Ts-233b
1[1]
Aber kann man nicht sagen: “Wenn es nur eine Substanz gäbe, so hätte man keinen Gebrauch für das Wort ‘Substanz’”? Aber das heißt doch: Der Begriff ‘Substanz’ setzt den Begriff ‘Unterschied der Substanz’ voraus. (Wie der des Schachkönigs den des Schachzuges, oder wie der der Farbe den der Farben.)
1[2]
423 Aber entspricht dieser also nichts Physikalisches? Das leugne ich nicht. (Und wenn es bloß unsre Gewöhnung an diese Begriffe, an diese Sprachspiele wäre. Aber ich sage nicht, daß es so ist.) Wenn wir einem Menschen die und die Technik durch Exempel beibringen,– daß er dann mit einem bestimmten neuen Fall so und nicht so geht, oder daß er dann stockt, daß für ihn also dies und nicht jenes die ‘natürliche’ Fortsetzung ist, ist allein schon ein höchst wichtiges Naturfaktum.
1[3]
424 “Aber wenn ich mit ‘bläulichgelb’ grün meine, so fasse ich eben diesen Ausdruck anders als nach der ursprünglichen Weise auf. Die ursprüngliche Auffassung bezeichnet einen andern und eben nicht gangbaren Weg.” Was ist aber hier das richtige Gleichnis? das vom physisch nicht gangbaren Weg, oder vom nicht-Existieren des Weges? Also das Gleichnis der physikalischen, oder der mathematischen Unmöglichkeit?
1[4]
425 Wir haben ein System der Farben wie ein System der Zahlen. Liegen die Systeme in unserer Natur, oder in der Natur der Dinge? Wie soll man’s sagen? – Nicht in der Natur der Zahlen oder Farben.
1[5]
426 Hat denn dieses System etwas willkürliches? Ja und nein. Es ist mit Willkürlichem verwandt und mit nicht-Willkürlichem.
1[6] &
2[1]
427 Das ist klar, daß ich nichts als Zwischenfarben von rot und grün anerkenne will. (Und ob es dem Menschen immer so eingeleuchtet, oder erst nach Erfahrung und Erziehung, ist gleichgültig.)
2[2]
1524. ‘a ist zwischen b und c, und dem b näher als dem c’ dies ist eine charakteristische Relation zwischen Empfindungen gleicher Art. D.h., es gibt z.B. ein Sprachspiel mit dem Befehl “Erzeuge eine Empfindung zwischen dieser und dieser, und der ersten näher als der zweiten!” Und auch: “Nenne zwei Empfindungen, zwischen welchen diese liegt”.
2[3]
1525. Und da ist es wichtig, daß man z.B. bei Grau “Schwarz und Weiß” zur Antwort kriegen wird; bei Violett “Blau und Rot”, bei Rosa “Rot und “Weiß”, etc.; aber nicht bei Olivgrün “Rot und Grün”.
2[4]
428 Diese Leute kenne ein Rötlichgrün. – “Aber es gibt doch gar keins!”– Welcher sonderbare Satz. – (Wie weißt du’s nur?)
2[5]
430 Sagen wir’s doch einmal so: Müssen denn diese Leute die Diskrepanz merken? Vielleicht sind sie zu stumpf dazu. Und dann wieder: vielleicht auch nicht. –
2[6]
431 Ja aber hat denn die Natur hier gar nichts mitzureden?! Doch – nur macht sie sich auf andere Weise hörbar. “Irgendwo wirst du doch an Existenz und nicht-Existenz anrennen!” Das heißt aber doch an Tatsachen, nicht an Begriffe.
2[7]
432 Es ist eine Tatsache von der höchsten Wichtigkeit, daß eine Farbe, die wir (z.B.) “rötlichgelb” zu nennen geneigt sind, sich wirklich durch Mischung (auf verschiedene Weise) von Rot und Gelb erzeugen läßt. Und daß wir nicht im Stande sind, eine Farbe, die durch Mischen von Rot und Grün entstanden ist, ohne Weiteres als eine zu erkennen, die sich so erzeugen läßt. (Was aber bedeutet “ohne Weiteres” hier?)
2[8] &
3[1]
347 Verwirrung der Geschmäcke: Ich sage “Das ist süß”, der Andere “Das ist sauer”, u.s.f. Einer kommt daher und sagt: “Ihr habt Alle keine Ahnung, wovon ihr sprecht. Ihr wißt gar nicht mehr, was ihr einmal einen Geschmack genannt habt.” Was wäre das Zeichen dafür, daß wir’s noch wissen? [Hängt mit einer Frage über eine Verwirrung im Rechnen zusammen.]
3[2]
348 Aber könnten wir nicht auch in dieser ‘Verwirrung’ ein Sprachspiel spielen? – Aber ist es noch das Frühere? – (Bezieht sich auf das, was Frege, und gelegentlich Ramsey, vom Wiedererkennen als einer Bedingung des Symbolisierens sagten. Was ist das Kriterium dafür, daß ich die Farbe richtig wiedererkannt habe? Etwa so etwas wie das Erlebnis der Freude beim Wiedererkennen?) Denken wir uns Menschen, die eine Zwischenfarbe, von Rot und Gelb z.B., durch eine Art binären Dezimalbruch so ausdrücken: R,LLRL u. dergl., wo auf der rechten Seite z.B. Gelb steht, auf der linken Rot. – Diese Leute lernen schon im Kindergarten, Farbtöne in dieser Weise beschreiben, nach solchen Beschreibungen Farben auszuwählen, zu mischen, etc. Sie verhielten sich zu uns ungefähr, wie Leute mit absolutem Gehör zu Leuten, denen dies fehlt. Sie können tun, was wir nicht können. Fraglich
3[3]
1272. Und hier möchte man sagen: “Ist das denn aber auch vorstellbar? Ja, das Benehmen wohl! aber auch der innere Vorgang, das Farberlebnis?” Und was man auf so eine Frage sagen soll, ist schwer zu sehen. Hätten die, die kein absolutes Gehör haben, vermuten können, es müsse auch Leute mit absolutem Gehör geben?
3[4]
1772. Der Glanz, oder die Spiegelung: Wenn ein Kind malt, so wird es diese nie malen. Ja es ist beinahe schwer zu glauben, daß sie durch die gewöhnlichen Öl- oder Wasserfarben dargestellt werden können.
3[5] &
4[1]
1624. Wie würde eine Gesellschaft von lauter tauben Menschen aussehen? Wie, eine Gesellschaft von ‘Geistesschwachen’? Wichtige Frage! Wie, also, eine Gesellschaft, die viele unserer gewöhnlichen Sprachspiele nie spielte?
4[2]
1314. Den Schwachsinnigen stellt man sich unter dem Bild des Degenerierten, wesentlich Unvollständigen, gleichsam Zerlumpten vor. Also unter dem der Unordnung, statt der primitiveren Ordnung (welches eine weit produktivere Anschauungsart wäre). Wir sehen eben nicht eine Gesellschaft solcher Menschen.
4[3]
692 Andere, obgleich den unsern verwandte Begriffe könnten uns sehr seltsam erscheinen, Abweichungen nämlich vom Gewohnten in ungewohnter Richtung.
4[4]
682 Festbegrenzte Begriffe würden eine Gleichförmigkeit des Verhaltens fordern. Aber wo ich sicher bin, ist der Andere unsicher. Und das ist eine Naturtatsache.
4[5]
678 Dies sind die festen Schienen, auf denen all unser Denken verläuft, und also nach ihnen auch unser Urteilen und Handeln.
4[6]
679 Muß der Begriff der Bescheidenheit, oder der Prahlerei überall bekannt sein, wo es bescheidene und prahlerische Menschen gibt? Es liegt ihnen vielleicht dort nichts an dieser Unterscheidung. Uns sind ja auch manche Unterschiede unwichtig, und könnten uns wichtig sein.
4[7]
680 Und Andere haben Begriffe, die unsere Begriffe durchschneiden.
4a[1]
Dort z.B., wo es einen Typus nur selten gibt, wird der Begriff dieses Typus nicht gebildet. Den Leuten fällt dieses Syndrom nicht als eine Einheit auf.
Sie machen davon nicht ein Bild & erkennen es von Fall zu Fall wieder.
4a[8]
637 Ein Stamm hat zwei Begriffe, verwandt unserm ‘Schmerz’. Der Eine wird bei sichtbaren Verletzungen angewandt und ist mit Pflege, Mitleid, etc., verknüpft. Den anderen wenden sie bei Magenschmerzen, z.B., an und er verbindet sich mit Belustigung über den Klagenden. “Aber merken sie denn wirklich nicht die Ähnlichkeit?” – Haben wir denn überall einen Begriff, wo eine Ähnlichkeit besteht? Die Frage ist: Ist die Ähnlichkeit wichtig? Und muß sie’s ihnen sein? Und warum sollte nicht ihr Begriff unsern Begriff ‘Schmerz’ schneiden?
4a[9]
639 Aber übersieht dieser dann nicht etwas, was da ist? – Er nimmt davon keine Notiz; und warum sollte er? – Aber dann ist ja eben sein Begriff grundverschieden von dem unsern. – Grundverschieden?
5[1]
Verschieden. – Aber es ist dann doch, als ob sein Wort nicht dasselbe bezeichnen könnte wie unseres. Oder nur einen Teil davon. – Aber so muß es ja auch ausschauen, wenn sein Begriff verschieden ist. Denn die Unbestimmtheit unseres Begriffs kann sich ja für uns in den Gegenstand projizieren, den das Wort bezeichnet. So daß, fehlte die Unbestimmtheit, auch nicht ‘dasselbe gemeint’ wäre. Das Bild, das wir verwenden, versinnbildlicht die Unbestimmtheit.
5[2]
640 In der Philosophie darf man keine Denkkrankheit abschneiden. Sie muß ihren natürlichen Lauf gehen, und die langsame Heilung ist das Wichtigste. (Daher die Mathematiker so schlechte Philosophen sind.)
5[3]
705 Denk dir, es würden die Leute eines Stammes von früher Jugend dazu erzogen, keinerlei Gemütsausdruck zu zeigen. Er ist für sie etwas Kindisches, das abzutun sei. Die Abrichtung sei streng. Man redet von ‘Schmerzen’ nicht; schon erst recht nicht in der Form einer Vermutung “Vielleicht hat er doch …”. Klagt jemand, so wird er verlacht, oder gestraft. Den Verdacht der Verstellung gibt es gar nicht. Klagen ist sozusagen schon Verstellung.
5[4]
709 “Verstellen”, könnten jene Leute sagen, “was für ein lächerlicher Begriff!” (Als unterschiede man einen Mord mit einer Kugel von einem mit drei Kugeln.)
5[5]
706 Ich will sagen: eine ganz andere Erziehung als die unsere könnte auch die Grundlage ganz anderer Begriffe sein.
5[6]
707 Denn es würde hier das Leben anders verlaufen. – Was uns interessiert, würde sie nicht interessieren. Andere Begriffe wären da nicht mehr unvorstellbar. Ja, wesentlich andere Begriffe sind nur so vorstellbar.
5[7] &
6[1]
630 Man könnte ihn doch einfach lehren, den Schmerz (z.B. zu mimen) (nicht in der Absicht zu betrügen). Aber wäre es Jedem beizubringen? Ich meine: Er könnte ja wohl erlernen, gewisse rohe Schmerzzeichen von sich zu geben, ohne aber je aus eigenem, aus seiner eigenen Einsicht eine feinere Nachahmung zu geben, (Sprachtalent.) (Man könnte vielleicht einem gescheiten Hund eine Art Schmerzgeheul beibringen; aber es käme doch nie bei ihm zu einem bewußten Nachahmen.)
6[2]
699 ‘Diese Menschen hätten nichts Menschenähnliches.’ Warum? – Wir könnten uns unmöglich mit ihnen verständigen. Nicht einmal so, wie wir’s mit einem Hund können. Wir könnten uns nicht in sie finden. Und doch könnte es ja solche im übrigen menschenähnliche Wesen geben.
6[3]
631 Ich will (eigentlich) sagen, daß die gedanklichen Skrupel im Instinkt anfangen (ihre Wurzeln haben). Oder auch so: das Sprachspiel hat seinen Ursprung nicht in der Überlegung. Überlegung ist ein Teil des Sprachspiels. Und der Begriff ist daher im Sprachspiel zu Hause. ‘Sandhaufen’ ist ein unscharf begrenzter Begriff – – aber warum verwendet man statt seiner nicht einen scharf begrenzten? – Liegt der Grund in der Natur der Haufen? Welche Erscheinung ist es, deren Natur unsern Begriff bestimmt?
6[4]
604 Man kann sich leicht Ereignisse vorstellen und in alle Einzelheiten ausmalen, die, wenn wir sie eintreten sähen, uns an allem Urteilen irre werden ließen. Sähe ich einmal vor meinem Fenster statt der altgewohnten eine ganz neue Umgebung, benähmen sich die Dinge Menschen und Tiere, wie sie sich nie benommen haben, so würde ich etwa die Worte äußern “Ich bin wahnsinnig geworden”; aber das wäre nur ein Ausdruck dafür, daß ich es aufgebe, mich auszukennen. Und das Gleiche könnte mir auch in der Mathematik zustoßen. Es könnte mir z.B. scheinen, als machte ich immer wieder Rechenfehler, so daß keine Lösung mir verläßlich erschiene. Das Wichtige aber für mich daran ist, daß es zwischen einem solchen Zustand und dem normalen keine scharfe Grenze gibt. Hängt mit dem Begriff des ‘Wissens’ zusammen.
6a[1]
Klagen ist schon so schlimm, daß es das Schlimmere der Verstellung gar nicht mehr gibt. Sie können hinter der einen Schande die andere nicht mehr sehen.
6[5] &
7[1]
1604. Angenommen, ich hätte eine Erfahrung, ähnlich einem Erwachen, befände mich dann in einer andern Umgebung, mit Leuten, die mich versichern, ich habe geschlafen. Angenommen ferner, ich bliebe dabei, ich habe nicht geträumt, sondern auf irgendeine Weise außer meinem schlafenden Körper gelebt. Welche Funktion hat dies Behauptung?
7[2]
1599. Wie wäre es, wenn mir jemand allen Ernstes sagte, er wisse (wirklich) nicht, ob er träume oder wache? – Kann es diese Situation geben: Einer sagt “Ich glaube, ich träume jetzt”; wirklich wacht er bald danach auf, erinnert sich an jene Äußerung im Traum und sagt “So hatte ich also recht!” – – Diese Erzählung kann doch nur besagen: Einer habe geträumt, er hätte gesagt, er träume. Denke, ein Bewußtloser sagte (etwa in der Narkose) “Ich bin bei Bewußtsein“– würden wir sagen “Er muß es wissen”? Und wenn Einer im Schlaf spräche “Ich schlafe”, – würden wir sagen “Er hat ganz recht”? Spricht Einer die Unwahrheit, der mir sagt: “Ich bin nicht bei Bewußtsein”? (Und die Wahrheit, wenn er’s bewußtlos sagt? Und wie, wenn ein Papagei sagte “Ich verstehe kein Wort”, oder ein Grammophon “Ich bin bloß eine Maschine”?)
7[3]
1600. Denke, in einem Tagtraum ließe ich mich sprechen “Ich phantasiere bloß”, wäre das wahr? Denke, ich schreibe so eine Phantasie, oder Erzählung, einen phantasierten Dialog, und in ihm sage ich “Ich phantasiere” – – aber, wenn ich es aufschreibe, – wie zeigt sich’s daß diese Worte Worte der Phantasie sind und daß ich nicht aus der Phantasie herausgetreten bin? Wäre es nicht wirklich möglich, daß der Träumende, sozusagen aus dem Traum heraustretend, im Schlaf spräche “Ich träume”? Es wäre wohl denkbar, daß so ein Sprachspiel existierte. Dies hängt mit dem Problem des ‘Meinens’ zusammen. Denn ich kann im Dialog eines Stücks schreiben “Ich bin gesund” und es also nicht meinen, obwohl es auch wahr ist. Die Worte gehören zu diesem und nicht zu jenem Sprachspiel.
7[4]
1601. ‘Wahr’ und ‘Falsch’ im Traum. Ich träume, daß es regnet und daß ich sage “Es regnet” – – anderseits: Ich träume, daß ich sage “Ich träume”.
7[5]
1602. Hat das Verbum “träumen” eine Gegenwartsform? Wie lernt diese der Mensch gebrauchen?
8[1]
1605. “‘Ich habe Bewußtsein’, das ist eine Aussage, an der kein Zweifel möglich ist.” Warum soll das nicht das Gleiche sagen, wie dies: “‘Ich habe Bewußtsein’ ist kein Satz”? Man könnte auch so sagen: Was schadet es, daß Einer sagt, “Ich habe Bewußtsein” sei eine Aussage, die keinen Zweifel zulasse? Wie komme ich mit ihm in Widerspruch? Nimm an, jemand sagte mir dies, – warum soll ich mich nicht gewöhnen, ihm nichts darauf zu antworten, statt etwa einen Streit anzufangen? Warum soll ich seine Worte nicht behandeln, wie sein Pfeifen oder Summen?
8[2]
1606. “Nichts ist so gewiß wie, daß mir Bewußtsein eignet.” Warum soll ich es dann nicht auf sich beruhen lassen? Diese Gewißheit ist wie eine große Kraft, deren Angriffspunkt sich nicht bewegt; die also keine Arbeit leistet.
8a[1]
1597. Was hieße es, mich darin irren, daß er eine Seele, Bewußtsein, habe? und was hieße es, daß ich mich irre und selbst keins habe? Was hieße es, zu sagen “Ich bin nicht bei Bewußtsein.”‒ ‒ Aber weiß ich nicht doch, daß Bewußtsein in mir ist? – So weiß ich’s also, und doch hat die Aussage, es sei so, keinen Zweck? Und wie merkwürdig, daß man lernen kann, sich in dieser Sache mit andern Leuten zu verständigen!
8a[2]
1598. Einer kann sich bewußtlos stellen; aber auch bewußt?
8[3]
644 Erinnere dich: die Meisten sagen, man spüre in der Narkose nichts. Manche aber sagen doch: Man könnte ja doch etwas fühlen und es nur völlig vergessen. Wenn es also hier solche gibt, die zweifeln und solche, denen kein Zweifel kommt, so könnte die Zweifellosigkeit doch auch viel allgemeiner bestehen.
8[4]
645 Oder der Zweifel könnte doch andere, und viel weniger unbestimmte Form haben, als in unserer Gedankenwelt.
8[5]
736 Niemand außer ein Philosoph, würde sagen “Ich weiß, daß ich zwei Hände habe”; wohl aber kann man sagen: Ich bin nicht im Stande, zu bezweifeln, daß ich zwei Hände habe”. “Wissen” aber wird gewöhnlich nicht in diesem Sinn gebraucht. “Ich weiß, wieviel 97 × 78 ist” “Ich weiß, daß 97 × 78 432 ist.” Im ersten Falle teile ich jemand mit, ich könne etwas besitze etwas; im zweiten versichere ich einfach, 97 × 78 sei 432. Sagt denn “97 × 78 ist ganz bestimmt 432!” nicht, ich wisse, es sei so? Der erste Satz ist kein arithmetischer, noch kann ihn ein solcher ersetzen; statt des zweiten könnte man einen arithmetischen Satz verwenden.
8[6]
Kann jemand glauben, daß 25 × 25 = 625 ist? Was heißt es, das zu glauben.? Wie zeigt es sich, daß er das glaubt?
9[1]
302 Aber gibt es nicht ein Phänomen des Wissens, so zu sagen, ganz abgesehen vom Sinn der Worte “Ich weiß”? Ist es nicht merkwürdig, daß ein Mensch etwas wissen kann, die Tatsache gleichsam in sich selbst haben kann? – Aber das ist eben ein falsches Bild. – Denn, sagt man, Wissen ist es nur, wenn es sich wirklich verhält, wie er sagt. Aber das ist nicht genug. Es darf sich nicht nur zufällig so verhalten. Er muß nämlich wissen, daß er weiß; das Wissen ist ja sein eigener Seelenzustand; er kann darüber– außer durch eine besondere Verblendung – nicht im Zweifel, oder Unrecht sein. Wenn also das Wissen, daß es so ist, nur ein Wissen ist, wenn es wirklich so ist; und wenn das Wissen in ihm ist, so daß er sich darin, ob es ein Wissen ist nicht irren kann; dann ist er (also) auch unfehlbar darin, daß es ist, wie es das Wissen weiß; und also muß die Tatsache, die er weiß, so wie das Wissen, in ihm sein. Und das deutet allerdings auf eine bestimmte Art der Verwendung von “Ich weiß”. “Ich weiß, daß es so ist” heißt dann: Es ist so, oder ich bin verrückt. Also: wenn ich, ohne zu lügen, sage; “Ich weiß, daß es so ist”, so kann ich nur durch eine besondere Verblendung im Unrecht sein.
9[2]
a Wie kommt es, daß der Zweifel nicht der Willkür untersteht? – Und wenn es so ist, – könnte nicht ein Kind durch seine merkwürdige Veranlagung an Allem zweifeln?
9[3]
342 b Man kann erst zweifeln, wenn man Gewisses gelernt hat; wie man sich erst verrechnen kann, wenn man rechnen gelernt hat. Dann ist es allerdings unwillkürlich.
9[4]
335 Denke, ein Kind wäre ganz besonders gescheit, so gescheit, daß man ihm gleich die Zweifelhaftigkeit der Existenz aller Dinge beibringen kann. Es lernt also vom Anfang: “Das ist wahrscheinlich ein Sessel.” Und wie lernt es nun die Frage: “Ist das auch wirklich ein Sessel?” –
9[5]
336 Betreibe ich Kinderpsychologie? – Ich bringe den Begriff des Lehrens mit dem Begriff der Bedeutung in Verbindung.
9[6] &
10[1]
337 Einer sei ein überzeugter Realist, der Andere ein überzeugter Idealist und lehrt seine Kinder dementsprechend. In einer so wichtigen Sache wie der Existenz, oder Nichtexistenz der äußern Welt wollen sie ihren Kindern nichts Falsches beibringen. Was wird man sie nun lehren? Auch dies, zu sagen “Es gibt physikalische Gegenstände”, beziehungsweise das Gegenteil? Wenn Einer an Feen nicht glaubt, so braucht er seine Kinder nicht lehren “Es gibt keine Feen”, sondern er kann es unterlassen, sie das Wort “Fee” zu lehren. Bei welcher Gelegenheit sollen sie sagen “Es gibt …” oder “Es gibt nicht …”? Nur wenn sie Leute treffen, die entgegengesetzten Glaubens sind.
10[2]
338 Aber der Idealist wird den Kindern doch das Wort “Sessel” beibringen, denn er will sie ja lehren, gewisses zu tun, z.B. einen Sessel zu holen. Wo wird sich also, was die idealistisch erzogenen Kinder sagen, von dem, was die realistischen sagen, unterscheiden? Wird der Unterschied nicht nur der der Schlachtrufe sein?
10[3]
339 Fängt denn nicht das Spiel “Das ist wahrscheinlich ein …” mit der Enttäuschung an? Und kann die erste Einstellung auf die mögliche Enttäuschung sein? Das Sprachspiel “Was ist das?” – “Ein Sessel.” – ist nicht das Gleiche wie: “Wofür hältst du das?” – “Es dürfte ein Sessel sein.”
10[4]
340 “So muß man ihm also zuerst eine falsche Sicherheit beibringen?” Es ist bei ihrem Sprachspiel von Sicherheit oder von Unsicherheit noch nicht die Rede. Erinnere dich: sie lernen ja etwas tun.
10[5]
325 Einen im Anfang lehren “Das scheint rot” hat ja gar keinen Sinn. Das muß er ja spontan sagen, wenn er einmal gelernt hat, was “rot” heißt, d.i. die Technik der Wortverwendung.
10[6]
326 Die Grundlage jeder Erklärung ist die Abrichtung. (Das sollten Erzieher bedenken.)
10[7]
“Es scheint mir rot.” – “Und wie ist rot.” – “So.” Dabei muß auf das richtige Paradigma gezeigt werden.
11[1]
311 Wenn er zuerst die Farbnamen lernt, – was wird ihm beigebracht? Nun, er lernt z.B. beim Anblick von etwas Rotem “Rot” ausrufen. – Ist das eine richtige Beschreibung, oder hätte es heißen sollen: “Er lernt ‘rot nennen’, was auch wir ‘rot’ nennen”? – Beide Beschreibungen sind richtig. Wie unterscheidet sich davon das Sprachspiel “Wie kommt es dir vor?”? Man könnte Einem doch die Farbwörter beibringen, indem man ihn auf weiße Gegenstände durch farbige Brillen schauen läßt. Was ich ihn aber lehre, muß ein Können sein. Er kann also jetzt auf Befehle etwas Rotes bringen; oder Gegenstände nach ihren Farben ordnen. Aber was ist denn etwas Rotes?
11[2]
314 Warum lehrt man das Kind nicht zuerst gleich das Sprachspiel “Es scheint mir rot”? Weil es noch nicht im Stande ist den feineren Unterschied zwischen Schein und Sein zu verstehen?
11[3]
315 Die rote Gesichtsempfindung ist ein neuer Begriff.
11[4]
316 Das Sprachspiel, was wir ihm dann beibringen, ist: “Mir scheint es …, dir scheint es …” Im ersten Sprachspiel kommt eine Person als wahrnehmendes Subjekt nicht vor.
11[5]
317 Du gibst dem Sprachspiel ein neues Gelenk. Was aber nicht heißt, daß nun davon immer Gebrauch gemacht wird.
11[6]
149. Das innere Hinblicken auf die Empfindung – welche Verbindung soll es denn zwischen Wort und Empfindung herstellen; wozu soll diese Verbindung dienen? Hat man mich das gelehrt, als ich diesen Satz gebrauchen, diesen Gedanken denken lernte? (Ihn zu denken ist ja etwas, was ich lernen müßte) Wir lernen allerdings auch dies, unsre Aufmerksamkeit auf Dinge, und auf Empfindungen, richten. Wir lernen beobachten und die Beobachtung beschreiben. Aber wie lehrt man mich dies; wie wird in diesem Falle meine ‘innere Tätigkeit’ kontrolliert? Wonach wird beurteilt, ob ich wirklich Acht gegeben habe?
11[7]
1753. “Der Sessel ist der gleiche, ob ich ihn betrachte oder nicht”– das müßte nicht wahr sein. Menschen werden oft verlegen, wenn man sie anschaut. “Der Sessel fährt fort zu existieren, ob ich ihn anschaue oder nicht.” Das könnte als Erfahrungssatz behandelt werden, oder es könnte grammatisch aufzufassen sein. Man kann aber auch einfach an dem begrifflichen Unterschied zwischen Sinneseindruck und Objekt dabei denken.
12[1]
Ist aber nicht die Übereinstimmung der Menschen dem Spiel wesentlich? Muß, wer es lernt, also nicht zuerst die Bedeutung von “gleich” kennen, & setzt die nicht auch Übereinstimmung voraus? u.s.f.
12[2]
Du sagst “Das ist rot”, aber wie wird entscheiden, ob Du recht hast? Entscheidet es nicht die Übereinstimmung der Menschen? – Aber berufe ich mich denn auf diese Übereinstimmung in meinen Farburteilen? Geht es denn so vor sich: Ich lasse eine Anzahl Leute einen Gegenstand anschauen; jedem von ihnen fällt dabei eines einer gewissen Gruppe von Wörtern (der sogenannten Farbwörter) ein; ist der Mehrzahl der Betrachter das Wort “rot”, z.B., eingefallen (zu dieser Mehrzahl muß ich selbst nicht gehören), so gebührt dem Gegenstand das Prädikat “rot”. So eine Technik könnte ja ihre Wichtigkeit haben.
12[3]
Die Farbwörter werden so gelehrt: “Das ist rot” z.B.– Unser Sprachspiel kommt freilich nur zustande, wenn eine gewisse Übereinstimmung herrscht, aber der Begriff der Übereinstimmung tritt ins Sprachspiel nicht ein. Wäre die Übereinstimmung vollkommen, so könnte ihr Begriff ganz unbekannt sein.
12[4]
Entscheidet die Übereinstimmung der Menschen, was rot ist? Wird das durch den Appell an die Mehrheit entschieden? Wurde uns beigebracht, die Farbe so zu bestimmen?
12[5]
312 Ich beschreibe eben das Sprachspiel “Bring etwas Rotes” dem, der es schon selbst spielen kann. Den Andern könnt’ ich’s nur lehren. (Relativität.)
12[6] &
13[1]
2012. “Was ich wahrnehme, ist dies – “und nun folgt eine Form der Beschreibung. Das Wort “Dies” könnte man auch so erklären: Denken wir uns eine direkte Übertragung des Erlebnisses! – Aber was ist nun unser Kriterium dafür, daß das Erlebnis wirklich übertragen wurde? “Nun, er hat eben dann das, was ich habe”. – Aber wie ‘hat’ er es?
13[2]
659. Was heißt es “eine Empfindung mit einem Wort bezeichnen, benennen”? Gibt es da nichts zu untersuchen? Denk dir, du kämest von einem Sprachspiel mit räumlichen Gegenständen – und nun hieße es, es werden jetzt auch Empfindungen benannt. Wäre das nicht, als würde zuerst von einer Übertragung des Besitzes, und dann auch einmal von einer Übertragung der Freude am Besitz, oder des Stolzes auf den Besitz gesprochen. Müssen wir da nicht etwas Neues lernen? Etwas Neues, was wir auch “übertragen” nennen.
13[3]
1766. Die Beschreibung des subjektiv Gesehenen ist nahe oder entfernt verwandt der Beschreibung eines Objekts, aber funktioniert eben daher nicht als Beschreibung eines Gegenstands. Wie vergleicht man Gesichtsempfindungen? Wie vergleiche ich meine mit des Andern Gesichtsempfindungen?
13[4]
516 “Verifying by inspection” ist ein gänzlich irreführender Ausdruck. Er sagt nämlich, daß zuerst ein Vorgang, die Inspektion, geschieht, und die wäre mit dem Schauen durch ein Mikroskop vergleichbar, oder mit dem Vorgang des Umwendens des Kopfes um etwas zu sehen. Und, daß dann das Sehen notwendig erfolge Man könnte von “sehen durch umwenden” oder “sehen durch schauen” reden. Aber dann ist eben das Umwenden (oder Schauen) ein dem Sehen externer Vorgang, der uns (daher) nur praktisch interessiert. Was man sagen möchte ist: “sehen durch sehen”.
13[5]
454. Nicht darum handelt es sich, daß unsre Sinneseindrücke uns belügen können, sondern, daß wir ihre Sprache verstehen. (Und diese Sprache beruht, wie jede andere, auf Übereinkunft.)
13[6] &
14[1]
455. Man ist geneigt zu sagen: “Es regnet, oder es regnet nicht; wie ich das weiß, wie mich die Kunde davon erreicht hat, ist eine andere Sache.” Aber stellen wir also die Frage so: Was nenne ich “eine Kunde davon, daß es regnet”? (Oder habe ich auch von dieser Kunde nur Kunde erhalten?) – Und was kennzeichnet denn diese ‘Kunde’ als Kunde von etwas? Leitet uns da nicht die Form unseres Ausdrucks irre? Ist das eben nicht eine irreführende Metapher: “mein Auge gibt mir Kunde davon, daß dort ein Sessel stehe”?
14[2]
457. Die Ursachen, warum wir einen Satz glauben, sind für die Frage, was es denn ist, das wir glauben, allerdings irrelevant; aber nicht die Gründe, die ja mit dem Satz grammatisch verwandt sind und uns sagen, wer er ist.
14[3]
452. Es ist nichts gewöhnlicher, als daß die Bedeutung eines Ausdrucks in der Weise schwankt, daß ein Phänomen bald als Symptom, bald als Kriterium einer Tatsache angesehen wird. Und meisten wird dann in einem solchen Fall der Wechsel der Bedeutung nicht gemerkt. In der Wissenschaft ist es üblich, Phänomene, die genaue Messungen zulassen, zu definierenden Kriterien eines Ausdrucks zu machen; und man ist dann geneigt zu meinen, nun sei die eigentliche Bedeutung gefunden worden. Eine Unmenge von Verwirrungen ist auf diese Weise zu Stande gekommen. Es gibt z.B. Grade des Vergnügens, aber es ist unsinnig, von einer Messung des Vergnügens zu reden. Es ist wahr, daß in gewissen Fällen ein meßbares Phänomen den Platz einnimmt, den vor ihm ein nicht meßbares hatte. Das Wort, das diesen Platz bezeichnet, wechselt dann seine Bedeutung, und seine alte Bedeutung ist mehr oder weniger obsolet geworden. Man beruhigt sich dann damit, der eine Begriff sei der genauere, der andere der ungenauere; und beachtet nicht, daß hier in jedem besondern Fall ein anderes Verhältnis zwischen dem ‘genauen’ und dem ‘ungenauen’ vorliegt. Es ist der alte Fehler, die besondern Fälle nicht zu prüfen.
14[4] &
15[1]
613 Die zureichende Evidenz geht, ohne bestimmte Grenzen zu haben, in die unzureichende über. Soll ich sagen, eine natürliche Grundlage dieser Begriffsbildung sei das komplizierte Wesen und die Mannigfaltigkeit der menschlichen Fälle? So müßte also bei einer weit geringeren Mannigfaltigkeit eine scharf begrenzte Begriffsbildung natürlich erscheinen. Und warum scheint es so schwer, sich den vereinfachten Fall vorzustellen? Wie hätten wir uns ein komplettes Regelverzeichnis für die Verwendung eines Worts zu denken? – Was versteht man unter einem kompletten Regelverzeichnis für die Verwendung einer Figur im Schachspiel? Könnten wir uns nicht immer Zweifelsfälle konstruieren, in denen das normale Regelverzeichnis nicht entscheidet? Denke etwas an so eine Frage: wie ist es festzustellen, wer zuletzt gezogen hat, wenn die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses der Spieler angezweifelt wird? Die Verkehrsregelung in den Straßen erlaubt und verbietet gewisse Handlungen der Fahrer und Fußgänger; aber sie versucht nicht, ihre sämtlichen Bewegungen durch Vorschriften zu leiten. Und es wäre sinnlos, von einer ‘idealen’ Verkehrsordnung zu reden, die das täte; wir wüßten zunächst gar nicht, was wir uns unter diesem Ideal zu denken hätten. Wünscht Einer die Verkehrsordnung in irgendwelchen Punkten strenger zu gestalten, so bedeutet das nicht, er wünsche sie so einem Ideal anzunähern. Betrachte auch diesen Satz: “Die Regeln eines Spiels können wohl eine gewisse Freiheit lassen, aber sie müssen doch ganz bestimmte Regeln sein.” Das ist, als sagte “Du kannst zwar einem Menschen durch vier Wände eine gewisse Bewegungsfreiheit lassen, aber die Wände müssen vollkommen starr sein” – und das ist nicht wahr. “Nun die Wände können wohl elastisch sein, aber dann haben sie eine ganz bestimmte Elastizität.” – Was sagt das nun doch? Es scheint zu sagen, daß man diese Elastizität muß angeben können, aber das ist wieder nicht wahr.
“Die Wand hat immer eine bestimmte Elastizität – ob ich sie weiß, oder nicht ”: das ist eigentlich das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform. Derjenigen, die sich der Form eines Ideals der Genauigkeit bedient. Gleichsam als eines Parameters der Darstellung.
16[1]
104 Das Bekenntnis zu einer Ausdrucksform, wenn es ausgesprochen wird in der Verkleidung als ein Satz der von den Gegenständen (statt von dem Zeichen) handelt muß ‘a priori’ sein. Denn sein Gegenteil wird wirklich undenkbar, insofern ihm eine Denkform, Ausdrucksform, entspricht, die wir ausgeschlossen haben.
16[2]
134 Denke dir, die Menschen pflegten auf Gegenstände immer in der Weise zu zeigen, daß sie mit dem Finger in der Luft gleichsam einen Kreis um den Gegenstand beschrieben, dann könnte man sich denken, daß ein Philosoph sagte: “Jedes Ding ist doch kreisrund; denn der Tisch sieht so aus, der Ofen so, die Lampe so” etc., indem er jedesmal einen Kreis um das Ding schlägt.
16[3] &
17[1]
109 Wir haben nun eine Theorie; eine ‘dynamische’ Theorie* des Satzes, der Sprache, aber sie erscheint uns nicht als Theorie. Es ist ja das Charakteristische einer solchen Theorie, daß sie einen besonderen, klar anschaulichen, Fall ansieht, und sagt: “Das zeigt, wie es sich überhaupt verhält; dieser Fall ist das Urbild aller Fälle.”‒ ‒ Wir sind auf eine Form der Darstellung gekommen, die uns einleuchtet. Aber es ist, als haben wir nun etwas gesehen, was unter der Oberfläche liegt.
Freud spricht von einer ‘dynamischen’ Theorie des Traumes. Die Tendenz, den klaren Fall zu verallgemeinern, scheint in der Logik strenge Berechtigung zu haben: man scheint hier mit voller Berechtigung zu schließen: “Wenn ein Satz ein Bild ist, so muß jeder Satz ein Bild sein, denn sie müssen alle wesensgleich sein.” Denn wir sind ja in der Täuschung, das Sublime, Wesentliche unserer Untersuchung bestehe darin, daß sie ein allumfassendes Wesen erfasse.
17[2]
108 Wie kann ich den Satz jetzt verstehen, wenn die Analyse soll zeigen können, was ich eigentlich verstehe? – Hier spielt die Idee des Verstehens als eines sonderbaren geistigen Vorgangs hinein. Denk’ doch einmal gar nicht an das Verstehen als ‘seelischen Vorgang’:– Denn das ist die Redeweise, die dich verwirrt. Sondern frage dich: in was für einem Fall, unter was für Umständen, sagen wir denn “jetzt weiß ich weiter” – wenn uns die Formel eingefallen ist?
17[3]
Es ist jene Redeweise, die uns hindert, die Tatsachen unparteiisch zu sehen. Betrachte die Aussprache eines Worts durch die Darstellungsform der Schreibung: Wie leicht kann man sich da überreden, daß zwei Worte – z.B. “für” und “führ” – im täglichen Gebrauche verschiedenen Klang haben – weil man sie verschieden ausspricht, wenn man sein Augenmerk gerade auf den Unterschied ihrer Schreibung richtet. Damit zu vergleichen ist die Meinung, ein Violinspieler mit feinem Gehör greife f immer etwas höher als eis. Überlege dir solche Fälle! – So kann es geschehen daß das Darstellungsmittel eine Einbildung erzeugt. nicht, wir müßten einen spezifischen seelischen Vorgang finden, weil das Verbum “verstehen” dasteht und weil man sagt: Verstehen sei eine seelische Tätigkeit.
18[1]
Die Unruhe in der Philosophie, könnte man sagen, kommt daher, daß wir die Philosophie falsch ansehen, falsch sehen, nämlich gleichsam in (endlose) Längsstreifen zerlegt, statt in (begrenzte) Querstreifen. Die Umstellung der Auffassung macht die größte Schwierigkeit. Wir wollen also gleichsam den unbegrenzten Streifen erfassen, und klagen, daß es nicht Stück für Stück möglich ist. Freilich nicht, wenn man unter einem Stück einen endlosen Längsstreifen versteht. Wohl aber, wenn man einen Querstreifen darunter versteht. – Aber dann kommen wir ja mit unserer Arbeit wieder nicht zu Ende! – Freilich nicht, denn sie hat keins. (Statt der turbulenten Mutmaßungen und Erklärungen wollen wir ruhige Erwägung sprachlicher Tatsachen setzen.)
18[2]
Und sagt man denn vom Satz “Es regnet”, er sage: es verhält sich so und so? Wie gebraucht man denn diesen Ausdruck in Wirklichkeit? Denn von diesem Gebrauch hast ja Du ihn gelernt. Verwendest Du ihn nun gegen seinen ursprünglichen Gebrauch und denkst, Du spieltest noch das alte Spiel mit ihm, so ist das, als wenn Du mit Schachfiguren Dame spieltest und sagst es hafte den Figuren nun doch noch etwas vom Schachspiel an.
18[3]
89
Ausdehnung eines Begriffs in einer Theorie (z.B. ‘Wunschtraum’).
18[4]
1374. Wer philosophiert, macht oft zu einem Wortausdruck die falsche, unpassende, Geste.
18[5]
1459. (Man sagt das Gewöhnliche, – mit der falschen Gebärde.)
19[1]
495. Wie kommt es, daß die Philosophie ein so komplizierter Bau ist? Sie sollte doch gänzlich einfach sein, wenn sie jenes Letzte, von aller Erfahrung Unabhängige ist, wofür du sie ausgibst. – Die Philosophie löst Knoten auf in unserm Denken; daher muß ihr Resultat einfach sein, ihre Tätigkeit aber so kompliziert, wie die Knoten, welche sie auflöst.
19[2]
(Wie man manchmal eine Musik nur im inneren Ohr reproduzieren kann, aber sie nicht pfeifen, weil das Pfeifen schon die innere Stimme übertönt, so ist manchmal die Stimme eines philosophischen Gedankens so leise, daß sie vom Lärm des gesprochenen Wortes schon übertönt wird und nicht mehr gehört werden kann, wenn man gefragt wird und reden soll.)
19[3]
Plato: “–Wie? sagte er, die sollte nicht nutzen? Denn wenn doch einmal die Besonnenheit die Erkenntnis der Erkenntnisse ist und den andern Erkenntnissen vorsteht, so muß sie ja auch dieser sich auf das Gute beziehenden Erkenntnis vorstehen und uns so doch nutzen. – Macht auch sie uns, sprach ich, etwa gesund und nicht die Heilkunde? Und so auch mit den andern Künsten; verrichtet sie die Geschäfte derselben und nicht vielmehr jede von ihnen das Ihrige? Oder haben wir nicht lange schon eingestanden, daß sie nur der Erkenntnisse und Unkenntnisse Erkenntnis wäre und keiner anderen Sache? – Allerdings wohl. –Sie also wird uns nicht die Gesundheit bewirken? – Wohl nicht. – Weil nämlich die Gesundheit für eine andere Kunst gehört? – Ja. – Also auch nicht den Nutzen, Freund, wird sie uns bewirken. Denn auch dieses Geschäft haben wir jetzt einer andern Kunst beigelegt. – Freilich. – Wie kann also die Besonnenheit nützlich sein, wenn sie uns gar keinen Nutzen bringt?” (Der Philosoph ist nicht Bürger einer Denkgemeinde. Das ist was ihn zum Philosophen macht.)
19[4]
593 Manche Philosophen (oder wie man sie nennen soll) leiden an dem, was man “loss of problems”, “Problemverlust” nennen kann. Es scheint ihnen dann alles ganz einfach und es scheinen keine tiefen Probleme mehr zu existieren, die Welt wird weit und flach und verliert jede Tiefe; und was sie schreiben wird unendlich seicht und trivial. Russell und H.G. Wells haben dieses Leiden.
20[1]
(Vorwort)
311 …quia plus loquitur inquisitio quam inventio … (Augustinus)
20[2]
1616. Das Wesentliche der Metaphysik: daß sie den Unterschied zwischen sachlichen und begrifflichen Untersuchungen verwischt. Das Fundamentale grammatisch ausgedrückt: Wie ist es mit dem Satz “man kann nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen”? Man kann in gewissem Sinn mit philosophischen Irrtümern nicht vorsichtig genug umgehn, sie enthalten so viel Wahrheit. “Doch solcherlei Verdrüsse pflegen die Denkungskräfte anzuregen. Wie hilft der Gedanke einem Verdruß ab?
20[3]
Ich möchte doch, daß du sagst: “Ja, es ist wahr, das könnte man sich auch denken, das konnte auch geschehen!” Aber wollte ich dich darauf aufmerksam machen, daß du imstande bist, [unreadable] dir dies vorzustellen? ‒ ‒ Ich wollte dies Bild vor deine Augen stellen, und deine Anerkennung dieses Bildes besteht darin, daß du nun geneigt bist, einen gegebenen Fall anders zu betrachten: nämlich ihn mit dieser Bilderreihe zu vergleichen. Ich habe deine Anschauungsweise geändert. (Ich habe irgendwo gelesen, daß gewissen indischen Mathematikern zum Beweis eines Satzes eine geometrische Figur dient mit den Worten: “Sieh’ dies an!” Auch dies Ansehen bewirkt eine Änderung der Anschauungsweise.)
20a[1]
Zur Mathematik
44. “Du hast einen falschen Begriff. – Aber aufklären läßt sich die Sache nicht dadurch, daß ich gegen deine Worte wettere; sondern nur dadurch, daß ich versuche, deine Aufmerksamkeit von gewissen Ausdrücken, Illustrationen, Vorstellungen weg und auf die Verwendung der Wörter hin zu lenken.”
20[4]
696 (Die Klassifikationen der Philosophen und Psychologen: sie klassifizieren Wolken nach ihrer Gestalt.)
20[5]
1563. Der Stammbaum der psychologischen Phänomene: Nicht Exaktheit strebe ich an, sondern Übersichtlichkeit.
20[6]
310
Die Behandlung aller dieser Erscheinungen des Seelenlebens ist mir nicht darum wichtig, weil’s mir auf Vollständigkeit ankommt. Sondern, weil jede für mich auf die richtige Behandlung aller ein Licht wirft. Und nicht um Symptome handelt sich’s hier, sondern um logische Kriterien. Daß diese nicht immer scharf getrennt sind, hindert nicht, daß sie getrennt sind.
21[1]
430. Unsere Untersuchung trachtet nicht, die eigentliche, exakte Bedeutung der Wörter zu finden; wohl aber geben wir den Wörtern im Verlauf unsrer Untersuchung oft exakte Bedeutungen.
21[2]
019 “Der Mensch denkt, fürchtet sich, etc. etc.”: das könnte man etwa Einem antworten, der gefragt hat, welche Kapitel ein Buch über Psychologie enthalten soll.
21[3]
Denke jemand sagt: “Der Mensch hofft.” Wie hätte man das allgemeine naturgeschichtliche Phänomen zu beschreiben? – Man könnte ein Kind beobachten und warten, bis es eines Tages Hoffnung äußert; und man könnte dann sagen: “Heute hat es zum ersten Mal gehofft”. Aber das klingt doch seltsam! Obwohl es ganz natürlich wäre, zu sagen “Heut hat es zum erstem Mal gesagt ‘ich hoffe’”. Und warum seltsam? – Man sagt doch nicht von einem Säugling, er hoffe … noch auch, er hoffe nicht …, und man sagt es doch vom Erwachsenen. – Nun, das Leben wird nach und nach zu dem, worin für Hoffnung Raum ist. Aber nun sagt man: Man kann eben nicht sicher sein, wann das Kind wirklich anfängt zu hoffen, denn Hoffen ist ein innerer Vorgang. Welcher Unsinn! Wie weiß man denn dann überhaupt, wovon man redet?
21[4]
Oder könnte er so exemplifizieren: “Ich, z.B., sehe, bin nicht blind”? Auch das klingt sonderbar. Es wäre richtig zu sagen: “Und auch an mir kannst du die Erscheinung des Denkens, Hoffens, Sehens etc. beobachten.”
21[5]
Die psychologischen Verben sehen, glauben, denken, wünschen bezeichnen nicht Erscheinungen. Aber die Psychologie beobachtet die Erscheinungen des Sehens, Glaubens, Denkens, Wünschens.
21[6] &
22[1]
063 Plan zur Behandlung der psychologischen Begriffe. Psychologische Verben charakterisiert dadurch, daß die dritte Person des Präsens durch Beobachtung zu verifizieren ist, die erste Person nicht. Satz in der dritten Person Präsens: Mitteilung. In der ersten Person Präsens Äußerung. ((Stimmt nicht ganz.)) Die erste Person des Präsens der Äußerung verwandt. Sinnesempfindungen: ihre inneren Zusammenhänge und Analogien. Alle haben echte Dauer. Möglichkeit der Angabe des Anfangs und Endes. Möglichkeit der Gleichzeitigkeit, des zeitlichen Zusammenfallens. Alle haben Grade und qualitative Mischungen. Grad: kaum merkbar – nicht auszuhalten – In diesem Sinne gibt es nicht Lage- oder Bewegungsempfindung. Ort der Empfindung am Leib: unterscheidet Sehen und Hören von Druck-, Temperatur-, Geschmacks-, und Schmerzempfindung.
22[2]
058 Man muß daran denken, daß es einen Zustand der Sprache geben kann (und wohl gegeben hat) in welchem sie den allgemeinen Begriff der Sinnesempfindung nicht besitzt, aber doch Wörter die unseren “sehen”, “hören”, “schmecken”, entsprechen.
22[3]
059 Sinneswahrnehmungen nennen wir Sehen, Hören, … Zwischen diesen Begriffen bestehen Analogien und Zusammenhänge; sie sind unsere Rechtfertigung für diese Zusammenfassung.
22[4]
060 Man kann also fragen: Was für Zusammenhänge und Analogien bestehen zwischen Sehen und Hören? Zwischen Sehen und Greifen? Zwischen Sehen und Riechen? etc.
22[5]
061 Und fragt man das, so rücken die Sinne für uns gleich weiter auseinander, als sie auf den ersten Blick zu liegen schienen.
22[6]
1370. Was ist den Sinneserlebnissen gemeinsam? – Die Antwort, daß sie uns die Außenwelt kennen lehren, ist eine falsche und eine richtige. Sie ist richtig, sofern sie auf ein logisches Kriterium deuten soll.
22[7]
1615. Die Dauer der Empfindung. Vergleiche die Dauer einer Tonempfindung mit der Dauer der Tastempfindung, die Dich lehrt, daß Du eine Kugel in der Hand hältst; und mit dem “Gefühl’ das dich lehrt, daß Deine Knie gebogen sind.
22[8]
1464. Wir fühlen unsere Bewegungen. Ja, wir fühlen sie wirklich; die Empfindung ist nicht ähnlich einer Geschmacksempfindung, oder einer Hitzeempfindung, sondern einer Tastempfindung: der Empfindung, wenn Haut und Muskeln gedrückt, gezogen, verschoben werden.
22[9]
1452. Ich fühle meinen Arm und, seltsamerweise, möchte ich nun sagen: ich fühle ihn im Raum in bestimmter Lage; als wäre nämlich das Körpergefühl in einem Raum in der Form des Arms verteilt, so daß ich, um es darzustellen, den Arm, etwa in Gips, in seiner richtigen Lage darstellen müßte.
23[1]
1454. Ja, es ist seltsam. Mein Unterarm liegt jetzt horizontal und ich möchte sagen, daß ich das fühle; aber nicht so, als hätte ich ein Gefühl, das immer mit dieser Lage zusammengeht (als fühlte man etwa Blutleere, oder Plethora) – sondern, als wäre eben das ‘Körpergefühl’ des Arms horizontal angeordnet, oder verteilt, wie etwa ein Dunst, oder Staubteilchen, an der Oberfläche meines Armes so im Raume verteilt sind. Es ist also nicht wirklich, als fühlte ich die Lage meines Arms, sondern als fühlte ich meinen Arm, und das Gefühl hätte die und die Lage. D.h. aber nur: ich weiß einfach, wie er liegt– ohne es zu wissen, weil … Wie ich auch weiß, wo ich den Schmerz empfinde – es aber nicht weise, weil …
23[2]
1363. Es ist uns förmlich, als hätte der Schmerz einen Körper, als wäre er ein Ding, ein Körper mit Form und Farbe. Warum? Hat er die Form des schmerzenden Körperteils? Man möchte z.B. sagen: “Ich könnte den Schmerz beschreiben, wenn ich nur die nötigen Worte und Elementarbedeutungen dazu hätte.” Man fühlt: es fehlt einem nur die notwendige Nomenklatur. (James) Als könnte man die Empfindung sogar malen, wenn nur der Andere diese Ausdrucksweise verstünde. – Und man kann den Schmerz ja wirklich räumlich und zeitlich beschreiben.
23[3]
063 (Wenn Empfindungen die Lage der Glieder und die Bewegungen charakterisieren, so ist ihr Ort jedenfalls nicht das Gelenk.) Die Lage der Glieder und ihre Bewegungen weiß man. Man kann sie z.B. angeben, wenn man gefragt wird. So wie man auch den Ort einer Empfindung (Schmerz) am Leibe weiß. Reaktion des Berührens der schmerzhaften Stelle. Kein lokales Merkmal an der Empfindung. So wenig wie ein zeitliches am Erinnerungsbild. (Zeitliche Merkmale an der Photographie.) Schmerz von andern Sinnesempfindungen unterschieden durch charakteristischen Ausdruck. Dadurch verwandt der Freude (die keine Sinnesempfindung).
24[1]
497 Ist es Wortklauberei: – Freude, Genuß, Entzücken seien nicht Empfindungen? – Fragen wir uns einmal: Wieviel Analogie besteht denn zwischen dem Entzücken und dem, was wir z.B. “Sinnesempfindungen nennen?
24[2]
498 Das Bindeglied zwischen ihnen wäre der Schmerz. Denn sein Begriff ähnelt dem der Tastempfindung, und zugleich dem der Gemütsbewegungen
24[3]
643. “Ich fühle große Freude.“ –Wo? – Das klingt unsinnig. Und doch sagt man auch “Ich fühle eine freudige Erregung in meiner Brust.” – Warum aber ist Freude nicht lokalisiert? Ist es, weil sie über den ganzen Körper verteilt ist? Auch dann ich sie nicht lokalisiert, wenn etwa das Gefühl, das sie hervorruft, dies ist; wenn wir uns etwa am Geruch einer Blume freuen. – Die Freude äußert sich im Gesichtsausdruck, im Benehmen. (Aber wir sagen nicht, wir freuten uns im Gesicht.)
24[4]
644. “Aber ich habe doch ein wirkliches Gefühl der Freude!” Ja, wenn du dich freust, so freust du dich wirklich. Und freilich ist Freude nicht freudiges Benehmen, noch auch ein Gefühl um die Mundwinkel und Augen. “Aber ‘Freude’ bezeichnet doch etwas Inneres.” Nein. “Freude” bezeichnet gar nichts. Weder Inneres noch Äußeres.
24[5] &
25[1]
147 Fortsetzung der Klassifizierung der psychologischen Begriffe. Gemütsbewegungen. Ihnen gemeinsam echte Dauer, ein Verlauf. (Zorn flammt auf, läßt nach, verschwindet; ebenso: Freude, Depression, Furcht.) Unterschied von den Empfindungen: sie sind nicht lokalisiert (auch nicht diffus!). Gemeinsam: sie haben ein charakteristisches Ausdrucksbenehmen. (Gesichtsausdruck.) Und daraus folgt schon: auch charakteristische Empfindungen. So geht die Trauer oft mit dem Weinen einher, und mit diesen charakteristische Empfindungen. (Die tränenschwere Stimme.) Aber die Empfindungen sind nicht die Gemütsbewegungen. (In dem Sinne, wie die Ziffer 2 nicht die Zahl 2 ist.) Unter den Gemütsbewegungen könnte man gerichtete von ungerichteten unterscheiden. Furcht vor etwas, Freude über etwas. Dies Etwas ist das Objekt, nicht die Ursache der Gemütsbewegung.
25[2]
Das Sprachspiel “Ich fürchte mich” enthält schon das Objekt. Angst könnte man ungerichtete Furcht nennen, insofern ihre Äußerungen ähnlich oder gleich denen der Furcht sind. Der Inhalt einer Gemütsbewegung – darunter stellt man sich so etwas vor wie ein Bild, oder etwas, wovon ein Bild gemacht werden kann. (Die Finsternis der Depression, die sich auf Einen herniedersenkt, die Flammen des Zornes.)
25[3]
Man könnte auch das menschliche Gesicht ein solches Bild nennen und den Verlauf der Leidenschaft durch seine Veränderungen darstellen. Zum Unterschied von den Empfindungen: sie unterrichten uns nicht über die Außenwelt. (Grammatische Bemerkung.) Liebe und Haß könnte man Gemütsdispositionen nennen: auch Furcht in einem bestimmten Sinne.
25[4]
Es ist Eines, akute Furcht empfinden, und ein anderes, jemand ‘chronisch’ fürchten. Aber Furcht ist keine Empfindung. ‘Schreckliche Furcht’: sind es die Empfindungen, die so schrecklich sind? Typische Ursachen des Schmerzes einerseits, der Depression. Trauer, Freude anderseits. Ursache dieser zugleich ihr Objekt. Das Benehmen des Schmerzes und das Benehmen der Traurigkeit. – Man kann diese nur mit ihren äußeren Anlässen beschreiben. (Wenn die Mutter das Kind allein läßt, mag es vor Trauer weinen; wenn es hinfällt, vor Schmerz.) Benehmen und Art des Anlasses gehören zusammen.
25[5]
Es gibt furchtvolle Gedanken, hoffnungsvolle, freudige, zornige, etc. Gemütsbewegungen drücken sich in Gedanken aus. Einer redet zornig, furchtsam, traurig, freudig, etc.; nicht kreuzschmerzlich. Ein Gedanke flößt mir Gemütsbewegungen Furcht, Trauer etc. ein, nicht Körperschmerz.
25[6]
324 Fast möchte ich sagen: Man fühlt die Trauer so wenig im Körper, wie das Sehen im Auge.
25[7] &
26[1]
171 Das Schreckliche an der Furcht sind nicht die Furchtempfindungen. Diese Sache erinnert auch an das Hören eines Geräusches aus einer bestimmten Richtung. Es ist beinahe, als fühlte man die Beschwerde in der Magengegend aus der Richtung der Furcht. D.h. eigentlich, daß “Mir ist schlecht vor Furcht” nicht eine Ursache der Furcht angibt.
26[2]
“Wo spürst Du den Kummer?” – In der Seele. – – – – Was für Konsequenzen ziehen wir aus dieser Ortsangabe? Eine ist, daß wir nicht von einem körperlichen Ort des Kummers reden. Aber wir deuten doch auf unsern Leib, als wäre der Kummer in ihm. Ist das, weil wir ein körperliches Unbehagen spüren? Ich weiß die Ursache nicht. Aber warum soll ich annehmen, sie sei ein leibliches Unbehagen?
26[3]
Denke Dir folgende Frage: Kann man sich einen Schmerz, sagen wir von der Qualität des rheumatischen Schmerzes, denken, aber ohne Örtlichkeit? Kann man sich ihn vorstellen? Wenn Du anfängst, darüber nachzudenken, so siehst Du wie sehr Du das Wissen um den Ort des Schmerzes in ein Merkmal des Gefühlten verwandeln möchtest, in ein Merkmal eines Sinnesdatums, des privaten Objekts, das vor meiner Seele steht.
26[4]
1398. Wenn die Angst furchtbar ist, und wenn ich in ihr mir meiner Atmung bewußt bin und einer Spannung in meinen Gesichtsmuskeln, – sagt das, daß diese Gefühle mir furchtbar sind? Könnten sie nicht sogar eine Linderung bedeuten? Dostojewskij
26[5]
157 Warum verwendet man aber das Wort “leiden” für die Furcht und auch für den Schmerz? Nun, es sind ja Verbindungen genug. –
26[6]
160 Auf die Äußerung “Ich kann nicht ohne Furcht daran denken …” antwortet man etwa: “Es ist kein Grund zur Furcht, denn …” Das ist jedenfalls ein Mittel, Furcht zu beseitigen. Gegensatz zum Schmerz.
26[7]
173 Daß es ein Furchtkonglomerat von Empfindungen, Gedanken etc. (z.B.) gibt, heißt nicht, daß Furcht ein Konglomerat ist.
26[8]
1592. Wer im Studierzimmer sich die Trauer vormacht, der wird sich allerdings leicht der Spannungen in seinem Gesicht bewußt werden. Aber trauere wirklich, oder folge einer traurigen Handlung im Film, und frag Dich, ob Du Dir Deines Gesichts bewußt warst.
26[9]
1626. Liebe ist kein Gefühl. Liebe wird erprobt, Schmerzen nicht. Man sagt nicht: “Das war kein wahrer Schmerz, sonst hätte er nicht so schnell nachgelassen.”
27[1]
1593. Ein Zusammenhang zwischen den Stimmungen und Sinneseindrücken ist, daß wir die Stimmungsbegriffe zur Beschreibung von Sinneseindrücken und Vorstellungen benützen. Wir sagen von einem Thema, einer Landschaft, sie seien traurig, fröhlich, etc. Aber viel wichtiger ist es natürlich, daß wir das menschliche Gesicht, die Handlung, das Benehmen, durch alle Stimmungsbegriffe beschreiben.
27[2]
420. Ein freundlicher Mund, ein freundliches Auge. Wie denkt man sich eine freundliche Hand? – Wahrscheinlich geöffnet und nicht als Faust. – Und könnte man sich die Haarfarbe des Menschen als Ausdruck der Freundlichkeit, oder des Gegenteils, denken? – Aber so gestellt, scheint dies die Frage zu sein, ob uns das gelingen kann. Die Frage sollte lauten: Wollen wir etwas eine freundliche, oder un-freundliche Haarfarbe nennen? Wollen wir solchen Worten Sinn geben, so würden wir uns etwa einen Menschen denken, dessen Haare dunkel werden, wenn er zornig wird. Das Hineinlesen des bösen Ausdrucks in die dunkeln Haare aber geschähe mittels einer schon früher fertigen Idee. Man kann sagen: Das freundliche Auge, der freundliche Mund, das Wedeln des Hundes, sind, unter andern, primäre und von einander unabhängige Symbole der Freundlichkeit; ich meine: sie sind Teile der Phänomene, die man Freundlichkeit nennt. Will man sich andere Erscheinungen als Ausdruck der Freundlichkeit denken, so sieht man jene Symbole in sie hinein. Wir sagen “Er macht ein finsteres Gesicht”; vielleicht, weil die Augen durch die Augenbrauen stärker beschattet werden; und nun übertragen wir die Idee der Finsternis auf die Haarfarbe.
27[3]
1468. Wer fragt, ob Vergnügen eine Empfindung ist, unterscheidet wahrscheinlich nicht zwischen Grund und Ursache, denn sonst fiele ihm auf, daß man an etwas Vergnügen hat, was nicht heißt, daß dies Etwas eine Empfindung in uns verursacht.
27[4]
1469. Aber Vergnügen geht doch jedenfalls mit einem Gesichtsausdruck zusammen, und den sehen wir zwar nicht an uns selbst, aber spüren ihn doch. Und versuch einmal über etwas sehr Trauriges nachzudenken mit dem Gesichtsausdruck strahlender Freude!
28[1]
1470. Es ist ja möglich, daß die Drüsen des Traurigen anders sezernieren, als die des Fröhlichen: auch, daß diese Sekretion die, oder eine, Ursache der Trauer ist. Aber folgt daraus, daß die Trauer eine durch diese Sekretion hervorgerufene Empfindung ist?
28[2]
1471. Aber der Gedanke ist hier: “Du fühlst doch die Trauer- also mußt Du sie irgendwo fühlen; sonst wäre sie eine Chimäre.” Aber wenn du das denken willst, rufe Dir die Verschiedenheit von Sehen und Schmerz ins Gedächtnis. Ich fühle den Schmerz in der Hand – – und die Farbe im Auge? So wie wir hier ein Schema verwenden wollen, statt bloß das wirklich Gemeinsame zu notieren, sehen wir alles falsch vereinfacht. Wollte man aber ein Analogon zum Ort des Schmerzes finden, so wäre es natürlich nicht die Seele (wie ja der Ort des Körperschmerzes nicht der Körper ist), sondern der Gegenstand der Reue.
28[3]
158 Denke, man sagte: Fröhlichkeit wäre ein Gefühl, und Traurigkeit bestünde darin, daß man nicht fröhlich ist. – Ist denn die Abwesenheit eines Gefühls ein Gefühl?
28[4]
319 Man spricht von einem Gefühl der Überzeugung, weil es einen Ton der Überzeugung gibt. Ja, das Charakteristikum aller ‘Gefühle’ ist, daß es einen Ausdruck, d.i. eine Miene, Gebärde des Gefühls gibt.
28[5]
251. Nun könnte man aber sagen: Das Gesicht eines Menschen ist durchaus nicht immer dieselbe Gestalt. Es ändert sich von Minute zu Minute; manchmal wenig, manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Dennoch ist es möglich, das Bild seiner Physiognomie zu zeichnen. Freilich, ein Bild, auf dem das Gesicht lächelt, zeigt nicht, wie es weinend aussieht. Aber es läßt darauf immerhin Schlüsse zu. – Und so wäre es auch möglich, eine Art ungefähre Physiognomie des Glaubens (z.B.) zu beschreiben.
28[6]
497 Ich gebe Zeichen des Entzückens und es Verständnisses.
28[7]
720 Kann man das ‘sich auskennen’ ein Erlebnis nennen? Nicht doch. Aber es gibt Erlebnisse charakteristisch für den Zustand des Sichauskennens und des Sich-nicht-auskennens. (Sich nicht auskennen und lügen.)
29[1]
1521. Es ist aber doch wichtig, daß es alle diese Paraphrasen gibt! Daß man die Sorge mit den Worten beschreiben kann “Ewiges Düstere steigt herunter”.
29[2]
307 Warum kann der Hund Furcht, aber nicht Reue empfinden? Wäre es richtig zu sagen “Weil er nicht sprechen kann”?
29[3]
308 Nur wer über der Vergangenheit nachdenken kann, kann bereuen. Das heißt aber nicht, daß nur so einer erfahrungsgemäß des Gefühls der Reue fähig ist.
29[4]
309 Es ist ja auch nichts Erstaunliches, daß ein gewisser Begriff nur auf ein Wesen anwendbar sein sollte das z.B. eine Sprache besitzt.
29[5]
189. “Der Hund meint etwas mit seinem Wedeln.” – Wie würde man das begründen? – Sagt man auch: “Die Pflanze, wenn sie ihre Blätter hängen läßt, meint damit, daß sie Wasser braucht”? –
29[6]
190. Wir würden kaum fragen, ob das Krokodil etwas damit meint, wenn es mit offenem Rachen auf einen Menschen zukommt. Und wir würden erklären: das Krokodil könne nicht denken, und darum sei eigentlich hier von einem Meinen keine Rede.
29[7]
165 Vergessen wir doch einmal ganz, daß und der Seelenzustand des Fürchtenden interessiert. Gewiß ist, daß uns auch sein Benehmen unter gewissen Umständen als Anzeichen für künftiges Verhalten interessieren kann. Warum sollten wir also nicht dafür ein Wort haben. Man könnte nun fragen, ob dies Wort sich wirklich einfach auf das Benehmen, einfach auf die Veränderungen des Körpers bezöge. Und das wollen wir verneinen. Es liegt uns ja nichts daran, den Gebrauch dieses Worts derart zu vereinfachen. Es bezieht sich auf das Benehmen unter gewissen äußeren Umständen. Wenn wir diese Umstände & jenes Benehmen beobachten, sagen wir, Einer sei …, oder habe …
29[8]
691 Es könnte einen Furchtbegriff geben, der nur auf Tiere, also nur durch Beobachtung, Anwendung fände. – Du willst doch nicht sagen, daß so ein Begriff keinen Nutzen hätte. Das Verbum, das beiläufig dem Worte “fürchten” entspräche, hätte dann keine erste Person, & keine seiner Formen wäre Äußerung der Furcht.
30[1]
166 Ich will nun sagen, daß Menschen, welche einen solchen Begriff gebrauchen, seinen Gebrauch nicht müßten beschreiben können. Und sollten sie’s versuchen, so könnten sie vielleicht eine ganz unzulängliche Beschreibung geben, (Wie die meisten, wenn sie versuchen wollten, die Verwendung des Geldes richtig zu beschreiben.) (Sie sind auf so eine Aufgabe nicht gefaßt.)
30[2]
323 Wer sich unter den und den Umständen so und so benimmt, von dem sagen wir, er sei traurig. (Auch vom Hund) Insofern kann man nicht sagen, das Benehmen sei die Ursache der Trauer; sie ist ihr Anzeichen. Sie die Wirkung der Trauer zu nennen, wäre auch nicht einwandfrei. – Sagt er’s von sich (er sei traurig), so wird er im Allgemeinen dafür als Grund nicht sein trauriges Gesicht u.s.w. angeben. Wie aber wäre es damit: “Erfahrung hat mich gelehrt, daß ich traurig werde, sobald ich anfange, traurig dazusitzen, etc.? Das könnte zweierlei heißen. Erstens: “Sobald ich, etwa einer leichten Neigung folgend, es mir gestatte, mich so und so zu halten und zu benehmen, gerate ich in den Zustand, in diesem Benehmen verharren zu müssen.” Es könnte ja sein, daß Zahnschmerzen durch Stöhnen ärger würden. – Zweitens aber, könnte jener Satz eine Spekulation enthalten über die Ursache der menschlichen Trauer; des Inhalts, daß, wer im Stande wäre auf irgend eine Weise gewisse Körperzustände hervorzurufen, den Menschen traurig machen würde. Hier ist aber die Schwierigkeit, daß wir einen Menschen, der unter allen Umständen traurig aussähe und sich benähme, nicht traurig nennen würden. Ja, wenn wir einem solchen den Ausdruck “Ich bin traurig” beibrächten und er sagte das stets & ständig mit dem Ausdruck der Trauer, so hätten diese Worte, so wie die übrigen Zeichen ihren normalen Sinn verloren.
30a[1]
Ist es nicht so, als wollte man sich einen Gesichtsausdruck vorstellen, der nicht allmählicher, zarter Veränderungen fähig wäre, sondern, sagen wir nur fünf Stellungen hätte; bei einer Veränderung ginge die eine mit einem Ruck in die andere über. Wäre nun dies starre Lächeln z.B. wirklich ein Lächeln? Und warum nicht? – “Lächeln” nennen wir eine Miene in einem normalen Mienenspiel. – Ich könnte mich (vielleicht) nicht so dazu verhalten, wie zu einem Lächeln. Es würde mich z.B. nicht selber zum Lächeln bringen. “Kein Wunder” will man sagen, “daß wir diesen Begriff haben unter diesen Umständen.”
30[3]
765. Eine Hilfskonstruktion. Ein Stamm, den wir versklaven wollen. Die Regierung und die Wissenschaft geben aus, daß die Leute dieses
31[1]
Stamme keine Seelen haben; man könne sie also zu jedem beliebigen Zweck gebrauchen. Natürlich interessiert uns dennoch ihre Sprache; denn wir wollen ihnen ja z.B. Befehle geben und Berichte von ihnen erhalten. Auch wollen wir wissen, was sie unter einander reden, da dies mit ihrem übrigen Verhalten zusammenhängt. Aber auch, was bei ihnen unsern ‘psychologischen Äußerungen’ entspricht, muß uns interessieren; denn wir wollen sie arbeitsfähig erhalten; darum sind uns ihre Äußerungen des Schmerzes, des Unwohlseins, der Niedergeschlagenheit der Lebenslust, etc. etc. von Wichtigkeit. Ja, wir haben auch gefunden, daß man diese Leute mit gutem Erfolg als Versuchsobjekte in physiologischen und psychologischen Laboratorien verwenden kann, da ihre Reaktionen – auch die Sprachreaktionen – ganz die der seelenbegabten Menschen sind. Man habe auch gefunden, daß man diesen Automaten, durch eine Methode, die sehr ähnlich unserm ‘Unterricht’ ist, unsere Sprache statt der ihrigen beibringen kann.
31[2]
766. Diese Wesen lernen nun z.B. rechnen, schriftlich oder mündlich rechnen. Wir bringen sie aber, irgendwie, dahin, daß sie uns das Ergebnis einer Multiplikation sagen können, nachdem sie, ohne zu schreiben oder zu sprechen, sich eine Weile in ‘nachdenkender’ Haltung verhalten haben. Dabei liegt das Bild nahe, der Prozeß des Rechnens sei gleichsam untergetaucht und gehe nun unter der Wasserfläche vor sich.) Wir müssen natürlich für verschiedene Zwecke einen Befehl haben der Art “Rechne dies im Kopf!”; eine Frage “Hast Du es gerechnet?”; ja auch: “Wie weit bist Du?”; eine Aussage des Automaten “Ich habe … gerechnet”: etc.. Kurz: alles, was wir, unter uns, über das Kopfrechnen sagen, hat auch Interesse für uns, wenn sie’s sagen. Und was für’s Kopfrechnen gilt, gilt auch für andere Formen des Denkens. – –Äußert Einer von uns die Meinung, diese Wesen müßten doch irgendeine Art von Seele haben, in der dies und jenes vor sich ginge, so lachen wir ihn aus.
32[1]
770. Die Sklaven sagen auch: “Als ich das Wort “Bank” hörte, bedeutete es für mich …”. Frage: Auf dem Hintergrund welcher Sprachtechnik sagen sie das? Denn darauf kommt alles an. Was hatten wir sie gelehrt, welche Benutzung des Wortes “bedeuten”? Und was, wenn überhaupt irgendetwas, entnehmen wir ihrer Äußerung? Denn wenn wir gar nichts mit ihr anfangen können, so könnte sie uns als Kuriosität interessieren. – Denken wir uns einen Stamm von Menschen, die keine Träume kennen, und die unsere Traumerzählungen hören. Einer von uns käme zu diesen nicht-träumenden Leuten und lernte nach und nach, sich mit ihnen verständigen. Vielleicht denkt man, sie würden nun das Wort “träumen” nie verstehen. Aber sie würden bald eine Verwendung dafür finden. Und ihre Ärzte könnten sich sehr wohl für das Phänomen interessieren und wichtige Schlüsse aus den Träume des Fremden ziehen. ‒ ‒ Auch kann man nicht sagen, daß für diese Leute das Verbum “träumen” nichts anderes bedeuten könnte, als: einen Traum erzählen. Denn der Fremde würde ja beide Ausdrücke gebrauchen: “träumen” und “einen Traum erzählen”, und die Leute jenes Stammes dürften nicht “ich träumte …” mit “ich erzählte den Traum …” verwechseln.
32[2]
117. “Ich nehme an, es schwebe ihm ein Bild vor.” – Könnte ich auch annehmen, es schwebe diesem Ofen ein Bild vor? – Und warum scheint dies unmöglich? Ist denn also die menschliche Gestalt dazu nötig?
32[3]
150 Nur inmitten gewisser normaler Lebensäußerungen gibt es eine Schmerzäußerung. Nur inmitten von noch viel weitgehender bestimmten Lebensäußerung den Ausdruck der Trauer, oder der Zuneigung. U.s.f.
32[4]
142 Wenn ich mir, und wenn ein Andrer sich, einen Schmerz vorstellen kann, oder mir doch sagen, daß wir’s können, – wie kann man herausfinden, ob wir ihn uns richtig vorstellen, und wie genau?
32[5]
Ich mag wissen, daß er Schmerzen hat, aber ich weiß nie den genauen Grad seiner Schmerzen. Hier ist also etwas, was er weiß & die Schmerzäußerung mir nicht mitteilt. Etwas rein Privates.
32a[1]
“Ich glaube, er wird kommen” läßt sich oft durch die Behauptung “Er wird kommen” ersetzen. Und auch die Äußerung “Ich hoffe, er wird kommen” oft durch die “Er wird kommen” aber dazu gehört
32b[1]
Der Schmerzbegriff ist charakterisiert durch eine bestimmte Funktion in unserem Leben. Schmerz liegt so in unserem Leben, hat solche Zusammenhänge. (D.h.: nur was so im Leben drinliegt, solche Zusammenhänge hat, nennen wir “Schmerz.”)
33[1]
Er weiß genau, wie stark seine Schmerzen sind? (Ist das nicht ähnlich, als sagte man, er wisse immer genau, wo er sich befinde? Nämlich hier.) Ist denn der Begriff des Grades mit den Schmerzen gegeben?
33[2]
718 Du sagst, du pflegst den Stöhnenden, weil Erfahrung dich gelehrt hat, daß du selbst stöhnst, wenn du das und das fühlst. Aber da du ja doch keinen solchen Schluß ziehst, so können wir die Begründung durch Analogie weglassen.
33[3]
Es hat auch keinen Sinn zu sagen: “Ich kümmere mich nicht um mein eigenes Stöhnen, weil ich weiß, daß ich Schmerzen habe”– oder “weil ich meine Schmerzen fühle.” Wohl aber ist es wahr:– “Ich kümmere mich nicht um mein Stöhnen.”
33[4]
1581. Ich schließe aus der Beobachtung seines Benehmens, daß er zum Arzt muß; aber ich ziehe diesen Schluß für mich nicht aus der Beobachtung meines Benehmens. Oder vielmehr: ich tue auch dies manchmal, aber nicht in analogen Fällen.
33[5]
Es hilft hier, wenn man bedenkt, daß es ein primitives Verhalten ist, die schmerzende Stelle des Anderen zu pflegen, zu behandeln, und nicht nur die eigenen – also auf des Andern Schmerzbenehmen zu achten, wie auch, auf das eigene Schmerzbenehmen nicht zu achten.
33[6]
1583. Was aber will hier das Wort “primitiv” sagen? Doch wohl, daß die Verhaltungsweise vorsprachlich ist: daß ein Sprachspiel auf ihr beruht, daß sie das Prototyp einer Denkweise ist und nicht das Ergebnis des Denkens.
33[7]
1584. “Falsch aufgezäumt” kann man von einer Erklärung sagen, wie dieser: wir pflegten den Andern, weil wir nach Analogie des eigenen Falles glaubten, auch er habe ein Schmerzerlebnis. – Statt zu sagen: Lerne also aus diesem besondern Kapitel menschlichen Betragens – aus dieser Sprachverwendung – eine neue Seite.
33[8]
616 Zu meinem Begriff gehört hier mein Verhältnis zur Erscheinung.
34[1]
Wenn wir dem Arzt mitteilen, wir hätten Schmerzen – in welchen Fällen ist es nützlich, daß er sich einen Schmerz vorstelle? – Und geschieht dies nicht auf sehr mannigfache Weise? (So mannigfach, wie: sich an einen Schmerz erinnern.) (Wissen, wie ein Mensch ausschaut.)
34[2]
Angenommen, es erklärt Einer, wie ein Kind den Gebrauch des Wortes “Schmerz” lernt, in dieser Weise: Wenn das Kind sich bei bestimmten Anlässen so & so benimmt, denke ich, es fühle, was ich in solchen Fällen fühle; & wenn es so ist, so assoziiert das Kind das Wort mit seinem Gefühl & gebraucht das Wort, wenn das Gefühl wieder auftritt. – Was erklärt diese Erklärung? Oder: Welche Art der Unwissenheit behebt sie? – Glauben, daß der Andre Schmerzen hat, zweifeln, ob er sie hat, usf., sind alles natürliche instinktive Arten des Verhaltens zu den andern Menschen, & unsre Sprache ist nur ein Hilfsmittel & weiterer Ausbau dies Verhalten. Unser Sprachspiel ist ein Ausbau des primitiven Benehmens. (Denn unser Sprachspiel ist Benehmen.) (Instinkt)
34[3] &
35[1]
“Ich bin nicht sicher, ob er Schmerzen hat.” – Wenn sich nun Einer immer, wenn er dieses sagt, mit einer Nadel stäche, um die Bedeutung des Wortes “Schmerz” lebhaft vor der Seele zu haben, (sich nicht mit der Vorstellung begnügen zu müssen) & zu wissen, worüber er beim Andern im Zweifel ist! – Wäre nun der Sinn seiner Aussage gesichert?
35[2]
Er hat also den wahren Schmerz; & der Besitz dieses ist’s, war er beim Andern bezweifelt. – Aber wie macht er das nur? – Es ist, als sagte man mir: “Hier hast du einen Sessel. Siehst du ihn genau? – Gut;– nun übertrage ihn ins Französische!”
35[3]
Er hat also den wirklichen Schmerz; & nun weiß er, was er beim Andern bezweifeln soll. Er hat den Gegenstand vor sich, & es ist kein ‘Benehmen’, oder dergleichen. (Aber jetzt!) Zum Bezweifeln, ob der Andre Schmerzen hat, braucht er den Begriff ‘Schmerz’, nicht Schmerzen.
35[4]
135. Die Äußerung der Empfindung eine Behauptung zu nennen, ist dadurch irreführend, daß mit dem Wort “Behauptung” die ‘Prüfung’, die ‘Begründung’, die ‘Bestätigung’, die ‘Entkräftung’ der Behauptung im Sprachspiel verbunden ist.
35[5]
136. Wozu dient etwa die Aussage: “Ich habe doch etwas, wenn ich Schmerzen habe”?
35[6]
1477. “Der Geruch ist herrlich!” Ist ein Zweifel darüber, daß der Geruch es ist, der herrlich ist? So ist es eine Eigenschaft des Geruches? – Warum nicht? Es ist eine Eigenschaft der Zehn durch Zwei teilbar zu sein, und auch, die Zahl meiner Finger zu sein. Es könnte aber eine Sprache geben, in der die Leute nur die Augen schließen und sagen “Oh, dieser Geruch!” und es keinen Subjekt-Prädikat-Satz gibt, Das ist eben eine ‘spezifische’ Reaktion.
36[1]
650. Zu dem Sprachspiel mit den Worten “er hat Schmerzen” gehört– möchte man sagen – nicht nur das Bild des Benehmens, sondern auch das Bild des Schmerzes. – Aber hier muß man sich in Acht nehmen: Denke an mein Beispiel von den privaten Tabellen, die nicht zum Spiel gehören. – Es entsteht der Eindruck der ‘privaten Tabelle’ im Spiel durch die Abwesenheit einer Tabelle und durch die Ähnlichkeit des Spiels mit einem solchen, das mit einer Tabelle gespielt wird.
36[2]
646 Bedenke: Wir gebrauchen das Wort “Ich weiß nicht” oft in seltsamer Weise; wenn wir z.B. sagen; wir wissen, ob Dieser wirklich mehr fühlt als der Andere, oder es nur stärker zum Ausdruck bringt. Es ist dann nicht klar, welche Art der Untersuchung die Frage entscheiden würde. Natürlich ist die Äußerung nicht ganz müßig: Wir wollen sagen, daß wir wohl die Gefühle des A und B miteinander vergleichen können, aber uns die Umstände an einem Vergleich des A mit dem C irre werden lassen.
36[3]
708
Nicht darauf sehen wir, daß die Evidenz das Gefühl [also das Innere] des Andern nur wahrscheinlich macht, sondern darauf, daß wir dies als Evidenz für irgend etwas wichtiges betrachten, daß wir auf diese verwickelte Art der Evidenz eine Aussage bauen, daß sie (also) in unserm Leben eine besondere Wichtigkeit hat und durch einen Begriff herausgehoben wird. [Das ‘Innere’ und ‘Äußere’, ein Bild.]
36[4]
681 Die ‘Unsicherheit’ bezieht sich eben nicht auf den besondern Fall, sondern auf die Methode auf die Regeln der Evidenz.
36[5]
620 Die Unsicherheit hat ihren Grund nicht darin, daß er seine Schmerzen nicht außen am Rock trägt. Und es ist auch gar keine Unsicherheit im besondern Fall. Wenn die Grenze zwischen zwei Ländern strittig wäre, würde daraus folgen, daß die Landesangehörigkeit jedes einzelnen Bewohners fraglich wäre?
36[6] &
37[1]
701 Denke, Leute könnten das Funktionieren des Nervensystems im Andern beobachten. Sie unterschieden dann echte und geheuchelte Empfindung in sicherer Weise. – Oder könnten sie doch wieder daran zweifeln, daß der Andere bei diesen Zeichen etwas spürt? – Man könnte sich jedenfalls leicht vorstellen, daß, was sie da sehen, ihr Verhalten ohne alle Skrupel bestimmt. Und nun kann man dies doch auf das äußere Benehmen übertragen. Diese Beobachtung bestimmt ihr Verhalten gegen den Andern vollkommen und ein Zweifel kommt nicht auf.
37[2]
702 Es gibt wohl den Fall, daß Einer mir später sein Innerstes durch ein Geständnis aufschließt: aber, daß es so ist, kann mir nicht das Wesen von Außen und Innen erklären, denn ich muß ja dem Geständnis doch Glauben schenken.
37[3]
Besieh dir Leute die auch unter diesen Umständen zweifeln; und solche die nicht zweifeln.
37[4]
647 Nur Gott sieht die geheimsten Gedanken. Aber warum sollen diese so wichtig sein? Manche sind wichtig, nicht alle. Und müssen alle Menschen sie für wichtig halten?
37[5]
668 Eine Art der Unsicherheit wäre die, die wir auch einem uns unbekannten Mechanismus entgegenbringen könnten. Bei der andern würden wir uns möglicherweise an eine Begebenheit in unserm Leben erinnern. Es könnte z.B. sein, daß Einer, der gerade der Todesangst entronnen ist, sich davor scheuen würde, eine Fliege zu erschlagen und es sonst ohne Bedenken täte. Oder, anderseits, daß er mit diesem Erlebnis vor Augen, das zögernd tut, was er sonst ohne Zögern täte.
37[6]
669 Auch wenn ich ‘nicht sicher in meinem Mitleid ruhe’, muß ich nicht an die Ungewißheit seines spätern Benehmens denken.
37[7]
670 Die eine Unsicherheit geht so zu sagen von dir aus, die andere von ihm. Von der einen könnte man also doch sagen, sie hinge mit einer Analogie zusammen; von der Andern nicht. Aber nicht, als ob ich aus der Analogie einen Schluß zöge!
37[8]
666 Wenn ich aber zweifle, ob eine Spinne wohl Schmerz empfindet, dann ist es nicht weil ich nicht weiß, was ich mir zu erwarten habe.
37[9]
667 Wir können aber nicht umhin, uns das Bild vom seelischen Vorgang zu machen. Und nicht, weil wir ihn von uns her kennen!
37[10]
711 Könnte nicht das Verhalten, Benehmen, des Vertrauens ganz allgemein unter einer Gruppe von Menschen bestehen? So daß ihnen ein Zweifel an Gefühlsäußerungen ganz fremd ist?
37[11]
629 Wie könntest du erklären, was es heißt “Schmerzen heucheln”, “sich stellen, als habe man Schmerzen”.
38[1]
628 Wie könnte man die menschliche Handlungsweise beschreiben? Doch nur, insofern man die Handlungen der verschiedenen Menschen, wie sie durcheinanderwimmeln, zeigte Nicht, was Einer jetzt tut, eine einzelne Handlung, sondern das ganze Gewimmel der menschlichen Handlungen, der Hintergrund, worauf wir eine Handlung sehen, bestimmt unser Urteil, unsere Begriffe und Reaktionen.
38[2]
671 Wenn das Leben ein Teppich wäre, so ist dies Muster (der Verstellung z.B.) nicht immer vollständig, und vielfach variiert. Aber wir, in unserer Begriffswelt, sehen immer wieder das Gleiche mit Variationen wiederkehren. So fassen’s unsere Begriffe auf. Die Begriffe sind ja nicht für einmaligen Gebrauch.
38[3]
672 Und das ist im Teppich mit vielen andern Mustern verwoben.
38[4]
608 “So kann man sich nicht verstellen.” – Und das kann eine Erfahrung sein, – daß nämlich niemand, der sich so benimmt, sich später so und so benehmen werde; aber auch eine begriffliche Feststellung; (“Das wäre nicht mehr Verstellung”) und die beiden können zusammen hängen. (Denn man hätte nicht gesagt, die Planeten müssen sich in Kreisen bewegen, wenn es nie geschienen hätte, daß sie sich in Kreisen bewegen.) Vergleiche: “So kann man nicht reden ohne zu denken”, “So kann man nicht unwillkürlich handeln.”
38[5]
632 “Könntest du dir nicht eine weitere Umgebung denken, in der auch das noch als Verstellung zu deuten wäre?” Muß nicht jedes Benehmen sich so deuten lassen? Aber was heißt es: daß alles Benehmen immer Verstellung sein könnte? Hat denn Erfahrung uns das gelehrt? Und wie können wir anders über Verstellung unterrichtet sein? Nein, es ist eine Bemerkung über den Begriff ‘Verstellung’. Aber da wäre ja dieser Begriff unbrauchbar, denn die Verstellung hätte keine Kriterien im Benehmen.
38[6]
633 Liegt hier nicht etwas Ähnliches vor, wie das Verhältnis der euklidischen Geometrie zu Gesichtserfahrung? (Ich meine: es sei eine tiefgehende Ähnlichkeit vorhanden.) Denn auch die euklidische Geometrie entspricht ja der Erfahrung nur in sehr eigentümlicher Weise,, und nicht etwa nur .
38[7]
661 Es gibt doch im Benehmen Vertrauen und Mißtrauen! Klagt einer z.B., so kann ich mit völliger Sicherheit, vertrauensvoll regieren, oder unsicher und wie Einer, der Verdacht hat. Es braucht dazu keine Worte noch Gedanken.
39[1]
1478. Ist das, wovon er sagt, er habe es, und wovon ich sage, ich habe es, ohne daß wir dies aus irgendeiner Beobachtung erschließen, – ist es dasselbe, wie das, was wir aus der Beobachtung des Benehmens des Andern und aus seiner Überzeugungsäußerung entnehmen?
39[2]
1479. Kann man sagen: Ich schließe, daß er handeln wird, wie er zu handeln beabsichtigt? (Fall der falschen Geste)
39[3]
1373. Warum schließe ich nie von meinen Worten auf meine wahrscheinlichen Handlungen? Aus demselben Grunde, aus welchem ich nicht von meinem Gesichtsausdruck auf mein wahrscheinliches Benehmen schließe. –Denn nicht das ist das Interessante, daß ich nicht aus meinem Ausdruck der Gemütsbewegung auf meine Gemütsbewegung schließe, sondern, daß ich aus jenem Ausdruck auch nicht auf mein späteres Verhalten schließe, wie dies doch die Andern tun, die mich beobachten.
39[4]
1444. Willkürlich sind gewisse Bewegungen mit ihrer normalen Umgebung von Absicht, Lernen, Versuchen, Handeln. Bewegungen, von denen es Sinn hat, zu sagen, sie seien manchmal willkürlich, manchmal unwillkürlich, sind Bewegungen in einer speziellen Umgebung.
39[5]
1432. Wenn Einer uns nun sagte, er esse unwillkürlich, – welche Evidenz würde mich dies glauben machen?
39[6]
1474. Man ruft sich ein Niesen, oder einen Hustenanfall hervor, aber nicht eine willkürliche Bewegung. Und der Wille ruft das Niesen nicht hervor und auch nicht das Gehen.
39[7]
1425. Ist “Ich tue mein Möglichstes” die Äußerung eines Erlebnisses? – Ein Unterschied: Man sagt “Tue Dein Möglichstes!”
39[8]
1375. Wenn Einer mich auf der Straße trifft und fragt “Wohin gehst Du?” und ich antworte “Ich weiß es nicht”, so nimmt er an, ich habe keine bestimmte Absicht; nicht, ich wisse nicht, ob ich meine Absicht werde ausführen können. (Hebel)
40[1]
1423. Was ist der Unterschied zwischen diesen Beiden: Einer Linie unwillkürlich folgen – Einer Linie mit Absicht folgen. Was ist der Unterschied zwischen diesen Beiden: Eine Linie mit Bedacht und großer Aufmerksamkeit nachziehen ‒ ‒ Aufmerksam beobachten, wie meine Hand einer Linie folgt.
40[2]
1424. Gewisse Unterschiede sind leicht anzugeben. Einer liegt im Voraussehen dessen, was die Hand tun wird.
40[3]
656. Die Erfahrung: neue Erfahrungen kennen zu lernen. Etwa beim Schreiben. Wann sagt man, man habe eine neue Erfahrung kennen gelernt? Wie gebraucht man so einen Satz? Das Schreiben ist gewiß eine willkürliche Bewegung, und doch eine automatische. D.h. man fühlt etwas, aber könnte das Gefühl unmöglich zergliedern. Die Hand schreibt; sie schreibt nicht, weil man will, sondern man will, was sie schreibt. Man sieht ihr nicht erstaunt oder mit Interesse beim Schreiben zu; denkt nicht “Was wird sie nun schreiben”. Aber nicht, weil man eben wünschte, sie solle das schreiben. Denn, daß sie schreibt, was ich wünsche, könnte mich ja erst recht in Erstaunen versetzen.
40[4]
268 Das Kind lernt gehen, kriechen, spielen. Es lernt nicht, willkürlich und unwillkürlich spielen. Aber was macht die Bewegungen des Spiels zu willkürlichen Bewegungen? – Wie wäre es denn, wenn sie unwillkürlich wären? – Ich könnte ebensowohl fragen was macht denn diese Bewegungen zu einem Spielen? – Ihr Charakter und ihre Umgebung.
40[5]
1623. Aktiv und passiv. Kann man es befehlen, oder nicht? Dies scheint vielleicht eine weithergeholte Unterscheidung, ist es aber nicht. Es ist ähnlich wie: “Kann man sich (logische Möglichkeit) dazu entschließen, oder nicht?” – Und das heißt: Wie ist es von Gedanken, Gefühlen, etc. umgeben?
40[6] &
41[1]
1566. “Wenn ich mich anstrenge, tue ich doch etwas, habe doch nicht bloß eine Empfindung.” Und so ist es auch; denn man befiehlt Einem: “Streng dich an!” und er kann die Absicht äußern “Ich werde mich jetzt anstrengen”. Und wenn er sagt “Ich kann nicht mehr!” – so heißt das nicht “Ich kann das Gefühl in meinen Gliedern – den Schmerz, z.B., – nicht länger ertragen”. – Andererseits aber leidet man unter der Anstrengung, wie unter Schmerzen. “Ich bin gänzlich erschöpft” – wer das sagte, sich aber so frisch bewegte, wie je, den würde man nicht verstehen.
41[2]
480. Mein Ausdruck kam daher, daß ich mir das Wollen als ein Herbeiführen dachte, – aber nicht als ein Verursachen, sondern – ich möchte sagen – als ein direktes, nicht-kausales Herbeiführen. Und dieser Idee liegt die Vorstellung zu Grunde, daß der kausale Nexus die Verbindung zweier Maschinenteile durch einen Mechanismus, etwa eine Reihe von Zahnrädern ist.
41[3]
Die Verbindung unseres Hauptproblems mit dem epistemologischen Problem des Wollens ist mir schon früher einmal aufgefallen. Wenn in der Psychologie ein solches hartnäckiges Problem auftritt, so ist es nie eine Frage nach der tatsächlichen Erfahrung (eine solche ist immer viel gutmütiger), sondern ein logisches, also eigentlich grammatisches Problem.
41[4]
1506. Mein Benehmen ist eben manchmal Gegenstand meiner Beobachtung aber doch selten. Und das hängt damit zusammen, daß ich mein Benehmen beabsichtige. Selbst wenn der Schauspieler im Spiegel seine eigenen Mienen beobachtet, oder der Musiker genau auf jeden Ton seines Spiels merkt und ihn beurteilt, so geschieht es doch, um seine Handlung danach zu richten.
41[5]
1507. Was heißt es z.B. daß Selbstbeobachtung mein Handeln, meine Bewegungen, unsicher macht? Ich kann mich nicht unbeobachtet beobachten. Und ich beobachte mich nicht zu dem gleichen Zweck, wie den Andern.
41[6] &
42[1]
1508. Wenn ein Kind im Zorn mit den Füßen stampft und heult, – wer würde sagen, es täte dies unwillkürlich? Und warum? Warum nimmt man an, es täte dies nicht unwillkürlich? Was sind die Zeichen des willkürlichen Handelns? Gibt es solche Zeichen? – Was sind denn die Zeichen der unwillkürlichen Bewegung? Sie folgt befehlen nicht, wie die willkürliche Handlung. Es gibt ein “Komm her!”, “Geh dort hin!”, “Mach diese Armbewegung!”; aber nicht “Laß Dein Herz klopfen
42[2]
1509. Es gibt ein bestimmtes Zusammenspiel von Bewegungen, Worten, Mienen, wie den Äußerungen des Unwillens, oder der Bereitschaft, die die willkürlichen Bewegungen des normalen Menschen charakterisieren. Wenn man das Kind ruft, so kommt es nicht automatisch: Es gibt da, z.B. die Gebärde “Ich will nicht!” Oder das freudige Kommen, den Entschluß zu kommen, das Fortlaufen mit dem Zeichen der Furcht, die Wirkungen des Zuredens, alle die Reaktionen des Spiels, die Zeichen des Überlegens und seine Wirkungen.
42[3]
1511. Wie könnte ich mir beweisen, daß ich meinen Arm willkürlich bewegen kann? Etwa, indem ich mir sage “Ich werde ihn jetzt bewegen” und er sich nun bewegt? Oder soll ich sagen “Einfach, indem ich ihn bewege”? Aber wie weiß ich, daß ich’s getan habe und er sich nicht nur durch Zufall bewegt hat? Fühle ich’s am Ende doch? Und wie, wenn mich meine Erinnerung an frühere Gefühle täuschte, und es also gar nicht die richtigen Gefühle waren?! (Und welches sind die richtigen?) Und wie weiß denn der Andere, ob ich den Arm willkürlich bewegt habe? Ich werde ihm vielleicht sagen “Befiehl mir, welche Bewegung Du willst, und ich werde sie machen, um Dich zu überzeugen”. – Und was fühlst Du denn in Deinem Arm? “Nun, das Gewöhnliche.” Es ist nichts Ungewöhnliches an den Gefühlen, der Arm ist z.B. nicht gefühllos (wie wenn er ‘eingeschlafen’ wäre).
42[4]
1512. Eine Bewegung meines Körpers, von der ich nicht weiß, daß sie stattfindet, oder stattgefunden hat, wird man unwillkürlich nennen. – Wie ist es aber, wenn ich bloß versuche ein Gewicht zu heben, eine Bewegung also nicht stattfindet? Wie wäre es, wenn Einer sich unwillkürlich anstrengte ein Gesicht zu heben? Unter welchen Umständen würde man dies Verhalten ‘unwillkürlich nennen?
42[5]
1513. Kann nicht die Ruhe ebenso willkürlich sein, wie Bewegung? Kann das Unterlassen der Bewegung nicht willkürlich sein? Welch besseres Argument gegen ein Innervationsgefühl?
43[1]
1517. Was für ein merkwürdiger Begriff ‘versuchen’, ‘trachten’ ist; was man alles ‘zu tun trachten’ kann! (Sich erinnern; ein Gewicht heben, aufmerken, an nichts denken.) Aber dann könnte man auch sagen: Was für ein merkwürdiger Begriff ‘tun’ ist! Welches sind die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen ‘Reden’ und ‘Denken’, zwischen ‘Reden’ und ‘zu sich selbst reden’. (Vergleiche die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Zahlenarten.)
43[2]
1518. Man zieht ganz andere Schlüsse aus er unwillkürlichen Bewegung, als aus der willkürlichen: das charakterisiert die willkürliche Bewegung.
43[3]
1519. Aber wie weiß ich, daß diese Bewegung willkürlich war? – Ich weiß es nicht, ich äußere es.
43[4]
1520. “Ich ziehe so stark, als ich kann.” Wie weiß ich das? Sagt es mir mein Muskelgefühl? Die Worte sind ein Signal; und sie haben eine Funktion. Aber erlebe ich denn nichts? Erlebe ich denn nicht etwas? etwas Spezifisches? Ein spezifisches Gefühl der Anstrengung und des Nicht-weiter-könnens, des Anlangens an der Grenze? Freilich, aber diese Ausdrücke sagen nicht mehr, als “Ich ziehe so stark, als ich kann.”
43[5] &
44[1]
(Denke auch daran: Manche Leute sagen, von dem und dem ‘gehe ein Fluidum aus’. – Daher fiel uns auch das Wort “Einfluß” ein.)
44[2]
662 Die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Benehmens. Wäre sie nicht vorhanden, – würde man dann auch sagen, man könne nie wissen, was im Andern vorgeht?
44[3]
663 Aber wie wär’s, wenn das menschliche Benehmen nicht unvorhersehbar wäre? Wie hat man sich das vorzustellen? (D.h.: wie auszumalen, welche Verbindungen anzunehmen?)
44[4]
373. Eine der philosophisch gefährlichsten Ideen ist, merkwürdigerweise, daß wir mit dem Kopf, oder im Kopf denken.
44[5]
374. Die Idee vom Denken als einem Vorgang im Kopf, in dem gänzlich abgeschlossenen Raum, gibt ihm etwas Okkultes.
44[6]
372. Ist das Denken, sozusagen, ein spezifisch organischer Vorgang der Seele – gleichsam ein Kauen und Verdauen in der Seele? Kann man ihn dann durch einen anorganischen Vorgang ersetzen, der den gleichen Zweck erfüllt, sozusagen mit einer Prothese das Denken besorgen? Wie müßte man sich eine Denkprothese vorstellen?
44[7] &
45[1]
1571. Keine Annahme scheint mir natürlicher, als daß dem Assoziieren, oder Denken, kein Prozeß im Gehirn zugeordnet ist; so daß es also unmöglich wäre, aus Gehirnprozessen Denkprozesse abzulesen. Ich meine das so: Wenn ich rede, oder schreibe, so geht, nehme ich an, ein meinem gesprochenen oder geschriebenen Gedanken zugeordnetes System von Impulsen von meinem Gehirn aus. Aber warum sollte das System sich weiter in zentraler Richtung fortsetzen? Warum soll nicht, sozusagen, diese Ordnung aus dem Chaos entspringen? Der Fall wäre ähnlich dem – daß sich gewisse Pflanzenarten durch Samen vermehrten, so daß ein Same immer dieselbe Pflanzenart erzeugt, von der er erzeugt wurde, – daß aber nichts in dem Samen der Pflanze, die aus ihm wird, entspricht; so daß es unmöglich ist, aus den Eigenschaften, oder der Struktur des Samens auf die der Pflanze, die aus ihm wird, zu schließen, – daß man dies nur aus seiner Geschichte tun kann. So könnte also auch aus etwas ganz Amorphem ein Organismus, sozusagen ursachelos, werden; und es ist kein Grund, warum sich dies nicht mit unserem Gedanken, also mit unserem Reden oder Schreiben etc. wirklich so verhalten sollte.
45[2]
1572. Es ist also wohl möglich, daß gewisse psychologische Phänomene physiologisch nicht untersucht werden können, weil ihnen physiologisch nichts entspricht.
45[3]
1573. Ich habe diesen Mann vor Jahren gesehen; nun sehe ich ihn wieder, erkennen ihn, erinnere mich seines Namens. Und warum muß es nun für dies Erinnern eine Ursache in meinem Nervensystem geben? Warum muß irgendetwas, was immer, in irgendeiner Form dort aufgespeichert worden sein? Warum muß er eine Spur hinterlassen haben? Warum soll, es keine psychologische Gesetzmäßigkeit geben, der keine physiologische entspricht? Wenn das unsere Begriffe von der Kausalität umstößt, dann ist es Zeit, daß sie umgestoßen werden.
45[4]
Wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erscheinungen zuläßt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so denkt man damit das Eingeständnis eines nebelhaften Seelenwesens zu machen.
45[5] &
46[1]
1576. Denk Dir diese Erscheinung: Wenn ich will, daß jemand sich einen Text merkt, den ich ihm vorspreche, so daß jemand mir später wiederholen kann, muß ich ihm ein Papier und einen Bleistift geben; und während ich spreche, schreibt er Striche, Zeichen auf das Papier; soll er später den Text reproduzieren, so folgt er jenen Strichen mit den Augen und sagt den Text her. Ich nehme aber an, seine Aufzeichnung sei keine Schrift, sie hänge nicht durch Regeln mit den Worten des Textes zusammen; und doch kann er ohne diese Aufzeichnung den Text nicht reproduzieren; und wird an ihr etwas verändert, wird sie zum Teil zerstört, so bleibt er beim ‘Lesen’ stecken, oder spricht den Text unsicher, oder unzuverlässig, oder kann die Worte überhaupt nicht finden. – Das ließe sich doch denken! – Was ich die ‘Aufzeichnung’ nannte, wäre dann keine Wiedergabe des Textes, nicht eine Übersetzung sozusagen in einem anderen Symbolismus. Der Text wäre nicht in der Aufzeichnung niedergelegt. Und warum sollte er in unserem Nervensystem niedergelegt sein?
46[2]
1576. Warum soll nicht ein Naturgesetz einen Anfangs- und einen Endzustand eines Systems verbinden, den Zustand zwischen beiden aber übergehen? (Nur denke man nicht an Wirkung!)
46[3]
1585. “Wie kommt es, daß ich den Baum aufrecht sehe, auch wenn ich meinen Kopf zur Seite neige, und also das Netzhautbild das eines schiefstehenden Baums ist?” Wie kommt es also, daß ich den Baum auch unter Umständen als einen aufrechten anspreche? – “Nun, ich bin mir der Neigung meines Kopfes bewußt, und bringe also die nötige Korrektur an der Auffassung meiner Gesichtseindrücke an.” –Aber heißt das nicht, Primäres mit Sekundärem verwechseln? Denk Dir, wir wüßten gar nichts von der inneren Beschaffenheit des Auges, – würde dies Problem überhaupt auftauchen? Wir bringen ja hier, in Wahrheit keine Korrekturen an, dies ist ja bloß eine Erklärung. Wohl – – aber da nun die Struktur des Auges einmal bekannt ist, – wie kommt es, daß wir so handeln, so reagieren? Aber muß es hier eine physiologische Erklärung geben? Wie, wenn wir sie auf sich beruhen lassen würden? – Aber so würdest Du doch nicht sprechen, wenn Du das Verhalten einer Maschine prüftest! – Nun, wer sagt, daß in diesem Sinne das Lebewesen, der tierische Leib, eine Maschine ist? – Das Vorurteil zugunsten des psycho-physischen Parallelismus ist eine Frucht primitiver Auffassungen unserer Begriffe. Denn wenn man Kausalität zwischen psychologischen Erscheinungen zuläßt, die nicht physiologisch vermittelt ist, so meint man damit die Existenz einer Seele neben dem Körper einzugestehen.
46[4]
422 (Ich habe noch nie eine Bemerkung darüber gelesen, daß, wenn man eine Auge schließt und “nur mit einem Auge sieht”, man die Finsternis (Schwärze) nicht zugleich mit dem geschlossenen sieht.)
Die Grenzenlosigkeit des Gesichtsraumes ist am klarsten, wenn wir nichts sehn, bei vollständiger Dunkelheit. Wie verhält es sich mit dem Blinden; kann ihm ein Teil der Sprache nicht erklärt werden? Oder vielmehr, nicht beschrieben werden?
47[1]
Ein Blinder kann sagen, er sei blind und die Leute um ihn seien sehend. “Ja, aber meint er nicht doch etwas anderes mit den Worten ‘blind’ und ‘sehend’, als der Sehende?” Worauf beruht es, daß man das sagen will? Nun, wenn Einer nicht wüßte wie ein Leopard ausschaut, so könnte er doch sagen und verstehen “Dieser Ort ist sehr gefährlich, es gibt Leoparden dort”. Man würde aber doch vielleicht sagen, er weiß nicht, was ein Leopard ist, also nicht, oder nur unvollständig, was das Wort “Leopard” bedeutet, bis man ihm einmal ein solches Tier zeigt. Nun kommt es uns mit dem Blinden ähnlich vor. Sie wissen, so zu sagen, nicht, wie sehen ist. – Ist nun ‘Furcht nicht kennen’ analog dem ‘nie einen Leoparden gesehen haben’? Das will ich natürlich verneinen.
47[2]
234 Könnte man denn nicht z.B. annehmen, daß er etwas Rotes sieht, wenn ich ihm auf den Kopf schlage? Es könnte das ja bei Sehenden einer Erfahrung entsprechen. Das angenommen, so ist er doch für das praktische Leben blind. D.h., er reagiert nicht wie der normale Mensch. Wenn aber jemand mit den Augen blind wäre, dagegen sich so benähme, daß wir sagen müßten, er sieht mit den Handflächen (dieses Benehmen ist leicht auszumalen), so würden wir ihm als Sehenden behandeln und auch die Erklärung des Wortes ‘rot’ mit dem Täfelchen würden wir hier für möglich halten.
47[3] &
48[1]
260. Du gibst jemanden ein Signal, wenn du dir etwas vorstellst; du benützt verschiedene Signale für verschiedene Vorstellungen. – Wie vereinbart ihr, was jedes Signal bedeuten soll? Gehörsvorstellung, Gesichtsvorstellung, wie unterscheiden sie sich von den Empfindungen? Nicht durch “Lebhaftigkeit”. Vorstellungen [unreadable] belehren uns nicht über die Außenwelt, weder richtig noch falsch. (Vorstellungen sind nicht Halluzinationen, auch nicht Einbildungen.) Während ich einen Gegenstand sehe, kann ich ihn mir nicht vorstellen. Verschiedenheit der Sprachspiele: “Schau die Figur an!” und “Stell dir die Figur vor!” Vorstellung dem Willen unterworfen. Vorstellung nicht Bild. Welchen Gegenstand ich mir vorstelle, ersehe ich nicht aus der Ähnlichkeit des Vorstellungsbildes mit ihm. Auf die Frage “Was stellst du dir vor” kann man mit einem Bild antworten
48[2]
064 Man möchte sagen: Der vorgestellte Klang sei in einem andern Raum als der gehörte. Das Gesehene in einem andern Raum, als das Vorgestellte. (Frage: Warum?) Hören ist mit Hinhorchen verbunden; einen Klang sich vorstellen, nicht. Darum ist der gehörte Klang in einem andern Raum als der vorgestellte.
48[3]
065 Ich lese eine Geschichte und Stelle mir während des Lesens, also während des aufmerksamen Schauens alles mögliche vor.
48[4]
066 Es könnte Leute geben, die nie den Ausdruck gebrauchen “etwas vor dem inneren Auge sehen”, oder einen ähnlichen; und diese könnten doch im Stande sein, ‘aus der Vorstellung’, oder nach der Erinnerung zu zeichnen, zu modellieren, andere Leute nachzuahmen, etc. Sie mögen auch, ehe sie etwas aus der Erinnerung zeichnen die Augen schließen, oder wie blind vor sich hinstarren. Und doch könnten sie leugnen, daß sie dann vor sich sehen, was sie später zeichnen. Aber wieviel müßte ich auf diese Äußerung geben? Ist nach ihr zu beurteilen, ob er eine Gesichtsvorstellung hat? Nicht nur danach. Denk an den Ausdruck: “Jetzt seh ich’s vor mir – jetzt nicht mehr.” “Es gibt da eine echte Dauer.
48[5]
070 Der Zusammenhang zwischen Vorstellen und Sehen ist eng; eine Ähnlichkeit aber gibt es nicht.
48[6]
071 Die Sprachspiele mit den beiden Begriffen sind grundverschieden, – hängen zusammen.
48[7]
072 Unterschied: zwischen ‘trachten, etwas zu sehen’ – und ‘trachten, sich etwas vorzustellen’. Im ersten Fall sagt man etwa “Schau genau hin!”, im zweiten “Schließ die Augen!”
48[8]
080 Weil die Vorstellung eine Willenshandlung ist unterrichtet sie uns eben nicht über die Außenwelt.
48[9]
Das Vorgestellte nicht im gleichen Raum wie das Gesehene. Sehen ist mit Schauen verbunden.
49[1]
077 “Sehen und Verstehen sind verschiedene Phänomene.” –Die Wörter “sehen” und “vorstellen haben verschiedene Bedeutung! Ihre Bedeutungen beziehen sich auf eine Menge wichtiger Arten und Weisen menschlichen Verhaltens, auf Phänomene des menschlichen Lebens.
49[2]
086 Sag dir wieder, wenn Einer darauf besteht, was er “Gesichtsvorstellung” nennt, sei ähnlich dem Gesichtseindruck: daß er sich vielleicht irrt! Oder: Wie, wenn er sich darin irrte? Das heißt: Was weißt du von der Ähnlichkeit seines Gesichtseindrucks und seiner Gesichtsvorstellung?! (Ich rede vom Andern, weil, was von ihm gilt, auch von mir gilt.) Was weißt du also von dieser Ähnlichkeit? Sie äußert sich nur in den Ausdrücken, die er zu gebrauchen geneigt ist; nicht in dem, was er mit diesen Ausdrücken sagt. “Es ist gar kein Zweifel: die Gesichtsvorstellung und der Gesichtseindruck sind von derselben Art!” Das mußt du aus deiner eigenen Erfahrung wissen; und dann ist es also etwas, was für dich stimmen mag und für Andere nicht. (Und das gilt natürlich auch für mich, wenn ich es sage.)
49[3]
087 Wenn wir uns etwas vorstellen, beobachten wir nicht. Daß die Bilder kommen und vergehen geschieht uns nicht. Wir sind nicht überrascht von diesen Bildern und sagen “Sieh da …” (Gegensatz z.B. zu den Nachbildern.)
49[4]
088 Wir ‘verscheuchen’ nicht Gesichtseindrücke, aber Vorstellungen. Und wir sagen von jenen auch nicht, wir könnten sie nicht verscheuchen.
49[5]
097 Wenn Einer wirklich sagte “Ich weiß nicht, sehe ich jetzt einen Baum, oder stelle ich mir einen vor”, so würde ich zunächst glauben, er meine: “oder bilde ich mir nur ein, es stehe dort einer”. Meint er das nicht, so könnte ich ihn überhaupt nicht verstehen – wollte mir aber jemand diesen Fall erklären und sagte “Er hat eben so außergewöhnlich lebhafte Vorstellungen, daß er sie für Sinneseindrücke halten kann” – verstünde ich’s jetzt?
50[1]
099 Muß man aber hier nicht unterscheiden: a) sich, das Gesicht eines Freundes z.B. vorstellen, aber nicht Raum der mich umgibt – : sich an dieser Wand dort ein Bild vorstellen? Man könnte auf die Aufforderung “Stell dir dort drüben einen runden Fleck vor” sich einbilden, wirklich einen dort zu sehen.
50[2]
109 Das ‘Vorstellungsbild” tritt nicht dort ins Sprachspiel ein, wo man es vermuten möchte.
50[3]
110 Ich lerne den Begriff ‘sehen’ mit dem Beschreiben dessen, was ich sehe. Ich lerne beobachten und das Beobachtete beschreiben. Ich lerne den Begriff ‘vorstellen’ in einer andern Verbindung. Die Beschreibung des Gesehenen und des Vorgestellte sind allerdings von der selben Art, und eine Beschreibung könnte sowohl das eine, wie auch das Andere sein; aber sonst sind die Begriffe durchaus verschieden. Der Begriff des Vorstellens ist eher wie der eines Tuns, als eines Empfangens. Das Vorstellen könnte man einen schöpferischen Akt nennen. (Und nennt es ja auch so)
50[4]
111 “Ja, aber die Vorstellung selbst, so wie der Gesichtseindruck, ist doch das innere Bild und du redest nur von den Verschiedenheiten der Erzeugung, Entstehung, Behandlung des Bildes.” Die Vorstellung ist nicht ein Bild, noch ist der Gesichtseindruck eines. Weder ‘Vorstellung’ noch ‘Eindruck’ ist ein Bildbegriff, obwohl in beiden Fällen ein Zusammenhang mit einem Bild statt hat, und jedes Mal ein Anderer.
50[5]
Was nennst du “Erlebnisinhalt” des Sehens, was “Erlebnisinhalt” der Verstellung?
50[6]
112 “Aber könnte ich mir nicht einen Erlebnisinhalt denken von der Art der visuellen Vorstellung, aber dem Willen nicht unterworfen, in dieser Beziehung also wie der Gesichtseindruck”? Was nennst Du “Erlebnisinhalt” des Sehens, was “Erlebnisinhalt” der Vorstellung?
51[1]
122 (Daß man nämlich die Willenshandlung des Vorstellens nicht mit der Bewegung des Körpers vergleichen kann, ist klar; denn, ob die Bewegung stattgefunden hat, das zu beurteilen sind auch Andere befähigt; während es bei der Bewegung meiner Vorstellungen immer nur darauf ankäme, was ich zu sehen behaupte, – was immer irgend ein Anderer sieht. Es würden also die sich bewegenden wirklichen Gegenstände aus der Betrachtung herausfallen, da es auf sie gar nicht ankäme.)
51[2]
123 Sagte man also: “Vorstellungen sind innere Bilder, ähnlich, oder ganz so, wie meine Gesichtsempfindungen nur meinem Willen untertan” – so hätte das vorerst noch keinen Sinn. Denn wenn Einer zu berichten gelernt hat, was er dort sieht, oder was ihm dort zu sein scheint, so ist es doch nicht klar, was der Befehl bedeute, er solle jetzt das dort sehen, oder es solle ihm jetzt das dort zu sein scheinen. “Durch den bloßen Willen bewegen” was heißt es? Etwa, daß die Vorstellungsbilder meinem Willen immer genau folgen, während meine zeichnende Hand, mein Bleistift, das nicht tut? Immerhin wäre es ja dann doch möglich zu sagen: “Für gewöhnlich stelle ich mir ganz genau vor, was ich will; heute ist es anders ausgefallen.” Gibt es denn ein ‘Mißlingen der Vorstellung’?
51[3]
136 Ein Sprachspiel umfaßt ja doch den Gebrauch mehrerer Wörter.
51[4]
137 Nichts kann falscher sein, als zu sagen, Sehen und Vorstellen seien verschiedene Tätigkeiten. Das ist, als sagte man, im Schach ziehen und verlieren seien verschiedene Tätigkeiten.
51[5] &
52[1]
138 Wenn wir als Kinder die Worte “sehen”, “schauen”, “vorstellen” gebrauchen lernen, so spielen dabei Willenshandlungen Befehle eine Rolle. Aber für jedes der drei Wörter eine andere. Das Sprachspiel “Schau!” und “Stell dir … vor!” – wie soll ich sie nur vergleichen? – Wenn wir jemand abrichten wollen, daß er auf den Befehl “schau …!” reagiert und dazu , daß er den Befehl “Stell dir … dir!” versteht, so müssen wir ihn doch offenbar ganz Anderes lehren. Reaktionen, die zu diesem Sprachspiel gehören, gehören zu jenen nicht. Ja, ein enger Zusammenhang der Sprachspiele ist natürlich da, aber eine Ähnlichkeit? – Stücke des Einen sind Stücken des Andern ähnlich, aber die ähnlichen Stücke sind nicht homolog.
52[2]
139 Ich könnte mir etwas Ähnliches für wirkliche Spiele denken.
52[3] &
53[1]
185. Denken wir uns eine Variante des Tennisspiels: es wird in die Regeln dieses Spiels die aufgenommen, der Spieler habe sich bei gewissen Spielhandlungen das und das vorzustellen! (Der Zweck dieser Regel sei, das Spiel zu erschweren.) Der erste Einwand ist: man könne in diesem Spiel zu leicht schwindeln. Aber dem wird mit der Annahme begegnet, das Spiel werde nur von ehrlichen und zuverlässigen Menschen gespielt. Hier haben wir also ein Spiel mit innern Spielhandlungen. – Welcher Art ist nun die innere Spielhandlung, worin besteht sie? Darin, daß er – der Spielregel gemäß – sich … vorstellt. –Könnte man aber nicht auch sagen: Wir wissen nicht, welcher Art die innere Spielhandlung ist, die er der Regel gemäß ausführt; wir kennen nur ihr Äußerungen? Die innere Spielhandlung sei ein X, dessen Natur wir nicht kennen. Oder: Es gebe auch hier nur äußere Spielhandlungen: die Mitteilung der Spielregel und das, was man die ‘Äußerung des inneren Vorgangs’ nennt. – –Nun, kann man das Spiel nicht auf alle drei Arten beschreiben? Auch das mit dem ‘unbekannten’ X ist eine ganz mögliche Beschreibungsart. Der eine sagt, die sogenannte ‘innere’ Spielhandlung sei mit einer Spielhandlung im gewöhnlichen Sinne nicht vergleichbar – der Andre sagt, sie sei mit einer solchen vergleichbar – der Dritte: sie sei vergleichbar nur mit einer Handlung, die im Geheimen geschieht und die niemand kennt, als der Handelnde. Wichtig ist für uns, daß wir die Gefahren des Ausdrucks “innere Spielhandlung” sehen. Er ist gefährlich, weil er Verwirrung hervorruft.
53[2]
1798. Erinnerung: “Ich sehe uns noch an jenem Tisch sitzen”. – Aber habe ich wirklich das gleiche Gesichtsbild – oder eines von denen, welche ich damals hatte? Sehe ich auch gewiß den Tisch und meinen Freund vom gleichen Gesichtspunkt wie damals also mich selbst nicht? – –Mein Erinnerungsbild ist nicht Evidenz jener vergangenen Situationen; wie eine Photographie es wäre die, damals aufgenommen, mir jetzt bezeugt, daß es damals so war. Das Erinnerungsbild und die Erinnerungsworte stehen auf gleicher Stufe.
53[3]
186. Das Achselzucken, Kopfschütteln, Nicken, u.s.f., nennen wir Zeichen vor allem darum, weil sie in dem Gebrauch unsrer Wortsprache eingebettet sind.
53[4]
54. Wenn man es für selbstverständlich hält, daß der Mensch sich an seiner Phantasie vergnügt, so bedenke man, daß die Phantasie nicht einem gemalten Bild, einer Plastik, oder einem Film entspricht, sondern einem komplexen Gebilde aus heterogenen Bestandteilen – Zeichen und Bildern.
53[5]
425. Manche Menschen erinnern sich an ein musikalisches Thema in der Weise, daß das Notenbild vor ihnen auftaucht und sie es herunterlesen. Es wäre denkbar, daß, was wir “Erinnern” bei einem Menschen nennen, darin bestünde, daß er sich im Geiste ein Buch nachschlagen sähe, und daß, was er in diesem Buch liest, eben das Erinnerte wäre. (Wie reagiere ich auf eine Erinnerung?)
53[6]
648. Kann man ein Erinnerungserlebnis beschreiben? – Gewiß. – Aber kann man das Erinnerungshafte an diesem Erlebnis beschreiben? Was heißt das?
53[7] &
54[1]
1394. “Ein Bild (Vorstellungsbild, Erinnerungsbild) der Sehnsucht”. Man denkt, man habe schon alles damit getan, daß man von einem ‘Bild’ redet; denn die Sehnsucht ist eben ein Bewußtseinsinhalt, und dessen Bild ist etwas, was ihm (sehr) ähnlich ist, wenn auch undeutlicher als das Original. Und man könnte ja wohl von Einem, der die Sehnsucht auf dem Theater spielt, sagen, er erlebe, oder habe, ein Bild der Sehnsucht: nämlich nicht als Erklärung seines Handelns, sondern zu seiner Beschreibung.
54[2]
1559. Sich eines Gedankens schämen. Schämt man sich dessen, daß man den und den Satz zu sich selbst in der Vorstellung gesprochen hat? Die Sprache hat eben eine vielfache Wurzel; sie hat Wurzeln, nicht eine Wurzel. Sich eines Gedankens, einer Absicht erinnern. Keim.
54[3]
350 “Es schmeckt genau wie Zucker”. Wie kommt es, daß ich dessen so sicher sein kann? Aber auch, wenn es sich dann als falsch herausstellt. – Und was erstaunt mich daran? Daß ich den Begriff Zucker in eine so feste Verbindung mit der Geschmacksempfindung bringe. Daß ich die Substanz Zucker direkt im Geschmack zu erkennen scheine. Aber statt des Ausdrucks “Es schmeckt genau …” könnte ich ja primitiver “Zucker!” ausrufen. Und kann man denn sagen, bei dem Wort ‘schwebe mir die Substanz Zucker vor’? wie tut sie das?
54[4]
351 Kann ich sagen, dieser Geschmack brächte gebieterisch den Namen “Zucker” mit sich; oder aber das Bild eines Stücks Zucker? Keines von beiden scheint richtig. Ja, gebieterisch ist das Verlangen nach dem Begriff ‘rot’, wenn wir ihn zur Beschreibung des Gesehenen verwenden.
54[5] &
55[1]
352 Ich erinnere mich, daß Zucker so geschmeckt hat. Es kommt mir das Erlebnis zurück ins Bewußtsein. Aber freilich: wie weiß ich, daß es das frühere Erlebnis ist? Das Gedächtnis hilft mir da nicht mehr. Nein, diese Worte, das Erlebnis komme zurück …, sind nur eine Umschreibung, keine Erklärung des Erinnerns. Aber wenn ich sage “Es schmeckt genau wie Zucker”, so findet in einem wichtigen Sinne gar kein Erinnern statt. Ich begründe also mein Urteil, oder meinen Ausruf, nicht. Wer mich fragt, “Was meinst du mit ‘Zucker’?” – dem werde ich allerdings ein Stück Zucker zu zeigen trachten. Und wer fragt “Wie weißt du, daß Zucker so schmeckt”, werde ich allerdings antworten “ich habe tausende Male Zucker gegessen” – aber das ist nicht eine Rechtfertigung, die ich mir selbst gebe.
55[2]
345 “Es schmeckt wie Zucker.” Man erinnert sich genau und mit Sicherheit wie Zucker schmeckt. Ich sage nicht “Ich glaube, so schmeckt Zucker.” Welch merkwürdiges Phänomen. Eben das Phänomen des Gedächtnisses. – Aber ist es richtig, es ein merkwürdiges Phänomen zu nennen? Es ist ja nichts weniger als merkwürdig. Jene Sicherheit ist ja nicht (um ein Haar) merkwürdiger, als es die Unsicherheit wäre. Was ist denn merkwürdig? Das, daß ich mit Sicherheit sage “Das schmeckt wie Zucker”? oder, daß es dann wirklich Zucker ist? Oder, daß Andere dasselbe finden? Wenn das sichere Erkennen des Zuckers merkwürdig ist, so wäre es also das Nichterkennen weniger.
55[3]
582 “Welcher seltsame und furchtbare Laut. Ich werde ihn nie vergessen.” Und warum sollte man das nicht vom Erinnern sagen können (“Welche seltsame … Erfahrung …”), wenn man zum ersten Mal in die Vergangenheit gesehen hat? –
55[4]
591 Erinnern: ein Sehen in die Vergangenheit. Träumen könnte man so nennen, wenn es uns Vergangenes vorführt. Nicht aber Erinnern; denn auch wenn es uns Szenen mit halluzinatorischer Klarheit zeigte, so lehrt es uns doch erst, daß dies das Vergangene sei.
55[5]
592 Aber wenn uns nun das Gedächtnis die Vergangenheit zeigt, wie zeigt es uns, daß es die Vergangenheit ist? Es zeigt uns eben nicht die Vergangenheit. So wenig, wie unsere Sinne die Gegenwart.
56[1]
593 Man kann auch nicht sagen, sie teile uns die Vergangenheit mit. Denn selbst, wäre das Gedächtnis eine hörbare Stimme, die zu uns spräche, – wie könnten wir sie verstehen? Sagt sie uns z.B. “Gestern war schönes Wetter”, wie kann ich lernen, was “gestern” bedeutet?
56[2]
594 Ich führe mir selbst nur so etwas vor, wie ich es auch den Andern vorführe.
56[3]
595 Ich kann dem Andern mein gutes Gedächtnis vorführen, und auch mir selbst vorführen. Ich kann mich selbst ausfragen.
56[4]
596 Aber wie führe ich mir das Erinnern vor? Nun, ich frage mich “Wie verbrachte ich den heutigen Morgen?” und antworte mir darauf. – Aber was habe ich mir nun eigentlich vorgeführt? War es das Erinnern? nämlich, wie das ist, sich an etwas erinnern? – Hätte ich denn damit einem Andern das Erinnern vorgeführt?
56[5]
98. Die Bedeutung eines Wortes vergessen – sich wieder an sie erinnern. Was für Vorgänge gibt es da? An was erinnert man sich, was fällt einem da ein, wenn man sich wieder daran erinnert, was das englische Wort “perhaps” bedeutet.
56[6]
Wenn man mich fragt: “Weißt du das ABC?” und ich jetzt im Geist das ABC durchgehe, oder in einem besondern Gemütszustand bin, der irgendwie dem Hersagen des ABC äquivalent ist.
56[7]
269. Wie lehrt man jemand, leise für sich selbst lesen? Wie weiß man, wenn er’s kann? Wie weiß er selbst, daß er tut, was man von ihm verlangt?
56[8]
167. Man kann doch einen Spiegel besitzen; besitzt man dann auch das Spiegelbild, das sich in ihm zeigt?
56[9]
Etwas sagen ist eine Tätigkeit. Geneigt sein, etwas zu sagen, ein Zustand. “Aber worin besteht der?” –Gib Dir darüber Rechenschaft, wie der Ausdruck verwendet wird!
57[1]
85. “Solange die Temperatur des Stabes nicht unter … herabsinkt, kann man ihn schmieden”. Es hat also Sinn zu sagen: “ich kann ihn von 5 bis 6 Uhr schmieden”. Oder: “Ich kann von 5 bis 6 Schach spielen”, d.h. ich habe von 5 bis 6 Zeit. – “Solange mein Puls nicht unter … herabsinkt, kann ich die Rechnung ausführen.” Diese Rechnung braucht 1 1/2 Minuten; wielange braucht es aber: sie ausführen können? Und wenn du sie eine Stunde lang rechnen kannst, fängst du da immer wieder von Frischen an?
57[2]
511 Die Aufmerksamkeit ist dynamisch, nicht statisch – möchte man sagen. Ich vergleiche das Aufmerken zuerst mit einem Hinstarren: das ist es aber nicht, was ich Aufmerksamkeit nenne; und will nun sagen, ich finde, man könne nicht statisch aufmerken.
57[3]
519 Wenn ich in einem bestimmten Falle sage: die Aufmerksamkeit besteht in der Bereitschaft, jeder kleinsten Bewegung, die sich zeigen mag, zu folgen, – so siehst du schon, daß die Aufmerksamkeit nicht das starre Hinschauen ist, sondern ein Begriff anderer Art.
57[4]
81. Zustände: ‘Einen Berg ersteigen können’ kann man einen Zustand meines Körpers nennen. Ich sage: “Ich kann hinaufsteigen – ich meine: ich bin stark genug dazu”. Vergleiche damit diesen Zustand des Könnens: “Ja, ich kann dorthin gehen – ich meine: ich habe Zeit dazu.”
58[1]
60 Welche Rolle spielen falsche Satze in einem Sprachspiel? Ich glaube, es gibt verschiedene Fälle. 1.) Einer hat die Signallaternen an einer Straßenkreuzung zu beobachten und einem Andern zu sagen, welche Farben sie zeigen. Er verspricht sich dabei und sagt die falsche Farbe. 2.) Es werden meteorologische Beobachtung gemacht und nach gewissen Regeln aus ihnen das Wetter für den nächsten Tag vorhergesagt. Die Vorhersage trifft ein, oder nicht. Im ersten Fall kann man sagen, er spielt falsch; im zweiten nicht – wie ich seinerzeit glaubte. Man wird hier (nämlich) von einer Frage geplagt, die etwa so lautet: Gehört die Verifikation noch (mit) zum Sprachspiel?
58[2]
104 Ich behaupte: “Wenn dies eintrifft, so wird das eintreffen. Habe ich darin Recht, so zahlst du mir ‥‥, habe ich Unrecht, so zahle ich dir ‥‥, bleibt es unentschieden, zahlt keiner.” Das könnte man so ausdrücken: Der Fall, in welchem die Prämisse nicht eintrifft, interessiert uns nicht, wir reden nicht von ihm. Oder auch: es ist uns hier nicht natürlich, die Wörter “ja” und “nein” so zu gebrauchen, wie in dem Falle (und diesen gibt es) in welchem uns die materielle Implikation interessiert. Mit “Nein” wollen wir hier sagen “p & nicht q”, mit “Ja” nur “p & q.” Es gibt keinen Satz vom ausgeschlossenen Dritten, der so lautet: Du gewinnst die Wette, oder verlierst sie – ein Drittes gibt es nicht.
58[3]
1607. Einer wirft im Würfelspiel 5, dann 4 und sagt “Hätte ich bloß statt der 5 eine 4 geworfen, so hätte ich gewonnen”. Die Bedingtheit ist nicht physikalisch, sondern nur mathematisch, denn man könnte antworten: “Hättest Du zu erst 4 geworfen, – wer weiß, was Du danach geworfen hättest!“
58[4]
1608. Sagst Du nun “Die Verwendung des Konjunktivs beruht auf dem Glauben an ein Naturgesetz”– so kann man entgegnen: “Sie beruhen nicht auf diesem Glauben; sie und dieser Glaube stehen auf gleicher Stufe.” (Ich hörte im Film einen Vater zu seiner Tochter sagen, er hätte eine Andre zur Frau nehmen sollen: “Sie hätte deine Mutter sein sollen”! (Warum ist das unrichtig?)
59[1]
1609. Das Schicksal steht im Gegensatz zum Naturgesetz. Das Naturgesetz will man ergründen, und verwenden, das Schicksal nicht.
59[2]
730 “Wenn p eintritt, so trifft q ein” könnte man eine bedingte Vorhersage nennen. D.h.: für den Fall nicht-p mache ich keine Vorhersage. Aber darum wird, was ich sage, durch “nicht-p & nicht-q” auch nicht wahrgemacht. Oder auch so: es gibt bedingte Vorhersagen, und “p impliziert q” ist keine solche. ((Zu Bd.Q. S.14)).
59[3]
731 Den Satz “Wenn p eintrifft, so trifft q ein”. Will ich “S” nennen. –“S oder nicht-S” ist eine Tautologie: (aber) ist es auch der Satz vom ausgeschlossenen Dritten? – Oder auch so: Wenn ich sagen will, daß die Vorhersage “S” richtig, falsch, oder unentschieden sein kann, wird das durch den Satz ausgedrückt “nicht (S oder nicht-S)”?
59[4]
73. Ist die Verneigung eines Satzes identisch mit der Disjunktion der nicht ausgeschlossenen Fälle? Sie ist es in manchen Fällen. (Z.B. in diesem: “Die Permutation der Elemente A. B. C. die er anschrieb, war nicht ACB.”)
59[5]
23. Der wichtige Sinn des Fregeschen Behauptungszeichens wird vielleicht am besten dadurch gefaßt, daß wir sagen; es bezeichnet deutlich den Anfang des Satzes. Das ist wichtig: denn unsere philosophischen Schwierigkeiten, das Wesen der ‘Negation’ und das ‘Denkens’ betreffend, hängen damit Zusammen daß ein Satz “⊢ nicht p”, oder “⊢ ich glaube p”, wohl den Satz “p” enthält, aber nicht “⊢p”. (Denn wenn ich jemand sagen höre: “es regnet”, so weiß ich nicht, was er gesagt hat, wenn ich nicht weiß, ob ich den Anfang des Satzes gehört habe.)
60[1]
575. Ein Widerspruch verhindert mich, im Sprachspiel zur Tat zu kommen.
60[2]
576. Nehmen wir aber an, das Sprachspiel bestünde eben darin, mich fortwährend von einem Entschluß in den entgegengesetzten zu werfen!
60[3]
577. Der Widerspruch ist nicht als Katastrophe aufzufassen, sondern als eine Mauer, die uns anzeigt, daß wir hier nicht weiter können.
60[4]
579. Ich möchte nicht so sehr fragen “Was müssen wir tun, um einen Widerspruch zu vermeiden?”, als “Was sollen wir tun, wenn wir zu einem Widerspruch gelangt sind?”
60[5]
580. Warum ist ein Widerspruch mehr zu fürchten, als eine Tautologie?
60[6]
581. Unser Motto könnte sein: “Lassen wir uns nicht behexen!”
60[7]
“Der Kretische Lügner”. Statt zu sagen “ich lüge”, könnte er auch hinschreiben “dieser Satz ist falsch”. Die Antwort darauf wäre: “Wohl, aber welchen Satz meinst Du?” – “Nun, diesen Satz.” – “Ich verstehe, aber von welchem Satz ist in ihm die Rede?” – “Von diesem.” – “Gut, und auf welchen Satz spielt dieser an?” u.s.w.. Er könnte uns so nicht erklären, was er meint, ehe er zu einem kompletten Satz übergeht. – Man kann auch sagen: Der fundamentale Fehler liegt darin, daß man denkt, ein Wort, z.B. “dieser Satz”, könne auf seinen Gegenstand gleichsam anspielen (aus der Entfernung hindeuten), ohne ihn vertreten zu müssen.
60[8]
572. Stellen wir, uns die Frage: Welchem praktischen Zweck kann Russell’s Theorie der Typen dienen? – R. macht uns drauf aufmerksam, daß wir manchmal den Ausdruck der Allgemeinheit einschränken müssen, um zu vermeiden, daß unerwünschte Konsequenzen aus ihm gezogen werden.
60[9] &
61[1]
470. Das Raisonnement, das zu einem endlosen Regreß führt ist nicht darum aufzugeben, ‘weil wir so nie das Ziel erreichen können’, sondern, weil es hier ein Ziel nicht gibt; sodaß er gar keinen Sinn hat, zu sagen “wir können es nicht erreichen”. Wir meinen leicht, wir müßten den Regreß ein paar Stufen weit durchlaufen und ihn dann sozusagen in Verzweiflung aufgeben. Während seine Ziellosigkeit (das Fehlen des Zieles im Kalkül) aus der Anfangsposition zu entnehmen ist.
61[2]
1764. Eine Variante des Cantor’schen Diagonalbeweises: N = F (k,n) sei die Form der Gesetze für die Entwicklung von Dezimalbrüchen. N ist die n-te Dezimalstelle der k-ten Entwicklung. Das Gesetz der Diagonale ist dann: N = F (n,n) ≝ F’(n). Zu beweisen ist, daß F’n nicht eine der Regeln F(k,n) sein kann. Angenommen, es sei die 100ste. Dann lautet die Regel zur Bildung von F’(1) F(1,1) von F’(2) F(2,2) etc.
aber die Regel zur Bildung der 100sten Stelle von F’(n) wird F(100,100); D.h., sie sagt uns nur, daß die 100ste Stelle sich selber gleich sein soll, ist also für n = 100 keine Regel. Die Spielregel lautet “Tu das Gleiche, wie …!” – und im besondern Fall wird sie nun “Tu das Gleiche, wie das, was Du tust!”
61[3]
665. Das Verstehen der mathematischen Frage. Wie wissen wir, ob wir eine mathematische Frage verstehen? Eine Frage – kann man sagen – ist ein Auftrag. Und einen Auftrag verstehen, heißt: wissen, was man zu tun hat. Ein Auftrag kann natürlich ganz vage sein – z.B., wenn ich sage: “Bring ihm etwas, was ihm gut tut!” Aber dies kann heißen: denk an ihn, seinen Zustand, etc. in freundlicher Weise und dann bring ihm etwas, was deiner Gesinnung gegen ihn entspricht.
61[4]
668. Die mathematische Frage ist eine Herausforderung. Und man könnte sagen: sie hat Sinn, wenn sie uns zu einer mathematischen Tätigkeit anspornt.
61[5]
669. Man könnte dann auch sagen, eine Frage in der Mathematik habe Sinn, wenn sie mathematische Phantasie anregt.
62[1]
1446. Übersetzen von einer Sprache in die andere ist eine mathematische Aufgabe und das Übersetzen eines lyrischen Gedichts z.B. in eine fremde Sprache ist ganz analog einem mathematischen Problem. Denn man kann wohl das Problem stellen “Wie ist dieser Witz (z.B.) durch einen Witz in der andern Sprache zu übersetzen, d.h. zu ersetzen”; und das Problem kann auch gelöst sein; aber eine Methode, ein System, zu seiner Lösung gab es nicht.
62[2]
996. Denk dir Menschen, die mit ‘äußerst komplizierten’ Zahlzeichen rechnen. Diese stellen sich aber dar als Figuren, welche entstehen, wenn man unsere Zahlzeichen aufeinander schreibt. Sie schreiben z.B. π bis zur fünften Stelle so:
Wer ihnen zusähe, fände es schwer, zu erraten, was sie tun. Und sie könnten es vielleicht selbst nicht erklären. Es kann ja dieses Zahlzeichen, in etwas anderer Schrift geschrieben, seine Erscheinung (für uns) zur Unkenntlichkeit ändern. Und was die Leute täten, erschiene uns rein intuitiv.
62[3] &
63[1]
1618. Warum zählen wir? Hat es sich als praktisch erwiesen? Haben wir unsere Begriffe, z.B. die psychologischen, weil es vorteilhaft ist? – Und doch haben wir gewisse Begriffe eben deswegen, haben sie deswegen eingeführt. Übrigens tritt der Unterschied zwischen dem, was man Sätze der Mathematik nennt und Erfahrungssätzen zu Tage, wenn man bedenkt, ob es Sinn hat zu sagen: “ich wünschte 2 × 2 wäre 5!” Wenn man bedenkt, daß die Gleichung 2 + 2 = 4 ein Beweis des Satzes ist “es gibt gerade Zahlen”, so sieht man wie lose hier das Wort “Beweis” gebraucht ist. Aus der Gleichung 2 + 2 = 4 soll der Satz “es gibt gerade Zahlen” hervorgehen?! – Und was ist der Beweis der Existenz von Primzahlen? – Die Methode der Zerlegung in Primfaktoren. Aber in dieser Methode wird ja überhaupt nicht geredet, auch nicht von “Primzahlen”. “Die Kinder müßten, um das Rechnen der Volksschule zu verstehen, bedeutende Philosophen sein, in Ermanglung dessen brauchen sie die Übung.” Wenn wir eine Erklärung, etwa des logischen Folgens, lesen, so halten wir uns an das, was Er schreibt. Wir halten uns an die Worte; an die Zeichen
63[2]
140 Russell und Frege fassen den Begriff gleichsam als Eigenschaft eines Dings auf. Aber es ist sehr unnatürlich, die Worte Mensch, Raum, Baum, Abhandlung, Kreis, als Eigenschaften eines Substrats aufzufassen.
63[3]
20 Die Dirichlet’sche Auffassung der Funktion der Funktion ist nur dort möglich, wo sie nicht ein unendliches Gesetz durch eine Liste ausdrücken will, denn eine unendliche Liste gibt es nicht.
63[4]
552 Die Zahlen sind der Mathematik nicht fundamental.
63[5]
1765. Der Begriff des ‘Ordnens’ der Rationalzahlen z.B. und der ‘Unmöglichkeit’, die Irrationalzahlen so zu ordnen. Vergleiche das mit dem, was man ‘Ordnen’ von Ziffern nennt. Gleichermaßen der Unterschied zwischen dem ‘Zuordnen’ einer Ziffer (oder Nuß) zu einer andern und dem ‘Zuordnen’ aller ganzer Zahlen zu den geraden Zahlen; etc. Überall Begriffsverschiebungen.
63[6]
157 Es gibt offenbar eine Methode, ein gerades Lineal anzufertigen. Diese Methode schließt ein Ideal ein, ich meine, ein Näherungsverfahren mit unbegrenzter Möglichkeit, denn eben dieses Verfahren ist das Ideal Oder vielmehr: Nur, wenn es ein Näherungsverfahren mit unbegrenzter Möglichkeit ist, kann (nicht muß) die Geometrie dieses Verfahrens die euklidische sein.
63[7]
103 Die Rechnung als Ornament zu betrachten, daß ist auch Formalismus, aber einer guten Art.
63[8] &
64[1]
102 Man kann die Rechnung als Ornament betrachten. Eine Figur in der Ebene kann an eine andere passen oder nicht, mit anderen in verschiedener Weise zusammengefaßt werden. Wenn die Figur noch gefärbt ist, so gibt es dann noch ein Passen in Bezug auf die Farbe. (Die Farbe ist nur eine weitere Dimension.) Es gibt eine Betrachtungsweise der elektrischen Maschinen und Apparate (Dynamos, Radiostationen, etc. etc.), die sozusagen ohne vorgefaßtes Verständnis diese Gegenstände als eine Verteilung von Kupfer, Eisen, Gummi, etc. im Raum ansieht. Und diese Betrachtungsweise könnte zu manchem interessanten Resultat führen. Sie ist ganz analog der eines mathematischen Satzes als Ornament. – Es ist natürlich eine durchaus strenge und korrekte Auffassung; und das Charakteristische und Schwierige an ihr ist, daß sie den Gegenstand ohne jede vorgefaßte Idee betrachtet (sozusagen von einem Marsstandpunkt), oder vielleicht richtiger: die normale vorgefaßte Idee, Erklärung, zerstört (durchkreuzt).
64[2]
421 (Der Stil meiner Sätze ist außerordentlich stark von Frege beeinflußt. Und wenn ich wollte, so könnte ich wohl diesen Einfluß feststellen, wo ihn auf den ersten Blick Keiner sähe.)
65[1]
1613. “Leg es hier hin” – wobei ich mit dem Finger den Platz bezeichne – – dies ist eine absolute Ortsangabe. Und, wer sagt, der Raum sei absolut, möchte als Argument dafür sagen: “Es gibt doch einen Ort: Hier.”
65[2]
1259. Man könnte sich eine Geisteskrankheit denken, in welcher Einer Namen nur in Anwesenheit ihrer Träger gebrauchen und verstehen kann.
65[3]
1260. Es könnte von Zeichen ein Gebrauch gemacht werden solcher Art, daß die Zeichen nutzlos würden (daß man sie vernichtete), sobald der Träger aufhörte zu existieren. In diesem Sprachspiel hat sozusagen der Name den Gegenstand an einer Schnur; und hört der Gegenstand auf zu existieren, so kann man den Namen, der mit ihm zusammen gearbeitet hat, wegwerfen. (Das Wort “handle” für den Eigennamen.)
65[4]
Wie ist es mit den beiden Sätzen: “dieses Blatt ist rot” und “dieses Blatt hat die Farbe, die auf Deutsch ‘rot’ heißt”? Sagen beide dasselbe? Hängt das nicht davon ab, was das Kriterium dafür ist, daß eine Farbe auf Deutsch ‘rot’ heißt?
IIIr[1]
213. Erinnere mich daran, daß ich das und das für
IIIr[2]
dasselbe Bedürfnis nach Erklärung – wie bei den Worten?
IIIr[3]
568. “Gott kannst du nicht mit einem Anderen reden hören, sondern nur, wenn du der Angeredete bist.“ Das ist eine grammatische Bemerkung.
IIIr[4]
darauf an: Wie ist es zu diesen Worten gekommen?
IIIv[1]
1603. Ein Sprachspiel analog einem Fragment eines andern. Ein Raum in begrenzte Stücke eines Raums projiziert. Ein ‘löchriger’ Raum.
IIIv[2]
505 Wie hängt das Sehen eines Aspekts zusammen mit der Fähigkeit zu operieren (z.B. in der Mathematik)? Denk an das räumliche Sehen in der darstellenden Geometrie und an das Operieren in der
IIIv[3]
recht schön, aber es gibt doch Stilleben, Porträts, Landschaftsbilder, Diagramme etc. etc..
IIIv[4]
296 Der Verstand, sage ich, ergreift den eine Gegenstand; und dann reden wir von ihm, und seinen Eigenschaften, seiner Natur, gemäß. [Das “und” hieße: “und zwar.“]