satz ist diese allgemeine Behauptung?
20v[2] &
21r[1]
Aber warum traust Du Dir selbst so wenig? Du weißt doch sonst immer was “reden” heißt. Wenn Du also sagst Du habest in der Vorstellung geredet so wird es eben so sein. Hättest Du nichts geredet so würdest Du nicht sagen Du habest etwas geredet. Ebenso wenn Du etwas Rotes in der Vorstellung, oder als Nachbild siehst so wird es eben etwas Rotes sein das Du siehst; Du weißt ja sonst was “rot” ist. Und weiters: Du verläßt Dich ja nicht immer auf die Übereinstimmung mit den andern; denn oft berichtest Du, Du habest das & das gesehen, wenn es niemand gesehen hat als Du selbst.
21r[2]
Aber ich traue mir ja. Ich sage ja ohne Bedenken, ich habe das & das zu mir gesagt, oder mir das & das vorgestellt.
21v[1]
Aber könntest Du Dir nicht das & das vorstellen, auch wenn Du nicht sprechen gelernt hättest? Und stellst Du Dir z.B. jetzt etwas Rotes vor, so hättest Du’s doch auch dann tun können. Und Deine Vorstellung wäre dann also rot gewesen, auch wenn Du es nicht hättest sagen können.
22r[1]
Hat es also keinen Sinn zu sagen, die Vorstellung eines Menschen, der keinen Ausdruck der Vorstellung besitzt, sei rot?
22r[2]
Aber fehlt mir nicht eben die Vergleichsmethode für die Vorstellungen wenn er für sie keinen Ausdruck hat? – Aber würdest Du sagen, ein Stab habe keine Länge, oder könne nicht 2 Fuß lang sein, weil Du gegenwärtig nicht in der Lage bist ihn zu messen.
22r[3] &
22v[1]
Ich möchte mich auf das momentane Erlebnis berufen; aber dieses erscheint wieder unfaßbar, etwas, was man nicht festlegen kann, was als ein Stein im Spiel nicht fungieren kann.
22v[2]
Das “Unfaßbare” ist natürlich das wovon man nicht reden kann & doch reden will. Oder auch: es ist das Resultat einer falschen Sprachdeutung. Man will nämlich sagen: es gibt etwas was nur Gegenwart hat & keine Vergangenheit (noch Zukunft).
22v[3] &
23r[1]
Du sagst etwas was Du geneigt bist zu sagen. Und es hat nur darum Interesse, weil auch wir die gleiche Neigung es zu sagen empfinden. Aber nun ist es noch nicht wahr oder auch nur wahrscheinlich, sondern der Gegenstand unsrer Untersuchung.
23r[2]
Wenn nun aber etwas nur Gegenwart haben soll, so kann ich es nicht mit etwas anderem was auch nur Gegenwart hat vergleichen. Ich kann es auch nicht beschreiben; denn was ich beschreibe kann sich ändern. Woher aber dann diese seltsame Idee?
23r[3] &
23v[1]
Das “innere Zeigen”. Ich weiß doch was “rot” ist. Nämlich das. Oder: “nämlich das, was ich mir jetzt vorstelle”.
23v[2] &
24r[1]
Zum Zeichen, daß man weiß was das Wort, oder der Ausdruck, bezeichnet, ruft man sich’s ins Gedächtnis in die Vorstellung konzentriert seine Aufmerksamkeit darauf. Das ist etwa wie wenn man sich überzeugen will welche Wörter einer fremden Sprache man versteht, eine Liste solcher Wörter durchgeht & ohne sie im Wörterbuch nachzuschlagen sich ihre Bedeutung einfallen läßt. Aber hier ist doch noch die Frage ob uns auch das Richtige einfällt. Denn es wäre ja möglich daß mir mit voller Sicherheit das Falsche einfiele. Und es ist ein Erfahrungssatz, daß die Sicherheit die Richtigkeit wahrscheinlich macht.
24r[2]
Um über die Bedeutung des Wortes “denken”, “hoffen”, klar zu werden, beobachten wir uns beim Denken, oder Hoffen zu: Was wir da sehen, wird das Denken oder Hoffen sein, also (das), was jene Worte bedeuten! – Aber so werden die Worte eben (gar) nicht gebraucht. (Es wäre ähnlich, als beobachtete man ein Stück Käse nun zu sehen, wie der Käse teurer wird.)
24r[3] &
24v[1]
‘Die Menschen stimmen miteinander darin überein, daß sie sehen, hören, fühlen etc. (wenn auch mancher blind & mancher taub ist, etc.). Sie bezeugen also von sich sie haben Bewußtsein. Aber, wie merkwürdig! Wem mache ich eigentlich eine Mitteilung, wenn ich sage: “Ich habe Bewußtsein”. Was ist der Zweck mir das zu sagen & wie kann der andere mich verstehen? Nun, Sätze wie “Ich sehe”, “Ich höre”, “Ich bin bei Bewußtsein” haben ja wirklich ihren Gebrauch. Dem Arzt sage ich “ Jetzt höre ich wieder auf diesem Ohr”, wer in mein Zimmer tritt & glaubt ich schlafe noch dem sage ich “Ich bin schon wach”, etc.
25r[1] &
25v[1]
Beobachte ich mich also & nehme wahr, daß ich sehe, aber bei Bewußtsein bin? Und wozu überhaupt von Beobachtung reden?! Wozu nicht einfach sagen: “Ich nehme wahr, daß ich bei Bewußtsein bin”. Aber wozu hier die Worte “Ich nehme wahr”; warum nicht sagen: “Ich bin bei Bewußtsein”. – Aber zeigen die Worte “Ich nehme wahr” hier nicht an, daß ich auf mein Bewußtsein aufmerksam bin, was doch gewöhnlich nicht der Fall ist? (Denn ich habe gewöhnlich Besseres zu tun.) Wenn es so ist dann sagt jener Satz also nicht daß ich bei Bewußtsein bin sondern daß ich mich in einem bestimmten seelischen Zustand befinde, wie wenn ich sage “Ich bin aufgeregt”. Aber ist es denn nicht eine bestimmte Erfahrung, die mich veranlaßt zu sagen “Ich bin schon wach”, oder “Ich bin wieder bei Bewußtsein”? Welche Erfahrung? Das ist zu beantworten; und zwar dem andern. (Und zwar dem andern verständlich. Denn vom andern habe ich die Sprache gelernt. Und was er nicht verstehen kann, kann ich auch nicht verstehen.)
25v[2] &
26r[1]
“Aber ich habe doch Bewußtsein!” – Aber es ist seltsam daß ich weiß, daß es “Bewußtsein” heißt!
26r[2]
“Ich bin doch lebendig; ich habe doch Bewußtsein!” (Dabei öffne ich die Augen weit & schaue um mich.) Wem sag ich das, & wozu? Der andre wird sagen: “Ich habe ohnehin gewußt, daß Du bei Bewußtsein bist”. Und warum sage ich’s mir? Nun ich merke, daß es so ist & sage es. Was die Worte wohl für eine Beziehung zu dem Faktum haben? & warum ich es wohl mit Worten begleite? Könnte ich es ebensogut auch mit Musik begleiten?
26v[1]
Ist, daß ich Bewußtsein habe, eine Erfahrungstatsache?
26v[2]
Aber sagt man nicht vom Menschen er hat Bewußtsein & vom Baum oder Stein, er habe keines? Wie wäre es, wenn’s anders wäre? Wären die Menschen alle bewußtlos? – Nein nicht im gewöhnlichen Sinne dieses Worts; aber ich, z.B., hätte nicht Bewußtsein, wie ich’s jetzt tatsächlich habe.
26v[3] &
27r[1] &
27v[1]
Aber kann ich mir nicht vorstellen daß die Menschen um mich Automaten sind kein Bewußtsein haben obwohl ihre Handlungsweise ganz unverändert bleibt? Wenn ich mir’s jetzt – allein in meinem Zimmer sitzend – vorstelle so sehe ich die Leute mit starrem Blick (etwa wie in Trance) ihren Verrichtungen nachgehen, & die Idee ist etwa ein wenig unheimlich. Aber nun versuch einmal im gewöhnlichen Verkehr an dieser Idee festzuhalten. Wenn Du mit jemandem sprichst, arbeitest, etc. sage Dir “Er ist ein bloßer Automat. Alle seine Lebendigkeit ist bloß Schein.” Und diese Worte werden Dir entweder gänzlich nichtssagend werden, oder Du wirst etwa in Dir ein unheimliches Gefühl heraufbeschwören. Aber Du siehst Dir tatsächliche Phänomene doch anders als gewöhnlich an wenn Du Dir sagst Dein Freund sei ein bloßer Automat. Gewiß: Man kann eine Erscheinung als Grenzfall einer andern auffassen & dadurch den Eindruck den wir von ihr erhalten ändern.
27v[2]
Ist nun, was ich (mir) vorstelle um einen Grad weniger real als was in der äußern Welt geschieht? Oder mehr real? Zu beiden Meinungen kann man sich bringen. Und beide bedeuten für uns gleich wenig.
28r[2]
Du sagst zwar nicht, es könne keine Empfindung sein, wenn sie nicht ausgedrückt wird; aber sagst Du nicht doch, Wesen, die keines Ausdrucks fähig wären empfänden nichts? Ich sage: wir würden nicht von Empfindungen reden, wenn es keinen natürlichen ‘Ausdruck der Empfindung’ gäbe. Ich sage daß ‘nicht sehen’ & ‘Blindheit’ dasselbe bedeutet & ebenso ‘nicht hören’ & ‘taub sein’. Ich sage also nicht: “Dieser Mann ist blind, aber vielleicht sieht er dennoch”.
28r[3] &
28v[1]
Der erste Fehler den wir in einer philosophischen Untersuchung machen ist die Frage, die wir stellen.
28v[2]
“Folgt aus dem, was Du sagst nicht, daß wenn es keinen Ausdruck gäbe, es keine Empfindungen in der Welt gäbe? Und es ist doch gewiß vorstellbar, daß es Empfindungen gäbe & nichts, was wir einen Ausdruck der Empfindung nennen würden!” (Dabei stelle ich mir die Empfindungen förmlich in der Welt herumschwimmend vor.)
29r[1]
Aber wenn ich Empfindung nur von mir selber kenne, gibt es ja überhaupt verflucht wenig davon in der Welt! (Und dann werden wir ohne das weniger auch noch auskommen.)
29r[2]
“Ich bin nicht sicher, ob ich mir nicht vorstellen kann, daß dieser Sesselfuß Schmerzen hat.” – Und wenn ich’s nun kann – was weiter? Inwiefern ist das interessant? Welche Verbindung hat es mit meinem übrigen Leben?
29r[3] &
29v[1] &
30r[1]
Ich kann mir vielleicht auch vorstellen (obwohl es nicht leicht ist) jeder der Leute die ich auf der Straße sehe habe Schmerzen verberge sie aber kunstvoll. Und hier ist es wichtig: daß ich mir ein kunstvolles Verbergen vorstellen muß. Daß ich mir also nicht einfach sage: “Nun, seine Seele hat Schmerzen; aber was hat das mit seinem Leib zu tun!” Wenn ich mir nun vorstelle daß die Leute die ich auf der Straße sehe alle verhohlene Schmerzen haben so gehen mir etwa Gedanken durch den Kopf wie: “Das muß schwer sein, so natürlich zu lachen, wenn man starke Schmerzen hat”. Wenn ich mir das nun vorstelle, was tue ich; was sage ich (zu) mir (selbst); wie sehe ich die Leute an? Oder ich schaue den andern mitleidig & verständnisvoll an; oder sage mir, ich dürfe ihn nicht so ansehen sondern müsse seine Maske respektieren.
30r[2]
“Wenn ich mir vorstelle, er habe Schmerzen geht … vor” – oder: “ … geht eigentlich nur … in mir vor.” Ich mag diese Art der Analyse nicht. Denn ein andrer sagt dann: Ich glaube ich kann es mir auch vorstellen, ohne dabei … zu denken”. Das ist ganz irrelevant. Dieser Versuch um die philosophische Schwierigkeit herumzukommen ist abortiv.
30r[3] &
30v[1] &
31r[1]
“Aber wenn ich mir vorstelle daß einer der lacht in Wirklichkeit Schmerzen hat, so stelle ich mir doch kein Schmerzbenehmen vor, denn ich sehe eben das Gegenteil. Was stelle ich mir also vor?” – Nun, daß er Schmerzen hat; & ich stelle mir dazu nicht notwendigerweise vor daß ich Schmerzen fühle. – “Aber wie geht es also vor sich, wenn ich mir das vorstelle?” – Wo außerhalb der Philosophie, verwenden wir denn den Ausdruck “Ich kann mir vorstellen daß er Schmerzen hat”, oder “Ich stelle mir vor, …”, oder “Stell Dir vor, …!”? Man kann einem sagen “Stell Dir einmal vor, daß dieser Mann dort mit dem lachenden Gesicht starke Schmerzen hat!”– und dabei gibt man ihm keine Anleitung was er eigentlich tun soll. Darum ist auch jene Analyse gar nicht zur Sache. Es könnte der Befehl etwa in einem Spiel gegeben werden & wir schauen nun dem zu, der sich dies schwer Vorstellbare vorstellt.
31r[2]
Denk an den Ausdruck: “Ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß …”. Z.B.: “daß einer so handelt & (doch) nichts Schandbares in der Handlung sieht.” – Und nun folgt die Beschreibung, wie man sich das vorzustellen habe.
31v[1]
Wir sind uns nicht klar darüber, was das Sich-vorstellen-Können hier für eine Rolle spielt. Inwiefern es den Sinn des Satzes sicherstellt.
31v[2] &
32r[1] &
32v[1]
“Ich kann mir eine Gesellschaft von Menschen vorstellen in der es als unanständig gilt zu rechnen, außer zum Zeitvertreib.” Warum sage ich hier: “Ich kann mir … vorstellen”? Es heißt hier ungefähr so viel wie: Ich könnte mir dieses Bild leicht weiter ausmalen”. “Ich kann mir vorstellen (denken) daß eine Baumreihe ohne Ende weiterläuft”. D.h. etwa: wenn es Sinn hat zu sagen die Baumreihe käme hier zu einem Ende, muß es auch Sinn haben zu sagen, sie käme hier nicht zu einem Ende, oder, sie kommt nie zu einem Ende. Meine visuelle Vorstellung ist etwa die einer Baumreihe, die ‘unabsehbar’ weiterläuft. Ein solches Bild verbürgt natürlich den Sinn des Wortausdrucks sowenig, als es ihn erklärt. “Ich kann mir doch vorstellen unsere Maßstäbe zögen sich immer zusammen wenn …” heißt: “Wenn sich unsere Maßstäbe so & so benähmen, würden wir sagen …” Dies erklärt den Sinn einer bestimmten Ausdrucksweise. “Ich kann mir doch vorstellen, wie der andre in seinem Bauch Schmerzen hat!” (Ich könnte dazusetzen: “Jetzt z.B. tue ich es gerade.”) Erklärt dies, was es heißt: der andre habe Schmerzen? Ist diese Vorstellung nicht eine Art ‘Freak’-Vorstellung. Ich kann mir (z.B.) des andern Magenschmerzen besser, vorstellen, wenn ich mich selbst gerade nicht ganz wohl fühle. Aber ich ‘verstehe’ darum das Wort “Magenschmerz” nicht besser.
33r[1]
Wenn man sich die Schmerzen des andern nach den eigenen vorstellen muß, dann ist das keine so leichte Sache da ich mir nach den Schmerzen die ich fühle Schmerzen vorstellen muß, die ich nicht fühle. (Und es ist nur irreführend, zu sagen, die Betonung sei hier falsch, & ich hätte mir nur nach Schmerzen, die ich fühle, solche vorzustellen, die ich nicht fühle. Das ursprüngliche Schmerzbenehmen kann auf den Ort der Schmerzen deuten, aber nicht auf eine Person. Die Person, die leidet ist die, welche klagt.)
33v[1]
Ein Kind, im Spiel, kann ein Stück Holz streicheln, verbinden, ihm zureden, sagen, es habe Schmerzen, etc.
33v[2]
In einem Andersenschen Märchen könnte es von einem Stein heißen, er habe oft Kopfschmerzen, sei aber zu standhaft, es zu zeigen. (Würde es illustriert, so hätte natürlich der Stein ein Gesicht.) Und dies zeigt, daß es Sinn hat auch von einem Stein zu sagen, er habe Schmerzen. Nämlich im Märchen. Das Kind, das sagt, seine Puppe sei krank, glaubt nicht, daß die Puppe lebt. Ein Sprachspiel kann man so spielen, & ein anderes nicht.
33v[3] &
34r[1]
Woher kommt uns auch nur der Gedanke, Wesen, Gegenstände, könnten ‘etwas fühlen’? Meine Erziehung hätte mich darauf geführt indem sie mich auf meine eigenen Gefühle aufmerksam machte & nun übertrage ich die Idee auf Objekte außer mir? Ich erkenne, es ist da (in mir) etwas, was ich (ohne mit dem Wortgebrauch der andern in Widerspruch zu geraten) “Schmerzen” nennen kann? Auf Steine & Pflanzen etc. übertrage ich meine Idee nicht.
34r[2]
Könnte ich mir nicht denken, ich hätte fürchterliche Schmerzen & mein Körper würde während dieser Schmerzen zu einem Stein? Ja, wie weiß ich, wenn ich die Augen schließe, daß ich nicht zu einem Stein geworden bin?
34v[1]
Aber wenn ich nun zum Stein geworden bin – inwiefern wird der Stein Schmerzen haben. Inwiefern wird man es vom Stein aussagen können? Und kann man von ihm sagen er habe eine Seele & die hat Schmerzen? Was hat eine Seele & was haben Schmerzen mit einem Stein zu tun? Nur von dem, was sich benimmt, wie ein Mensch, kann man sagen, daß es Schmerzen hat. Denn man muß es von einem Körper sagen, oder, wenn Du willst, von einer Seele, die ein Körper hat. Und wie kann ein Körper eine Seele haben?
34v[2] &
35r[1]
Aber ist es nicht absurd von einem Körper zu sagen, er habe Schmerzen? – Und warum fühlt man darin eine Absurdität? Inwiefern fühlt meine Hand nicht Schmerzen; sondern ich in meiner Hand?
35r[2] &
35v[1]
Was ist denn das für eine Streitfrage: “Ist es sein Körper der Schmerzen fühlt?” Wie ist sie denn zu entscheiden? Wie macht es sich geltend, daß es nicht der Körper ist? Nun etwa so: Wenn einer in der Hand Schmerzen hat so sagt’s die Hand nicht sondern er sagt’s mit dem Mund, den Augen etc. Man sagt auch nicht “Die arme Hand hat Schmerzen!” Und man spricht nicht der Hand zu, sondern sieht ihm in die Augen. –
35v[2]
Ich bin geneigt zu sagen: Es ist das menschliche Benehmen, das die Schmerzen hat. Sozusagen: Wenn ich suche, woran sich Schmerzen hängen können, so ist es nicht ein Ding, sondern das Verhalten eines Dinges. Aber das ist vorerst lauter Metaphysik.
35v[3] &
36r[1] &
36v[1]
Aber mußt Du nicht zugeben, daß, wenn Du das einzige Lebewesen auf der Erde wärest & Dein Benehmen nicht das eines Menschen wäre, Du dennoch Schmerzen haben könntest; wenn Du es auch nicht sagen könntest. Es wäre aber dann so weit kein Grund, warum man einen Menschen & nicht irgend etwas anderes, als Träger des Schmerzes annehmen sollte. Ja warum soll der Schmerz hier überhaupt einen Träger haben.
Wenn Du sagst, einer hab Schmerzen, so meinst Du doch, es wäre wahr, wenn er sagte “Ich habe Schmerzen”, auch wenn er es nicht sagen kann. Wie, wenn ich hier sagte: “Es wäre angemessen, wenn er stöhnte, auch wenn er nicht stöhnen kann”, oder “Es wäre angemessen, wenn er Schmerzbenehmen zeigte, auch wenn ihm dies Benehmen so wenig möglich ist, wie einem Stein”?
36v[2]
Du mußt Dich immer fragen: Was haben denn die Worte mit ihm zu tun, worauf sie sich beziehen?”
36v[3]
Der tiefe Aspekt entschlüpft leicht.
36v[4]
… Sondern dies: Kann ich das ‘Vorstellungsbild’ beschreiben ohne auf das Bezug zu nehmen, was den Gegenstand meiner Vorstellung bildet? Wie vergleicht man das Rot was man sich vorstellt mit dem Rot des Vorstellungsbildes? Oder heißt das überhaupt etwas?